Politisch korrekt? - L.A. Witt - E-Book

Politisch korrekt? E-Book

L.A. Witt

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Beschreibung

Anthony Hunter überrascht sich selbst mit der Zusage, den Wahlkampf von Jesse Cameron zu unterstützen. Und als die beiden sich persönlich kennenlernen, weiß er, dass er ein Problem hat. Jesse Cameron ist gutaussehend, charismatisch und – verheiratet. Doch besteht die Ehe wirklich oder nur zum Schein? Jesse Cameron mag die Idee nicht, seine Ehe, die kurz vor der Scheidung steht, im Wahlkampf einzusetzen. Vor allem nicht, als er Anthony Hunter kennenlernt – seinen Wahlkampfmanager. Denn die Gefühle, die Anthony in ihm auslöst, sind heftig und es dauert nicht lange, bis sie eine heiße Affäre miteinander beginnen. Doch wie lange werden sie diese geheimhalten können?

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L. A. Witt

Politisch korrekt?

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2016

http://www.deadsoft.de

© the author

Titel der Originalausgabe:

Where There’s Smoke

Übersetzung: T.A. Wegberg

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com/

Bildrechte:

© George Mayer – fotolia.com

© Yeko Photo Studio – shutterstock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-945934-98-2

ISBN 978-3-945934-99-9 (epub)

Kapitel 1

Anthony

„Ich nehme an, das ist nicht nur ein Drink unter Freunden.“ Ich legte die Finger um den Stiel meines Glases und stützte den Ellbogen auf die schmiedeeiserne Armlehne.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Verandaglastisches tat Roger Cameron es mir nach. „Sie kennen mich nur zu gut, was?“

Ich nahm einen Schluck von meinem Drink, konnte den Weißwein aber kaum auf der Zunge spüren. Dafür war ich zu stark auf mein Gegenüber konzentriert, um herauszufinden, was das alles sollte und warum wir hier am Rande seines Pools saßen, im Schatten der südkalifornischen Sonne und bei einem teuren Getränk. Roger kontaktierte mich nur dann, wenn er mich brauchte, und seit er sich vor zwei Jahren aus dem Senat zurückgezogen hatte, war das nicht mehr der Fall gewesen. Falls er nicht aus dem Ruhestand zurückkehren wollte, war das … ungewöhnlich.

Er schaute lange auf den Tisch, wobei ein grüblerischer Ausdruck die buschigen Augenbrauen über seinen weit auseinanderliegenden Augen zusammenzog. Schließlich atmete er tief durch und straffte die Schultern, als wolle er dem Kongress irgendeine Rechtsvorschrift vorschlagen. „John Casey hat die Nominierung der Republikaner für den Gouverneursposten fast in der Tasche.“

„Ich weiß“, sagte ich mit finsterer Miene. „Ich habe die Abstimmungen beobachtet.“

„Dann haben Sie sicher auch diese Kreaturen beobachtet, die die Demokraten als seine potenziellen Gegenkandidaten aufgestellt haben, oder?“

Ich stieß die Luft aus. Die politische Szene in Kalifornien war eine Katastrophe, und wegen der Klüngelei unter den Demokraten waren die Republikaner bei den Umfragen deutlich in Führung gegangen, obwohl sie einen der schlechtesten Gouverneurskandidaten unterstützten, die ich je erlebt hatte. Die Strategie dieses Mannes war verheerend für die Bildung, unmenschlich gegenüber den Einwanderern, schädlich für Kleinunternehmer und Hauseigentümer, und sie kroch praktisch jedem Konzernboss des gesamten Staates voller Begeisterung in den Arsch. Ich hatte mich schon nach Eigentum in Arizona, in Nevada und sogar an der Ostküste umgesehen, damit ich aus Kalifornien verschwinden konnte, sobald Casey die Wahl gewonnen hätte.

Ich nahm einen großen Schluck Wein und stellte mein Glas mit einem leisen Klink auf den Tisch. „Sie retten mir echt den Tag, wenn Sie mir jetzt sagen, dass Sie aus dem Ruhestand zurückkommen und mir Ihre Kampagne übertragen wollen.“

Er lachte leise und schüttelte den Kopf. „Nein, das leider nicht.“ Mit zwei Fingern tippte er sich auf die Brust. „Das alte Uhrwerk da drinnen würde sofort den Geist aufgeben, wenn ich das auch nur in Betracht zöge.“

Ich verschränkte die Hände unter meinem Kinn. „Und warum führen wir dann dieses Gespräch?“

Roger machte dieses John-F.-Kennedy-Gesicht, das er immer nutzte, um die Öffentlichkeit bei Reden und Debatten für sich einzunehmen. Ich war aber nicht die Öffentlichkeit, und er musste sich schon ein bisschen mehr anstrengen, um mein Interesse für das zu wecken, was er vorhatte.

„Ich möchte, dass Sie einen Wahlkampf organisieren, Anthony“, sagte er. „Aber nicht meinen. Es wird eine ziemlich aussichtslose Sache sein, ihn durch die Wahl zu kriegen, aber wir brauchen etwas Besseres als das, was die Partei hervorbringt.“

Ich kaute auf den Innenseiten meiner Wangen herum, sagte jedoch nichts. Mein Magen verknotete sich, während ich mich fragte, an wen er dabei dachte. Bei Caseys Beliebtheit brauchten wir eine aussichtslose Sache ungefähr so dringend, wie ich eine weitere Schachtel Zigaretten täglich brauchte.

Roger wechselte die Sitzhaltung und sah mir direkt in die Augen. „Sorgen Sie dafür, dass mein Neffe gewählt wird.“

Ich blinzelte. „Ihr … Neffe?“

Er nickte.

Ich musste mich zusammenreißen, damit ich nicht entweder laut loslachte oder ihm meinen Drink unter Freunden ins Gesicht schüttete, um ihn aus seinem wie auch immer gearteten Wahnzustand zu reißen. Zwei von Rogers verzogenen, schwachsinnigen Neffen hätten nicht mal Chancen, zum Supermarktmitarbeiter des Monats gewählt zu werden, geschweige denn zum Gouverneur von Kalifornien. Der dritte war auch nicht viel besser.

Ich wickelte mir die Serviette um den Finger. „Darf ich fragen, welcher von Michaels Jungs glaubt, er hätte das Zeug zum Politiker?“ Bitte sag Nate. Bitte sag Nate. Bitte …

„Jesse.“

Ich konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken. „Das ist ein Witz. Bitte sagen Sie mir, dass das ein Witz sein soll.“

Er schüttelte langsam den Kopf.

„Roger, um Gottes willen.“ Ich kniff mir in die Nasenwurzel. „Jesse Cameron. Sie wollen, dass ich Jesse Camerons Wahl organisiere. Zum Gouverneur.“ Ich starrte ihn an. „Ist das ein Witz? Jetzt mal ehrlich.“

„Nein, das ist kein Witz.“

„Was lässt Sie glauben, dass er in diesem Rennen auch nur die geringste Chance hat?“

„Na ja, er hat einen angesehenen Namen.“

„Hat er nicht. Nicht in der Politik. Jesses Name ist bekannt im Showbusiness und in der verdammten Klatschpresse. Nicht in politischen Kreisen. Die kalifornische Bevölkerung ist nicht interessiert an einem weiteren Reagan oder Schwarzenegger.“

Roger hob eine Augenbraue. „Er ist mein Neffe, mein Junge.“

Ich atmete aus. „Jetzt mal ernsthaft. Wenn die Leute den Namen Jesse Cameron hören, verbinden Sie den nicht mit Ihnen, sondern sie verbinden ihn mit seinen Eltern.“ Ich griff in die Tasche, um meine Zigaretten und das Feuerzeug herauszuholen. „Entweder damit, oder mit seiner ,Schauspielkarriere‘, wenn Sie das so nennen wollen.“

Roger neigte den Kopf. „Und da kommen Sie ins Spiel.“

„Moment mal, Moment mal!“ Ich hob die Hände. „Ich bin Wahlkampfmanager, kein verdammter Wunderheiler.“ Ich zog eine Zigarette aus dem Päckchen. Bevor ich sie mir zwischen die Lippen schob, fügte ich hinzu: „Ich meine, warum genau glauben Sie, dass er auch nur die geringste Eignung für die Kandidatur hat, ganz zu schweigen vom Wahlsieg?“

„Der Junge ist klüger, als Sie denken.“ Ein zärtliches Lächeln erschien auf seinen Lippen. „Sie wissen doch, dass er einen Jura-Abschluss von Harvard hat, oder?“

Während ich Feuerzeug und Zigarette mit einer Hand abschirmte, hob ich eine Augenbraue, dann ließ ich das Feuerzeug von der unangezündeten Zigarette sinken. „Ich weiß auch, wie einfach es für jemanden aus einer einflussreichen Familie ist, Abschlüsse zu bekommen.“ Erneut hob ich das Feuerzeug. „Gentleman’s C, nennt man das nicht so?“

Rogers Lächeln verblasste, und seine Augen verengten sich ein bisschen. „Er war Jahrgangsvierter.“

Zum zweiten Mal ließ ich das Feuerzeug sinken, ehe es die Zigarette hatte entzünden können. „Sie machen Witze.“

„Keineswegs. Und ich bereite den Jungen schon seit Jahren auf eine politische Laufbahn vor. Ich habe ihn unter meine Fittiche genommen, weil ich gehofft hatte, mehr Zeit zu haben, aber dann hat Casey seine Kandidatur verkündet.“ Er beugte sich vor und stützte den Ellbogen auf den Tisch. „Jesse ist mehr als bereit für den Posten. Wir – und damit meine ich Sie – müssen die Wähler nur noch davon überzeugen.“ 

Ich nahm die immer noch nicht brennende Zigarette von meinen Lippen. „Na klar, das ist doch kein Problem.“ Mein Bemühen, nicht die Augen zu verdrehen, war beinahe erfolgreich. „In ein paar Monaten sind die Vorwahlen, und ich soll also die Öffentlichkeit davon überzeugen, den verfluchten Mister McHollywood zu wählen, der außerdem ein politischer Nobody ist, nur weil er einen Namen und einen akademischen Abschluss hat?“ Ich schüttelte den Kopf und schob mir erneut die Zigarette zwischen die Lippen. „Selbst ein eindrucksvolles Juradiplom und die Verbindung zu Ihrem Namen ist kein Ausgleich dafür, was die Öffentlichkeit über ihn weiß und was nicht.“ Diesmal schaffte ich es endlich, meine Zigarette anzuzünden und einen tiefen, dringend notwendigen Zug zu nehmen.

Roger ließ mich eine Weile rauchen. Als Exraucher verstand er zweifellos, wie wichtig es mir war, ein bisschen Nikotin in meine Blutbahn zu schleusen, ehe wir weitermachten.

Ich hatte die Zigarette zur Hälfte geraucht, da fuhr er fort.

„Ich erwarte nicht, dass das eine leichte Wahl wird.“ Rogers Stimme hatte einen harten, nicht verhandelbaren Ton. „Aber wenn irgendjemand dafür sorgen kann, dass Jesse gewählt wird, dann Sie. Es sei denn, natürlich, Sie wollen, dass John Casey gewinnt.“

Ich wandte den Kopf zur Seite und blies eine Rauchwolke in die klare Luft des Spätnachmittags. „Ich will noch nicht mal, dass Casey auch nur in die Nähe von Sacramento gelangt, aber ich brauche einen vernünftigen Gegenkandidaten.“ 

„Das ist klar.“ Sein Nicken war so leicht, dass ich mir keine Illusionen machte, er könne damit mehr als diese simple Feststellung eingestehen. „Offen gesagt hat Jesse nur aufgrund des Rufs seines Vaters und seiner Beziehungen zu Hollywood praktisch keine Chance. Sofern Casey nicht zugibt, dass er eine heimliche Schwuchtel ist und illegale Außerirdische mit El-Kaida-Verbindungen beschäftigt, sind Jesses Aussichten mager bis nicht vorhanden.“

Ich streifte die Asche meiner Zigarette an dem gläsernen roten Aschenbecher ab. „Dann frage ich Sie noch mal: Warum führen wir dieses Gespräch überhaupt?“

„Weil Jesse immer noch bessere Aussichten hat als die Kandidaten, die die Partei ins Rennen zu schicken versucht. Die meisten von denen haben eine katastrophale Erfolgsbilanz, und das wissen die Wähler auch.“

„Im Gegensatz zu Jesse, der etwas noch Schlimmeres hat.“ Ich führte die Zigarette wieder an die Lippen. „Nämlich überhaupt keine Erfolgsbilanz.“

„Aber“ – Roger hob einen Finger und warf mir einen tödlich ernsten Blick zu – „Jesse ist auch der kompetenteste Kandidat. Die Hälfte dieser Idioten, die von der Partei in die Vorwahl geschickt werden, ist kein bisschen besser als Casey selbst. Wenn ich der Meinung wäre, dass auch nur einer von ihnen Chancen hätte, Casey zu schlagen und Gouverneur zu werden, ohne dass der gesamte Bundesstaat in die Binsen geht, würde ich Jesse nicht zur Kandidatur drängen. Nicht jetzt. Nicht bis er die Gelegenheit hatte, sich in weniger anspruchsvollen Positionen zu beweisen.“

„Dann wollen Sie also, dass ich ihn gegen die Demokraten ins Rennen schicke auf der Grundlage, dass alle anderen Demokraten korrupte Schwachköpfe sind?“ Ich lachte und drückte meine Zigarette im Aschenbecher aus. Während ich mein Weinglas nahm, sagte ich: „Ich würde in dieser Stadt gerne noch mal zu Mittag essen können, vielen Dank auch.“

„Nein.“ Seine Miene verhärtete sich. „Jesse tritt nicht für die Demokraten an.“

Ich erstarrte, das Weinglas auf halber Strecke zu meinen Lippen. „Wenn Sie wollen, dass ich meinen Namen für eine Kampagne der Liberalen hergebe, muss ich Ihnen leider sagen …“

„Nicht für die Liberalen. Er tritt als Parteiloser an.“ Roger schmunzelte und schüttelte den Kopf. „Ich wollte ihn davon überzeugen, dass er als Kandidat der Demokraten einen besseren Stand hat, aber er will mit keiner der Parteien etwas zu tun haben.“

Ich ließ den Kopf zurückfallen und starrte hoch in den Himmel. Auf der ganzen Welt gab es nicht genügend Alkohol oder Nikotin … „Sie machen mich wahnsinnig, Roger.“ Ich setzte das Glas ab und sah ihn an. „Und das meine ich ernst.“

„Sehen Sie mal, das Letzte, was dieser Staat braucht, ist John Casey als Gouverneur. Jesse ist ein ordentlicher Kandidat. Er hat ein blitzsauberes Privatleben, und …“

„Blitzsauber?“, schnaubte ich. „Ich glaube, ich erinnere mich da an ein paar nicht ganz so saubere Indiskretionen, als er noch jünger war.“

„Na und? Er ist ein Sohn Hollywoods.“ Roger grinste. „Was erwarten Sie?“

„Ich muss unbedingt daran denken, das gegenüber den Wählern zu erwähnen.“ Ich zog eine weitere Zigarette aus der Schachtel und schob sie mir zwischen die Lippen. „Im Augenblick ist das Einzige, was den Wählern ,Politiker‘ vermittelt, diese Trophäe von einer Frau an seiner Seite.“

Roger lachte, doch dann wurde er wieder ernst. „Hören Sie mal, er hat eine anständigere Vergangenheit als der größte Saubermann im Kongress. Die Tatsache, dass er mein Neffe ist, verschafft ihm demokratische Stimmen. Die Tatsache, dass er nicht für die Demokraten antritt, verschafft ihm republikanische Stimmen.“

„Mhm.“ Ich betrachtete ihn durch die Rauchwolke, die ich ausgestoßen hatte. „Und auf beiden Seiten verliert er die Stimmen von denjenigen, die nur Kandidaten ihrer Parteien wählen, und diese Gruppe ist sogar noch größer als der Haufen Idioten, auf den ich Ihrer Meinung nach setzen soll.“

Roger wollte etwas erwidern, doch die Glasschiebetür öffnete sich, und seine Frau Janet kam heraus auf die Veranda. Wir standen beide auf, und er küsste sie auf die Wange. Dann setzte sie sich, und wir nahmen wieder Platz.

„Schön, Sie zu sehen, Janet“, sagte ich.

„Gleichfalls.“ Sie lächelte, und wenigstens sie war eine Cameron, deren Lächeln nicht wie eine Täuschung wirkte. Was wahrscheinlich daran lag, dass sie in den Clan hineingeheiratet hatte und nicht darin geboren war. „Wenn ich gewusst hätte, dass Sie kommen, hätte ich Marguerite etwas anderes zubereiten lassen, damit Sie zum Dinner bleiben können. Aber …“ Sie zuckte entschuldigend die Achseln. „Sie hat schon geplant, Steaks zu braten.“

Ich widerstand dem Verlangen, eine Grimasse zu ziehen. „Schon in Ordnung. Ich kann sowieso nicht lange bleiben.“ Dann wandte ich meine Aufmerksamkeit wieder ihrem Ehemann zu. „Insbesondere da es sich so anhört, als hätte ich demnächst eine Menge Arbeit, wenn ich bei dieser Sache mitmache.“

„Wenn irgendjemand diesen Wahlkampf durchziehen kann“, sagte Roger, „dann sind das Sie. Ich habe volles Vertrauen zu Ihnen.“

„Das habe ich auch“, murmelte ich. „Mir macht eher mein mangelndes Vertrauen zu dem Kandidaten Sorgen.“

„Tja, Anthony, wenn Sie nicht wollen, dass Casey den Gouverneurstitel trägt, dann tun Sie, was Sie tun müssen, um Jesse ins Amt zu bekommen.“ Sein Ton war wieder scharf geworden. „Überzeugen Sie die Wähler davon, dass Jesse eine gute, verlässliche Führungspersönlichkeit ist. Zeigen Sie ihnen, wie unfähig Casey ist.“ Er wedelte mit der Hand. „Die wollen alle glauben, dass Casey ein Heiliger ist wegen seiner Armeevergangenheit, aber sie sollten wissen, das Letzte, was Kalifornien braucht, ist jemand finanzpolitisch so Rückschrittliches …“

„Roger.“ Janet warf ihm einen eindringlichen Blick zu.

Er hob die Schultern. „Also gut, jemand so Unfähiges wie Casey, der nicht mal sein eigenes Scheckheft im Griff hat.“

Seine Frau machte ein finsteres Gesicht. Ich knirschte nur mit den Zähnen. Manchmal wünschte ich mir, Roger würde mir nicht genügend vertrauen, um die Fassade des makellosen Gentleman fallenzulassen, die er in der Öffentlichkeit präsentierte. Die war zwar nur vorgetäuscht, aber eindeutig weniger irritierend.

„Schauen Sie“, sagte ich. „Ich muss mit Jesse reden. Ein Gefühl für ihn entwickeln. Herausfinden, ob er weiß, was zur Hölle er tut. Wie kann ich mit ihm Kontakt aufnehmen?“

„SoCal tonight macht morgen ein Interview mit Jesse bei ihm zu Hause.“ Roger zog eine Visitenkarte aus seiner Brieftasche und ließ sie über den Tisch gleiten. „Das ist seine Adresse. Ich sage ihm Bescheid, dass Sie nach dem Interview mit ihm reden wollen.“

„Was? Sie haben schon Interviews für ihn ausgemacht? Ehe Sie mich in die Sache einbezogen haben?“ Das war genau das, was ich brauchte: dass dieser Idiot seinen Wahlkampf im Fernsehen versemmelte, ehe ich auch nur die Chance hatte, ihm zu sagen, wie man sich nicht ins Knie schießt. Oder sich das Maul verbrennt.

Roger schmunzelte und hob die Hände. „Ich werde die Befehlskette nicht noch einmal umgehen, mein Junge. Versprochen.“

Ich konnte nicht darüber lachen. Ich nahm die Karte und zwang mich, beim Anblick der Adresse in Malibu nicht das Gesicht zu verziehen. Einem verwöhnten reichen Knaben zur Wahl verhelfen? O ja, das würde ein Riesenspaß werden. Während ich die Karte unter mein Feuerzeug schob, damit der Wind sie nicht davonwehte, sagte ich: „Worum geht es bei dem Interview?“

„Er ist der erste Cameron in vier Generationen, der es bis zu seinem fünften Hochzeitstag schafft, ohne in irgendeinen Boulevard-Skandal verwickelt zu sein.“ Roger grinste. „Als SoCal sich einverstanden erklärt hat, ihn zu seiner Ehe mit Simone zu interviewen, waren wir deshalb der Meinung, das wäre ein wunderbarer Zeitpunkt für ihn, seine Kandidatur öffentlich zu machen.“

Ich stützte den Ellbogen auf den Tisch und kniff mir in den Nasenrücken. „Roger. Mein Gott.“ Meine Hand fiel heftig genug auf den Tisch, um sowohl mein Feuerzeug als auch die Gläser klirren zu lassen. „Ich meine es ernst. Wenn Sie wollen, dass ich diesen Wahlkampf durchziehe, muss ich jede seiner Bewegungen kennen, bevor er sie überhaupt macht, insbesondere wenn es sich dabei um Bewegungen vor laufenden Fernsehkameras handelt.“

Er lächelte gänzlich unbeeindruckt. „Na gut. Das Interview wird erst in drei Wochen gesendet. Am selben Tag, da das SoCal-Magazin mit meinem Neffen und seiner lächelnden Frau auf dem Cover erscheint.“

Ich stöhnte auf.

„Hören Sie mal, Anthony.“ Roger lehnte sich zurück und faltete die Hände im Schoß. „Die Familie Cameron ist berüchtigt für Ehen, die sich größtenteils in der Klatschpresse abspielen. Dieser Artikel und das Fernsehinterview geben der Öffentlichkeit einen ersten Hinweis darauf, dass Jesse anders ist als seine Eltern oder seine Geschwister oder seine Großeltern.“

Ich hob eine Augenbraue. „Oder sein Onkel?“

Janet kicherte. Wenigstens sie fand es amüsant, die vierte Mrs. Roger Cameron zu sein.

Ihr Mann lachte trocken, aber er nickte leicht. „Oder sein Onkel. Sehen Sie mal, Jesse wird in diesem Interview nicht über politische Themen sprechen. Er wird erklären, dass er kandidieren will, und alle weiteren Fragen auf eine Pressekonferenz verschieben.“

Ich erschauderte. „Die Pressekonferenz haben Sie auch schon vereinbart, was?“

Er nickte.

„Am selben Tag, da die Zeitschrift erscheint und das Interview ausgestrahlt wird, richtig?“

Ein weiteres Nicken.

Ich stieß die Luft aus. Na gut, das gab mir wenigstens ein bisschen Zeit, um zu verhindern, dass Jesse sich den Mund verbrannte. „Alles klar, Roger. Ich treffe ihn vor dem Interview, und ich stimme vorläufig zu, diesen Wahlkampf durchzuführen.“

„Vorläufig?“ Sein Stirnrunzeln machte deutlich, dass er mit dieser Antwort alles andere als glücklich war.

„Sie und er haben voreilig gehandelt und ihn bereits in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt. Ich mache einen Wahlkampf, aber ich werde niemanden wieder zum Leben erwecken, der schon irreparabel verkorkst ist. Und ich muss ihn kennenlernen, um sicherzugehen, dass er weiß, worauf er sich einlässt, dass er dafür bereit ist und dass er so viel Chancen zu gewinnen hat wie ein Liberaler in Utah, bevor ich die Zeit und die Energie investiere, die nötig sind, um ein neues Gesicht in ein politisches Amt zu befördern.“

Er sah mich lange schweigend an. Dann nickte er ein Mal und streckte die Hand über den Tisch. „Klingt nach einem Plan, mein Junge.“

Ich stand auf, langte über meine Zigaretten und den Drink hinweg und schüttelte ihm die Hand.

Und als Roger dieses Alles-geritzt-Grinsen aufsetzte, fragte ich mich, wo zum Teufel ich mich da reingeritten hatte.

***

Ach, Malibu. Heimat der Reichen, der Privilegierten und der Unpolitischen. Mein absoluter Lieblingsort auf der ganzen Erde.

Ich fuhr an riesigen Häusern und makellosen Vorgärten vorbei. Nicht ein Blatt oder ein Dachziegel war hier in Unordnung. Immerhin bezahlte hier jeder – wenn man das so nennen konnte – mexikanische Einwanderer dafür, dass sie die gesamte Drecksarbeit übernahmen. Gartenpflege, Haushalt und das Großziehen der Kinder, die man sich für Weihnachtskartenfotos angeschafft hatte.

Dieser Gedanke ließ den Knoten in meinem Magen ein bisschen enger werden. Jede einzelne Person auf Jesses Gehaltsliste sollte tunlichst eine Aufenthalts- und eine Arbeitsgenehmigung haben, sonst musste er alleine klarkommen. Ich würde keinen Wahlkampf übernehmen, der an einem Skandal um illegale Einwanderung scheiterte, und ganz sicher riss ich mich nicht darum, einem Typen zur Wahl zu verhelfen, wenn er die Armen ausbeutete.

Ich erreichte das Ende der Straße mit der Adresse auf der Karte, die Roger mir gegeben hatte. Er hatte mir auch einen fünfstelligen Zahlencode gegeben, den ich jetzt in die Tastatur eintippte. Das schwarze Eisentor setzte sich stöhnend in Bewegung und glitt zur Seite, sodass ich meine Fahrt fortsetzen konnte.

Das Haus war keiner dieser gewaltigen Paläste, an die ich in dieser Gegend gewohnt war. Es war auch nicht unbedingt klein, aber es befand sich näher am bescheidenen Ende des Spektrums, als ich erwartet hatte. Stuck natürlich, auch wenn es in einem ungewöhnlichen Braun mit rostfarbenen Schmuckelementen gestrichen war. Robuste Wüstengewächse säumten die gewundene Auffahrt und umgaben den hellen steinernen Brunnen, der den Mittelpunkt der Wendeschleife vor dem Haus bildete.

Mehrere Autos und ein weißer Lieferwagen parkten auf einer Seite der Wendeschleife. Produktionsleiter und Crew von SoCal Tonight, nahm ich an. Alle Fahrzeuge, die Jesse oder seiner Frau gehörten, befanden sich zweifellos hinter den vier Toren der Garage. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass jemand seiner Position etwas so Gewöhnliches besaß wie die Durchschnittsautos oder den schlichten Lieferwagen, die hier in der Auffahrt standen.

Ich parkte hinter einer staubigen blauen Limousine. Dann folgte ich dem steinernen Gehweg, der sich durch einen Kaktusgarten zur Vordertür wand.

Ich atmete tief durch und drückte auf den Klingelknopf.

Wird schon schiefgehen.

Rasche, feste Schritte näherten sich auf etwas, das ein Steinfußboden sein musste, und als die Tür sich öffnete, begrüßte mich eine hübsche, schwarzhaarige, dunkelhäutige Frau. Inderin, wie ihre Erscheinung vermuten ließ. Sie war lässig gekleidet, bewegte sich aber, als trüge sie einen Power Suit, und sie stellte jenen zwinkerfreien Augenkontakt her, mit dem ich normalerweise die Leute erschrecke.

„Sie müssen Anthony sein.“ Als sie die Hand ausstreckte, durchbrach das Klirren ihrer silbernen Armreifen die Stille der Eingangshalle. „Jesses Onkel hat gesagt, dass Sie kommen.“

Ich räusperte mich und schüttelte ihr die Hand, wobei ich ihren festen Händedruck bemerkte. „Ja, Anthony Hunter. Und Sie sind …?“

„Ranya. Ich bin Jesses Assistentin.“

„Ranya. Haben Sie auch einen Nachnamen?“

„Ja.“ Sie ließ meine Hand los und bedeutete mir einzutreten. „Die meisten Leute ziehen sich allerdings eine Muskelzerrung zu beim Versuch, ihn auszusprechen, also nennen Sie mich einfach Ranya.“

Ich lachte und folgte ihr hinein. „Und Sie sind seine Assistentin? Also kann ich darauf zählen, dass Sie ihn auf Linie halten?“

„Na ja, ganz so weit würde ich nicht gehen“, erwiderte sie mit der Andeutung eines verschwörerischen Kicherns in der Stimme. „Aber ich sorge dafür, dass er immer pünktlich überall hinkommt.“

Ich schmunzelte. „Dann werden Sie und ich bestimmt prima miteinander auskommen.“

Ranya schloss die Tür hinter uns. „Das hoffe ich, im Interesse von Jesses Gesundheit.“ Erneut klirrten ihre Armbänder, als sie den Flur hinunterzeigte. „Da lang. Sie sind auf der hinteren Terrasse.“

Sie ging los, und ich folgte ihr. Ihre hohen Absätze klickten bei jedem Schritt energisch, und der Klang hallte in dem riesigen Flur wider. Sie war keine graue Maus, diese Frau, und ich mochte sie auf Anhieb. Sie strahlte Vertrauenswürdigkeit aus, so als habe sie einen wachen Verstand und lasse sich von niemandem etwas vormachen. Nicht von mir, nicht von Jesse, von niemandem. Im Zusammenhang mit einem Wahlkampf war eine persönliche Assistentin wie sie ein wahres Gottesgeschenk.

Auf dem Weg durch den Flur fragte ich: „Hat das Interview schon stattgefunden?“

„Nein, noch nicht.“ Sie schaute über die Schulter. „Das Fotoshooting sollte gleich vorüber sein, und dann machen sie das Interview im Wohnzimmer.“

„Gut.“ Dann hätte ich wenigstens eine Chance, noch vor der Journalistin mit ihm zu sprechen.

Ranya führte mich durch das Wohnzimmer, das bereits voller Menschen und Filmausrüstung war, zu den Glastüren, die nach draußen auf die große Terrasse führten. Während sie nach der Tür griff, hielt sie inne. Sie zog ein leise zirpendes Handy aus der Tasche und warf mir einen entschuldigenden Blick zu. „Da muss ich kurz rangehen. Macht es Ihnen etwas aus?“

„Aber nein.“

Sie lächelte und machte einen Schritt zur Seite, um ungestört telefonieren zu können, während ich hinaus auf die Terrasse ging.

Scheinwerfer, Kameraausrüstung und ungefähr ein halbes Dutzend Personen umgaben die Gartenmöbel, auf denen Jesse mit seiner Frau auf dem Schoß saß.

Seit meinem gestrigen Gespräch mit Roger hatte es in mir gebrodelt, aber nun, in Jesses Gegenwart, holte die Realität mich rasch ein. Mit dem sollte ich einen Wahlkampf durchziehen? Mit diesem abgewrackten Exschauspieler und Möchtegern-Anwalt, der hinter einem Haus in Scheiß-Malibu für die Kameras seine Ehetrophäe knutschte?

Ich knirschte mit den Zähnen, zwang mich jedoch zu einem neutralen Gesichtsausdruck. Es hatte ja keinen Sinn, ihn nervös zu machen und die gesamte Atmosphäre des „Schaut nur, wie glücklich meine Frau und ich sind“ kaputtzumachen. Jesses Gegenkandidat war berüchtigt für seinen Frauenverschleiß und eine Reihe gescheiterter Ehen. Jeder Kandidat, der jemals gegen ihn antrat, würde daraus seinen Vorteil ziehen wollen, und ich hatte keinen Zweifel, dass Roger Jesse geraten hatte, dieses Interview im selben Sinne für sich zu nutzen.

Ich blieb im Hintergrund des Aufnahmeteams und des Equipments und beobachtete das Ganze aus sicherer Entfernung. Trotz meines Unbehagens bei dieser Situation musste ich zugeben, dass die beiden wirklich ein Bilderbuchpaar waren. Simone Lancaster war ein Ex-Model und eine zweifache Oscar-Gewinnerin, und beides sah man ihr an. Sie war groß. Schlank. Makellos. Wenn der sanfte Wind, der vom Meer hereinwehte, mit ihren langen Haaren spielte, behielt sie immer noch ihr perfektes Aussehen, als ob jedes einzelne Haar, mit dem die Brise spielte, genau für diesen Zweck vorgesehen sei. Jetzt, in Jeans und einer schlichten gelben Bluse, sah sie genauso umwerfend aus wie auf dem roten Teppich oder auf der Leinwand. Ich war hundertprozentig und unerschütterlich schwul, aber ich konnte durchaus verstehen, warum unzählige Männer sie anbeteten.

Aber ihr Mann. Heilige Scheiße. Die Camerons waren eine gesegnete Familie, was gutes Aussehen und stilles Charisma angeht, und Jesse hatte beides in rauen Mengen geerbt, ganz zu schweigen von dem beachtlichen Vermächtnis seiner verstorbenen Mutter. In seinen jüngeren Jahren hatte er eine lange, sonnengebleichte, „Scheiß-drauf“-Surfermähne oder irgendetwas Wildes getragen, aber jetzt war seine Frisur kurz, dunkel und ordentlich gekämmt. Selbst aus dieser Entfernung war deutlich, dass die Zeitschriften in den vergangenen Jahren seine Fotos nicht bearbeitet hatten: Seine Augen waren wirklich so blau.

Es war nicht so, als hätte ich ihn nicht schon auf Bildern oder im Fernsehen gesehen, und ich war ihm in der Vergangenheit einmal ganz kurz begegnet, aber jetzt, selbst aus der Distanz, war er nahezu entwaffnend. Er hatte eine spielerische, jungenhafte Ausstrahlung, er lachte wie ein Kind, wenn seine Frau irgendeinen Witz machte, den nur die beiden hörten. Aber schon im nächsten Moment, wenn er zu ihr hochblickte und ihr eine Strähne ihres perfekt verwuschelten Haares aus dem Gesicht strich, wandelte sich seine gesamte Aura zu intensiver Ruhe. Dann machte Simone noch eine Bemerkung, und die beiden brachen wieder in Gelächter aus. Es war nicht so, als wären sie untätig und würden die Reporter ignorieren – sie waren einfach entspannt und fühlten sich miteinander wohl. Mit der gesamten Situation.

Immerhin hatte er ein wenig Würde und Beherrschung. Das war mehr, als ich von seinen Brüdern oder seinem Vater sagen konnte. Nicht genug, um ihn mühelos die Wahl gewinnen zu lassen, aber es war ein ziemlich guter Anfang. Außerdem hatte er ein jungenhaftes Lächeln, das die Herzen der Wähler zum Schmelzen bringen würde. Okay, vielleicht war Roger mit dieser ganzen Fotosache auf dem richtigen Weg. Wenn die Wähler sahen, mit welcher Anbetung Jesse seine Frau ansah, würde der gesamte Staat Kalifornien kollektiv in Verzückung geraten. Vielleicht war ich einfach schon zu lange Single, aber ich hätte einen Mord begangen für einen Mann, der mich so anschaute, wie Jesse jetzt gerade Simone anschaute.

„Okay.“ Der Fotograf zog sich den Nackenriemen der Kamera über den Kopf. „Ich glaube, das genügt.“ Er reichte die Kamera seiner Assistentin.

Simone und Jesse atmeten beide auf. Sie lockerte ihre Schultern und stieg von seinem Schoß. Er stand auf und streckte sich, als habe er einen steifen Nacken, ehe er dem Fotografen die Hand reichte.

Das war meine Gelegenheit. Ich steuerte auf ihn zu und hoffte, ihn rechtzeitig abzufangen, um mich vorstellen zu können – und ihm vielleicht den einen oder anderen eindringlichen Rat vor dem Interview zu erteilen –, aber ein Mann im Anzug bahnte sich den Weg an mir vorbei und erreichte Jesse vor mir.

Verdammt.

„Bevor das Interview losgeht“, sagte ich, „könnte ich eine Minute mit Mr. Cameron sprechen?“

„Keine Zeit“, sagte der Mann kurz angebunden und scheuchte das glückliche Paar ins Haus. „Wir sind schon spät dran und müssen noch das Interview über die Bühne bringen.“

Jesse und ich wechselten einen Blick, während er halbwegs von mir weggezerrt wurde, und zum ersten Mal zeigten sich die Risse in seiner Oberfläche. Er hatte glatt und selbstbewusst gewirkt, wie er mit seiner Frau vor der Kamera gesessen hatte, aber jetzt? Jetzt zeigte sich seine Nervosität im Runzeln seiner Stirn und in den fest aufeinandergepressten Lippen.

Scheiße. Jetzt ging er nicht nur in das Interview, ohne mit mir gesprochen zu haben. Er war auch noch nervös.

Ich stieß den Atem aus, sah himmelwärts und bat die smoggetönten Wolken um genügend Gleichmut, dass niemand versagte, ehe der Tag vorüber war.

Dann folgte ich den anderen hinein.

Kapitel 2

Jesse

Nachdem der Fotograf mit uns fertig war, schob der Produzent Simone und mich ins Wohnzimmer, wo Francine, die Interviewerin, bereits alles vorbereitet hatte und auf uns wartete. Simone und ich klemmten uns Mikrofone an und sanken auf unsere riesengroße Couch. Wir saßen dicht beieinander, ich legte ihr den Arm um die Schultern.

Während die Crew die Scheinwerfer ausrichtete und mit dem Galgenmikrofon herumfuhrwerkte, kämpfte ich die Übelkeit nieder, die in meiner Kehle aufstieg. Diesen Teil unserer kleinen Scharade hatten wir überstanden. Jetzt mussten wir nur noch das Interview hinter uns bringen.

Das erste von vielen, Jesse. Stell dich darauf ein.

Aus dem Augenwinkel nahm ich eine Bewegung wahr, und als ich mich umdrehte, hätte es mich nicht überraschen sollen, Anthony Hunter gemeinsam mit Ranya im Hintergrund stehen zu sehen. Er stand da und beobachtete alles, ganz wie er es auch während der Fotoaufnahmen getan hatte, als erwarte er, dass alles nach seinen Anweisungen durchgeführt werde. Was das angeht, so war seine Haltung deutlich angespannter geworden, nachdem der Produzent seine Bitte um ein kurzes Gespräch mit mir vor dem Interview abgeschmettert hatte. Irgendetwas sagte mir, dass er an ein Nein nicht gewöhnt war.

Es war Jahre her, dass ich diesen Mann zuletzt gesehen hatte. Wir hatten uns nur flüchtig kennengelernt, und ich hatte ihm keine Aufmerksamkeit geschenkt, wenn ich wegen des Wahlkampfes bei meinem Onkel gewesen war. Jetzt fragte ich mich, wie ich ihn hatte übersehen können. Er hatte zweifellos eine unumgängliche Präsenz, an die ich mich von unseren vorherigen Begegnungen nicht erinnern konnte. Vielleicht hatte ich bis jetzt einfach nicht darauf geachtet, aber er war … intensiv.

Ich konnte nicht entscheiden, ob er in gereizter Stimmung war, sich woandershin wünschte oder einfach einer jener reservierten, pokergesichtigen Typen war, die anderen nur das von sich zeigen, was sie zeigen wollen.

Wie auch immer, er beunruhigte mich. Ich konnte ihn nicht durchschauen, aber ich war mir auf enervierende Weise sicher, dass er geradewegs in mich hineinblicken konnte.

O Gott, hoffentlich nicht. Das Letzte, was ich gebrauchen konnte, war, dass mein verdammter Kampagnenmanager herausbekam, wie sehr er mich einschüchterte und wie teuflisch attraktiv ich ihn zugleich fand. Seine Gesichtszüge waren ebenso scharf geschnitten und streng wie seine Gegenwart, und ich war mir nicht sicher, ob ich wissen wollte, wie es war, im Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit zu stehen, nicht mal für die Dauer eines Gesprächs. Es gab Leute, die anderen den Eindruck vermitteln konnten, der einzige Mensch auf der Welt zu sein. Ich hatte das komische Gefühl, dass Anthony Hunter anderen den Eindruck vermitteln konnte, der einzige Verdächtige auf der Welt zu sein.

Und das war also der Mann, der meinen Wahlkampf leiten würde. Ich hing irgendwo zwischen Verzückung und Verängstigung fest.

Aber die Welt drehte sich weiter, ich ließ mich zur Wahl aufstellen, und wenn ich gewinnen wollte, brauchte ich ihn, also …

„Okay!“ Francines quietschige Stimme schreckte mich in die Gegenwart zurück. „Können wir?“

Simone warf mir einen Blick zu. Ich nickte, und sie erwiderte der Interviewerin: „Wenn Sie soweit sind, wir sind es auch.“

Und im Handumdrehen liefen die Kameras, ganz egal wie sehr Anthony mich ablenkte.

„Also, Jesse und Simone.“ Francine setzte ein Lächeln auf. „Sie haben soeben Ihren fünften Hochzeitstag gefeiert. Sie beide lassen eine glückliche, solide Ehe so einfach aussehen. Verraten Sie uns Ihr Geheimnis?“

Ich wünschte mir, ich wäre überall außer hier, aber ich lächelte. „Ich mache einfach, was sie mir sagt.“

Meine Frau lachte. „Außer die Wäsche oder den Abwasch, stimmt’s?“

„Was?“ Ich spielte den Gekränkten. „Gestern habe ich doch das Geschirr gespült!“

Sie warf mir einen gespielt finsteren Blick zu. „Eine Kaffeetasse zu spülen zählt nicht als Abwasch.“

Mit einem melodramatischen Seufzer verdrehte ich die Augen. „Jawohl, Liebling.“

Francine lachte. Sie machte weiter mit den üblichen banalen Fragen über das Eheleben, unsere Beziehung, unsere beruflichen Laufbahnen, unsere Familie. Weiß der Himmel, welche tiefsinnigen, zitierfähigen Antworten sie darauf erhoffte. Zumindest hatten Simone und ich dieses Interview während der vergangenen Woche jeden Abend voller Nervosität geübt und uns Antworten auf alle Fragen ausgedacht, die wir uns nur vorstellen konnten, damit keine davon uns überraschen sollte. Deshalb gab es kein Stammeln und kein Räuspern, während wir Alibis und Titelstorys improvisierten.

Francine blätterte in ihren Notizen. „Also, Ihre Ehe war ja nicht ohne Hindernisse.“

Mein Magen verkrampfte sich. Jetzt kommt’s …

Sie fuhr fort. „Simone, in den Zeitungen wurde mehrmals über Ihre Essstörung berichtet. Inwiefern hat sich das auf Ihre Ehe ausgewirkt?“

Unter meinem Arm wurden die Schultern meiner Frau hart wie Stahl. Ich drückte sie sanft.

Simone hustete lautlos, dann gelang ihr ein Lächeln, das wahrscheinlich für jeden außer für mich mühelos wirkte. „Es war schwierig, aber welche Ehe ist das nicht?“ Sie sah mich an. Ihr Lächeln wurde noch breiter, als habe ein Regisseur ihr gesagt, sie solle noch glücklicher aussehen, und gleichzeitig hoben sich ihre Augenbrauen zu einem unausgesprochenen Hilf mir hier raus.

Ich hob die Hand und schob ihr eine Haarsträhne hinter das Ohr. Indem ich sie immer noch anschaute, sagte ich zu den Kameras: „Wir gehen damit um wie mit allem anderen auch. Immer eins nach dem anderen.“ Ich wandte mich Francine und der Kamera zu, die ihr über die Schulter linste. „Wenn man jemanden heiratet, trägt man seine Last genau wie die eigene.“

Simone entspannte sich neben mir, wobei die Veränderung ihrer Haltung so minimal war, dass sie außer mir wohl niemandem auffiel, und ich strich ihr zur Unterstützung über den Arm. Das war nicht das erste Mal, dass einer von uns wegen ihrer Erkrankung in die Mangel genommen wurde, und wir hatten beide damit gerechnet, dass auch diesmal die Rede darauf kommen würde. Alles für ein bisschen Dramatik und Sensationsgier.

Glücklicherweise ließ Francine das Thema fallen. Offenbar hatte sie die O-Töne, die sie wollte, deshalb machte sie weiter.

„Sagen Sie mal“, sie verschränkte die Finger um ihr Knie herum, „stimmt das Gerücht, Jesse, dass Sie ein politisches Amt in Erwägung ziehen?“

Am Rande meines Blickfelds verlagerte Anthony das Gewicht von einem Bein aufs andere. Obwohl ich ihn nicht direkt sehen konnte, ließ die Spannung in seiner Körperhaltung mir die Härchen im Nacken zu Berge stehen. Ich schluckte schwer und versuchte, ihn nicht anzuschauen. „Ja. Ja, das Gerücht ist richtig.“

Ihre bleistiftdünnen Augenbrauen wanderten ihre mit Make-up zugekleisterte Stirn hoch. „Würden Sie das vielleicht noch ein bisschen ausführen?“

Anthony bewegte sich nicht. Die Härchen in meinem Nacken blieben aufgerichtet.

Ich atmete ein. „Es besteht …“ Ich konnte nicht widerstehen, meinen Blick für einen Sekundenbruchteil auf Anthony zu richten, ließ ihn aber sofort wieder zu der neugierigen Reporterin zurückkehren. „Es besteht die sehr große Wahrscheinlichkeit, dass ich für das Amt des Gouverneurs von Kalifornien kandidiere.“

Francine blinzelte und wich leicht zurück. „Tatsächlich?“

„Ja.“ Warum hatte ich plötzlich so einen trockenen Mund? „Für den Fünfzehnten ist eine Pressekonferenz angesetzt, und dann werde ich alle Fragen zur Wahl beantworten.“

„Und Sie, Simone?“, fragte Francine. „Wie finden Sie es, möglicherweise die First Lady Kaliforniens zu werden?“

Simone zwang sich zu einem weiteren festen Lächeln, was sie vermutlich noch mehr Mühe kostete als ihr neutraler Gesichtsausdruck bei der Frage nach der Essstörung. „Ich freue mich darauf.“ Sie legte mir die Hand aufs Knie und drückte es. Ich wandte mich ihr zu, erwiderte ihr Lächeln und streichelte zärtlich ihr Haar, nur um die Kameras daran zu erinnern, wie glücklich wir verheiratet waren. Verdammt, vielleicht war diese Seite der Politik, das Lügen mit einem Lächeln, doch genau das Richtige für mich.

Das Interview war endlich im Kasten, und Simone scheuchte mich in die Küche, während sie die Produzenten und die Crew zur Tür begleitete. Ich war ihr dafür wirklich dankbar. Sie musste gemerkt haben, dass ich ziemlich mit den Nerven am Ende war. Das Interview wäre leichter gewesen, wenn wir nicht zuvor schon das Fotoshooting gehabt hätten. Bis Simone und ich uns endlich auf die Couch gesetzt hatten, um uns durch unser gut geprobtes kleines Schauspiel zu lächeln, hatten wir bereits eine halbe Stunde oder länger damit zugebracht, die Zuneigung zu simulieren, die von den Kameras gewünscht wurde. Die ganze Angelegenheit hatte mir Übelkeit verursacht, und dann auch noch für die anderen Kameras lächeln zu müssen, hatte mir ein ungewollt tiefes Verständnis für die Redewendung „der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt“ verschafft.

Und das ist erst der Anfang. Ich schloss die Augen und massierte mir einen Phantomkopfschmerz aus den Schläfen.

„Er ist hier drin.“ Ranyas Stimme ging den Schritten voraus, die sich der Küche näherten, und in meinem Nacken begann es schon wieder zu kribbeln, einen Sekundenbruchteil ehe sie hinzufügte: „Jesse, hier ist Anthony Hunter für Sie.“

Ich atmete aus, setzte das auf, was einem erfreuten Gesichtsausdruck im Rahmen meiner verbliebenen Möglichkeiten am nächsten kam, und drehte mich um.

Oh. Verdammt.

Der Mann war umwerfend. Kein Zweifel. Er hatte nicht diese makellose, rückgratlose Perfektion, wie sie im Showbusiness oder in der kalifornischen High Society verlangt wurde. Stattdessen sah er aus wie ein Mann, der hart gearbeitet hat, und er trug jedes sichtbare Zeichen seiner Müdigkeit und Erschöpfung mit Stolz. Ich schätzte ihn auf Ende dreißig, vielleicht Anfang vierzig. Jedenfalls wahrscheinlich ein paar Jahre älter als ich. Ein paar graue Haare durchzogen seine Schläfen wie dünne, scharfe Rautenzeichen. Sie erinnerten mich an die Kerben auf einem Gewehrlauf oder die Silhouetten feindlicher Flugzeuge auf dem Tank des Fliegers, der sie abgeschossen hat, wie eine Strichliste aller Personen, die er jemals mit einem einzigen Blick auseinandergenommen hatte.

Aus der Nähe war seine schiere Intensität noch stärker. Seine dunklen Augen bohrten sich ohne Ablenkung in mich hinein – durch mich hindurch –, und sein Kiefer war so fest wie seine breiten Schultern. Wir hatten ungefähr dieselbe Größe, aber ich konnte das Gefühl nicht loswerden, dass ich zu ihm aufschaute. Oder, um genauer zu sein, dass er auf mich herabsah. Alter Schwede, ich hatte Hollywood-Magnaten getroffen und amtierenden Präsidenten die Hand geschüttelt, und ich hatte kaum mit der Wimper gezuckt. Dieser Typ hier sorgte dafür, dass mir beinahe die Knie einknickten.

Ich räusperte mich und streckte ihm die Hand hin. „Anthony, schön, Sie wiederzusehen.“

„Finde ich auch.“ Er schüttelte mir kurz die Hand. „Also, ich will Sie nicht lange aufhalten, aber wir müssen über Ihre Kandidatur sprechen.“ Eiszapfen hingen an jedem Wort, und ich fragte mich, wie fest mein Onkel den Arm dieses Typen gequetscht hatte, um ihn an Bord zu kriegen.

„Ja. Klar.“ Ich deutete auf die Glastür an einer Seite der Küche. „Wollen wir rausgehen auf die Terrasse?“

„Gut.“ Er lächelte steif. „Stört es Sie, wenn ich da draußen rauche?“

„Nein, bitte. Auf dem Tisch steht ein Aschenbecher. Möchten Sie etwas trinken?“ Mein Kopf war leer, ich hatte vorübergehend die Namen sämtlicher Getränke in diesem verdammten Haus vergessen, aber ich fing mich wieder. „Kaffee? Wein? Eistee?“

„Eistee wäre schön, danke.“

„Ich kümmere mich darum“, sagte Ranya.

„Danke“, antwortete ich. „Wir kommen hier zurecht, also, wenn du damit fertig bist, mach Schluss und nimm dir den Rest des Abends frei.“

Sie lächelte. „Klingt gut. Anthony, ich bringe Sie nach draußen, und dann hole ich Ihnen zwei Drinks.“

Sie begleitete Anthony auf die Terrasse, und als er außer Hörweite war, lehnte ich mich an die Küchentheke und massierte mit beiden Händen meinen Nacken.

Leise Schritte näherten sich von nebenan.

„Alles in Ordnung?“ Simone berührte meinen Arm.

Immer noch meinen Nacken reibend, atmete ich aus. „Ich glaube, ich werde krank.“

„Ist es so schlimm, mit mir zu posieren?“

Ich sah sie an, und wir lachten beide halbherzig.

„Du weißt schon, was ich meine“, sagte ich.

„Ja, ich weiß.“ Sie seufzte. „Wenn wir das nie wieder machen müssten, wäre es auch nicht gut.“

„Hm, ja.“ Ich blickte düster drein. „Ich glaube nicht, dass es das letzte Mal war.“

„Man wird ja wohl mal träumen dürfen.“

Ich stieß die Luft aus. „Es tut mir leid, Simone.“

„Braucht es nicht“, flüsterte sie. „Roger hat Recht. Wir müssen das machen, und es ist ja nicht für immer.“ Ehe ich antworten konnte, schaute sie hinaus auf die Terrasse und grinste. „Wo wir gerade davon sprechen: Dein Onkel hat ja einen ganz schönen Hingucker ausgesucht, um deinen Wahlkampf zu organisieren.“

„Erinner’ mich nicht dran“, murmelte ich.

„Versprich mir wenigstens, dass du ihm schöne Augen machst, wenn du da draußen bist.“

Ich starrte sie an.

Simone lachte und drückte meinen Arm. „Entspann dich einfach und sprich mit ihm.“

„Ich spreche mit ihm, aber dieser erste Teil? Das werde ich wohl auf ein andermal verschieben müssen.“

Sie runzelte besorgt die Stirn, also lächelte ich, so gut ich das konnte bei der Übelkeit, die immer noch in meinem Magen rumorte.

Sie erwiderte es, und zum ersten Mal heute zeigte sich Müdigkeit in der Schwäche ihres Lächelns und in der Schwere ihrer Augenlider.

Ich hob den Kopf. „Geht’s dir gut?“

Sie senkte den Blick und verschränkte die Arme vor der Brust. „Alles bestens.“ Ihre Augen zuckten hoch, und sie warf mir einen Blick durch die Wimpern zu. „Und dir?“

„Gut. Mir geht’s gut.“

Wir hielten einander eine Weile mit Blicken fest, und etwas Schweres drückte in meinem Magen. Eine Schauspielerin und ein Politiker, und immer noch konnten wir nicht gut genug lügen, um einander von irgendetwas zu überzeugen. Sicher, sie hatte es geschafft, Kameras und Filmkritikern vorzumachen, dass sie jede Emotion selbst empfand, die sie auf der Leinwand darstellte. Vielleicht konnten wir gemeinsam die Wahlöffentlichkeit davon überzeugen, dass wir so glücklich verheiratet waren, wie wir vorgaben.

Sie räusperte sich und deutete über ihre Schulter zum vorderen Bereich des Hauses. „Ich … gehe ein bisschen raus.“

„Okay.“ Ich nickte in Richtung Terrasse. „Ich sollte wohl besser mit ihm reden.“

Mit einem etwas weniger gezwungenen Lächeln sagte sie: „Viel Glück.“

Ich lachte leise. „Danke.“

Sie umarmte mich sanft. Ich schloss die Augen und hielt sie eine Sekunde lang, wobei ich vorgab, nicht zu merken, dass sie sich in meinen Armen kleiner anfühlte als seit langem.

Gott, bitte, lass sie nicht schon wieder abnehmen.

Simone machte sich los, und als sie lächelte, machte ich mir weniger Sorgen darum, dass es sich nicht in ihren Augen widerspiegelte, als über die angedeutete Hagerkeit ihrer Wangen.

Ich strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Bist du sicher, dass du …“

„Mir geht’s gut.“ Sie hob eine Hand. „Das ist für uns beide ziemlich stressig, Jesse, aber mir geht es wirklich gut.“

Ich schluckte. „Okay. Bloß, wenn du nicht …“

„Ich weiß.“ Das Lächeln versuchte, ins Leben zurückzufinden. Sie nickte erneut in Richtung Terrasse. „Wie auch immer. Geh und sprich mit ihm. Ich bin in ein paar Stunden zurück.“

Es hatte keinen Sinn, mit ihr zu streiten, und ich musste immer noch mit Anthony reden, also ging sie, und ich trat nach draußen.

Auf der Terrasse saß Anthony in einem der Sessel am Tisch neben dem Pool, die Beine übereinandergeschlagen, und hielt ein Glas Eistee in der Hand wie einen Cognacschwenker. Er hatte den Blick auf das Meer weit unter uns gerichtet und ließ seine Augen nur ganz kurz in meine Richtung zucken, als ich näher kam.

Ein Zippo-Feuerzeug aus rostfreiem Stahl lag auf dem Tisch neben einer Schachtel Zigaretten, aber die Luft war sauber und rein. Selbst der Küstenwind hätte den Geruch von Rauch nicht so schnell wegwehen können, und der Aschenbecher war noch leer.

Ich setzte mich ihm gegenüber und nahm das Glas, das Ranya dort für mich hingestellt hatte. Die kondensierte Feuchtigkeit mischte sich mit dem Schweiß meiner Handflächen, und die kühle Flüssigkeit erinnerte mich nur daran, wie unangenehm nervös ich in Anthonys Gegenwart war.

„Ihre Assistentin, wird sie …“ Er hielt inne und runzelte leicht die Stirn. „Ranya? So heißt sie doch, oder?“

„Ranya, ja.“

„Arbeitet sie während der Kampagne weiter als Ihre Assistentin?“

Ich nickte.

„Gut. Sie scheint einen guten Überblick zu haben.“

Vielleicht war ich einfach nur paranoid und nervös, aber ich hätte schwören können, dass da ein unterschwelliger Sarkasmus in der Bemerkung lag. Ein unausgesprochenes Wenigstens einer hier. Nicht dass ich ihm hätte widersprechen können. Ranya hatte die Dinge im Griff wie keine Zweite.

Anthony griff nach der Camel-Schachtel und angelte eine Zigarette heraus. Er legte die Schachtel wieder hin, und ich konnte nicht umhin, seine Hände zu beobachten, während er die Zigarette zum Mund führte und das Feuerzeug aufnahm. Er hatte lange, schlanke Finger, wie ein Pianist, und jede Bewegung war kontrolliert und makellos. Kalkuliert. Er schirmte das Ende der Zigarette mit einer Hand ab und ließ mit der anderen das Feuerzeug aufschnippen. Das Klink ließ mich zusammenzucken. Es war nicht so, als hätte ich noch nie jemanden ein Zippo öffnen hören, aber in Anthonys Händen war die Bewegung irgendwie prononcierter, das Geräusch schärfer. Ich hätte schwören können, dass ich die Hitze der Flamme selbst von dort drüben spüren konnte, aber es war nur die Wärme, die in meine Wangen strömte.

Ich schluckte. Genau das, was ich brauchte. Dieser Kerl würde meinen Wahlkampf führen, und er konnte das Anzünden einer Zigarette zu einem einschüchternden Vorgang machen. Und zu einem faszinierenden. Und zu einem verstörenden.

Mit einem leisen metallischen Geräusch legte er das Feuerzeug wieder auf den Tisch und lehnte sich zurück. Während er inhalierte, musterte er mich intensiv. Für einen langen Augenblick rauchte er, während ich versuchte, meine Nerven zu bewahren. Selbst das Rauchen wirkte bei ihm berechnet und choreografiert, von den Schatten, die es unter seine betonten Wangenknochen legte, bis zu der Eleganz, mit der er die Zigarette sinken ließ, wenn er den Rauch ausblies. Er streifte die Asche am Aschenbecher ab, dann stützte er das Handgelenk auf die Tischkante.

„Ihr Onkel will, dass ich für Ihre Wahl sorge.“ Sein Ton war so gleichmäßig und gefasst wie seine Bewegungen, obwohl sich ein Hauch von Rauheit in seine ansonsten so sanfte Stimme gestohlen hatte.

Ich räusperte mich. „Ja, er hat mir gesagt, Sie wären der beste Wahlkampfmanager, den es gibt.“

Anthony ließ ein leises Lachen hören, das entweder arrogant oder selbstironisch sein konnte. Ich tippte auf das Erstere, besonders als er meinen Blick festhielt, während er die glimmende Zigarette wieder an die Lippen führte. „Warum sollte ich für Ihre Wahl sorgen, Jesse?“

„Äh … wie bitte?“

Das Ende der Zigarette glühte auf. Als es dunkler wurde, ließ er sie sinken, und obwohl er den Kopf leicht zur Seite drehte, um den Rauch auszuatmen, blieben seine Augen mit meinen fest verbunden. „Sie haben mich schon verstanden.“

„Ja. Ich weiß bloß nicht genau, was für eine Antwort Sie erwarten.“

„Das scheint mir doch ganz offensichtlich“, sagte er mit der Andeutung eines Schulterzuckens, und ich entschied, dass sein Lachen vorhin eindeutig arrogant gewesen war. „Warum sollte ich meinen Ruf riskieren, meinen Blutdruck hochjagen und alle meine wachen Stunden während der nächsten paar Monate in Ihre Wahl stecken?“ Er drückte die Zigarette aus und griff nach dem Feuerzeug. Zurückgelehnt in seinen Sessel drehte er das Zippo abwesend zwischen den Fingern. „Ich muss die Wähler überzeugen, für Sie als ihren Gouverneur zu stimmen, was bedeutet, dass Sie mich überzeugen müssen, diese Mühe auf mich zu nehmen.“ Seine Augenbrauen hoben sich kaum wahrnehmbar.

O Gott. Ich hatte als Schauspieler versagt, und das aus mehreren Gründen, aber Lampenfieber war keiner davon. Jetzt, während ich Anthony gegenübersaß, war ich ungefähr so wortgewandt wie ein Kind, das eine Minute zu spät herausgefunden hat, dass es nicht bereit ist, die Hauptrolle in der Schulaufführung zu spielen.

Aber ich brauchte seine Hilfe, und er sah mich immer noch so an, also musste ich eine Antwort liefern und herausfinden, wie zur Hölle ich wieder sprechen konnte.

„Warum Sie mir bei der Wahl helfen sollen? Also …“ Ich trank einen Schluck, um meinen trockenen Mund zu befeuchten. Statt ihn anzusehen, beobachtete ich mich selbst, wie ich das Glas absetzte. „Ich habe die Nase voll davon …“

Klink. Das Feuerzeug brachte mich erneut aus dem Konzept, und ich konnte nur mit Mühe einen Fluch darüber unterdrücken, dass ich wieder sichtbar zusammenzuckte. Jeder andere auf diesem Planeten konnte mit einem Zippo herumspielen, ohne dass es mir etwas ausmachte, und hier saß ich mit dem einen Mann, der diese Handlung so verstörend machte wie eine verdammte Blaskapelle.

Ich tat gelassen und kein bisschen nervös, lehnte mich in meinem Sessel zurück und sah ihn an. „Ich habe die Nase voll davon, wie die Regierung …“

Klink.

Sein Gesicht zeigte keinerlei Ausdruck, seine dunklen Augen bohrten sich in mich hinein, ohne mir einen Hinweis darauf zu geben, was in seinem Kopf vorging.

Ich atmete durch. „Die Regierung in diesem Bundesstaat ist …“

Klink.

Ich atmete abermals durch und knirschte mit den Zähnen.

„Sie ist …“

Klink.

Ich beäugte das Feuerzeug und dann ihn. „Fertig?“

Die Andeutung eines Lächelns erschien auf seinen Lippen, und er legte das Feuerzeug auf den Tisch. Als er die Hände im Schoß faltete, konnte ich den Gedanken nicht unterdrücken, dass ich gerade eine Art Test bestanden hatte, von dem ich nichts geahnt hatte.

„Fahren Sie fort.“ Sein Ton war jetzt sanfter als zuvor.

Ich zögerte, weil ich erwartete, dass er … irgendetwas tun würde. Irgendein anderes Ablenkungsmanöver. Irgendeine andere Art, mich in den Wahnsinn zu treiben. Aber er machte keine Bewegung. Er beobachtete mich eingehend und wartete darauf, dass ich meinen Gedankengang zu Ende brachte.

Ich hüstelte in meine Hand. „Also, wie ich Roger schon sagte, habe ich es satt, der Regierung beim Scheitern zuzusehen. Wir verschleudern Geld für Bullshit-Projekte, besteuern Menschen, die sich das nicht leisten können, und verschaffen anderen günstige Gelegenheiten, die es nicht nötig haben. Wir haben florierende Multimillionen-Dollar-Unternehmen, ohne dass mehr Steuereinnahmen zu verzeichnen sind, während die Schulen Lehrkräfte entlassen.“ Ich schüttelte den Kopf. „Das kann auf keinen Fall so weitergehen.“

Anthony nickte leicht. „Einverstanden. Aber warum nicht das Parlament?“ Er hob eine Schulter. „Stoßen Sie sich dort die Hörner ab. Machen Sie sich bekannt.“

„Wenn John Casey nicht anträte, wäre das eine Option.“

„Was die Frage aufwirft“, sagte er und hob eine Augenbraue, „warum um alles in der Welt ich Sie für einen erfolgversprechenderen Kandidaten halten sollte als John Casey? Oder, wenn wir schon dabei sind, für einen der anderen erfahrenen Politiker, gegen die Sie antreten.“

Ich verengte meine Augen. „Wollen Sie damit sagen, dass Sie Casey im Amt sehen wollen?“

„Ganz im Gegenteil. Ich will einen Gegenkandidaten, der mit Sicherheit dafür sorgt, dass dieser erbärmliche Sack den Posten nicht bekommt. Und deshalb muss ich sicherstellen, dass es sich lohnt, Sie zu unterstützen und nicht einen von diesen anderen Idioten.“

„Na ja, sie haben alle nachgewiesen, dass sie in politischen Ämtern versagen.“

„Und Sie haben überhaupt noch nichts nachgewiesen.“ Mit dem Mittelfinger drehte er das Feuerzeug auf dem Tisch. „Sicher kennen Sie den Spruch: Wer zwischen zwei Übeln wählen muss, nimmt lieber das bekannte.“

Allerdings, Mr. Hunter. Ziemlich passend im Moment.

„Sie kennen die Ansichten meines Onkels in dieser Sache, oder?“

„Sieht so aus.“

„Betrachten Sie die als die Kurzzusammenfassung meiner Überzeugungen“, sagte ich. „Zum größten Teil decken sich meine mit seinen.“

„Zum größten Teil?“ Wieder hob sich seine Augenbraue langsam, und noch nie hatte jemand mich mit einer so subtilen Geste dermaßen aus dem Konzept bringen können. „An welcher Stelle tun sie das denn nicht?“

Ich schluckte. „Bei den Rechten für Homosexuelle hauptsächlich. Er hat das Referendum gegen die gleichgeschlechtliche Ehe unterstützt. Ich habe dagegen gestimmt.“

Anthonys Haltung lockerte sich ein bisschen, aber er sagte nichts.

Abwesend zeichnete ich mit dem Daumen Linien auf mein beschlagenes Glas. „Ich unterstütze auch eine Gesetzesänderung, um die Opfer häuslicher Gewalt besser zu schützen.“

Zum ersten Mal flackerte etwas wie Überraschung über Anthonys Gesicht. Sein Rücken straffte sich leicht, und er warf seinen Kopf zurück, als wisse er nicht, was er von meiner Bemerkung halten solle. „Sprechen Sie weiter.“

Ich besaß sein Interesse und seine Aufmerksamkeit, und ich war nicht ganz sicher, ob mir das gefiel. Ich stützte mich auf die Armlehne und versuchte, entspannt auszusehen, während ich sagte: „Die Opfer werden nicht annähernd genügend geschützt. Ich hätte da gerne mehr Intervention durch eine Gesetzesverschärfung, bessere Ressourcen und Einrichtungen, finanzielle Hilfe für Opfer, die sonst ihre misshandelnden Partner nicht verlassen können.“

„Also mehr Schutz für verprügelte Frauen“, sagte er, mehr zu sich selbst als zu mir.

„Und Männer.“

„Und Männer“, murmelte er mit einem winzigen anerkennenden Nicken. Er schwieg lange Zeit und rieb sich mit Zeige- und Mittelfinger über den Kiefer. Endlich schaute er mich an, und sein Kinn bewegte sich in der Andeutung eines Nickens. „Na gut. Damit kann ich arbeiten.“

Etwas flatterte in meiner Brust, als würde die unterschwellige Anerkennung plötzlich seine arrogante Grobheit negieren.

„Aber eine Frage habe ich noch.“ Er richtete sich in seinem Sessel auf. „Warum genau wollen Sie als Parteiloser antreten?“

Ich betrachtete ihn einen Moment lang schweigend. „Ich nehme an, Sie wollen mir sagen, dass das ein Fehler ist und dass ich für die Demokraten antreten soll.“

Anthony lachte. „Sie begreifen schnell, was?“

Ich blickte finster.

