Pinocchio und kein Ende - Max Walter Schulz - E-Book

Pinocchio und kein Ende E-Book

Max Walter Schulz

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Beschreibung

Wie kommt einer zur Literatur? Wie begreift er das Lebensnotwendige vom Lesen und Schreiben? Max Walter Schulz, bekannt als Romancier und Essayist, geht in diesen Notizen zur Literatur eigenen Wegen der künstlerischen Praxis nach. Schreibt über das unersetzbare Vergnügen des Buchlesens. Bietet ein lehrhaft-unlehrhaftes Prosaseminar über den berühmten Hampelmann Pinocchio. Gibt Auskünfte über die Arbeit am erzählerischen Werk und über den Umgang mit Gefährten aus Vergangenheit und Gegenwart: Georg Büchner, Hermann Hesse, Willi Bredel, Alfred Andersch, Grigori Baklanow. Anlässe nützen die Möglichkeit, weitergreifende Anliegen sichtbar zu machen, Aussagen zu treffen über die persönliche und gesellschaftliche Verantwortung beim Schreiben der Wahrheit. Erkennbar in der Verständigung über das eigene Schaffen und über die Möglichkeit der Literatur im Ganzen. Kunst des Essays, Kultur der Sprache dienen dem Weitergreifenden, das über Anlässe hinaus ins Bedeutsamere zielt. Es ist ein Lesevergnügen, ein geistiges Vergnügen, dem Autor Max Walter Schulz, seinen Fragen, seinen Überlegungen, seinen poetischen Notizen zu folgen. INHALT: Konfession Wie ich zur Literatur kam Von einigen Eigenschaften, die wir an Willi Bredel haben Rede über die wohltuende Unersetzbarkeit des Buchlesens Rendezvous mit Georg Büchner Einige Notizen zur DDR-Literatur über den Krieg Notiz zu Thomas Mann Beim Wiederlesen des »Glasperlenspiel« Gedanken über die Zeit. Zum 40. Jahrestag der Gründung des sowjetischen Schriftstellerverbandes Wir schreiben, wie wir leben - Anmerkungen zu Baklanows Romanen Mehr als polyfon umgrenztes Weiß - Alfred Andersch, Winterspelt Vor dem neuen Buch Arbeits-Auskünfte. Interview mit Klaus Schuhmann Pinocchio und kein Ende. Prosa-Seminar über einen begabten Hampelmann 1. Wie wir zu einem Modell kommen 2. Schöpfungsgeschichte 3. Erste Gehversuche 4. Das Talent begeht Totschlag 5. Vorladung eines anderen talentierten Übeltäters als Entlastungszeugen 6. Längere Produktionsberatung 7. Verzögerter Zwischenruf 8. Pinocchio gelobt Besserung 9. Aufklärung 10. Nutzanwendung Anmerkungen

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Impressum

Max Walter Schulz

Pinocchio und kein Ende

Notizen zur Literatur

ISBN 978-3-95655-266-3 (E-Book)

Die Druckausgabe erschien erstmals 1978 im Mitteldeutschen Verlag Halle – Leipzig.

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2015 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

Konfession

Wer seine Absicht vorab verkündet, macht sich der Großsprecherei verdächtig. Die Leute, unter denen ich lebe, meine Leute, achten sehr auf Redlichkeit. Die meisten jedenfalls. Sie zählen das Geld und den Fisch nicht als Luft zwischen Daumen und Zeigefinger. Auch wiegen sie Gesinnung nicht als dicke Worte. Andrerseits, wenn ich meine immerhin ungewöhnliche Absicht andeute, sagen sie mir, wo der große scheue Fisch steht. Seine Eigentümlichkeiten kennen sie aus langer Erfahrung. Ich meine übrigens auch, dass der große scheue Fisch der Vater aller Fische ist. Er ist ungemein stark. Er kann Schläge austeilen, die manchen kräftigen Mann ein für alle Mal erledigen. (Wie oft passierte das schon!) Dabei schmeckt sein Fleisch vorzüglich und hält gesund. Ich hüte mich freilich, meinen Leuten alles zu sagen, was ich mit dem großen scheuen Fisch anstellen will. Ich könnte es auch sagen. Es ist kein Geheimnis. Vielleicht würde mich gar niemand der Großsprecherei bezichtigen. Aber ich für meine Person rede vorab lieber nicht von dem Kunststück.

