Beschreibung

Die spannende Fortsetzung der mehrfach ausgezeichneten Mystery-Serie "Darkside Park"! In dieser zweiten Edition findest du die nächsten sechs Folgen der Serie "Porterville" in einem Band: "Götterdämmerung" (Hendrik Buchna), "Die Chronistin des Bösen" (Anette Strohmeyer), "14 Sekunden" (Simon X. Rost), "Projekt Zero-Zero" (John Beckmann), "Der Hudson-Code" (Raimon Weber) und "Das Draußen" (Raimon Weber).

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EPUB

Seitenzahl: 408


PORTERVILLE

Edition II

Folgen 7-12

Hendrik Buchna

Anette Strohmeyer

Simon X. Rost

John Beckmann

Raimon Weber

- Originalausgabe -

1. Auflage 2013

ISBN 978-3-942261-57-9

Lektorat: Hendrik Buchna

Cover-Gestaltung: Ivar Leon Menger

Fotografie: iStockphoto

© Psychothriller GmbH

www.psychothriller.de

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der mechanischen, elektronischen oder fotografischen Vervielfältigung, der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, des Nachdrucks in Zeitschriften oder Zeitungen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung, der Vertonung als Hörbuch oder -spiel, oder der Dramatisierung, der Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen, Video oder Internet, auch einzelner Text- und Bildteile, sowie der Übersetzung in andere Sprachen.

Ein Buch zu schreiben, dauert Monate. Es zu kopieren, nur Sekunden. Bleiben Sie deshalb fair und verteilen Sie Ihre persönliche Ausgabe bitte nicht im Internet. Vielen Dank und natürlich viel Spaß beim Lesen! Ivar Leon Menger

Folge 7

„Götterdämmerung“

Hendrik Buchna

Prolog

„Ich fühle, wie ein Lächeln meine Lippen umspielt. Ich stehe wieder näher am Fenster und blicke hinunter auf die dunklen Straßen von Porterville. Die Stadt, die ich so sehr hasse … und doch so sehr liebe. Vom ersten Augenblick an hat sie mich in ihren Bann gezogen. Der schillernde Turm aus Kristall, die Trolle aus Stein, der grüne Kobold. Ich kichere, denn heute weiß ich, was es mit all den Dingen auf sich hat.“

Eleanor Dare-Sato

Porterville, Jahr 0048

- 1 -

Dreißig Sekunden nach dem Ereignis

Verstört irrlichtert Martin Preys Blick in der Crenlynn-Kammer umher, streift die erschütterte Madam Secretary und ihren kreidebleichen Mann Randolph, den blondmähnigen Football-Fan, dessen Zahnpasta-Lächeln einer Grimasse des Schreckens gewichen ist, meinen Leibwächter Clark, der jetzt mitten in der Bewegung erstarrt und vom bluttriefenden Attentäter ablässt, und richtet sich schließlich auf mich. Seine bebende Stimme ist von Angst und Fassungslosigkeit verzerrt.

„Ich verstehe nicht. Wo … wo sind wir?“

Törichter Narr. Nicht das Wo ist es, das alle bis ins Mark erschüttert, sondern das Wann …

Auch meine Selbstbeherrschung erlischt wie eine Kerze im Sturmwind, als mir die brachiale Tragweite der vier digitalen Ziffern auf der Datums-Anzeige bewusst wird:

1584

„Transfer beendet“, verkündet die Computerstimme aus den beiden Lautsprechern, und mit einem hellen Piepton schaltet sich der Außenmonitor wieder ein.

Doch da draußen ist … nichts.

Nichts außer dichten, weißen Schwaden.

Keine Welt. Kein Sein.

Nur Nebel.

„Oh, mein Gott …“

Es waren meine Lippen, die diesen Satz formten, doch sie erscheinen mir fremd und fern.

Es gibt kein Vokabular, das dieser Katastrophe gerecht werden könnte. Jeder Begriff, jeder Versuch einer Bezeichnung muss im Angesicht allumfassender Endgültigkeit in sich zusammenfallen.

Ein Käfer kann den Mond vom Himmel stürzen sehen, doch er vermag es nicht in Worte zu fassen.

Genauso fühle ich mich in diesem Augenblick. Jeder Sprache beraubt.

Und dennoch existiert in der Terminologie unserer Wissenschaftler ein unscheinbares Akronym, das dem Unfassbaren, dem Undenkbaren einen Namen verleiht: LIT

Lost in time

- 2 -

Eine Minute nach dem Ereignis

Verloren in der Zeit.

Gestrandet in einer Vergangenheit, aus der es keine Rückkehr mehr gibt.

Selbst wer nur vage mit den Einzelheiten unserer Historie vertraut ist, wird ein bestimmtes Datum nie aus dem Gedächtnis verlieren, weil es mit der Muttermilch aufgesogen wurde:

25. Mai 1727

An jenem Tag, 150 Jahre vor der glorreichen Gründung von Porterville, nahm inmitten eines ausgedehnten Waldgebiets von Maryland die unterirdische Retro-Basis ihre Arbeit auf und löste damit die riskante Praxis der singulären ‚Chrono Jumps‘ ab. Es war die Geburtsstunde der Crenlynn-Kammer, die seither für bis zu dreißig Personen gleichzeitig einen fest fixierten, sicheren Transfer zwischen Zukunft und Vergangenheit ermöglicht. Ein Zeittunnel, der klaren Gesetzmäßigkeiten und unumstößlichen Konstanten unterliegt. Die ersten beiden Regeln sind gleichzeitig die wichtigsten:

Der Ursprung markiert die Grenze.

Die Grenze darf nicht überschritten werden.

Wer bei einem Zeitsprung über diesen Punkt, den 25. Mai 1727, dennoch hinaustritt, kehrt nicht mehr zurück.

Der Grund ist denkbar einfach: Die Crenlynn-Kammer benötigt an beiden Enden des Tunnels eine Basis, deren Technik den Transfer erst ermöglicht. Wird die Kammer infolge eines Unfalls oder menschlichen Versagens in eine Zeit vor Errichtung der Basis geschleudert, ist sie unrettbar verloren. Ohne auffangenden Hafen, den Timeport, gäbe es keinerlei Möglichkeit, ihre Ankunft zu koordinieren. Die Crenlynn-Kammer würde wie ein riesiger Metallsarg aus dem Zeittunnel gespuckt werden und mitten im Nirgendwo der endlosen Wälder einschlagen.

Aufgrund des vollständigen Verbindungs- und somit auch Daten-Abbruchs hätten unsere Spezialisten aus der Zukunft keine Chance, den genauen Zeitpunkt der Strandung zu ermitteln. Und da vor 1727 das Kammer-System noch nicht existiert, könnte man keine Rettungs-Teams, sondern nur vereinzelte ‚Jumper’ auf gut Glück in zufallsgewählte Zeitzonen schicken. Sinnloser Aktionismus. Genauso gut könnte man versuchen, ein verlorenes Reiskorn in der Sahara wiederzufinden.

Im Laufe all der Jahrhunderte ist es nie zu einem solchen Unglück gekommen. Ein derartiger Fall galt angesichts der perfekten Technik als rein hypothetisch.

Bis heute.

Erneut blicke ich auf die unerbittliche Datums-Anzeige. 1584.

Wir haben den ‚Punkt ohne Wiederkehr’ um mehr als 140 Jahre überschritten. Statt von 2011 aus in die Zukunft zu reisen, sind wir durch die Folgen des Attentats in den Schlund der Vergangenheit gestürzt.

Das zentralste aller Gesetze wurde gebrochen. Über die Schuld der Delinquenten besteht kein Zweifel. Eine Verhandlung geschweige denn Verteidigung wird nicht gewährt. Das Urteil steht längst fest und wird vom Hohen Gericht der Physik verhängt: die Todesstrafe.

Wahlweise vollstreckt durch wilde Tiere oder indianische Nomadenstämme, die diese Gegend durchstreifen.

So oder so – wir werden alle sterben.

Wieder ertönt die Computerstimme.

„Willkommen in Porterville!“

Nur drei Worte. Unscheinbar. Alltäglich.

Und doch ändern sie alles.

Dieser kurze Satz ist es, der den Schalter in mir umlegt und mich aus meiner Starre reißt. Wie ein gleißend weißer Sturzbach spült mich die Erkenntnis zurück in die Wirklichkeit.

Plötzlich ist mir alles klar.

Würde das Datum stimmen, hätte uns der Bordcomputer gerade unmöglich willkommen heißen können. Im Jahr 1584 gab es keine Basis, die unserer Crenlynn-Kammer das Ankunftssignal hätte senden können. Auch der Schott-Mechanismus würde nicht funktionieren, weil es keine Zentrale gäbe, die den Autorisierungsprozess einleitet. Nichts würde um uns herum existieren.

