Prädestination - Markus Stohldreier - E-Book

Prädestination E-Book

Markus Stohldreier

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Beschreibung

Der Prädestinationsbegriff hat im Christentum eine lange und wechselvolle Geschichte hinter sich. Vorliegendes Werk zeigt die wichtigsten Entwicklungslinien dieser Geschichte von der biblischen Zeit bis zum 21. Jahrhundert auf. Dabei kommen - neben grundlegenden Aussagen früherer wegweisender Autoren aus Theologie und Philosophie - auch Bezüge zur heutigen Handhabung des Begriffs und den damit verbundenen Konsequenzen für die Ökumene zur Sprache. Ein Werk, das einen fundierten Einblick gibt und zu weiteren Überlegungen anregt.

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Seitenzahl: 889

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Markus Stohldreier

Prädestination

Entwicklung und Aktualität eines ­umstrittenen Begriffs

W. Kohlhammer GmbH

1. Auflage 2025

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Heßbrühlstr. 69, 70565 Stuttgart

[email protected]

Print:

ISBN 978-3-17-045757-7

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-045758-4

epub: ISBN 978-3-17-045759-1

Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.

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Der Prädestinationsbegriff hat im Christentum eine lange und wechselvolle Geschichte hinter sich. Vorliegendes Werk zeigt die wichtigsten Entwicklungslinien dieser Geschichte von der biblischen Zeit bis zum 21. Jahrhundert auf. Dabei kommen - neben grundlegenden Aussagen früherer wegweisender Autoren aus Theologie und Philosophie - auch Bezüge zur heutigen Handhabung des Begriffs und den damit verbundenen Konsequenzen für die Ökumene zur Sprache. Ein Werk, das einen fundierten Einblick gibt und zu weiteren Überlegungen anregt.

Dr. phil. Dr. theol. Markus Stohldreier studierte kath. Theologie, Philosophie und Geschichte in Münster, Freiburg/Br., Luzern und Paderborn. Er arbeitete zunächst an der Universität zu Köln, danach als Religionslehrer (Oberstufe), Gemeindeleiter und Co-Dekanatsleiter im Bistum Basel.

Inhaltsverzeichnis

A  EinleitungB  Biblische GrundlagenI  Alttestamentliches ZeugnisII  Neutestamentliches ZeugnisIII  Anregungen für die heutige und zukünftige DiskussionC  PatristikI  Apostolische Väter1  Grundgedanken aus verschiedenen Werken2  Anregungen für die heutige und zukünftige DiskussionII  Griechische Kirchenväter1  Justin der Märtyrer (2. Jh.)a  Grundgedanken aus der »Ersten Apologie«b  Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion2  Clemens von Alexandrien († um 215) und Origenes († um 253/54)a  Grundgedanken aus verschiedenen Werkenb  Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion3  Athanasios († 373)a  Grundgedanken aus verschiedenen Werkenb  Anregungen für die heutige und zukünftige DiskussionIII  Lateinische Kirchenväter1  Tertullian († nach 220)a  Grundgedanken aus verschiedenen Werkenb  Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion2  Cyprian von Karthago († 258)a  Grundgedanken aus verschiedenen Werkenb  Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion3  Augustinus († 430) und die Entwicklung zur Synode von Orange (529)a  Zur Lehre des Augustinusb  Entwicklungslinien zur Synode von Orange 4  Boethius († 524)a  Grundgedanken aus »Consolatio philosophiae«b  Anregungen für die heutige und zukünftige DiskussionD  MittelalterI  Zum Prädestinationsstreit im 9. Jahrhundert1  Entwicklungsliniena  Gottschalk von Orbais († 869) und seine Anhängerb  Hinkmar von Reims († 882) und die Synode von Quierzy (853)2  Anregungen für die heutige und zukünftige DiskussionII  11. bis 13. Jahrhundert1  Anselm von Canterbury († 1109)a  Grundgedanken aus »De concordia« und »De libertate arbitrii«b  Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion2  Thomas von Aquin († 1274)a  Frühes Stadiumb  Stadium des Übergangsc  Letztes Stadiumd  Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion3  Bonaventura († 1274)a  Bestimmung des Prädestinationsbegriffsb  Prädestination führt Vorauswissen und Ursächlichkeit einc  Gottes universaler Heilswille und menschliche Freiheitd  Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion4  Johannes Duns Scotus († 1308)a  Prädestination Jesu Christi und Prädestination der Menschen allgemeinb  Heilswegbedeutsamkeit der Relation von »praedestinatio« und »acceptatio« c  Prädestination und Verdammungd  Anregungen für die heutige und zukünftige DiskussionIII  14. und 15. Jahrhundert1  Wilhelm von Ockham († 1347/49)a  Sentenzenkommentar b  »Tractatus de praedestinatione et de praescientia Dei respectu futurorum contingentium«c  Resümee: Prädestination und Verdammung geschehen ohne Einfluss von menschlichen Handlungend  Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion2  John Wyclif († 1384), Jan Hus († 1415) und das Konzil von Konstanz (1414–1418)a  John Wyclifb  Jan Hus und das Konzil von KonstanzE  NeuzeitI  Reformation1  Martin Luther († 1546)a  Vorreformatorische und nachreformatorische Phaseb  Zum Römerbriefc  »Vom unfreien Willen«d  Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion2  Johannes Calvin († 1564)a  Soli Deo gloria b  Doppelte Prädestination – Ausschalten menschlichen Vermögens und Wollensc  Der Mensch ist für seine Sünden verantwortlichd  Die Erwählung bewirkt den Glauben und befreit aus dem Verderbene  Gott scheidet die Erwählten und die Verworfenenf  Kein Heilsuniversalismus, aber Heilsgewissheit in Christusg  Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion3  Philipp Melanchthon († 1560)a  Abschied von Willensunfreiheit und unabänderlicher Prädestination b  Prädestinationsauffassung des späten Melanchthonc  War Melanchthon ein Synergist?d  Anregungen für die heutige und zukünftige DiskussionII  Theologische Streitigkeiten des 16. und 17. Jahrhunderts1  Katholische Auseinandersetzungena  Versuch einer »Antwort auf die Reformation«: Das Tridentinum (1545–1563)b  Zum Gnadenstreitc  Zum kirchlich verurteilten Gnaden- und Prädestinationsbegriff des Cornelius Jansen († 1638)d  Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion2  Reformatorische Auseinandersetzungena  Der Synergistische Streitb  Zu den Auseinandersetzungen von Samuel Huber († 1624) mit Theodor Beza († 1605) und Aegidius Hunnius († 1603)c  Zur Frage nach der »perseverantia sanctorum«: Straßburg 1561d  Kontrovers und unversöhnt: Mömpelgard 1586 e  Arminianismus, Gomarismus und die Dordrechter Synode 1618/19III  Philosophie des 17. bis 19. Jahrhunderts1  Baruch de Spinoza († 1677)a  Zum Religionsbegriffb  Gottesbegriff: Grundgedankenc  Vorsehungd  Prädestinatione  Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion2  Gottfried Wilhelm Leibniz († 1716)a  Gott, die Monaden und die prästabilierte Harmonieb  Leibniz’ Erörterungen von Erwählung im protestantischen Kontextc  Gottes Prädestination als Wollen des Besten und die menschliche Willensfreiheit d  Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion3  Immanuel Kant († 1804)a  Theologie- und Schriftverständnisb  Verletzung des Freiheitsbegriffs durch Prädestinationc  Keine (Aus)Erwählung d  Die Gnade unterstützt die eigenen Kräfte des Menschene  Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion4  Zu den weiteren Entwicklungena  Johann Gottlieb Fichte († 1814)b  Georg Wilhelm Friedrich Hegel († 1831)c  Friedrich Wilhelm Joseph Schelling († 1854)d  Anregungen für die heutige und zukünftige DiskussionIV  Theologie im 19. Jahrhundert1  Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher († 1834)a  »Über die Lehre von der Erwählung«b  »Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche«c  Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion2  Johann Adam Möhler († 1838)a  Kirchliche Einheit als Zentrum theologischer Überlegungen b  Stellungnahme zu Calvinc  Stellungnahme zu Schleiermacherd  Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion3  Søren Aabye Kierkegaard († 1855)a  Kritische Bemerkungen zur Prädestinationslehreb  Annahme einer göttlichen Erwählung?c  Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion4  Weitere Autorena  Grundgedanken verschiedener Theologen in Kurzformb  Anregungen für die heutige und zukünftige DiskussionV  Theologie im 20. und 21. Jahrhundert1  Henri de Lubac († 1991)a  Die »communio« ist bei der Heilsfrage zentralb  Abgrenzung der kirchlichen von der heidnischen Weltanschauungc  Ziel des Kommens Christi: Die Führung aller zur Erfüllung unter Einwirkung der göttlichen Gnaded  Unfehlbare Prädestination der Kirche und keine individuelle doppelte Prädestinatione  Der Weg zum Heil führt über Christus und die Kirche f  Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion2  Karl Barth († 1968)a  Barths Ansatz und die Traditionb  Erwählung als Teil der Gotteslehre und als »gute Nachricht«c  Erwählung als Grund aller Gott-Mensch-Beziehungen und ihre daraus resultierende Stellung in der Dogmatikd  Christus erwählt und ist erwählt. Gottes ewiger Wille in der Erwählunge  Die eine in Christus erwählte Gemeinde »als Israel und als Kirche«f  Individuelle Erwählungg  Vertritt Barth eine Allversöhnungslehre?h  Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion3  Weitere Entwicklungena  Auseinandersetzungen mit Barthb  Weiterführende Ansätze c  »Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre«d  Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion F  Zum SchlussI  Die wichtigsten Anregungen zur weiteren Diskussion im ÜberblickII  Plädoyer für eine klare Verhältnisbestimmung von Prädestination und Erwählung auf biblischer Basis1  Zur Problematik der Gleichsetzung von Prädestination und Erwählung2  Biblische Differenzierungen3  Konsequenzen für weitere ÜberlegungenG  AnhangAbkürzungenLiteraturverzeichnis

