PLATON - Gesammelte Werke - Platon - E-Book

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Platón

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Beschreibung

Platons 'Gesammelte Werke' bieten einen umfassenden Einblick in die philosophischen Grundpfeiler der westlichen Denkweise. In diesem literarischen Meisterwerk begegnen wir den Dialogen, die die ethischen und metaphysischen Fragestellungen der Antike aufgreifen. Platons stilistische Brillanz zeigt sich in der Verwendung von Dialogformen, die es dem Leser ermöglichen, sich aktiv mit den Ideen auseinanderzusetzen. Themen wie die Idee des Guten, Gerechtigkeit und die Natur der Realität werden tiefgründig und zeitlos behandelt, was das Werk zu einem Eckpfeiler der Philosophie macht. Platon, ein Schüler Sokrates und Lehrer von Aristoteles, lebte im Athen des 5. Jahrhunderts v. Chr. und gründete die Akademie, die als die erste Institution höherer Bildung gilt. Seine Gedanken wurden stark von den politischen und sozialen Umwälzungen seiner Zeit geprägt, was ihn dazu brachte, grundlegende Fragen über das menschliche Dasein, Wissen und die idealen Staatsformen zu erkunden. Diese Kontexte verleihen seinen Dialogen nicht nur eine historische Dimension, sondern auch eine universelle Relevanz. Die 'Gesammelten Werke' sind für jeden, der sich für Philosophie, Ethik oder die Entwicklung des menschlichen Denkens interessiert, unverzichtbar. Sie laden dazu ein, sich mit den fundamentalen Fragen des Lebens auseinanderzusetzen und regen zu kritischem Denken und persönlicher Reflexion an. Diese Sammlung ist ein zeitloses Referenzwerk, das Generationen von Lesern inspiriert und herausfordert. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Platon

PLATON - Gesammelte Werke

Bereicherte Ausgabe.
Einführung, Studien und Kommentare von Tim Schmitt
EAN 8596547731443
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
PLATON - Gesammelte Werke
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Ausgabe PLATON - Gesammelte Werke vereint die überlieferten Dialoge und die Briefe in einer traditionellen Tetralogie-Ordnung und stellt sie in einem kohärenten Rahmen bereit. Sie folgt dem Anliegen, Platons Denken in seiner ganzen Spannweite zugänglich zu machen: von grundlegenden ethischen und religiösen Fragen über Erkenntnistheorie und Metaphysik bis hin zu Rhetorik, Politik, Recht und Kosmologie. Die Sammlung richtet sich an Leserinnen und Leser, die das Gesamtbild suchen, ebenso wie an Forschende, die thematisch vertiefen möchten. Sie bietet ein verlässliches Fundament, um die Entwicklung zentraler Begriffe, Methoden und Motive innerhalb eines zusammenhängenden Werkcorpus zu verfolgen und vergleichend zu lesen.

Die hier vertretenen Textsorten reichen vom sokratischen Gespräch über monologische Passagen bis hin zu Briefen. Die Dialoge bilden das Kernformat und entfalten Argumentation in dramatischen Situationen. Dazu treten rhetorische Formen, etwa die Verteidigungsrede in der Apologie und die parodistische Leichenrede im Menexenos, sowie ausführliche gesetzgeberische Erörterungen in den Nomoi. Erzählende und mythische Abschnitte, wie im Timaios oder im Kritias, erweitern die philosophische Prosa um bildhafte Deutungen. Die Briefe ergänzen das Spektrum um epistolare Reflexion. So entsteht eine vielstimmige Gattungseinheit, in der Diskussion, Darstellung, Beispiel und Mahnung einander durchdringen.

Die erste Tetralogie führt in die existenzielle Dimension der Philosophie ein. Euthyphron verhandelt Fragen der Frömmigkeit, die Apologie zeigt Sokrates in der Verteidigung seiner Lebenspraxis, der Kriton stellt das Verhältnis von Pflicht, Gesetz und Gewissen zur Debatte, und der Phaidon widmet sich der Unsterblichkeit der Seele. Diese vier Texte verbinden persönliches Ethos mit argumentativer Klärung und machen sichtbar, wie philosophisches Denken an biografische Situationen gebunden ist. Zugleich begründen sie einen Maßstab für Wahrhaftigkeit, Prüfung und Selbstverantwortung, der das gesamte Werk durchzieht und spätere Untersuchungen leitet.

Die zweite Tetralogie richtet den Blick auf Sprache, Wissen, Sein und politisches Können. Im Kratylos wird die Frage nach der Richtigkeit von Namen und dem Verhältnis von Wort und Sache gestellt. Der Theaitetos diskutiert, was Wissen sei und wie es sich von bloßer Meinung unterscheidet. Der Sophist verfolgt, was einen sophistischen Experten kennzeichnet und wie Trug und Schein zu bestimmen sind. Im Staatsmann (Politikos) schließlich wird gefragt, worin sachgerechte politische Leitung besteht. Zusammen ergeben diese Dialoge eine dichte Untersuchung über Begriffe, Definitionen und die Bedingungen begründeter Erkenntnis.

Die dritte Tetralogie bietet eine Verbindung von strenger Analyse und poetischer Anschaulichkeit. Parmenides prüft Voraussetzungen und Spannungen im begrifflichen Denken. Philebos thematisiert das Verhältnis von Lust, Intelligenz und Gut und fragt nach Maß und Rangordnung menschlicher Ziele. Das Symposion entfaltet die Vielfalt des Eros und seine Bedeutung für Bildung und Gemeinschaft, während der Phaidros das Schöne, die Rede und die Hinwendung der Seele ins Zentrum rückt. Analytische Argumente und mythische Passagen wirken hier zusammen, um Wertordnungen und Motivationen des Handelns zu beleuchten.

Die vierte Tetralogie versammelt Gespräche, die Selbstkenntnis, Ehrgeiz, Nutzen und Begehren zum Gegenstand machen. Die beiden Alkibiades-Dialoge verknüpfen politische Ambition mit der Frage, was es heißt, sich selbst zu kennen und zu führen. Hipparchos verhandelt die Suche nach Vorteil und den Umgang mit Besitz und Ehre. Die Nebenbuhler (Anterastai) stellen eine Auseinandersetzung gegenüber, in der konkurrierende Zugänge zur Bildung und zur Ausrichtung des Lebens sichtbar werden. Das Ethos des Miteinanders, die Rolle persönlicher Anziehung und die Grenzen bloßen Nutzenkalküls werden auf unterschiedlichen Ebenen durchgespielt.

Die fünfte und die sechste Tetralogie wenden sich der Tugendlehre und der Bildung zu. Theages berührt Fragen des Lernens und der Führung. Charmides fragt nach der Bedeutung der Besonnenheit, Laches nach der Tapferkeit, Lysis nach der Natur der Freundschaft. Euthydemos konfrontiert ernsthafte Unterweisung mit eristischer Streitkunst. Protagoras prüft die Lehrbarkeit der Tugend und die Einheit ihrer Teile. Gorgias thematisiert die Macht der Rede und ihre Verantwortung, Menon verbindet die Untersuchung über Tugend mit der Frage nach Bedingungen von Einsicht. Zusammen zeichnen diese Dialoge ein Panorama des Lernens, Prüfens und Formens des Charakters.

Die siebte Tetralogie vertieft ästhetische und rhetorische Fragen. Hippias maior und Hippias minor verhandeln Maßstäbe der Schönheit, Selbstbeherrschung und die Beziehung von Wissen und Handeln. Ion beleuchtet das Verhältnis von dichterischer Inspiration und fachlicher Kompetenz und fragt nach dem Status des rhapsodischen Könnens. Menexenos präsentiert eine parodistische Übung in politischer Rede, die zugleich die Wirkung öffentlicher Sprache reflektiert. In diesen Texten wird sichtbar, wie Schein, Ausdruck und Urteil aufeinander einwirken, und wie philosophische Kritik an Formen der Darstellung die Orientierung im Gemeinwesen schärft.

Die achte Tetralogie verbindet politisches Denken mit Naturdeutung. Kleitophon markiert die Spannung zwischen Forderung und Umsetzung in der Praxis. Die Politeia entwirft eine umfassende Untersuchung über Gerechtigkeit, Bildung und Ordnung des Staates. Timaios entwirft eine kosmologische Darstellung, die Natur, Weltseele und Ordnung der Dinge nach Gründen befragt. Kritias nimmt das Thema Atlantis auf und bindet es an Überlegungen über Verfassung und Erinnerung. Der Zusammenschluss dieser Dialoge zeigt, wie Ethik, Politik und Kosmologie aufeinander bezogen werden, um Maß und Form des menschlichen Lebens zu bestimmen.

Die neunte Tetralogie legt den Schwerpunkt auf Recht und Gesetzgebung. Minos fragt nach dem Wesen des Gesetzes und seinem Ursprung. Nomoi (Gesetze) entfalten eine weitläufige, praktische Reflexion über Institutionen, Erziehung und Ordnung des Gemeinwesens. Epinomis setzt Akzente in der Fortführung und Abrundung der Überlegungen. Die beigefügten Briefe erweitern das Bild um eine perspektivische, epistolare Stimme, die Fragen des Handelns, der Verantwortung und der politischen Lage aufgreift. So schließen die späten Texte die thematischen Bögen und stellen die normative Dimension staatlicher Praxis in den Vordergrund.

Platon entwickelt eine charakteristische Methode, die das dialogische Fragen mit begrifflicher Strenge verbindet. Ironie, Prüfgespräch und die Bereitschaft zur Aporie dienen der Klärung von Voraussetzungen. Mythische Passagen und Gleichnisse veranschaulichen, ohne die Diskussion zu ersetzen. Dramatische Rahmungen, sorgfältig geführte Figurenreden und feine Register der Redeweise stützen den Gedankengang. Wiederkehrende Leitmotive – Maß, Einheit, Form, Zweck, Bildung – strukturieren die Suche, während die Vielfalt der Stimmen verhindert, dass eine Position als bloß dogmatischer Lehrsatz erscheint. So wird Denken als lebendige Praxis vorgeführt, die im Gespräch Gestalt gewinnt.