Da die Kammer aber immer noch fest in ihrem Gefüge ruht und die gesamte Elektronik, mit Ausnahme des ausgelösten Druckabfalls, tadellos zu funktionieren scheint, ist die Lage klar: Der Attentäter hat durch die heftige Rückkopplung des Strikers einen Systemabbruch hervorgerufen, der uns über eine Reversionsschleife wieder an unseren Startpunkt im Jahr 2011 versetzte. Dabei ist offensichtlich die Datums-Anzeige kollabiert.

Benommen blicke ich mich um. Im austretenden Dampf der überhitzten Kühl-Aggregate schimmern die kreidebleichen Gesichter der Passagiere wie geisterhafte Schemen. Immer noch starren sie entsetzt auf das Datums-Display. Wütend stelle ich fest, dass auch mein Leibwächter komplett von der Situation gefangen ist. Der Vollidiot hat endgültig von dem Angreifer abgelassen und stiert wie die anderen auf die grün blinkenden vier Zahlen, während das beschädigte Außenschott sich nur millimeterweise öffnet.

Erst jetzt bemerke ich, dass es sich bei dem Überwältigten um einen Asiaten handelt. Vom Gesicht ist nicht mehr viel zu erkennen; Clark hat den Typen ziemlich bearbeitet. Falls er überlebt, wird das allerdings seine geringste Sorge sein. Dieses gottverfluchte Schlitzauge hätte uns mit seiner Kamikaze-Aktion beinahe umgebracht!

Ich zögere und versuche, mich an den Moment zu erinnern, bevor das Chaos losbrach. Und schlagartig wird mir bewusst, dass es diesem Scheißkerl überhaupt nicht um die anderen ging. Er schrie meinen Namen, als er seinen Striker aktivierte. Das Ganze war ein eiskalt geplanter Mordanschlag! Fast nötigt mir die Tollkühnheit des durchgeknallten Reisfressers Respekt ab. Er hat es tatsächlich gewagt, sich des schwersten aller Vergehen schuldig zu machen: ein Attentat auf den Lordgouverneur des Temporalprotektorats Porterville. Bürgermeister Angus Hudson.

Mich.

Erneut lodert greller Zorns in mir auf, doch er gilt nicht dem blutenden Klumpen auf dem Stahlboden, sondern der Sicherheitsabteilung. Wie, zum Henker, war es möglich, dass ein Bewaffneter es durch die Kontrollen geschafft hat? Einzig und allein das ist es doch, was die Security unter allen Umständen zu verhindern hat! Nichts besitzt höhere Priorität als die Unversehrtheit des Bürgermeisters. Selbst wenn das Jüngste Gericht anbricht, Gottes Erzengel mit Flamme und Schwert über den Erdball ziehen und die ganze Welt in Glut und Asche versinkt, hat den Sicherheitsdienst, verdammt noch mal, nichts anderes zu interessieren, als meinen Arsch in Asbest zu packen!

Auch Clark scheint diesen elementaren Anforderungspunkt seines Berufsprofils aus den Augen verloren zu haben, denn er steht immer noch am selben Fleck, mit einem Gesichtsausdruck, als hätte man in seiner Rübe das Licht ausgeschaltet.

Ich lächle grimmig. Nach Vollzug der Disziplinarstrafe wird das nicht mehr nur eine metaphorische Zustandsbeschreibung sein …

Es besteht kein Zweifel, dass er und die anderen immer noch glauben, die Datums-Anzeige sei korrekt. Ihre schockverzerrten Gesichter sprechen Bände. Sogar die distinguierte Madam Secretary sieht aus, als würde sie uns gleich mit ihrem royalen Mageninhalt beehren. Ihnen allen blieb die Erkenntnis verwehrt, die mich soeben aus dem Tal des Jammers katapultierte. So mutet es nicht verwunderlich an, dass meine werten Mitreisenden immer noch so dreinschauen, als hätten sie gerade ihre Einweisungspapiere fürs Abidias Asylum erhalten.

Ich kann mir ein amüsiertes Schmunzeln nicht verkneifen.

Nur einer von ihnen weckt eine Spur von Anteilnahme in mir – Martin Prey, der tapfere kleine Rebell. Immer noch kauert er wie ein Häufchen Elend in seinem Sitz und hat nicht die geringste Ahnung, was hier passiert. Der Typ ist aber auch ein echter Pechvogel – macht zum ersten Mal einen Zeitsprung und gerät sofort in einen Anschlag …

Mitten in diesem Gedanken stutze ich. Sollte das wirklich ein Zufall gewesen sein? Dieser Prey hat über Wochen hinweg den gesamten Sicherheitsapparat von Porterville auf Trab gehalten. Er brachte das Kunststück fertig, sämtliche Jäger und sogar die Eingangskontrolle zum Tower zu überlisten und schaffte es schließlich gar bis hinauf ins verbotene Stockwerk. Jedes Vergehen zöge für sich allein schon das Strafmaß der Extraktion nach sich. Aber da mir seine jugendliche Verve und sein unerschütterlicher Kampfgeist in gewisser Weise imponiert haben, entschloss ich mich dazu, ihm das Privileg der Absolution zu erteilen. Ich vermag es nicht abzustreiten – irgendetwas an diesem unscheinbaren Teufelskerl erinnert mich an meine eigene Jugend. Das allein wäre fraglos noch kein tragfähiger Anlass für Gnade. Pathosgeschwängerte Gefühlsduselei als Grundlage für systemrelevante Entscheidungen wäre gänzlich inakzeptabel. Aber dank der Dehnbarkeit des McLyron-Paragraphen verfüge ich über nahezu unbegrenzten Spielraum für Ausnahme-Beschlüsse, selbst wenn diese sich im Nachhinein als taktisch defizitär erweisen. Falls mein ‚spezieller’ Protegé also rapide an Unterhaltungswert eingebüßt hätte, wäre die Tür zur Antares-Abteilung jederzeit weit offen gewesen. Dort freut man sich immer über exotisches Spielzeug.

All diese Überlegungen scheinen nun jedoch hinfällig zu sein, denn je länger ich über die Sache nachdenke, desto sicherer bin ich, dass zwischen Prey und diesem Asiaten eine Verbindung bestehen muss. Zwei H6-Fälle, die im Abstand weniger Stunden den Sicherheitsring durchbrechen und direkt zu mir vordringen – das kann keine Laune des Schicksals gewesen sein. Möglicherweise war Preys rührend naive Suche nach Sarah Freeman also nur ein raffiniertes Ablenkungsmanöver, um das eigentliche Ziel zu verschleiern. Den Anschlag auf mein Leben.

Eigentlich schade. Das war’s dann mit der amüsanten Reisebegleitung. Bei der Wiederholung des Zeitsprungs wird unser kleiner Bibliothekar definitiv nicht mehr dabei sein. Statt der Crenlynn-Kammer wird er mit einer anderen Räumlichkeit Bekanntschaft machen, zusammen mit seinem gelben Freund …

„Exzellenz!“

Überrascht blicke ich auf. Madam Secretary scheint ihren Schock als Erste überwunden zu haben. Zäh wie Dörrfleisch, die Alte. Mit ihren 17 Dekaden haut die so schnell nichts mehr aus ihren Designer-Peeptoes.

„Was ist denn nur geschehen?“, fragt sie und blickt mich mit ihren treuen Kuhaugen an. Sie möchte Erklärungen, Beistand, Stärke. Sie will den Bürgermeister.

Aber der ist nicht verfügbar.

Zweifellos könnte ich meine feste, souveräne Stimme erheben und den Mantel der Geborgenheit über meine Schafe breiten. Doch es wäre vergeudete Energie, denn ich weiß, was gleich passieren wird.

Sobald das Schott weit genug geöffnet ist, wird eine Spezialeinheit die Kammer stürmen und alle Passagiere bis auf meine Wenigkeit betäuben.

„Ereignet sich, sei es im Ansatz oder in Vollendung, eine Straftat in Anwesenheit oder unter Schädigung des Lordgouverneurs, so sind sämtliche im unmittelbaren Umfeld befindlichen Personen augenblicklich zu paralysieren.“

So lautet die offizielle Order.

Sie stammt von mir.

Erneut blicke ich zum Schott und trete etwas näher heran. Inzwischen müsste der Spalt groß genug sein, um draußen die chromglänzenden Wände und die Neonleuchten der Crenlynn-Anlage zu erkennen. Nur wenige Sekunden, dann kann ich endlich -

Wie vom Blitz getroffen, verharre ich mitten in der Bewegung. Ein Faustschlag ins Gesicht hätte keine stärkere Wirkung haben können.

