Philosophische Schriften. Band 2 - Aristoteles - E-Book

Philosophische Schriften. Band 2 E-Book

Aristoteles

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Beschreibung

Der zweite Band der Philosophischen Schriften enthält mit der Topik und den Sophistischen Widerlegungen zwei Texte, die dem sogenannten Organon, also den logischen und methodischen Schriften des Aristoteles, zugerechnet werden. Die Sophistischen Widerlegungen (De sophisticis elenchis) werden meist als neuntes Buch der Topik bezeichnet und sind dieser als Anhang beigegeben. In der Topik begründet Aristoteles einen Argumentationsschlüssel, in dem er Grundlagen und Regeln einer folgerichtigen Argumentation aufstellt. In den Sophistischen Widerlegungen geht es der äußeren Form nach um die Kritik an der Sophistik; die eigentliche Bedeutung der Abhandlung liegt aber in der Beibringung von Kriterien für die genaue Bestimmung und begründete Aussonderung logischer Fehler.

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ARISTOTELES

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

INHALTSÜBERSICHT

1EINFÜHRUNG IN DIE KATEGORIEN(PORPHYRIOS)KATEGORIENHERMENEUTIKERSTE ANALYTIKZWEITE ANALYTIK

2TOPIKSOPHISTISCHE WIDERLEGUNGEN

3NIKOMACHISCHE ETHIK

4POLITIK

5METAPHYSIK

6PHYSIKÜBER DIE SEELE

FELIX MEINER VERLAG

ARISTOTELES

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

in sechs Bänden

Band 2

FELIX MEINER VERLAGHAMBURG

ARISTOTELES

Topik

Topik, neuntes Buch

oder

Über die sophistischenWiderlegungsschlüsse

Übersetzt vonHANSGÜNTERZEKL

FELIX MEINER VERLAGHAMBURG

PHILOSOPHISCHE BIBLIOTHEK BAND722

Bibliographische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet abrufbar über http://portal.dnb.de.

ISBN gesamt print: 978-3-7873-3550-3

ISBN einzeln print: 978-3-7873-3597-8

ISBN gesamt ePub: 978-3-7873-3595-4

ISBN einzeln ePub: 978-3-7873-3609-8

Die Bekkerzählung der Druckausgabe wird hier in eckigen Klammern im fortlaufenden Text wiedergegeben.

www.meiner.de

© Felix Meiner Verlag GmbH, Hamburg 2019. Alle Rechte vorbehalten. Dies gilt auch für Vervielfältigungen, Übertragungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, soweit es nicht §§ 53 und 54 UrhG ausdrücklich gestatten. Konvertierung: tool-e-byte GmbH, Griesheim.

INHALT

Topik

1. Buch

2. Buch

3. Buch

4. Buch

5. Buch

6. Buch

7. Buch

8. Buch

9. Buch

Zu diesem Band

ARISTOTELES

Topik

ERSTES BUCH

Kapitel 1. Vorhaben der Untersuchung (ist): Ein Verfahren [100a] finden, von dem aus wir werden Schlüsse ziehen können über jede aufgegebene Streitfrage aus einleuchtenden (Annahmen) und selbst, wenn wir Rede stehen müssen, nichts Widersprüchliches zu sagen. – Erstens ist nun also zu sagen, was ist ein Schluß und welches sind die Unterschiede darin, damit der Schluß im Untersuchungsgespräch ergriffen wird; den suchen wir nämlich im Sinne der vorgenommenen Untersuchung.

Es ist denn also Schluß: Eine Herleitung, in der, bestimmte (Aussagen) gesetzt, etwas von dem Angesetzten Verschiedenes aus Notwendigkeit aufgrund des Angesetzten eintritt. Ein (wissenschaftlicher) Beweis ist es dann, wenn aus wahren und unmittelbaren (Annahmen) der Schluß erfolgt, oder aus solchen, die von bestimmten wahren Erstannahmen aus den Ausgangspunkt der Erkenntnis darüber genommen haben. Der Schluß im Untersuchungsgespräch dagegen ist der, welcher aus einleuchtenden (Annahmen) zum Schlußergebnis kommt. Es sind aber wahre und unmittelbare (Annahmen) solche, die nicht über andere vermittelt, sondern durch sich selbst die Gewähr [100b] besitzen, – man darf nämlich bei den wissenschaftlichen Anfangsgründen nicht nach dem »aufgrund wovon?« suchen, sondern (muß annehmen), daß jede der Anfangsannahmen selbst für sich selbst beglaubigt ist –; einleuchtend dagegen (sind Annahmen), die allen oder den meisten oder den Klugen so erscheinen, und bei diesen (letzteren) wieder entweder allen oder den meisten oder den angesehensten und namhaftesten. Spitzfindig dagegen ist der Schluß, der aus anscheinend Einleuchtendem, das es in Wirklichkeit aber nicht ist, (erfolgt), und der, welcher aus Einleuchtendem oder anscheinend Einleuchtendem nur scheinbar zusammenkommt; – denn nicht alles, was einleuchtend erscheint, ist auch einleuchtend. Keine der sogenannten einleuchtenden Annahmen nämlich trägt ihr Erscheinungsbild völlig auf der Oberfläche, wie das bei den Anfangsannahmen der spitzfindigen Streitreden sich so ergibt: Bei denen nämlich ist sogleich und allermeist sogar Leuten, die nur ein weniges zusammensehen können, die Wurzel der Falschheit klar. Der erste der genannten Schlüsse [101a] der Streitrede soll nun also auch »Schluß« genannt werden, der andere ist wohl ein spitzfindiges Schließen, aber kein wirklicher Schluß, da er doch zu schließen nur scheint, es in Wirklichkeit aber nicht tut.

Weiter aber (gibt es noch) neben all den genannten Schlüssen die aus den Eigenheiten bei bestimmten Wissensgebieten erfolgenden Trugschlüsse, wie es denn bei der Vermessungslehre und den ihr verwandten (Wissensgebieten) eintritt, daß es sich so verhält. Denn diese Weise scheint sich von den genannten Schlüssen zu unterscheiden: Weder aus wahren und unmittelbaren (Annahmen) zieht der Zeichner falscher Figuren seine Schlüsse noch aus einleuchtenden. Denn (was er macht) fällt nicht unter die (oben genannte) Begriffsbestimmung: Weder nimmt er (etwas), das allen einleuchtet, noch was den meisten, noch was den Fachleuten, und auch bei diesen weder, was allen noch den meisten noch den namhaftesten (einleuchtet), sondern aus Annahmen, die dem Wissensgebiet zwar eigentümlich sind, aber nicht wahr, macht er seinen Schluß. Nämlich entweder indem er die Halbkreise nicht so umschreibt, wie das sein muß, oder indem er bestimmte Geraden nicht so legt, wie sie wohl gezogen werden sollten, macht er den Trugschluß.

Formen der Schlüsse nun also, um es im Umriß zu erfassen, sollen die genannten sein. Allgemein zu sprechen über alle die genannten, und die danach noch vorzutragen sein werden, (dazu) soll insoweit von uns Bestimmung getroffen sein, weil wir nämlich über keinen davon den genauen Vortrag zu geben die Absicht haben, sondern sie (nur), wie weit (es) im Umriß (geht), durchgehen wollen, indem wir es für völlig hinreichend halten, gemäß dem vorliegenden Verfahren das Einzelne davon irgendwie zur Erkenntnis bringen zu können.

Kapitel 2. Anschließend an das Gesagte wäre zu reden darüber, zu wievielen (Anwendungen) und zu welchen diese Anstrengung nützlich ist. Sie ist es also zu dreierlei: Zur Übung, zu den Unterredungen und zu den Wissensgebieten im Bereich der Philosophie. Daß sie nun also zur Übung nützlich ist, ist aus der Sache selbst klar: Im Besitze eines wegbereitenden Verfahrens werden wir leichter die Untersuchung über die gestellte Aufgabe anpacken können. Zu den Unterredungen (ist sie nützlich), weil wir, nachdem wir die Meinungen der vielen (Leute) aufgezählt haben, nicht von fremden, sondern von uns eigenen Ansichten aus mit denen umgehen werden, wobei wir alles, was sie unserem Eindruck nach nicht gut sagen, in eine andere Richtung bringen. In den Wissensgebieten im Bereich der Philosophie (ist sie nützlich), weil wir mit der Fähigkeit, nach beiden Seiten hin Zweifel zu erheben, in jedem Einzelfalle leichter durchschauen werden, (was) wahr (ist) und (was) falsch. Darüber hinaus (ist sie) aber (auch nützlich) für die Erstannahmen bezüglich der Gegenstände jedes Wissensgebiets; denn aus den der je vorgenommenen Wissenschaft eigentümlichen Anfangssätzen ist es unmöglich, etwas über sie selbst zu sagen, da eben doch die Anfangsannahmen die ersten von [101b] allem sind, stattdessen ist es notwendig, mittels der über ein jedes einleuchtenden Annahmen darüber die Untersuchung durchzuführen. Das ist aber Eigentümlichkeit – oder doch besonders verwandt – der Unterredungskunst: Indem sie nämlich herausfragend ist, hat sie einen Zugang zu den Anfängen aller Wissensgebiete.