Die anhaltende Bedeutung dieses Werks liegt in der Weite seiner Fragestellungen und der Konsequenz seiner Begründungen. Ethik, Erkenntnistheorie, Metaphysik, Rhetorik, Politik, Recht, Pädagogik und Naturphilosophie sind nicht isoliert, sondern um zentrale Anliegen herum verschränkt: gerechtes Handeln, wahre Einsicht, verantwortliche Rede und gute Ordnung. Die Dialoge haben über Jahrhunderte Orientierung geboten – in Philosophie, Theologie, Literatur, Wissenschaft sowie in Bildungsdebatten. Ihre Fragweise schärft Unterscheidungen, sensibilisiert für Maßstäbe und eröffnet Wege, Konflikte vernünftig auszutragen. Darin liegt ihre fortdauernde Wirkungskraft und ihre exemplarische Aktualität für Gegenwart und Zukunft. Die tetralogische Gliederung lädt zu Lektüregängen ein, die thematische Bögen sichtbar machen und Vergleiche über Werkgrenzen hinweg ermöglichen. Wer quer liest, findet Resonanzen zwischen Ethik und Politik, Erkenntnis und Sprache, Mythos und Analyse. Wer linear liest, kann die innere Verdichtung verfolgen, mit der Argumente vorbereitet, vertieft und in anderen Feldern erprobt werden. In beiden Fällen erschließt sich Platon als Autor, der Denken zur gemeinsamen Sache macht und es in die Öffentlichkeit des Dialogs stellt.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Platon, ca. 428/427–348/347 v. Chr., war ein athenischer Philosoph, Schüler des Sokrates und Lehrer des Aristoteles. Sein Werk, überwiegend in Dialogform, zählt zu den Grundbeständen der abendländischen Philosophie. In den frühen Gesprächen der Tetralogie I (Euthyphron, Apologie des Sokrates, Kriton, Phaidon) prägt ihn die Figur des Sokrates; in der mittleren Phase entfaltet er in der Politeia eine Theorie der Gerechtigkeit und in Timaios eine umfassende Kosmologie. Spätere Schriften wie Nomoi wenden sich der Gesetzgebung zu. Die hier versammelte Sammlung zeigt den außergewöhnlichen thematischen Radius von Ethik, Erkenntnistheorie und Metaphysik bis zur politischen Philosophie.

Die Anordnung in Tetralogien knüpft an eine antike Ordnungstradition an und führt durch die Entwicklungsschritte platonischen Denkens. So begegnen sprachphilosophische und erkenntnistheoretische Untersuchungen (Kratylos, Theaitetos), ontologische Analysen (Der Sophist, Parmenides), politische Reflexionen (Der Staatsmann, Politeia, Nomoi) sowie dialogische Experimente, die Rhetorik kritisieren oder parodieren (Gorgias, Menexenos). Ergänzt wird die Sammlung durch kürzere oder umstrittene Stücke und die Briefe. In ihrer Gesamtgestalt dokumentiert sie, wie Platon literarische Form und philosophische Argumentation zu einem präzisen, vielfach ironischen Instrument vereint.

Bildung und literarische Einflüsse

Platon entstammte einer prominenten Athener Umwelt und erhielt eine Erziehung, die Musik, Gymnastik und Dichtung umfasste. Die politischen Erschütterungen Athens und die Erfahrung des öffentlichen Lebens prägten seinen Blick auf Macht, Gesetz und Gemeinsinn. Früh zeigte sich seine Nähe zu den Fragen der Ethik und Erkenntnis, die später in den Dialogen ausgearbeitet werden. Die Begegnung mit sokratischer Gesprächskunst und die Auseinandersetzung mit den Sophisten schärften sein Bewusstsein für definitorische Genauigkeit, argumentative Strenge und den Unterschied zwischen Überredung und Einsicht, ein Leitfaden, der die Sammlung durchzieht.

Der entscheidende intellektuelle Einfluss war Sokrates. In Euthyphron, Apologie des Sokrates und Kriton erscheint Sokrates als Prüfstein der Frömmigkeit, der bürgerlichen Pflicht und der Integrität vor dem Gesetz. Phaidon fügt die Reflexion über die Unsterblichkeit der Seele hinzu und zeigt, wie philosophische Praxis als Lebensform verstanden wird. Laches, Charmides und Lysis erweitern das Spektrum sokratischer Tugendforschung. Diese Dialoge bilden den Grundton: durch fragende Prüfung zu begrifflicher Klärung und zur Einsicht in Maßstäbe, die nicht aus bloßer Gewohnheit stammen.

Neben Sokrates prägten vorsokratische Denker und die Sophistik Platons Denken. Kratylos verhandelt Heraklitisches und die Frage, ob Namen naturgegeben sind. Theaitetos erkundet, was Wissen ist, und bereitet die Analysen von Der Sophist vor, der Sein, Nichtsein und Trug beleuchtet. Der Staatsmann präzisiert politische Maßstäbe jenseits bloßer Rhetorik, während Protagoras und Gorgias die pädagogische und persuasive Macht der Sprache prüfen. Parmenides führt eine strenge Prüfung der Ideenlehre vor; Philebos reflektiert über Lust, Intelligenz und das Gute. So wird die Sammlung selbst zur Schule der intellektuellen Einflüsse, die sie verarbeitet.

Literarische Laufbahn

Platons literarische Laufbahn beginnt mit dialogischen Untersuchungen, die sokratische Alltagsthemen auf philosophische Höhe heben. In Euthyphron, Apologie, Kriton und Phaidon verdichten sich Religiosität, Rechtspflicht, Todesmut und Seelenlehre zu einem Ethos der Prüfung. Laches, Charmides und Lysis erproben Tugendbegriffe; Protagoras fragt nach der Lehrbarkeit der Tugend; Menon verbindet Tugendforschung mit der Frage nach Wissen und Erinnerung. Euthydemos demonstriert die Kunst der Widerlegung gegenüber eristischen Kunststücken. Stilistisch dominiert der elenktische Dialog: kurze Fragen, definitorische Versuche, Widerlegung, erneute Prüfung.

Die mittlere Schaffensphase weitet Form und Anspruch. Das Symposion entfaltet eine Theorie des Eros und bereitet die Idee des Schönen vor, die im Phaidros mit einer Reflexion über Rhetorik und Seelenlenkung verbunden wird. Die Politeia entwirft eine Analogie von Seele und Stadt und behandelt Gerechtigkeit, Bildung und philosophische Herrschaft. Timaios bietet eine kosmologische Darstellung von Natur, Weltseele und Zahlenordnung, während Kritias ein Fragment über Atlantis und politische Degeneration enthält. Diese Stücke verbinden Mythos und Argument, Bilder und Definitionen, um Metaphysik, Psychologie und Politik zusammenzuführen.

Die späten Dialoge vertiefen Methodik und Kritik. Theaitetos analysiert Erkenntnis ohne abschließende Definition und zeigt philosophische Redlichkeit im Umgang mit Aporien. Der Sophist und Der Staatsmann entwickeln Strukturanalysen mittels Teilung und Sammlung; sie klären, wie Definitionen entstehen und wie politische Maßkunst denkbar ist. Parmenides inszeniert eine scharfe Selbstprüfung der Ideenlehre. Philebos untersucht das Verhältnis von Lust, Intelligenz und Gut. Nomoi neigt zur praktischen Gesetzgebung, während Minos und Epinomis den Komplex erweitern. Der Stil wird dichter und technischer, die dramatische Ironie nüchterner, die Systematik ausgeprägter.

Zur Sammlung gehören auch kürzere und teils umstrittene Dialoge. Hippias maior und Hippias minor, Ion und Menexenos zeigen experimentelle Formen zwischen Ästhetik und Rhetorik; Menexenos parodiert die Grabrede-Tradition. Kleitophon ist eine knappe, kritische Stimme im Umfeld der Politeia. Alkibiades I und II, Hipparchos, Die Nebenbuhler sowie Theages werden in der Forschung unterschiedlich beurteilt; ihre Zuschreibung ist teils strittig. Briefe und Epinomis sind ebenfalls Gegenstand der Authentizitätsdebatte. Gleichwohl illustriert die Sammlung die Breite platonischer Werkstatt und die Vitalität der platonischen Tradition, die solche Texte bewahrt hat.

Überzeugungen und Engagement

Politisch verbindet Platon eine Kritik der Demagogie mit der Suche nach normativen Maßstäben. Die Politeia skizziert die Idee philosophischer Herrschaft und eine Bildungsordnung, die Erkenntnis gegenüber bloßer Meinung privilegiert. Der Staatsmann hebt die Kunst der richtigen Maßteilung hervor und unterscheidet sie von taktischer Gewandtheit. Gorgias entlarvt Rhetorik als machtvolles, aber gefährliches Mittel, wenn sie sich von Wahrheit löst; Menexenos spiegelt dies im Medium der Parodie. In Nomoi gestaltet Platon ein „zweitbestes“ Gemeinwesen, das durch Gesetz und Erziehung stabile Güter sichert, sofern die beste Ordnung nicht verwirklicht werden kann.

Ethik und Metaphysik bilden das Rückgrat seiner Überzeugungen. Phaidon argumentiert für die Unsterblichkeit der Seele und versteht Philosophie als Vorbereitung, die das Denken von sinnlicher Bindung löst. In Symposion und Phaidros erscheint Eros als dynamische Kraft, die zur Schau des Schönen und zur Ordnung der Seele führt. Theaitetos und Der Sophist etablieren intellektuelle Redlichkeit: Wissen ist mehr als wahre Meinung, und Nichtsein lässt sich sinnvoll denken. Philebos bestimmt das Gute als geordnetes Mischverhältnis. Protagoras und Menon halten die Frage offen, inwiefern Tugend lernbar ist, und zeigen, wie Bildung zur charakterlichen Umformung beitragen kann.

Letzte Jahre & Vermächtnis

Platon wirkte in Athen als Lehrer und gründete die Akademie, die über Generationen philosophische Forschung prägte. Reisen, darunter nach Sizilien, verbanden politische Hoffnungen mit ernüchternden Erfahrungen, die seine spätere Betonung gesetzlicher Ordnungen in Nomoi plausibel machen. In seinen letzten Jahren wendete er sich systematischen Analysen zu; Epinomis und die Briefe sind in der Überlieferung mit dieser Phase verknüpft. Platon starb um 348/347 v. Chr. Sein Nachwirken reicht über Aristoteles, die spätere platonische Tradition und Kommentatoren bis in die mittelalterliche und neuzeitliche Philosophie. Die hier dokumentierte Sammlung bleibt eine Schule des Denkens und der literarischen Form.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Platon, geboren um 428/427 v. Chr. und gestorben 348/347 v. Chr., verfasste seine Dialoge im Umfeld der klassischen griechischen Poliswelt. Athen, kulturelles Zentrum der Zeit, war geprägt von Bürgerkultur, Gerichtsreden, Theater und intensiven philosophischen Debatten. Die Sammlung spiegelt mehrere Epochen wider: die krisenhafte Spätphase des 5. Jahrhunderts und die Neuorientierung des 4. Jahrhunderts v. Chr. Zentral ist die Figur des Sokrates, dessen historische Hinrichtung 399 v. Chr. als intellektueller Schock wirkte. Platon nutzt das literarische Dialogformat, um Fragen der Ethik, Politik, Erkenntnis und Natur in einem sich wandelnden städtischen und imperialen Kontext zu verhandeln.