Dort draußen ist weder Metall noch elektrisches Licht.

Nur diffuser, dunkelgrüner Schatten.

Vor meinem inneren Auge zerbricht die Welt, die ich mir in den vergangenen Sekunden so erfolgreich zurückerobert habe, in tausend Scherben. Die so felsenfest empfundene Gewissheit, dass wir den Zeitsprung nicht vollzogen haben, erweist sich als tödlicher Irrtum.

Die Stimme des Bordcomputers hat mich genarrt. Nicht Porterville empfängt uns, sondern die archaische grüne Hölle der endlosen Wälder Marylands …

Der gellende Befehl „Zugriff!“ lässt mich und alle anderen Passagiere zusammenzucken. Entgeistert beobachte ich, wie ein silberner Gegenstand mit einem surreal melodischen Sirren durch das halb geöffnete Schott fliegt, scheppernd auf dem Stahlboden aufschlägt und seinen qualmenden Inhalt in die Luft entlädt.

Eine Gaspatrone …

Und dann erkenne ich ihn – den riesigen, grünen Kevlar-Schutzschild, der bis jetzt das gesamte Sichtfeld hinter dem Schott ausgefüllt hat und mit dessen Deckung die Spezialeinheit nun die Crenlynn-Kammer stürmt. Bevor mich die grauen Gasschwaden erreichen, stülpt mir einer der ganzkörpervermummten Männer eine Gasmaske über das Gesicht und führt mich, flankiert von zwei Kollegen, an den niedersinkenden Passagieren vorbei nach draußen.

Doch welches Draußen ist es?

- 3 -

6 Minuten nach dem Ereignis

Während der Security-Van mich durch den unterirdischen Speedway zurück zum Terminal bringt, nehme ich die Gasmaske ab und wende mich zögernd einem der beiden hinter mir sitzenden Bodyguards zu.

„In … welchem Jahr befinden wir uns?“

Ein Anflug von Irritation huscht über die stoische Miene des Manns. „2011, Exzellenz. Vor wenigen Minuten haben Sie die Kammer betreten, doch der Transfer wurde aus noch ungeklärtem Grund abgebrochen.“

Ein Stein von der Größe des Hudson Towers fällt mir vom Herzen. In tiefer Erleichterung drehe ich mich wieder um und lasse den Kopf auf das Stützpolster sinken.

Ein solches Wechselbad der Gefühle habe ich während meiner gesamten Amtszeit noch nicht durchgemacht.

Nach wenigen Minuten haben wir das Terminal erreicht und man eskortiert mich an die Oberfläche. Auf dem Weg dorthin erwische ich mich mehrmals dabei, wie ich mich unwillkürlich umschaue, um zu kontrollieren, ob auch wirklich alles beim Alten ist.

Es ist.

Lediglich die Aufregung und Nervosität in den Gesichtern des Basis-Personals ist ungewöhnlich. Aber schließlich wird nicht alle Tage ein Attentat auf den geliebten Bürgermeister verübt. So etwas geht an meinen treuen Schäfchen natürlich nicht spurlos vorüber.

Oben wartet bereits die Stretch-Limousine. Während der Bordcomputer den Motor startet, gebe ich die Weisung, Temperatur und CFC-11-Anteil in der Luft leicht zu reduzieren und einen Hauch von Oleander hinzuzufügen. Anschließend tauche ich in Händels unvergänglichen „Giulio Cesare in Egitto“ ein – die glorreiche Majestät unter den Heldenopern. Balsam für die Seele. Anker der Stärke im Sturm der Zeiten.

Eines fernen Tages wird man auch mir ein solches Monument für die Ewigkeit setzen.

Ich weiß es, denn ich kenne bereits Jahr und Stunde.

Vor mich hinsinnend blicke ich aus dem Fenster. Selten habe ich es so genossen, das vertraute Angesicht meiner Stadt zu betrachten.

Das prunkvolle Olympic Regent Hotel, in dem ich mir, sofern es mein Terminplan zulässt, jeden Mittwoch- und Samstagvormittag von Melinda McFaden meinen Spezial-Cocktail und bisweilen auch etwas ‚anderes‘ servieren lasse.

Der üppig blühende, insbesondere bei Touristen außerordentlich beliebte Laym’s Garden mit seinen malerischen Wäldchen und Seen.

Die pittoresken Villen der Schönen und Reichen von Munjoy Hill.

Das urige ‚Corey’s‘ – die Bar mit der bei weitem größten Auswahl exquisiter Import-Biere in der Stadt.

Sogar die variationslos tristen Fassaden der entfernt vorbeiziehenden Haywood-Wohnblocks vermögen mir allein aufgrund ihrer Anwesenheit ein Lächeln zu entlocken.

Seufzend lehne ich mich zurück und schließe für einen Moment die Augen.

Was für ein Tag …

Ich lasse die vergangenen Wochen Revue passieren und versuche, mich zu erinnern, wann es das letzte Mal vergleichbar brenzlig war. Die Fitzgerald-Affäre war zweifellos sehr heikel, doch wie stets gab es auch 1963 eine nachhaltige Problemlösung. Ebenso wie für den Problemlöser.

Aber diesmal ist es anders. Statt einer externen Bedrohung kam die Gefahr von innen; wie ein hinterhältiger Parasit, der sich durch die Organe meiner Stadt fraß, ohne von ihren Antikörpern unschädlich gemacht zu werden. Erst mit dem heutigen Paukenschlag ist der Spuk endlich ausgestanden. Doch die Ereignisse haben schmerzhaft aufgezeigt, dass auch der stärkste Schutzpanzer nur so sicher ist wie das schwächste seiner Kettenglieder. Und einige dieser Glieder waren bestürzend rasch geborsten … Deren umgehende Beseitigung würde lediglich den Auftakt der anstehenden Gegenmaßnahmen darstellen. Die Kernfrage lautet: Wie weit hat die ‚Prey-Infektion’ bereits gestreut? Wenn der Asiate tatsächlich Bestandteil einer konzertierten Aktion war, dann haben die Guerilla-Umtriebe des Bücherwurms größere Kreise gezogen, als wir bisher vermuteten.

Laut Sicherheitsdienst sind alle direkten Kontakte identifiziert worden – angefangen bei diesem Schmalspur-Shaft Reginald Broadus bis hin zum psychotischen Terror-Junkie Jason Hincks. Letzterer steht für Verhöre bedauerlicherweise nicht mehr zur Verfügung, weil er es vorgezogen hat, als verschmortes Barbecue im Wrack eines gestohlenen Mitsubishi zu enden. Da Suizid ein Kapitalverbrechen ist, das automatisch sämtliche Straftatbestände des Betreffenden ins Register seines nächsten Verwandten übergehen lässt, wird sich nun Hincks’ vierzehnjähriger Halbbruder Nathanael vor dem Sanktions-Ausschuss verantworten müssen. Gemäß unserem „Ex aequo“-Grundsatz steht ihm dieselbe ‚Behandlung’ bevor, die Hincks seinem letzten Opfer Dr. Barrett angedeihen ließ. Armes Kerlchen, aber so lautet das Strafmaß für Mord an einem Würdenträger der Inneren Instanz.

Kompromisslose Konsequenz war und ist einer der tragenden Grundpfeiler unseres Systems – gleichgültig, was irgendwelche heilsbeseelten Gutmenschen-Kommissionen darüber befinden mögen. Klare Regeln und rigide Ahndung ihrer Verstöße sind die unabdingbaren Garanten für das Funktionieren dieser Stadt.

Meiner Stadt.

Gemäß diesen Regeln steht Preys Frau Camilla nach Absolvierung der Standard-Befragungsreihe unter verschärftem Hausarrest, ebenso wie alle weiteren Personen, mit denen er Berührungspunkte hatte. Sei es seine ehemalige Kollegin Frida Johannsen aus der Bibliothek, der Immobilienmakler Jacob Sullivan, Phil Bannister, der Besitzer des Mitsubishi oder Cecilia Farnham, die Walmart-Kundin, der Prey ein Paar Sportschuhe aus ihrem Auto entwendet hat.

Darüber hinaus werden eventuelle Verbindungen zu zeitnahen Anomalie-Erscheinungen überprüft. Insbesondere der Vorfall mit Charles Preston birgt immer noch zahlreiche ungeklärte Fragen, deren Beantwortung sich der Polizeichef von Porterville höchstpersönlich auf die Fahnen geschrieben hat: Sheriff Parker.