Kapitel 3. Wir werden über das wegbereitende Verfahren vollkommen verfügen, wenn wir es ähnlich handhaben können, wie (es) bei der Rede- und der Heilkunst und den derartigen Anwendungswissenschaften (ist); das ist, aus den (gegebenen) Möglichkeiten zu machen, was wir uns vorgenommen haben. Denn weder kann ja zwar der Redner auf jeden Fall überzeugen noch der Arzt heilen, aber wenn er von seinen Möglichkeiten nichts ausläßt, so werden wir doch sagen, daß er sein Fach hinreichend beherrscht.

Kapitel 4. Als erstes ist nun zu betrachten, woraus dies Verfahren hervorgeht. Wenn wir erfassen könnten, auf wieviele (Gesichtspunkte) und was für welche die Erklärungsreden (gehen) und woher (sie kommen) und wie wir darüber sichere Verfügung gewinnen können, dann hätten wir das Vorhaben wohl hinreichend geleistet. Es ist aber das, wovon die Reden (je ausgehen) und worüber die Schlüsse (gemacht werden), der Zahl nach das gleiche und (der Sache nach) dasselbe: Die Reden gehen aus von vorgelegten Fragen; worauf die Schlüsse gehen, das sind die gestellten Aufgaben.

Jede Frage und jede Aufgabe bezeichnet entweder eine Eigentümlichkeit oder eine Gattung oder ein (nur) nebenbei Zutreffendes; nämlich den Unterschied muß man, als gattungsbildend, zusammen mit der Gattung anordnen. Da aber nun vom Eigentümlichen ein Teil das »was-es-sein-sollte« bezeichnet, der andere dies aber nicht bezeichnet, so sei das Eigentümliche in die beiden gerade genannten Teile auseinandergenommen, und es sei das das »was-es-sein-sollte« Bezeichnende einerseits Begriffsbestimmung genannt, das restliche sei, entsprechend der allgemein dazu gegebenen Benennung, als Eigentümlichkeit angesprochen.

Klar ist nun aus dem Gesagten: Gemäß der jetzt vorgenommenen Einteilung ergibt sich, daß es insgesamt vier sind, entweder Begriffsbestimmung oder eigentümlich oder Gattung oder nebenbei zutreffend. Niemand aber soll uns so verstehen, als wollten wir sagen, daß ein jedes davon, für sich ausgesagt, schon eine vorgelegte Frage oder gestellte Aufgabe sei, sondern (es ist so gemeint): Davon kommen die Aufgaben und Fragen her. Es unterscheiden sich gestellte Aufgabe und vorgelegte Frage durch die Vorgehensweise; wenn nämlich so gesprochen ist: Nicht wahr, »Lebewesen, zu Lande lebend, zweifüßig«, das ist die Begriffsbestimmung von »Mensch«? Und: Nicht wahr, »Lebewesen« ist die Gattung von »Mensch«? – dann ist das eine vorgelegte Frage. Wenn dagegen (so vorgegangen wird): Ist »Lebewesen, zu Lande lebend, zweifüßig« die Begriffsbestimmung von »Mensch« oder nicht? [und: Ist »Lebwesen« die Gattung von »Mensch« oder nicht?] – dann ist es eine gestellte Aufgabe. Entsprechend auch bei allem anderen. Daher denn also einsehbarer Weise die Aufgaben gleich an Zahl sind wie die Fragen: Von jeder Frage aus wird man doch eine Aufgabe herstellen können, indem man in der Vorgehensweise umstellt.

Kapitel 5. Zu sagen ist nun: Was ist Begriffsbestimmung, was eigentümlich, was Gattung, was nebenbei zutreffend. Es ist also Begriffsbestimmung eine Rede, die das »was-es-sein-sollte« bezeichnet; dabei wird entweder eine Rede für ein [102a] Wort abgegeben oder eine Rede für eine Rede; es geht nämlich auch, Dinge dem Begriffe nach zu bestimmen, die mittels einer Rede bezeichnet werden. Wer da auch immer wie auch immer mit einem (bloßen) Wort die Wiedergabe macht – klar, daß die nicht die Begriffsbestimmung der Sache geben, da denn doch jede Begriffsbestimmung eine Rede ist. Als auf die Bestimmung hinführend muß man allerdings auch solches setzen, z. B.: »Das Schöne ist das Anständige«. Entsprechend auch (bei der Frage): »Sind Wahrnehmung und Wissen das gleiche oder etwas verschiedenes?« Denn auch bei den Begriffsbestimmungen geht ja der meiste Aufwand darum, ob (das je) das gleiche ist oder verschieden. Im einfachen Sinne zur Bestimmung führend sei denn also alles genannt, was unter das gleiche Verfahren fällt wie die Begriffsbestimmungen. Daß alles jetzt Angeführte derart ist, ist aus der Sache klar; sind wir nämlich in der Lage, darüber das Gespräch zu führen, daß (etwas) das gleiche (ist wie etwas anderes) oder daß (es) verschieden (davon ist), so werden wir mit dem gleichen Verfahren auch auf gutem Wege sein, die Begriffsbestimmungen anzupacken; indem wir nämlich zeigen können, daß (es im Einzelfall) nicht das gleiche ist, werden wir die Begriffsbestimmung aufgehoben haben. Allerdings hat das jetzt Gesagte keine Umkehrentsprechung: es reicht zum Aufstellen einer Begriffserklärung nämlich nicht aus zu zeigen, daß (es je) das gleiche ist; dagegen zum Niederreißen (einer uns vorgelegten Begriffsbestimmung) ist der Nachweis stark genug, daß dies nicht das gleiche ist.

Eigentümlich ist, was zwar nicht das »was-es-sein-sollte« bezeichnet, doch dem (in Frage stehenden) Gegenstand allein zukommt und es wechselweise voneinander ausgesagt wird. Z. B. ist es Eigentümlichkeit des Menschen, der Schriftkunst fähig zu sein: Wenn er denn Mensch ist, so ist er der Schriftkunstfähig, und wenn er der Schriftkunst fähig ist, so ist er ein Mensch. Niemand nennt ja etwas »eigentümlich«, was auch einem anderen zutreffen mag, z. B. das Schlafen (als) dem Menschen (eigentümlich), auch dann nicht, wenn es zu einem bestimmten Zeitpunkt nur diesem allein zukommen sollte. Wenn denn also auch etwas derartiges »eigentümlich« genannt werden sollte, so wird es nicht schlechterdings so, sondern nur zu einer bestimmten Zeit und in Beziehung auf etwas »eigentümlich« genannt werden: »Zur Rechten sein« – das ist zu bestimmter Zeit zwar eigentümlich, und »zweifüßig« mag in Beziehung auf etwas »eigentümlich« genannt werden, z. B. dem Menschen im Verhältnis zu Pferd und Hund; daß dagegen von dem, was auch einem anderen zukommen kann, nichts in Umkehrung ausgesagt werden kann, ist klar; es ist nämlich nicht notwendig, wenn etwas schläft, daß das ein Mensch sei.

Gattung ist das, was über mehrere (Gegenstände), die der Art nach verschieden sind, in dem Bereich »was ist es?« ausgesagt wird. Mit »in dem Was-ist-es-Bezug ausgesagt werden« soll solches gemeint sein, was dann passend vorzubringen ist, wenn man gefragt wurde: »Was ist das Vorliegende?« Wie es denn bei »Mensch« passend ist, wenn man gefragt wird: »Was ist es?«, dann zu sagen: »Ein Lebewesen«. Gattungsbezogen (sind) auch (Aufgaben wie:) »Ist dies eine in der gleichen Gattung wie dies andere oder in einer davon verschiedenen?« Denn auch derartiges (Fragen) fällt unter das gleiche Verfahren wie das Angeben von Gattung. Wenn wir nämlich im Untersuchungsgespräch festgestellt haben, »Lebewesen« ist Gattung von [102b] »Mensch«, entsprechend auch von »Rind«, so werden wir im Gespräch gezeigt haben, daß die unter der gleichen Gattung stehen; wenn wir dagegen zeigen können, daß (dies) Gattung des einen zwar ist, des anderen aber nicht ist, dann werden wir im Gespräch gezeigt haben, daß diese nicht in der gleichen Gattung sind.

