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Am Sankt Marxer Friedhof wird die Leiche eines jungen Mannes aufgefunden. Was zunächst wie ein Selbstmord aussieht, stellt sich bald als Verbrechen heraus, bei dem musikalisches Talent, verstörende psychische Devianzen und eine Wette auf Leben und Tod die Hauptrolle spielen. Kommissar Harald Selikovskys neuer Fall führt durch ein Wien aus gefährlichen Begegnungen, höchster musikalischer Ausdruckskraft und der Zerrissenheit eines jungen Mannes, der nur ein Ziel kennt: eine Totenmesse fertigzustellen. Gegen alle Umstände. Auf Leben und Tod.
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Seitenzahl: 305
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Gert Weihsmann
Wiener Lied
Kriminalroman
Pro Defunctis – Für die Toten Am Sankt Marxer Friedhof wird die Leiche eines jungen Mannes aufgefunden. Der Tote, Alexander Kugler, litt an einer hoch funktionalen Form des Autismus, war musikalisch sehr talentiert, aber aufgrund seiner Erkrankung vollkommen isoliert. Bei der Obduktion wird festgestellt, dass der junge Mann ermordet worden ist. Erste Spuren führen zu einer geheimnisvollen Dark-Metal-Sängerin und zu Alexanders einzigem Schulfreund, Josua Silbermayr. Die Überprüfung der Verdächtigen führt Kommissar Harald Selikovsky zu einem verlassenen Bauernhof in Niederösterreich, der ein tödliches Geheimnis birgt. Am Heiligen Abend kommt es zum großen Finale: Alexanders Auftragswerk, von Selikovskys Sohn Simon fertiggestellt, wird vor dem Mörder des jungen Komponisten uraufgeführt – einem Täter, den der Kommissar nur allzu gut kennt, ohne ihn jemals zuvor gesehen zu haben.
Gert Weihsmann, 1961 in Villach geboren, lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Wien. Sein zweiter Krimi „Wiener Lied“ ist ein nächtlicher Reigen aus gefährlichen Begegnungen, höchster musikalischer Leidenschaft und der Bereitschaft eines Ausnahmetalents, den eigenen Tod zu riskieren – um der Nachwelt eine geniale Komposition zu hinterlassen.
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Stefan / AdobeStock
ISBN 978-3-8392-7402-6
Zum Buch
Impressum
Zitate
I – Introitus
II – Kyrie
III – Lacrimosa
IV – Offertorium
V – Sanctus
VI – Benedictus
VII – Agnus Dei
VIII – Lux Aeterna
Coda
Dank
»Taceant colloquia. Effugiat risus. Hic locus est ubi mors gaudet succurere vitae.«
(Giovanni Battista Morgagni, Padova, 1682-1771)
dt: Das Reden verstumme. Das Lächeln entfliehe, denn dies ist der Ort, wo der Tod sich erfreut, beizustehen dem Leben.
Der Junge lag unweit der Friedhofsmauer, direkt vor einem grauen Grabmal mit griechischer Inschrift. Er mochte 15 oder 16 Jahre alt sein, vielleicht war er aber auch nur 14 geworden – oder doch bereits 17. Der tote Teenager hatte kurze schwarze Haare, einen blassen Teint und war bis auf die schwarzen Sneakers und eine ebenso dunkle Haube, die neben ihm lag, vollkommen weiß gekleidet: weißer Hoodie, weißer Sweater und weiße Jeans, die der Regen der letzten Stunden grau eingefärbt hatte. Der Junge, vielleicht einen Meter siebzig groß und dünn, musste schon länger tot sein: Die Leichenstarre hatte bereits eingesetzt, und ein fetter Käfer kroch aus dem rechten Ärmel des Toten hervor.
Kommissar Selikovsky erhob sich und trat einen Schritt zurück, betrachtete den starren Körper und wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. Es war nicht der erste Tote, den er zu Gesicht bekam, als Ermittler in Mordsachen hatte er schon Dutzende Leichen gesehen. Aber der Anblick des reglosen Jungen vor der unverputzten Friedhofsmauer, neben einem grauen Grabobelisken und umgeben von abgestorbenen Sträuchern und langsam verfaulenden Blättern rührte ihn mehr, als er zugeben wollte – weil es ein auswegloser und der Welt abhandengekommener Blick auf ein Leben war, das nicht einmal das Erwachsenenalter erreicht hatte. Ob dessen Tod auf einen Unfall oder ein Verbrechen zurückzuführen war, würde er als Kommissar herausfinden müssen.
- Wahrscheinlich ist der Bub dort oben auf der Autobahnbrücke gestanden, hat dann aus irgendeinem Grund das Gleichgewicht verloren und sich noch am Geäst des Baumes festzuhalten versucht, bevor er auf die Einfriedung und die Grabsteinspitze geprallt und schließlich regungslos im Morast liegen geblieben ist, mutmaßte der junge Friedhofswärter, der trotz des leichten Regens und des eisigen Windes nur eine kurze Hose und ein ärmelloses T-Shirt trug und irgendwie mediterran aussah: dichtes schwarzes Haar mit blond gefärbten Strähnen, hohen Wangenknochen und einem perfekt gestutzten Vollbart. Das schwarze T-Shirt war mit der Karikatur eines Leichenwagens bedruckt, und darunter stand in fetten Lettern geschrieben: ›Dein letzter Wagen ist immer ein Kombi – Die Wiener Bestattung‹
- Gestatten, Konstantin Papadopoulos, stellte sich der junge Bedienstete der Gemeinde Wien vor, aber Sie können Papo zu mir sagen. Ich bin der Parkwächter hier auf dem Sankt Marxer Friedhof, der längst kein Friedhof mehr ist, sondern ein Park, eine Naherholungsanlage. Außerdem züchte ich Bienen auf dem Gelände, mehr als 50 Stöcke bewirtschafte ich hier, und der daraus gewonnene Mozarthonig wird bis nach Japan und Südkorea verkauft.
– Mozarthonig, wunderte sich Kommissar Selikovsky und sah den jungen Magistratsangestellten skeptisch an.