Ein weiteres Spezialistenteam versucht noch immer, die Entstehung von Broadus’ detailliertem Tunnelplan zu rekonstruieren und schnellstmöglich zu prüfen, ob außer Prey noch weitere Personen in diese hochsensiblen Kenntnisse eingeweiht wurden. Dass Broadus selber zu Aufklärung beitragen wird, ist unwahrscheinlich, weil dieser Idiot unter bislang unklaren Umständen in einen Weißraum geraten ist; mit entsprechenden Folgen.

Auch der Asiate, der inzwischen auf der Intensivstation des Kennedy Medical Centers liegt, wird wegen seiner demolierten Fresse bis auf Weiteres zu keinen Auskünften in der Lage sein. Bleibt vorerst also nur Martin Prey als Informationsquelle. Möge sie reichlich sprudeln …

Angespannt massiere ich meine Nasenwurzel. Beiläufig registriere ich, dass der Verkehr auf dem Expressway für diese Tageszeit ungewöhnlich stark ist und nur zäh fließt. An einer roten Ampel hält neben uns ein großer Truck. Am seitlichen Aufdruck erkenne ich sofort, dass es sich um einen unserer ‚Willingdon‘-Fleischtransporter handelt. Dem aufrecht stehenden Schwein wurde bereits ein großes Filetstück aus dem Rücken geschnitten. Dennoch grinst es, als wäre dies der glücklichste Tag seines Lebens.

Im Führerhaus baumelt ein grünes Fellmonster am Rückspiegel, das den Fahrer als Fan der ‚Porterville Patriots‘ ausweist. Auch ich schätze unser glorreiches Football-Team sehr. Genauer gesagt – ich werde es sehr schätzen, denn seine Gründung erfolgt erst in vielen Jahren.

Versonnen blicke ich an dem Truck vorbei auf die belebte Fußgängerzone der Van Buren Street. Dann plötzlich sehe ich ihn. Und allein dass er mir so direkt ins Auge fällt, ist ein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. Der hagere Obdachlose im zerschlissenen Parka humpelt mitten durch den dichten Menschenstrom und rempelt dabei ständig Passanten an. Ein solches Verhalten ist vollkommen unzulässig. Unsere Undercover-Beobachter zeichnen sich ja gerade dadurch aus, dass sie niemandem auffallen, sondern mit ihrer Umgebung verschmelzen und gleichsam im Stadtbild zerfließen wie flüchtige Schatten. Dieser Typ da ist jedoch alles andere als ein Schatten – er ist eine beschissene Planierraupe!

Kurz geht mir die Frage durch den Kopf, ob Prey und der Asiate etwas mit dem Vorfall zu tun haben. Könnten dies die Nachwirkungen irgendeiner weiteren Sabotage-Aktion sein? Umso wichtiger, dass diesem unwürdigen Spektakel schnellstmöglich Einhalt geboten wird.

Nachdem die Ampel auf Grün gesprungen ist, gebe ich den Befehl, an der Ecke Fillmore zu halten, um die Situation weiter beobachten zu können. Endlich entdecke ich einen uniformierten Mitarbeiter des Ordnungsamts, der sich dem Störfall von hinten nähert. Wurde auch höchste Zeit. Irritation und Unruhe sind wie juckende Ekzeme auf dem Antlitz dieser Stadt – hässlich und umgehend behandlungsbedürftig, um eine Ausbreitung zu verhindern. Sonst wird aus makelloser Schönheit rasend schnell die widerwärtige Fratze einer syphilitischen Crack-Hure.

Einmal ist das passiert. Der Dunford-Eklat. Die Folgen waren so gravierend, dass sie letztlich einen Neustart erzwangen. Ein zweiter GAU konnte abgewendet werden, indem wir die Risiko-Figur Wilcomb vom Spielbrett nahmen. Mit dem Umweg über Stewart Falkner scheint der Staffelstab nun an Martin Prey übergegangen zu sein, doch auch diesmal hat das System gesiegt. Die Ordnung ist wiederhergestellt. Was auch immer der Bibliothekar und seine Helfershelfer zu bezwecken hofften – sie werden das Gleichgewicht dieser Stadt nicht erneut ins Wanken bringen.

Nicht unter meiner Herrschaft.

Inzwischen hat der Mann vom Ordnungsamt dem Obdachlosen, kaschiert durch eine vertrauliche Berührung an der Schulter, eine Injektion verpasst und führt ihn nun zu seinem Dienstwagen.

Problem erkannt, Problem isoliert, Problem beseitigt. Das heilige Dreigestirn von Porterville.

Als wir an dem nach mir benannten Tower ankommen, streift mein Blick beiläufig ‚Wayne’s Drugstore’, wo nach dem plötzlichen Ausscheiden von Mrs. Harding nun eine neue Fachkraft gesucht wird. Dabei fällt mir ein, dass ich noch Peggy Waters‘ abschließendes Verhörprotokoll unterzeichnen muss, bevor es an die Vollzugskommission weitergeleitet wird. Das von Peggy empfohlene Strafmaß von 45 Jahren isolierter Wohnungs-Haft halte ich zwar für etwas hart, zumal Mrs. Harding die neuralgische Frage nach Dr. Frank Morgan mit ‚Nein’ beantwortet hat, aber versuchte Flucht ist nun mal ein Kapitalverbrechen, dessen Ahndung keine Milde zulässt.

Beim Gedanken an Morgan muss ich kurz schmunzeln. Es wird höchste Zeit, dass ich den alten Kauz mal wieder besuche – die Gespräche mit ihm sind wahre Licht-Inseln im trüben Meer bürokratischer Uniformität. Wenn der Weg zu ihm nur nicht so verdammt weit wäre …

Bevor ich den Haupteingang des Towers erreiche, setzt leichter Regen ein. Dabei bin ich mir ziemlich sicher, dass wir für diesen Freitag wolkenloses Sonnenwetter vorgesehen hatten. Auch die Außentemperatur von 20,9 Grad Celsius, die mir meine Armbanduhr anzeigt, liegt mehr als ein halbes Grad unter Norm. Offensichtlich hat irgendein Eierkopf aus der meteorologischen Abteilung bei der Programmierung geschlampt. Vor meinem inneren Auge erscheint ein übergewichtiger Computer-Nerd mit Scheißfrisur und Riesenbrille, der sich während der Arbeit nebenbei ununterbrochen Porternet-Clips reinzieht. Das Ganze weitet sich intern zu einer echten Plage aus. Der neueste Renner ist das heimlich gedrehte Video eines Pflegers aus der psychiatrischen Abteilung des Kennedy Medical Centers. Der gefilmte Patient, ein untersetzter, etwa siebzigjähriger Mann, der eine frappierende Ähnlichkeit mit Jack Nicholson hat, rastet vollkommen aus. Zuerst reißt er sich alle Kleider vom Leib und rennt dann wie ein Hamster auf Dope im Kreis herum. Dabei reckt er immer wieder beide Fäuste zur Decke und brüllt: „Marylin Monroe war ein Mann!“ Der Clip fand rasend schnell unter dem Titel Jacky Leaks – die brisantesten Geheimnisse Hollywoods Verbreitung. Nur der Himmel weiß, wie viele Leute allein dieser nackte Zausel schon von der Arbeit abgelenkt hat.

Wie dem auch sei – ich werde ein deutliches Wörtchen mit Forrester aus der Klima-Sektion reden müssen. Ein weiterer Punkt, der meine ohnehin schon stattliche To-do-Liste für heute erweitert.

Beim Aussteigen bemerke ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite, halb verdeckt vom Schatten einer schmalen Gasse, einen weiteren Obdachlosen. Er lehnt regungslos an der Mauer. Das allein wäre nichts Ungewöhnliches, da unsere ‚Hobos’ häufiger solche Positionen einnehmen. Irritierend ist jedoch, dass er es mit dem Gesicht zur Wand tut.

Wie eine kaputte Puppe, die jemand achtlos in einer Zimmerecke abgestellt hat.

- 4 -

49 Minuten nach dem Ereignis

Das 56. Stockwerk. Mein Reich.

Legendenumwittertes Zentrum der Macht. Autarkes Refugium der Kontemplation.

Und der einsamste Ort in Porterville. Zumindest normalerweise.

Heute ist der Tag der Ausnahmen. Ich sitze an meinem Schreibtisch und genieße den hervorragenden Château Pétrus, während Sally mir vom Vorzimmer aus einen Besucher nach dem anderen ankündigt. Sicherheits-Offiziere, Ressortleiter, Gremiums-Vorsitzende und so weiter. Einen Stock tiefer sorgt meine rechte Hand Howard K. Brenner dafür, dass tatsächlich nur die wichtigen Fälle zu mir vorgelassen werden. Doch das scheinen sie alle zu sein.