Ich mache mich an die Arbeit. Und weiß nur eins: Es gibt den großen scheuen Fisch. In den zoologischen Lehrbüchern ist er ausführlich beschrieben. Auf den Fischmärkten wird er das ganze Jahr über angeboten. Wenn ich mich an die Arbeit mache, lasse ich die Lehrbücher zu Hause und meide den Gang über den Fischmarkt. Bei der Ausfahrt halte ich mich möglichst mitten in der Flottille.

Es ist die gewöhnliche Fangarbeit. Nur bei mir mag es so aussehen, als betriebe ich den Fang nachlässig, als wollte ich gar nichts fangen. Dabei schneiden mir die Leinen in die Hände.

Habe ich alles richtig gemacht, die Hinweise meiner Leute ernst genommen und den Anschein nahezu belustigtet Nachlässigkeit nicht vermieden, dann kann das Kunststück, das Ungewöhnliche gelingen. Dann gelingt’s mir nach dem Einholen des Netzes, den großen scheuen Fisch zu packen und ihn hochzuhalten über meinem Kopf. Er schlägt mächtig wie aufgeregter Federstahl. Aber wenn ich nur keine Angst habe, wird er nach einiger Zeit ganz ruhig. Sobald ich die Beute hochhalte, rudern meine Leute heran. Sie wollen jetzt erleben, wie der große scheue Fisch, der seiner Natur nach stumm ist, etwas zu ihnen sagt. Sagt er tatsächlich etwas, wundern sich die Herangekommenen überhaupt nicht. Sie kennen den Fisch. Sie brauchen ihn zum Leben. Wir treten schließlich mit allem, was wir zum Leben brauchen, in gesprächige Beziehungen.

Doch wirklich zufriedengestellt von dem Kunststück sind meine Leute erst dann, wenn sie das, was der große scheue Fisch sagt, und zwar auf gemeinverständige Art, so gemeinverständig noch nicht gehört haben. Sie verlangen eben diese gesprächige Beziehung als etwas ungewöhnlich Bekanntes.

Wenn meine Leute beginnen zu antworten, habe ich den großen scheuen Fisch schon wieder ins Wasser geworfen. Länger als die eine Sekunde, wo er ruhig wird und sich verlautbart, lässt er sich nicht halten. Auf der Heimfahrt gibt es Zurufe. Die wenigen Worte des Fisches werden wiederholt. Manche geben keinen Pfennig dafür, manche machen einen Singsang draus, manche bedenken den Sinn der Worte, ob da ein Name enthalten sei für die Ungeborenen. Solche Namen sind ja Erwartungen, aufs eigene Fleisch und Blut gesetzte Erwartungen.

Man könnte vermuten, meine Leute, wir alle in unserer genossenschaftlichen Siedlung, wir wären wortgläubig. Ich stelle das in Abrede. Wir prüfen das Wort, auch das Wort, das der große scheue Fisch aus den Tiefen mit heraufbringt, auf sachkundige Verlässlichkeit. Ich kann darüber Auskunft geben, weil ich (wie jedermann weiß) sozusagen manchmal eine Stimme des großen scheuen Fisches bin.

Wie ich zur Literatur kam

Wie ich zur Literatur kam? Zuerst durch den Singsang der Muttersprache, Zuerst durch »Eiapopeia«, »Schlaf, Kindchen, schlaf«, »Hoppe, hoppe, Reiter«. In den Armen gewiegt, auf Knien reitend, erreicht das Kind, ehe es laufen lernt, das Literarische - und nicht die ärmsten Provinzen. Mir scheint, man ist begünstigt, wenn man diese Wiege- und Reiteschule der muttersprachlichen Naivität sorglich erfährt. Sie bildet das bildhafte Denken vorbewusst, sie bildet das rhythmische und das melodiöse Empfinden und ist schwer ersetzbar, weil sich Literatur, Kunst und Leben möglichst früh in unserer geistigen Entwicklung zu einem real bewussten Ganzen vereinigen sollten.