A  Einleitung

Prädestination ist »in der Theologie die Lehre, dass das menschliche Wollen vollständig durch Gott bewirkt und bestimmt wird.«1 Wie sieht diese göttliche Bestimmung aus? Hat Gott das menschliche Schicksal bereits in der Vergangenheit bewirkt und bestimmt? Oder greift er auch heute noch ein? Wie steht es angesichts des göttlichen Wirkens mit der menschlichen Gedanken- und Handlungsfreiheit? Ist sie real vorhanden? Und worauf läuft dieses Gott-Mensch-Verhältnis hinaus? Was ist das Ziel?

Diese Fragen sind von jeher umstritten. Sie wurden und werden von Theologen2 höchst kontrovers diskutiert. Bereits das antike Christentum beschäftigte sich damit. Augustinus entwickelte erstmalig in der Dogmengeschichte eine systematische Prädestinationstheorie,3 deren Auswirkungen die Theologie bis heute beschäftigt und zukünftig beschäftigen wird. Welche Prädestinationsauffassungen vertraten, neben Augustinus, frühere Theologen und Philosophen bis ins 20./21. Jahrhundert? Welche Theorien waren maßgeblich? Wie aktuell sind sie heute? – Diese Fragen stehen im Zentrum vorliegender Arbeit und werden folgendermaßen behandelt:

Nach der Erörterung biblischer Aussagen wird die Patristik mit Auffassungen der Apostolischen Väter sowie der Griechischen und Lateinischen Kirchenväter zu Wort kommen. Bei Letztgenannten wird die Lehre des Augustinus besonders gewichtet. Im Mittelalter kam es im 9. Jahrhundert zu einem großen Prädestinationsstreit, der von Gottschalk von Orbais ausgelöst wurde4 und daher ebenfalls thematisiert wird. Danach kommt die klassische mittelalterliche Tradition mit Autoren des 11. bis 13. Jahrhunderts zur Sprache und daran anschließend Theorien des 14./15. Jahrhunderts, die teils noch in dieser Tradition standen (Ockham)5 und teils von Reformatoren als ihre eigenen Vorläufer betrachtet wurden (Wyclif, Hus)6. Zur Reformation werden die einflussreichen Theorien Luthers, Calvins und Melanchthons behandelt. Sodann kommen die katholischen und reformatorischen Kontroversen des 16./17. Jahrhunderts zur Sprache. Ein weiterer Schwerpunkt wird auf die Philosophie des 17. bis 19. Jahrhunderts gelegt, weil diese Zeit durch einen fortschreitenden Prozess der Trennung von Philosophie und Theologie gekennzeichnet war und sich nun die Frage stellte, wie Philosophen die Prädestinationsproblematik behandelten. Auf theologischer Seite herrschten im 18. Jahrhundert »die fest gewordenen konfessionellen Positionen«.7 Die dortige Diskussion setzte erst im 19. Jahrhundert wieder ein; dazu wird Schleiermachers bedeutendes Werk zur Sprache kommen, aber auch Johann Adam Möhlers Theorie als katholischer Beitrag und die Ausführungen Søren Kierkegaards mit ihrer spezifischen Betonung des Freiheitsbegriffs8. Auf die Entwicklung des 20./21. Jahrhunderts hatte Karl Barths Prädestinationslehre maßgeblichen Einfluss. Henri de Lubacs Theorie nahm bereits wichtige Elemente von Barths Lehre voraus9 und wird deshalb vor dieser behandelt. Anschließend werden diverse Auseinandersetzungen zu Barth erörtert sowie die Frage nach Neuansätzen und die für die Ökumene bedeutsame »Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre«10.

Zu den behandelten Themen werden jeweils auch Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion zur Sprache kommen. Bei all dem ist die Grundthese tragend, dass unter Zugrundelegung des biblischen Befundes die Annahme einer »doppelten Prädestination«, wie sie in der klassischen Theologie vertreten wurde, aufgegeben werden muss; das individuelle Schicksal entscheidet sich »im endzeitlichen Gericht«.11 Eine klare Differenzierung zwischen den Begriffen der Prädestination und der Erwählung auf biblischer Basis ist anzustreben,12 um zukünftige Missverständnisse zu vermeiden.

B  Biblische Grundlagen

I  Alttestamentliches Zeugnis

Obgleich der Begriff der Prädestination als solcher ein ausschließlich neutestamentlicher Begriff ist,1 ist das Thema auch im Alten Testament präsent: Nach Dtn. 32,8f teilte Gott die Menschheit auf, »legte die Gebiete der Völker nach der Zahl der Gottessöhne fest« und »nahm sich sein Volk als Anteil, Jakob wurde sein Erbteil.«2 Hier deutet sich an, dass innerhalb von Israels Erwählung nur Heilsgemeinde-Mitglieder aufgrund der souveränen Setzung Gottes als dem Heil zugänglich gelten, wohingegen alle anderen bereits vor dem eigenen Wählen und Handeln »als massa perditionis angesehen« werden. »Solche Anschauung begegnet nach bisherigem Erkenntnisstand ausschließlich im Bereich authentischer Theologie der Gemeinde von Qumran.«3

Die Erwählung wird auf das Volk Israel bezogen. Sie wird abstammungsmäßig (über Jakob und Isaak) an Abraham gebunden und inhaltlich an die Tora, welche Inhalt des Bundes und des Erwählungsauftrages ist. Ergänzt wird dies durch die Erwählung von Jerusalem/Zion als Ort des Heiligtums Gottes.4

Mit der Auffassung von Israel als erwähltem Volk Gottes ist dessen Geschichte und, damit zusammenhängend, die Frage nach den Möglichkeiten menschlicher Freiheit angesprochen. Diese Geschichte ist durchgehend davon geprägt, dass menschliche Freiheit und Gott als deren Geber nicht voneinander zu lösen sind. »Die Menschen müssen sich an dieser Freiheit beteiligen.«5

Allerdings ist diese Partizipation nicht frei von Problemen. Dies wird im Buch Genesis deutlich: Gott erschafft den Menschen als sein Abbild, segnet ihn und sagt zu den Menschen, sie sollen fruchtbar sein, sich mehren, die Erde füllen und sie unterwerfen (כָּבַשׁ [kabasch]6 bedeutet wörtlich »seinen Fuß auf etwas setzen«7).8 Diese Aussagen nutzt der Mensch dazu, alles selbst zu bestimmen, was zu »Katastrophen auf verschiedenen Ebenen« führt,9 so beispielsweise zur Ermordung Abels durch seinen Bruder Kain,10 oder zum Turmbau zu Babel11. Jedoch handelt es sich bei diesen Geschehnissen um kein unabwendbares Schicksal, sondern das menschliche Leben bewegt sich stets in einer Verbindung zwischen göttlicher Lenkung und dem individuellen Umgang damit.12

Die Relation von göttlicher Prädestination und menschlicher Entscheidungsfreiheit wird in hellenistischer Zeit in der Weisheitsdichtung besonders zu einem Thema. Hier ist speziell das Buch Jesus Sirach zu erwähnen.