Nebenbei zutreffend ist, was nichts davon ist, weder Begriffsbestimmung noch eigentümlich noch Gattung, aber doch dem Gegenstande zutrifft, und was jedem beliebigen Einen-und-demselben zukommen und nicht zukommen kann; z. B. »sitzen« – das mag auf irgendein mit sich Selbiges zutreffen, es kann aber auch nicht zutreffen; ähnlich auch mit »weiß«: Es hindert nichts, daß derselbe Gegenstand zu einer Zeit einmal weiß ist, ein andermal nicht weiß. – Es ist von den Begriffsbestimmungen von »nebenbei zutreffend« die zweite die bessere. Hat man nämlich die erste angegeben, so ist es notwendig, wenn einer das verstehen können soll, vorher schon zu wissen: Was ist Begriffsbestimmung, eigentümlich und Gattung? Die zweite dagegen ist für sich ausreichend, um zur Kenntnis zu bringen, was das Gemeinte an sich selbst ist. – Es sollen zum nebenbei Zutreffenden auch die Vergleiche untereinander gesetzt sein, die irgendwie vom nebenbei Zutreffenden aus erfolgen, z. B.: »Ist das sittlich Gute vorzuziehen oder das Nutzbringende?« Und: »Ist die Lebensführung gemäß der sittlichen Leistung angenehmer oder die nach dem Genuß?« – und wenn anderes in ähnlicher Weise wie dies behandelt werden sollte. Bei allem derartigen geht die Untersuchung doch darum, welchem von beiden das Ausgesagte in höherem Maße zutrifft. – Klar ist aus der Sache, daß nichts das nebenbei Zutreffende daran hindert, gelegentlich auch in irgendeiner Beziehung eigentümlich zu werden; z. B. »sitzen«, das doch nebenbei zutreffend ist: Wenn es einer allein ist, der da sitzt, dann ist es ihm eigentümlich; ist es aber nicht einer allein, der da sitzt, dann ist es (den Sitzenden) eigentümlich gegenüber den Nicht-Sitzenden. Daher denn nichts hindert, daß in bestimmter Beziehung und zu bestimmter Zeit das nebenbei Zutreffende auch eigentümlich werden kann. Schlechthin eigentümlich wird es dagegen nicht sein.

Kapitel 6. Wir dürfen aber nicht übersehen, daß die Feststellungen zu eigentümlich, Gattung und nebenbei zutreffend alle auch für die Begriffsbestimmungen passend ausgesagt werden. Wenn wir nämlich gezeigt haben, daß (dies und das) dem unter die Begriffsbestimmung gestellten Gegenstand nicht zukommt, sowie auch bei eigentümlich, oder daß das in der Begriffsbestimmung Angegebene tatsächlich nicht die Gattung ist, oder daß etwas von dem in der erklärenden Rede Vorgebrachten (dem Gegenstand) nicht zukommt, was denn auch über das nebenbei Zutreffende gesagt werden könnte, so werden wir die Begriffsbestimmung aufgehoben haben; sodaß denn gemäß der weiter vorn abgegebenen Erklärung alles Aufgezählte in gewisser Weise zur Begriffsbestimmung beitragend ist. Jedoch darf man deswegen nicht nach einem gemeinsamen Verfahren für sie alle suchen. Denn das ist weder leicht zu finden, und wenn es denn gefunden werden könnte, dann wäre es im Hinblick auf die vorliegende Anstrengung durchaus undurchsichtig und schwer anwendbar. Wenn dagegen für jede der abgegrenzten Gattungen für sich ein Verfahren aufgezeigt ist, so läßt sich wohl leichter aus den für ein [103a] jedes eigentümlichen (Gesichtspunkten) der Durchgang des Vorgenommenen machen. Daher denn also nur im Umriß, wie früher gesagt ist, die Einteilung vorzunehmen ist, von dem übrigen ist das einem jeden am meisten Eigentümliche anzufügen, indem man es als »zur Bestimmung beitragend« oder »gattungsbezogen« anspricht. Es ist ja das Vorgetragene schon in etwa an ein jedes so angefügt.

Kapitel 7. Zuerst von allem muß über »dasselbe« die Begriffsbestimmung getroffen werden: In wievielen Bedeutungen wird es ausgesagt? Es scheint wohl richtig, (die Bestimmung) »dasselbe«, im Umriß genommen, dreifach einzuteilen: Entweder der Zahl nach oder der Art oder der Gattung nach pflegen wir (etwas als) dasselbe anzusprechen. Der Zahl nach: Wovon es mehrere Bezeichnungen gibt, der Gegenstand aber immer einer ist, z. B. »Kleidung« und »Gewand«; der Art nach: Was, als eine Mehrzahl, der Erscheinungsform nach ununterscheidbar ist, wie Mensch mit Mensch und Pferd mit Pferd; von dergleichen sagt man ja, daß es der Art nach dasselbe ist – alles, was unter der gleichen Art steht. Entsprechend auch der Gattung nach dasselbe: Alles, was unter die gleiche Gattung fällt, z. B. Pferd mit Mensch. – Nun scheint dagegen wohl aus dem gleichen Brunnen entnommenes Wasser, das man »das gleiche« nennt, irgendeinen Unterschied über die genannten Weisen hinaus zu enthalten; indessen aber auch so etwas soll an gleicher Stelle eingeordnet sein wie die Dinge, die man irgendwie gemäß einer einzigen Art aussagt; alles derartige ist nämlich offenbar verwandt und ähnlich untereinander. Alles Wasser wird ja mit allem der Art nach gleich genannt, weil es eine bestimmte Gleichartigkeit hat; das Wasser aus dem gleichen Brunnen unterscheidet sich in nichts anderem davon, als daß hier nur die Gleichartigkeit stärker ausgeprägt ist; daher trennen wir es nicht von dem, was irgendwie gemäß einer einzigen Art ausgesagt wird. – In größter Übereinstimmung unter allen scheint das der Zahl nach eine als dasselbe ausgesagt zu werden. Doch auch das wird gewöhnlich in mehrfacher Bedeutung vorgebracht; im eigentlichsten und unmittelbaren Sinne: Wenn der Bezeichnung oder Begriffsbestimmung das »dasselbe« beigelegt wird, wie etwa »Kleid« dem Gewand und »Lebewesen, zu Lande, zweifüßig« dem Menschen. Zweitens, wenn (»dasselbe«) der Eigentümlichkeit (beigelegt wird), wie etwa »des Wissens fähig« dem Menschen und »von Natur aus nach oben getragen« dem Feuer. Drittens, wenn (das) vom nebenbei Zutreffenden (ausgeht), z. B. »sitzend« oder »gebildet« dem Sokrates. All das will ein der Zahl nach eines bezeichnen. – Daß das soeben Gesagte stimmt, mag man am besten begreifen aus (dem Vorgehen) derer, die Anreden vertauschen; denn oft, wenn wir Anweisung geben, einen der da Sitzenden mit Namen zu rufen, und wenn der, dem gegenüber wir die Anweisung machen, uns einmal nicht versteht, dann ändern wir nun, in der Annahme, daß er es von einem nebenbei Zutreffenden aus besser versteht, und wir fordern ihn auf, den da Sitzenden oder sich Unterhaltenden zu uns zu rufen; klar doch, daß wir meinen, mittels des Namens und auch über das nebenbei Zutreffende den gleichen zu bezeichnen.

Kapitel 8. Also sei »dasselbe«, wie gesagt, dreifach eingeteilt. [103b] Dafür, daß die Reden aus dem früher Aufgezählten (hervorgehen) und durch es und auf es hin (sich entwickeln), ist ein Beleg der mittels der Heranführung: Wenn nämlich einer eine jede der gestellten Fragen oder vorgelegten Aufgaben durchmustern wollte, so stellte sich ihm heraus, daß sie sich entweder von der Begriffsbestimmung aus oder vom Eigentümlichen aus oder von der Gattung oder vom nebenbei Zutreffenden aus ergeben haben. Ein anderer Beleg ist der durch Schluß: Alles, was über etwas ausgesagt wird, muß entweder mit dem Gegenstand in der Aussage vertauscht werden können, oder (das geht) nicht. Und wenn es wechselweise ausgesagt wird, so ist es wohl Begriffsbestimmung oder Eigentümlichkeit – wenn es nämlich das »was-es-sein-sollte« bezeichnet, dann Begriffsbestimmung, wenn es das nicht bezeichnet, dann eigentümlich, – das war doch eigentümlich: Was zwar in der Aussage vertauscht werden kann, doch nicht das »was-es-sein-sollte« bezeichnet – wenn es dagegen nicht wechselweise mit dem Gegenstand ausgesagt wird, dann gehört es entweder zu in der Begriffsbestimmung ausgesagten (Bestimmungen) oder nicht; und wenn es zu den in der Begriffsbestimmung ausgesagten (Bestimmungen) gehört, dann ist es ja wohl Gattung oder Unterschied, wenn doch Begriffsbestimmung erfolgt aus Gattung und Unterschieden. Gehört es dagegen nicht zu den in der Begriffsbestimmung ausgesagten (Bestimmungen), so ist klar: Es ist wohl nur nebenbei zutreffend – nebenbei zutreffend war doch so bestimmt: Was weder Begriffsbestimmung noch eigentümlich noch Gattung ist, aber dem Gegenstand doch zukommt.