Das Literarische und Die Literatur: das ist nicht ganz ein und dasselbe. Aber ich weiß nicht genau, ob ich den von mir gemeinten Unterschied als allgemein bekannt voraussetzen darf. Das Literarische ist jedenfalls etwas Allgemeineres als die Literatur - wie etwa das Exemplarische auch etwas Allgemeineres ist als das Exempel. Eine Binsenweisheit. Wozu? Weil sie mir als Ausgangspunkt dient. Weil sich das, was ich zum Thema zu sagen habe, auf diese Binsenweisheit verlässt. Weil ich erklären möchte, dass ich über das Literarische, und zwar über das Literarische meiner Kindheit, mit einiger Verspätung zur Literatur gekommen bin. Mit einiger Verspätung: dieser Passus verursacht möglicherweise den Gedanken, ich hätte zu lange an gutbürgerlicher literarischer Kinderstube gelitten. So ist’s nicht gemeint. Andererseits kann ich mich aber auch nicht rühmen, das Literarische der Kindheit vom klassenbewussten Proletariat der zwanziger Jahre als dessen umgreifendes Aufklärungsstreben empfangen zu haben. Bedingt durch das kleinbürgerliche soziale Milieu und die Abgeschiedenheit der Landschaft, darin ich aufgewachsen bin, habe ich mir in der genannten Hinsicht weder das Gutbürgerliche noch das Proletarische zuzueignen.

Aufzuführen ist das Plebejische. Also das Plebejische als die literarische Amme meinet Kindheit, als erstes gesellschaftliches Empfinden, als die um das Dasein wie Girlanden aus Reisig und Papierblumen gewundene Prosa und Poesie des Lebens, als kindgemäßes, ernstes Spiel mit den Reflexen vorgegebener Literatur. Fehlleitung für eine neu zu gebende Literatur - und doch auch Zubringer. Darin liegt der Widerspruch.

Junge Leute werden sich kaum noch eine Vorstellung machen können, wie das gewesen ist. Die Vorstellung, die ich davon vermitteln kann, ist subjektiv. Das ist die Einschränkung unter anderem.

Ich verbrachte meine Kindheit in ländlich-kleinstädtischer Umgebung. Die Landschaft war das obere sächsische Erzgebirge. Die Mutter machte Heimarbeit. Sie bespannte Lampenschirmgestelle mit feiner Seide oder fertigte Behänge aus aufzufädelnden bunten Glasperlen und Glasröhrchen. Der Vater arbeitete als Handlungsgehilfe in Kontorstuben oder als Steinklopfer auf der Straße, je nach der Konjunktur. Wenn ich die Kühe für den Bauern hütete, fühlte ich mich herrlich im einsamen Revier und bildete mir ein, ich könnte, wenn ich etwas gewisses Elektrisches erfände, nicht nur die Kühe, sondern auch die Wolken mit dem Peitschenstiel um den Berg treiben.

Die Umgangssprache besaß einen starken mundartlichen Einschlag, mit einzelnen Wendungen ins Hinterwäldlerische, mit einzelnen Wörtern ins Archaische reichend. Es versteht sich, dass eine solche Umgangssprache reichlich gesegnet war mit Abstraktionsarmut. Wir gebrauchten sie zu Hause fast ausschließlich und auf der Straße ganz ausschließlich. Auch daher wird erklärlich, dass meine frühe Weltbildung bis zur Einfältigkeit aufs Gegenständliche angewiesen war. Aber es hieße mein Nest beschmutzen, wenn ich nicht hervorkehrte - und darauf kommt mir’s ja an - dass sich unter der Einfalt die in Sprüchen, in Geschichten und im Schabernack verdichtete Lebenserfahrung von Generationen armer Leute aussprach. Das war das Plebejisch-Literarische. Es trat aber nicht mehr oder höchst selten in reiner Gestalt auf. Es hatte sich längst ins Unreine vermischt mit dem herrschenden Geist der herrschenden Volksschulbildung, der kaiserlichen und der weimarischen, überdies auch mit dem Geist der ausschließlich in der Hochsprache gepredigten und memorierten evangelisch-lutherischen Religion. Dennoch ergab das, alles in allem, viel gebrauchsfähige einfalts- und einfallsreiche Poesie in allen drei Gattungen.