Der Peloponnesische Krieg (431–404 v. Chr.) veränderte die politische Landschaft der griechischen Welt nachhaltig: Athen verlor seine Hegemonie, die Oligarchie der Dreißig Tyrannen herrschte 404/403 v. Chr., ehe die Demokratie restauriert wurde. In diesem Spannungsfeld stehen die frühen sokratischen Dialoge und die Auseinandersetzung mit Recht, Pflicht und Bürgersein. Euthyphron, Apologie des Sokrates, Kriton und Phaidon (Tetralogie I) rahmen literarisch die Umstände um Anklage, Prozess und Tod des Sokrates. Ohne die Argumente vorwegzunehmen, dokumentieren sie Athener Verfahren, Normenkonflikte und das Selbstverständnis einer Polis nach Krieg und innerem Umsturz.

Die Sophistik bildete eine transgriechische Bildungsbewegung, deren Vertreter gegen Honorar Rhetorik, Argumentation und politische Kompetenz lehrten. In einer Demokratie mit großen Geschworenengerichten und Volksversammlungen hatte Redegewandtheit unmittelbare Wirkung. Dialoge wie Protagoras, Gorgias, Euthydemos sowie Ion und Menexenos greifen dieses Umfeld auf—teils prüfend, teils ironisch. Der historische Gorgias aus Leontinoi demonstrierte früh die Kraft der Rede in Athen. Die Sammlung zeigt, wie Platon die Marktdynamik des Wissens, die Rolle von Lehrern und die Ambivalenz zwischen Überzeugungskunst und Wahrheitssuche aus der Perspektive widersprüchlicher Institutionen beleuchtet.

Platons Werk reagiert auf vorsokratische Traditionen. Die Eleaten (Parmenides, Zenon) betonten das Eine und Unveränderliche; heraklitische Strömungen hoben Wandel hervor; pythagoreische Denker verbanden Kosmos und Zahl. In Theaitetos, Sophist und Der Staatsmann (Tetralogie II) spiegelt sich diese Auseinandersetzung mit Erkenntnis, Sein und politischer Expertise. Der Dialog Parmenides markiert eine besonders anspruchsvolle Konfrontation mit eleatischem Denken. Kratylos greift Diskussionen über Sprache und Wirklichkeit auf. Historisch stammt dieses intellektuelle Spannungsfeld aus Städten wie Elea, Abdera oder Kroton und wurde in Athen durch Lehrreisen und Schriften wirksam.

Symposien waren institutionalisierte Trinkgesellschaften mit geregelten Formen von Gespräch, Musik und Bildung. Sie boten einen Rahmen, in dem politische Netzwerke, pädagogische Beziehungen und kulturelles Kapital zirkulierten. Symposion und Phaidros rekurrieren auf diese Praktiken der klassischen Polis, in denen Fragen des Schönen, des Begehrens und der Rede verhandelt wurden. Zugleich reflektiert die Sammlung die aufkommende Schriftkultur: in Athen des 5.–4. Jahrhunderts v. Chr. verbreiteten sich Schriften stärker, während die oralen Künste dominant blieben. Platons dialogische Technik integriert diese Spannung, indem sie mündliche Interaktion literarisch fixiert.

Die politischen Großformen des 4. Jahrhunderts v. Chr.—Polisbünde, wechselnde Hegemonien, Reformen innerer Ordnung—bilden den Hintergrund für Staats- und Rechtsentwürfe. Politeia und Nomoi sowie Texte wie Kleitophon, Minos und Epinomis verhandeln Normsetzung, Erziehung und Verfassungspraxis im Vergleich realer Ordnungen. Nach militärischen Erschütterungen suchten viele Poleis Stabilität über Gesetze und Institutionen. Platons Modelle stehen im Dialog mit dieser Reformkultur, ohne sich auf eine einzelne historische Ordnung zu reduzieren. Die Sammlung dokumentiert so Debatten, in denen Verfassungsfragen nicht nur theoretisch, sondern als Überlebensfragen der Polis erschienen.

Die Gründung der Akademie um 387 v. Chr. begründete eine Institution, die Forschung, Lehre und Kollegialität verband. Mathematik spielte eine methodische Schlüsselrolle; Figuren wie Eudoxos von Knidos wirkten im Umfeld der Akademie. Die nachfolgenden Scholarchen Speusippos und Xenokrates konsolidierten die Schule; später wandelte sich die Akademie mehrfach, bis sie institutionell in der Antike erlosch. In Platons Dialogen deutet sich diese Verbindung von dialektischer Übung, Mathematik und Politik an. Die Sammlung ist insofern auch Zeugnis eines neuartigen, dauerhaft wirkmächtigen Bildungsmodells, das sich vom sophistischen Markt deutlich unterschied.

Platons wiederholte Reisen nach Sizilien in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. verbanden Philosophie mit realer Politik. In Syrakus traf er auf den Hof der Tyrannen Dionysios I. und II. sowie auf den Verwandten und Mitstreiter Dion. Diese Ereignisse sind für die politische Erfahrung Platons bedeutsam und bilden einen historischen Resonanzraum für Reflexionen über Herrschaft und Bildung. Überliefert werden Teile dieser Geschichte im sogenannten Siebten Brief, dessen Authentizität in der Forschung umstritten ist. Unabhängig davon belegen antike Quellen Platons Sizilienkontakte und die daraus resultierenden Enttäuschungen und Hoffnungen.

Die naturphilosophischen Horizonte der Sammlung—besonders im Timaios und im unvollendet überlieferten Kritias—stehen in einem Umfeld, in dem Geometrie, Astronomie und Medizin eigenständige Disziplinen ausbildeten. Pythagoreische Einflüsse, kosmologische Spekulationen und Beobachtungen des Himmels verbinden sich zu einer rationalen Weltbeschreibung, die in der Spätantike intensive Kommentierung erfuhr. Über die lateinische Teilübersetzung und den Kommentar des Calcidius (spätes 4./frühes 5. Jahrhundert n. Chr.) prägten Ideen aus dem Timaios das lateinische Mittelalter. Der Atlantis-Stoff im Kritias wirkte literarisch weit; philosophisch blieb die Naturordnung zentral.

Die frühen Dialoge zu Tugenden wie Besonnenheit, Tapferkeit und Freundschaft—Charmides, Laches, Lysis—spiegeln die pädagogischen Einrichtungen der Polis: Gymnasien, Palaestren und philosophische Gesprächskreise. Theages und Euthydemos berühren die Frage, wie und wozu man lernt, während Menon die Lehrbarkeit der Tugend in einer Zeit debattiert, in der Bildung soziale Mobilität und politischen Einfluss eröffnete. Diese Texte reagieren auf konkrete Bildungspraktiken und nicht nur auf abstrakte Moraltheorie. Sie zeigen, wie die Konkurrenz um Schüler, Reputation und honorierte Unterweisung die philosophische Bühne strukturierte.

Kratylos bezieht sich auf Debatten über Sprachursprung, Benennung und Bedeutung, die im 5.–4. Jahrhundert v. Chr. in rhetorischen Schulen und philosophischen Zirkeln präsent waren. Der Dialog steht an einer Schwelle zur systematischen Sprachreflexion, wie sie später die Stoa, die alexandrinische Philologie und griechische Grammatiker ausbildeten. In der Sammlung fungiert er als Scharnier zwischen Sinneswahrnehmung, Begriff und Weltbezug. Die Frage, ob Namen naturhaft oder konventionell sind, erhält historisches Gewicht, weil Recht, Politik und Bildung in Athen stark von präzisen Begriffen, Deutungen und Textpraktiken abhingen.

Die Form des philosophischen Dialogs knüpft an dramatische Kultur und erzählende Prosa der Klassik an. Athenische Theaterfeste, Mimen und die verbreitete Redeform der Streitgespräche bilden den literarischen Hintergrund. Platon entwickelt daraus eine Gattung, die ohne dogmatische Lehrschrift auskommt und doch systematisch ist. Sokrates erscheint als Figur historischer Erinnerung und als methodischer Ankerpunkt. In Symposion, Phaidros oder Theaitetos werden Gespräche oft sorgfältig gerahmt, ort- und zeitgebunden. Die Sammlung dokumentiert damit auch die Transformation mündlicher Debatten in dauerhafte Schriftrollen, die im Lesekreis und in Schulen zirkulierten.

Die vorliegende Tetralogie-Gliederung knüpft an eine antike Ordnung an, die dem Gelehrten Thrasyllos (1. Jahrhundert n. Chr.) zugeschrieben wird. Diese Einteilung ist nicht Platons eigene und reflektiert spätere Lektüre- und Lehrzusammenhänge. Die Sammlung enthält neben allgemein anerkannten Dialogen auch Stücke, deren Authentizität in der Forschung umstritten ist, etwa Alkibiades II, Hipparchos, Die Nebenbuhler (Anterastai), Theages, Minos, Epinomis sowie Teile der Briefe. Solche Zuweisungsfragen sind Teil der Rezeptionsgeschichte und beeinflussen, wie man thematische Gruppen bildet und literarische Entwicklung rekonstruiert.

Die Überlieferung erfolgte über griechische Handschriften, zunächst auf Papyrusrollen, später auf Pergamentkodizes. Papyri aus römischer Zeit—unter anderem aus Oxyrhynchos—belegen die frühe Lektüre einzelner Dialoge. Spätantike und byzantinische Gelehrte bewahrten und kommentierten die Texte; der Standard der heutigen Zitierweise, die Stephanus-Paginierung, geht auf die Ausgabe des Henri Estienne (Stephanus) von 1578 zurück. Die Institution der ursprünglichen Akademie überdauerte die Antike nicht ungebrochen; dennoch blieb der Textbestand durch Bibliotheken und Gelehrte des Ostens und Westens zugänglich, wenn auch im Westen lange nur in Teilen.

In der Spätantike schufen Neuplatoniker wie Plotin (3. Jahrhundert n. Chr.) und Proklos (5. Jahrhundert n. Chr.) eine mächtige Auslegungstradition. Ihre Kommentare und Lehrsysteme rahmten Lektüren von Politeia, Parmenides, Timaios und anderen Dialogen. Christliche Denker—etwa Augustinus—rezipierten platonisches Denken, häufig vermittelt über neuplatonische Quellen. In der arabischsprachigen Philosophie wurden platonische Ideen selektiv überliefert und weiterentwickelt; direkte Übersetzungen einzelner Dialoge waren seltener als die Wirkung über Kommentare und paraphrasierende Traditionen. So prägte Platon, vermittelt und transformiert, Debatten über Seele, Kosmos und Erkenntnis.