Nach Sir. 33,10–13 kommen alle Menschen vom Erdboden. Der Herr habe sie getrennt und ihre Wege unterschiedlich gestaltet. Während er die einen gesegnet, erhöht und sich nahegebracht habe, habe er die anderen »aus ihrer Stellung gestürzt. Wie der Ton des Töpfers in seiner Hand – all seine Wege sind nach seinem Gefallen –, so sind die Menschen in der Hand dessen, der sie gemacht hat, um ihnen zu vergelten nach seinem Urteil.« – Andererseits wird in Sir. 15,11–20 in Abgrenzung gegen den stoischen Determinismus »das Problem der Entscheidungsfreiheit ausführlich thematisiert und charakteristisch gelöst […]: Gott hat den Menschen von der Schöpfung an in die Hand seines eigenen ›Willens‹ […] gegeben (Sir 15,14) und ihn damit entscheidungsfähig gemacht«.13

Mit dieser Betonung von Gottes Macht und Handeln am Menschen einerseits und der menschlichen Entscheidungsfreiheit andererseits sind bereits jene »polaren« Ansätze14 erkennbar, die im Verlauf der Diskussionen um die Prädestination immer wieder zur Sprache kommen werden. Dabei darf nicht vergessen werden, dass im alttestamentlichen (und neutestamentlichen) Denken noch keine »definitive göttliche Heils- oder Unheilsverfügung über den Menschen […] vor aller Zeit ohne Rücksicht auf menschliches Handeln […] in solcher Eindeutigkeit« gegeben ist wie in der späteren Tradition.15

II  Neutestamentliches Zeugnis

Im Neuen Testament kommt der Begriff »vorherbestimmen« (προορίζειν)16 nur sechsmal ausdrücklich vor: Apg. 4,28; Röm. 8,29f; 1 Kor. 2,7; Eph. 1,5 u. 11. Ein wichtiger sinngleicher Ausdruck ist der von Gottes »Ratschluss« bzw. »Vorsatz« (πρόθεσις) in Röm. 8,28 u. 9,11, Eph. 1,11 u. 3,11 sowie 2 Tim. 1,9.17 Nach Eph. 1,4 »hat er [Gott, M.S.] uns erwählt (ἐξελέξατο) vor der Grundlegung der Welt«. – Zu den biblischen Texten im Einzelnen:

Paulinische und deuteropaulinische Schriften

Röm. 8,28ff und Eph. 1,3–14 gelten als loci classici für die Annahme einer Prädestination.18

Röm. 8,28ff spricht die Vorherbestimmung der Christen an.19 Dort heißt es:

»28 Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht, denen, die gemäß seinem Ratschluss berufen sind;

29 denn diejenigen, die er im Voraus erkannt hat, hat er auch im Voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben [besser übersetzt: dem Bild seines Sohnes gleichgestaltet zu sein – συμμόρφους τῆς εἰκόνος τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ, M.S.], damit dieser der Erstgeborene unter vielen Brüdern sei.

30 Die er aber vorausbestimmt hat, die hat er auch berufen, und die er berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.«

Paulus unterscheidet nach diesem Text beim Handeln Gottes den vorzeitigen Gesichtspunkt (»er hat im Voraus erkannt« [προέγνω], »er hat im Voraus bestimmt« [προώρισεν]) vom historischen (»er hat gerecht gemacht« [ἐδικαίωσεν], »er hat verherrlicht« [ἐδόξασεν]). Das Vorausbestimmen wird hier durch die Aussage »dem Bild seines Sohnes gleichgestaltet zu sein« expliziert. »Des Paulus ganzes Interesse ist also die Prädestination zum Heil (vgl. Röm. 1,16 […]). Von einer Prädestination zur Verdammnis spricht er hier bezeichnenderweise nicht.«20

In Eph. 1,3–14 ist zu lesen:

»3 Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus. Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel.

4 Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Grundlegung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor ihm.

5 Er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und zu ihm zu gelangen nach seinem gnädigen Willen,

6 zum Lob seiner herrlichen Gnade. Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn.

7 In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade.

8 Durch sie hat er uns reich beschenkt, in aller Weisheit und Einsicht,

9 er hat uns das Geheimnis seines Willens kundgetan, wie er es gnädig im Voraus bestimmt hat in ihm.

10 Er hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen, das All in Christus als dem Haupt zusammenzufassen, was im Himmel und auf Erden ist, in ihm.

11 In ihm sind wir auch als Erben vorherbestimmt nach dem Plan dessen, der alles so bewirkt, wie er es in seinem Willen beschließt;

12 wir sind zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt, die wir schon früher in Christus gehofft haben.

13 In ihm habt auch ihr das Wort der Wahrheit gehört, das Evangelium von eurer Rettung; in ihm habt ihr das Siegel des verheißenen Heiligen Geistes empfangen, als ihr zum Glauben kamt.

14 Der Geist ist der erste Anteil unseres Erbes, hin zur Erlösung, durch die ihr Gottes Eigentum werdet, zum Lob seiner Herrlichkeit.«

Der ganze Teil kann als »ein einziger Satz«21 verstanden werden, bei dem es zur Verwendung einer Eulogie kommt (vgl. V 3: »Gepriesen« [Εὐλογητὸς]). Inhaltlich steht die vorzeitliche Erwählung und Bestimmung am Anfang (VV 4–6a); daran schließen sich die Erlösung und die Vergebung der Sünden an, die in der Geschichte erfolgt sind (VV 6b-7); darauf folgt das Geheimnis der Zusammenfassung des Alls (τὰ πάντα) in Christus als Haupt (VV 8ff) und schließlich der Schlussteil, der »durch den Gedanken des Erbes 11.14 eingerahmt [wird, M.S.], dessen Vollbesitz noch aussteht.«22 Die VV 5, 9 u. 11 sprechen die Verwirklichung des ewigen göttlichen Ratschlusses bzw. Willens an. Es geht um das Überströmen der Fülle von Gottes Gnade (χάρις, vgl. VV 6b, 7b u. 8) bzw. gnädigem Wollen (εὐδοκία, VV 5 u. 9). Die von Gott vorgenommene Erwählung und Bestimmung des Menschen führt in diesem Text jedoch zu keinem Ausschluss menschlicher Freiheit.23

Röm. 9–11 spricht die Prädestination Israels an.24 Dieser Text ist umstritten. Augustinus, der Aquinate und Calvin sahen ihn als Beleg für eine doppelte Prädestination an, wonach ein Teil zur Seligkeit vorherbestimmt ist und ein anderer zur Verdammung. Indes verwandten ihn Origenes und Johannes Chrysostomos als Beleg für die These, dass unser Schicksal auf unserer freien Antwort auf Gottes Gnade beruht.25

Dass die paulinischen Ausführungen nicht für die Annahme einer doppelten Prädestination menschlicher Individuen sprechen, machen die folgenden Ausführungen deutlich:

• Röm. 9–11 impliziert eine neue Erörterung des Rechtfertigungsbegriffs, unter besonderer Akzentuierung von Israels Existenz.

• 9,18 beinhaltet die Auffassung der »praedestinatio gemina«:26 ἄρα οὖν ὃν θέλει ἐλεεῖ, ὃν δὲ θέλει σκληρύνει.27

• Paulus denkt bei diesem Thema jedoch nicht in erster Linie an menschliche Individuen, sondern »an die korporative Erwählung und Verwerfung« (vgl. 9,6b-9.10–13).28 »Menschen und Menschengruppen« bekommen »ihre geschichtliche Rolle durch Gottes freie Wahl zugewiesen«.29 »Die Berufung der Christen aus Juden und Heiden« wird »aus der Freiheit des Erwählungshandelns Gottes begründet.«30 »Gott kann machen, was er will (19,14–26)«31.

• Paulus ergibt sich keinen Spekulationen über den geheimen Willen Gottes, sondern macht deutlich, dass dem Sünder – ohne dessen eigenes Verdienst – die göttliche Gnade zukommt.32 Hier wird »nichts über die ewige Zukunft der Erwählten und Nichterwählten gesagt, geschweige denn über eine diesbezügliche göttliche Vorentscheidung, die unwiderruflich wäre«.33 Hier ist, wie auch sonst in der Bibel, keinesfalls »von einer Prädestination zu ewiger Verdammnis die Rede.«34

Auf die Frage, wie der göttliche Heilsplan dann aussieht, enthält der bereits zitierte Text Röm. 8,30 (s. o.) eine Antwort: Gemäß ewiger Vorherbestimmung führt der historische Weg für jeden zum Heil Kommenden über die göttliche Berufung und Rechtfertigung. »Dieser Heilsweg geht über den Mittler Jesus Christus und abhängig von ihm über die Kirche (Eph. 1,3–14; 2,10; 3,9–11)«.35 Seitens des Menschen führt der Weg zum Heil über den von Gott geschenkten Glauben (vgl. Eph. 1,13) und die daraus erwachsende Liebe (vgl. Röm. 8,28; 1 Kor. 2,7 u. Eph. 1,18).36

Evangelien

Die Paulus existentiell berührende Israelfrage wird auch in den synoptischen Evangelien theologisch reflektiert. Mk. 4,11f37 deutet Israels Verstocktheit als dem Plan Gottes entsprechend.38 Markus hat dieses Logion eingefügt, um »den Gedanken der Scheidung der Hörerschaft vertiefen, schärfer interpretieren« zu können.39 Die Schrift ist es, die den Verstockungswillen Gottes bezeugt (vgl. Jes. 6,9f). Jedoch bezieht sich die hier angesprochene Vorherbestimmung zum Unheil nicht auf das Volk Israel, »sondern nur auf seine Repräsentanten.«40 Matthäus schwächt diese Aussage ab, Lukas bezieht sie in Apg. 28,25ff deutlich auf das Volk der Juden.

Joh. 12,39f zitiert ebenfalls Jes. 6,9f; diese Aussage ist aber im Rahmen der johanneischen Dialektik zu sehen. Die Sätze in Joh. 12,39 »sie konnten nicht glauben« und in Joh. 12,40 »er hat ihre Augen blind gemacht und ihr Herz hart«, bedeuten, dass Gott es ist, der macht, dass die nichthörenden Menschen zu solchen werden, die wieder hören können.41 Diese Intention lässt sich auch aus dem vorgängigen Text des Johannes ableiten:42 Im Gegensatz zu den Jüngern Jesu, die »aus Gott« sind, können die Juden die Botschaft Jesu nicht hören (vgl. Joh. 8,47). Diese Ausführungen scheinen eine doppelte Prädestination nahezulegen. Andererseits aber hat Gott nach Joh. 3,17 »seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.« Gott hat also nicht von vornherein und irreversibel festgelegt, wer verloren ist und wer zum Heil kommt; eine doppelte Prädestination wird nicht vertreten.