– Ja, Mozart’s Honey, wiederholte Papo und deutete auf die andere Seite der Anlage hinüber, nicht einmal 50 Meter von hier ist Mozarts Grab, oder, sagen wir, eine Art Erinnerung daran. Das richtige Grabmal des Komponisten wurde zu dessen 100-jährigem Todestag in den damals neu eröffneten Zentralfriedhof gebracht, aber die Gebeine des Schöpfers von Don Giovanni, der Zauberflöte und des Requiems liegen wahrscheinlich immer noch hier, dort drüben, wo die Schachtgräber waren. Die gewöhnlichen Gräber auch der außergewöhnlichsten Leute. Das Josephinische Zeitalter, müssen Sie wissen, hat alle noch im Grab gleichmachen wollen.
– Und den toten Jungen haben Sie heute aufgefunden, fragte der Kommissar und warf einen letzten Blick auf die Leiche.
– Vor nicht einmal einer Stunde. Noch bevor ich mit meinem Kontrollgang fertig war, hat der Hund eines frühen Parkbesuchers die Leiche gewittert. Ich habe dann gleich die Polizei angerufen. Gestern Abend lag der Junge jedenfalls noch nicht hier.
Selikovsky sah zu den uniformierten Kollegen des Bezirkskommissariats hinüber. Ein junger Beamter sperrte die Fundstelle mit weiß-roten Bändern ab, und eine Polizistin führte die Kollegen von der Spurensicherung zum reglosen Jungen.
– Haben Sie etwas angefasst, Papo?
– Eigentlich nicht, Herr Kommissar.
– Also doch?
– Es hat doch so ausgesehen, als ob er einfach daläge und schliefe.
– Also haben Sie ihn angetippt …
– … und auch etwas hochgehoben. Dann erst bemerkte ich, dass sich der Körper bereits kalt anfühlte, und die andere Seite des Kopfes …
Selikovsky hörte einen unterdrückten Schrei und sah zu den Beamten der Spurensicherung hinüber, die den Oberkörper des Jungen etwas aufgerichtet hatten. Die rechte Seite des Schädels war aufgeplatzt, und eine gallertartige Flüssigkeit tropfte aus der zerbrochenen Schädeldecke zu Boden. Niemand der Anwesenden sprach ein Wort, und Papo sah mit hängenden Schultern zu Boden. Auf seiner Shorts und den behaarten Schenkeln war dieselbe grüngelbe Flüssigkeit bereits zu eingetrockneten Flecken erstarrt.
– Das Erbrochene neben dem Jungen ist meins, fügte Papo leise hinzu.
Selikovsky sah den jungen Parkwächter an und hatte beinahe Mitleid mit ihm. Es war ein seltsamer junger Mann mit einem Hang zu theatralischen Gesten und einer recht manierierten Ausdrucksweise. Bekleidet wie ein Bademeister, aber gebildet wie ein Dozent der Musikwissenschaften.
– Sie wissen, wer der Junge war, Papo.
– Ja, Herr Kommissar. Er heißt … er hieß … Alexander. Er kam öfter hierher in den Friedhof. Saß auf einer der Bänke und starrte Mozarts Grab an. Sprach kaum ein Wort. Aber er war trotzdem ein verdammt netter Junge. Jetzt wissen Sie auch, warum ich vorhin gekotzt habe.
Selikovsky streifte sich einen beigefarbenen Einweghandschuh über und griff nach dem Ausweis, den ihm einer der Beamten der Spurensicherung hinhielt, das heißt, eigentlich waren es zwei.
– Kugler, Alexander, geboren am 27. Januar, und 18 Jahre alt. Und auf dem zweiten Dokument steht, dass er erst 14 sei. Mit demselben Geburtstag. Merkwürdig, oder?
– Aber er heißt … oder … hieß Kugler?
– Warum fragen Sie, Papo?
– Weil ich jetzt weiß, warum er so oft Mozarts Grab angestarrt hat.
– Wäre schön, wenn Sie es mir auch verrieten.
– Kugler war jener Friedhofswärter, der nach der Überführung von Gassners Mozartgrabmal diese Gedenkstelle errichtet hat: eine abgebrochene Säule. Diesen trauernden Engel. Ein paar Spoiler aus anderen, längst aufgegebenen Gräbern. Vielleicht ist dieser Kugler ein Vorfahre des Jungen gewesen.
– Und Sie wissen wirklich nicht, wo der Junge gewohnt hat?
– Nein, aber weit weg kann es nicht sein. Er ist fast immer mit dem Fahrrad gekommen. Manchmal war auch ein fettes Mädchen dabei, ganz in Schwarz, eigentlich eine junge Frau. Ich glaube, sie ist Mitglied einer Dark-Metal-Band, die Funeral oder so ähnlich heißt.
Die Beamten der Wiener Bestattung trafen bei der Fundstelle ein und warteten, bis sämtliche Spuren gesichert und auch Papos Fingerabdrücke registriert waren. Zwei Polizeibeamte hielten eine Art Leintuch hoch, damit die Bestatter den Leichnam ungestört in den Zinksarg betten und für den Abtransport herrichten konnten. Aus den Baumkronen umliegender Buchen flogen sibirische Saatkrähen auf, und der dünne Regen wurde dichter und vertrieb die wenigen Schaulustigen, die sich in einiger Entfernung vor den rot-weißen Absperrbändern eingefunden hatten.
*
Das Melderegister hatte die genaue Wohnadresse und das tatsächliche Alter des toten Jungen binnen Sekunden ermittelt: Alexander Kugler, wohnhaft irgendwo im Elften Bezirk, laut Navigationssystem drei Komma sieben Kilometer oder sieben Autominuten entfernt, eine Zigarettenlänge vielleicht. Mit dem Fahrrad nicht mehr als 15 Minuten. Der Junge war 17 Jahre alt. Genauer gesagt hätte er am 27. Jänner sein 17. Lebensjahr vollendet.
Kommissar Selikovsky fragte sich, warum der Junge sich einmal älter und dann wieder jünger gemacht hatte. Sich für 18 auszugeben, war noch einigermaßen nachzuvollziehen, wenn man sich in gewisse Klubs oder Diskotheken mit strengen Türstehern hineinschmuggeln wollte. Aber jünger? Wofür sollte das gut sein? Kaum ein Teenager wollte jünger sein, als er ohnehin war. Selikovsky schüttelte den Kopf und überflog den Straßenverlauf auf dem Navigationsdisplay. Die eingegebene Wohnadresse des Jungen musste eine Reihenhausanlage am äußersten Stadtrand sein, weit draußen, noch hinter einem kleinen Industriegelände, dort, wo sich die Stadt vor brachliegenden Feldern ausdünnte und die Grundstücke etwas leistbarer waren.