Im lateinischen Mittelalter blieb der Timaios—über Calcidius—das einflussreichste Fenster zu Platon. Eine umfassendere Wiederaneignung erfolgte in der Renaissance: Marsilio Ficino fertigte in den 1460/70er Jahren eine vollständige lateinische Übersetzung an, die 1484 gedruckt wurde; 1513 erschien die erste gedruckte griechische Gesamtausgabe bei Aldus Manutius. Humanisten nutzten Platon für Bildungs- und Staatsreflexion. In der Moderne prägten philologische Editionen (etwa John Burnets Oxford Classical Text, 1900–1907), stilometrische Datierungsversuche und Übersetzungen, unter anderem Friedrich Schleiermachers (19. Jahrhundert), die Lektüre und systematische Einordnung des Corpus.

Die Sammlung kommentiert ihre Entstehungszeit, indem sie Konflikte zwischen Tradition und Innovation, Mündlichkeit und Schrift, Demokratie und Expertise, Philosophie und politischer Praxis ausleuchtet. Zugleich wurde sie in späteren Epochen neu gerahmt: Neuplatonische Metaphysik, christliche Theologie, islamische Philosophie, Renaissance-Humanismus, Aufklärung und moderne Wissenschaftstheorie fanden in den Dialogen je eigene Anknüpfungspunkte. So zeigt diese Edition nicht nur einen historischen Autor, sondern ein bewegliches Textfeld, dessen Bedeutung sich in Abhängigkeit von Institutionen, Technologien und intellektuellen Problemstellungen immer wieder neu konfiguriert.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Das Vorwort führt in die Sammlung ein, skizziert zentrale Leitfragen wie Tugend, Wissen, Politik und Seele und zeigt, wie die Dialoge miteinander in Gespräch stehen. Es bietet Orientierung für die Lektüre, ohne die argumentative Entfaltung der Werke vorwegzunehmen.

Tetralogie I: Euthyphron, Apologie des Sokrates, Kriton, Phaidon

Euthyphron, Apologie des Sokrates, Kriton und Phaidon folgen Sokrates durch religiöse, rechtliche und existentielle Prüfungen. In zugespitzten Gesprächen über Frömmigkeit, Gesetzestreue und die Unsterblichkeit der Seele entwickelt sich der sokratische Prüfungsstil vom Widerlegen zum Nachdenken über Lebensform und Sterblichkeit. Der Ton vereint ironische Nüchternheit mit Ernst und innerer Ruhe.

Tetralogie II: Kratylos, Theaitetos, Der Sophist, Der Staatsmann

Kratylos, Theaitetos, Der Sophist und Der Staatsmann verfolgen einen Bogen von Sprachfragen über Erkenntnistheorie zu Ontologie und politischer Sachkunde. Die Dialoge erproben Definitionen, Teilungsmethoden und begriffliche Klärungen, um Schein und Sein, Wissen und Meinung sowie das Profil des richtigen Staatslenkers zu unterscheiden. Der Stil ist streng analytisch und methodisch experimentell.

Tetralogie III: Parmenides, Philebos, Symposion, Phaidros

Parmenides, Philebos, Symposion und Phaidros stellen dialektische Kritik neben mythisch-bildhafte Rede über Lust, Erkenntnis und Eros. Der Parmenides testet die Reichweite von Formenannahmen, während Symposion und Phaidros das Streben nach dem Schönen als Bildung der Seele deuten; Philebos sucht Maß und Mischung des Guten. Die Mischung aus Prüfung und Hymnus erzeugt einen kontemplativen, zugleich prüfenden Ton.

Tetralogie IV: Alkibiades I, Alkibiades II, Hipparchos, Die Nebenbuhler

Alkibiades I, Alkibiades II, Hipparchos und Die Nebenbuhler kreisen um Ehrgeiz, Selbstkenntnis, Besitzliebe und rivalisierende Werbungen. In kurzen, sokratischen Gesprächen wird die Selbsterziehung des politischen Talents und die rechte Ausrichtung von Eros und Nutzen verhandelt. Der Ton ist ermahnend, dialogisch knapp und oft alltagsnah.

Tetralogie V: Theages, Charmides, Laches, Lysis

Theages, Charmides, Laches und Lysis untersuchen exemplarisch Tugendbegriffe im Umgang mit jungen Gesprächspartnern. Besonnenheit, Tapferkeit, Freundschaft und das Verlangen nach Weisheit werden im sokratischen Fragegang geprüft, der klare Definitionen anstrebt und zugleich in produktive Aporien führt. Die Gespräche wirken pädagogisch und suchend.

Tetralogie VI: Euthydemos, Protagoras, Gorgias, Menon

Euthydemos, Protagoras, Gorgias und Menon konfrontieren Philosophie mit Sophistik, Rhetorik und der Frage nach der Lehrbarkeit der Tugend. Schlagfertige Widerlegungen und prinzipielle Argumente über Wissen, Meinung und richtige Rede zeigen, wie Sprachmacht und Wahrheitsanspruch auseinanderfallen können. Der Ton schwankt zwischen polemischer Schärfe und systematischer Klärung.

Tetralogie VII: Hippias maior, Hippias minor, Ion, Menexenos

Hippias maior, Hippias minor, Ion und Menexenos prüfen Schönheitsbegriffe, Wahrhaftigkeit, dichterische Inspiration und die Form der politischen Rede. Die Texte legen Spannungen zwischen Können, Eingebung und Wissen frei und setzen Ironie gegen Selbstsicherheit und Routine. Der Ton ist spitzfindig, spielerisch und kritisch gegenüber konventioneller Rhetorik.

Tetralogie VIII: Kleitophon, Politeia, Timaios, Kritias

Kleitophon, Politeia, Timaios und Kritias führen von Kritik an bloßer Ermahnung zu umfassenden Entwürfen von Seele, Staat und Kosmos. Die Politeia entwirft Gerechtigkeit als Ordnung im Individuum und in der Polis, Timaios und Kritias verbinden Ordnungsvorstellungen mit Kosmologie und mythischer Geschichte. Die Anlage ist architektonisch, normativ und spekulativ.

Tetralogie IX: Minos, Nomoi, Epinomis, Briefe

Minos, Nomoi, Epinomis und die Briefe rücken praktische Gesetzgebung, Lebensordnung und reflektierte politische Erfahrung in den Vordergrund. Die Gespräche und Texte suchen ein praktikables Gemeinwesen jenseits idealer Voraussetzungen und betonen Maß, Erziehung und Frömmigkeit; die Briefe fügen persönliche und politische Perspektiven hinzu. Der Ton ist nüchtern institutionell und beratend.

Leitmotive und Entwicklung

Die Sammlung zeigt die Bewegung von sokratischer Prüfung über konstruktive Theorie zu gesetzgeberischer Pragmatik. Wiederkehrende Themen sind Einheit von Tugend und Wissen, Verhältnis von Rede und Wahrheit, Eros als Bildungsdynamik, die Ordnung der Seele und der Stadt sowie der Einsatz mythischer Rede zur Veranschaulichung. Stilistisch wechseln Ironie, methodische Strenge und poetische Bilder, wodurch Dialektik, Pädagogik und Kosmologie zusammengeführt werden.

PLATON - Gesammelte Werke

Hauptinhaltsverzeichnis
Vorwort
Platons Leben und Werk
Werke:
Tetralogie I
Euthyphron (Über die Frömmigkeit)
Apologie des Sokrates
Kriton
Phaidon (Über die Unsterblichkeit der Seele)
Tetralogie II
Kratylos (Über die Sprachkunde)
Theaitetos (Die Erkenntnistheorie)
Der Sophist
Der Staatsmann (Politikos)
Tetralogie III
Parmenides
Philebos (Verhältnis von Lust, Intelligenz und Gut)
Symposion (Das Gastmahl)
Phaidros (Vom Schönen)
Tetralogie IV
Alkibiades (Der sogenannte Erste)
Alkibiades (Der sogenannte Zweite oder Kleiner Alkibiades)
Hipparchos
Die Nebenbuhler (Anterastai)
Tetralogie V
Theages
Charmides (Die Bedeutung der Besonnenheit)
Laches (Über die Tapferkeit)
Lysis (die Natur der Philia)
Tetralogie VI
Euthydemos
Protagoras (Über die Lehrbarkeit der Tugend)
Gorgias (Rhetorik als Propagandamittel)
Menon
Tetralogie VII
Hippias maior (Das größere Gespräch dieses Namens)
Hippias minor (Das kleinere Gespräch dieses Namens)
Ion
Menexenos (Die Rhetorik der Parodie)
Tetralogie VIII
Kleitophon
Politeia (Der Staat)
Timaios (Über die Natur, Kosmologie und Weltseele)
Kritias (Über Atlantis)
Tetralogie IX
Minos
Nomoi (Gesetze)
Epinomis
Briefe

Vorwort

Inhaltsverzeichnis

Platons Leben und Werk

Plato dankt einmal den Göttern für vier Dinge: daß er geboren sei 1.als Mensch, 2.als Mann, 3.als Grieche und 4.als Bürger Athens zu Sokrates' Zeit. Aus einem der vornehmsten Geschlechter entstammend – die Legende schrieb ihm später, genau wie Jesus, einen göttlichen Vater (Apollo) und eine jungfräuliche Mutter zu–, wurde er denn auch körperlich und geistig aufs sorgfältigste erzogen und mit der ganzen wissenschaftlichen und künstlerischen Bildung des damaligen Athens ausgerüstet. Und doch galt ihm dies alles nichts – er soll unter anderem seine Jugendgedichte verbrannt haben – imVergleich zu dem vertrauten Umgange mit seinem geliebten Meister Sokrates, den er von seinem 21. bis 28.Lebensjahre (406 bis 399) genoß. Nach dessen Tod verließ er die ihm auch politisch unerfreulich gewordene Vaterstadt und ging auf Reisen, die ihn unter anderem zu dem Mathematiker Theodoros in Cyrene (Nordafrika), nach dem Lande uralter Priesterweisheit am Nil, zu den Pythagoreern in Tarent und an den Hof des älteren Dionys in Sizilien führten. Nach Athen heimgekehrt, gründete er vierzigjährig, also 387 seine Philosophenschule nahe einem dem Halbgott Akademos geweihten Gymnasium, daherAkademiegenannt. Hier hat er, abgesehen von zwei Reisen nach Syrakus (367 und 361), wo er vergeblich auf den jüngeren Dionys im Sinne seines Staatsideals (siehe unten) einzuwirken hoffte, zurückgezogen von den öffentlichen Angelegenheiten bis zu seinem achtzigsten Jahre gelebt und gewirkt.