„Schauen Sie mal.“ Sein Gesichtsausdruck wechselte von amüsiert zu streng, fast verärgert, und er beugte sich vor, wobei er die Ellbogen auf die Tischplatte stützte und seine Hände verschränkte. „Sie sind ein Unbekannter, Jesse. Sie sind ein Risiko für die kalifornische Bevölkerung. Ein riesengroßes Risiko. Sie sehen Ihren Namen, und sie bringen Sie in Verbindung mit Ihrem Onkel, was gut ist. Die Leute mögen Ihren Onkel. Sie sehen ein ,unabhängig‘ neben Ihrem Namen. Das macht sie nervös, und nervöse Wähler werden nicht für Sie stimmen.“

„Dann soll ich also für die Demokraten kandidieren, auch wenn nicht gar nicht wie ein Demokrat denke?“

„Denken Sie wie ein Republikaner?“

„Absolut nicht.“

„Dann denken Sie wie ein Demokrat.“ Sein Tonfall hatte eine gewisse Schärfe, die deutlich machte, dass er dieses Thema nicht zu diskutieren beabsichtigte. „Und deshalb treten Sie für die Demokraten an.“

Ich atmete aus und ließ meinen Blick zu dem träge sich kräuselnden Swimmingpool neben uns wandern. Das war also Politik. Vorgeben, das eine zu sein, damit jeder ganz sicher sein konnte, dass ich nicht das andere war. Spielchen. Scharaden. Spiegel. Nebel. Und ich hatte gedacht, ich hätte die Chance, ein ehrlicher Politiker zu sein.

Anthony klopfte mit dem Fingerknöchel auf den Tisch, was mich überraschte und meine Aufmerksamkeit wieder auf ihn lenkte. „Hören Sie mal, wollen Sie diese Wahl gewinnen? Dann machen Sie es so, wie ich es sage. Sie brauchen die Rückendeckung einer Partei, um ernst genommen zu werden und Stimmen zu bekommen. Scheiß auf Prinzipienreiterei, scheiß auf Anti-Überparteilichkeit. Sehen Sie der Sache ins Auge, mein Freund. Ohne Wahlkampfmanager werden Sie nicht gewählt, und dieser Wahlkampfmanager sagt Ihnen, dass Sie für die Demokraten antreten und nicht rumzicken.“

Ich war bereits ein glücklich verheirateter Heteromann. Warum nicht auch noch ein Demokrat, wo ich schon dabei war?

„Na gut. Dann eben für die Demokraten.“

„Wunderbar“, sagte er. „Nachdem das geklärt wäre, werden die Leute über Sie vermutlich geteilter Meinung sein. Für diejenigen, die von dem ganzen Bullshit genug haben, werden Sie ein frischer Wind sein, aber für die anderen sind Sie wieder mal ein Promi, der Politiker spielen will. Die Herausforderung besteht darin, die Ersteren nicht vom Haken zu lassen, während Sie die anderen überzeugen, dass Sie ein kompetenter Kandidat sind.“

„Wo dann Sie ins Spiel kommen?“

„Genau.“ Er lächelte. „Zu Ihrem Glück mag ich Herausforderungen.“

„Ja.“ Ich griff nach meinem Glas und wünschte mir, ich hätte etwas sehr, sehr Alkoholisches gewählt. „Zu meinem Glück.“

Kapitel 3

Anthony

Am darauf folgenden Nachmittag waren wir bei Roger, um die Einzelheiten von Jesses Kampagne zu besprechen. Roger und Jesse hatten auf Sesseln in dem riesigen Wohnzimmer Platz genommen, während ich auf der anderen Seite des wuchtigen Couchtisches auf dem Sofa saß. Die beiden betrachteten mich schweigend, Roger mit im Schoß verschränkten Händen und Jesse mit einem Eisteeglas zwischen den Fingern. Vor mir hatte ich einen Jahresplaner und siebenhundert weitere Papiere ausgebreitet.

Nachdem ich mir einen Überblick verschafft und alles sortiert hatte, nahm ich meinen eigenen Eistee von seinem Lederuntersetzer und trank einen Schluck. Dann setzte ich ihn wieder ab und sagte: „Die Debatten sind eine Woche nach der Pressekonferenz. Jesse, ich schlage vor, dass Sie Ihre gesamte Energie und Konzentration auf die Vorbereitung richten.“

Er zuckte zusammen, als ich ihn anschaute, als hätte er gedacht, ich hätte seine Anwesenheit ganz vergessen. Als ob das überhaupt vorstellbar wäre.

Doch er gewann schnell die Fassung zurück. „Was ist mit der Pressekonferenz selbst?“

Ich warf ihm einen scharfen Blick zu. „Wenn ich Sie frage, ob Sie darauf bereits gründlich vorbereitet sind, alles eingeübt haben und sich vollkommen bereit fühlen, gibt es nur eine richtige Antwort.“

Er rutschte in seinem Sessel herum und ließ die Augen zu seinem Onkel wandern. Dann nickte er. „Ja. Ich bin bereit.“

„Sicher?“

Noch ein Nicken.

Umso besser. Ich hatte keine Zeit, ihn abzufragen. „Von jetzt an bis zu den Debatten müssen wir Werbung machen. Print, Fernsehen, Radio, alles, was geht. Oder es wenigstens auf den Weg bringen. Das ist alles extrem kurzfristig für mich“ – ich warf Roger einen Blick zu –, „aber wir werden das schon hinkriegen.“

Rogers Finger trommelten auf die Armlehne seines Sessels. „Ich habe mit dem Werbeleiter gesprochen, der meine letzte Fernsehwerbekampagne durchgeführt hat. Er hat sein Team schon zusammen. Sie warten nur darauf, dass Sie ihnen die Inhalte mitteilen.“

Ich nickte. „Gut.“ Normalerweise hätte es mich gestört, wenn er voreilig ohne meine Zustimmung handelte, aber in diesem Fall war die Zeit knapp. Ich konnte eine übereilte Aktion verzeihen, wenn sie mir einen Werbeleiter und ein Team verschaffte.

„Was die Inhalte angeht“, sagte ich, „hat Casey immer eine aggressive Werbekampagne. Dieser Mann ist der König der Verleumdungsstrategien, also müssen wir frühzeitig mit Werbung loslegen, die ganz detailliert auf Jesses Qualifikationen eingeht. Also eine prophylaktische positive Wendung für alles, das Casey zu beschmutzen versuchen könnte. Er wird behaupten, Sie wären nur ein Schönling, also müssen wir betonen, dass Sie mehr sind als ein Schönling.“ Ich machte den Fehler, Jesse genau in diesem Moment anzusehen, und konnte kaum ein Erschauern unterdrücken. Mein Gott, du bist schön … Konzentrier dich, Hunter.

Ich schüttelte mich leicht und fuhr fort. „Berühmte Politiker sind für den Normalbürger nicht greifbar, weil sie über der Realität schweben. Gottähnlich. Wie auch immer. Die Öffentlichkeit glaubt, Sie stünden auf einer ganz anderen Ebene als sie selbst, und das ist politisch gesehen ein Nachteil, was bedeutet, dass Sie praktisch jeden wachen Augenblick dieses Wahlkampfes damit verbringen werden, unterwegs zu sein und Menschen zu begegnen. Wir müssen Sie mit möglichst vielen Wählern in Berührung bringen. Zeigen Sie ihnen, dass Sie auf ihrer Seite sind, auf ihrer Augenhöhe. Schütteln Sie so viele Hände und küssen Sie so viele Babys, wie Sie können.“ Ich grinste Jesse an. „Nehmen Sie reichlich Vitamin C und Echinacea, Junge, denn Sie werden sich so ziemlich jeden Schnupfen in Kalifornien holen, und Krankmeldungen gibt es bei dieser Sache nicht.“

Jesse hob die Schultern. „Ich habe das Juraexamen bestanden, während ich halb tot war vor Grippe. Ich krieg das schon hin.“

„Ja, prima, das …“ Ich hielt inne. „Moment mal, im Ernst?“

Er nickte. „Hätte wahrscheinlich bessere Noten bekommen, wenn ich auf allen acht Zylindern gelaufen wäre, aber …“ Er zuckte erneut mit den Schultern, und die Andeutung eines selbstgefälligen Lächelns formte sich auf seinen Lippen.

Ich griff nach meinem Getränk und nutzte diese Bewegung, um den Schauder zu verbergen, der mir eine Gänsehaut am Rücken verursachte. Hübsche Jungs allein konnten mir nicht gefährlich werden, aber hübsche Akademiker – diejenigen, die im Studium erfolgreich waren und es so verdammt einfach aussehen ließen – waren meine Achillesferse.

Ich nahm einen großen Schluck des nicht annähernd genügend kalten Eistees, und als ich das Glas wieder absetzte, räusperte ich mich erneut. „Also, wie auch immer. Was das Personal angeht, da habe ich ein paar Leute aus der letzten Kampagne Ihres Onkels. Sie arbeiten daran, das Wahlkampfbüro zu besetzen, und das nimmt seinen Betrieb am Morgen nach Ihrer Pressekonferenz auf. Wir haben bezahlte und freiwillige Helfer, sowohl mit uns auf Reisen als auch im Büro vor Ort.“ Ich ließ meinen Blick zu Jesse herüberwandern. „Sie haben ja schon an Wahlkampf-Events teilgenommen, aber Sie waren noch nie Kandidat, und Sie haben noch nie in einem Wahlkampfbüro gearbeitet. Da gibt es ein paar Sachen, die Sie wissen müssen.“

Jesse sagte nichts, sondern gab mir mit einem Nicken zu verstehen, dass ich fortfahren solle.