Im Lyrischen die Wiegenlieder, die Fastnachts- und Knecht-Ruprecht-Sprüche, die Abzählverse, die Spottverse, die gereimten Gebete, Rätsel und Gleichnisse, in Resten auch der alte Bergmannssegen. Dazu der Heimatsänger Anton Günther aus Gottesgabe: »’s is Feierohmd«.

In dem, was sich die Leute erzählten, herrschten Geschichten vor, die an eine bestimmte, allen vertraute Lokalität gebunden waren, an ein Haus, einen Weg, ein Waldstück, ein Feld, einen Felsen, eine Kapelle ... In der Regel mischte sich reales Schicksal mit übersinnlichem, mit Geisterglauben und Teufelsspuk. Böse und gute Meister übernahmen die Erklärung des Unerklärlichen und sonderten Moralität ab. Der Stülpner-Karl stand für die Gerechtigkeit insofern, als er die Aufhebung des herrschaftlichen Waldeigentums und gleichmäßige Güterverteilung gefordert und für seine Person auch, bis man ihn in Ketten legte, demonstriert hatte. Dass aber in unserer Gegend der erste Streik in der deutschen Geschichte, der Streik der Bergknappen im sechzehnten Jahrhundert, stattgefunden hatte, davon habe ich in meiner Kindheit nie etwas vernommen. Über Max Hölz, den anarchistischen Feuerkopf der ersten zwanziger Jahre, sprach man mit Achtung, aber gedämpft. Man hatte wohl Angst, die Reichswehr könnte wiederkommen, wieder Standrecht verhängen. Die Deutschstunde gab sich unpolitisch und lehrte konservativ bis reaktionär, ihre Ideologie äußerte sich in Geschichten und Balladen zum Lob des deutschen Werkfleißes, des braven deutschen Jungen wie etwa des Schneiderjungen von Krippstedt, der naturverbundenen, heimattreuen deutschen Seele von Peter Rosegger bis zur Traktatliteratur. Im Episch-Literarischen versuchte sich die Klassenindifferenz volkhaft und auch schön völkisch zu belegen. Der Religionsunterricht und der Kindergottesdienst in der Sonntagsschule predigten den lieben Gottesfrieden und meinten den faulen Klassenfrieden. Woran erkennt das aber ein Kind, wenn es beim Krippenspiel in der Schar der armen Hirten sein Licht leuchten lässt? Mit der erlaubten, also auch sittsam beschnittenen Rüpelhaftigkeit des Kasperletheaters kommt es der Wirklichkeit schon ein Stück näher. Da gebrauchte der Unmut des Volkes gegen die Oberen und die Obrigkeit sein letztes Privileg: die Narrenkappe. Vom Kasperletheater und anderer dramatischer Imitation soll noch die Rede sein.

Eine Zeit lang stand die Stutzigkeit vor nicht gegenständlich vorstellbaren hochsprachlichen Ausdrücken der schulmäßigen literarischen Belehrung noch entgegen. Eine Zeit lang, wenn da zum Beispiel vom Vaterland gesprochen wurde, konnte ich mir darunter nichts vorstellen. Mein Vater besaß kein Land, nur ein paar Johannisbeersträucher. Später regierte der Vaterlandsbegriff doch überall mein Literarisches. Da konnte ich mir nichts und alles drunter vorstellen. Dieser mystische Vorstellungsverlust zeugte im Allgemeinen verheerende, geschichtsbekannte Folgen.