Glücklicherweise sind alle seine Schriften, gegen dreißig an der Zahl, erhalten. Sie sind sämtlich in der Form von Zwiegesprächen(Dialogen)abgefaßt und zeigen eine von keinem anderen griechischen Prosaiker erreichte Künstlerschaft der Sprache, die mit plastischer Anschaulichkeit und zuweilen dramatischer Lebendigkeit des Gesprächs gepaart ist. Der Hauptredner ist jedesmal Sokrates, dem der dankbare Jünger seine eigene Philosophie in den Mund legt, während der Titel des Dialogs gewöhnlich nach dem wichtigsten Mitunterredner gewählt ist.

In den frühesten Dialogen entfernt sich Plato noch nicht besonders weit von der Lehre des Meisters. Der erste, die sogenannte »Apologie des Sokrates«, ist dessen von Plato selbst in Worte gefaßte Verteidigungsrede vor Gericht; das Thema des zweiten im Gefängnis spielenden: weshalb Sokrates die ihm von seinem alten Freunde Kriton angebotene Gelegenheit zur Befreiung nicht annehmen will. Vier andere kleinere Gespräche erörtern nacheinander die Bedeutung bestimmter Tugenden: der Tapferkeit, Besonnenheit, Frömmigkeit, Freundschaft und Liebe. Fünf weitere Dialoge setzen sich mit den Sophisten auseinander; ebenso auch das erste Buch seines späteren Hauptwerks, des »Staates«. Seine eigene Philosophie kommt erst in den Schriften seiner Reifezeit zum Durchbruch, die seineIdeenlehreenthalten.

Mit Plato stehen wir an dem Quellpunkt desIdealismusund damit zugleich alles wissenschaftlichen Denkens. Er faßt zum erstenmal mit aller Klarheit – die Eleaten, Demokrit, Sokrates bildeten nur Vorstufen dazu – den Gedanken eines rein gedachten Seins, welches dadurchist, daß esgedachtwird. Diese ganz neue Art des Seins und zugleich das Denken derselben bezeichnet er nun auch mit einem damals noch ganz neuen Namen: derIdee, die wörtlich ein geistiges »Schauen« bedeutet. Natürlich behandelt er auch die zu ihr führenden Vorstufen der Erkenntnis. Deren unterste Stufe stellt die sinnliche Wahrnehmung dar, die für sich allein selbstverständlich keine sichere Erkenntnis zu liefern vermag. Auch die zusammenfassende und vergleichende Überlegung, mit der die Seele die ihr gebotenen Sinneswahrnehmungen erst zur »Vorstellung« schlechtweg, dann zur richtigen Vorstellung weiter verarbeitet, führt noch nicht zur Erkenntnis des wahrhaft Seienden, des Bleibenden im Fluß der Erscheinungen, mit einem Wort zur Wissenschaft. Das vermag nur die Idee. »Auf die Idee hinschauend«, als das Muster, das ihm vor Augen steht, verfertigt schon der Tischler seine Bettstelle, der Techniker sein Modell, aber auch der größte Künstler sein Werk. Die Idee ist das sich gleich Bleibende, das dem vielen Gleichbenannten Gemeinsame, das wirklich und wahrhaft Seiende.

Um sie vor aller Versinnlichung zu schützen, stellt Plato die Ideen in seiner bilderreichen Sprache wohl auch als »thronend an einem überhimmlischen Ort«, als »unkörperliche, unräumliche, unsinnliche Wesenheiten«, als »ewig, farblos, gestaltlos« dar; Eigenschaften, die alle auch auf unsereGedankenzutreffen. Das mag verschuldet haben, daß weniger poetische Naturen – schon sein Schüler Aristoteles beginnt damit – sie als eine Art außerhalb der übrigen Welt irgendwo ein Sonderdasein führender Geister oder persönlicher Wesen mißverstanden hat. Und doch sagt unser Philosoph ganz klar, daß seine Ideen, die es von allem möglichen, Hohem wie Niedrigem gibt – zum Beispiel von Tisch, Bett, Messer–, nurGedankendingesind, die unsere eigene Seele erst erzeugt. Der Drang zu ihrer Hervorbringung, zum Gebären dessen, womit die Seele schwanger geht, ist es, der den Philosophen wie den Künstler macht; es ist der Eros, das ist das liebendeVerlangen, der geistige Zeugungs- und Schaffenstrieb, den der Dialog »Das Gastmahl« so unübertrefflich schön geschildert hat.

Aber Sinn und Geltung bekommen die Ideen erst dadurch, daß sie sich auf Sinnendinge beziehen. Ein Hauptmittel dazu ist dieMathematik, die zwischen dem Vernunft-Denken und den sinnlichen Wahrnehmungen in der Mitte steht. Sie wurde von Plato und seinen Jüngern aufs eifrigste gepflegt. »Kein der Geometrie Unkundiger trete ein!« soll über dem Eingang seiner Akademie gestanden haben. Vom ewig wechselnden Werden zum beständig Seienden führen die »Wecker zum reinen Denken«: die Zahlenkunst (Arithmetik) und Geometrie. Der mathematischen Methode ist auch einer der bis heute wichtigsten Grundbegriffe wissenschaftlichen Denkens entlehnt: derjenige der»Hypothese«, als derVoraussetzung, die das Gesuchte vorläufig als gefunden annimmt, um es sodann durch die aus ihr gezogenen Folgerungen und deren Verknüpfung wirklich zu finden. Auch die Idee ist eben»Hypothesis«,Grundsatzim eigentlichsten Sinne des Worts, selbst unbedingte letzte Voraussetzung und Unterlage des philosophischen Denkens. Die Wissenschaft von den Ideen nennt Plato dieDialektik, weil erst die gemeinsame Erzeugung der Begriffe in der Unterredung (dem »Dialog«) mit anderen zum Reiche der Ideen führt.

Wir müssen weitere schwierige Einzelheiten, wie die Lehre von der Materie, hier übergehen. Desgleichen seine erst in einem seiner spätesten Dialoge entwickelteNaturphilosophie. Sie bildet den schwächsten Teil von Platos philosophischem System, den er selbst gelegentlich als ein geistreiches »Spiel« bezeichnet, und für den er nur Wahrscheinlichkeit, nicht wissenschaftliche Wahrheit in Anspruch nimmt. DieWeltseele, die er hier als eine Art Mittelding zwischen dem Einen und dem Vielen, dem Schaffenden und dem Geschaffenen annimmt, und die den von dem göttlichen Weltbildner erschaffenen Urquell alles Lebens darstellt, hat allerdings genug Unheil von der spätantiken und mittelalterlichen bis zur neueren Philosophie (Schelling) angerichtet.

Gleich ihr ist auch die Einzelseele des Menschen in erster Linie jedenfalls nur Lebensprinzip, diePsychologiealso –wie fast bei allen Denkern des Altertums – bloß ein Teil der allgemeinen Naturlehre. Steine werden bewegt; Pflanzen, Tiere und Menschen dagegen bewegen sich selbst, was wirlebennennen. Über die Unsterblichkeit des Einzelnen spricht er sich an verschiedenen Stellen verschieden aus; jedenfalls glaubt er sie nicht mathematisch beweisen zu können. Jener Dreiteilung der Seele in bezug auf das Erkennen (Wahrnehmung, Vorstellung, Idee) entspricht eine ebensolche für die Welt des Willens: das Begehren, das Mutartige oder die Willenskraft, das vernunftgemäße Wollen. Das letztere lenkt als Einsicht, nach dem schönen Gleichnis im Phädrus, das übrige Zweigespann, von dem das edlere Roß (die Willenskraft) das zügellose (die Begierde) bändigen hilft.

Damit stehen wir am Eingang in den dritten und letzten Teil von Platos Philosophie: seinerEthik. Auch sie findet, gleich der Wissenschaft, ihre Begründung in der Ideenlehre. Die höchste aller Ideen ist dieIdee des Guten. Auch sie muß in schwieriger Untersuchung erst gefunden werden. Denn sie ist das Letzte alles Erkennbaren, »mit Mühe nur zu schauen«, »hoch über allem Sein«, dafür auch die Erkenntnis der Wahrheit »an Würde und Kraft« noch überragend. Von allen anderen Ideen, selbst der des Schönen, gibt es Abbilder hienieden; von der des Guten nicht. Sie ist wie die Sonne, die alles Seiende erst erleuchtet und fruchtbar macht; weshalb sie gelegentlich auch mit dem Begriff gleichgesetzt wird, in den der Mensch das Höchste, was er nicht mehr auszudenken, sondern nur noch zu empfinden vermag, zu fassen sucht: derGottheit. Der Mensch muß sich, wie das wunderbar schöne Gleichnis im siebten Buche des »Staates« ausführt, an ihre »Schau« erst gewöhnen, nachdem er bis dahin, gefesselt an die Höhle des Scheins, bloß Schattenbilder erblickt hat. Und eine zweite »Verwirrung der Augen« überkommt ihn, wenn er dann, noch geblendet von ihrem Glanz, wiederum hinabsteigt zu seinen früheren Mitgefangenen in der Höhle, das heißt der Welt des täglichen Lebens, die, weiter in ihrer Dämmerung dahinlebend, jenen Künder der Idee – wie es ja immer den großen Idealisten und Propheten einer neuen Idee ergangen ist – nicht begreifen, ja als irrsinnig verspotten. Wie bei allen großen Ethikern (Kant, Fichte), wird ferner auch bei Plato das Guteaufs schärfste vom bloß Angenehmen, also auch von derLustgeschieden, für die schon die Tiere als »vollgültige Zeugen« genügen würden. Damit wird die Freude am Natürlichen und Schönen nicht verbannt. Ist doch der Eros, das liebende Verlangen (siehe oben), auch die Wurzel alles künstlerischen Schaffens. Und die Idee des Guten stimmt die Seele zu einer inneren Harmonie, deren Seligkeit aller vergänglichen mit Irrtum und Täuschung gemischten Lust weit überlegen ist.

Aber die Ethik bedarf derAnwendung, der Verwirklichung im Leben des Einzelnen wie der Gesamtheit. Wohl möchte, wer aus der dumpf-dunklen Höhle der Alltäglichkeit zur sonnenbeglänzten Höhe der Idee emporgestiegen, am liebsten stets in ihrem Anschauen verweilen, aber gerade die Idee des Guten treibt ihn wieder hinab zu jenen Armen an Geist, den »Höhlenbewohnern«, um auch sie emporzuführen zum Licht, das sie noch nicht kennen. – Die Tugenden des Einzelnen sind: Besonnenheit oderSelbstbeherrschung, die den begehrlichen Teil des Menschen in Schranken hält,Mannhaftigkeit, die seiner Willenskraft, Einsicht oderWeisheit, die dem vernünftigen Teile der Seele entspricht. Die höchste aber, die drei andern beherrschende Grundtugend ist die derGerechtigkeit, das Thema seines größten Werkes, der »Republik«. Denn das sittliche Leben des Einzelnen kann sich nur verwirklichen in dem Abbilde des Menschen im großen, demStaate. Platos Hauptwerk handelt denn auch vom Staat.