In Richtung einer Prädestination können andere Stellen aus den Evangelien gedeutet werden, nach denen etwas eintreten muss43 oder wird – so etwa, wenn Jesus in Mk. 8,31 sagt: »Der Menschensohn muss vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohepriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er muss getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.« Im Sinne eines »Müssens« ist auch in Lk. 9,22 vom Tod und von der Auferstehung Jesu die Rede. Mk. 9,31 spricht davon, dass dies geschehen wird. Nach Lk. 4,43 ist Jesus dazu gesandt worden, auch den anderen Städten die frohe Botschaft vom Reich Gottes verkünden zu müssen. Was die Jünger sagen müssen, wird sie gemäß Lk. 12,12 der Heilige Geist lehren.

Bei diesen Texten geht es um den Tod und die Auferstehung Jesu sowie um die Verkündigung der frohen Botschaft, die als vorherbestimmt interpretiert werden können – jedoch nicht um die Vorbestimmung menschlicher Individuen zum Heil oder Unheil.

Erster Petrusbrief

1 Petr. 2,4 bezeichnet Christus als λίθον ζῶντα ὑπὸ ἀνθρώπων μὲν ἀποδεδοκιμασμένον, παρὰ δὲ θεῷ ἐκλεκτὸν ἔντιμον.44 Gottes Erwählung betrifft hier jedoch nicht nur Jesus Christus – auch seine Anhänger sollen sich nach dem weiteren Text als lebendige Steine sehen (1 Petr. 2,5). Sie seien das »erwählte Volk« (γένος ἐκλεκτόν).45 Das Heilsgeschehen ist hier nicht als eine vorzeitliche Bestimmung der Kirche gedacht, sondern als ein historisches Geschehen. Jene nämlich, »die nach Hos 2,23 LXX das Nicht-Volk waren, sind jetzt das Volk Gottes (οὐ λαός – λαὸς θεοῦ, 1 Petr 2,10)«; damit wird der Sinn des Hosea-Textes verschoben.46 Denn im Alten Testament ging es um ein innerisraelitisches Geschehen. 1 Petr. beschreibt hingegen »die einzigartige Erwählung der an Jesus Glaubenden mit Stellen aus der (jüdisch-christlichen) Bibel (des AT).«47 Im Neuen Testament ist »die Kirche […] das wahre Israel (Phil 3,3; Gal 6,16).«48 Eine Prädestination eines Teils der Menschen zum Heil und eines anderen Teils zur Verdammung, wie in der späteren Tradition, wird nicht angenommen.

Apostelgeschichte

In Apg. 4,28 wird der Begriff der Prädestination nicht für die Vorherbestimmung zum ewigen Heil verwendet, wie in Röm. 8,29f u. Eph. 1,5.11, sondern »für Gottes Heilsplan überhaupt«.49 Herodes, Pontius Pilatus, die Heiden und die Stämme Israels werden nach Apg. 4,27f alles ausführen, was von Gottes Hand und Willen im Voraus bestimmt wurde (=Prozess Jesu, der zur Kreuzigung führt).

Zum Thema der Prädestination zum ewigen Heil stellt sich nun allerdings die Frage, ob in Apg. 3,21 eine Allversöhnung vertreten wird. Denn einzig an dieser Stelle ist im biblischen Kontext der Begriff ἀποκατάστασις (Wiederherstellung) zu finden.50 Eine nähere Untersuchung führt freilich zu einem anderen Ergebnis. Apg. 3,21 gilt als Höhepunkt von Petrus’ Bekehrungspredigt vor Juden nach einer Gelähmtenheilung. Deren messianische Hoffnungen beinhalteten die von den Propheten verheißene »Wiederherstellung des Paradieses und seines Friedens, des Verheißungslandes, des davidischen Königtums (vgl. dazu Apg. 1,6 […]).«51 Hier geht es also nicht um eine universale, sondern um eine partikularistische Heilserwartung.52

Unbekannt ist indes, wie Lukas sich die »›Wiederherstellung von allem‹ konkret vorstellt«.53 Sowohl Apg. 3,21 als auch Apg. 1,6 »verweisen in einen messianisch-eschatologischen Zusammenhang und stehen damit im Rahmen von grundsätzlichen, von Begriffsinhalt von Apokatastasis allein her nicht entscheidbaren Fragen der biblischen Eschatologie und Soteriologie.«54 Αποκατάστασις ist aufgrund dieser eschatologischen Ausrichtung nicht naturzyklisch oder weltperiodisch zu verstehen,55 sondern bedeutet – wie im Sprachgebrauch vor der Zeit des Origenes überhaupt – »Verwirklichung, Erfüllung, Befreiung […], nicht aber die Idee der Wiederherstellung eines ursprünglichen Zustands.«56

III  Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion

Die bisherigen Darlegungen machten deutlich, dass in der Bibel in unterschiedlichen Kontexten die individuelle, die gemeinschaftliche (AT/‌NT) und die christozentrische (NT) Dimension von Vorherbestimmung zum Tragen kommt. Indes versteht kein biblischer Text den Begriff der Prädestination eindeutig »als definitive göttliche Heils- oder Unheilsverfügung über den Menschen, und zwar vor aller Zeit ohne Rücksicht auf menschliches Handeln«.57 Es wird auch keine Allversöhnung vertreten. 1 Tim. 2,4ff betont zwar, dass Gott das Heil aller Menschen will (vgl. Joh. 3,16), lässt aber offen, wie alles einmal definitiv ausgehen wird. Jesus selbst bewegte sich offenbar »nicht in den theologischen Bahnen eines Prädestinationsdenkens […]. Vereinzelte Anklänge an den Gedanken der Prädestination in synoptischen Jesusworten sind eher Ausdruck nachösterlicher theologischer Reflexion als jesuanischer Predigt.«58

Werden diese unterschiedlichen Zusammenhänge und Inhalte nicht genügend berücksichtigt, kann es schnell zu einseitigen Interpretationen (z. B. die Annahme einer doppelten Prädestination oder einer Allversöhnung) kommen, wie die bald 2000jährige Entwicklung eindrücklich gezeigt hat.

Es gilt, diese Einseitigkeiten aufzudecken und zukünftig zu vermeiden. Dazu muss die Theologie auf historisch-kritischer Basis und entsprechend dem wissenschaftlich aktuellen Stand »sorgfältig erforschen, was die heiligen Schriftsteller wirklich [Hervorhebung M.S.] zu sagen beabsichtigten und was Gott mit ihren Worten kundtun wollte«; zudem sollte »mit nicht geringerer Sorgfalt« der »Inhalt und die Einheit der ganzen [Hervorhebung M.S.] Schrift« beachtet werden,59 um ein möglichst breit abgestütztes Bild zu erhalten. Erst so wird es möglich sein, adäquat mit dem biblischen Befund umzugehen und sinnvolle Beiträge zur heutigen und zukünftigen Diskussion über die Prädestination zu leisten.

C  Patristik

Nach patristischer Auffassung ist die vollendete Partizipation des Menschen an Gottes unvergänglichem Leben letztes heilsgeschichtliches Ziel. Dieses wird hauptsächlich durch eine Gott und Mensch vereinigende geistige Anschauung erreicht.1 Die Frage, inwiefern das Erreichen dieses Ziels göttlicher Prädestination unterliegt, wurde im Laufe der Jahrhunderte zunehmend zu einem Problem theologisch-philosophischer Reflexion. Dies soll nachfolgend anhand der Wiedergabe wichtiger patristischer Autoren deutlich gemacht werden2.

I  Apostolische Väter

Der Begriff »Apostolische Väter« gilt seit dem 17. Jahrhundert als Sammelbezeichnung für frühe außerneutestamentliche Schriften.3 »Bei den Apostolischen Vätern und Apologeten wird der Begriff der Prädestination in weitem Sinn gebraucht.«4 Es kann also noch nicht von ausgesprochenen Prädestinationslehren die Rede sein. Nichtsdestotrotz sollen nachfolgend Grundgedanken anhand von drei Textteilen deutlich gemacht werden.

1  Grundgedanken aus verschiedenen Werken

Ignatius von Antiochien (2. Jh.)5 bezieht sich weniger auf die Vorherbestimmung menschlicher Individuen, als vielmehr auf die besondere Vorherbestimmung einer ganzen Gemeinde,6 wenn er schreibt:

»Ignatius, der auch Theophorus (heißt), entbietet vielmals Gruß in Jesus Christus und in vollkommener Freude der mit Recht überglücklichen Kirche von Ephesus in (Klein-) Asien, die gesegnet ist in der Größe Gottes des Vaters durch reiche Gnade, die vor allen Zeiten vorherbestimmt ist, auf dass sie immerdar sei zum bleibenden, unveränderlichen Ruhme geeint und auserwählt in wahrem Leiden nach dem Willen des Vaters und Jesu Christi, unseres Gottes.«7

Die Didache (wohl im letzten Jahrzehnt des 1. Jahrhunderts entstanden)8 bezieht sich bei ihrer Behandlung der »letzten Tage« ebenfalls nicht explizit auf menschliche Individuen, sondern auf die ganze Menschheit. Das Menschgeschlecht werde »in das Feuer der Prüfung« kommen und viele zugrunde gehen. Jene aber, welche im Glauben ausharren, »werden von dem (durch die Verführer) Verfluchten selbst ›gerettet werden‹.«9 Hier werden biblische Aussagen10 weiterentwickelt. Die These, dass viele zugrunde gehen und die im Glauben Ausharrenden gerettet werden, macht deutlich, dass keine Allversöhnung angenommen wird. Ein Zugrundegehen ist nicht a priori ausgeschlossen, eine Rettung wird den Glaubenden verheißen.

