Politen der Weltenwanderer - Anna Musewald - E-Book

Politen der Weltenwanderer E-Book

Anna Musewald

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Beschreibung

Dem jungen Politen steht ein wichtiges Ereignis bevor: er soll in den Kreis der Männer seines Stammes aufgenommen werden - der erste Schritt zu seiner bedeutungsvollen Aufgabe als Wächter des größten Schatzes der Hermitten. Dafür muss er allerdings erst mal eine schwierige Prüfung bestehen, bei der ihm seine magischen Kräfte zwar helfen, letztendlich aber nur sein scharfer Geist zur Lösung führen kann. Die Hermitten, so heißt es, stammten einst von den Menschen ab und lebten einträchtig mit ihnen zusammen. Dann jedoch kam es zum Zwist. Aus Eifersucht auf die magischen Kräfte der Hermitten, die vom Gott Hermes ausgewählt worden waren, eine goldene Truhe voller Geheimnisse und Weisheiten zu beschützen und dafür zu sorgen, dass sie auf immer verschlossen blieb, begannen die Menschen die Hermitten zu verfolgen. Nur die Flucht in eine andere Welt und starke Schutzzauber retteten ihnen das Leben. Dennoch möchte der junge Politen die Menschen unbedingt kennenlernen. Doch den Hermitten ist strengstens und sogar unter Androhung der Todesstrafe verboten, deren Welt zu besuchen. Nicht, dass es sonderlich einfach wäre - das einzige Tor zur Menschenwelt öffnet sich nur alle sechsunddreißigtausend Monde. Ein Klacks für einen langlebigen Hermitten, doch es ist nicht nur gut verborgen, sondern auch streng bewacht.

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Seitenzahl: 296

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Einzigartige Flügel

Die Unwissenheit ist kein guter Ratgeber für die Fantasie

Wenn der Traum Wirklichkeit wird.

Der große eiserne Vogel, der flog, ohne die Flüge zu bewegen.

Ein Feind und ein guter Freund

Ein merkwürdiges Bücherregal, riesig, hoch und breit.

Magische Kräfte, Zauberstäbe und Puppen

Es war kein Traum, es ist alles real

Das tröstliche Gefühl der Freiheit

„Aloissen-Noissen.“

Der Wächter der Hermin

Der Rat der Anführer

Politens Verhandlung

Die Schwarze Eulenfrau

Die Verbindung zwischen Menschen und Hermitten darf nicht abgebrochen werden

1. Einzigartige Flügel

„Die Welt ist groß, mein Junge, und bietet für alle Wesen ein Zuhause“, sagte Professor Mardoken und sah den jungen Politen an, der ihm gegenübersaß.

„Haben Sie jemals einen Menschen gesehen, Professor?“, fragte der Junge.

Sie befanden sich in der Arena. Der Unterricht war für diesen Tag zu Ende und es war Zeit für das informelle Gespräch. Politen blieb immer etwas länger, um ein Weilchen mit seinem Professor zu sprechen. Sein ruheloser Geist war nicht leicht zu befriedigen. Der Professor war immer bereit, ihm Rede und Antwort zu stehen. Ohne sich zu beschweren, widmete er ihm eine oder sogar zwei Stunden seiner Nachmittage.

„Ich möchte die Welt der Menschen besuchen. Ich möchte sie persönlich kennenlernen.“

Diese Aussage überraschte Mardoken.

„Warum?“, fragte der Lehrer und atmete tief ein.

„Der Professor scheint heute nicht besonders gesprächig zu sein“, dachte Politen, als er bemerkte, dass er den Professor überrascht hatte.

In letzter Zeit war seinen Schülern aufgefallen, dass man ihm sein Alter langsam ansah. Die Flügel an seinem Kopf und seinen Füßen bewegten sich nicht mehr so schnell wie einst und sein Vestris war während des Unterrichts manchmal inaktiv. Er sah sehr müde aus, sein kreisrundes Gesicht war voller Falten und schwarzer Mitesser.

Einstmals war er der Größte von allen gewesen. Doch in den letzten Jahren wurde er immer kleiner, sodass der lange Bart fast seinen gesamten Körper bedeckte. Er war ein lieber und zuvorkommender alter Mann geworden; allwissend, eine „wandelnde Bibliothek“, wie ihn seine Schüler hinter seinem Rücken nannten. Erst neulich am Markt hatte Politen ihn in einem Gespräch mit dem Stammesanführer wahrscheinlich im Scherz sagen hören: „Wenn ich weiterhin in diesem Tempo schrumpfe, dann sehe ich bald aus wie ein Menken.“

Er mochte vielleicht an Größe verloren haben, doch seinen Humor verlor er nicht. Im Gegenteil wurde er im Laufe der Jahre immer pfeffriger, was auch sein Anführer bemerkte.

Politen flog langsame Kreise um seinen Lehrer. Die Diskussion gelangte an ihren schwierigsten Punkt. Er wusste, dass er nicht lockerlassen durfte. Er musste den Professor überreden, über das Thema zu sprechen, das ihn am meisten interessierte: die Menschen.

„Um ehrlich zu sein, Herr Professor, bin ich von dieser Idee seit dem Tag besessen, als ich erfuhr, dass wir von ihnen abstammen und unsere Vorfahren, wenn auch nur kurz, einst mit ihnen zusammenlebten. Was ist eigentlich damals passiert, Professor? Warum leben wir jetzt getrennt? Warum wurden die Menschen zu unseren Feinden?“

Dem Professor Mardoken wurde klar, dass der Junge einer der wenigen Hermitten war, die eines Tages versuchten, die Welt der Menschen zu betreten und dadurch die heiligen Gesetze verletzten.

„Du weißt, dass es verboten ist, über sie zu sprechen, Politen. Du weißt, dass die Menschen unsere Feinde sind. Normalerweise sollten wir zwei nicht darüber diskutieren. Vor allem du nicht. Vergiss nicht, dass du einer der Auserwählten unseres Volkes bist. Vergiss nicht, dass du bald Hermin bewachen musst. Du bist ein WÄCHTER, Politen, und du solltest deine heilige Pflicht nicht vernachlässigen. Du wurdest mit dem heiligen Zeichen auf deiner Handfläche geboren, was bedeutet, dass du von den Göttern auserwählt worden bist, eines Tages Wächter zu werden. Du kannst dir nicht aussuchen, ob du diesem heiligen Gebot gehorchen möchtest oder nicht.“

Der Professor könnte endlose Stunden über Politens heilige Pflicht reden und der Junge würde zuhören. Doch er war sich sicher, dass es nichts änderte. Der Junge würde an dem Tag erscheinen, den die Priester seines Stammes festgelegt hatten, um seine heilige Pflicht zu erfüllen, jedoch nur, wenn er die Menschen vorher persönlich kennengelernt hatte.

Die Zeit war schnell vergangen und Politen wusste, dass er nach Hause musste. Seine Mutter würde sich heute Abend mehr Sorgen denn je machen. Doch sicherlich war die Diskussion mit seinem Professor noch nicht zu Ende. Und als er sich von ihm verabschiedete, kam er nicht umhin, es noch einmal zur Sprache zu bringen:

„Professor Mardoken, wir müssen uns bald wieder über die Menschen unterhalten. Es gibt so viele Dinge, über die ich mehr erfahren möchte. Aber jetzt muss ich gehen. Sie wissen ja, was heute Abend bei mir zuhause passieren wird?“

„Ich weiß, Politen, und ich wünsche dir viel Kraft. Ich werde von Anfang bis Ende an deiner Seite sein, aber leider bin ich nicht in der Lage, dir zu helfen. Ich bin mir aber sicher, dass du es schaffen wirst. Ich denke, du bist bereit.“

Der Junge sammelte hastig seine Sachen ein und flog nach Hause. Er lebte nicht weit vom Markt entfernt. „Es ist nur zwei Flatter entfernt“, hatte seine Mutter früher gesagt, wenn sie ihn auf den Markt zum Einkaufen schicken wollte.

Als er über den Markt flog, bemerkte er, dass der leer und verlassen war. Die Zeit war schnell vergangen, ohne dass er es mitbekommen hatte. Die Geschäfte, die tagsüber von Hermitten gefüllt waren, hatten bereits geschlossen. Der Markt war beleuchtet, der Laternenwart des Platzes hatte alle angezündet, obwohl es noch nicht dunkel war. Die Menken-Wächter hatten bereits ihre Plätze vor den hölzernen Türen der Geschäfte eingenommen. Sie würden die ganze Nacht dortbleiben, um die Geschäfte zu bewachen, bis am nächsten Morgen ihre Besitzer zurückkämen. Und sie würden nicht zögern, ihren Stachel zu benutzen, wenn es die Umstände erforderten. Kürzlich war in ihrem Dorf eine Welle von Diebstählen ausgebrochen. Daraufhin war der Stammesanführer gezwungen gewesen, Sofortmaßnahmen zu ergreifen und die Menken die ganze Nacht über den Markt patrouillieren zu lassen.

Sein zweistöckiges Haus erschien am Horizont und Politen landete vor der Tür. Er war dabei, sein Vestris zu aktivieren, um sie zu öffnen, als sie von allein aufging. Das heißt, nicht ganz von allein. Sein Menken erwartete ihn hinter der Tür.

Als Politen durch die Außentür trat, flog sein Menken auf, seitwärts wie immer, und ließ sich auf seiner Schulter nieder. Politen streichelte den winzigen Kopf mit den kleinen grünen, menschlichen Augen. Er hatte es vermisst, da er es nicht mit in die Schule nehmen durfte. „Seltsame Wesen, diese Menken“, dachte er, während er ins Innere des Hauses flog. „Obwohl sie keine Stimme haben, können sie einem trotzdem zeigen, was sie denken und fühlen. Vielleicht ist es dieses Funkeln, oder die ungewöhnliche Form ihrer Augen, oder die Art, wie sie auf der Schulter sitzen, vielleicht auch die Art, wie sie ihre Flügel rütteln. Letzten Endes reden sie wahrscheinlich nicht, weil sie es nicht müssen“, beschloss Politen.

Er flog schnell durch alle Räume des Hauses auf der Suche nach seiner Mutter und Schwester. Wie immer strahlte das ganze Haus vor Sauberkeit, die zwei Frauen waren ausgezeichnete Hausfrauen. Sein Vater war anscheinend noch nicht zuhause. Seine Mutter und Schwester gingen nur selten aus dem Haus, sie mussten irgendwo sein.

Tatsächlich saßen beide auf einem großen Stein im Hinterhof. Die kleinere Gestalt sprang sofort auf und flog auf ihn zu, als sie ihn kommen sah. Obwohl Ippoliten, die kleine Schwester, mindestens fünftausend Monde nach Politen geboren worden war, ähnelten sich die beiden Geschwister sehr. Wie es üblich war, wurden die Geschwister als Kinder angesehen, bis sie beschließen würden, ihr Elternhaus zu verlassen und ihr eigenes Heim gründeten.

Seine Mutter begrüßte ihn lächelnd: „Willkommen daheim, mein Sohn.“

„Hallo, meine Lieben“, sagte er zu beiden und versuchte gleichzeitig die Hände seiner Schwester von seinem Hals zu lösen.

Die Sonne begann zu sinken und der Tag ging langsam zu Ende. Die kommende Nacht würde eine der wichtigsten seines Lebens werden.

Politen spürte allmählich, wie sehr das Training in der Arena ihn ermüdet hatte. Der Professor der Wettkämpfe hatte ihnen neue Bewegungen und Techniken gezeigt. Doch um nichts in der Welt würde er zulassen, dass seine Müdigkeit und Erschöpfung die bevorstehende abendliche Versammlung im Garten des Hauses behinderten. An diesem Abend würde ihn sein Vater offiziell den Männern des Dorfes präsentieren. An diesem Abend sollte es endlich so weit sein, die erwünschte Mondzahl war erreicht. Zehntausendachthundertmal musste der Mond am Himmel erscheinen. Erst dann konnte man Politen als Mann betrachten und ihm erlauben, sich die heiligen Geheimnisse der Hermin anzueignen. Er hatte auf diesen Moment viel zu lange warten müssen.

Politen ähnelte den Altersgenossen seines Dorfes nicht besonders. Schon als Kind zeigte er, ohne es zu wollen, bei jeder Gelegenheit seinen unruhigen Geist. Er war ausgesprochen unersättlich und wollte immer neue Dinge dazulernen. Seit seiner Geburt hatte sich sein Vestris zehnmal revitalisiert. Wenn man bedenkt, dass sich das Vestris durchschnittlich alle siebentausend Erscheinungen des Mondes revitalisiert, hätte das von Politen sich eigentlich maximal zweimal revitalisieren sollen. Doch zehnmal? Diese Tatsache hatte sich unter den Männern des Dorfes zu einem großen Diskussionsthema entwickelt. Denn wenn man bedachte, dass eine Revitalisierung des Vestris eine Teilnahme von mindestens fünfundachtzig Prozent der Dorfmänner an der Zeremonie erforderte, bedeutete dies, dass die Mehrheit der Männer regelmäßig ihre Arbeit verlassen musste, um an der Revitalisierung von Politens Vestris teilzunehmen.

Doch trotz alledem nahm niemand es Politen oder seinem Vestris übel, denn dieses Vestris wurde mehrmals für das Wohl des Dorfes eingesetzt. Wie vor ein paar Jahren, als sie von einem Rudel hungriger Wölfe angegriffen wurden. Alle Männer befanden sich beim wichtigsten Jagdturnier des Jahres. Der Einzige, der zum Zeitpunkt des Angriffs im Dorf war, war Politen, der zurückgekommen war, um seinen Ersatzbogen zu holen. Es war sein Vestris gewesen, welches die Kraft gefunden hatte, die Wölfe zu beruhigen, zu verscheuchen und die Tiere des Dorfes zu retten, obwohl er noch nicht in die Techniken und die Kunst der Magie eingeweiht worden war. Alle Dorfeinwohner gaben großherzig zu, dass der Junge enorme geistige Stärke gezeigt hatte – mit Beitrag seines Vestris natürlich, das sich erst wenige Monde zuvor mithilfe der Göttin des Glücks revitalisiert hatte.

An jenem Abend, als die Männer zurückgekehrt waren und von den Frauen in aller Einzelheit von den Geschehnissen erfuhren, betete einer der fünf Anführer des hellblauen Stammes, der in Politens Dorf lebte, zu ihrem Gott. Er bedankte sich bei Ihm für Seine große Weisheit, sie von den bewundernswerten geistigen Gaben des Jungen wissen zu lassen, bevor dieser überhaupt geboren war. Er bedankte sich auch dafür, ihn mit dem Zeichen auf der rechten Hand markiert zu haben. Das Zeichen des Wächters und Beschützers der Hermin.

Doch bedauerlicherweise und trotz seiner gelegentlichen Heldentaten würde ihn niemand als Mann betrachten und folglich als frei, selbst über sein eigenes Leben zu entscheiden, bis nicht zehntausendachthundert Monde auf den Himmel gestiegen waren.

Die Stimme seiner Mutter brachte ihn zurück in die Realität:

„Bist du für heute Abend bereit, mein Sohn?“

„Ja, Mutter, ich bin bereit. Ich bin seit langer Zeit bereit.“

„Ich weiß, mein Sohn. Genau so lang mussten mein Vater, mein Bruder, aber auch dein Vater warten, als sie noch Kinder waren. Die Zeit mag langsam vergehen, doch der große Moment kommt immer irgendwann. Und du wirst sehen, mein Kind, dass du für deine Geduld mit einem süßen Sieg belohnt wirst.“

Ippoliten, die in der Zwischenzeit im Inneren des Hauses verschwunden war, kehrte in den Hof zurück mit einer großen hölzernen Schüssel gefüllt mit frisch gewaschenen Früchten, mit blauen, grünen, gelben, lilafarbenen, sogar schwarzen Äpfeln, und stellte sie auf den Tisch.

„Iss!“, sagte sie zu ihrem Bruder. „Mutter hat sie vorbereitet. Du brauchst Energie für heute Abend.“

„Ich habe keinen Hunger. Ich möchte nichts essen. Das Einzige, was ich brauche, ist Ruhe. Du weißt, dass ich mich konzentrieren muss.“

„Aber die Früchte werden dir die Kraft geben, die du heute Abend brauchst“, widersprach Ippoliten.

„Politen hat recht, meine Liebe“, warf ihre Mutter ein. „Er wird heute Abend vor allem die Kraft seiner Gedanken brauchen. Die Früchte kann er morgen noch essen.“

„Bist du aufgeregt, Brüderchen?“, fragte Ippoliten scherzend.

Doch sie hatte vor seiner Reaktion ein wenig Angst und flog deshalb sofort zurück ins Haus.

„Du kannst wohl nicht lange sitzen, was? Selbst die Menken müssen nicht ständig hin und her fliegen“, witzelte Politen.

Ippoliten kam in den Hof zurück, diesmal mit mehreren kleinen Kerzenständern in den Händen. Sie beachtete die Neckereien ihres Bruders nicht und begann stattdessen, die Kerzenständer an verschiedenen Stellen des Gartens zu platzieren und dann die Kerzen eine nach der anderen anzuzünden. Ihre Mutter beobachtete sie schweigend und Politen schien in Gedanken verloren.

Der Garten leuchtete in einem lieblichen, warmen Licht.

Paten, der zweiköpfige Hund der Familie, näherte sich und legte sich unter den Holztisch.

„Bist du nicht ein wenig voreilig, Ippoliten?“, bemerkte ihre Mutter. „So aufgeregt wie du, scheint nicht einmal dein Bruder zu sein.“

„Kennst du Ippoliten nicht, Mutter? Sie ist nicht wegen meiner Initiation aufgeregt, sondern wegen der Party, die danach stattfinden wird.“

„Bin ich oder bin ich nicht zuständig für diese Party?“, fragte Ippoliten etwas beleidigt. „Du sagtest doch, dass ich die volle Verantwortung für die Organisation der Party übernehmen soll? Was ist also schlimm daran, wenn ich möchte, dass alles vorbereitet ist und glatt läuft?“

„Doch, doch. Du bist es! Und wie!“, sagte Politen schnell, denn er wollte sich jetzt auf keinen Fall mit seiner Schwester streiten.

Und um der Debatte ein Ende zu geben, flog er hoch über das Haus auf. Er schaute in Richtung Markt. Obwohl die Dunkelheit anbrach, war die Sicht noch frei, gerade durch den reduzierten Flugbetrieb der späten Stunde. Die meisten Hermitten waren bereits nach Hause geflogen.

Er sank wieder hinab und fragte seine Mutter, die seiner Schwester hinterherflog und jede ihrer Bewegungen beobachtete:

„Wo bleibt Vater? Ich sehe ihn nicht. Wird er zusammen mit den anderen kommen? Mutter, ich habe vergessen dich zu fragen... Hast du die Monde sicher richtig gezählt? Kann es sein, dass du dich vertan hast?“

Ippoliten nutzte die Gelegenheit, sich zu revanchieren:

„Klar, du bist überhaupt nicht aufgeregt! Nur ich bin es...“

Die warme Atmosphäre, die Ippoliten erschaffen hatte, machte allen Gästen gute Laune. Die kleine Fläche des Gartens bereitete den Gästen keinerlei Schwierigkeiten. Sie zogen vor, sich fliegend zu unterhalten, anstatt sich auf die riesigen Steine zu setzen, die im Garten verteilt waren.

Offenbar hatte niemand bemerkt, dass die Zeit der Initiation gekommen war – außer natürlich Politen, der nichts Anderes tat, als auf den Mond zu starren.

Sein Herz begann heftig zu schlagen, als er die Stimme des Stammesanführers in seinem offiziellen hellblauen Umhang hörte:

„Meine Lieben, die Zeit ist gekommen.“

Niemandem fiel auf, dass die Zeremonie früher als gewöhnlich begann und dass der Mond die Mitte des Himmels noch nicht erreicht hatte.

„Politen, komm her, mein Junge!“, sagte der Anführer und blickte auf Politen.

Am Anfang spürte er seine Brust vor Angst flattern. Vielleicht, weil niemand die Art der bevorstehenden Prüfung vorhersagen konnte. Tausende von Jahren waren vergangen, doch noch nie hatten zwei Personen die gleiche Prüfung gestellt bekommen.

Der Junge versuchte, seine Angst zu beherrschen. „Ob es wohl ein geheimes Buch gibt, in dem unzählige Prüfungen für junge Hermitten aufgelistet sind? Ob der Anführer einfach nur das Buch aufschlägt und nach einer Prüfung sucht, die bis dahin nicht vorgekommen ist? Warum nicht? Wir haben schließlich viele versteckte und geheime Bücher“, dachte der junge Mann, als der Anführer Marten sich ihm in Begleitung seines Vaters näherte.

Sie stellten sich neben ihn, der Vater an seine linke und der Anführer an seine rechten Seite. Nach den Sitten des Stammes sprach als erstes der Vater. Er musste offiziell seinen Sohn den Männern des Dorfes präsentieren. Eine reine Formalität, da es niemanden gab, der Politen nicht bereits kannte.

„Meine Freunde, mein Sohn Politen“, sagte er laut und seine Stimme hallte voller Rührung und Vaterstolz.

Darauf fingen die Flügel an den Füßen der Anwesenden als Zeichen der Anerkennung mit hoher Geschwindigkeit an zu flattern. Die Kerzen flackerten im Luftstrom.

„Wenn jetzt meine Kerzen ausgehen, stehen wir alle im Dunkeln“, bemerkte Ippoliten.

Der Anführer hatte nicht vor, den Prozess mit formalen oder bedeutungslosen Aussagen in die Länge zu ziehen:

„Die Heldentaten des Jungen sind allen bekannt. Jeder weiß, wie mutig und tapfer Politen ist. Daher denke ich, dass die Prüfung heute Abend nicht nur wie üblich körperlicher Art, sondern auch geistiger Art sein muss.“

Aus allen Ecken des Gartens war plötzlich ein Gemurmel zu hören, die Aussage des Anführers hatte bei den Zuhörern Überraschung ausgelöst. In den letzten Jahren war die Prüfung in der Regel körperlich gewesen. Nicht, dass es noch nie eine geistige Prüfung gegeben hatte, doch konnte sich niemand mehr daran erinnern, wie viele Jahre seit der letzten vergangen waren.