In ihm gipfelt seine Philosophie. Die zehn Bücher der Politeia (Staatsverfassung), gewöhnlich mit ihrem lateinischen Namen »Republik« zitiert, enthalten theoretische Philosophie, Ethik, Geschichtsphilosophie, Gesellschaftskritik, Erziehungs- und Staatslehre, alles in einem. Die Grundzüge seiner theoretischen und Moralphilosophie haben wir schon kennengelernt. Beginnen wir also mit seinen geschichtsphilosophischen Ausführungen überEntstehungundEntwicklungdes Staates. Denn es steht keineswegs so, daß der große Idealist sein sozialistisches Staatsideal ohne Kenntnis der wirtschaftlichen Grundlagen des Staates und seiner historischen Entwicklung entworfen hätte. Er läßt ihn vielmehr, im zweiten Bucheseines Werkes – das erste war allgemeinen Betrachtungen über den Begriff des Gerechten oder Sittlichguten gewidmet–, aus den alltäglichsten Bedürfnissen vor unseren Augen entstehen. Er schildert, wie diese Bedürfnisse dann zu verschiedenen Arten der Technik, zur Arbeitsteilung, zur Warenerzeugung und zum Warenhandel, zur Ausbildung des Geldes als Tauschmittel führten; wie dann infolge von Gebietsstreitigkeiten und Kriegen zu der erwerbenden eine kriegerische und eine regierende Klasse hinzukamen.

Er übt ferner, hauptsächlich im achten Buch seiner Politeia, eineKritik der zu seiner Zeit bestehenden Gesellschaftsordnung, die an Eindringlichkeit und Schärfe von der sozialistischen Kritik des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts, von Marx bis Trotzky, kaum überboten worden ist. Die Jagd nach dem Gelde ist für einen bedeutenden Teil der Gesellschaft die alleinige Triebfeder des Handelns geworden. Durch die schrankenlose Erwerbsmöglichkeit, wie sie der wirtschaftliche Individualismus gerade dem Willensstarken und Skrupellosen, zumal unter den schon von Haus aus Begüterten bietet, wird der eine Teil der Bevölkerung überreich, der andere sinkt zum Bettlertum hinab. Neben dem »Drohnentum« der Müßiggänger und Verschwender, das den gesellschaftlichen Körper »wie Schleim und Galle« durchseucht, macht sich ein profitgieriges, unbarmherziges Spekulantentum breit, protzenhaft und ungebildet, einzig auf weitere Kapitalanhäufung bedacht; denn der Kapitalismus ist seiner Natur nach unersättlich. Seine Opfer sind mit Schulden überhäuft, ihrer Ehre und jedes Einflusses im Staate beraubt und brüten infolgedessen über Umsturzpläne. Schon bei Plato findet sich das Wort von den »zweiStaaten«, die sich in jedem derartigen Staate feindlich gegenüberstehen: dem der Armen und dem der Reichen. Von dem letzteren (der Plutokratie, der Herrschaft des Reichtums) ist der bestehende Staat immer abhängiger geworden, wie Bebel oder Liebknecht es einmal im Reichstag ausgedrückt hat: die Staatsregierung ist, ob bewußt oder unbewußt, zum »Kommis der besitzenden Klassen geworden«.

Die seelische Rückwirkung auf die Massen bleibt nicht aus. Sie sagen sich: »Unsere Herren sind nichts wert.« Schließlich wird die verhaßte Geldaristokratie gestürzt, die Demokratie(Volksherrschaft) tritt an ihre Stelle. Doch in ihr wirkt nun die vom Kapitalismus großgezogene Profitsucht weiter. Nichts gilt mehr als das materielle Interesse, alles andere erscheint dumm oder lächerlich. Es entsteht ein Kampf aller gegen alle (Marx: ein »allseitiger Kampf von Mann gegen Mann«). Sitte, Religion, Rechtschaffenheit sind außer Kurs gesetzt, in tierischem Genuß »nach Art des Viehs« lebt man dahin. Bis endlich in diesem Kampf, in dem ruinierte Nichtstuer sich oft schlau zu Führern der arbeitenden Massen emporschwingen, der Rücksichtsloseste und Stärkste siegt, die größte »Freiheit« in die schlimmste Knechtschaft, die Gewaltherrschaft eines Tyrannen umschlägt.

Was soll nun geschehen, um diesen »Fieberzustand« des Staates zu heilen? Mit kleinen Hilfsmitteln, die sich auf dem Boden der bestehenden Ordnung bewegen, ist es nach Plato nicht getan; sie gleichen dem Probieren von immer neuen Kuren, die in Wirklichkeit die tiefsitzende Krankheit des Patienten bloß mannigfaltiger machen. Es bedarf vielmehr einerRadikalkur, die auch vor dem »Brennen und Schneiden« des Gesellschaftskörpers nicht zurückscheut. Alle die schönen und nützlichen Dinge, mit denen die »großen« Führer der Demokratie, ein Themistokles und Perikles, Athen ausgerüstet: Tempel und Theater, Werften und Häfen, Flotte und Heer, ausgedehnte Festungswerke usw., können einen Staat nicht groß machen, wenn es an der inneren Einheit und Tüchtigkeit der Bürger fehlt. Eine von Grund auf veränderteErziehungist vonnöten, Erziehung zu einer völlig neuen Gesellschaftsordnung. So wird bei Plato die Pädagogik, wie überall, wo sie einen wahrhaft großen Zug genommen hat (Pestalozzi, Fichte, Natorp), aus einer Individual- zurSozialpädagogik: Erziehung nicht durch einzelne, wie die Sophisten meinten, sondern durch die neue Gesellschaftsordnung selbst.

Diese neue Erziehung, die einen wesentlichen Teil der »Republik« ausmacht, wird nun allerdings von unserem Philosophenzunächstnur für dieregierendenKlassen des neuen Staates gefordert. Das hängt mit den allgemeinen und besonders wieder mit den psychologischen, von uns schon oben (Seite37) angedeuteten, freilich wohl auch den politisch-aristokratischen Grundanschauungen unseres Denkers zusammen.Da der Staat das im großen, was der Einzelmensch im kleinen ist, nämlich ein in sich zusammenhängender Organismus, so entsprechen die drei Grundschichten der Gesellschaft den drei Grundtätigkeiten der menschlichen Seele. Ihrem »begehrlichen« Teil, den sinnlichen Trieben entspricht im Staatswesen der größte Teil des Volkes, die Masse derer, welche für die notwendigen wirtschaftlichen Bedürfnisse (Nahrung, Kleidung, Wohnung, Hausrat usw.) des Ganzen sorgen, also die Bauern, Handwerker und Kaufleute. Dem »Mutartigen« oder der Willenskraft der Einzelseele entsprechen politisch die »Wächter« oder »Hüter«, die den Bestand des Staates nach außen durch die Abwehr feindlicher Angriffe, nach innen durch die Durchführung der neuen Gesetze sichern, also unseren Heeresangehörigen und Beamten vergleichbar sind. Der Vernunftkraft des einzelnen endlich entspricht diejenige Schicht, der Plato die oberste Leitung der Gesetzgebung und vor allem des Wichtigsten, der Erziehung anvertrauen will: die Philosophen. Die Haupttugend des ersten oder Nährstandes ist die Selbstbeherrschung oder Besonnenheit, welche die Triebe zügelt, die des zweiten oder Wehrstandes die Mannhaftigkeit, die des obersten oder Lehrstandes die Weisheit. Über sie alle ragt, als sie alle beherrschende und umfassende, dieGerechtigkeit, die jedem das Seine gibt, empor. So finden wir in dem Aufbau des neuen Sozialstaates sowohl die psychologischen wie die ethischen Grundzüge der platonischen Philosophie wieder.

Für die erwerbende Masse, die »Lohngeber und Ernährer« der beiden anderen Stände, zu denen übrigens die Tüchtigeren unter ihnen emporsteigen können, bleiben Privateigentum und Sonderfamilie bestehen. Sie sind nicht bloß Bürger, sondern auch »Freunde«, ja Brüder der anderen, von denen sie geschützt und gefördert werden. Die neueErziehungdagegen wird vorläufig nur den beiden oberen Ständen zuteil. Schon vor deren Geburt ist der Staat für die Tüchtigkeit seiner künftigen Erhalter und Leiter besorgt. Die tüchtigsten und kräftigsten Männer sollen sich mit den besten und edelsten Frauen verbinden. Nach den ersten drei Jahren vorherrschend leiblicher Pflege soll die von jetzt ab gemeinsame Erziehung, um harmonische Menschen heranzubilden, in gleichem Maße auf die körperliche wie auf die geistige Ausbildung gerichtetsein. Die erstere war ja im alten Griechenland sowieso zu Hause; ich brauche nur an die Worte Gymnastik und Gymnasium (griechisch Gymnasion, eigentlich eine Stätte, wo man unbekleidet oder leichtbekleidet turnt) zu erinnern. Sie soll auch bei Plato, durch die verschiedenen Altersstufen hindurch in verschiedenem Maß, gepflegt werden. Die geistige Ausbildung geschieht zunächst, dem frühen Kindesalter gemäß, durch Erzählungen aus der Märchen- und Sagenwelt, aus denen jedoch alle unsittlichen, der Götter oder Helden unwürdigen Züge, auch zum Beispiel Schilderungen angeblicher Schrecknisse in der Unterwelt (beim Christentum Hölle) zu verbannen sind. Dann folgt Lese- und Schreibunterricht. Der begeisterungsfähigen Jugend von vierzehn bis sechzehn Jahren werden vor allem Gedichte, namentlich lyrische (Lieder), und die damit verwandte Musik, unter Ausschaltung alles Üppigen und Weichlichen, Leidenschaftlichen und Zweideutigen, als seelische Kost geboten; dem angehenden Jünglingsalter vom sechzehnten bis achtzehnten Jahre die ernsteren mathematischen Wissenschaften, einschließlich Physik und Astronomie. Nur die auf das wahrhaft Gute und Schöne gerichtete Kunst soll zugelassen sein, damit eine ernste, sittliche Gesinnung, eine reine und hohe Gottesvorstellung, eine mutvolle Verachtung des Todes und der vergänglichen Güter des Lebens in den jungen Seelen erzeugt wird. Auch dasweiblicheGeschlecht soll an dieser Erziehung teilnehmen. Plato ist einer der frühesten Vertreter der Frauenemanzipation (das heißt Befreiung des weiblichen Geschlechts aus seiner Sklaverei). Er meint, daß die beiden Geschlechter nur im Grad, nicht in der Art ihrer Kräfte verschieden seien. Deshalb sollen die Mädchen und Frauen auch an den gymnastischen Übungen, gegebenenfalls sogar am Kriege teilnehmen; nur sollen ihnen dabei die leichteren Beschäftigungen zugewiesen werden.