Sheriff Parker steht etwas abseits vor der gewaltigen Fensterfront und redet hektisch in seinen Gray-Stick. Er ist sichtlich aufgebracht. Kein Wunder. Als Polizei-Chef von Porterville trägt er die Verantwortung für eine Abteilung, die mehrfach in gravierendem Ausmaß versagt hat. Er wird alles dransetzen, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, und mit ‚alles’ meine ich wirklich alles. Parker war nie ein Mann der Halbherzigkeiten und Kompromisse, weder damals als Leiter der Nervenklinik noch heute. Und er weiß nur zu gut, dass er es allein meiner Intervention zu verdanken hatte, dass er nach den Geschehnissen im Februar 1932 eine zweite Chance bekam. Wenn ihm sein Laden jedoch erneut um die Ohren fliegt, werde ich seinen Arsch nicht mehr aus der Schusslinie ziehen.

Nutze das Versagen anderer zu deinem Vorteil, aber umgib dich nicht mit ihnen.

Das war stets mein Credo gewesen, und ich werde nicht zögern, es auch auf Parker anzuwenden. Er weiß das.

Der mächtige Kopf des Sheriffs zuckt ständig vor und zurück, während er mit gepresster Stimme Anweisungen in seinen Gray-Stick raunzt. Er erinnert mich an eine schnauzbärtige Riesentaube, die ständig ins Leere pickt.

„Eure Exzellenz …“

Ich richte meinen Blick wieder auf Mr. Broomberg, einen hageren Mittvierziger im schlecht sitzenden Zweireiher. Sein buschig-wirrer Haarkranz und die dauerkrause Stirn über unruhig flackernden Augen lassen ihn aussehen wie Larry von den drei Stooges. Der stellvertretende Leiter der Verkehrs-Sektion schaut mich verunsichert an. Meine kleine Gedankenpause hat ihn sichtlich irritiert.

„Mr. Broomberg“, setze ich betont ruhig an. „Sie haben soeben das Kunststück fertiggebracht, mich höchst wortreich und gleichzeitig vollkommen inhaltsleer darüber aufzuklären, dass Sie keine Ahnung haben, was die Ursache des Problems ist. Würden Sie dieser Zusammenfassung zustimmen?“

„Äh …“ Ich kann das knackende Geräusch seines splitternden Selbstbewusstseins förmlich hören. „W-wie ich schon sagte: Wir arbeiten mit Hochdruck an der Klärung und Behebung der Staus. Derzeit vermuten wir, dass eine seismische Anomalie für die schweren Unfälle auf der Nord- und Südroute kurz vor Porterville verantwortlich war.“

„Ein Erdbeben?“, frage ich erstaunt.

Im Tumult der Crenlynn-Anlage hatte ich das heftige Erzittern der Kammer für eine Folge des Anschlags gehalten, doch offenkundig war ein Naturphänomen dafür verantwortlich, das in dieser Region extrem selten und sein Auftreten daher höchst unwahrscheinlich ist. So unwahrscheinlich wie alles andere heute.

Mord-Anschlag, Klima-Abweichungen, Verkehrs-Chaos, Erdbeben … Was kommt als Nächstes? Blut im Cale River? Heuschrecken, die den Himmel verdunkeln?

„Ja“, bestätigt Broomberg zögernd. „Ein etwa drei Sekunden anhaltender Erdstoß beträchtlicher Stärke, dessen Ursprung wir jedoch noch nicht genau lokalisieren können.“

„Aha. Das können Sie also nicht ...“, wiederhole ich leise. Der angenehm nervenschmeichelnde Schleier des Rotweins verflüchtigt sich zusehends. Allmählich fängt Larry an, mir mächtig auf den Zeiger zu gehen. Kurz spüre ich den Impuls, es wie Moe in den Stooges-Filmen zu machen und ihm ordentlich eins aufs Maul zu hauen, aber dann belasse ich es dabei, demonstrativ die Arme vor der Brust zu verschränken und ihn durchdringend zu fixieren.

„Jeder zugekiffte Provinz-Meteorologe kann feststellen, wo ein Erdbeben stattgefunden hat. Sogar ein hirntoter Schimpanse wäre in der Lage, den entsprechenden Knopf zu drücken, um die Information aufzurufen. Aber Sie mit Ihrer Zwei-Milliarden-Dollar-Anlage kriegen das nicht gebacken?“

Broomberg schaut mich an, als hätte ich ihm gerade einen Pferdekopf auf den Schoß gelegt.

„Sir … ich bedaure die missliche Situation zutiefst, aber ohne Datenstützung durch das Koordinationszentrum können wir keine –“

Mit einer abwinkenden Handbewegung bringe ich Larry zum Schweigen. Seit der Audienz-Marathon begonnen hat, ist das Schema stets dasselbe: Jeder schiebt die Verantwortlichkeiten, insbesondere hinsichtlich des Zusammenbruchs sämtlicher Telefonnetze, einer anderen Sektion zu. Wahlweise ist die Security, die Kommunikations-Abteilung, das Navigationsbüro, der Nachrichtendienst oder das Koordinationszentrum schuld am derzeitigen Informations-Chaos. So wird die Scheiße munter von Hand zu Hand gereicht, in der Hoffnung, dass möglichst wenig an den eigenen Fingern haften bleibt.

Und da ich von diesem Spielchen jetzt die Schnauze voll habe, stehe ich wortlos auf, gehe am entgeisterten Broomberg und dem irritiert innehaltenden Sheriff vorbei, marschiere unter dem überraschten Blick von Sally durchs Vorzimmer und reiße die Tür zum Wartesaal auf. Etwa zwei Dutzend Gesichter wirbeln synchron in meine Richtung.

„Eine Durchsage an alle: Es interessiert mich nicht – ich wiederhole – nicht, welche Sektion es am besten schafft, ihre Fehlfunktionen einer anderen Abteilung in die Schuhe zu schieben! Was ich wissen will, ist: Wo ist die Verbindung zwischen all den Vorfällen? Womit haben wir es hier zu tun? Irgendjemand eine Idee?“

Einige Sekunden herrscht angespannte Stille, in der diverse Augenpaare unsicher hin- und herzucken. Dann ertönt aus dem hinteren Teil des Wartezimmers eine zaghafte Stimme.

„Möglicherweise, Exzellenz.“

Eine junge Brünette mit Pagenkopf und anthrazitfarbenem Businesskostüm hat sich von ihrem Sitz erhoben. Ohne die dominante Designerbrille, die mich an den Augenschutz von Piloten aus dem Ersten Weltkrieg erinnert, würde sie ganz passabel aussehen: Hohe Wangenknochen, tiefbraune Rehaugen, Rundungen, wo sie hingehören. Keine Granate, die ich mir für ein ‚persönliches Gespräch’ in Konferenzraum 3 vormerken würde, aber definitiv auch kein Rohrkrepierer. Doch alles an ihrem Graue-Maus-Outfit schreit: „Vergesst mein Geschlecht; nehmt mich wegen meiner Kompetenz ernst!“, und das lässt das Auftreten der Lady ziemlich angestrengt wirken.

Ich nicke und deute mit einer knappen Handbewegung an, dass sie mir ins Büro folgen soll, wo Sheriff Parker an unveränderter Position steht und gedämpft weiterspricht. Inzwischen scheint er jemanden vom Forstamt am Apparat zu haben. Mr. Broomberg hat sich während meiner kurzen Abwesenheit offenkundig durch die Hintertür rausgestohlen.

Ich lasse mich auf meinem Ledersessel nieder und signalisiere dem sichtlich nervösen Rehauge mit einem aufmunternden Lächeln, dass sie ebenfalls Platz nehmen darf.

„Mit wem habe ich denn das Vergnügen?“, frage ich mit sanftem Hudson-Timbre.