Kapitel 9. Danach nun also müssen bestimmt werden die Gattungen der Aussageformen, in denen die genannten vier vorkommen. Es sind dies der Zahl nach zehn: Was-es-ist, So-und-so-viel, So-und-so-beschaffen, Im-Verhältnis-zu ..., An-irgendeiner-Stelle, Zu-der-und-der-Zeit, Lage, Haben, Tun, Erleiden. Stets wird ein nebenbei Zutreffendes, eine Gattung, eine Eigentümlichkeit und die Begriffsbestimmung in einer dieser Aussageformen sich vorfinden; denn alle dadurch gestellten Fragen bezeichnen entweder ein Was-ist-es oder ein Irgendwieviel oder Irgendwiebeschaffen oder irgendeine der anderen Grundformen von Aussage. Klar ist aus dem: Wer das »was-es-ist« angibt, bezeichnet einmal ein seiendes Wesen, ein andermal ein So-und-so-viel, ein andermal ein So-und-so-beschaffen, ein andermal eine der übrigen Aussageformen. Wenn denn also ein Mensch vor Augen steht und er sagt, das vor Augen Stehende sei »Mensch« oder »Lebewesen«, spricht er aus, was es ist, und weist hin auf »seiendes Wesen«; wenn dagegen weiße Farbe vor Augen steht und er sagt, das vor Augen Stehende sei »weiß« oder »Farbe«, spricht er aus, was es ist und weist hin auf ein So-und-so-beschaffen; entsprechend auch, wenn eine Größe von einer Elle vor Augen steht und er sagt, das vor Augen Stehende sei »einellig« [oder] »Größe«, spricht er aus, was es ist, und weist hin auf ein So-und-so-viel. Entsprechend auch bei den übrigen (Fällen): Ein jedes derartige, mag es selbst von sich selbst ausgesagt werden oder die (entsprechende) Gattung von ihm, weist hin auf das, was es ist; wenn (es) dagegen über ein anderes (ausgesagt wird), dann deutet es nicht hin auf das, was es ist, sondern auf So-und-so-viel oder So-und-so-beschaffen oder auf eine der übrigen Grundaussagen.

Also: Worüber die Reden (gehen) und woraus (sie herkommen), das ist dies [104a] und so viel. Wie wir sie aber erhalten und wodurch wir guten Weg finden, ist danach vorzutragen.

Kapitel 10. Erstens sei nun also bestimmt: Was ist eine Unterredungsfrage, was eine im Untersuchungsgespräch gestellte Aufgabe? Man soll ja nicht jede vorgelegte Frage und jede gestellte Aufgabe für gesprächsgeeignet setzen, niemand dürfte ja wohl, der wenigstens Verstand hat, etwas als Frage vorlegen, was keinem so erscheint, und auch nicht etwas zur Aufgabe machen, was allen klar ist oder (doch) den meisten; letzteres bedeutet nämlich keine Zweifelsentscheidung, ersteres würde wohl niemand setzen.

Es ist denn also eine Untersuchungsfrage: Das Fragen (nach etwas, das) einleuchtend (ist), entweder allen oder den meisten oder den Klugen, und bei diesen wieder entweder allen oder den meisten oder den namhaftesten, (also) nicht widersinnig. Man wird ja doch wohl das setzen, was den Klugen so erscheint, wenn es den Meinungen der großen Masse nicht entgegensteht. Fragen des Untersuchungsgesprächs sind auch (Gegenstände), die dem Einleuchtenden ähnlich sind, und Dinge, die dem einleuchtend Erscheinenden entgegengesetzt sind – die werden dann über einen Einspruch zur Frage gemacht –, und alles, was es an Meinungen im Bereich der Vorgefundenen Künste und Wissenschaften so gibt. (Beispiel:) Wenn denn einleuchtend ist, daß ein und dasselbe Wissen auf Gegensätzliches sich bezieht, so erscheint ja wohl auch einleuchtend, daß das gleiche Wahrnehmungsvermögen auf Gegensätzliches geht; und (wenn es einleuchtend ist), daß es nur eine einzige Schriftkunde gibt, so auch eine einzige Flötenkunst; wenn (es) dagegen (einleuchtend erscheint), daß es eine Mehrzahl von Schriftkunden gäbe, so auch mehrere Flötenkünste; alles das scheint ja ähnlich und verwandt miteinander zu sein. Entsprechend auch erscheinen die dem Einleuchtenden entgegengesetzten (Annahmen), die man über einen Einspruch zur Frage macht, einleuchtend: Ist es nämlich einleuchtend, daß man den Freunden Gutes tun soll, so ist es auch einleuchtend, daß man ihnen nichts Böses tun soll. Der Gegensatz dazu ist: Man soll den Freunden Böses tun, über Verneinung dann aber: Man soll ihnen nicht Böses tun. Entsprechend auch, wenn man den Freunden Gutes tun soll, so ist dies bei Feinden nicht verlangt; auch das läuft über die Verneinung des Gegenteils; das Gegenteil (dazu) ist doch: Man soll seinen Feinden Gutes tun. Ebenso auch mit allem übrigen. Einleuchtend wird auch bei der Nebeneinanderstellung erscheinen: Das Gegenteil, vom Gegenteil (ausgesagt), z. B.: Soll man den Freunden Gutes tun, so soll man auch den Feinden Böses (tun). Es möchte wohl gegenteilig erscheinen das »den Freunden Gutes tun« dem »den Feinden Böses«; ob sich das aber in Wahrheit so verhält oder nicht, wird in den Ausführungen über Gegensätze vorgetragen werden. – Klar ist auch: Alles, was es an Meinungen im Bereich von Künsten und Wissenschaften gibt, taugt zur Frage im Untersuchungsgespräch; man wird ja wohl das ansetzen, was Leuten, die darin ausgewiesen sind, so erscheint, z. B. worum es in der Heilkunde geht, wie der Arzt (es beurteilt), worum es in der Vermessungslehre geht, wie der landvermessende Fachmann (es ansieht). Entsprechend auch bei allem übrigen.

Kapitel 11. Aufgabe in einem Untersuchungsgespräch ist ein [104b] Untersuchungsgegenstand, der abzielt auf Wahl oder Vermeidung oder auf Wahrheit und Erkenntnis, entweder selbst (als Gegenstand) oder als mithelfend zu einem anderen derartigen, worüber bei den Klugen entweder gar keine Meinungsbildung da ist oder sie gegenteiliger Auffassung sind im Verhältnis zur großen Menge oder beide Seiten je untereinander uneins sind. Einige von den Untersuchungsaufgaben auf Wissen hin zu lösen ist nützlich fürs Wählen oder Vermeiden, z. B.: Ist Lust anstrebenswert oder nicht? Einige dagegen (nützlich) nur zu wissen allein, z. B.: Ist das Weltall ewigwährend oder nicht? Wieder andere (sind), für sich genommen, (nützlich) für keines der beiden, sie sind aber mithelfend für einige derartige (Aufgaben); vieles wollen wir ja als dieses selbst für sich selbst nicht erkennen, wohl aber um anderer (Dinge) willen, um durch diese ein anderes zur Erkenntnis zu bringen. – Es gibt auch Aufgaben, bei denen es zu gegenteiligen Schlüssen kommt – die haben dann den Zweifel an sich, ob es sich so verhält oder nicht so, weil eben die Reden über beide (Möglichkeiten) überzeugend sind –, und solche über Gegenstände, zu denen wir nicht Rede stehen können, wo sie doch schwerwiegend sind, indem wir meinen, es sei schwierig, das »weshalb« anzugeben, z. B.: Ist das Weltall ewigwährend oder nicht? Denn derlei Dinge mag man ja wohl untersuchen.

Aufgaben und Fragen seien also, wie es vorgetragen ist, bestimmt. Behauptung ist dagegen eine widersinnige Annahme eines der namhaften Männer im Bereiche der Philosophie, z. B.: »Es geht nicht zu widersprechen«, wie Antisthenes behauptete oder: »Alles ist in Bewegung«, nach Heraklit, oder: »Eines das Seiende«, wie Melissos sagt; – denn den ersten besten, der da Gegenteiliges zur geläufigen Meinung darlegt, ernstzunehmen, wäre ja einfältig. Oder (Behauptung ist auch zu Gegenständen), über die wir erklärende Rede haben, die geläufiger Meinung entgegengesetzt ist, z. B.: »Nicht alles Seiende ist entweder entstanden oder immerwährend«, wie die Sophisten sagen; (Begründung:) Ein Gebildeter »sei« (auch) schriftkundig, weder als einer, der das geworden ist, noch als einer, der (es) auf immer ist. Wenn das auch jemandem nicht einleuchtet, so könnte es das doch wohl, weil es eine Begründung hat. – Es ist nun auch die Behauptung eine vorgelegte Aufgabe, aber nicht (umgekehrt) jede Aufgabe eine Behauptung, da denn einige der Aufgaben derart sind, (daß sie Gegenstände betreffen,) über die wir weder die noch die andere Meinung haben. Daß auch die Behauptung eine Aufgabe ist, ist klar; notwendig gilt doch nach dem Gesagten: Entweder ist die große Masse mit den Klugen über die Behauptung uneins, oder es sind beide Seiten je unter sich (uneins), da doch die Behauptung eine widersinnige Annahme ist. Gegenwärtig werden aber so ziemlich alle Aufgaben im Untersuchungsgespräch »Behauptungen« genannt. Es soll jedoch keinen Unterschied machen, wie immer man das nennt; wir wollten ja keine neuen Worte bilden, als wir das so auseinandergenommen haben, sondern (taten das nur), damit uns nicht verborgen bleibt, [105a] welches die Unterschiede dabei eben sind.