Nach Beendigung des Kursus in Musik und Mathematik erhalten sodann die Achtzehnjährigen, ähnlich wie bis vor kurzem bei uns, eine zweijährige militärische Ausbildung. Darauf tritt eine erste Auslese ein. Die wissenschaftlich weniger Begabten verbleiben im Stande der »Hüter«; die übrigen betreiben fortan die Wissenschaften eingehender und in mehr systematischer Form, etwa wie auf unseren Universitäten. Danacherfolgt eine zweite Auslese: die minder Vorzüglichen gehen nun zu allerlei praktischen Staatsämtern über; die Begabtesten aber widmen sich noch fünf weitere Jahre der Erkenntnis des Seienden (Ideenlehre), um sodann ihrerseits höhere Regierungsämter zu übernehmen. Falls sie sich in diesen fünfzehn Jahren bewähren, sind sie mit fünfzig Jahren reif, unter die Zahl der »Herrschenden« oder Philosophen aufgenommen zu werden. Ihr Beruf ist von jetzt an die Gesetzgebung und die Überwachung von deren Ausführung. Die von ihrem jeweiligen Amte, zu dem das Los sie beruft, freie Zeit widmen sie weiterer philosophischer Vertiefung.

Damit nun die beiden regierenden Stände, die Philosophen und die Hüter, durch keine persönlichen Interessen an der Hingabe für das Ganze gehindert werden, soll keiner von ihnen eigenes Vermögen besitzen: weder Gold und Silber, noch eine eigene Wohnung, noch Vorratskammern, in die nicht jeder gehen könnte. Den nötigen Lebensunterhalt empfangen sie in bestimmter Ordnung von den Bürgern der erwerbenden Stände in der Weise, daß sie keinerlei Mangel leiden, indes auch nichts für das nächste Jahr übrig behalten. Sie wohnen und speisen gemeinschaftlich. Ebenso sind ihnen auch die Frauen und Kinder gemeinsam, so daß weder ein Vater das eigene Kind kennt, noch das Kind den Vater. Alle bilden eben eine große Familie; teilen soweit wie möglich Freuden und Schmerzen miteinander. Erst ein solcher Zustand, in dem niemand mehr etwas sein eigen nennt als seinen Leib, wird die Befreiung von aller Zwietracht bringen sowie von allen Rechtshändeln, die jetzt um den Besitz irdischer Güter unter den Menschen entbrennen.

Wie man sieht, ein sehr weitgehender Kommunismus, der allerdings nur auf die Angehörigen der beiden oberen Stände sich bezieht, also nur einenHalbkommunismusdarstellt. Von einer Ausdehnung auf das erwerbende Volk hielt Plato wohl zunächst, wie schon angedeutet, sein aristokratisches Mißtrauen gegen die »von Natur unphilosophische« Masse ab. Dann aber waren ja auch zu seiner Zeit die wirtschaftlichen Vorbedingungen (Großbetrieb usw.) für einen Voll- und Produktionssozialismus bei weitem nach nicht vorhanden. Und die Herbeiführung des neuen Sozialstaates durch völlige Umgestaltungdes bisherigen kann er sich eben nur als von oben herunter geleitet vorstellen. Zuerst hoffte er wohl, daß die in seiner »Akademie« in seinem Sinne erzogenen Jünger das neue Geschlecht mit dem neuen Geiste erfüllen sollten; denn Staatsverfassungen wachsen nicht auf den Bäumen, sondern wurzeln in der Sinnesart der Bürger. In diesem Sinne war wohl auch sein bekannter Satz gemeint: »Nicht eher wird eine Erlösung von den Übeln in den Staaten, ja beim Menschengeschlecht überhaupt eintreten, ehe die Philosophen zur Regierung kommen oder die jetzigen Könige und Machthaber gründlich philosophieren.« Und er hat auch mehrmals – bei dem älteren wie bei dem jüngeren Dionys – einen praktischen Versuch gemacht. Allein seine Hoffnungen, einen ähnlichen politischen Einfluß wie einst der Bund der Pythagoreer in Griechenland (siehe Seite18) zu gewinnen, schlugen fehl. Dennoch versiegte sein hochgespannter Idealismus nicht. Gegen Ende seines Lebens entwarf er in einem neuen Buche, den»Gesetzen«, die Grundzüge eineszweitbesten Staates, der den bestehenden Verhältnissen besser angepaßt, mehr Aussicht auf Verwirklichung böte.

Er denkt ihn sich als eine Art Agrarkolonie im Innern der großen Insel Kreta, die, nebenbei bemerkt, ebenso wie das alte Sparta in vergangener Zeit allerlei sozialistische Einrichtungen besessen hatte und so einen gewissen Anknüpfungspunkt bot. Das ganze Staatsgebiet ist, ähnlich wie im Sparta des sagenhaften Gesetzgebers Lykurg, in lauter gleiche »Landlose« (5040 an Zahl) für alle Vollbürger aufgeteilt. An die Stelle völliger Aufhebung der Familie für die beiden oberen Stände ist eine sorgfältige Überwachung der Ehen und des häuslichen Lebens aller, an die Stelle der »Ideen«erkenntnis eine mathematisch-musische (siehe oben) Ausbildung nebst einer geläuterten Staatsreligion getreten, an Stelle der »Philosophen« regiert eine Vereinigung der einsichtigsten und bewährtesten Bürger nach geschriebenen, aber fortbildbaren Gesetzen. Mit dieser Abschwächung des Staatsideals der »Republik« sind jedoch andererseits wesentlicheFortschritte(inunseremSinne) verbunden. Die starre Trennung der Stände ist gemildert, die Kluft zwischen Herrschenden und Beherrschten beinahe geschlossen; der Wert der wirtschaftlichen Arbeit wird stärker gewürdigt,der VolksbildungallerKlassen, nicht zu vergessen der weiblichen Jugend, größere Aufmerksamkeit geschenkt. Der bedeutsamste Fortschritt aber ist der, daß im Gegensatz zum Halbkommunismus der »Republik« derVollsozialismus, das heißt die volle Wirtschaftsgemeinschaft für sämtliche Staatsbürger – zu denen allerdings die unfreien Landarbeiter nicht gehören – wenigstens grundsätzlich ins Auge gefaßt wird. Jeder soll sein Ackerlos, ja »sich selbst und seine Habe« als »Gemeingut des ganzen Staates« ansehen. Eine Gemeinsamkeit alles Eigentums und der gesamten Bewirtschaftung von Grund und Boden wäre noch »zu groß für das heutige Geschlecht und die Art, wie es aufwächst und erzogen wird«. Es bleibt, zusammen mit der Gemeinsamkeit der Frauen und Kinder und aller Habe, ein Ideal »vielleicht für Götter und Göttersöhne«, von dem der Philosoph nicht weiß, »ob es irgendwo existiert oder dereinst kommen wird« (Fünftes Buch der »Gesetze«).

*

Wir haben den Hauptinhalt von Platos Staatslehre auch deshalb etwas ausführlicher dargestellt, weil man darin noch einmal den ganzen Plato mit seiner Ideenlehre, Psychologie und Ethik, überhaupt in seiner Eigenart wie in einen Brennpunkt zusammengefaßt erblickt. Die Hoffnung, die er auf seine Schüler setzte, erfüllte sich nicht. Wohl hat die »Akademie« länger als irgendeine andere Philosophenschule, beinahe noch ein Jahrtausend hindurch bestanden. Aber in all dieser Zeit hat sie wohl manchen redlichen Mann, aber keinen einzigen hervorragenden Kopf hervorgebracht, außer dem erst sechs Jahrhunderte später lebenden Plotín. Sie haben sich gerade an das weniger Dauerhafte in ihres Meisters Lehre, an die mystischen Neigungen und pythagorisierenden Gedanken seines Alters, die wir mit Absicht übergangen haben, angeschlossen und außerdem populären praktisch-ethischen Erörterungen sich zugewandt, denen wir in anderem Zusammenhang noch begegnen werden. Der einzige seiner Schüler, der weltgeschichtliche Bedeutung für sich in Anspruch nehmen kann, schlug völlig andere Bahnen ein. Es warAristóteles.

Werke

Inhaltsverzeichnis

Tetralogie I

Inhaltsverzeichnis

Euthyphron (Über die Frömmigkeit)