„O’Malley“, erwidert sie scheu. „Sheila O’Malley aus der Energie-Sektion, Exzellenz.“

Ich wedele mit dem Zeigefinger. „Die Exzellenz lassen wir einstweilen mal beiseite, wir sind hier ja in keinem Vorstellungsgespräch. Ein ‚Sir’ reicht vollkommen.“

„Wie Sie wünschen … Sir.“ Rehauge wirkt unverändert eingeschüchtert. Offenkundig kann sie es immer noch kaum fassen, mir tatsächlich gegenüberzusitzen. Hier, im 56. Stockwerk. Sie scheint jede Sekunde damit zu rechnen, dass ich mich plötzlich zu ihr vorbeuge und mit hypnotischer Stimme frage: ‚Kennen Sie den Darkside Park?‘

Ich überlege, wie ich ein wenig das Eis brechen kann. „Soso, die Energie-Sektion. Dann arbeiten Sie also im Team von Delroy.“ Ich zwinkere. „Verfolgt der alte Hallodri immer noch unerschütterlich die Lebensaufgabe, Mrs. Breckenridge in die Kiste zu kriegen?“

Der Anflug eines verschmitzten Lächelns huscht über ihre Züge. „Das Gebot der Schicklichkeit verbietet mir, darauf zu antworten, Sir.“ Sie sucht zum ersten Mal direkten Blickkontakt, und in ihren Rehaugen glitzert es schelmisch. „Allerdings wäre ein Dementi wohl kaum glaubhaft.“

Ich erwidere das Lächeln. Ohne Show. Es ist in diesem Büro das erste Mal seit langer Zeit, dass ich in meinem Gegenüber nicht die Funktion, sondern den Menschen sehe. Doch für Abschweifungen ist keine Zeit.

„Wenn es Ihnen recht ist, kommen wir nun auf Ihre Theorie zu sprechen. Was hat sich Ihrer Ansicht nach abgespielt?“

Rehauge strafft sich und verschränkt ihre feingliedrigen Finger. „Meiner unmaßgeblichen Ansicht nach hat nicht die seismische Anomalie die momentanen Fehlfunktionen verursacht, sondern es war … umgekehrt.“

„Umgekehrt?“, frage ich perplex. „Irgendeine technische Fehlfunktion soll das Beben ausgelöst haben?“

„Nicht … irgendeine“, erwidert Rehauge zögernd. „Der Ausgangspunkt war die Crenlynn-Anlage. Als es passierte, saß ich an einem der Monitore zur Überprüfung der Stromspitzen. Wie Sie wissen, sind wir unter anderem für die Kontrolle und Dokumentation der Auslastung sowie der zulässigen Höchstwerte im Energienetz von Porterville zuständig.“

Skeptisch tippe ich mir ans Kinn. „Sie sahen im Bereich der Crenlynn-Anlage also eine ungewöhnliche Energie-Entfaltung, bevor das Beben einsetzte.“

„Eine hochfrequente Entladung weit außerhalb der Skala, direkt vor dem Erdstoß, ja. Die Folge war ein kompletter, die gesamte Stadt umfassender Zusammenbruch des Energie-Systems, der jedoch augenblicklich von den Sekundär-Generatoren aufgefangen wurde.“

„Wir … hatten einen Blackout?“, frage ich ungläubig. So etwas war noch nie vorgekommen. „Warum erfahre ich erst jetzt davon?“

Rehauge hebt entschuldigend die Hand. „Ich hatte mich bemüht, diese Information schnellstmöglich weiterzuleiten, aber wegen der Probleme im Kommunikations-“

„Schon gut“, wehre ich ab und blicke nachdenklich durch die Panoramascheibe in den stahlgrauen Wolkenhimmel. „Also haben wir es derzeit mit Folge-Erscheinungen eines Energie-Kollaps zu tun, den die technische Störung in der Crenlynn-Kammer verursacht hat.“

‚Technische Störung’ lautet der Terminus in der offiziellen Sprachregelung, die das gesamte Attentat umfasst. Der wahre Hintergrund des Vorfalls darf unter keinen Umständen öffentlich werden.

„Für mich besteht da kein Zweifel“, bestätigt Rehauge. „Außergewöhnlich ist dabei nicht allein die Stärke des Ausgangs-Impulses, sondern auch die Symmetrie der anschließenden Kettenreaktion. Zwar hatte ich noch keine Gelegenheit, die Messwerte eingehend auszuwerten, aber laut der vorläufigen Daten haben sich die seismischen Aktivitäten exakt kreisförmig rund um die Stadt herum ereignet.“

„Mit der Zeitbasis als Zentrum“, folgere ich stirnrunzelnd.

„Genau. So als hätte jemand die Spitze eines Zirkels auf der Crenlynn-Anlage angesetzt und dann einen gigantischen Kreis um Porterville gezeichnet. Zuerst wollte ich den Diagrammen auf dem Energie-Monitor nicht glauben, aber die Erdstöße erfolgten tatsächlich genau entlang einer Kreislinie.“

Ich stehe so ruckhaft auf, dass Rehauge überrascht zusammenzuckt.

„Das will ich mir ansehen.“

- 5 -

67 Minuten nach dem Ereignis

Wenige Minuten später starten wir mit einem Groundcopter vom Dach des Hudson-Towers. Zwei dieser schlanken und extrem wendigen Flugmaschinen stehen dort oben, perfekt getarnt, stets für Notfälle in Bereitschaft. Meist nutze ich sie für Routine-Rundflüge oder wenn ich mehrere Außentermine zu bewältigen habe, in der Regel repräsentative Verpflichtungen wie Festreden, Einweihungen und ähnliches Bürgermeisterzeug. Das hier jedoch ist keine Routine.

Neben mir in der Passagierkabine sitzen Sheriff Parker, der seinen Gray-Stick inzwischen eingesteckt hat, Rehauge, die mal wieder ziemlich eingeschüchtert aussieht, und vier Leibwächter.

Heute gehe ich kein Risiko mehr ein.

Ich habe die Anweisung gegeben, zunächst steil aufzusteigen. Sobald ich mir einen ersten Überblick verschafft habe, werde ich entscheiden, welches Ziel wir anfliegen. Als wir eine Höhe von knapp fünfhundert Metern erreicht haben, lasse ich den Piloten in den Schwebeflug übergehen. Die Sicht ist atemberaubend, und sie beseitigt unmittelbar jeden Zweifel.

Rehauge hatte recht. In einem nahezu perfekten Kreis sind überall rund um Porterville Erdverwerfungen zu erkennen.

Nun wird auch der Grund für die verheerenden Auffahrunfälle klar, die den Verkehr zum Erliegen gebracht haben: Auf beiden Hauptrouten ist infolge des Bebens die Straße weggebrochen, so als habe sie ein Riese mit einer gewaltigen Axt zerschlagen. Wie weitreichend die Schäden sind, kann ich von unserer Position aus nicht feststellen, da die Schäden sich direkt am Waldrand ereigneten. Wie eine turmhohe Mauer aus Grün verwehrt der Shaden Forest die Sicht auf den weiteren Straßenverlauf. Um zu überprüfen, ob noch weitere Passagen der wichtigsten Verkehrsader von und nach Porterville betroffen sind, gebe ich die Anweisung, Kurs auf die Nordroute zu nehmen und ihr über dem Wald einige Meilen zu folgen.

Während wir den Unfallort überfliegen, wird das eigentliche Ausmaß der Massenkarambolage deutlich: Dutzende Fahrzeuge sind ineinandergerast, haben sich überschlagen, quergestellt, verkeilt. Wie narkotisierte Termiten taumeln Menschen in dem Trümmerfeld aus geborstenem Metall umher, stützen Verletzte, suchen Angehörige oder verharren in Schockstarre. Schwarzer Rauch hüllt die Szenerie in gespenstisches Zwielicht, das immer wieder von Blaulicht durchzuckt wird. Eine tobende Gewitterwolke direkt am Boden. Die Rettungs-Teams müssen eine halbe Ewigkeit gebraucht haben, ehe sie sich bis an den Ursprung des Infernos vorkämpfen konnten.

Wieder und wieder dröhnt die eine, die alles entscheidende Frage durch mein Bewusstsein: Wie konnte das passieren?

Nach wenigen Minuten muss ich einsehen, dass mein Vorhaben zu keinen Resultaten führen wird. Das üppig wuchernde Blätterdach ist einfach zu dicht, um einen Blick auf den Boden zu erhaschen. Seit meinem letzten Rundflug muss die Vegetation deutlich an Stärke und Wachstum zugenommen haben; jedenfalls kann ich mich nicht entsinnen, dass der bis zum Horizont reichende grüne Ozean jemals so lückenlos war.

Rehauge scheint von diesem Anblick regelrecht überwältigt zu sein. Mit geweiteten Augen starrt sie in stummer Ergriffenheit aus dem Kabinenfenster. Offensichtlich hat sie den Shaden Forest noch nie aus dieser Perspektive gesehen.

Mit jeder weiteren verstreichenden Sekunde wird klarer, dass der Flug reine Zeitverschwendung war. Mir bleibt nichts anderes übrig, als die Rückkehr anzuordnen. Die Präsenz des Bürgermeisters wird dort gebraucht, wo sein Platz ist.

In Porterville.