Aber am Anfang bildete sich alles an strahlend naiver Vorstellungs- und Feststellungskraft. Unterschieden wurde nach gut und böse, im Innenleben wie im Öffentlichen, im Mentalen wie im Sozialen, im Wahren wie im Schönen. Die Armut war gut, der Reichtum war böse. Die Mutter weinte, als sie von der Fabrikantin genötigt werden konnte, am Weihnachtstag noch zwei Lampenschirme extra zu nähen. Acht Stunden am Weihnachtstag für achtundzwanzig Pfennig die Stunde und keinen Heller mehr. Was half’s, wir brauchten noch Malzkaffee und Zucker. Sprüche zum Trost: »Salz und Brot macht Wangen rot« und »Eher gelangt denn ein Kamel durchs Nadelöhr als ein Reicher ins Himmelreich«. Ihr Bruder kam aus der Schuhfabrik und tröstete anders, anarchistisch: »Die Speckköpfe werden wir alle schlachten.« Erste Widersprüche: Ich verstand, dass die armen flinken Mäuse sich nicht nur den Schnurrbart putzen, sondern auch fressen wollten. Mäuse fressen so manierlich. Ich mochte die Mäuse. Trotzdem fing ich sie mit Jagdlust in der Falle. An den Kartoffeln, am Brot, geschweige denn am allerweihnachtsheiligsten Pfefferkuchen hatten Mäuse nichts zu suchen. Die Poesie des Lebens besaß von Anfang an einen Riss. Über die Armen hatte die Reichswehr gesiegt. Max Hölz ging um wie der Reiter ohne Kopf, der nebelnächtens im Sauwald umgeht. Ich hörte von der Zukunft reden: »Es wird alles anders werden.« Das hörte sich an, als ob der Messias der armen Leute schon auf der Landstraße von Chemnitz herauf unterwegs wäre. Aber zum Schützenfest im Herbst zog der Militärverein großartig auf: Früh um sechs die Reveille, Trommeln und Pfeifen, großes Wecken. Mittags Parade. Arm und Reich in Reih und Glied, grün und weiß die Sachsen, Federbusch am Hut, lange Flinten, Karabiner, an der Spitze Bärenfellmützen, hoch und bekordelt, Silberäxte stolz geschultert: die einstmals von dem Kaiser Napoleon gemieteten und in Montur gesteckten Hilfstruppen, die königlich sächsischen Pioniere, die Tradition der falschen Verbündeten. Und die alten Märsche, schnäderäteng. Und mitten im Aufzug die Kanone: Tonrohr und Lafette, vierspännig gezogen, zweifach beritten, zwei Böllerkanoniere auf dem Bock, steif und gravitätisch, ansonsten arme Teufel. Nachmittags, durch Böllerschüsse eingeleitet, das große Vogel- und Scheibenschießen. Alles schoss auf einen Feind. Es roch nach Pulver und nach Blei, nach Würsteln und nach Sauerkraut. Nebenan Schaustellerei: Hier lässt sich ein Mensch lebendig begraben!!! Und die alten Lieder: »Es leben die Soldaten so recht von Gottes Gnaden ...« Abends der große Umtrunk. Der Schützenkönig schmeißt die erste Saalrunde, die Honoratioren lassen sich auch nicht lumpen. Die armen Teufel lassen sich volllaufen, die reichen tun’s ihnen zuvor. Ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit, der vaterländischen natürlich, ausgenommen die Deppen vom Nachbarort und die Kommunisten. Ein Feind muss uns doch bleiben. Mutter schickt mich, den Vater herauszuholen. Sie kann’s nicht leiden, wenn der Vater bierstark wird. Der Vater geht widerstrebend mit nach Hause. Er ist noch nicht ganz bierstark. Er singt nur sehr laut und tremolierend: »Dich, mein stilles Tal, grüß ich tausendmal ...« Hinter uns grölt und kreischt das ganze Schützenhaus. Die Mutter sagt, dass die Kommunisten so was nicht mitmachen. Der Vater sagt, dass die Kommunisten keine Deutschen seien. Er habe es gelesen, schwarz auf weiß. Und singt weiter von Lust und Klang, vom herbsten Leiden und vom letzten Gang. Das Literarische, das Literarische ...