Man darf aber nicht jede Aufgabe und jede Behauptung zur Prüfung zulassen, sondern nur solche, wo die Zweifelsfrage auf etwas zielt, das der Erklärung bedarf, und nicht wo Zurechtweisung ausreicht oder bloßes Hinsehen. Leute, die da zweifelnd in Frage stellen: »Soll man die Götter ehren und die Eltern lieben oder nicht?«, verdienen Zurechtweisung, und- solche, die da fragen: »Ist Schnee weiß oder nicht?«, sollten einfach hinschauen. Also (soll man) auch nicht (Aufgaben zulassen), bei denen der Nachweis auf der Hand liegt, auch nicht (solche), wo er zu fern liegt; das erste bietet keine Schwierigkeit, das zweite mehr Schwierigkeit, als zu Übungszwecken gut ist.

Kapitel 12. Nachdem das bestimmt ist, muß eingeteilt werden, wieviele Formen von Rede im Untersuchungsgespräch es gibt. Es ist eine die Heranführung, die andere der Schluß. Schluß – was das ist, ist früher gesagt. Heranführung ist der Aufstieg vom Einzelnen zum Allgemeinen, z. B.: Wenn wirkungsvollster Steuermann der ist, der seine Sache versteht, und so beim Wagenlenker auch (usf.), dann ist auch überhaupt in jedem Belange, wer seine Sache versteht, der vorzüglichste. Dabei ist die Heranführung überzeugender, durchsichtiger, über Wahrnehmung leichter erkennbar und der großen Masse der Leute gemeinsam; der Schluß ist zwingender und gegenüber spitzfindigen Streitkünstlern wirksamer.

Kapitel 13. Die Gattungen, um die die Reden (kreisen) und von denen (sie herkommen), seien so bestimmt, wie es früher gesagt ist. Die Werkzeuge dagegen, mittels derer wir guten Weg finden zu Schlüssen [und Heranführungen], sind vier: Eines (ist) das Erfassen von Fragen, das zweite das Einteilenkönnen, in wievielfacher Bedeutung ein jedes (Wort) ausgesagt wird, das dritte das Auffinden der Unterschiede, das vierte die Prüfung der Ähnlichkeit. – Es sind nun in gewisser Weise die drei (Letztgenannten) davon auch vorzulegende Fragen; es geht nämlich, daß man gemäß einem jeden von ihnen eine Frage macht, z. B.: »Vorzuziehen ist das Sittliche oder das Lustbringende oder das Nutzbringende«, und: »Sinnliches Wahrnehmungsvermögen unterscheidet sich von Wissen dadurch, daß man nach Verlust des einen dies wiedergewinnen kann, beim anderen aber ist das unmöglich«, und: »Das Heilsame verhält sich entsprechend zur Gesundheit wie das zur guten körperlichen Verfassung Dienliche zur guten Verfassung«. Die erste Frage (kommt her) von den vielfachen Wortbedeutungen, die zweite von den Unterschieden, die dritte von den Ähnlichkeiten.

Kapitel 14. Die vorzulegenden Fragen muß man nun auswählen auf genauso viele Weisen, wie zu »Frage« die Bestimmung getroffen war: Entweder indem man die geläufige Meinung aller hernimmt oder die der meisten oder die der Klugen, und davon wieder entweder die aller oder der meisten oder der Namhaftesten, oder solche, die den geläufig vorkommenden [105b] ❬nicht❭ entgegengesetzt sind, und alles an Meinungen, was im Bereich der Künste und Wissenschaften da ist. Man muß aber, wenn man zu den geläufigen einleuchtenden (Meinungen) die gegenteiligen zur Frage macht, dies über Verneinung tun, wie früher gesagt ist. Nützlich ist auch, sie dadurch (zur Frage) zu machen, daß man nicht nur die tatsächlich einleuchtenden (Meinungen) auswählt, sondern auch solche, die diesen ähnlich sind, z. B.: »Auf Gegensätzliches (bezieht sich) das gleiche Wahrnehmungsvermögen« – so war es nämlich auch beim Wissen –, und: »Wir sehen, indem wir etwas in uns aufnehmen, nicht, indem wir etwas aussenden«; es ist ja auch bei den anderen Sinnen so: Wir hören, indem wir etwas in uns aufnehmen, nicht, indem wir aussenden, und wir kosten genauso; ebenso auch bei allem anderen. –

Weiter, alles, was über alles oder doch das meiste so erscheint, muß man erfassen als einen Grundsatz und eine Behauptung, die das zu sein nur scheint; es setzen das nämlich die Leute, die über etwas die Zusammenschau nicht haben, nicht so an. – Aussuchen muß man (seinen Stoff) auch aus niedergeschriebenen Reden, und man muß die Aufstellungen machen, indem man sie, für jede Gattung genommen, anlegt, z. B. über »gut« oder über »Lebewesen«, und (dann) über »gut« insgesamt, beginnend mit seinem »was-es-ist«. Dazu muß man auch anmerken, daß es Meinung dieses oder jenes Mannes ist, z. B. Empedokles (war es, der) gesagt hat, daß es vier Grundbausteine der Körper gibt; denn was von einem so angesehenen Mann gesagt ist, wird man ja gern zur Behauptung machen.

Es gibt, um es umrißhaft zu ergreifen, von den Fragen und Aufgaben drei Teilbereiche: Die einen Fragestellungen sind bezogen auf sittliches Verhalten, die anderen beziehen sich auf Natur, wieder andere beziehen sich auf die Denkgesetze. Sittliche Fragen sind z. B. solche: »Muß man den Eltern mehr Gehorsam leisten als den Gesetzen, wenn beide Verschiedenes verlangen?« Solche des Denkens z. B.: »Bezieht sich das gleiche Wissen auf die Gegensätze oder nicht?« Solche der Natur z. B.: »Ist das Weltall ewigwährend oder nicht?« Entsprechend auch die Aufgabenstellungen. Zu welchem Bereich eine jede der früher genannten (Fragen) gehört, darüber ist mittels der Begriffsbestimmung nicht so leicht Auskunft zu geben; man muß statt dessen versuchen, mittels Eingewöhnung über Heranführung eine jede davon einzuordnen, indem man die Untersuchung nach dem Vorbild der eben genannten Beispiele anstellt.

In Hinsicht auf die Gewinnung echter Erkenntnis muß man sich nach Maßgabe der Wahrheit damit abmühen, in der Gesprächssituation nur im Hinblick auf Meinung. Man muß alle die Fragen so allgemein wie nur möglich erfassen, und die eine muß man zu vielen machen, z. B. (die Setzung): »Von Entgegengesetztem handelt ein und dasselbe Wissen« (wird) sodann (überführt in:) »Von Gegenüberliegendem (handelt dasselbe Wissen)« und: »Von den Beziehungen im Verhältnis zu ... (auch)«. Nach gleicher Weise muß man auch die wieder einteilen, solange dies Auseinandernehmen geht, z. B.: »Von Gut und Böse (handelt ein Wissen)« und: »Von Weiß und Schwarz ...« und: »Von Kalt und Warm ...«. Entsprechend bei allem anderen.

Kapitel 15. Die Frage betreffend, reicht das Vorgetragene [106a] aus. Was die Frage der Bedeutungsvielfalt angeht, so muß man sich nicht allein bloß darum bemühen, was alles in verschiedener Weise ausgesagt wird, sondern man muß auch versuchen, die Erklärungen dazu vorzutragen, z. B. nicht nur: »Gerechtigkeit und Tapferkeit werden in anderer Weise ›gut‹ genannt, dagegen das zur guten Körperverfassung und zur Gesundheit Beiträgliche auf wieder eine andere«, sondern auch: Weil das eine aufgrund dessen, daß es selbst ein bestimmtes So-und-so-beschaffen ist, ... (ist es gut), das andere dagegen (ist es), weil es hervorbringend etwas bewirkt, nicht, weil es selbst ein So-und-so-beschaffen ist. Entsprechend auch bei allem anderen.

