Pistentod in Lech - Gert Weihsmann - E-Book

Pistentod in Lech E-Book

Gert Weihsmann

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Beschreibung

Lech am Arlberg ist Österreichs prestigereichster Wintersportort mit vielen Superlativen: von der steilsten präparierten Skipiste Europas über die gediegenste Gastronomie bis hin zu edlen Geschäften für hochkarätige Gäste - ein hochalpiner Hotspot, der vor allem die noblen Repräsentanten des „alten Geldes“ anlockt. Eine Klientel, die auch andere Skiorte gerne bedienen würden - allen voran Ischgl, das unter dem massiven Après-Ski für eher finanzschwache Tagestouristen leidet. Ein Wettlauf mit allen lauteren und unlauteren Mitteln beginnt - aber steht hinter all den bizarren Ereignissen überhaupt ein Verbrechen?

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Seitenzahl: 275

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Gert Weihsmann

Pistentod in Lech

Kriminalroman

Zum Buch

Snowdown in Lech Eine Wintersaison voller Erwartungen und Superlative beginnt in den österreichischen Alpen. Nach einem schneearmen Beginn türmt sich das ersehnte Weiß meterhoch am Arlberg. Bei einem Lawinenabgang am Langen Zug kommen ein hochkarätiger Stammgast und der Hotelier Florian Moospichler ums Leben. Ein kurz vor dem Unglück geschossenes Foto zeigt eine Drohne über der Steilpiste: Wurde die Lawine etwa mutwillig abgesprengt? Während Lech die gediegensten Hotelgäste Europas hofiert, scheinen Ischgls boomende Aprés-Ski-Lokale zahlungskräftigere Touristen eher abzuschrecken. Um das Image des Tiroler Wintersportorts als kulinarischen Hotspot aufzupolieren, lädt der dortige Tourismusverband den berühmten Londoner Restaurantkritiker Andrew Stajner ins Paznauntal ein. Doch die Tourismusexperten haben nicht mit den guten Verbindungen von Stayner zu Harald Selikovsky gerechnet, jenem pensionierten Ermittler, der im Seniorenheim ›Hoher Ausblick‹ mit einem Fall konfrontiert wird, der alles sein kann: Zufall, höhere Naturgewalt oder doch ein Verbrechen …

Gert Weihsmann, 1961 in Villach geboren, lebt seit mehr als 30 Jahren in Wien. Nach zwei Jahrzehnten erfolgreicher On-Trade-Manager-Tätigkeit ist der Autor noch immer bestens mit dem österreichischen Tourismus in all seinen Facetten vertraut. Nach „Ischgler Schnee“ und „Wiener Lied“ zeigt uns der Autor im dritten Teil der „Harald-Selikovsky“-Reihe, mit welcher Vehemenz um die hochkarätigen Wintersportgäste aus ganz Europa gerungen wird – zu einem immer höher werdenden Preis.

Impressum

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Tino rischawy / unsplash

ISBN 978-3-7349-3116-1

Zitat

»Dies ist eine fiktive Geschichte in einer realen Umgebung. Aus Respekt vor den Überlebenden wurden die Namen geringfügig geändert.

Aus Respekt vor den Toten wurde der Rest der Geschichte genau so erzählt, wie sie sich ereignet haben könnte.«

(Nach »Fargo«, Ethan & Joel Cohen, 1996)

*

»Diese ganze Landschaft ist nirgendwo.«

(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe)

Minus Eins (Prolog)

Ein Beach Club auf Ibiza, Ende Oktober, kurz vor Saisonschluss.

Noch immer brannte die Sonne von einem strahlend blauen Himmel herab, eine leichte Brise strich über die Bootsanlegeplätze vor dem Strandklub hinweg, und unter mächtigen Markisen saß eine Gruppe von Gastronomen, hier auf den Balearen genauso wie im heimatlichen Tirol zu Hause. Es war nicht nur ein Business-Meeting, sondern vor allem eine Krisensitzung, die besonders die kommende Wintersaison betraf.

»Die Nacht in Ischgl ist tot«, befand Jens Vau und knöpfte sein eng tailliertes weißes Hemd noch ein paar Zentimeter weiter auf.

Mit seinen dunkel gefärbten und bis zur Schulter reichenden Haaren wirkte er wie eine schmierige Ausgabe des jungen Alain Delon: auf der einen Seite von Alkohol und Luxusdrogen entstellt, andererseits kaum von Abnützung durch ehrliche Arbeit gezeichnet, obwohl Vau Fliesenleger gewesen war, worauf ihn allerdings niemand ansprechen durfte – es sei denn, man stand auf eine Kickboxattacke aus kurzer Distanz.

Jens Vau griff nach der Jeroboam-Flasche Rosé-Champagner, befüllte die Burgundergläser mit dem französischen Schaumwein und wiederholte seine Standardaussage, »die Nacht in Ischgl ist tot.«

»Welche Nacht?«, fragte seine ehemalige Frau Maddie, deren Familie in Ischgl zwei Hotels und hier auf Ibiza diesen Beachclub besaß. Alle drei Unternehmen waren tief in die roten Zahlen gerutscht und wurden nur durch obskure Investoren am Leben gehalten. Was niemanden von den Familienmitgliedern davon abhielt, Luxusautos wie Hemden zu wechseln, teure Colliers und Armbanduhren quer über den alten Kontinent einzusacken und Rosé-Champagner anstelle von Leitungswasser zu schlürfen.

»Umsatzrückgänge im Pasha, im Blue Coyote und vor allem im Double-Zero-Hotel«, führte der eingeflogene Buchhalter namens Bernd aus, der seit zwei Jahrzehnten mit mindestens einem Fuß im Kriminal stand, weil von den Tagesabrechnungen bis zur Schlussbilanz alles so kosmetisch zurechtgerückt war, dass die Finanzbehörden möglichst wenig einnahmen und die skeptischen Investoren aus Südosteuropa zufriedengestellt waren.

»Das sind doch unsere Betriebe«, rief Maddie erschrocken, strich ihren Versace-Badeanzug zurecht und überlegte, ob sie nicht gleich zu einer letzten Shoppingtour nach Barcelona aufbrechen sollte.

»Ganz recht«, pflichtete ihr Cousin mit den hohlen Wangen und den gierigen Blicken bei, ein ehemaliger Weinvertreter, der eher das Kunsthotel als Maddies Schwester geheiratet hatte und jetzt trotzdem beides besaß, bis auf Widerruf jedenfalls, wie alles hier auf Widerruf existierte. Solange man das Finanzamt auf Distanz halten konnte. Und Opa Adler, das langmähnige Familienoberhaupt mit den krausen Visionen, an seinem Ischgl des 21. Jahrhunderts feilte.

Die tiefere Wahrheit dagegen lautete: Das Geschäftsmodell der Familie Adler war schon seit Jahren mehr als infrage gestellt. Nicht zuletzt durch niveaulos gewordene Après-Ski-Horden, die höchstens ein paar Becher Bier und Dutzende Jägermeisterminiaturen inhalierten, anschließend den halben Ort vollkotzten und danach bewusstlos in ihren Reisebussen zurück nach Ostmähren oder Südbayern gekarrt wurden.

»Richtig trostlos ist das«, ereiferte sich Maddie und trank den Burgunderkelch mit dem Rosé-Champagner aus, »bei solchen Aussichten schmeckt sogar dieser Sprudel nach –, wie heißt dieses Unwort mit den fünf Buchstaben?«

»Armut«, antworteten Jens Vau, der Buchhalter, der Tourismusobmann und der Bürgermeister von Ischgl wie aus einem Mund. Der Tourismusobmann war ein blonder, leicht versoffener Schönling, der die letzten beiden Saisonen im Koksrausch verbracht hatte. Er spielte gerade Bauernschnapsen mit sich selbst und bevorzugte einen polnischen Prestigewodka anstelle des femininen Champagners. In den letzten zwei Stunden hatte er eine Magnumflasche im Alleingang absolviert und peilte nun die Drei-Liter-Version mit der persönlichen Widmung eines bekannten Influencers als neues Tagesziel an. Die beigestellten Energydrinks im überdimensionierten Eiskühler hatte er bis jetzt geflissentlich ignoriert.

»Armut«, wiederholte der Bürgermeister von Ischgl, der drei Meter neben dem Tagungstisch auf dem Boden lag und mit dem Hausmops spielte. Das Tier ignorierte den Bezirkspolitiker genauso beharrlich wie die übrigen Meetingteilnehmer. Nur wenn der Bürgermeister versehentlich in den Napf mit dem Trockenfutter griff, schnappte Petzi nach der Politikerpranke. Der vierbeinige Liebling der Adler-Familie war ein dänischer Mops aus königlicher Zucht, ungefähr 10.000  Euro wert und mit einem Stammbaum ausgestattet, der weit hinauf ins 13. Jahrhundert reichte: als Ischgl urkundlich noch gar nicht erwähnt war und sich im Paznauntal eher Bären als Menschen herumtrieben. Den Bürgermeister und den koksenden Tourismusobmann hatten die Ischgler Gastronomen nur eingeflogen, um hemmungslosen Lobbyismus für die nächsten Gemeinderats- und Tourismusverbandssitzungen zu betreiben.

»Der Après-Ski gehört heruntergefahren, dessen Sperrstunde wieder auf 19.30 Uhr vorverlegt, danach gepflegtes Abendessen, etwas hochkarätiger Wein, anschließend Tabledance, Nachtklubatmosphäre mit Dancehall, geilen DJs und Gogos für alle Geschmäcker«, skizzierte Jens Vau seine Visionen für die Ischgler Nächte 3.0 und knöpfte sich das eng taillierte Hemd ganz auf. »Für die Rückkehr ins profitable Nachtgeschäft benötigen wir allerdings zahlungskräftige Touristen und nicht das Gesindel, das wir im Augenblick eher widerwillig bedienen.«

»Die Inflation«, begann der mit dem Mops spielende Bürgermeister zu wimmern, »die hohen Energiekosten und die fehlenden Sparreserven. Die Leute sind an der Grenze ihrer Belastbarkeit angekommen.«

»Ich rede nicht von Leuten«, fiel ihm Jens Vau ins Wort und versuchte, die Erinnerung an seine Zeit als Fliesenleger aus dem Stammhirn zu scheuchen, »ich rede von edlen Gästen, vom alten Geld, das sich seit Jahrhunderten von selbst vermehrt, ich rede von …«

»… nicht von Lech, bitte schön«, wagte der blondmähnige Tourismusobmann einzuwenden, »das ist eine ganz andere Liga.«

»Ich meine sehr wohl die Gäste vom Arlberg, die distinguierten Milliardäre, die sich gefälligst zu uns verirren sollten und nicht in dieses Hochtal bei den ­Gsibergern drüben. Unsere irrwitzigen Investitionen in das neue Thermalbad und die riesige Parkgarage haben sich bislang auch nicht rentiert, wir brauchen weder warmes Heilwasser geschweige denn noch mehr Beton, wir benötigen die Geldbündel der Hocharistokratie, der solventen Industriekapitäne oder wenigstens der 100 wichtigsten CEOs in der Europäischen Gemeinschaft zusammen.«

»Du wirst dieses Publikum nie vom Arlberg herunterbekommen«, maulte der Bürgermeister und wurde dafür von Jens Vau mit einem Gummiknochen beworfen, auf den sich umgehend der überfressene Mops stürzte.

»Wenn es doch wahr ist«, fügte der Bezirkspolitiker beleidigt hinzu und sah zur Bootsanlegestelle hinaus, wo gerade die Jacht eines mittleren Oligarchen anlegte.

»Da scheinen sogar noch Gäste zu kommen«, flüsterte er kleinlaut vor sich hin, ein willfähriger Spielball der mächtigen Hotelierfamilien in Ischgl.

»Du lenkst vom Thema ab«, antwortete Jens Vau verärgert und wandte sich seiner Ehefrau, dem Schwager sowie dem Obmann vom Touristenverband zu, »die Stoßrichtung ist klar. Weg mit dem Après-Ski, Wiedereinführung des Nachtlebens, Ausbau der Spitzengastronomie und vor allem her mit den illustren Gästen aus Lech. Gerne auch aus Sankt Moritz oder Gstaad, aus dem Tessin und den Südtiroler Spitzenadressen. Ischgl muss wieder zu dem werden, was es früher gewesen ist.«

»Eine Drogenhölle«, lallte der Tourismusobmann und zwinkerte mit den weihnachtlich entzündeten Augen.

»Unsere Schatzi-Bar ist doch auch Après-Ski«, wandte der hohlwangige Schwager ein und schabte mit seinen langen Fingernägeln an der Tischplatte herum.

»Ausnahmen wird es immer geben«, beruhigte Jens das angeheiratete Familienmitglied und holte ein zerknittertes Foto aus seinem Portemonnaie. »Wisst ihr noch, wer dieser Typ ist?«

Er legte die Aufnahme auf die Tischplatte, drehte sie mit spitzen Fingern im Kreis herum und warf sie dann wie zuvor den Gummiknochen zum Ischgler Bürgermeister hinüber, der neben dem adeligen Mops einzuschlafen drohte, das müde Haupt in den Hundenapf mit dem Trockenfutter gebettet.

»Das ist der Kerl, der vor zwei Jahren mit 370.000 Euro aus dem Pasha Club getürmt ist«, ereiferte sich der Buchhalter, »20 teure Cognacflaschen hat er auch noch mitgenommen und sie auf seiner Osttiroler Schutzhütte als Asbach Uralt verscherbelt.«

»Genau deswegen schuldet uns dieser Kerl noch etwas«, lächelte Jens und zog sich das eng taillierte Hemd ganz aus. In einem anderen Leben wäre er gerne Pornodarsteller geworden, der als Fliesenleger verkleidet Dutzende Frauen flachlegen würde, was gutes Geld und jede Menge Fun eingebracht hätte, in seiner etwas derangierten Vorstellung vom Glück wenigstens.

»Der ist doch längst in ein sicheres Drittland geflohen«, mutmaßte der Buchhalter und zählte die Verfehlungen des ehemaligen Hoteldirektors auf: »Höhere sechsstellige Beträge veruntreut, teuerste Flaschen gestohlen, das digitale Boniersystem sabotiert und obendrein zwei rumänische Tänzerinnen geschwängert. Sonst noch etwas?«

»Ach ja, einen unserer geleasten Maseratis hat er sich auch noch geschnappt, dieser Halunke und Sprengmeister.«

»Genau deswegen brauchen wir ihn«, lächelte Jens und schenkte noch etwas Rosé-Champagner nach, diesmal nur für sich selbst. »Wovor haben die Touristen im Winter am meisten Angst?«

»Dass es keinen Schnee gibt«, murmelte der Tourismusobmann ausweichend, weil er das Gefühl hatte, sich damit aufs Glatteis böser Unterstellungen zu begeben.

»Dafür hat jemand Schneekanonen erfunden oder wenigstens finanziert«, lächelte Jens und schaute von sich selbst überzeugt in die versammelte Runde.

»Wir alle waren das«, seufzte der Bürgermeister. »Mehr als eine Million Euro pro Monat kostet der Spaß, den sämtliche Gemeindebürger zusammen bezahlen.«

»Wovor haben die Leute so richtig Angst?«, wiederholte Jens seine Frage und ignorierte den volkswirtschaftlichen Hinweis des Gemeindeoberhauptes.

»Dass es zu viel Schnee gibt«, antwortete Maddie, »dass die Gäste eingeschneit werden und nicht wieder rauskommen aus Ischgl, dass sie ihren Flug nach Irgendwohin nicht erwischen und ein paar Nächte extra zahlen müssen. Dass eine Lawine abgeht wie damals in Galtür drüben, dass …«

»Ganz genau«, pflichtete ihr Jens Vau bei, »eine Lawine macht Angst. Unser Gebirgstsunami, der alles mit sich reißt. Sehr gut analysiert«, grinste der verhinderte Pornodarsteller über das ganze Gesicht, »eine Lawine hier, eine dort, versperrte Fluchtwege und verwehte Gebirgsstraßen, dazu jede Menge Shitstorm von überall her – wenn es um die eigene Sicherheit geht, versteht niemand mehr Spaß. Dann wollen alle nur noch weg. Runter vom Berg und herüber zu uns. Genau wie wir es gewollt haben. Ohne dafür auch nur einen Finger zu krümmen.«

»Das Problem ist nur: Wann fällt heutzutage noch so viel Schnee?«, wandte der Obmann des Tourismusverbands ein. Der Bürgermeister von Ischgl kaute an einem Stück Hundetrockenfutter herum und überlegte, ob er etwas möglichst Bedeutendes hinzufügen sollte. Das Stück Trockenfutter schmeckte gar nicht so schlecht, wie ein dehydrierter Keks aus Leberstücken oder anderen Innereien. Irgendwie nach Tiroler Gröstl, nur jeder Feuchtigkeit beraubt, etwas hart und doch irgendwie sexy: molekularküchenfähig.

»Man braucht nicht mehr als einen halben Meter Neuschnee. An den richtigen Stellen. Und ein Sprengmeister weiß, wo man sie findet.«

»Aber wo ist dieser Kerl?«, fragte Maddie irritiert. »Er kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben.«

»In San Luca, Kalabrien, einer Mafiahochburg. Er hat sich dort eine kleine Wohnung gekauft und versucht, inkognito über die Runden zu kommen. Über ein paar gute Freunde im Darknet habe ich ihn aufspüren lassen. Ich weiß, wo er steckt, und da ich ihn in der Hand habe, wird er wohl machen, was wir von ihm verlangen. Das klingt nach einem Plan, oder?«

Maddie drückte ihrem Mann ein Küsschen an die rechte Wange und empfahl sich für den Rest des Tages nach Barcelona. Spätestens gegen Mitternacht würde sie mit dem geleasten Privatjet zurück sein, in Begleitung neu erworbener Schmuckstücke von den Nobeljuwelieren in Kataloniens teuerster Ecke.

Der Tourismusobmann verschwand auf eine weiße Sperrlinie im Herren-WC und der Schwager versuchte, den mittleren Oligarchen am Nebentisch um 50.000 Euro zu erleichtern. Ein Spiel, das mühelos aufging. Geld spielte hier im Tikko-Beach-Club keine Rolle: Es war nicht einmal zu sehen, alles wurde diskret von den schwarzen Kreditkarten betuchter Gäste abgebucht, allenfalls lag hinterher ein sattes Trinkgeld in bar auf dem Tisch. Neben den geleerten Maremma-Großflaschen. Und einer riesigen Seafood-Platte, die keiner der Gäste auch nur angerührt hatte.

Der Bürgermeister von Ischgl schlief auf dem Boden, mit dem Luxusmops in den Armen. Jens Vau strich zufrieden über seinen nackten Oberkörper und war von sich selbst begeistert. Er hatte einen Plan für die nächste Wintersaison. Alles in Ischgl würde auf den Kopf gestellt werden, und es würde so einfach aussehen, so selbstverständlich, wie harmlose Würfel, die aus einem Pokerbecher geschüttelt wurden und quer über die Tischfläche rollten. Wie in einem gewöhnlichen Glücksspiel. Mit einem etwas außergewöhnlichen Einsatz. Auf Gedeih und Verderb, auf Leben und Tod. Ökonomisch ausgedrückt: auf Sein – und auf Haben.

1 Null – Erdgeschoss

Moospichler senior beugte sich aus dem geöffneten Fenster, wandte den hageren Oberkörper nach links und versuchte, hinauf zur Rüfikopfspitze zu sehen, hielt mitten in der Bewegung inne und begann die kalte Luft in der Nasenhöhle und im halb geöffneten Mund wahrzunehmen: Überall in seinem Kopf roch und schmeckte er Schnee. Noch schien die Sonne von einem fast wolkenlosen Himmel auf Lech herab, aber die Wettervorhersagen kündigten einen Temperatursturz samt Schneestürmen und orkanartigen Böen an. Der Flughafen Zürich-Kloten stand bereits vor der Schließung, und die Anreise einer Familie des europäischen Hochadels würde sich um einige Stunden verzögern. Der Privatjet der royalen Entourage war zwar wohlbehalten gelandet, aber die Straßen Richtung Österreich schienen aufgrund starker Schneeverwehungen kaum passierbar geworden zu sein. Auch die Luft in Lech roch Moospichler senior zufolge bereits eindeutig nach Schnee.

Noch war der Rüfikopf in gleißendes Sonnenlicht getaucht, und auf dem Langen Zug waren Dutzende Skiläufer unterwegs, um den Nervenkitzel einer der steilsten Skiabfahrten der Welt zu genießen: maximales Gefälle 80 Prozent – auf einer Länge von weit weniger als einem Kilometer war ein Höhenunterschied von 400 Metern zu überwinden. Schon bei idealen Verhältnissen eine Heraus­forderung, erst recht nach schweren Schneefällen und bei akuter Lawinengefahr. Der kurze Verbindungslift zur steilen Rinne des Langen Zugs blieb dann zwar geschlossen, aber viele Skienthusiasten stapften mit den Brettern auf den Schultern die Trasse des Schafalpliftes hinauf und fuhren wenig später im hüfthohen Tiefschnee die steile Rinne hinab, allen Warnungen von einheimischen Liftwarten oder Skiführern zum Trotz. Ab und an wurde durch die Unvorsichtigkeit der Skitouristen eine Lawine ausgelöst, die gar nicht so selten auch den einen oder anderen Freizeitsportler erfasste, mit in die Tiefe riss und in ihren Schnee- und Eismassen begrub – mitunter zu lange, um noch gerettet zu werden. Oft wurden die Lawinenopfer erst nach einigen Tagen von den Einsatzkräften der örtlichen Polizei und der Freiwilligen Feuerwehr aus den zusammengepressten Schneemassen geborgen, mit erfrorenen Gliedmaßen, jeder Menge Eis in den Atemwegen und starr aufgerissenen Blicken aus längst gebrochenen Augen.

Wenn man die Schneeverhältnisse und die hohe Lawinengefahr unterschätzte, konnte es lebensgefährlich sein, sich in der idyllischen Bergwelt zu bewegen. Einige Touristen verließen Lech tatsächlich in einem Sarg, der vom Arlberg nach Zürich oder Friedrichshafen transportiert wurde, um später von einer Frachtmaschine in die Niederlande, nach Belgien oder einem anderen Herkunftsland des Verunglückten geflogen zu werden. Seit Jahrzehnten gab es dieses Wechselspiel aus sanftem Wintertourismus und tödlichen Einzelschicksalen, und manchmal fielen den Lawinen sogar Einheimische zum Opfer, Leute, die sich in der Gegend wie in ihrer Anoraktasche ausgekannt hatten: Der Scholz, der Scheider, die Schafl-Familie oder ein anderer Spross der vielen Walsertaler von Lech lagen dann aufgebahrt in der Steinkirche, wurden nach der Einsegnung zwischen meterhohen Schneehaufen in der betonharten Wintererde begraben und nach und nach aus dem kollektiven Gedächtnis des Ortes gestrichen. Wie ein Unwetter, das weitergezogen war oder ein Sturm, der sich gelegt hatte.

Hohe Kumuluswolken strichen langsam über die Bergkämme von Oberlech und kündigten das nächste Tiefdruckgebiet an, das bald über den berühmten Wintersportort hereinbrechen würde: Lech, weit über Österreichs Grenzen hinaus für seine hochkarätigen Wintergäste bekannt und im Sommer bei Literaten, Künstlern und Philosophen beliebt, ein Ort ruhigen Konsumierens auf höchstem Niveau, ein beschaulicher Gegenpol zu den lauten Après-Ski-Hochburgen von Stanton upon Arlberg, Sölden und Ischgl.

»Adam von Seelbach wird in einer Stunde erscheinen. Sein Konvoi befindet sich bereits in Liechtenstein unweit der österreichischen Grenze.«

Die Stimme des ältesten Sohnes, Florian Moospichler, Mitte 40, Spitzenhotelier und nach der Matura mehrsprachig in Zürich, Marseille und Cambridge bei London erwachsen geworden. Dasselbe Gesicht wie der Senior, nur ohne Falten und Leberflecken, mitten im Leben stehend, verheiratet, Vater von drei prächtigen Kindern – alles in seinem Leben war gediegen, ohne Makel und Fehl, ohne die kleinste Entgleisung.

Moospichler senior schloss seufzend das Fenster, drehte sich um und lächelte milde. Seit ein paar Jahren war er nur noch für das Frischgebäck und die Blumendekoration zuständig, die letzten beiden Aufgabenbereiche, die ihm geblieben waren, genau dieselben, die zwei Jahrzehnte zuvor seine Mutter bis zu ihrem Tod ausgeübt hatte, hier im Hotel Alpenpost, gleich am Anfang der Hauptstraße, eines der ersten Häuser, wenn man von Zürs herkommend zunächst das Biomassewerk und dann das Ortsschild passierte. Das Jourgebäck und die Schnittblumen würden Moospichler senior bleiben, bis auch er eines Tages zusammensacken und irgendwo in diesem Fünf-Sterne-Superior-Hotel sterben würde, auf dem Perserteppich in der Lobby, gleich neben dem Kaminfeuer, am Rande des Speisesaales oder in einem Korridor zwischen dem Alpen-Spa und den Suiten. Irgendwo in den vertrauten Räumlichkeiten würde es mit ihm zu Ende gehen, aber noch war er hier, lächelte altersweise seinem Sohn entgegen und freute sich wie ein Kind – oder der Greis, der er war – auf das Eintreffen der hochadeligen Familie Seelbach aus den Niederlanden oder aus Belgien, er wusste es selbst nicht genau, brachte mittlerweile die Namen und Ehrenbezeichnungen durcheinander und verstand die Welt immer weniger, die sich fernab der vertrauten Beschaulichkeit ereignete, jenseits der Arlberger Walsergemeinden, seinem Stück Heimat.

Als Moospichler senior das Alpenpost-Hotel von seinen Eltern übernommen hatte, war es ein besseres Schutzhaus gewesen, ohne Indoor-Pool, ohne Ayurveda-Spa-Anlage, ohne Magnum-Weinkeller. In den ersten Nachkriegsjahren kamen die Gäste noch mit Rucksäcken und Tourenskiern nach Lech, verbrachten ein paar stille Tage in der Wintereinsamkeit und labten sich abends am Raclette-Fondue, an der berühmten Klein-Walser-Taler-Käsesuppe und an anderen lokalen Spezialitäten, die längst von der Speisekarte gestrichen und durch französische, asiatische oder vegane Gerichte ersetzt worden waren. Die Welt hatte Lech genauso erobert wie alle übrigen Orte hier oben am Arlberg oder drüben in Tirol oder in der gar nicht so weit entfernten Schweiz.

»Es riecht tatsächlich nach Schnee«, murmelte Moospichler senior und deutete auf die Wolkenbank hinüber, die über Oberlech hereinzubrechen begann, die ersten Schneeflocken tanzten bereits vor den Fenstern und im Wetterbericht wurde vor Schneeverwehungen, Glatteis und möglichen Straßensperren gewarnt.

»Ein paar Tage Schneefall wird unserem Tourismus guttun«, antwortete sein Sohn, »im Dezember hat es ja kaum geschneit, Weihnachten und Silvester haben wir großteils bei Kunstschnee, wenn auch bei strahlendem Wetter verbracht, wir brauchen den Schneefall dringend, der Arlberg ist bekannt für seine Schneesicherheit. Anderthalb oder zwei Meter vom weißen Gold bringen uns wieder viele Übernachtungen zu Höchstpreisen und hochsolvente Gäste, die es sich an nichts fehlen lassen, allen voran«, fuhr Moospichler junior fort, »die Familie Seelbach aus den Niederlanden, die uns schon zum fünfzehnten Male beehrt. In einer halben Stunde wird der Konvoi vorfahren und die adeligen Familienmitglieder werden mitsamt ihrer Entourage das gesamte oberste Stockwerk beziehen. Das alte Geld, wie du weißt, Papa, das alte Geld besucht uns wieder. Jenes Vermögen, das niemals ausgehen, sondern von Generation zu Generation weitergegeben und vermehrt wird, komme und koste, was es auch wolle.«

»Du wirst wieder den Bergführer für Adam von Seelbach spielen«, lächelte Moospichler senior und klopfte seinem Sohn auf die Schulter, »aber wenn es wirklich so viel schneit, wird die Lawinengefahr immens hoch sein.«

»Sobald die Niederschläge aufgehört haben, können die Wechten auf den Bergkämmen weggesprengt werden«, beruhigte der junge Moospichler, »dann ist die Gefahr vorüber und die tief verschneiten Pisten stehen für gführige Schwünge hochkarätiger Touristen bereit. Wir werden uns die Winterpracht nicht entgehen lassen, seine Exzellenz Adam von Seelbach, dessen heranwachsenden Söhne und nicht zuletzt: ich.«

Das Selbstbewusstsein stand dem jungen Moospichler ausgezeichnet, passte zu seinem durchtrainierten Körper, den hochwertigen Kleidungsstücken aus Vorarlberger Loden und dem fetten Chronografen auf dem behaarten linken Handgelenk. In wenigen Minuten würden Dutzende Sicherheitsbeamte den Eingang des Alpenpost-Hotels sichern, und die hochadeligen Familienmitglieder der Seelbachs würden unbehelligt von der Regenbogenpresse bei einsetzendem Schneefall über den rotgoldenen Teppich die Stufen hinauf zum Eingang des Alpenpost-Hotels schreiten.

*

Andrew Stayner betrat die Lobby des TR-Hotels in Ischgl. Vor nicht einmal zehn Minuten war er in einem schweren Mercedes durch das High-Energy-Skiresort kutschiert worden, von der Fimbabahn ausgehend, am M-Hotel und der sogenannten Post (ein Vier-Stern-Superior-Etablissement und kein Postamt) vorbei, zu einer Art Heustadel namens Silvretta samt eingebautem Après-Ski und anderen architektonischen Knieschüssen der Postmoderne hinüber. Auch wenn die Seitenfenster der Limousine angelaufen und vom einsetzenden Schneefall benetzt waren, bestand kein Zweifel, dass das traurige, hochalpine Etwas dahinter schon bessere Saisonen erlebt hatte. Vom einstigen Glamour der »Relax-If-You-Can«-Gesellschaft war wenig übrig geblieben – außer angestaubte Champagnergroßflaschen, überhöhte Preise und Kellner, die es vor allem auf die Barschaft der einfallenden Gäste abgesehen hatten.

Andrew brauchte nicht einmal eine Viertelstunde, um das Desaster dieser hochalpinen Eskalation mit jeder Faser seines sarkastischen Verstands wahrzunehmen: Das Geschäftsmodell dieses Ortes bestand darin, die meist internationalen Touristen innerhalb kürzester Zeit mit größtmöglicher Vehemenz auszunehmen und das Ganze mit einem Fuck-You in Tiroler Mundart zu krönen. Der Preis für ein Glas Champagner an der Hotelbar konkurrierte mühelos mit dem Dorchester in London, und das sogenannte Degustationsmenü des Hauses, in einer sogenannten Stube mit Hunderten ausgestopften Opfern örtlicher Wilderei serviert, kostete kaum weniger als das »Signature Menü« im Pariser Le Cinq, jener drei-Michelin-Sterne-Hütte, die von Andrew vor geraumer Zeit in rüdesten Worten journalistisch hingerichtet worden war – was zu gegenseitigem Ruhm geführt hatte: Foodiejünger aus der ganzen Welt hatten unmittelbar nach der Kritik ihr nächstes Dinner im kulinarisch wertlosen Tanzsaal des versnobten Hotels gebucht, und Andrew sah sich in diversen Talk-Shows im angloamerikanischen Raum wieder, wahlweise als Moderator, Stargast oder das Arschloch von nebenan, das mit seinem schwarzen Humor britischer Prägung brillierte – wenigstens den Londoner Medien zufolge.

Nicht zuletzt aufgrund dieser bereits Jahre währenden Entrüstung hatte der Paznauntaler Tourismusverband beim Guardian, der journalistischen Wahlheimat von Andrew Stayner, angeklopft und den Gastronomiekritiker zu einem »culinary trip« eingeladen beziehungsweise angebaggert beziehungsweise genötigt. Eigentlich hatte Andrew in weniger als zwei Zeilen absagen wollen, aber da die Trüffelweltmeisterschaft in Alba wegen schwerwiegender Streitigkeiten zwischen dem »Consorzio dei Tartufi« und dem Rest der Welt abgesagt worden war, die Vertikalverkostung von Mouton-Rothschild-Weinen in Qatar alles andere als politisch unverdächtig einzustufen und Redzepis Projekt einer veganen Pop-Up-Burgerbude in der nördlichen Mongolei mangels Flugverbindungen auf unbestimmte Zeit eingestampft worden war, hatte Andrew Stayner dem Lobbyvorstoß des Tiroler Tourismusverbands nachgegeben und widerstrebend eingewilligt, diesen Wintersportort an der Schweizer Grenze zu besuchen. Nach Andrews Zustimmung begann das Reiseprozedere eines prominenten Influencers: mit dem Ausdrucken der elektronischen Business-Class-Tickets, dem Packen zweier Koffer mit Maßanzügen, Seidenkrawatten und taillierten Hemden aus der Savile-Road und dem Besteigen einer Bentleylimousine nach London-Heathrow. Kurz nach 8 Uhr morgens war Andrew am Flughafenterminal abgesetzt worden, hatte alle Fast-Lanes innerhalb von zehn Minuten absolviert und in der ersten Reihe einer österreichischen Airline Platz genommen, um über Frankfurt und München Richtung Innsbruck zu hoppen, einem Flughafen, der zu den zehn gefährlichsten dieses Planeten gehörte, mit einer Landebahn ausgestattet, die nur mit einer besonderen Fluglizenz (wahrscheinlich für Waghalsigkeit und allgemeinen Lebensüberdruss) angeflogen werden durfte.

Nach seiner Ankunft in Innsbruck-Kranebitten war Andrew Stayner von einem Chauffeur in einem fetten Mercedes nach Ischgl ins TR-Hotel gebracht worden, und nun stand er hier in der Lobby dieses 5-Sterne-Superior-Hotels, das von einer Skipiste, zwei Après-Ski-Lokalen und Legionen betrunkener Osteuropäer wie von feindlichen Armeen umzingelt war. Die Atmosphäre auf der Dorfstraße draußen erinnerte jedenfalls an einen entgleisten Karneval, eine unangemeldete Demonstration britischer Horrorclowns oder an die Prozession von Hooligans kurz vor dem Anpfiff des Champion-League-Finales.

In der weitläufigen Hotelbar standen ein paar ältere Typen aus Deutschland, der Schweiz und Norditalien herum, anscheinend befreundete Mittelstandsunternehmer, die sich für ein paar Tage von ihren traurigen Familien losgelogen hatten und in diesem Skiresort die Kuh fliegen ließen, worunter die angegrauten Mittfünfziger das Herumhopsen in spärlicher Bekleidung auf den Holztischen diverser Unterhaltungslokale verstanden, unter der Aufsicht von rumänischen Tänzerinnen und Champagnerflaschen in der Größe mittlerer Nordseestrandhütten.

»23 Hauben innerhalb von 200 Yards«, hatte Andrew in der offiziellen Einladung des Tourismusverbands gelesen. »Hauben, was für verdammte Hauben?«, hatte sich der Gastronomiekritiker aus London gefragt, weil innerhalb seines Wirkungsbereiches nur die Sterne des französischen Reifenproduzenten und das 100-Punkte-Weinbewertungsprogramm des bereits angejahrten amerikanischen Rechtsanwalts existierten, zwei der unnötigsten, überschätztesten wie gleichermaßen angesehensten Rankinglisten der Welt, wenigstens unter jenen Normalsterblichen, die sowohl die angeführten Restaurants als auch die gelisteten Weine niemals zu Gesicht bekommen würden – es sei denn, sie gewännen bei irgendeiner Lotterie den verdammten Hauptpreis.

Hauben, Gabeln und anderer Awardplunder markierten wohl die Insignien der hiesigen Gastronomiekritiker, die entweder alle miteinander verwandt waren oder wenigstens unter jener Decke steckten, in der Gratisinserate, Geldscheine oder Voucherbündel gegen das eine oder andere freundliche Wort getauscht wurden. Wie Murmeln unter Grundschülern vielleicht. Oder diese Panini-Fußballbilder, die fein säuberlich in irgendwelche Alben geklebt werden mussten.

Andrew Stayner holte einen Zettel aus seiner Sakkotasche und überflog das kulinarische Rahmenprogramm der kommenden Tage: Fast alle Restaurants trugen den Namen »Stube« entweder auf Hochdeutsch oder im lokalen Dialekt, plus dem Hotelnamen oder dem Namen des Küchenchefs oder des Wappentiers einer alpinen Sage. Andrew seufzte. Statt Seeigel, handgetauchten irischen Jakobsmuscheln und Wagyu-Beef würde er in den kommenden 120 Stunden eher Murmeltiere, Gamsböcke und Mufflone vertilgen, das Ganze an schweren Soßen verabreicht, für die wohl ein paar 100 Liter Billigportwein, Dutzende Kilo Alpenbutter und einige Salutschüsse Fernet Branca herhalten mussten.

»Fine Dining auf Gipfelniveau«, prahlte die Webseite des TR-Hotels, und gleich darunter war folgendes Statement zu lesen: »Mit dem Erfolgsgericht Paznauner Schafl mit Paprikapüree hat unser Küchenchef dem Lamm jenen Stellenwert zurückgegeben, den es verdient.«

Was genau genommen nichts bedeutete, und wenn, dann wenig Aufregendes. Schafbraten, Paprikapüree, und der eine Michelin-Stern, der vor gefühlten 30 Jahren verliehen worden war – Andrew Stayner konnte sich nicht erinnern, das letzte Mal bei einem Ein-Michelin-Sterner getafelt zu haben, vielleicht anlässlich eines Kindergeburtstages, einer Taufe, oder einer Beerdigung in den englischen Midlands, wenn es hochkam.

In einem anderen Lokal schaffte laut digitaler Kurzinformation ein Typ an, der wie ein Skirennläufer aussah und nicht viel älter als ein Vierteljahrhundert sein konnte: anscheinend der Shootingstar unter den hiesigen Küchenchefs, der Sohn eines Hoteliers und Betreibers von bereits zwei Spitzenlokalen, eines Fine-Dining-Tempels und einer Spielwiese für Aspiring Socials, also für Leute, die noch nicht so recht wussten, wo es langging auf der Erfolgsleiter zu Ruhm, Kohle und anderen Heldentaten. »Weltoffen, frech und nicht alltäglich, mit einer kräftigen Prise Kreativität«, versprach der digitale Werbetext, der Andrew vom baldigen Rückflug nach London träumen ließ, und wenn es auf einem Super-Economy-Sitz einer Ryanair-Maschine war. Klogang, Handgepäck und schwarzer Tee im Pappbecher exklusive, um nicht einmal 25 Pfund nach Luton oder einem anderen trostlosen Flughafen in Mittelengland, der sich dennoch selbstbewusst zum Großraum der britischen Hauptstadt zählte.

»Verzeihen Sie, mein Name ist Zangerl Beate, zweite Vorsitzende des Paznauner Tourismusverbandes, und Sie müssten Herr Stayner sein, Andrew Stayner, darf ich Andy zu Ihnen sagen? Hier in Tirol sind wir mit jedem per Du.«

Eine junge Frau im alpinen Outfit, wahrscheinlich einer Tiroler Tracht, lange Haare, gut geschminkt, sympathisches Lächeln, makellose Zähne und Traumfigur. Wie eine Sagengestalt aus einem billigen Landkrimi. Andrew Stayner löste seinen Blick von der oberflächlichen Onlinerecherche und fühlte, wie er nach Luft schnappte, dabei aber nur Glühwein-Aromen, zweimal Chanel N°5 und die Ausdünstungen eines mittelräudigen Rauhaardackels erwischte. Beinahe widerwillig nickte er mit dem Kopf, strich eine grauschwarze Locke aus dem Gesicht und zwang sich zu einem Lächeln der billigsten Art. Als ob er sich gemeinen Idioten, minderjährigen Psychopathen oder dem britischen König näherte – oder einer alpinen Prinzessin wie dieser Erscheinung, kaum ein Yard von seinen Atemzügen entfernt.

»Sehr angenehm«, antwortete der Starkritiker unter den Tausenden Food-and-Beverage-Journalisten, »freut mich sehr, dass Sie mich auf der Stelle erkannt haben.«

»Ist doch sonst niemand hier«, lautete die schnippische Antwort.

Und dann lachten sie beide, so laut und unbeherrscht wie zwei Oberstufenschüler eines Provinzgymnasiums, die sich erst 25 Jahre später wieder über den Weg laufen würden, und wenn es in einem Irrenhaus war.

»Champagner?«, fragte die blonde Prinzessin des örtlichen Tourismusverbands.

»Champagner«, bekräftigte Andrew und dachte, dass die Bezeichnung für gehobenen französischen Sprudel genau dieselbe universelle Bedeutung hatte, wie »Fuck You« oder »Leck mich am Arsch«.

*

Die Seniorenresidenz Hoher Ausblick lag im oberen Inntal, ziemlich genau über Telfs, einer unbedeutenden Kleinstadt, die für drei Dinge bekannt war: für ein Maschinenbauunternehmen, das inzwischen von Hongkong-Chinesen aufgekauft und stillgelegt worden war, ein verwaistes Bordell, das einem unter mysteriösen Umständen verstorbenen Italiener gehört hatte – und für ein Luxushotel, das vor einigen Jahren vom Innenministerium ersteigert und zu einer Seniorenresidenz für ehemalige höhere Kriminalbeamte, Richter und Staatsanwälte umgebaut worden war – der neuen Wohnadresse von Harald Selikovsky, der vor mehreren Jahren in Pension gegangen war und nach dem Unfalltod seines langjährigen Ehemanns Dominique die Einsamkeit in der Wiener Eigentumswohnung nicht mehr ertragen hatte. Mit dem Erlös der verkauften Immobilie hatte er sich eine Suite im ehemaligen 5-Sterne-Superior-Hotel geleistet, war in diese 65 Quadratmeter hochalpiner Innenarchitektur gezogen und verbrachte seine Tage mit ausgedehnten Spaziergängen, gelegentlichen Fahrten ins nahe Innsbruck oder dinierte mit alten Bekannten und Freunden in einem der weitläufigen Speisesäle des ehemaligen Grandhotels, das den Charme der Nordtiroler Spitzenhotellerie genauso perfekt wie den bürgerlichen Lebensüberdruss in Thomas Manns Zauberbergidylle widerspiegelte – mitten im 21. Jahrhundert eine Reminiszenz an das bourgeoise 19. Jahrhundert, als die Speisen überladen, die Weine gediegen und die Spirituosenauswahl in der Lobby Bar beeindruckend gewesen sein mussten. Eine Art unsterbliches Biedermeier, das nur widerwillig den neuen Zeiten weichen wollte, schon gar nicht hier, in diesem mercedessternförmigen Hotelgebäude mitten in einem dichten Hochwald gelegen, direkt vor der atemberaubenden Kulisse des felsigen Karwendelgebirges.

Die Seniorenresidenz lag weit genug von Wien entfernt, um Haralds Begehren nach jüngeren Männern in engen Grenzen zu halten – und in einem ähnlichen Respektabstand zur ursprünglichen Heimat des Kommissars der heruntergekommenen Bezirksstadt Landeck, in der man nur auf den nächsten Zug nach Zürich oder Paris warten oder sich von der Roppener Brücke in den Inn stürzen konnte. Der örtliche Friedhof war voller Leichen, die es zu Leibzeiten nicht geschafft hatten, diesem erbärmlichen Flecken zu entfliehen – der Alkohol, der Krebs oder die verschiedenen Formen des Freitods hatte die Unglücklichen vor der Zeit in die feuchtkalte Erde geholt, wo sie einige Jahre dahin rotten durften, bevor ihre Gräber aufgelassen und für die nächsten Unglücklichen freigemacht wurden, gerade so weit, dass ein durchschnittlicher Eichensarg mit eisernen Haltegriffen und Stellschrauben hineinpasste – nicht für die vom Pfarrer während der Einsegnung angekündigte Ewigkeit bestimmt, sondern für eine Verweildauer von maximal zehn Jahren – sofern das Grab solange von den wenigen Hinterbliebenen bezahlt werden würde.

Zwei- oder dreimal im Jahr bekam Harald von seiner ehemaligen Gattin Elke und deren Lebensabschnittspartnerin Marianne Kugler Besuch, dann saßen sie zu dritt auf der Terrasse dieser Zauberbergidylle, tranken dünnen Kaffee, zerstückelten trockenen Streuselkuchen und genehmigten sich hinterher das eine oder andere Gläschen Sekt, nicht ohne die Vergangenheit hochleben zu lassen: Mariannes toten Sohn Alexander, einen begabten jungen Komponisten, dessen besten Freund Josua Silbermayr, der seit einigen Jahren als Profifußballer bei verschiedenen spanischen Spitzenklubs spielte, und besonders Elkes und Haralds gemeinsamen Sohn Simon, der inzwischen Operndirektor in Dresden geworden war und ab und zu mit den Wiener Philharmonikern im Goldenen Musikvereinssaal konzertierte – immer mit einem Auszug aus Alexander Kuglers Totenmesse als allerletzte Zugabe, eine Referenz an jene, die vorausgegangen waren und nie mehr zurückkommen würden.

Binnen weniger Stunden flossen die gemeinsamen Erinnerungen wie ein langweiliger Samstagnachmittagsspielfilm an Harald vorüber, manchmal wurde eine Träne verdrückt, dann lachten Elke oder Marianne hell auf, und zuletzt verabschiedete man sich unten im fußballfeldgroßen Eingangsbereich voller Holzschnitzfiguren und Bleikristallluster, bevor die beiden Besucherinnen den Lift in die Tiefgarage nehmen und die Seniorenresidenz hinter sich lassen würden.

»Ich habe mir nie vorstellen können, dass du in einem Altersheim leben würdest«, hatte Elke gelächelt. »Dein Leben war ein Auf und Ab, voller Erfolge, Niederlagen und Eskapaden …«