Harald aktivierte den Routenverlauf zum eingegebenen Zielort und blickte durch das Seitenfenster auf den Leichenwagen und die drei Polizeifahrzeuge vor dem Eingangsbereich. Durch das offen stehende Tor sah er die jungen Kollegen vom Bezirkskommissariat den Kiesweg entlanggehen, gefolgt von den beiden Bestattern, die den Zinksarg abtransportierten. Eine Art umgekehrtes Begräbnis, bei dem der Tote den Friedhof verließ. Oder nein, die Parkanlage. Auf jeden Fall hatte die Wiener Bestattung recht behalten: Auch die letzte Fahrt von Alexander Kugler würde in einem Kombi stattfinden. In einem schwarzen Mercedes Van mit zugezogenen weißen Vorhängen.
Im Hintergrund rauchte Papo eine Zigarette und inspizierte dabei seine Bienenstöcke. Oder leerte die Mülleimer. Der Kommissar war sich sicher, dass der seltsame Parkwächter weitaus mehr wusste, als er vorhin zugeben wollte. Schließlich hatte er beim Auffinden der Leiche gekotzt. Jenes reglosen Toten, der ihm wichtig gewesen war. Aus welchen Gründen auch immer.
Selikovsky wartete, bis alle Fahrzeuge den kleinen Parkplatz vor dem Eingang des Sankt Marxer Friedhofs verlassen hatten und das Gelände hinter dem Eingangstor wieder den Toten aus längst vergangenen Zeiten überlassen war, an die sich kaum noch jemand erinnerte. Oder die im Gegenteil so furchteinflößend bedeutsam klangen wie der Name eines Genies, einer Symphonie oder eines anderen Meisterwerks im großen Kanon der Zeiten. Harald legte den Retourgang an und schob den alten Passat aus der Parklücke, verfolgte mit zusammengekniffenen Lippen, wie die Bestatter den Zinksarg in den Leichenwagen hievten, und dachte an den bevorstehenden Besuch an der Wohnadresse des Jungen, einen Besuch, der alles andere als angenehm verlaufen würde. Aber er musste hinfahren und wem auch immer die Todesnachricht überbringen. Auch das gehörte zu seinem Job. Ungefähr so wie das erste Kapitel zu einem Roman.
*
Die Reihenhaussiedlung lag etwas abseits der Ausfallstraßen, schon nahe der Stadtgrenze. In der Ferne konnte Selikovsky den Tower des Wiener Flughafens und die Raffinerie-Anlagen der Österreichischen Mineralölgesellschaft erkennen, zur rechten Hand gab es einige Gewerbeflächen, die mit Glashäusern der Wiener Gärtnereien oder mit unansehnlichen Stahlbetonhallen bestückt waren. Die Industriegegend wirkte verlassen und menschenleer, beinahe wie ein Friedhof: mit denselben Einfriedungen und übermannshohen Mauern versehen, nur dass im Inneren der Anlagen keine Gräber aufgereiht waren, sondern Lagerhallen mit Rampenzufahrten oder schachtelförmige Bürogebäude, alles in dunkelgrauen Farben gehalten. Anstelle von Nameninschriften waren Firmenbezeichnungen und die eine oder andere verblasste Werbetafel zu sehen, meist für Motorenzubehör, Winterreifen oder einen Kilometer weit entfernten Sexshop.
Die Reihenhäuser der Siedlung waren in einem orangefarbenen Ton und grellgelber Signalfarbe gestrichen, alle bis auf eines, das inmitten des bunten Farbeninfernos in nüchternem Weiß gehalten war, neutral wie ein Schiedsrichter zwischen zwei verfeindeten Mannschaften. Selikovsky ging auf das weiß gestrichene Reihenhaus zu, das von den übrigen grell bemalten Wohnungseinheiten richtig umzingelt war, und las den Familiennamen am Briefkasten vor der Eingangstür ab: Kugler, Marianne und Ferdinand. Sicher die Eltern des tot aufgefundenen Jungen. Kommissar Selikovsky atmete noch einmal tief durch, bevor er sich einen Ruck gab und den Klingelknopf drückte. Und noch ein paar weitere Male, bevor Schritte im Inneren des Hauses zu hören waren und hinter dem satinierten Glas der Eingangstür ein Schatten auftauchte. Nicht besonders groß, dünn und dunkel. Ein Schlüssel drehte sich geräuschvoll im Schloss, und eine Frau Mitte 40 erschien in der Tür.
– Ja, fragte sie leise und irgendwie scheu, beinahe erschrocken.
– Mein Name ist Selikovsky.
Der Kriminalkommissar hielt seine Dienstmarke in die Höhe und fügte »Kriminalpolizei Wien« hinzu. Die Frau zuckte zusammen und strich sich nervös die Haare aus dem Gesicht.
– Ist es wegen …
– … Alexander, ja. Ihr Sohn?
Marianne Kugler nickte und seufzte. Als wüsste sie schon, wie der nächste Satz lauten würde. Und Selikovsky sagte ihn. Beinahe tonlos. Mit verhaltener Stimme. Und einem leichten Zittern darin. Nachdem er ihn ausgesprochen hatte, vergingen vielleicht fünf Sekunden. Die Zeitspanne von einigen Atemzügen, in der ein Auto vorüberfuhr. Und ein Vogel irgendwo aufschrie.
– Ich habe es befürchtet, antwortete die Frau leise.
– Und warum, wenn ich fragen darf?
– Alexander ist …, nein, war ein seltsamer Junge. Mit vielen Geheimnissen. Und großem Talent. Aber kommen Sie doch ins Haus.
– Wenn ich darf?
– Wieso nicht? Ich brauch jetzt dringend einen Kaffee, und Sie möglicherweise auch.