Zum Jahrmarkt und zur Kirmes das Kasperletheater, das Zelt: Vorderseite schreiend bunt. Kasse in der Mitte, darüber die große Bimmel, beim dritten Bimmeln ging es drinnen los. Unsere Groschen waren knapp. Manchmal saßen wir drinnen. Gewöhnlich aber draußen an der grauen Rückwand des Theaterzelts. Da war auch alles zu hören. Was brauchten wir zu sehen. Wir kannten das Repertoire auswendig und erschauten die Bühne mit und ohne Guckloch durch unsere strahlend naive Vor- und Feststellungskraft. Und wir waren dabei. Die aktive, fantastische Spannung des Dabeiseins, die unumwundene Parteinahme für Kasperles gemütvolle, pfiffige Rüdigkeit führte zum ersten spontanen Pasquill gegen die Obrigkeit. Kaspers geschworene Feinde waren bekanntlich die schwarz- und weißköpfigen Teufel und die rotköpfigen Gendarmen. Der Ortspolizist Lalle, dünnbeinig, spitznäsig, koppelgegürtelt und tschakobehelmt, diese Gamasche, dieser Satan ohne Arsch, wie ihn mein Onkel nannte, hatte uns schon drei Bälle zum Fußballspielen weggenommen. Eines Jahrmarktssonntags, als drinnen im Zelt das Finale anhob und die Gendarmen von Kaspar, dem Volkshelden, verpeitscht wurden, dass es nur so klatschte, kam es über mich. Ich schrie laut und mehrmals: »Lalle is alle!« Daraufhin erhob sich draußen wie drinnen ein unbeschreiblicher Jubel. Niemals wieder war mir ein ähnlicher spontaner literarischer Erfolg beschieden.

Es folgte die Zeit der braven Schullesebuch-Lektüre. Gleichzeitig gerieten mir aber zerlesene Heftchen in die Hände, ausgesprochene Kolportageliteratur. Und ich begeisterte mich im Nachahmungsspiel an der Kolportage der Kolportage. Die Helden waren samt und sonders ehrenhafte Männer mit stählernen Muskeln und Nerven und mit feinen Manieren gegenüber dem weiblichen Geschlecht. Sie gerieten durch Ungunst des Schicksals in gefährliche Situationen, bestanden diese aber mit Bravour, um am Ende in aller Bescheidenheit ein größeres Vermögen wie eine berückend schöne, zumeist künstlerisch wie hauswirtschaftlich talentierte Frau ihr eigen nennen zu dürfen. Da mich vor allem solche Geschichten gefangennahmen, die auf dem wilden Meere und an fernen Gestaden ihre aufregendsten Szenen suchten, baute ich mir auf dem lang gestreckten Dachboden unseres Hinterhauses ein Schiff. Es bestand aus einem hölzernen Bettgestell, dem Kistenbretter zu einem spitzen Bug verhalfen. Ich saß und las auf der verschlissenen Seegrasmatratze; über mir blähte sich das große und das kleine Bramsegel im Wind: Windeln, an Besenstielen mit Paketschnur befestigt. Klischeegemäß setzte auf jeder Lesefahrt ein orkanartiger Sturm ein, der den Mastbaum über Bord gehen ließ. Doch wir schrieben uns nicht umsonst und festen Glaubens ins Poesiealbum: »Schiffe ruhig weiter, wenn der Mast auch bricht ...« In all dem Ungemach tauchte außerdem regelmäßig, wie vom Teufel befohlen, ein feindliches Schiff auf, Korsaren, Seeräuber, dunkles Gelichter, das zu entern versuchte, aber selber in den tosenden Höllenschlund hinabgerissen wurde. Wer anderen eine Grube gräbt ... Die Widrigkeit der Umstände war an sich so beschaffen, dass sie den kühnen Helden meiner Geschichte hätte den Garaus machen müssen, wenn diese nicht, wie heutzutage die Helden der Fernsehkrimis, durch die Macht der Kolportage unkündbar auf das Glück des Tüchtigen und Moralisten abonniert gewesen wären.

Eines Tages jedoch bekam ich das aufdringliche Glück satt. Ich versenkte mein Leseschiff mit eigener Hand. Ein neues Zeitalter meines literarischen Bewusstseins war angebrochen. Tragödische Gefühle erwachten und forderten ihr Recht. Zunächst folgte die Zeit der germanischen Götter- und Heldensagen. Die Asen verdämmerten, und die Nibelungen gingen einer nach dem anderen im Schwertkampf dahin. Mir schien es richtig. Was ein Held ist, ein richtiger, der geht vorbildlich zugrunde. Wer das nicht schafft, ist Zivilist. Im Stadtwäldchen wurde das Kriegerdenkmal eingeweiht: »Unseren gefallenen Helden von 1914-1918«. Mein Vater war auch all die Zeit Soldat in diesem Krieg gewesen. Als er sich von der großen Schützenfestsauferei fortholen ließ, sagte ein Federbusch zu ihm, er wäre ein mieser Zivilist. Nachträglich dachte ich darüber nach, ob der Vater nicht besser getan hätte zu bleiben. Vielleicht ist auch der ein Held, der untern Tisch fällt. Meine derzeitige Literatur und die Erzählungen der Männer, mit denen ich oft zu Holze fuhr, boten zahlreiche Beispiele von stark pokulierenden Helden.

Hernach eroberte sich das Kino meine literarischen Sympathien. Es setzte die angebrochene tragödische Weltschau in andere Zeiten und Gegenden um. Der Stummfilm »Ben Hur« riss alt und jung zu Entsetzensschreien hin. Auf die mageren Christen wurden Löwen losgelassen. Vom fetten Kaiser Nero. In der Schulpause stahl ein Junge einem Mädchen einen gotisch mageren Schokoladenweihnachtsmann und aß ihn auf. Die Tat hinterließ Spuren. Der Täter wurde erkannt. Ihm drohte der Rohrstock und noch Übleres. Wir waren dafür, dass die Tat durch den Herrn Lehrer gerochen werde. Gemaust wird nicht. Der Sünder wurde zum Kadi geschleppt und dabei unflätig beschimpft. Man muss die Feste, wo sich die Zunge erlaubterweise unflätig geben darf, feiern, wie sie fallen. Unterwegs entfuhr mir der Ausdruck: »Du christenfressendes Löwenvieh!« Darauf erzitterte der arme Sünder so sehr und fing so jämmerlich zu heulen an, dass wir übereinkamen, er wäre damit genug gestraft. Macht des Wortes ... Für eine Zeit lang gedachte ich daraufhin, Pastor zu werden. Da hätte ich jeden Sonntag Allmachtswörter von der Kanzel schmettern können, solche und noch andere: »Ihr Ottern- und Schlangengezücht ...« Den Reichen und den Geizigen und dem Schutzmann Lalle mitten ins Gesicht. Doch da wir mütterlicherseits einen Pastor in der Familie hatten, dem der Frieden mit dem Landrat heilig, dem das Nehmen seliger war denn das Geben, versiegte mein literarischer Protestantismus recht bald. Außerdem kannte ich eine Pastorentochter mit einer Schuhgröße, welche nicht dem literarischen Maß des Fußes schöner Jungfräulichkeit entsprach.

Ich sagte schon: Mit zunehmenden Jahren begann der mir nicht oder nur höchst ungenau vorstellbare Ausdruck »deutsches Vaterland!« meine literarischen Provinzen zu regieren. Das Kino, was man unbedingt gesehen haben musste, wenn es alle vier Wochen in den Gasthof kam, hatte seine Aktie daran. Mit zehn oder elf Jahren erlebte ich mit meinen Altersgenossen den Tonfilm »Andreas Hofer«. Es war ein nachhaltiges Erlebnis. Damals gingen wir noch nicht aus dem Kino und vergaßen die Aufregung an der nächsten oder übernächsten Straßenecke. Wir lebten und spielten die Aufregung noch monatelang mit fast grausamem Ernst weiter. Der felsige Knochen in den Wiesen verwandelte sich in den Berg Isel, wo die auf alle Fälle deutschen Freiheitsbäuerinnen mit Preiselbeeren und Wurfgeschossen wohl versorgt, die anrückenden »Franzosen« erwarteten. Gott, wurden da die unansehnlichsten Mädchen sogar auf einmal schön und familiär begehrenswert! Wen aber das bittere Los getroffen, Franzose mit der roten Hose zu sein, musste in aller Wirklichkeit, nachdem die Freiheitsbauern von der Verteidigung zur Verfolgung übergegangen waren, zusehen, dass er Boden gewann. Auch die Mädchen, unsere »Weiber«, griffen zu den Waffen, zu Stöcken und Steinen, und warfen, schrien, schlugen, zausten, kratzten, bissen auf das Tapferste an unserer Seite. Gar mancher Franzose biss da auf der Flucht vorübergehend jammervoll ins Gras. Gerettet, »erlöst« war der Feind erst dann, wenn er den Gartenzaun der Sonntagsschule mit Handschlag erreichte. Die Sonntagsschule, der hölzerne Gemeindesaal, stand zufällig am Rande des Städtchens zu den Wiesen hin. Doch irgendwer hatte uns auch das trotzige Bismarckwort verkündet, dass wir Deutschen auf dieser Welt nur Gott zu fürchten hätten und sonst nichts. Nachdem also die Freiheitsbauern obsiegt und den frommen Anstand gewahrt hatten, zogen sie sich mit ihren Weibern schön friedlich, die Mädchen Choräle singend, die Jungen Kuhhirtenschreie ausstoßend, auf ihre heimatlichen Berge zurück. Den Hofer verbargen sie aus Konspiration an einem geheimen Ort in der Höhle unter den Haselnussbüschen. Nunmehr wurde einer, wie das Schicksal es wollte, zum Verräter bestimmt. Das Freiheitsvolk entschied, wer sich im Kampf am wenigsten hervorgetan. Dem Feigling ist allemal ein Judas eingeboren. Die »Franzosen«, durch Verrat unterrichtet, schickten ihre Greifer. Sie erschienen auf leisen Sohlen und mit finsteren Gesichtern, derweil die Bauern den Schlaf der Gerechten schliefen. So konnte er abgeführt werden, der treue Hofer, nach Mantua in Banden. Trommeln dann. Trommeln fehlten nie im Spielzeug. Die imitierte Erschießung ging bei gedämpftem Trommelklang über die Wiesenbühne. »Freiheit! Vaterland!«, rief der Held, bevor er sank. Das ließ uns im Tiefsten erschauern. Die Mädchen trieb es zu Tränen und Schluchzern. Alle schworen sich wirklich was auf Freiheit und Vaterland, wenn in Wahrheit auch niemand wusste, auf was für eine, auf was für eins. Selbst die Totschießer, die nach erfüllter Pflicht ein paar Meter abgezogen waren, zeigten sich stoisch gerührt. Aber nie hat einer bei diesem plebejischen Freiheitsspiel der Kinder, wenn ihn das Los zum Totschießer bestimmt hatte, seine elende Pflicht aufgekündigt. Und wenn es einer getan hätte, bin ich sicher, dass ihn die andern als Spielverderber gebrandmarkt hätten. Man könnte heute noch darüber erschrecken: Spielend fanden wir als Kinder schon Gefallen am süßen ehrenvollen Sterben fürs Vaterland, das keinem von uns gehörte. Das Literarische, das verdorbene Plebejische hatte uns so weit gebracht.