„Wie ihr wisst, beginnt die Prüfung ab dem Moment, an dem der Mond seinen höchsten Platz am Himmel erreicht hat.“

Alle Augen richteten sich spontan nach oben. Erst jetzt bemerkten sie, dass der Mond die richtige Position noch nicht erreicht hatte.

Die meisten wunderten sich, warum der Anführer die Zeremonie früher begonnen hatte. Doch niemand fragte nach, alle wussten, dass sie sofort aufgeklärt werden würden.

„Die Übung wird nicht hier stattfinden. Wir brauchen etwas Zeit, um die richtige Stelle zu erreichen.“

„Armer Bruder! Es scheint, als ob der Anführer alle Schwierigkeiten für dich vereint hat.“

Ippoliten vergaß vor lauter Aufregung und Mitleid ihre vorherige Auseinandersetzung. Sie würde ihm gern beistehen und ihm zur Unterstützung die Hand halten. Doch leider durfte sie sich ihm als Frau nicht nähern.

„Kommt, lasst uns zusammen fliegen“, sagte der Stammesanführer auffordernd.

„Wohin?“, fragten einige.

„Folgt mir“, gab er als einzige Antwort und fügte hinzu: „Politen, flieg bitte neben mir.“

Der Anführer und Politen voran, gefolgt von allen anderen, flogen sie durch die Nacht im Schein des Mondes, der bald die Mitte des Himmels erreichen würde.

Sie flogen östlich, in Richtung der Schwarzen Berge mit den hohen Burgen, die die Gegend vor Feinden beschützten. Die Männer flogen voraus und die zwei Frauen der Familie, Ippoliten und ihre Mutter, folgten als letzte. Es wurde immer eine Ausnahme für die Frauen der Familie gemacht, bloß mussten sie eben als letzte fliegen.

Ihre hellblauen Umhänge flatterten durch die Luft und von weitem sahen sie wie ein Vogelschwarm aus, der in der Dunkelheit dem Mondschein folgt.

Ihr Nachtflug hielt nicht lange an. Bald kamen sie am Fuße des dritten Berges an. Sie machten eine kurze Pause und flogen dann weiter. Am dritten Berg vorbei hielten sie an einem schmalen Einschnitt zwischen dem dritten und vierten Berg. Obwohl der Mondschein den Ort erhellte, hatte er etwas Wildes. Alles um sie herum schien karg und leblos. Bäume oder Sträucher, welche die Landschaft etwas erträglicher machen würden, hätten auf diesen steinigen Bergen und in der trockenen Erde nicht überleben können.

Normalerweise würden die Hermitten, obwohl sie weder feige noch ängstlich waren, nie ohne Grund diese Gegend betreten. Nur die Soldaten, die in den Burgen lebten, kamen hierher. Die Ältesten, die schreckliche Geschichten über die Schwarze Eulenfrau der Berge kannten, schauderten, als sie an diesem Ort anhielten. Die Jüngeren aber versuchten in ihrer Unwissenheit die Art der Prüfung zu erraten, die Politen würde bewältigen müssen.

„Hermitten!“, unterbrach auf einmal der Stammesanführer ihre Gedanken. „Wir haben nicht viel Zeit. Politen soll jetzt erfahren, was er tun muss, um uns zu zeigen, dass er nun als erwachsen, vertrauenswürdig und zuverlässig als einer von uns gezählt werden kann.“

Plötzlich herrschte absolute Stille. Sogar die Flügel an den Füßen hörten auf sich zu bewegen. Niemand sagte etwas, alle warteten darauf, dass der Anführer weitersprach.

„Schau hinter dich, Politen. Direkt hinter dich. Dort, an der unteren Seite des Hanges des dritten Berges, fast in Bodenhöhe, befindet sich eine kleine Öffnung. Siehst du sie?“

Alle Köpfe drehten sich um und blickten in Richtung der Stelle, auf die der Anführer deutete.

„Diese Öffnung ist der Eingang einer Höhle.“

„Aber die Öffnung sieht sehr klein aus“, flüsterte Politen. „Man kann sie gerade so in der Dunkelheit erkennen.“

„Keine Sorge. Die Öffnung mag klein aussehen, doch jeder kann durchkommen. Sogar Argotten!“

Argotten war der dickste aller Hermitten. Man könnte sogar behaupten, er wäre drei Hermitten zusammen. Wenn er mehr Grips gehabt hätte, hätte er eines Tages sogar ihr König werden können.

„Du musst in die Höhle hineingehen, eine Feder finden und sie herausbringen“, fuhr der Anführer fort.

„Eine Feder!? Was für eine Feder?“, fragte Politen überrascht. „Jede beliebige Feder? Kann ich jede Feder bringen, die ich dort finde?“

„Es gibt nicht viele Federn in dieser Höhle. Es gibt nur eine. Diese eine Feder musst du finden und sie herausbringen. Doch pass auf, du hast nicht viel Zeit. Deshalb musst du dich beeilen. Du kannst sofort beginnen. Wenn du gewinnen möchtest, musst du mit der Feder wieder draußen sein, bevor der Mond eine Strecke von fünfundvierzig Grad zurückgelegt hat.“

„Ist in der Höhle Licht?“, wollte Politen wissen.

„Licht!? In einer unbewohnten Höhle?“

Der Anführer Marten begnügte sich mit einem vielsagenden Lächeln. „Das macht die Sache etwas komplizierter“, dachte Politen. Aber so oder so hatte er sich seelisch auf eine schwierigere Übung vorbereitet, als die, in eine dunkle Höhle zu klettern, um eine Feder herauszubringen.

„Und vergiss nicht das Wichtigste. Du darfst dein Vestris auf keinen Fall benutzen“, sagte der Anführer abschließend.

Politen warf einen letzten Blick auf den Mond und bereitete sich darauf vor, die Höhle zu betreten. Die Aufgabe schien ihm sehr einfach zu sein, doch er war klug genug, das nicht vor allen zu erwähnen. Außerdem kann man vorher nie wissen, ob etwas in der Praxis genauso einfach ist, wie es aussieht.

In diesem Moment spürte er jemand neben sich, doch er brauchte sich nicht umdrehen, um zu wissen, wer es war. An der Art, wie er die Hand auf seine Schulter legte, erkannte Politen seinen Professor.

„Benutze zuerst deinen Kopf, nutze den Ort aus und zeig deine Kraft nur, wenn es nötig ist. Doch vergiss nicht: zuerst deinen Kopf.“

Und indem er etwas fester seine alte Hand auf die jugendliche Schulter drückte, wünschte er Politen viel Erfolg.

Politen holte tief Luft und suchte mit dem Blick seine Mutter. Als er sie sah, lächelte er ihr zu und flog schnell zum Höhleneingang. Er musste sich ducken, da er befürchtete, dass er nicht durch die winzige Öffnung passen würde. Doch es gelang ihm leichter, als er anfangs gedacht hatte. Der Anführer hatte recht, der Höhleneingang war gar nicht so eng.

Es dauerte eine Weile, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Nicht, dass er klar und deutlich sehen konnte, doch einige Stellen an den erdigen Wänden der Höhle konnte er erkennen.

Er ließ seinen Blick schweifen und gewann einen ersten Eindruck der Umgebung. Er wollte keine Zeit verlieren und entschied sich, an der Decke anzufangen. Er würde mit den Händen die Wände der Höhle ertasten, von links nach rechts und von oben nach unten. Vielleicht war die Feder in einer kleinen Vertiefung in der Wand platziert. Die Dunkelheit mochte sein Feind sein, doch sein Tastgefühl war sicherlich sein Freund.

Er fing an, mit hoher Geschwindigkeit auf und ab zu fliegen. Der erste Versuch erwies sich als erfolglos, doch Politen zeigte sich nicht enttäuscht. Das zweite Mal beschloss er, langsamer zu fliegen und beim dritten Mal wusste er, dass er noch genauer sein musste. Nach mehreren Versuchen entschied er sich, auch den Boden zu untersuchen. Doch nach dem zehnten oder elften Versuch verlor er den Überblick und begann, sich ernsthaft Sorgen zu machen. Was war geschehen? Er war sich ziemlich sicher, dass nichts in dieser Höhle war. Er hatte alles abgesucht. Es gab nicht die geringste Vertiefung in den Wänden, in den Ecken oder im Boden der Höhle, worin sich eine Feder befinden konnte. Alle Oberflächen waren glatt und kalt.

Plötzlich hatte er eine Idee. Er flog rasch hin und her und schlug dabei mit den Flügeln an seinen Füßen und an seinem Kopf, sodass der entstandene Luftstrom die Feder aus ihrem bisherigen Versteck blasen würde. Er flog wie ein Besessener in der kleinen Höhle herum, schlug seine Füße zusammen und schrie rhythmisch:

„Komm schon! Ich bitte dich, mein liebes Federchen, zeig dich. Versteck dich doch nicht. Komm aus deinem Versteck raus und flieg. Flieg hoch, damit ich dich sehen kann.“

Doch wieder nichts! Keine Feder ließ sich von seinen Bitten bewegen. Seine Begeisterung über die einfache Prüfung, die ihm aufgegeben worden war, verschwand. Was sollte er jetzt tun? Ohne die Feder die Höhle zu verlassen, kam nicht in Frage. Lieber würde er für immer dort bleiben, als vor allen seine Niederlage einzugestehen.

Er setzte sich frustriert auf den Boden und verbarg sein Gesicht zwischen seinen Knien.

„Ich wünschte, ich könnte mein Vestris benutzen! Es würde mir sicher sofort zeigen, ob hier irgendwo eine Feder ist und wo sie sich versteckt!“

Doch da es verboten war, würde er es auf keinen Fall benutzen. Niemand vergaß so einfach die Strafe, die Mornen vor einigen Monden erhalten hatte, als er bei seiner eigenen Prüfung sein Vestris benutzt hatte. Er war immer noch im Stamm des großen Baumes eingesperrt, der im Hof der höchsten Burg wuchs.

Er hob seinen Kopf und sah sich noch einmal um. Die Dunkelheit verhinderte immer noch, dass er das Innere der Höhle erkannte und seine Augen halfen ihm nicht, da sie sich mit Tränen füllten. Die Verzweiflung ergriff langsam Besitz von seiner Seele.

Er saß regungslos da. Sein Rücken war an die Wand gelehnt und sein Blick starrte auf den Boden der Höhle.

Plötzlich bemerkte er einen kleinen runden Lichtfleck, der an der Stelle erschienen war, auf die er starrte. Ein Lichtfleck, den schwaches Mondlicht in die Höhle warf. Politen wunderte sich, wie das Licht dorthin kam. Er sprang sichtlich aufgemuntert auf.

Er blickte zur Decke. Vielleicht gab es einen Riss, den er nicht sehen konnte. Aber das war in diesem Moment nicht besonders wichtig. Er musste diese unerwartete Gelegenheit ergreifen und ausnutzen. Er fing wieder an, wie ein Wahnsinniger hin und her zu fliegen. Plötzlich erstarrte er an der Decke. Er erinnerte sich an die Worte seines Professors: „Benutze zuerst deinen Kopf“, hatte er gesagt „als allererstes deinen Kopf.“

Erst da wurde ihm klar, dass der Lehrer von Anfang an wusste, dass er Schwierigkeiten haben würde und ihn deshalb ermutigt hatte, sein Denken einzusetzen und nicht wie ein Besessener umherzufliegen.

Er blickte erneut auf den Lichtfleck, der reglos an der exakt gleichen Stelle saß. Er sank nach unten und kniete sich neben ihn. Er wischte mit seiner Hand über die beleuchtete Stelle des Bodens. Überrascht entdeckte er unter seiner Handfläche vier Linien. Es war, als ob jemand mit einem Messer tief in den erdigen Boden einen quadratischen Kasten geschnitzt hätte.

„Ob es wohl unten drunter eine Öffnung gibt?“, fragte er sich. Er begann sehr sorgfältig die Stelle abzutasten. Doch leider fand er nichts.

„Ist das ein Zufall, dass das Mondlicht genau auf diese Stelle scheint, oder will es mir etwas zeigen?“, fragte er sich und zog die Augenbrauen zusammen.

Dann versuchte er, den Rat seines Professors zu befolgen.

„Denk, denk, denk!“ Er schlug mit der Hand an seinen Kopf. „Der Anführer sagte, dass sich auf jeden Fall hier drin eine Feder befindet. Und nachdem der Wind sie vorher nicht bewegte, muss sie irgendwo versteckt sein. Warum also nicht hier unten? Nur, wie soll ich diese Abdeckung bewegen?“

Sein Kopf arbeitete. Er versuchte eine Lösung zu finden, indem er an all das dachte, was er in der Schule gelernt hatte. Er begann über die letzten Mathematiklösungen nachzudenken, bei denen es um Quadrate und Würfel ging, doch sehr schnell schien ihm alles sinnlos. Wütend auf sich selbst fing er an, manisch mit beiden Fäusten auf die Stelle zu schlagen, bis seine Hände schmerzten. Doch es änderte sich überhaupt nichts. Er stand auf und flog um das Quadrat herum, während er es intensiv anstarrte, als ob er es mit seinem Blick öffnen könnte. Das Einzige, was ihm Hoffnung machte und ihn tröstete, war die Tatsache, dass das Mondlicht noch immer an derselben Stelle zu sehen war. Doch plötzlich, als er frustriert herumflog, verschwand das Licht am Boden. Sein Körper blockierte den Mondstrahl und verhinderte, dass das Licht den Boden erreichte.

Bis er sich umsehen konnte, hatte sich alles in einem Augenblick verändert. Überrascht sah er, wie sich die Höhle rasch mit hellem Licht füllte, das plötzlich aus dem Boden entsprang und sich schwungvoll nach oben erhob, wie das Wasser, das aus der Erde hervorsprudelt, sobald es eine Öffnung findet. Dann drehte sich das Licht wieder nach unten und verteilte sich süß und sanft sogar in die kleinsten Ecken der Höhle. Politen musste mehrmals blinzeln, um seine Augen an das Licht zu gewöhnen.

Er flog zu der Stelle hinab, aus der das goldene Licht zu kommen schien. Er hatte doch recht, es gab eine Falltür, die sich auf seltsame Weise geöffnet hatte.

Er näherte sich, um besser zu sehen. Er würde dort drinnen sicher diese Feder finden und dann wäre alles vorbei.

Er kniete sich über die Falltür und blickte in die Öffnung. Sie sah ziemlich groß aus. Das, was sich darin befand, schien den ganzen Raum einzunehmen. Doch von oben konnte er nicht genau erkennen, was dieses Objekt war. So benutzte er beide Hände, um es herauszuziehen. Es fiel ihm nicht leicht, er hatte nicht erwartet, dass es so schwer sein würde. Doch schließlich schaffte er es. Mühsam zerrte er es ganz heraus und setzte sich auf die Erde, um sich auszuruhen und seinen Fund zu betrachten.

„Aha! Deshalb war es so schwer“, sagte er.

Es war ein großer, rechteckiger Kasten. Die obere Seite war aus Marmor und der restliche Kasten aus Holz. Die eine, längere Seite schmückten zwei kleine schwarze Holzsäulen und zwischen ihnen lagen zwei rote Schlangen, die in unterschiedliche Richtungen schauten. An den Seiten befanden sich drei Eisenhebel mit Holzgriffen. Zwei an der linken Seite und einer an der rechten. Doch das Beeindruckendste befand sich auf der grau glänzenden Marmoroberfläche des Kastens: eine Reihe aus goldenen Stäben und Klingen.

Zwei goldene Klingen verliefen im Halbkreis bogenförmig aufwärts, die eine nach links und die andere nach rechts, ohne sich zu treffen. An jedem Ende der bogenförmigen Klingen befanden sich Schlangen, die einander zugewandt waren, wie jene von Politens Vestris.

Zwei horizontale goldene Stäbe, die von der Mitte jeder bogenförmigen Klinge ansetzten, stützten zwischen sich einen goldenen Kreis, auf dem die Sonne platziert war. Bei näherem Betrachten sah Politen einen goldenen, vertikalen Stab, der sich von der Oberseite bis zur unteren Seite eines kleineren Kreises erstreckte. An der linken Seite dieses kleinen Kreises war der Mond fixiert. Genau in der Mitte des vertikalen goldenen Stabes befand sich eine Miniatur der Erde.

Im ersten Moment konnte Politen nichts weiter tun, als diese prächtige Konstruktion zu bewundern.

Er drehte den Kasten um, wollte sehen, ob die hintere Seite genauso wie die vordere aussah. So bemerkte er, dass darin eine kleine Schublade mit einem winzigen Goldgriff eingebaut war. Er wusste sofort, die Feder lag in dieser Schublade.

Er packte den Griff und zog daran, sicher, dass er das Ende der Prüfung erreicht hatte. Er hatte noch nicht verstanden, wie sich die Falltür geöffnet hatte, doch das interessierte ihn auch nicht wirklich. Das Glück hatte ihm zugelächelt und ihm geholfen. Er hatte nicht die Absicht, seine Zeit damit zu verschwenden, die Antwort auf diese Frage zu suchen. Er musste nur die Feder aus der Schublade nehmen und damit die Höhle verlassen.

„Es öffnet sich nicht!“, schrie er überrascht.

Am Anfang hatte er gedacht, dass die Prüfung, die ihm zugeteilt worden war, kinderleicht sein würde, doch nun realisierte er, wie schwierig sie wirklich war. Er konnte keine Feder finden, jetzt musste er auch noch nach einem Schlüssel suchen.

„Moment!“, dachte er, als er den Kasten betrachtete. „Wie kann es einen Schlüssel geben, ohne ein Schlüsselloch dafür?“

Was musste er jetzt wieder tun? Vielleicht müsste er nur sein Glück darum bitten, ihm noch einmal zu helfen.

Instinktiv packte er mit seiner rechten Hand den Hebel des Kastens und drehte ihn. Im gleichen Moment bewegte sich auch der große goldene Kreis, auf dem die Sonne befestigt war. Sofort wurde ihm klar, dass die Hebel an den Seiten des Kastens alle goldenen Kreise auf dem Kasten bewegten. Mit der linken Hand zog er am Hebel auf der anderen Seite des Kastens. Diesmal bewegte sich der kleine Kreis mit dem Mond. Der letzte Hebel setzte den vertikalen goldenen Stab in Bewegung, auf dem sich die Erde befand.

„Wow! Toller Trick! Und wie schön... Was für ein System, mein Freund!“, rief er und begann spielerisch alle drei Hebel zu bewegen.

Für einen Augenblick lang vergaß er die Prüfung. Er wollte nur verstehen, wie dieses Gerät funktionierte. Die drei goldenen Himmelskörper wanderten wie betrunkene Sterne hin und her und nahmen beständig neue Positionen auf ihrem kleinen Himmel ein.

Bald fand Politen heraus, wie sich die Himmelskörper bewegten. Der Mond pendelte von rechts nach links und zeichnete einen imaginären Kreis. Die Sonne bewegte sich von oben nach unten und zeichnete einen weiteren imaginären Kreis und die Erde wanderte auf dem vertikalen goldenen Stab von oben nach unten. Er konnte die drei Himmelskörper auf jede beliebige Position platzieren. Es war nun offensichtlich, dass die richtige Position der Schlüssel war, der die kleine Schublade der Konstruktion öffnen würde.

„Doch welche ist die richtige Position?“, fragte er sich.

Die drei Himmelskörper konnten viele unterschiedliche Positionen einnehmen, es gab unzählige Kombinationen. Mal konnte die Sonne an der Seite sein und der Mond über ihr, mal die Sonne und der Mond unter der Erde und mal über ihr. Politen hätte noch lange dort sitzen bleiben können, um mit den Hebeln zu spielen und die Position der drei Himmelskörper zu ändern, bis er ihren richtigen Platz gefunden hatte. Doch leider hatte er nicht viel Zeit zur Verfügung.

„Denk, Politen... Denk nach... Ich brauche nur eine Idee...“, versuchte er seine Gedanken zu ordnen. Sein Glück hatte ihm vorhin geholfen und die Falltür geöffnet, unter der er diese seltsame Konstruktion fand. Doch diesmal konnte er sich nicht allein auf sein Glück verlassen. Er bewegte die Hebel weiterhin und beobachtete, wie die drei Himmelskörper ihre Umlaufbahnen einschlugen, ohne auch nur die geringste Ahnung von ihrer richtigen Position zu haben.

„Vielleicht muss die Erde unten bleiben, da ich sie nicht kreisförmig um die anderen zwei Himmelskörper bewegen kann... So oder so ist die Erde immer unterhalb... Und die Falltür und diese Konstruktion waren auch unterhalb“, überlegte er. „Vielleicht war es gar kein Zufall, dass diese Konstruktion im Boden vergraben war und nicht in einer Vertiefung in den Wänden der Höhle. Und ich hatte so ein Glück, dass ich es zu diesem Zeitpunkt gefunden habe, als ich es nicht mehr sehen konnte, weil das Licht diese Stelle nicht mehr beleuchtete...“

Und plötzlich schlug er kräftig mit seiner Hand gegen die Stirn.

„Bin ich aber doof! Natürlich, das ist es! Die Falltür öffnete sich genau in dem Moment, als sich mein Körper zwischen dem Mondstrahl und dieser Stelle am Boden befand. Genau auf diese Art muss ich die kleine Schublade öffnen. Ich muss das Licht daran hindern, die Erde zu erreichen. Aber natürlich, wie doof bin ich! Ich muss den Mond zwischen Sonne und Erde setzen, sodass die Sonnenstrahlen die Erde für einen kleinen Moment nicht erreichen können.“

Mit langsamen Bewegungen brachte er die drei Himmelskörper in die Position, die er für richtig hielt. Sein Herz schlug vor lauter Aufregung so laut in seiner Brust, dass er dachte, er könnte es mit seinen Ohren hören.