Kriminalkommissar Selikovsky folgte der zarten Frau in die Küche. Marianne Kugler trug eine schwarze Jogginghose und einen dunkelroten Sweater. Das Vorhaus und die Küche waren perfekt aufgeräumt, kein einziges Paar Schuhe, das irgendwo herumlag, keine Staubfussel, kein versehentlich fallen gelassenes Stück Papier oder eine halb unter einen Kasten gefallene Postkarte – alles in diesem Haushalt war ohne den leisesten Makel, als ob Familie Kugler erst vor einer Woche eingezogen wäre.
– Wir wohnen schon fünf oder sechs Jahre hier, erklärte Marianne Kugler und wandte sich in der Küche Kommissar Selikovsky zu. Eine erste Träne floss ihr über die rechte Wange herab, weichte dabei die schwarze Wimperntusche auf und färbte sie schmutziggrau ein. Alexander, fuhr die zierliche Frau fort, trug ausschließlich weiße Kleidung. Nur was er an Füßen und den Händen trug, musste unbedingt schwarz sein. Handschuhe, Hauben, Sneakers und Lackschuhe, alles in Schwarz. Bei Alexander ist einfach alles schwarz-weiß gewesen. Entweder Dur oder Moll. Hell oder dunkel. Laut oder leise. Ein Junge, der in den ersten Jahren seines Lebens nur geschrien hat. Bevor er verstummte. Und mit ungefähr viereinhalb Jahren wie ein kleiner Professor zu sprechen begann. Möchten Sie einen Espresso oder lieber eine Melange?
Kommissar Selikovsky antwortete »Espresso« und sah sich in der Küche um, die in Weiß gehalten und wie die übrigen Räume des Hauses blitzblank geputzt war.
– Ihre Antwort hätte Alexander gefallen. Ein schwarzer Mokka in einer blütenweißen Küche. Es hätte ihn irgendwie beruhigt. Sofern er sich überhaupt mit etwas beruhigen ließ.
Marianne Kugler hielt Kommissar Selikovsky die Espressotasse hin und nippte an ihrem Mokka, schloss dabei die Augen und dachte ganz sicher an ihren verstorbenen Sohn.
– Wo hat man ihn gefunden, fragte sie leise mit zitternder Stimme.
– Am Sankt Marxer Friedhof.
– Er ist öfters dort gewesen.
– Warum eigentlich? Teenager verbringen ihre Zeit eher weniger auf Friedhöfen, oder?
– Es ist eine Parkanlage, lächelte Marianne Kugler, vor 150 Jahren ist es ein Friedhof gewesen. Der letzte übrig gebliebene Friedhof des Biedermeier-Zeitalters. Mozarts Grab liegt auch dort. Und vielleicht sogar noch seine Gebeine.
– Dann kennen Sie Papo?
– Den Friedhofswärter, pardon – den Parkwächter?
Marianne Kugler versuchte zu lächeln und stellte die leer getrunkene Mokkatasse in die Nirosta-Abwasch. Selikovsky hatte das Gefühl, dass die Mutter des Jungen keine Antwort auf diese Frage geben wollte, aus welchem Grund auch immer.
– Ich könnte jetzt eine Zigarette vertragen? Rauchen Sie auch, Herr Kommissar?
– Ich habe bereits hundertmal aufgehört und einmal öfter wieder angefangen.
– Wie jeder von uns. Gehen wir auf die Terrasse? Es regnet zwar noch, aber eine Zigarette wird uns beiden guttun.
Kommissar Selikovsky begleitete die Mutter des toten Jungen auf die Terrasse hinaus und blickte auf einen brachliegenden Garten mit einigen Obstbäumen und militärisch kurz gehaltenem Gras, das bereits braun geworden und von herabgefallenem Laub bedeckt war. Die Steinterrasse war von schwarz-weißen Plastikvögeln umrahmt, die Möwen oder, nein, Pinguine darstellen sollten.
– Sie können eine von mir haben, sagte Marianne und hielt Selikovsky eine gerade angefangene Packung Filterzigaretten hin.
– Vielen Dank, antwortete der Kommissar und nahm sich eine der schlanken Damenzigaretten mit weißem Filter, wo ist übrigens Ihr Mann? Arbeitet er irgendwo?
– Er ist im Krankenhaus, antwortete die Frau und inhalierte die ersten Züge, nachdem ihr der Kommissar Feuer gegeben hatte, Lungenkrebs. Seit vorgestern befindet er sich in der Intensivstation. Es sieht …, fügte sie hinzu und senkte den Blick, … es sieht nicht besonders gut aus.
– Tut mir leid, antwortete Selikovsky und suchte nach ein paar aufmunternden Worten, die ihm diesmal nicht einfallen wollten.
– Kein Problem, antwortete Marianne Kugler und zuckte mit den Achseln, es ist, wie es ist. Die Gegenwart ist hässlich geworden, die Vergangenheit scheint wie eingefroren zu sein und die Zukunft wird sich als uneinlösbares Versprechen erweisen.
Die zarte Frau brach in haltloses Weinen aus und ließ sich erst nach Minuten langsam wieder beruhigen. Selikovsky griff in seine Manteltasche und gab Marianne Kugler eine Packung Papiertaschentücher, trank seinen Espresso aus und rauchte die Damenzigarette zu Ende. Das schmucke Einfamilienhaus war gewiss noch nicht abbezahlt, der Ehemann lag mit Metastasen in der Lunge im Krankenhaus, und der wahrscheinlich einzige Sohn war aus bisher ungeklärter Ursache gestorben. Das Familienglück, sofern es überhaupt eines war, schien für immer ausgeträumt und vorbei zu sein. Wie ein Versprechen, das endgültig gebrochen worden war.
– Darf ich Alexanders Zimmer sehen, fragte der Kommissar leise, nachdem sich Marianne Kugler einigermaßen beruhigt hatte.
– Wenn Sie unbedingt möchten.
– Eine Minute vielleicht.
– Das heißt, Alexander hat sich nicht selbst …
– Das steht noch nicht einwandfrei fest, antwortete Kommissar Selikovsky ausweichend, gewisse Umstände an der Fundstelle lassen auch andere Möglichkeiten zu, morgen wissen wir sicherlich mehr.
– Also wird mein Sohn …
– Ja, er wird obduziert. Heute Nachmittag noch.
Marianne Kugler sah den Kriminalkommissar mit verweinten Augen an und zuckte mit den Schultern.