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Als Erörterung über den Begriff der Frömmigkeit, die im »Protagoras« ebenfalls unter den Teilen der Tugend aufgeführt wird, schließt sich auch der »Euthyphron« an jenes Gespräch. Allein mit dem »Laches« und »Charmides« verglichen erscheint er dennoch als eine sehr untergeordnete Arbeit, weil nicht nur seine dürftige Bekleidung gegen den Reichtum und die Pracht in jenen beiden sehr nachteilig absticht, sondern auch sein innerer Gehalt mit jenen verglichen sich nicht viel besser ausnimmt. Denn man kann im »Euthyphron« weder eine fortschreitende Berichtigung der allgemeinsten ethischen Ideen nachweisen, noch auch, wenn man bei dem einzelnen Begriff stehen bleiben will, der den unmittelbaren Gegenstand der Untersuchung ausmacht, finden sich hier solche indirekte Andeutungen, welche den aufmerksamen Leser hinreichend mit der Ansicht des Verfassers bekannt machen; sondern sowohl die Beschränktheit des Zwecks als die bloß skeptische Behandlung des Gegenstandes liegt hier ganz deutlich zu Tage. Daß nun ein so wesentliches Element der den Platonischen Gesprächen eigenen Bildung hier gänzlich fehlt, dieses könnte leicht den Verdacht erregen, ob nicht unser Gespräch hier unter diejenigen gehöre, die dem Platon abzusprechen sind; und bestärkt wird dieser Verdacht durch manche Einzelheiten in der Ausführung, welche anstatt des schon bewährten und gebildeten Meisters eher einen nicht ganz unglücklichen und deshalb selbstgefällig sich brüstenden Nachahmer verraten, der das mäßige Erwerbtum einer leichteren Dialektik und einer ziemlich oberflächlichen Ironie gern recht hoch ausbringen möchte. Indes kommt es darauf an, wieviel folgende Gründe vermögen, um diesen Verdacht zu beseitigen. Zuerst ist das dialektische Übungsstück, welches der »Euthyphron« enthält, wenn gleich nicht so umfassend als das im »Charmides« aufgestellte, doch nicht minder sowohl ein natürlicher Auswuchs des »Protagoras« als eine eigne Annäherung und Vorbereitung zum »Parmenides«. Dies gilt besonders von der Entwickelung des Unterschiedes zwischen dem, was das Wesen eines Begriffs, und dem, was nur eines seiner Verhältnisse bezeichnet, und von der Ableitung des Sprachgebrauches, den Platon in der Folge zur Bezeichnung dieses Unterschiedes durchgängig beobachtet. Ferner verschwindet in den übrigen Platonischen Werken der Begriff der Frömmigkeit aus der Reihe der Vier Haupttugenden, denen er im »Protagoras« noch beigesellt ist, auf eine solche Art, daß ein eigner Wink darüber ganz notwendig ist, und wenn er sich nicht fände, als verloren gegangen müßte vorausgesetzt werden. Zwar enthalten spätere Gespräche einzelne positive Äußerungen über das Wesen der Frömmigkeit und ihr Verhältnis zu jenen Tugenden; aber das versteckte geht ja überall bei unserm Schriftsteller dem offenen und unverhohlenen voran; und eben jene Äußerungen schließen sich unmittelbar an das bloß verneinende Resultat des »Euthyphron«. Endlich muß man hinzunehmen, daß dieses Gespräch unstreitig zwischen der Anklage und der Verurteilung des Sokrates geschrieben ist, und daß sich unter diesen Umständen fast unvermeidlich für den Platon zu dem Zweck den Begriff der Frömmigkeit dialektisch zu erörtern der andere gesellen mußte, den über eben diesen Gegenstand angeklagten Lehrer auf die ihm eigene Art zu verteidigen. Ja es konnte je dringender die Umstände waren um desto leichter diese apologetische Absicht die ursprüngliche ethisch dialektische so weit verschlingen, daß Platon darüber verabsäumte, der skeptischen Behandlung nach gewohnter Weise auslegende Winke beizumischen, ohne daß man dennoch sagen könnte, er sei sich selbst untreu geworden oder habe sich gänzlich verläugnet. So erklären sich bei dieser unläugbaren Verflechtung der Absichten aus dem Drang des Bestrebens, soviel nur irgend möglich, die gemeinen Begriffe in ihrer Blöße darzustellen, und aus der Eilfertigkeit der Abfassung, wie es scheint, die gerügten und nicht abzuläugnenden Mängel des kleinen Werkes wenigstens so weit, daß, da wir keine Spuren haben von einem Sokratiker, der so platonisch noch als dieses ist, komponiert und geschrieben hätte, und in die späteren Zeiten eigentlicher Nachahmer die Schrift wohl nicht zu setzen ist, ich noch immer nicht wage das Verdammungsurteil über sie entscheidend auszusprechen.

Fährt man also fort sie als platonisch anzunehmen, so hat sie zwar wegen des Übergewichts der Nebenabsicht auf der einen Seite sehr viel von dem Charakter einer bloßen Gelegenheitsschrift an sich, kann aber doch auf der andern nicht ohne Unbilligkeit aus dieser an den »Protagoras« sich anschließenden Reihe ausgeschlossen werden, in welcher sie zwar ohne die Verhältnisse des Sokrates ihren Platz wahrscheinlich noch würdiger ausgefüllt haben würde, ihn aber doch auch jetzt noch wenn man ihr einige Nachsicht angedeihen läßt, wohl behaupten kann.

Den Euthyphron dabei zum Unterredner zu machen war ganz in der Weise des »Laches«, wo auch Sokrates mit ausgezeichnet Sachverständigen zu tun hat. Dieser Mann war nämlich, wie aus seinen eignen Äußerungen hervorgeht, eine sehr bekannte etwas lächerliche Person, ein Wahrsager wie es scheint, und der sich besonders auf das Göttliche zu verstehen vorgab, und die rechtgläubigen aus den alten theologischen Dichtern gezogenen Begriffe tapfer verteidigte. In gleichem Charakter erscheint auch unstreitig derselbe Euthyphron im »Kratylos« des Platon. Diesen nun gerade bei der Anklage des Sokrates mit ihm in Berührung, und durch den unsittlichen Streich, den sein Eifer für die Frömmigkeit veranlaßte, in Gegensatz zu bringen, war ein des Platon gar nicht unwürdiger Gedanke. Ziemlich deutlich trägt der Rechtsstreit des Euthyphron gegen seinen Vater das Gepräge einer wahren Begebenheit, wäre sie auch von andern Zeiten oder Personen übertragen. Auch ist die Art, wie er behandelt wird, fast zu vergleichen mit der Geschichte vom Sichelspeer im »Laches«; nur daß die Klage des Euthyphron weit genauer zur Sache gehört, und daß weder die größere Ausführlichkeit noch das öftere Zurückkommen darauf bei der unverkennbaren apologetischen Absicht als etwas Fehlerhaftes kann angesehen werden.

EUTHYPHRON

EUTHYPHRON • SOKRATES

(2) Euthyphron: Was hat sich doch Neues ereignet, o Sokrates, daß du dem Aufenthalt im Lykeion entsagend dich itzt hier aufhältst bei der Halle des Basileus? Denn du hast doch wohl nicht auch einen Rechtsstreit bei dem Basileus, wie ich?

Sokrates: Wenigstens, o Euthyphron, nennen dies die Athener nicht einen Rechtsstreit, sondern eine Staatsklage.

Euthyphron: Was sagst du? eine solche hat Jemand gegen dich eingeleitet? Denn du gegen einen Andern, das kann ich von dir nicht denken.

Sokrates: So ist es auch nicht.

Euthyphron: Sondern ein Anderer gegen dich.

Sokrates: Freilich.

Euthyphron: Wer doch?

Sokrates: Ich kenne den Mann selbst nicht recht, Euthyphron; jung scheint er mir wohl noch zu sein, und ziemlich unbekannt. Man nennt ihn, glaube ich, Melitos, und von Zunft ist er ein Pitthier, wenn du dich etwa auf einen Pitthier Melitos besinnst mit glattem Haar, noch schwachem Bart und Habichtsnase.

Euthyphron: Ich besinne mich nicht; aber was für eine Klage hat er denn gegen dich eingegeben?

Sokrates: Was für eine? die ihm nicht wenig Ehre bringt, dünkt mich. Denn so jung noch sein und schon eine so wichtige Sache verstehn, ist nichts geringes. Nämlich er weiß, wie er behauptet, auf welche Weise die Jugend verderbt wird, und wer sie verderbt. Er mag also wohl ein Weiser sein, und weil er meine Unweisheit inne geworden, als durch welche ich seine Altersgenossen verderbe: so geht er, wie zur Mutter, zum Staat, um mich zu verklagen. Und er allein unter allen öffentlichen Männern scheint mir die Sache recht anzufangen: Denn ganz recht ist es, zuerst für die Jugend zu sorgen, daß sie aufs beste gedeihe; wie auch ein guter Landmann immer zuerst für die jungen Pflanzen sorgt, und hernach für die übrigen. So wahrscheinlich will auch Melitos zuerst uns vertilgen, die wir den frischen (3) Trieb der Jugend verderben, wie er sagt; hernach aber wird er natürlich auch für die Älteren sorgend dem Staat ein Urheber sehr vieler und großer Vorteile werden, wie man ja erwarten muß von dem, der mit einem solchen Anfang anfängt.

Euthyphron: Das wünschte ich wohl, o Sokrates! Allein es graut mir, daß es nur nicht das Gegenteil sei. Denn mich dünkt er recht vom heiligsten Grund aus den Staat mißhandeln zu wollen, da er sich bemüht, dich zu verletzen. Aber sage mir doch, wodurch behauptet er denn, daß du die Jugend verderbest?

Sokrates: Unsinnig genug, mein Guter, wenn man es so hört. Er sagt nämlich, ich erdichtete Götter, und als ein Erdichter neuer Götter, der an die alten nicht glaubt, verklagt er mich eben deshalb wie er sagt.

Euthyphron: Ich verstehe, Sokrates. Weil du immer sagst, das Dämonische sei dir widerfahren; so stellt er diese Klage gegen dich an, als gegen einen Neuerer in göttlichen Dingen, und kommt um dich zu verläumden vor Gericht, weil er weiß, daß dergleichen Verläumdungen sehr leicht Eingang finden bei den Meisten. Denn auch mit mir, wenn ich in der Gemeinde etwas rede von göttlichen Dingen, und ihnen vorhersage was geschehen wird, treiben sie Spott wie mit einem Wahnsinnigen, und doch ist nichts was nicht eingetroffen wäre von Allem was ich vorhersagte. Aber doch sind wir Alle ihnen verhaßt. Aber man muß sich nur nichts um sie kümmern, sondern gerade zu gehn.

Sokrates: Lieber Euthyphron, bespöttelt zu werden, das ist nun eben keine große Sache. Und weiter, wie mich dünkt, kümmern sich die Athener nicht sonderlich um einen, wenn sie ihn auch für noch so gewaltig halten, der nur nicht lehrlustig ist mit seiner Weisheit. Von wem sie aber glauben, er wolle auch Andere zu solchen machen, dem zürnen sie, sei es nun aus Haß, wie du meinst, oder aus was sonst.

Euthyphron: Was dies betrifft, begehre ich gar nicht zu versuchen, wie sie über mich denken.

Sokrates: Weil du eben das Ansehn hast, dich selten zu machen, und Niemanden deine Weisheit lehren zu wollen; ich aber befürchte, daß ich bei ihnen in dem Ruf stehe meiner Menschenliebe wegen, was ich nur weiß verschwenderisch Jedermann zu sagen nicht nur unentgeltlich, sondern auch noch gern etwas dazugebend wenn mich nur Jemand hören will. Wie ich also eben sagte, wenn sie mit mir nur Scherz treiben wollten, wie du behauptest, daß sie es dir machen: so wäre das gar nicht übel, scherzend und lachend vor Gericht zu stehen. Wenn sie aber Ernst machen wollen, so kann wohl Niemand leicht wissen, wie die Sache ablaufen wird, außer Ihr, Wahrsager.

Euthyphron: Wahrscheinlich wird es wohl nichts sein, Sokrates; sondern du wirst deine Sache nach Wunsch ausfechten, und so denke ich auch ich die meinige.

Sokrates: Und was für eine Sache hast denn du, Euthyphron? verfolgst du oder wirst du verfolgt?

Euthyphron: Ich verfolge.

Sokrates: Und wen?

(4) Euthyphron: Einen solchen, daß man mich für rasend halten wird ihn zu verfolgen.

Sokrates: Wie so? kann er etwa fliegen?

Euthyphron: Am Fliegen fehlt ihm wohl viel, da er schon ganz wohlbetagt ist.

Sokrates: Und wer ist es denn?

Euthyphron: Mein eigner Vater.

Sokrates: Dein eigner Vater, o Bester?

Euthyphron: Ganz sicher.

Sokrates: Und welches ist denn die Beschuldigung? worauf geht die Klage?

Euthyphron: Auf Totschlag, Sokrates.

Sokrates: