Porterville - Folge 11: Der Hudson-Code - Raimon Weber - E-Book

Porterville - Folge 11: Der Hudson-Code E-Book

Raimon Weber

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Beschreibung

"Der alte Mann, der an einem großen Tisch inmitten der Bibliothek sitzt, hört mich kommen. Er grunzt etwas Unverständliches, hebt kurz die Hand zum Gruß und fährt fort, etwas in ein aufgeschlagenes Buch zu kritzeln. Dabei drückt er den Stift so fest auf, dass ich höre, wie das Papier zerreißt. "Wie geht es Ihnen heute?", frage ich freundlich und gehe langsam auf ihn zu. Der Alte reagiert nicht. Als ich über seine Schultern blicke, erkenne ich, dass er wahllos einzelne Wörter in dem Buch – es ist der Roman Haben und Nichthaben von Ernest Hemingway – durchstreicht. Dahinter steckt weder ein Sinn noch irgendein System. Die wochenlangen Verhöre, verbunden mit mehr oder weniger ausgefeilten Folterungen, haben ihn einen Großteil seines Verstandes gekostet. Er trägt eine hellgraue Hose und ein abscheuliches Hemd mit aufgedruckten Papageien. Während ich dem alten Mann bei seiner absurden Betätigung zuschaue, bildet sich in seinem Schritt ein größer werdender Fleck." (Howard K. Brenner / Porterville, Jahr 0048)

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EPUB

Seitenzahl: 57




PORTERVILLE

- Folge 11 -

„Der Hudson-Code“

Raimon Weber

- Originalausgabe -

2. Auflage 2013

ISBN 978-3-942261-55-5

Lektorat: Hendrik Buchna

Cover-Gestaltung: Ivar Leon Menger

Fotografie: iStockphoto

Psychothriller GmbH

www.psychothriller.de

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der mechanischen, elektronischen oder fotografischen Vervielfältigung, der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, des Nachdrucks in Zeitschriften oder Zeitungen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung, der Vertonung als Hörbuch oder -spiel, oder der Dramatisierung, der Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen, Video oder Internet, auch einzelner Text- und Bildteile, sowie der Übersetzung in andere Sprachen.

Ein Buch zu schreiben, dauert Monate. Es zu kopieren, nur Sekunden. Bleiben Sie deshalb fair und verteilen Sie Ihre persönliche Ausgabe bitte nicht im Internet. Vielen Dank und natürlich viel Spaß beim Lesen! Ivar Leon Menger

Prolog

„Wie ich diese Festivitäten hasse! Alles was glaubt, Rang und Namen zu haben, ist versammelt. Aynsley Vester, der verfettete Leiter der Instanz für Gesundheit und ein Musterbeispiel für Inkompetenz, schüttet einen weiteren Drink in sich hinein. Dann hält er eine der jungen Bedienungen am Arm fest und flüstert ihr etwas ins Ohr. Das Mädchen errötet, lacht gekünstelt und entwindet sich aus seinem Griff. Erst kürzlich hat Vester ein öffentliches Keuschheitsgelübde abgelegt. Um sich voll und ganz dem Dienst an seinen Mitmenschen widmen zu können. Ganz im Sinne von Eleanor Dare-Sato. Der Heuchler sieht, wie ich auf ihn zukomme und sucht erfolglos nach einer Möglichkeit, mir zu entfliehen. Ich kann in seinen Augen erkennen, dass er mich fürchtet. Mich und meine strahlendweiße Uniform mit den glänzenden Orden. Es ist an der Zeit, dass die Machete wieder tanzt. Aynsley Vester wird schon bald ihre Bekanntschaft machen.“

Gerome Landino

Leiter der Instanz für Innere Sicherheit & Held der Revolution

Porterville, Jahr 0048

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Porterville, 0048

Erst sind es nur ein paar einzelne Tropfen. Schließlich sind es so viele, dass sie sich zu einer Pfütze auf der gläsernen Schreibtischplatte vereinigen.

Dann hört es auf.

Ich brauche ein paar Sekunden, um zu kapieren, dass ich gerade auf mein eigenes Blut starre.

Diese beschissene Droge versetzt einen nicht nur in gute Laune, sondern hat bisweilen üble Nebenwirkungen und schränkt gewisse Körperfunktionen ein. Es kann auch schon mal vorkommen, dass man sich spontan übergibt. Daher nehme ich Chandra ausschließlich in den eigenen Wänden ein. Obwohl das Zeug nur noch wenig mit dem guten alten Chandra zu tun hat. Es ist mit irgendwelchen Chemikalien gestreckt worden. Daher wandelte sich das ehemals wunderbar anzuschauende Türkis der gallertartigen kirschgroßen Kugeln in ein stumpfes Grau. Als seien sie mit Nebel gefüllt.

Der Kerl namens Lukas, der mich mit diesem Schrott-Chandra und diversen anderen Substanzen versorgt, behauptet, ich bekäme immer nur die allerbeste Qualität.

Ich glaube ihm sogar, denn niemand in seiner Position traut sich, einen Howard K. Brenner reinzulegen. Der Markt ist eben leer gefegt. Man muss sich behelfen.

Ohne Stimmungsaufheller bringen mich die immer häufiger auftretenden Schmerzen in meinen Eingeweiden um. Das ist die Quittung für mein wildes Leben. Ich kann froh sein, wenn das Blut nur aus der Nase tropft. Ein Besuch bei einem Experten der Instanz für Gesundheit, also einem echten Mediziner, nicht einem Laiendarsteller fürs gemeine Volk, kommt nicht in Frage.

Zu groß ist die Gefahr, dass sein Bericht an Stellen gelangt, die für meine Ablösung und Schlimmeres sorgen würden. Eleanor, die Frau des Bürgermeisters, wartet nur auf so eine Gelegenheit.

Howard K. Brenners Zustand ist eindeutig auf langjährigen und übermäßigen Konsum von diversen Rauschmitteln zurückzuführen. Es besteht die Befürchtung, dass er nicht mehr in der Lage ist, weiterhin eine Führungsstelle innerhalb der Verwaltung einzunehmen.

Was soll ich darauf erwidern? Dass diese heruntergekommene Stadt nicht bei klarem Verstand zu ertragen ist? Das wird wohl kaum funktionieren.

Ich greife nach der Holzschachtel mit den Vanille-Zigarillos und öffne sie. Auf dem Boden der Schachtel hockt ein fetter Greybug. Er hat einen Zigarillo komplett verputzt und macht sich gerade über den zweiten und gleichzeitig Allerletzten her.

Wie ist das Vieh da reingekommen?

Mit einem Wutschrei ramme ich ihm einen stählernen Brieföffner in den widerlich grauen Körper. Seine Beine zappeln hektisch, eine gelbliche Masse spritzt aus der Wunde und der graue Käfer verreckt in meiner Zigarilloschachtel.

Deckel zu!

Damit sind meine eigenen Zigarillo-Vorräte erschöpft. Ich werde den Besuch bei dem Verwirrten daher wohl vorverlegen müssen.

Die Wut darüber hat mich zu hastig aufstehen lasten. Der Raum schwankt vor meinen Augen. Bittere Galle schießt mir in die Speiseröhre. Meine tastende Hand verfehlt die Stuhllehne und greift ins Leere. Ich spüre die Beine nicht mehr und lande ungebremst auf dem Fußboden.

Irgendjemand wispert in mein Ohr. Ich öffne die Augen und wende den Kopf zur Seite.

„Häh?“, mache ich.

Da ist niemand außer mir im Raum. Meine Sinne werden zweifellos von den miesen Drogen getäuscht. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mir einbilde Geräusche oder Stimmen zu hören, wo gar keine sind.

Während ich mich mühsam aufrichte, ertastet meine Zunge einen lockeren Schneidezahn. Auch das noch!

Nur mit einer zu weiten Unterhose bekleidet – ich habe in der letzten Zeit deutlich an Gewicht verloren – stehe ich nach Atem ringend vor meinem Schreibtisch. Ich verspüre einen stechenden Schmerz am linken Fuß, mache einen Satz und entdecke einen zweiten Greybug, der soeben seine Beißwerkzeuge in meinen großen Zeh versenkt hat. Ich versuche ihn abzuschütteln, aber der Käfer lässt nicht locker. Mir bleibt nichts anderes übrig, als das Vieh mit den bloßen Fingern zu entfernen.

Der Greybug fühlt sich kalt und etwas glitschig an. Ich schleudere ihn gegen die Fensterfront. Er hinterlässt dort einen Schmierfilm, fällt auf den Teppich und rast davon.

An meinem Zeh sind zwei winzige Einstichlöcher zu erkennen. Zum Glück sind diese Eindringlinge aus dem Draußen nicht giftig. Behaupten zumindest die Wissenschaftler. Trotzdem bilden sie eine Gefahr für Kranke und Säuglinge.

Greybugs fressen absolut alles. Auch einen unachtsamen Howard K. Brenner.

Ich beschließe, mir möglichst bald eine der neuartigen Fallen zu besorgen. Sie wurden erst kürzlich entwickelt und sind nur der Elite vorbehalten. Also auch für mich, schließlich leite ich offiziell immer noch die Umsiedlung, Umerziehung und Neueingliederung von auffälligen Subjekten. Auch wenn mittlerweile die IFIS, die Instanz für Innere Sicherheit, die meisten Aufgaben übernommen hat. Vor allem die Drecksarbeit. Was mir nur recht ist. Schließlich wurde mir von allerhöchster Stelle eine zusätzliche Aufgabe übertragen: Die Überwachung des wichtigsten Idioten der Stadt.

Dann wollen wir mal! Ich muss mir nur noch was anziehen. Obwohl es dem Burschen mit dem weich gekochten Verstand völlig egal ist, ob ich nackt oder im Smoking bei ihm auftauche.

Aber ich werde vorher noch bei Lukas vorbeischauen. Er sprach letztens von einer neuen Alternative zu Chandra. Etwas mit weniger oder vielleicht sogar überhaupt keinen Nebenwirkungen.

Ich werfe mir gerade ein Jackett über, als sich der Monitor im Wohnzimmer einschaltet. Ich muss vergessen haben, die Automatik abzustellen. Ein weiteres Privileg der Elite. Normalsterbliche können zu jeder Tages- und Nachtzeit von den Sendungen der Regierung berieselt werden. Es ist ihnen lediglich erlaubt, die Lautstärke zu verringern.