– Alexanders Zimmer ist oben. Gleich das erste links an der Treppe. Sie können gern allein hinaufgehen.
– Ich würde es vorziehen, wenn Sie mich begleiteten. Dann dauert es nicht so lang, und ich kann Ihnen gleich die eine oder andere Frage stellen.
Marianne Kugler nickte und begleitete den Kommissar in den ersten Stock hinauf, öffnete mit zartem Druck die Schnalle des Kinderzimmers und ließ Selikovsky eintreten. Der Kasten, der Schreibtisch, die beiden Stühle, das Bett und die Wand – alles ebenso weiß wie das Pianino, das fast den gesamten Raum für sich einnahm. Im Wohnzimmer unten hatte Selikovsky einen riesigen Steinway-Flügel gesehen, ganz in edel lackiertem Schwarz.
– Alexander wollte es unbedingt so, erklärte Frau Kugler und versuchte sich an einem Lächeln, das sofort wie eine Seifenblase am nächsten Mauervorsprung zerplatzte, er konnte nur in weißen Räumen leben. Trug tagaus, tagein weiße Kleidung. Und aß ausschließlich weiße Speisen.
– Weiße Speisen?
– Reisgerichte. Butterfisch-Sashimi. Weiße Schokolade. Wurzelspeck, rohe Butter und Knoblauch, Frühlingszwiebel. Einfach Speisen in weißer Farbe. Damit konnte er viele nerven. Nicht nur mich. Auch die Betreiber von Schulkantinen und Lehrer, die Skikurse oder Sportwochen organisierten. Die Großeltern und alle Verwandten, und natürlich meinen Mann und mich. Trotzdem war er der süßeste Junge der Welt.
– Und die Fotos da an der Wand?
– Mozart, Albrechtsberger, Satie. Und Pinguine. Diese Vögel hat Alexander über alles geliebt. Deswegen auch die Plastikfiguren auf der Terrasse.
– Außer Mozart ist mir keiner der Namen geläufig.
– Die beiden sind ebenfalls Komponisten. Albrechtsberger war Mozarts Nachfolger als Adjunkt des Kapellmeisters im Stephansdom. Und Erik Satie war ein sehr seltsamer Komponist im 19. Jahrhundert, ein Pionier der Minimal Music, glaube ich. Alexander hätte Ihnen mehr darüber erzählen können, sofern er überhaupt den Mund aufgemacht hätte.
Kommissar Selikovsky sah sich noch etwas im Zimmer um. Außer einem ebenfalls weißen Rucksack und schwarzen Laufschuhen gab es in diesem Raum kaum einen Gegenstand, der einem 16-jährigen Jungen gehört haben konnte. Außerdem schien das Zimmer seit Tagen nicht mehr bewohnt worden zu sein.
– Alexander ist oft nächtelang weggeblieben. Ist hier und dort untergekommen. Meist zum Klavierspielen. Das war seine große Leidenschaft: das Klavier. Ein Instrument mit weißen und schwarzen Tasten. Wenn mein Sohn nicht solche psychischen Probleme gehabt hätte, wäre er sicher ein toller Pianist geworden.
– Was hat dem Jungen gefehlt, fragte Selikovsky und gleich danach, ob er ein paar Aufnahmen von diesem Zimmer machen durfte.
– Fotografieren Sie ruhig, nickte Marianne Kugler und strich eine Deckenfalte glatt, setzte sich ein paar Augenblicke auf die Bettkante und sah dem Kommissar zu, der mit seinem Smartphone ein paar Aufnahmen machte: vom Schreibtisch, vom Pianino vor dem einzigen Fenster und den schwarz-weißen Komponistenporträts an der Wand. Auf dem Schreibtisch lag wie zufällig eine noch verschweißte Langspielplatte. A Handful of Nights. Von einer Band, die sich Penguin Café nannte.
– Alexander litt am Asperger Syndrom, seufzte Alexanders Mutter, stand auf und ging zum Fenster hinüber, an einer hochfunktionalen Form des Autismus. Alexander wollte mit seiner Umgebung Kontakt aufnehmen, aber er konnte es nicht. Stand immer abseits. Wusste nie, was er sagen sollte. Und traute sich kaum, in die Gesichter der anderen Kinder zu sehen. Dafür wurde er gehänselt, verspottet und ausgegrenzt. Er fühlte sich todunglücklich dabei, von einer Umwelt umzingelt, die er nicht verstand – und die ihn nicht verstehen wollte. Als er sieben Jahre alt war, hat er meinem Mann und mir das Bild eines Klaviers gezeigt. Kauft mir so was, hat er gesagt, ich mag darauf spielen.
– Und Sie und Ihr Mann haben diesen Wunsch erfüllt?
– Ja, diesen und hundert weitere. Alle eigentlich. Sofern wir es uns leisten konnten. Schauen Sie die Katze da …
Selikovsky drehte sich zur Tür, und ein schwarzer Kater lief miauend ins Zimmer. Rieb sich am rechten Bein des Kommissars, sah zu ihm hoch und eilte dann zu Marianne Kugler hinüber, sprang auf den Schoß der Frau und ließ sich von ihr schnurrend streicheln.
– Ist ja gut, Noir, ist ja gut, seufzte Marianne und blickte zu Kommissar Selikovsky hinüber, darf ich Ihnen unsere schwarze Katze vorstellen: Monsieur Chat Noir, Alexanders vierbeiniger Freund.
– Warum heißt sie so, fragte der Kommissar leise und sah zu der Katze hinunter, die sich schnurrend gegen sein rechtes Bein schmiegte.
– Alexander hat sie nach einem Lokal in Paris um 1900 getauft. Wo Erik Satie aufgetreten ist. Jener Komponist, den Alexander genauso verehrt hat wie Albrechtsberger …
– … und wie Wolfgang Amadeus Mozart, fügte Kommissar Selikovsky hinzu – was vielleicht auch seine Besuche am Sankt Marxer Friedhof erklärt. Mozarts Grabstelle ist angeblich von einem gewissen Kugler erbaut worden.
– Ich glaube, das ist nur eine zufällige Namensgleichheit, antwortete Alexanders Mutter rasch und begleitete den Kommissar wieder nach unten, vielen Dank, dass Sie mir Gesellschaft geleistet haben.