Zurück im Hudson Tower verabschiede ich mich von Rehauge, gebe ihr zuvor jedoch eine Prioritätsnummer, unter der sie mich unverzüglich kontaktieren soll, falls sie weitere Energie-Anomalien feststellen sollte. Im Büro erfahre ich von der ungewohnt angespannten Sally, dass die Zahl der Audienz-Kandidaten während meiner Abwesenheit auf das Doppelte angewachsen ist. In der ganzen Stadt schwelen Problemherde, die alle nach dem Ereignis ausgebrochen sind. Bevor ich den nächsten Hiobs-Botschafter hereinbitte, gehe ich zu meinem ‚Frozen King A plus‘, bereite mir einen doppelten Dalmore on the Rocks zu und überfliege am Schreibtisch die Namensliste der Wartenden. Ich versuche, irgendein Muster zu erkennen, einen roten Faden unter den Fachbereichen. Es gibt keinen. Der gesamte Organismus von Porterville scheint betroffen zu sein.

Mit tiefen Sorgenfalten tritt Sheriff Parker an den Schreibtisch.

„Eure Exzellenz, ich bedaure, Sie über eine beunruhigende Status-Entwicklung in Kenntnis setzen zu müssen.“

Mit sarkastisch verzogenen Mundwinkeln deute ich zum Fenster hinaus. „Sie meinen, beunruhigender als ein Energie-Blackout, zerstörte Straßen und kollabierende Kommunikationsnetze?“

„Auf längere Sicht vermutlich ja“, entgegnet Parker.

Sein Blick lässt bei mir augenblicklich sämtliche inneren Alarmglocken aufschrillen. Dieser alte Haudegen hat schon unzählige Schlachten geschlagen und wie kein Zweiter die dunkelsten Abgründe des Systems kennengelernt und mitgestaltet. Er ist ein Temperaments- und Instinktmensch, der seine Emotionen stets offen zur Schau trägt. Auch in der vergangenen Stunde war sein Gesicht ein offenes Buch, in dem man überdeutlich Ungeduld, Nervosität und Zorn lesen konnte.

Nicht jedoch Furcht.

Für diese Regung war in Parkers Gefühls-Kanon nie eine Stimme vorgesehen. Sie existierte nicht. Umso verstörender ist die Intensität, mit der sie sich nun erhoben hat. Sie überlagert alles andere.

„Es sind die Hobos“, fährt er verunsichert fort.

Ich stutze erneut. „Die Obdachlosen? Was ist mit denen?“

Mit betretener Miene blickt Parker auf das Display seines Gray-Sticks, so als könne er immer noch nicht fassen, was er da liest.

„Die Verbindung … Wir scheinen sie verloren zu haben.“

Entgeistert lasse ich das Scotch-Glas sinken. „Das kann nicht Ihr Ernst sein. Das Steuerungs-System ist absolut krisensicher. Es kann nicht ausfallen.“

Parker hebt in einer erschreckend hilflos wirkenden Geste die mächtigen Schultern. „Das dachten wir ebenfalls. Bis heute …“

Ich kann immer noch nicht fassen, was ich da gerade gehört habe. „Nur damit wir uns richtig verstehen: Sie behaupten also tatsächlich, dass unsere ‚geheime Garde’ von mental retardierten Obdachlosen … außer Kontrolle ist?“

Als wäre das kleine Gerät an allem schuld, deutet der Sheriff demonstrativ auf den Gray-Stick. „Ich kann nur weitergeben, was mir die Zentrale meldet. Laut dem Chief of Control ist das Signalsystem, mit dem wir sämtliche Aktivitäten der Hobos koordinieren, komplett zusammengebrochen. Ich habe für diesen Vorfall keine Erklärung. Theoretisch ist das vollkommen unmöglich …“

In diesem Moment kommt mir ein Ausspruch des berühmten englischen Empirikers Thomas Henry Huxley in den Sinn.

Die größte wissenschaftliche Tragödie ist, wenn eine hässliche Tatsache eine schöne Theorie ermordet.

Konsterniert blicke ich Parker an. „Gibt es irgendwelche Prognosen, wie sich die Situation entwickeln wird?“

Parker wischt sich die schweißnassen Haare aus der Stirn. „Unsere Analysten arbeiten fieberhaft an Reaktions-Modellen, aber da ein solcher Fall niemals zuvor aufgetreten ist, gibt es keinerlei Vergleichsparameter, auf die sie zurückgreifen können.“

„Und das bedeutet?“

Wieder sehe ich den so irritierend fremd wirkenden Funken der Angst im Blick des Sheriffs aufflackern. Er scheint sich innerlich zu winden, will nicht mit der Sprache heraus.

„Das … lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt –“

Ich schlage mit der flachen Hand auf den Tisch. „Hank! Was wird passieren?“

Ein Pistolenschuss zwischen die Beine hätte Parker kaum heftiger zusammenzucken lassen. Der Mann ist nur noch ein Schatten seinerselbst.

„Eure Exzellenz, ich … bitte um Verzeihung, aber präzise Vorhersagen sind einfach nicht möglich. Bisher war jeder Obdachlose permanent an sein individuelles Leitsignal gekoppelt, das wiederum von der Hauptsteuerung koordiniert wurde.“

Ich wedele unwirsch mit der Hand. „Das ist mir doch alles bekannt! Vom Zeitpunkt ihrer kognitiven Deformation an standen die Obdachlosen permanent unter unserem Einfluss. Wir waren ihr Wille und das Zentrum ihres verbliebenen Rests an Identität.“

Parker nickt mit versteinerten Gesichtszügen. „Sie waren wie Ameisensoldaten, die sich ohne Verstand und eigene Motivation den Zielen der Königin unterordneten.“

„Doch nun ist die Königin verstummt“, führe ich den Gedanken zu Ende und denke an den Obdachlosen in der Fußgängerzone und den zweiten an der Hauswand.

„Sie sind von jeder ordnenden und lenkenden Kraft abgeschnitten“, fährt der Sheriff fort. „Ohne Führung irren sie herum wie … wandelnde Koma-Patienten. Sie können nicht denken, nicht sprechen oder fühlen. Nur leben.“

„Und was lebt, will fressen …“, ergänze ich betreten.

Es ist eine schier monströse Vorstellung, doch ich muss die unleugbare Tatsache akzeptieren, dass von nun an über zweitausend geist- und verstandlose Körper die Sicherheit meiner Stadt bedrohen.

Die Geister, die wir einst riefen, haben sich der Macht ihrer Meister entzogen.

Noch ahne ich nicht, dass der heutige Tag einst viele Namen tragen und untrennbar mit umwälzenden Ereignissen verbunden sein wird, die Porterville für immer veränderten. Eines davon wird man in einem unscheinbaren und doch historischen Satz zusammenfassen:

Der Marsch der Seelenlosen hat begonnen.

- 6 -

95 Minuten nach dem Ereignis

Noch bevor ich mit der Einsatzplanung für die Kriseneindämmung beginnen kann, meldet sich Sally, spürbar beunruhigt, über die Gegensprechanlage.

„Eure Exzellenz, soeben wurde ein Code 2 aus dem nördlichen Sektor gemeldet.“

In diesem Moment gibt der Gray-Stick des Sheriffs einen schrillen Alarmton von sich. Auch er scheint die Nachricht erhalten zu haben.

Irritiert drücke ich den Sprechknopf. „Ist die Meldung verifiziert?“

„Ja, Sir. Der Code 2 wurde mehrfach bestätigt.“

Ein dumpfer Kopfschmerz beginnt zwischen meinen Schläfen zu pochen. Die ohnehin extrem angespannte Situation hat sich soeben in einen Ausnahmezustand mit konkretem Gefahrenpotenzial verwandelt. Ein Code 2 bezeichnet den physischen Angriff auf die städtische Sicherheit. Ein Blick ins Gesicht des Sheriffs bestätigt meine Befürchtung.

Es ist ernst.

„Gibt es bereits Einzelheiten?“

“Offensichtlich wurde ein Sicherheits-Team attackiert, das die Bergungsarbeiten auf der Nordroute koordinieren sollte“, erklärt Sally nervös.

In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Sollte es tatsächlich möglich sein, dass alle bisherigen Geschehnisse Teil eines systematisch geplanten Guerilla-Angriffs waren? Und wenn ja – wer führt ihn?

Hastig betätige ich erneut den Knopf. „Geben Sie mir sofort den Status von Martin Prey durch!“

Kaum drei Sekunden später erfolgt die Antwort. „Position unverändert, Isolierblock 1, höchste Sicherheitsstufe.“

Wenigstens etwas.