Ob (ein Wort) in vielerlei Bedeutung oder nur einer der Art nach ausgesagt wird, ist mittels folgender (Überlegungen) zu betrachten: Erstens [l] ist bei seinem Gegenteil zu prüfen, ob es in vielen Bedeutungen ausgesagt wird, einerlei ob es nun der Art nach oder der Bezeichnung nach anders lautet. Einiges ist nämlich schon gleich auch den Bezeichnungen nach verschieden, z. B., dem »Scharfen« bei der Stimme ist entgegengesetzt das Dumpfe, bei stofflichen Gegenständen dagegen das Stumpfe. Klar ist somit, das Gegenteil von »scharf« wird in einer Mehrzahl von Bedeutungen ausgesagt; wenn aber das, so auch »scharf« selbst; gemäß einer jeden von dessen (Bedeutungen) wird auch das jeweilige Gegenteil verschieden sein. Denn nicht dasselbe »scharf« wird dem »stumpf« oder dem »dumpf« entgegengesetzt sein; zu beidem ist aber »Scharf« das Gegenteil. Und wieder, dem »schwer« bei der Stimme steht das »scharf« gegenüber, beim stofflichen Gegenstand aber das »leicht«; also wird »schwer« in einer Mehrzahl von Bedeutungen ausgesagt, da doch auch sein Gegenteil (von der Art ist). Entsprechend (ist) dem »schön« beim Lebewesen das »häßlich« (entgegengesetzt), dem (»schön«) bei einem Hause aber das »unbrauchbar«; daher also »schön« ein Wort mit mehreren Bedeutungen ist.

[2] Bei einigen (Bezeichnungen) besteht den Worten nach kein Ausspracheunterschied, aber aufgrund der Art ist bei ihnen der Unterschied sogleich klar, z. B. bei »hell« und »dunkel«; es wird ja eine Stimme als »hell« und »dunkel« bezeichnet, entsprechend aber auch Farbe. Den Bezeichnungen nach ist hier kein anderer Laut, der Art nach ist dabei der Unterschied aber sogleich klar: Nicht in gleicher Weise wird Farbe als »hell« angesprochen wie Stimme. Klar ist das auch durch Sinnesanschauung: Auf das, was der Art nach gleich ist, geht auch der gleiche Wahrnehmungssinn; »hell« bei der Stimme und bei der Farbe beurteilen wir nicht mit dem gleichen Sinneswerkzeug, sondern das Letztere mit dem Gesicht, das Erstere mit dem Gehör. Entsprechend auch »scharf« und »stumpf« bei Säften und festen Gegenständen, nur (nehmen wir) Letzteres durch Berührung (wahr), Ersteres über Geschmack. Auch das hat ja den Namen nach keinen anderen Klang, weder auf der eigenen Seite noch beim jeweiligen Gegenteil: »stumpf« heißt nämlich das Gegenteil bei beiden.

Weiter [3] (ist zu untersuchen), ob die eine (Bedeutung namensgleicher Worte) ein bestimmtes Gegenteil hat, die andere aber gar keins, z. B., der Lust beim Trinken steht gegenüber die Unlust des Durstes, dagegen der bei der einsehenden Betrachtung (der Tatsache), daß das Durchmaß von Ecke zu Ecke nicht die gleichen Meßeinheiten hat wie die Seite, (entspricht) kein (Gegenteil), also wird »Lust« in mehrfacher Bedeutung [106b] ausgesagt. Und dem Lieben, das über die Seele geht, ist das Hassen entgegengesetzt, dem, das über körperliche Betätigung geht, nichts; klar denn, daß »lieben« ein Wort mit mehreren Bedeutungen ist.

Weiter [4], bei inmitten stehenden Bezeichnungen (muß man prüfen:) Haben die einen (Gegensätze) etwas, das zwischen ihnen inmitten steht, andere wieder kein solches, oder ob beide zwar ein solches haben, das aber nicht das gleiche ist, z. B. bei »hell« und »dunkel« ist es bei Farben das »grau«, bei der Stimme aber ist da nichts, oder wenn denn schon, dann »belegt«, wie denn gewisse Leute sagen, eine belegte Stimme liege in der Mitte; also, »hell« ist ein Wort mit mehreren Bedeutungen, entsprechend auch »dunkel«.

Weiter [5] (ist zu sehen), ob bei den einen (Bestimmungen) mehrere Mittelbestimmungen (vorhanden sind), bei anderen nur eine, z. B. bei »hell« und »dunkel«; bei den Farben gibt es da viel, was dazwischensteht, bei Stimme nur eins, das »belegt«.

Wiederum [6] ist auch bei solchem, was über Widerspruch entgegengesetzt ist, zu sehen, ob es in mehreren Bedeutungen ausgesagt wird; wenn nämlich das in mehreren Bedeutungen ausgesagt wird, so wird auch das, was diesem entgegengesetzt ist, in mehreren Bedeutungen ausgesagt werden, z. B.: »nicht sehen« wird in mehrfacher Bedeutung ausgesagt, einmal: »kein Sehvermögen haben«, zum anderen: »sein Sehvermögen nicht betätigen«; wenn aber das in mehreren Bedeutungen, so muß notwendig auch »sehen« in mehrfacher Bedeutung ausgesagt werden; denn jeder der beiden Bedeutungen von »nicht sehen« wird etwas entgegengesetzt sein: Dem »kein Sehvermögen haben« das »ein solches haben«, dem: »Sehvermögen nicht betätigen« das »es betätigen«.

Weiter [7] ist Untersuchung zu führen über (Ausdrücke), die nach Maßgabe von Verlust und Besitz ausgesagt werden; wenn nämlich die eine Seite davon in mehrfacher Bedeutung ausgesagt wird, so auch die restliche, z. B.: Wenn »über Sinne wahrnehmen« in mehrfacher Bedeutung ausgesagt wird, nämlich über die Empfindung in der Seele und über die Werkzeuge des Körpers, so wird auch »empfindungslos sein« in mehrfacher Bedeutung ausgesagt werden, im Bereich der Seele und im Bereich des Körpers. Daß sich aber das jetzt Gesagte nach Verlust und Besitz entgegensteht, ist klar, da doch von Natur vorgesehen ist, daß die Lebewesen beide Formen von Sinnesempfindung besitzen, die über die Seele und über den Körper.

Weiter [8] ist auch über die Formenbildung (von Worten) Untersuchung zu führen. Wenn nämlich »auf gerechte Weise« in mehreren Bedeutungen ausgesagt wird, so wird auch »gerecht« in mehreren Bedeutungen ausgesagt werden: nach beiden Bedeutungen von »auf gerechte Weise« wird es auch »gerecht« geben, z. B.: Wenn »auf gerechte Weise« aussagt, erstens, das Beurteilen (von etwas) gemäß der eigenständigen Meinungsbildung, und zweitens (das Urteilen) so, wie es zu sein hat, (so ist es) entsprechend auch (mit) »gerecht«. Ebenso auch, wenn »gesund« mehrere Bedeutungen hat, so wird auch »in heilsamer Weise« in mehreren Bedeutungen ausgesagt werden, z. B.: Wenn »gesund« einmal ist, was Gesundheit erzeugt, dann, was sie bewahrt, drittens, was sie anzeigt, so wird auch »in heilsamer Weise« entweder als bewirkend oder erhaltend oder anzeigend ausgesagt werden. Ebenso auch bei allem übrigen: Wenn das (Wort) selbst in mehrfacher Bedeutung [107a] ausgesagt wird, so wird auch die von ihm aus gebildete Formveränderung in mehrfacher Bedeutung ausgesagt werden, und wenn diese, dann auch es.

[9] Zu mustern sind auch die Gattungen der Grundformen von Aussage an der Bezeichnung: Sind es die gleichen über allen? Sind es nämlich nicht die gleichen, so ist klar, das Ausgesagte ist ein Wort mit mehreren Bedeutungen. Z. B.: »gut« ist beim Essen das, was Lust bereitet, in der Heilkunst das, was Gesundheit schafft, für die Seele dagegen ein So-und-so-beschaffen-sein, z. B. besonnen oder Tapferkeit oder Gerechtigkeit; entsprechend auch für den Menschen. Gelegentlich (meint es) aber ein Dann-und-dann, z. B., was in diesem entscheidenden Augenblick gut ist; »gut« wird nämlich auch das im richtigen Augenblick (zu Ergreifende) genannt. Oft aber (meint es) das So-und-so-viel, z. B. im Falle von »maßvoll«; denn auch das maßvolle (Verhalten) wird ja als »gut« angesprochen. Daher denn also »gut« ein Wort mit mehreren Bedeutungen ist. Entsprechend (bedeutet) auch »hell« beim Körper die Farbe, bei der Stimme das Wohl-Hörbare; ähnlich auch »spitz«: Es wird nicht in allen Fällen als dasselbe ausgesagt; spitzer Ton ist der schnell bewegte, wie die Klangforscher mittels Zahlen behaupten; spitzer Winkel ist der, der kleiner ist als der rechte; spitzes Kampfschwert ist das mit den scharfen Kanten.

[10] Zu prüfen sind auch die Gattungen der unter dem gleichen Wort (verstandenen Bedeutungen), ob sie verschieden (von einander) und nicht die eine unter die andere fällt, z. B.: »Esel« (heißt) sowohl das entsprechende Tier wie auch das (so genannte) Gerät; die über das Wort gegebene Begriffserklärung ist dabei verschieden: Das erste wird als ein so und so beschaffenes Tier ausgesagt werden, das zweite als ein so und so geartetes Gerät. Wenn dagegen die Gattungen untereinander stehen, dann müssen die Begriffserklärungen nicht notwendig verschieden sein; z. B. von »Rabe« ist sowohl »Tier« wie auch »Vogel« Gattung. Wenn wir nun sagen: »Der Rabe ist ein Vogel«, so sagen wir mit: Er ist ein so und so geartetes Tier, so daß denn beide Gattungen ihm bestimmt zugesagt werden. Entsprechend auch, wenn wir sagen: »Rabe ist ein zweifüßiges Tier mit Flügeln«, so sagen wir mit, daß er ein Vogel ist; und so werden denn beide Gattungen vom Raben bestimmt ausgesagt, ebenfalls ihre Begriffserklärung. Bei den Gattungen, die nicht untereinander stehen, tritt das aber nicht ein: Weder wenn wir das Gerät meinen, meinen wir das Tier mit, noch (umgekehrt) wenn das Tier, so das Gerät.

[11] Zu prüfen ist aber nicht nur bei den vorgenommenen (Gegenständen), ob die Gattungen verschieden sind und nicht untereinander stehen, sondern auch beim (jeweiligen) Gegenteil; wenn nämlich das Gegenteil in vielen Bedeutungen ausgesagt wird, so klar, daß auch das Vorgenommene (derart ist).

[12] Nützlich ist auch, auf die abgrenzende Begriffsbestimmung das Augenmerk zu richten, die bei zusammengesetzten (Ausdrücken) zustandekommt, z. B.: »heller Körper«, »helle Stimme«; wenn da nämlich das Eigentümliche fortgenommen wird, so muß die gleiche Begriffserklärung bleiben. Das tritt aber bei den Bezeichnungen, die aus einem Wort mit mehreren [107b] Bedeutungen bestehen, nicht ein, z. B. bei den eben genannten: Ersteres wird ein Körper sein, der die und die Farbe hat, das zweite ein Ton, der leicht zu hören ist. Ist nun einmal »Körper« und »Stimme« fortgenommen, so ist in beiden Fällen das Übrigbleibende nicht das gleiche; das müßte es aber sein, wenn das in beiden Fällen ausgesagte »hell« in seiner Bedeutung ineins fiele.

[13] In vielen Fällen bleibt es sogar bei den Begriffser-klärungen selbst verborgen, daß da »ein-Wort-mit-mehreren-Bedeutungen« mitfolgt; daher muß man die Aufmerksamkeit auch auf die Begriffserklärungen richten, z. B.: Wenn einer sagen wollte, das Gesundheit Anzeigende und das sie Hervorbringende ist »was sich zu Gesundheit in einem Ebenmaß verhält«, so darf man sich damit nicht zufriedengeben, sondern muß prüfen, was das »im Ebenmaß« in beiden Fällen besagt hat, etwa, ob das eine von der Art ist, Gesundheit hervorzubringen, das andere dagegen derartig anzuzeigen, von was für einer Beschaffenheit der Körperzustand ist.

[14] Weiter (ist darauf zu achten), ob etwas nicht zu vergleichen ist nach dem Gesichtspunkt von »mehr« oder »entsprechend«, z. B.: »helle Stimme« und »helles Kleid« und »scharfer Saft« und »scharfer Ton«; das wird nämlich weder in entsprechender Weise als »hell« und »scharf« ausgesagt noch eins davon mehr (als das andere); daher sind also »hell« und »scharf« je ein Wort mit mehreren Bedeutungen; denn das, dessen Bedeutung ineins geht, ist alles vergleichbar: entweder wird es in entsprechender Weise ausgesagt werden oder eins davon in höherem Maße (als das andere).

[15] Da von den unterschiedenen Gattungen, die auch nicht untereinander ❬angeordnet sind❭, auch die Unterschiede der Art nach verschieden sind, z. B. von »Lebewesen« und »Wissen« – deren Unterschiedsmerkmale sind ja verschieden –, so ist zu sehen, ob die unter den gleichen Namen (laufenden Merkmale) Unterschiede verschiedener Gattungen, die nicht untereinander (fallen), sind, z. B.: »scharf« bei Ton und stofflichem Gegenstand; es unterscheidet sich ja ein Ton vom anderen dadurch, daß der eine scharf ist, entsprechend auch ein stofflicher Gegenstand vom anderen; daher denn also »scharf« ein Wort mit mehreren Bedeutungen ist; denn aus verschiedenen Gattungen, die nicht untereinander (stehen), sind die Unterschiede.

[16] Und wieder: Ob die Unterschiede der (Sachen) selbst, die unter dem gleichen Namen (begegnen), verschieden sind, z. B.: »Färbung« bei Körpern und bei Gesängen; die bei Körpern (liegt darin), daß die Sichtwahrnehmung auseinandergeschieden oder vereinigt wird, die dagegen bei Liedvorträgen hat nicht die gleichen Unterschiede. Also ist »Färbung« ein Wort mit mehreren Bedeutungen, denn von den gleichen (Dingen) sind auch die Unterschiede die gleichen.

[17] Weiter, da die Art von nichts der Unterschied ist, so ist bei (Gegenständen), die unter dem gleichen Namen (vorkommen), zu sehen, ob der eine davon Art ist, der andere Unterschied, z. B. »hell«: Am Körper vorkommend ist es Art von Farbe, dagegen bei Tönen ist es Unterschied; es unterscheidet sich nämlich ein Ton von dem anderen dadurch, daß er hell ist.

Kapitel 16. Bezüglich der Vielzahl von Bedeutungen ist also mittels dieser und derartiger (Gesichtspunkte) die Prüfung zu machen. Die Unterschiede dagegen müssen an den Gattungen selbst in ihrem gegenseitigen Verhältnis angeschaut werden, [108a] z. B.: Worin unterscheidet sich Gerechtigkeit von Tapferkeit und Vernunft von Besonnenheit – das alles stammt ja aus der gleichen Gattung –, und aus der einen (Gattung) im Verhältnis zu einer anderen, jedenfalls) bei solchen, die nicht allzu weit auseinanderstehen, z. B.: Worin (unterscheidet sich) Sinneswahrnehmung von Wissen? Denn bei denen, die weit auseinanderstehen, sind die Unterschiede ja ganz klar.

Kapitel 17. Die Ähnlichkeit dagegen ist zu untersuchen, erstens, bei den (Dingen, die) in verschiedenen Gattungen (vorkommen): Wie ein Verschiedenes zu einem von ihm Verschiedenen (sich verhält), so entsprechend auch ein Anderes zu einem wieder Anderen, z. B.: Wie Wissen zu dem, was man wissen kann, so Sinneswahrnehmung zu dem, was man wahrnehmen kann; und: Wie ein Verschiedenes in einem von ihm Verschiedenen (vorkommt), so entsprechend ein Anderes in einem wieder Anderen, z. B.: Wie Sehvermögen im Auge (vorhanden ist), so Denkvermögen in der Seele, und: Wie glatte Oberfläche auf dem Meer, so Windstille in der Luft. Besonders muß man sich hier an solchem üben, was weit auseinander steht; leichter werden wir dann nämlich bei den übrigen (Verhältnissen) die Entsprechungen zusammenschauen können. Zu mustern sind auch (zweitens) die in der gleichen Gattung vorkommenden (Dinge) daraufhin, ob ihnen allen ein bestimmtes gleiches (Merkmal) eignet, z. B. für Mensch, Pferd und Hund; insoweit nämlich ihnen ein bestimmtes gleiches (Merkmal) zukommt, insoweit sind sie ähnlich.

Kapitel 18. Nutzbringend ist das Geprüfthaben, in wievielen Bedeutungen (etwas) ausgesagt wird, erstens im Hinblick auf Klarheit: In höherem Maße dürfte man wissen, was man da setzt, wenn aufgeklärt ist, in wievielen Bedeutungen es ausgesagt wird; und (zweitens) im Hinblick darauf, daß die Schlüsse über den Sachverhalt selbst, und nicht über das bloße Wort, gehen. Ist nämlich unklar, in wievielen Bedeutungen es ausgesagt wird, so kann es sein, daß der Antwortende seinen Sinn nicht auf das gleiche richtet wie der Fragesteller; ist dagegen aufgeklärt, in wievielen Bedeutungen es ausgesagt wird und worauf bezugnehmend (der Behauptende) die Behauptung aufstellt, so würde der Fragesteller ja lächerlich erscheinen, wenn er nicht darauf bezogen seine Ausführung machte. Nutzbringend (ist es) auch im Hinblick darauf, keinen Trugschlüssen zu erliegen und selber (solche) ansetzen zu können. Indem wir nämlich wissen, in wievielfacher Bedeutung (das) ausgesagt wird, werden wir uns ja wohl keinesfalls durch Trugschlüsse hereinlegen lassen, sondern wir werden es begreifen, wenn der Fragesteller seine Ausführung nicht zur gleichen Sache macht. Und wenn wir selbst die Fragen stellen, werden wir Trugschlüsse durchbringen können, wenn der Antwortende etwa nicht begreift, in wieviel Bedeutungen das gesagt wird. Das ist aber nicht bei allem möglich, sondern nur, wenn von dem in vielfacher Bedeutung Ausgesagten das eine wahr (ist), das andere falsch. Es ist aber diese Art dem Untersuchungsgespräch nicht angemessen; daher sollen die Teilnehmer an solchem Gespräch derartiges streng meiden, nämlich das Auf-das-bloße-Wort-hin-sprechen, außer wenn man anders gar nicht in der Lage wäre, über den vorliegenden Gegenstand die Gesprächsuntersuchung zu führen.

Das genaue Auffinden der Unterschiede ist nutzbringend im Hinblick auf die Schlüsse über »gleich« und »verschieden«, und um zu erkennen, was ein jedes ist. Daß es nun also für die Schlüsse auf »gleich« und »verschieden« nutzbringend ist, (ist) [108b] klar: Indem wir nämlich Unterschied, welchen auch immer, am Vorliegenden gefunden haben, werden wir damit aufgezeigt haben, daß es nicht das gleiche ist; für das Erkennen, was es ist, (ist es nützlich), weil wir die eigentümliche Begriffserklärung des Wesens eines jeden mittels der an einem jeden eigentümlichen Unterschiede voneinander abzugrenzen pflegen.

Die Anschauung des Ähnlichen ist nutzbringend, erstens, für die heranführenden Erklärungen, zweitens für die Schlüsse aus Voraussetzung und drittens für die Angabe der Begriffsbestimmung. Für die heranführenden Erklärungen (ist es das), weil wir mittels der Heranführung über das Einzelne durch ähnliche (Züge daran) das Allgemeine herbeizuführen beanspruchen; es ist nämlich nicht leicht, dies Herbeiführen zu schaffen, wenn man die ähnlichen (Merkmale) nicht kennt. Für die Schlüsse aufgrund von Voraussetzung (ist es nützlich), weil einleuchtend ist: Wie es sich einmal bei einem unter ähnlichen (Fällen) verhält, so dann auch bei den übrigen. Daher (können wir so verfahren:) Bei welchem Gegenstand davon wir gute Wege finden, die Gesprächsuntersuchung zu führen, werden wir vorher Übereinstimmung herstellen, daß, wie es sich einmal damit verhält, es sich so auch mit dem Vorgenommenen verhalte; haben wir dann das Erste nachgewiesen, so werden wir auch das Vorgenommene gemäß Voraussetzung gezeigthaben; wir setzten ja voraus: Wie es sich einmal damit verhält, so sollte es sich auch bei dem Vorgenommenen verhalten, und damit haben wir den Nachweis geführt. Für die Angabe der Begriffsbestimmung schließlich (ist es nützlich), weil wir, indem wir zusammenschauen können, was an einem jeden gleich ist, nicht in Ausweglosigkeit geraten werden, wenn es darum geht, in welche Gattung das Vorgenommene bestimmend gesetzt werden muß; denn von den gemeinsam (ausgesagten Bestimmungen) ist ja wohl die in höchstem Maße im Bereich des »was-es-ist« bestimmt zugesprochene die Gattung. – Entsprechend ist auch die Anschauung der Ähnlichkeit bei weit auseinanderstehenden (Begriffen) nutzbringend für deren genaue Bestimmung, z. B.: Ruhige Oberfläche auf dem Meer, Windstille in der Luft ist (insoweit) gleich, beides ist nämlich Ruhe; und: Punkt bei der Geraden, Eins bei der Zahl (sind insoweit gleich,) beides ist nämlich Ausgangspunkt. Daher, das Gemeinsame über allem als Gattung angebend, werden wir offenkundig die Bestimmung nicht unsachgemäß treffen. In etwa so sind es ja auch die Begriffsbestimmer gewohnt, die Angabe zu machen: Die Einzahl, sagen sie, sei »der Anfang von Zahl«, und der Punkt »der Anfang der Geraden«. Klar denn also: In das Gemeinsame beider setzen sie die Gattung.

Die Werkzeuge, mittels derer die Schlüsse (zustandekommen), sind also diese. Die Örter, zu denen das Vorgetragene nutzbringend ist, sind die folgenden.

ZWEITES BUCH

Kapitel 1. Es sind von den gestellten Aufgaben die einen allgemein, die anderen (gehen nur) auf Teile. Allgemein also z. B.: »Jede Lust ist etwas gutes«, und: »Keine Lust ist etwas gutes«. Zu Teilen dagegen z. B.: »Eine bestimmte (Form von) Lust ist etwas gutes«, und: »Eine bestimmte (Form von) Lust ist nicht [109a] gut«. Für beide Aufgabengattungen sind die allgemein aufstellenden und niederreißenden (Mittel) gemeinsam: Haben wir nämlich gezeigt, daß (dies oder jenes) allen zukommt, so werden wir auch nachgewiesen haben, daß es diesem Bestimmten (darunter) zukommt; entsprechend auch, wenn wir zeigen können, daß (es) keinem zukommt, werden wir auch nachgewiesen haben, daß es nicht jedem zukommt. – Erstens ist somit über die allgemein niederreißenden (Begründungsmittel) zu reden, weil einmal derlei für die allgemeinen und die teilweisen (Sätze) gemeinsam ist, und sodann, weil die aufgestellten Behauptungen in Form des Vorliegens mehr mit sich bringen als in der des Nichtvorliegens, die Gesprächsteilnehmer (dann die Aufgabe haben, sie) niederzureißen.

Es ist aber äußerst schwierig, die vom nebenbei Zutreffenden herkommende angemessene Bezeichnung in der Aussage auch umzutauschen; denn das »in der und der Hinsicht« und »nicht allgemein« ist allein bei den nebenbei zutreffenden Bestimmungen möglich. Von der Begriffsbestimmung aus und von der Eigentümlichkeit und von der Gattung muß dies Umkehren ja notwendig gehen, z. B.: Kommt es einem bestimmten Lebewesen zu, »zu Lande lebend, zweifüßig« zu sein, so wird es auch in umgekehrter Folge wahr sein zu sagen, es ist ein »zu Lande lebendes, zweifüßiges Lebewesen«. Entsprechend auch von der Gattung aus: Wenn es einem Lebewesen zukommt, dies bestimmte zu sein, so ist es auch Lebewesen. Das gleiche (gilt) auch bei der Eigentümlichkeit: Kommt es einem Bestimmten zu, der Schriftkunst fähig zu sein, so wird es der Schriftkunst fähig sein. Denn nichts davon kann (nur) in einer bestimmten Hinsicht zukommen oder nicht zukommen, sondern es trifft entweder einfachhin zu oder gar nicht. Bei nebenbei Zutreffendem dagegen besteht kein Hindernis, nur in bestimmter Hinsicht vorzuliegen, z. B. helle Farbe oder Gerechtigkeit; daher es durchaus nicht hinreicht, gezeigt zu haben, daß »helle Farbe« oder »Gerechtigkeit« vorliegt, für den gelungenen Nachweis: (Der und der) ist hellfarbig oder gerecht; es hat nämlich allerlei Unklarheit bei sich, daß (der und der) in dieser bestimmten Hinsicht hell oder gerecht ist. Also ergibt sich die umgekehrte Entsprechung bei nebenbei Zutreffendem nicht mit Notwendigkeit.

Gegen einander abgrenzen muß man auch die Fehler in den Aufgabenstellungen. Sie sind zweifach: Entweder (liegen sie) in falscher Aussage oder darin, die bestehende Ausdrucksgewohnheit zu übertreten. Die da falsche Aussagen machen und behaupten, es treffe auf einen Gegenstand etwas zu, was (in Wirklichkeit) nicht zutrifft, gehen fehl, und die, welche die Dinge mit fremden Namen ansprechen, z. B. eine Platane als »Mensch«, übertreten die festliegende Namensgebung.

Kapitel 2. Ein Gesichtspunkt ist denn also: [1] Das Augenmerk darauf richten, ob (der Behauptende) etwas, das in anderer Weise zutrifft, als nur nebenbei zutreffend angegeben hat. Dieser Fehler wird am häufigsten bei den Gattungen gemacht, z. B. wenn einer sagen wollte, es treffe dem Hellen nur nebenbei zu, Farbe zu sein; es trifft nämlich auf »hell« nicht nur nebenbei zu, Farbe zu sein, sondern »Farbe« ist die Gattung davon. Es kann nun sein, daß der Behauptende gemäß der Namensgebung (ausdrücklich) die Bestimmung trifft, [109b]