– Ich hätte Ihnen lieber eine ganz andere Nachricht überbracht.
– Sie haben es sehr behutsam gemacht, und dafür danke ich Ihnen.
Marianne Kugler versuchte zu lächeln, öffnete die Haustür und sah zu, wie Harald Selikovsky in sein Auto stieg, den Motor startete und die Reihenhaussiedlung am Stadtrand mit ausdrucksloser Miene verließ.
Am nächsten Tag meldete sich Doktor Samuel Hörzer, kurz Sammy genannt, Dozent für Forensische Histologie und stellvertretender Leiter der Gerichtsmedizin Wien in der Sensengasse, gleich vis-à-vis vom alten Allgemeinen Krankenhaus. Wien hatte immer schon einen Sinn fürs Makabre. Sammy war 50 Jahre alt und einer der humorvollsten Menschen, die man sich vorstellen konnte. Als Amateur-Stimmenimitator konnte er ganze Gesellschaften unterhalten, egal ob es sich um eine Familienfeier, eine Hochzeit oder einen Leichenschmaus handelte. Wenn Sammy irgendwo auftauchte, waren die imitierten Mitglieder der Bundesregierung nicht weit, und auch der eine oder andere Burgschauspieler oder Fußballstar bekam sein Fett weg. So sehr Sammy andere Menschen zum Lachen bringen wollte, war er ein ebenso seriöser Gerichtsmediziner, dem Tod gleichermaßen wie dem Lachen verbunden.
– Hey, Harald, da hast du mir eine schöne Hausaufgabe in die Kühlkammer gestellt.
– Es geht um den toten Jungen vom Marxer Friedhof?
– Klar, warum fragst du? Willst du mir etwa noch eine Leiche andrehen? Vorsicht, wir gehen bald über vor Stromtoten und anderen fatalen Unfällen. Gestern hatten wir obendrein zwei Wasserleichen hier. Kein besonders schöner Anblick, kann ich dir sagen.
Kommissar Selikovsky blickte von seinem Bürofenster auf die Ringstraße hinaus, wo der Nachmittagsverkehr gemächlich vorüberfloss und sich die blätterlosen Baumkronen im Nordwind wiegten. Seit einigen Tagen war es kalt geworden in Wien, weshalb es morgens oft nach Schnee roch, der über Nacht einige Kilometer weiter im Wiener Wald vom Himmel geflockt war.
– Heraus mit der Wahrheit, Sammy. Der Junge ist nicht am Friedhof ums Leben gekommen, oder?
– Wenigstens das kann ich mit Sicherheit ausschließen.
– Drück dich etwas genauer aus, Sam.
– Wenn du dir die ganze traurige Wahrheit schon jetzt am Telefon genehmigen willst, dann halte dich fest, mein Freund, trink einen Espresso und versuche, so ruhig wie möglich zu bleiben.
– So schlimm?
– Sagen wir: ungewöhnlich. Hast du deinen Espresso?
– Ja, antwortete Selikovsky und schlürfte an einer kalten schwarzen Flüssigkeit herum, die nicht einmal ein Stammkunde von Fastfood-Lokalen als Kaffee identifizieren würde.
– Dieser Junge da, fuhr Sammy fort, ist erwürgt worden. Der Kehlkopf entzweigebrochen wie der Henkel einer Kaffeekanne, zweifellos durch Fremdeinwirkung. Das war alles andere als ein Unfall.
– Und weiter?
– Das Erdrosseln muss schon vor ein paar Tagen passiert sein, am 4. oder 5. Dezember vielleicht, ich würde sagen am 5.
– Und die Leiche wurde unmittelbar nach der Tat zum Sankt Marxer Friedhof gebracht, fragte Selikovsky in den Telefonhörer hinein und nahm einen Kugelschreiber zur Hand, um gerade Linien auf ein Blatt Papier zu zeichnen, von links nach rechts und von unten nach oben, als ob er eine primitive Matrix entwerfen wollte.
– Sagen wir, es muss Umwege gegeben haben, antwortete die Stimme im Hörer, nach dem Erdrosseln wurde die Leiche zuerst einen Abhang hinuntergeworfen. Einen recht hohen, den inneren Verletzungen nach zu urteilen.
– Warum hätte das nicht auch in Wien passieren können?
– Weil dein großer Unbekannter den Leichnam mindestens auf die Spitze des Stephansdoms hätte hieven müssen. Der schnöde Asphalt vor dem Dom kommt allerdings gar nicht infrage dafür. Den vorgefundenen Aufprall-Spuren zufolge müsste der Boden aus grobem Schotter bestehen.
– Wo hätte man sich des toten Jungen sonst entledigen können, erkundigte sich Selikovsky, zerknüllte das mit Strichen vollgekritzelte Blatt Papier und warf es seufzend in den Papierkorb neben dem Schreibtisch.
– In Niederösterreich vielleicht, im Bezirk Neunkirchen möglicherweise, von Payerbach-Reichenau über Gloggnitz nach Stuppach im Semmeringgebiet. Was weiß ich. Dort, wo Beton oder Mörtel oder Gips für Stuck hergestellt wird, würde ich sagen. Aber das ist noch nicht alles.
– Wieso, fragte Selikovsky, was geschah noch?
– Na ja, du hast doch sicher bemerkt, dass die eine Gesichtshälfte – sagen wir – zerfetzt war. Das rührt keinesfalls von einem Aufprall auf grobem Schotter her.
– Sondern?
– Ich habe, und jetzt halte dich wirklich fest, Bissspuren festgestellt.
– Was? Selikovsky fiel beinahe vom Drehstuhl, der durch die abrupte Bewegung aus dem Gleichgewicht gebracht worden war.
– Ich habe dir doch gesagt, du sollst dich festhalten.
Sammy grinste so breit, dass Harald die Schadenfreude des Gerichtsmediziners auch am anderen Ende der Leitung wahrnehmen konnte.
– Was meinst du mit Bissspuren?
– Die Leiche wird über Nacht in der niederösterreichischen Pampa gelegen sein. Mit offenem Schädelbasisbruch. So etwas zieht Raubtiere an, Wölfe oder Luchse zum Beispiel.
– Sag bloß …
– Vielleicht hätte es auch ein Rottweiler oder eine dänische Dogge gewesen sein können. Genaueres könnte eine DNA-Probe ergeben. Das muss und werde ich nachprüfen.