„Lassen Sie die Sicherheitsstufe auf alle neun Blöcke ausweiten. Sämtliche internen Dienste sind in Alarmbereitschaft zu versetzen. Security auf Position. Die Audienz ist beendet.“

Kaum habe ich den letzten Satz ausgesprochen, tritt Parker an mich heran. Sein Gesicht hat die Farbe des ‚bleichen Mannes’ angenommen.

„Nach aktuellem Informationsstand ist ein sechsköpfiges Schutz-Team von Unbekannten am Waldrand angegriffen worden. Fünf Männer wurden verschleppt, einer konnte schwer verletzt geborgen werden. Er liegt im Kennedy Medical Center. Die Suche nach den Vermissten läuft bereits auf Hochtouren.“

Ich leere das Scotch-Glas in einem Zug und stehe auf. „Ist der Verletzte ansprechbar?“

„Nur sehr eingeschränkt“, erwidert Parker. „Er hat eine Schädelfraktur und durch den hohen Blutverlust –“

„Dann los!“

Eine knappe Viertelstunde später stehen wir vor dem Bett von Lieutenant Fernandez. Der Mann sieht aus, als wäre er durch den Fleischwolf gedreht worden. Offene Wunden und Hämatome, so weit das Auge reicht; kaum ein Quadratzentimeter seines Körpers scheint unversehrt zu sein. Besonders der Kopf sieht übel aus. Der behandelnde Arzt sagt uns, dass Fernandez es allein seiner außergewöhnlich guten Konstitution zu verdanken habe, noch am Leben zu sein. Für den Versuch einer Befragung räumte uns der Doc maximal fünf Minuten ein, dann müsse der Patient sediert und für die OP vorbereitet werden.

Zögernd beugt sich der Sheriff zu Fernandez herab.

„Joaquín? Können Sie mich verstehen?“

Der Mann gibt ein leises Ächzen von sich und seine Augenlider zucken.

Parker senkt seinen großen Kopf noch tiefer herunter. „Joaquín – was ist da draußen passiert?“

Wieder ein gequältes Stöhnen. Dann ein heiseres, kaum hörbares Flüstern.

„Hinterhalt …“

Der Sheriff reibt sich nervös über das Kinn. „Wir haben nicht viel Zeit, Joaquín. Sie müssen uns alles erzählen. Was haben Sie gesehen?“

Einige Sekunden herrscht Stille. Dann öffnet der Schwerverletzte erneut die rissigen Lippen.

„Sie … waren plötzlich da … Zwischen den Bäumen.“

„Wer?“, entfährt es mir, lauter als beabsichtigt.

„Schatten …“, haucht Fernandez.

„Schatten?“, fragt Parker erstaunt. „Wie meinen Sie das?“

„Keine Gesichter … Nur Augen und … Farben.“

Irritiert blicke ich den Sheriff an. „Was soll das heißen? Phantasiert er?“

„Ich weiß es nicht“, murmelt der Sheriff und wendet sich wieder Fernandez zu. „Sie konnten also keine Gesichter erkennen. Waren die Angreifer maskiert?“

Doch der Mann scheint sein Umfeld nicht mehr wahrzunehmen. Immer wieder flüstert er die Worte ‚Augen’ und ‚Farben’, ehe er wieder in Schweigen verfällt. Als der Arzt an uns herantritt, um die Befragung abzubrechen, unternimmt Parker einen letzten Versuch. Er beugt sich ruckhaft zu Fernandez’ Gesicht hinab, bis sich die Lippen der beiden Männer fast berühren. Eine bizarre Kuss-Geste ohne Happy End.

„Reißen Sie sich zusammen, verdammt! Von Ihrer Aussage hängt das Leben meiner Männer ab! Wer hat Sie angegriffen?“

Der Doc hebt verärgert die Hand. „Ich muss energisch protestieren – der Patient darf nicht weiter belastet werden!“

Ich betrachte Fernandez’ ausdruckslos verschleierte Augen und nicke. Es hat keinen Zweck, der Mann ist endgültig weggetreten. Mit einer knappen Kopfbewegung signalisiere ich dem Sheriff und meinen Bodyguards, dass es Zeit für den Aufbruch ist. Das OP-Team ist bereits eingetroffen und beginnt mit den Vorbereitungen für den Transport.

Als ich bereits in der Tür bin, verharre ich unvermittelt. Der Schwerverletzte, dessen Mund und Nase bereits von einer Narkosemaske umschlossen sind, hat gerade ein letztes, kaum hörbares Wort von sich gegeben. Es klang wie ein langgezogenes „Daaaaa …“

Ich wende mich um und blicke ihn an. Fernandez hat, zum Erstaunen aller Umstehenden, seinen Oberkörper halb aufgerichtet und deutet mit seiner ausgestreckten, stark zitternden rechten Hand auf die gegenüberliegende Wand. Irritiert blicke ich in die gewiesene Richtung. Kein Zweifel, der Mann zeigt auf eines der Gemälde, die seit jeher die Patientenzimmer des Kennedy Medical Centers zieren. Natürlich nur Kunstdrucke, aber von ausgezeichneter Qualität. Das betreffende Bild zeigt den englischen Staatsmann Lord Baltimore, der unserem wunderschönen Bundesstaat zu Ehren von Königin Henrietta Maria einst den Namen Maryland gab.

Aber was soll das bedeuten? Ob einer der Angreifer einen ähnlich markanten Spitzbart wie der Lord hatte? Das würde allerdings nicht dazu passen, dass Fernandez sich an keine Gesichter erinnern kann. Auch Parker schüttelt verwirrt den Kopf. Das Ganze bleibt ein Rätsel, das hier und heute nicht mehr zu lösen sein wird, denn inzwischen hat die Wirkung der Narkose eingesetzt. Fernandez hat das Bewusstsein verloren, und niemand kann sagen, ob er es je zurückerlangen wird.

- 7 -

130 Minuten nach dem Ereignis

Der unvorhergesehen heftige Regen, der uns vor der Klinik empfängt, komplettiert als höhnische Fußnote die Ergebnislosigkeit unserer Klärungsversuche. Da ich die weiteren Entwicklungen nicht vom Tower aus mitverfolgen will, entscheide ich mich, den Sheriff zur Zentrale zu begleiten und dort den Krisenstab einzurichten.

Wie immer kommt es mir nach dem Passieren der Sicherheits-Schleuse so vor, als würde ich in einen summenden Hightech-Bienenstock eintauchen, dessen Aberhunderte Waben aus leuchtenden Monitoren bestehen. Augenblicklich werden wir von Parkers Entourage umringt, die uns mit diversen technischen Updates überschüttet. Ein Stichwort lässt mich sofort aufhorchen: Orbitaler Signalverlust.

„Ist das der Grund dafür, dass wir über die Obdachlosen keine Kontrolle mehr haben?“, frage ich.

Der graumelierte Mittfünfziger, dessen Namensschild ihn als Dr. Glenn Haynthorp ausweist, nickt zögernd. Kleine Schweißperlen stehen auf seiner Stirn, was mit Sicherheit nicht am wohlklimatisierten Kontrollraum liegt. „Alles deutet darauf hin, Exzellenz.“ Er weist hinter sich. „Wenn Sie möchten, kann ich es Ihnen dort drüben am Bildschirm zeigen.“

Kurz darauf sind wir an Haynthorps Arbeitsplatz. Auf dem großen Monitor ist eine stilisierte Grafik zu sehen. Die untere Linie kennzeichnet die Erdoberfläche, auf der ein langgestrecktes Rechteck die Stadt Porterville markiert. Weit darüber, laut Anzeige in einer Höhe von knapp 15.000 Meilen, verläuft eine leicht gekrümmte Linie, die eine Satelliten-Umlaufbahn darstellt.

„Unser städtisches Beobachtungs- und Koordinationsprogramm basiert auf dem Zusammenspiel diverser, perfekt aufeinander abgestimmter Navigations-Satelliten“, erläutert Haynthorp. „Dabei ist jede Verbindung durch mehrere Backup-Systeme gesichert, die singuläre Schadensfälle problemfrei auffangen können.“ Er wischt sich angespannt über die Stirn. „Nach dem Erdbeben kam es jedoch zu einem unerwarteten und in diesem Ausmaß als ausgeschlossen geltenden Totalzusammenbruch der Signalkette.“

„Und seither haben wir keinerlei Verbindung mehr zu irgendeinem unserer Satelliten?“, frage ich ungläubig.

„So ist es, Sir. Zunächst gingen wir davon aus, dass infolge des Erdstoßes unser Kontrollsystem in Mitleidenschaft gezogen wurde und die Fehlerquelle somit bei uns liegt. Doch es scheint genau andersherum zu sein.“

Ich verschränke die Arme vor der Brust. „Andersherum?“