- Und wie ist dann die Leiche von dort weggeschafft worden?
– Lieber Harald, das ist jetzt wirklich dein Job, ich kann dir nur eines sagen: Der Mörder war es vermutlich nicht. Ich habe verschiedene menschliche Spuren an der Leiche gefunden. Ziemlich rätselhaft, das Ganze. Und wohl auch sehr schaurig.
– Das kannst du laut sagen, erwiderte Selikovsky und fragte, wann Sammy den Obduktionsbericht per E-Mail übermitteln könnte.
– Morgen hast du ihn, antwortete Sammy, dann kannst du mit deinen Ermittlungen loslegen. Bis dahin habe ich auch die Bissspuren analysiert. Meiner Einschätzung nach wird es ein Wolf gewesen sein oder ein Bergluchs. Solche Tiere siedeln sich gerade wieder im Gebiet zwischen Semmering und dem Wechsel an. Das wäre für den Augenblick alles. Außer, du möchtest noch den Bundespräsidenten höchstpersönlich am Telefon haben.
– Ein anderes Mal, lächelte Selikovsky, trotzdem vielen Dank schon jetzt, Sammy.
– Einen Augenblick noch, erwiderte Alexander van der Bellens heiserer Bariton am anderen Ende der Leitung, die Kleidung, die der Bub am Sankt Marxer Friedhof trug …
– Ja, fragte Selikovsky in den Hörer hinein und überlegte, ob er die Imitationskünste seines Gesprächspartners belächeln oder verfluchen sollte. Aber Sammy hatte bereits die Tonlage gewechselt und versuchte, die hektisch heisere Stimme des Innenministers wiederzugeben.
– Das war nicht das Zeug, das er während seiner Ermordung anhatte. Irgendjemand hat die Leiche in saubere Kleider gesteckt, nach Wien transportiert und am Sankt Marxer Friedhof entsorgt.
– Der aber nicht sein Mörder gewesen sein konnte?
– Wahrscheinlich nicht. Wie gesagt, habe ich verschiedenste DNA-Spuren gefunden. Am gesamten Körper und auch …, aber willst du das jetzt schon wissen?
– Ja, klar, antwortete Selikovsky, wo noch?
– Im Mastdarm, erklärte Doktor Hörzer ganz ruhig.
– Also zuerst Missbrauch und dann Mord?
– Kann sein. Aber da ich bin mir nicht so sicher. Vielleicht gab es auch einen gewissen zeitlichen Abstand zwischen den beiden – wie soll ich es ausdrücken – Ereignissen.
Sammy hatte wieder zu seiner richtigen Stimme gefunden, die emotionslose, vernünftig klingende Stimme eines herausragenden Diagnostikers.
– Wieso?
– Missbrauchsopfer, gerade in dem Alter des Jungen, haben normalerweise Kratz- und Bissspuren, die wehren sich in höchster Verzweiflung, aber nichts davon konnte ich an dieser Leiche feststellen. Und im Blut sind weder Alkohol noch Drogen nachzuweisen gewesen. Der Junge wurde weder betäubt noch betrunken gemacht, nichts. Ach ja, an den Fingerkuppen des Jungen hatte sich eine dicke Hornhaut gebildet. Wahrscheinlich hat das Mordopfer Gitarre gespielt …
– Oder Klavier, ergänzte Selikovsky und dachte an seinen Sohn Simon, der neben einem Informatikstudium auch das Konservatorium für klassische Musik absolviert hatte. Die Meisterklasse Klavier.
– Dann muss der Junge nicht nur sehr talentiert, sondern auch ungewöhnlich fleißig gewesen sein, richtig besessen vom Klavierspiel. Die Hornhaut an den Fingerkuppen ist extrem dick.
– Seiner Mutter zufolge ist Alexander eine Art Autist gewesen. Asperger Syndrom. Aber sehr musikalisch.
– Er muss mehrere Stunden am Tag Klavier gespielt haben, aber gut, die Finger sind lang und schmal, vielleicht war der Junge tatsächlich ein besessener Klavierspieler.
– Wie dein Jüngster vielleicht, lächelte Selikovsky.
– Ach nein, Matthias ist längst nicht so fleißig. Aber du kennst ihn ja selbst.
Kommissar Selikovsky nickte und dachte an sein Patenkind, das gleichzeitig Sammys jüngster Sohn war, und der Gerichtsmediziner hatte noch fünf andere Jungs. Es schien, als wollte Doktor Hörzer so viele Kinder wie möglich in die Welt setzen, um dadurch den Tod in Schach halten zu können. Den Tod, der alles begrenzte, umfriedete, endlich und vorläufig machte. Jedes Leben auf dem Planeten umkreiste. Wie ein schwarzer Satellit, der eines Tages jeden Einzelnen für immer ausschalten würde.
– Der Tod gehört zum Leben, und das Leben gehört auch dem Tod. Das eine ohne das andere geht nicht. Leider. Und vielleicht auch Gott sei Dank. Oder willst du ewig dahinvegetieren, Harald?
– Nein danke, Sammy. 80 Jahre reichen völlig. Oder 75.
– Ganz meine Meinung. Sonst müssten wir Mozart kennengelernt haben, oder Johann Sebastian Bach. Adolf Hitler und Karl den Großen. Vielleicht sogar Hildegard von Bingen. Darauf kann ich verzichten. Meine sechs Söhne reichen mir völlig: der Stress dreier Weltkriege in einer Etagenwohnung. Den Rest vom Obduktionsbericht kriegst du dann morgen von mir. Die genaue Beschreibung der inneren Verletzungen und so. Keine besonders schöne Geschichte. An deiner Stelle würde ich ein paar Stunden vorher auf Essen und Trinken verzichten.
– Danke jedenfalls für die ersten Informationen, antwortete Selikovsky und legte den Telefonhörer auf. Dann drehte er seinen PC wieder an und googelte »Wolfgang Amadeus Mozart«, »Sankt Marxer Friedhof« und »Albrechtsberger«, notierte sich ein paar Daten und Fakten auf ein Blatt Papier und steckte es in die Sakkotasche. Mittlerweile war es 18 Uhr abends geworden. Die Nacht senkte sich wie ein Leichentuch über die frierende Stadt, und Selikovsky verließ das Landeskriminalamt, schlug den Mantelkragen hoch und nahm sich vor, einen Spaziergang quer durch die Wiener Innenstadt zu seiner Wohnung im dritten Bezirk zu unternehmen. Etwas frische Luft und der eine oder andere Drink in einer Bar seines Vertrauens würden dem Kommissar an einem feuchtkalten Abend wie diesem guttun.
*
Die L-Bar befand sich in einer winzigen Quergasse zur Kärntner Straße in der Wiener Innenstadt, nur einen Steinwurf vom Stephansdom entfernt. Vor der Bar waren etwa 20 Tische aufgestellt, die von Heizstrahlern und einer eleganten grauen Markise mit dem Aufdruck einer Champagnermarke bewacht wurden. Trotz der Winterkälte saßen viele Leute an den Tischen und genossen ihre Drinks in Daunenjacken oder Wintermänteln. Ein paar Kellner tänzelten zwischen den Gästen umher, nahmen Bestellungen auf und brachten die gewünschten Drinks. Alles schien wie immer zu sein, zumindest seit 1908, als diese American Bar zum ersten Mal aufgesperrt hatte. Die ungewissen Monate der harten Lockdowns waren vorbei, und langsam kam das alte Leben zurück, kleinlaut noch und reumütig, wie ein halbwüchsiger Junge, der eine Zeit lang vor der elterlichen Enge davongelaufen war. Selikovsky setzte sich auf einen Barhocker vor dem Tresen und schickte sich an, den gewohnten Drink zu bestellen, obwohl er gerade kein großes Verlangen nach seinem üblichen Kensington Sour verspürte.
– Gibt es etwas Neues bei dir, fragte Barchef Mario mit Vollbart, langen Haaren und einer leichten Absinth-Fahne. Unter den hochgekrempelten Ärmeln des weißen Barhemdes waren die Tattoos von Dämonen oder den vier Reitern der Apokalypse zu sehen, dazu die Zahl 666 und in gotischer Frakturschrift ›Effugiat risus‹ – das Lächeln entfliehe.
– Allerdings, antwortete Selikovsky und wandte seinen Blick von den Tattoos ab, um die Backbar zu betrachten, ein toter Junge, erdrosselt in einem Wiener Friedhof aufgefunden, aber der Mord hat sich wahrscheinlich ganz woanders ereignet. An der Leiche wurden Tierbisse festgestellt, möglicherweise von Wölfen. Der Junge war 16 Jahre alt. Litt am Asperger Syndrom. War isoliert, hatte kaum Freunde. Und spielte wahrscheinlich hervorragend Klavier. Der Rest steht morgen sowieso in der Zeitung, oder vielleicht schon heute Abend. Ich brauche jetzt einen passenden Drink, mixe mir bitte einen, egal welchen.
– Was für eine bizarre Geschichte, antwortete Mario und überlegte einen Augenblick, sie scheint extrem traurig, geradezu herzzerreißend zu sein. Für einen passenden Drink benötigen wir unbedingt Chartreuse, diesen Kräuterlikör der Kartäuser-Mönche bei Grenoble. Und einen guten klassischen Gin, Plymouth zum Beispiel. Etwas Limettensaft und Eiswürfel, aber ich werde die letzte Zutat austauschen. Der Kirschlikör in der Originalversion funktioniert nicht, ein Maraschino strahlt Frühling, Aufbruch und Lebensfreude aus, genau das Gegenteil von dem, was heute unsere Gedanken verdunkelt.
– Streichen wir die verdammte Lebensfreude ersatzlos, schlug Kommissar Selikovsky vor, oder nimm stattdessen Läuterzucker. Der ist neutral wie das Schicksal, das uns alle bis auf die Knochen blankhobelt.
– Ich glaube, ich habe eine bessere Alternative für dich. Wir genehmigen uns etwas aus dieser Flasche hier: Italicus, ein Bergamotte-Likör. Sein Earl-Grey-Bukett strömt etwas Vergängliches, Modriges, Untotes aus und passt deshalb gut zu deiner Geschichte …
– … die aber grausame Wirklichkeit ist.
Selikovsky beobachtete die eleganten Handbewegungen des Bartenders, der einige Eiswürfel in einen Shaker kippte, danach mit dem Jigger Plymouth Gin, Chartreuse, Limettensaft und diesen Bergamotte-Likör hinzufügte und das Ganze ungefähr 15 Sekunden lang zu schütteln begann.
– 16, um genau zu sein, eine Sekunde für jedes Lebensjahr dieses Toten.
– Am 27. Jänner wäre er 17 geworden.
– Und er ist vor ein paar Tagen umgebracht worden?
– Am 5. Dezember wahrscheinlich.
– Wirklich wahr?
– Warum fragst du?
Mario goss die gemixten Zutaten durch einen Strainer in einen Bleikristall-Tumbler voller Eiswürfel und garnierte den Cocktail mit drei schwarzen Brombeeren.
– Hier, bitte, mein Twist von einem ›Last Word‹. Für dich ›Ultima parola‹. Oder auf Lateinisch ›Extremum verbum‹, weil Italicus drin ist, Salute, mein Lieber. Auf dass die Toten nicht überhandnehmen.
Kommissar Selikovsky roch vorsichtig am gekühlten Drink und genehmigte sich einen Schluck. Der Cocktail schmeckte süß und bitter, weihevoll und irgendwie unbekümmert zugleich.
– Du hast den Drink wirklich gut getroffen, Chapeau. Was ist an diesen beiden Tagen so besonders, Mario?
– Zuerst vielen Dank für das Kompliment, was den Cocktail betrifft. Und zu deiner anderen Frage: Am 27. Jänner ist Mozart geboren, am 5. Dezember ist er gestorben. Angeblich vergiftet. Aber vielleicht war es auch nur Syphilis oder das gemeine Frieselfieber. Der größte Komponist aller Zeiten ist nur 36 Jahre alt geworden und hat nicht einmal seine letzte Messe vollenden können.
– Welche Messe, fragte Selikovsky und schämte sich etwas, von Wolfgang Amadeus Mozart so gut wie keine Ahnung zu haben. Außer der Zauberflöte und der Kleinen Nachtmusik