Im Barnabasbrief (zwischen 130 u. 132 entstanden)11 heißt es: »Der Herr wird die Welt richten ohne Ansehen der Person. Ein jeder wird empfangen nach seinen Werken. Wenn er gut ist, wird seine Gerechtigkeit ihm vorangehen; wenn er böse ist, wird der Lohn seiner Schlechtigkeit vor ihm her sein.«12 Der »Weg des Lichtes« besteht darin, dass jener, der »seinen Weg […] bis zum vorgesteckten Ziele« gehen will, »sich beeilen [soll, M.S.] durch seine Werke.«13

2  Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion

Bei Ignatius’ Grußwort ist an erster Stelle die Gemeinde im Blick, im Text der Didache die Menschheit, im Barnabasbrief die Welt. Es geht also jeweils, aus unterschiedlicher Perspektive, zunächst um den gemeinschaftlichen Aspekt. Dass dabei auch der individuelle Weg des Menschen zu einem Thema wird, zeigt sich im Barnabasbrief, der die Werke des Menschen zur Sprache bringt, und in der Didache, wo das Ausharren der Glaubenden wichtig wird.

Die Überordnung der Gemeinschaft, unter Einschluss des Individuums, zur Behandlung der Frage nach dem Gericht Gottes und dem Heil der Menschen ist aus zwei Gründen für die heutige Diskussion von besonderer Relevanz: Einerseits kam es bei der späteren Entwicklung des Prädestinationsbegriffs zu einer verstärkten Konzentration auf die Problematik des individuellen Heils und zur Annahme einer doppelten Prädestination, was zur Frage führen musste, wie ein allmächtiger und menschenliebender Gott den einen Teil zur Seligkeit und den anderen Teil zur Verdammung vorherbestimmen kann. Andererseits leben wir heute in einer individualisierten Gesellschaft, die in dem Moment an ihre Grenzen gerät, wo die Gewichtung des eigenen Heils zu negativen Konsequenzen führt, etwa in Bezug auf die Umwelt oder die friedliche Koexistenz von Menschen.

Den Apostolischen Vätern schien diese individualistische Denkart noch fremd zu sein. Sie machen, wie die Bibel, mit ihren Äußerungen deutlich, dass das Heil nicht vor allem oder ausschließlich das Individuum betrifft, sondern die Gemeinschaft und in ihr das Individuum – dies nicht nur im alltäglichen Leben, sondern auch bei der Frage nach dem endgültigen Heil.

Wenn es im Barnabasbrief heißt, dass jeder nach seinen Werken empfängt, so kann dies unter Zugrundelegung des biblischen Zeugnisses nicht bedeuten, dass der Mensch sich nun aus eigener Kraft und mit Werken das Heil selbst schaffen könnte. »Denn aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft – Gott hat es geschenkt –, nicht aus Werken, damit keiner sich rühmen kann.«14 Diese Aussage ist klar und deutlich, bedeutet freilich auch nicht, dass Werke als solche überflüssig wären. Sie »sind gnadentheologisch die guten Taten der Liebe, die nach der Rechtfertigung aus dem Glauben erwachsen und den Maßstab des Gerichtes bilden.«15

II  Griechische Kirchenväter

Die Frage nach dem Zusammenspiel von menschlicher Freiheit und göttlicher Prädestination ist bei den griechischen Kirchenvätern16 und ihren Auseinandersetzungen mit gegnerischen Auffassungen von besonderer Bedeutung. Die Prädestination ist bedingt durch göttliches Vorauswissen der guten bzw. bösen Taten der menschlichen Individuen und wird als Prädestination von Lohn bzw. Strafe betrachtet. Es wird somit eine bedingte Prädestination vertreten, welche »ein aktives Zusammenwirken […] von göttlicher Gnade und menschlicher Freiheit im Heilsgeschehen ermöglicht.«17

Dazu sollen nun Grundgedanken von Justin dem Märtyrer, Clemens von Alexandrien, Origenes und Athanasios von Alexandrien zur Sprache kommen.

1  Justin der Märtyrer (2. Jh.)

a  Grundgedanken aus der »Ersten Apologie«

Die »Erste Apologie« ist 150–155 entstanden.18 Justin möchte in ihr »gegen den Fatalismus«19 der Stoa20 beweisen, dass wir »nach freier Wahl sowohl recht als auch verkehrt« handeln.21 Wenn wir für unsere Taten verantwortlich sein sollen, dann müssen wir nach Justin einen freien Willen haben. Es gibt für ihn ein göttliches Vorauswissen, das sich auch auf die der Freiheit entspringenden menschlichen Taten erstreckt.22 Gott wisse alle zukünftigen menschlichen Handlungen voraus. Sein Grundsatz sei es, »jedem der zukünftigen Menschen nach dem Verdienste seiner Taten zu vergelten«.23 Deshalb sage er vorher, was den Menschen entsprechend dem Wert ihrer Taten von ihm her zukommen werde. Auf diese Weise bringe er die Menschheit dazu, zu überlegen und sich zu besinnen, indem er zeige, dass er sich um die Menschen kümmere und für sie Vorsorge treffe.24

b  Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion

Justins Annahme einer Willensfreiheit kann auch heute noch als Votum gegen fatalistische25 Tendenzen angesehen werden, die dem Menschen einen freien Willen absprechen.

Anspruchsvoll wird dieser Ansatz in dem Moment, wo die Frage nach einem möglichen Eingreifen Gottes ins Spiel kommt. Wenn Gott »jedem der zukünftigen Menschen nach dem Verdienste seiner Taten« vergilt,26 scheinen dessen Taten und die (ebenfalls im Text erwähnte) göttliche Sorge und Vorsorge das Kriterium für das Zukommen des Heils zu sein.

Auch bei der Beschreibung der Funktion der göttlichen Gnade verhält es sich so:

»Dagegen sind wir gelehrt worden und glauben fest, dass er nur jene in Gnaden annimmt, die das ihm innewohnende Gute nachahmen: Enthaltsamkeit, Gerechtigkeit, Nächstenliebe und was sonst Gott eigentümlich ist […] Denn dass wir im Anfange ins Dasein gerufen wurden, war nicht unser Verdienst; dass wir aber dem nachstreben, was ihm lieb ist, indem wir es mit Vernunftkräften, die er selbst uns schenkte, frei wählen, dazu leitet er uns an und dazu führt er uns zum Glauben.«27

Bei diesen Ausführungen bleiben wichtige Fragen ungelöst: Wenn Gott uns ins Dasein ruft und uns zum Glauben führt, indem er uns die Kräfte der Vernunft schenkt und uns anleitet, mit diesen Kräften frei zu wählen und das Gute nachzuahmen, wird damit nicht geklärt, wie es mit Menschen steht, die mit dieser gottgeschenkten Freiheit nicht richtig umgehen (können oder wollen). Sind diese vom Heil ausgeschlossen? Wie sieht es mit dem göttlichen Heilswillen aus? Ist dieser partikulär oder universal? Diese Fragen dürfen auch in der heutigen und zukünftigen Prädestinationsdiskussion nicht unberücksichtigt bleiben.

2  Clemens von Alexandrien († um 215) und Origenes († um 253/54)

Clemens und Origenes waren »Theologen der Katechetenschule von Alexandrien«, entfalteten ihre Theologie »auf dem Boden der platonischen Philosophie« und setzten sich mit der Gnosis auseinander.28 Deshalb werden sie zusammen in einem Kapitel behandelt.

a  Grundgedanken aus verschiedenen Werken

Nach Clemens teilt Christus

»jedem einzelnen, soweit er zur Annahme fähig war, seine Wohltat zu, Griechen sowohl als auch Barbaren, und zwar denen, die aus ihnen vorausbestimmt waren29 und zur rechten Zeit30 zu Gläubigen und Auserwählten berufen31 wurden.«32

Der Prädestinationsbegriff steht hier in Verbindung mit der Glaubens- und Kirchenberufung des individuellen Menschen.33 Im Unterschied zu den Gnostikern, für die nur die Pneumatiker zu den Auserwählten gehören und nicht die Hyliker und Psychiker,34 gehören für Clemens auch jene zu den Gerechten und Auserwählten, die sich »vor dem Gesetz« wohlgefällig35 und gesetzestreu36 verhalten: »Gott rechtfertigt alle Menschen nach der ihnen jeweils eigenen Erkenntnis- und Verhaltensmöglichkeit.«37

Auch Origenes setzt sich vom gnostischen Determinismus ab.38 Er nimmt einen freien Willen an, der bereits von Schöpfungsbeginn an notwendigerweise von Gott erkannt worden ist. Gott hat

»entsprechend seiner Voraussicht einer jeden (künftigen) Tat des freien Willens für eine jede Regung desselben das nach Verdienst vorher bestimmt, was ihr auch seitens der Vorsehung zuteilwerden, ferner aber auch nach dem Zusammenhang der künftigen Dinge begegnen wird«.39

Jedoch sei Gottes Vorauswissen keinesfalls für alle Dinge, die zukünftig durch freien Willen und menschlichen Antrieb bewirkt würden, die Ursache. Es werde vielmehr von Gottes Vorauswissen bewirkt, »wenn der freie Wille eines jeden diejenige Einordnung in die Verwaltung des Ganzen erhält, die dem Bestande der Welt nützlich ist.«40

Ein Spezifikum der Lehre des Origenes ist die Annahme einer ἀποκατάστασις (Wiederherstellung).41 In seinem Werk »De principiis« schreibt er, dass dann, wenn es wahr sei, dass es etwas Größeres als die Zeitalter gebe, dies »vielleicht in der ›Wiederherstellung aller (Dinge)‹« sein werde, »wenn alle (Dinge) zu ihrem vollendeten Ende gelangen.«42 Das irdische Fleisch werde durch den Tod aufgelöst und zur Erde. Gemäß dem Auferstehungsglauben werde es aber wieder aus der Erde erweckt und entwickele sich, entsprechend dem Verdienst der Seele, die in ihm sei, in einen geistigen Körper weiter.43 In diesen Zustand solle all unsere körperlich zu reinigende Substanz gebracht werden, wenn alle (Dinge) wiederhergestellt seien (»tunc cum omnia restituentur«), sodass sie »eins« seien (»unum sint«), und wenn Gott »alles in allem« (»omnia in omnibus«) sei. Dies geschehe jedoch nicht plötzlich, sondern allmählich, partiell und im Verlauf von unendlich und unermesslich ablaufenden Zeitaltern.44

»Die Annahme einer Wiederherstellung der gesamten Schöpfung, also auch der Sünder, Verdammten und Dämonen, in einem Zustand vollständiger Seligkeit soll hier die Ewigkeit der eschatologischen Verdammnis bestreiten«45 – eine Auffassung, die zum Teil auch bei einigen anderen Autoren der patristischen Zeit mehr oder weniger deutlich vorkam.46

Wie bereits festgehalten, ist diese Theorie so nicht in der Bibel enthalten.47 Sie wurde lehramtlich im Edikt des Kaisers Justinian an Patriarch Menas von Konstantinopel, das an der Synode von Konstantinopel (543)48 veröffentlicht wurde, mit dem Anathema belegt:

»Wer sagt oder daran festhält, die Strafe der Dämonen und gottlosen Menschen sei zeitlich und sie werde nach einer bestimmten Zeit ein Ende haben, bzw. es werde eine Wiederherstellung von Dämonen oder gottlosen Menschen geben, der sei mit dem Anathema belegt.«49

b  Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion

Clemens’ und Origenes’ sich gegen den elitär anmutenden Ansatz der Gnostiker wendende Prädestinationsauffassungen führen zur Frage, ob Gott sein Heil nur einigen Auserwählten zukommen lassen will oder einer Vielzahl von Menschen oder allen Individuen.

Sich hier auf eine der Richtungen festzulegen, wie Origenes mit seiner Apokatastasis-Auffassung, käme einer Einschränkung der göttlichen Allmacht gleich. Gottes Heilswille ist universal (vgl. 1 Tim. 2,4ff; Joh. 3,16). Wem er aber sein Heil zukommen lässt, kann niemand entscheiden, außer Gott. Hinzu kommt, dass dann, wenn Gott allen Menschen gleichermaßen sein Heil zukommen ließe, die Annahme von menschlicher Freiheit überflüssig würde.

Ähnlich verhält es sich, wenn nur eine bestimmte Gruppe von Menschen zu den Auserwählten gehört, wie beispielsweise die Pneumatiker nach Auffassung der Gnostiker. Auch hier wird die Annahme von Freiheit in Bezug auf die Heilsfrage überflüssig.

3  Athanasios († 373)

a  Grundgedanken aus verschiedenen Werken

Athanasios erörtert die Frage nach der Erwählung im Rahmen seiner Auseinandersetzungen mit den Arianern. Er spricht unsere Erwählung in Jesus Christus »vor Grundlegung der Welt« nach Eph. 1,3–5 an50 und stellt die Frage, wie Gott uns vor unserem Werden erwählt habe, wenn wir nicht von Gott vorgebildet worden seien, wie dieser selbst gesagt habe. »Und wie haben wir vor ewigen Zeiten empfangen, da wir noch nicht waren, sondern in der Zeit entstanden sind, wenn nicht in Christus die uns zukommende Gnade hinterlegt war?«51

Es sei uns nicht nur ein augenblickliches Leben vergönnt, sondern auch »nachher immer in Christus zu leben, da auch vorher unser Leben in Christus Jesus grundgelegt und bereitet war.«52 Gott wisse dies alles, noch ehe es geschehen sei.53

Für Athanasios schließt dies keinesfalls die Annahme menschlicher Freiheit aus. Nach seiner Erklärung von Psalm 89 ist eine rechte Gesinnung nötig, um frei zu sein.54 Wenn wir niemandem zürnen, keine irdischen Schätze sammeln und nichts begehren, »werden wir nicht in Sünden fallen« – wie es in seiner VitaAntonii heißt.55 Das Fallen in Sünden ist also der menschlichen Freiheit zuzurechnen. Wir sind nicht zur Sünde gezwungen und haben auch die Wahl zum Guten, wenn wir dem Logos folgen.56

b  Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion

Gott konnte uns nach Athanasios vor der Grundlegung der Welt erwählen, weil wir von Gott vorgebildet worden waren und die uns zukommende Gnade in Christus hinterlegt war. Gott weiß, noch ehe es geschehen ist, dass wir nicht nur augenblicklich, sondern auch nachher und ständig in Christus leben. Hier argumentiert Athanasios »konsequent christologisch-soteriologisch«57. Es geht ihm nicht um die Vorherbestimmung der einen zum Heil und der anderen zur Verdammnis, sondern, »im Blick auf das Erlösungsgeschehen in Jesus Christus«, um die Gnade, die ein »Geschenk Gottes [ist, M.S.] und gleichzeitig Erfüllung dessen, wonach der Mensch zutiefst strebt.«58 Um für diesen Weg frei zu sein, braucht er die rechte Gesinnung. Erwählung beinhaltet die Entscheidungsfreiheit zum Guten oder Bösen.

Diese Überlegungen sind auch heute noch aktuell, weil sie ins Zentrum des christlichen Glaubens an das durch Christus bewirkte Heil führen und dem Menschen in diesem Prozess eine Entscheidungsfreiheit zusprechen. Offen bleibt jedoch die Frage, wie es mit Menschen weitergeht, denen die rechte Gesinnung fehlt. Wird Gott die Möglichkeit zugestanden, auch hier eingreifen zu können, wenn er es für nötig erachtet? Damit ist die Frage nach der göttlichen Allmacht und Allgüte angesprochen, die zu einer weiteren Auseinandersetzung mit dem Prädestinationsbegriff unerlässlich ist.

III  Lateinische Kirchenväter

Bei den lateinischen Kirchenvätern59 entwickelten sich die Thesen zur Prädestination, wie bei den griechischen Kirchenvätern, zu einem nicht unerheblichen Teil in der Auseinandersetzung mit gegnerischen Lehren. Zudem gab es teilweise ähnliche Entwicklungen, dann aber eine auffällige Wende bei Augustinus.

1  Tertullian († nach 220)

»Es gibt in der damaligen Kirche kaum eine Frage, zu der Tertullian nicht Stellung genommen und sich irgendwie geäußert hätte.«60 Von daher verwundert es nicht, dass Tertullian die göttliche Bestimmung und Vorherbestimmung in verschiedenen Kontexten seines Schrifttums behandelte. Nachfolgend einige dieser Stellungnahmen.

a  Grundgedanken aus verschiedenen Werken

Gott hat nach Tertullian Dauer und Ende der Welt bestimmt und kundgetan61 und im Weltlauf »den Wechsel der herrschenden Reiche nach Zeitperioden«62. Dabei sei jedem zeugungsfähigen Geschöpf vorherbestimmt, dass in ihm Samen enthalten sei,63 und Gott sei es, der für das Gericht bestimme.64

Bei der Frage nach der nun entscheidenden Rolle menschlicher Freiheit bringt Tertullian das göttliche Vorauswissen ins Spiel. Indem Gott alles angeordnet habe, habe er auch vorausgewusst und kraft dieses Vorauswissens alles angeordnet.65 Gegen Markions Behauptung, Jesus Christus, der Abgesandte des bis dahin völlig unbekannten Gottes, erlöse und befreie den Menschen »aus der Herrschaft seines inferioren Schöpfers und seines knechtenden Gesetzes«, beharrt Tertullian auf der These von Gott als dem guten Schöpfer, der den Menschen nicht nur als sein Ebenbild erschaffen habe, sondern ihm auch die Freiheit und das Gesetz gegeben habe:66

»Denn es würde ihm kein Gesetz gegeben worden sein, wenn es nicht in seinen Kräften gestanden hätte, den dem Gesetze schuldigen Gehorsam zu leisten, und auf der andern Seite wäre der Übertretung nicht die Todesdrohung beigefügt worden, wenn nicht die Verachtung des Gesetzes ebenfalls der Willensfreiheit des Menschen zugerechnet würde.«67

Nach Tertullian hat Gott den Menschen – besonders in seiner christlichen Existenz – zur Eigenverantwortung aufgerufen. Dieser lebe nicht so sehr von der Gnade und der Vergebung Gottes mit ihren Grenzen, als vielmehr vom Gebot Gottes und seinem eigenen Gehorsam. Dieser nehme die Zucht an.68 »Der ganze Bestand des Seelenheils« beruhe »auf der Festigkeit der Disziplin«.69 Das Seelenheil kann also nur durch eine harte Disziplin erkämpft werden. Mit dieser rigorosen Auffassung kritisierte Tertullian eine großzügigere Bußpraxis, welche er selbst zuvor noch vertreten hatte.70 Hier deutet sich eine zunehmende Distanzierung von der katholischen Kirche an, deren Praxis ihm mit der Zeit zu laxistisch erschien.71

b  Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion

Tertullians Auffassung von der Willensfreiheit und Eigenverantwortung kann in der heutigen Zeit als ein theologisch begründetes Votum gegen eine vielfach angenommene Unfreiheit72 betrachtet werden. Andererseits muss sein sich im Rahmen kirchenkritischen Denkens entwickelter Ansatz zu einer radikalen Eigendisziplin zur Frage führen, wo da noch Gott mit seiner Gnade und seinem Wirken in dieser Welt bleibt. Inwiefern ist bei so viel menschlicher Eigenverantwortung noch eine göttliche Prädestination oder Erwählung möglich? Auch die Theologie des 21. Jahrhunderts hat sich diesen Fragen zu stellen. Denn für sie ist der Mensch auf der einen Seite »in seinem Freiheits- und Existenzvollzug […] in den Blick zu nehmen« und »auf der anderen Seite die ungeschuldete Gabe der Liebe Gottes. Beide ›Pole‹ gehören zusammen und sind je neu aufeinander zu beziehen.«73 Tertullian fordert aufgrund seiner Radikalität auch heute noch indirekt zu solch einer Inblicknahme auf.

2  Cyprian von Karthago († 258)

Cyprian fühlte sich Tertullian theologisch besonders verpflichtet. Seine Briefe und Abhandlungen suchten zumeist nach Lösungsansätzen für Tagesfragen.74 Er behandelte u. a. auch die für die Prädestinationsproblematik relevanten Themen Willensfreiheit und Sünde, die nachfolgend besonders zur Sprache kommen werden.

a  Grundgedanken aus verschiedenen Werken

Cyprian geht davon aus, dass Gott mahnend alles jetzt Geschehende und alles noch geschehen Werdende vorhersagt und jenen, die bekennen, »im Voraus« heilbringenden Lohn »in Aussicht« stellt, jenen hingegen, die leugnen, ewige Strafen:75 Es gebe einen »vorausbestimmten Tag der Vergeltung«,76 aber Gott wolle die Bekehrung und das Leben des Sterbenden und nicht so sehr dessen Sterben.77 Er werde, wie Paulus sage, jedem nach seinen Taten vergelten.78 Gottes Gericht komme allerdings spät, um dem Menschen durch Gottes langmütige Geduld zum Leben zu verhelfen. »Dann erst wird die Strafe an dem Gottlosen und Sünder vollzogen, wenn die Reue über die Sünde nichts mehr nützen kann.«79 Dass der Mensch für seine Taten verantwortlich ist, zeigt sich bei Cyprian auch darin, dass er ihm einen freien Willen zuspricht, der beispielsweise beim Ehebruch80 oder bei einem Verbrechen81 zum Tragen kommt.

Obgleich der Mensch einen freien Willen hat und mit Bekehrung, Reue und entsprechenden Taten Einfluss auf sein Schicksal am Tag der Vergeltung nehmen kann, ist dies letztlich nur möglich, weil Gott seine Bekehrung und sein Leben will. Vor diesem Hintergrund sind auch Cyprians Worte zu verstehen, dass wir allein Gott vertrauen müssen und uns nur in ihm rühmen müssen.82 Man dürfe sich mit nichts rühmen, weil nichts unser sei.83

b  Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion

Für die heutige und zukünftige Auseinandersetzung von Bedeutung ist Cyprians deutliches Eintreten für den freien Willen des Menschen einerseits und Gottes Gerechtigkeit andererseits. Die Tatsache, dass Gott »im Voraus« Lohn für die Bekennenden ankündigt und ewige Bestrafung für die Leugnenden, ist keine Prädestination im Sinne einer Vorherbestimmung bestimmter Menschen zum ewigen Heil oder zur ewigen Verdammnis, sondern eine Ankündigung im Rahmen von Gottes Vorhersage allen Geschehens. Evident bleibt für Cyprian, dass Gott »den Gläubigen den Lohn des ewigen Lebens geben wird« und »über die Ungläubigen ewige Strafen verhängen wird in dem Feuer der Hölle!«84 Entscheidend für den Empfang der göttlichen Gnade ist die Bekehrung zu Christus.85 Eine Allversöhnung, bei der auch Menschen, die nicht von sich aus zu solch einer Bekehrung fähig sind, Heil empfangen, scheint ausgeschlossen zu sein. Ebenso die Möglichkeit (nicht die Sicherheit), dass Gott sich anders entscheiden könnte, als den Bekennenden den Lohn und den Leugnenden die ewige Bestrafung zukommen zu lassen; das aber steht im Widerspruch zu Jesu Aussage: »Für Gott ist alles möglich.«86 Diese Aussage ist zeitlos aktuell und grundsätzlich bei Prädestinationsüberlegungen zu berücksichtigen, weil hier »der menschlichen Unmöglichkeit Gottes rettende Macht entgegengehalten« wird87.

3  Augustinus († 430) und die Entwicklung zur Synode von Orange (529)

a  Zur Lehre des Augustinus

Augustinus machte bei der Frage nach der Verhältnisbestimmung von menschlicher Freiheit und göttlicher Vorherbestimmung eine signifikante Entwicklung durch. An dieser Stelle können nicht alle Einzelheiten näher betrachtet werden. Vielmehr werden die wichtigsten Aussagen wiedergegeben, um den sich daraus ergebenden Einfluss auf weitere Prädestinationslehren deutlich zu machen. Bei Augustinus sind drei Phasen zu unterscheiden88, die in den folgenden Kapiteln (α, β, γ) jeweils behandelt werden.

α  Ursprüngliche Auffassung: Willensfreiheit und Verdienste des Menschen als Gnadenbedingung

In der Schrift »De libero arbitrio« lässt sich ein Trend gegen den Determinismus der Manichäer feststellen,89 aber zugleich auch eine Abwendung von der Willensauffassung der griechischen Antike. Augustinus hat mit seinem Ansatz die mittelalterliche Dogmatik maßgeblich mitbeeinflusst90 und gilt als »Erfinder des ›modernen‹ Willensbegriffs«.91

Den alten Griechen und danach den Römern war ein Wille als eigenständige Instanz, die über die Handlungsqualität entscheidet, unbekannt. Rechtes Handeln sei einer rechten Einsicht zuzusprechen, schlechtes Handeln hingegen sei als Effekt von vernunftumnebelnden Emotionen aufzufassen. Folglich sei moralische Schlechtigkeit eine Widerspiegelung von Unwissenheit.92 Augustinus rekurriert demgegenüber in »De libero arbitrio« auf Paulus und dessen These, dass man Einsicht ins Gute haben und dennoch Unrecht tun kann (vgl. Röm. 7,15; Gal. 5,1793). Augustinus benennt den Willen als eine vom Intellekt zu unterscheidende eigenständige Instanz, durch welche »der Mensch auf den Anruf Gottes antwortet oder sich ihm verweigert.«94

Der Wille steht also in unserer Macht. Er ist unser Wille und »für uns frei«.95 Er lässt für uns eine Handlungsentscheidung zu – dies sowohl für als auch gegen die Vernunft.96 Deshalb können wir durch unseren Willen das glückliche Leben erlangen und das unglückliche Leben.97 Wenn wir »sagen, dass die Menschen durch den Willen unglücklich sind«, heißt das für Augustinus nicht,

»dass sie unglücklich sein wollten, sondern dass es an ihrem Willen liegt, aus dem notwendigerweise auch gegen ihren Willen das Unglück folgt. […] Denn nicht alle wollen rechtschaffen leben, und diesem einen Willen gebührt das glückliche Leben.«98

Da in diesem Zusammenhang nur das Vorauswissen und die Vorsehung Gottes zur Sprache kommen und nicht die Vorherbestimmung, gerät Augustinus noch nicht in einen gedanklichen Konflikt.99 Göttliches Vorauswissen und das, was jemand mittels seines Willens tun wird, sind für ihn kein Widerspruch, denn: »So zwingt Gott niemanden zum Sündigen, und kennt dennoch jene im Voraus, die durch ihren eigenen Willen sündigen werden.«100

In seiner Exegese von Röm. 9 wird Augustinus sich dann der Spannung zwischen der freien Willensentscheidung und der gnadenhaften Erwählung bewusst, tritt letztlich dann aber doch dafür ein, dass die göttliche Gnade nicht zu einer Aufhebung des freien Willens führt.101 Paulus’ Aussage, dass es nicht auf menschliches Wollen ankommt, sondern auf Gott, der sich erbarmt (vgl. Röm. 9,16), bedeutet für Augustinus nicht, dass hier der freie Wille zerstört werden soll. Vielmehr sage der Apostel damit, dass unser Wille dort nicht ausreiche, wo Gott uns nicht zu Hilfe komme, um uns barmherzig zu machen, damit wir durch die Gabe des Heiligen Geistes Gutes tun.102

Augustinus sieht seine These vom freien Willen auch nicht durch die Annahme der göttlichen Prädestination gefährdet. Gott habe nur jene vorherbestimmt, bei welchen er vorausgewusst habe, dass sie glauben und ihrer Berufung treu sein würden.103 »Die Prädestination erfolgt« also »auf Grund des Vorauswissens Gottes um das verdienstvolle Glauben und Ausharren des Menschen.«104

β  Wende zur unbedingten Prädestination

Wenn von einer »Wende« die Rede ist, geht es nicht um einen »autoritären Gesinnungswandel«,105 sondern darum, dass Augustinus seit seiner Schrift »Ad Simplicianum« (397) bei der Gnadenlehre »nicht länger menschliche Verdienste als Gnadenbedingung ansieht.«106 Dies wird besonders bei seiner Exegese von Röm. 9,10–29 sichtbar.107 Hier werden u. a. Esau und Jakob erwähnt und die zu ihnen in Gen. 25,23 gemachte Aussage, dass der Ältere dem Jüngeren dienen wird (vgl. Röm. 9,12). Da die beiden Brüder bis zu diesem Zeitpunkt nichts Böses oder Gutes getan hatten, ist für Augustinus erwiesen, dass es »keine Erwählung dessen, der Gutes tat, gab« und folglich der göttliche Plan nicht wegen Erwählung in Kraft bleibt, »sondern aus dem Plan folgt die Erwählung«.108 Gottes Rechtfertigungsplan bleibe nicht in Kraft, weil er bei den von ihm erwählten Menschen gute Werke finde, »sondern weil in Kraft bleibt, dass er die Glaubenden rechtfertigt, deswegen findet er Werke, die er dann für das Himmelreich auswählen kann.«109 Gott ist also absolut souverän, was die Prädestination zum Heil betrifft.110

Augustinus erklärt dies mit der Wirkmacht der allem vorausgehenden göttlichen Gnade,111 welche das menschliche Wollen einschließe112 und »vor jedem Verdienst« stehe,113 sowie der menschlichen Ohnmacht als Konsequenz der Erbsünde:114 »Da […], wie der Apostel sagt, in Adam alle sterben115 – hat sich doch von ihm als dem Ursprung die Beleidigung Gottes über das ganze Menschengeschlecht ausgebreitet.«116

Die sich nun stellende Frage, wie in diesem Zusammenhang Jesu Aussage zu verstehen ist, dass viele berufen, aber nur wenige auserwählt sind (vgl. Mt. 22,14), begründet Augustinus damit, dass es »auf den sich erbarmenden Gott« ankomme.117 Dieser habe so berufen, wie es für die der Berufung folgenden Menschen angemessen gewesen sei. Andere seien zwar auch berufen worden, aber diese Berufung sei so ergangen, »dass sie nicht bewegt werden konnten und nicht geeignet waren, sie anzunehmen«.118 Darum hätten sie Berufene – und nicht Auserwählte – geheißen.119

Ab »Ad Simplicianum« gilt für Augustinus, dass alle aus Gerechtigkeit verdammt sind und einige aus Barmherzigkeit erwählt. Letztgenannten hilft Gott mit seiner Gnade, jene hingegen, die nicht erwählt sind, »belässt er in ihrem Zustand.«120 Unser ganzer Glaubensweg ist somit von der Berufung oder Erwählung bis hin zur Vollendung »entscheidend von Gott getragen«.121

Die wissenschaftliche Diskussion bewertet die Wende in »Ad Simplicianum« kontrovers. Dazu einige wichtige Positionen:

Nach Kurt Flasch trägt der Mensch in »Ad Simplicianum« nichts zum Erreichen seiner Glückseligkeit bei.122 Er könne sich weder durch sittliches Wollen noch durch Nachdenken auf die Gnade vorbereiten.123 Augustinus’ Gnadenlehre führe »zu irritierenden Auffassungen über Erbsünde124 und Prädestination«.125 Augustinus habe »mit seinem Gottesbild der willkürlichen Verdammung, ja der pädagogischen Nutzung der Verdammnis als Zuchtmeisterin für die Erwählten einer Praxis der Folter und des Zwangs mit theoretischen Mitteln den Weg« bereitet.126 Seine Frühschriften hätten »noch in der vernünftigen Unterhaltung philosophierender Freunde« »Wahrheit und Glückseligkeit« zu erreichen versucht, diese seien nun »zur jenseitigen Erfüllung der wenigen Auserwählten« geworden.127 Augustinus’ Konzeption fordere, dass Gott nicht die Seligwerdung aller Menschen wolle. Das widerspreche jedoch 1 Tim. 2,4,128 einem Bibeltext, welchen Augustinus für paulinisch gehalten habe, was diesen als »geübten Textausleger« wohl aber wenig störe.129 Diese ironische Kritik Flaschs an Augustinus’ Annahme einer paulinischen Verfasserschaft des 1. Timotheusbriefes ist freilich ungerechtfertigt, weil erst sehr viel später – zu Beginn des 19. Jahrhunderts – Zweifel an dessen Echtheit geäußert wurden.130 Unabhängig von dieser Fehlkritik schreibt Flasch, die Menschheit sei »seit 397 […] zum Schmutz- und Sündenbrei« geworden.131 Nichts von dem, was in der antiken Philosophie und Rhetorik noch einen Wert gehabt habe, habe von dieser Zeit an uns Menschen für Gottes Gnadenwahl qualifiziert.132

Flaschs Ausführungen riefen in der sich anschließenden wissenschaftlichen Diskussion vielfältige, zum Teil kontroverse, Reaktionen hervor. Zudem gab es eigenständige neue Erklärungen für Augustinus’ Entwicklungsschritt ab 397:

Thomas Gerhard Ring verweist darauf, dass der von Flasch erwähnte allgemeine Heilswille Gottes in der von Augustinus in »Ad Simplicianum« behandelten Bibelstelle Röm. 9 weder angesprochen noch bewiesen werde. Zudem sei Augustinus »durch die Gegenüberstellung mit Mt. 22,14133« zum Ergebnis gekommen, dass jene, die der Berufung aufgrund von Unglauben nicht folgen, nicht erwählt seien.134 Auch die pastorale Erfahrung habe Augustinus gelehrt, »dass manche Menschen sich gegenüber allen Weisen der Berufung verschließen.«135 Flaschs These von Augustinus’ Angst vor einer Konkurrenz zwischen göttlichem und menschlichem Wollen, welche die ganze Überlegung dominiere,136 sei nicht belegt.137 – Flaschs Überlegung, Augustinus habe bis 397 »die Bedeutung des freien Willens« herausstellen wollen und 397 habe bei ihm die Gnade gesiegt,138 ist für Ring nur denkbar, wenn dabei ein Kampf von Gnade und Willen vorausgesetzt werde, was allerdings aus der Sicht des Augustinus eine »unsinnige Vorstellung« sei, »denn nach ihm siegt die Gnade nicht über den freien Willen, sondern dieser erhält vielmehr von ihr die Kraft, über das Böse zu siegen und das Gebot Gottes zu erfüllen.«139 Für Ring ist unbestreitbar, dass der von Flasch wiederholt erwähnte Rückgriff des Augustinus auf die Allmacht Gottes bei der Frage nach der Gerechtigkeit der göttlichen Prädestination Fragen aufwirft. Aber Flasch treffe mit seiner extremen Kritik keineswegs immer Augustinus.140 Um den Vorwurf einer göttlichen Ungerechtigkeit zurückzuweisen, nehme Augustinus vielmehr Zuflucht zu einem Autoritätsbeweis, welchen er in Röm. 9,14 finde,141 also zur Aussage: »Was sollen wir nun sagen? Handelt Gott ungerecht? Keineswegs!«

Nach Josef Lössl fehlt dieser Annahme in »Ad Simplicianum« hingegen die nötige Fundierung.142 Augustinus wolle gerade von einem Autoritätsbeweis weg. Lössl verweist dazu u. a. auf Augustinus’ Verwendung des Begriffs »intellectus gratiae«:143 »Die Intention des Apostels und aller Gerechtfertigten, die uns Einsicht in das Wesen der Gnade [›intellectus gratiae‹, M.S.] dargelegt haben, ist […] nur diese: Wer sich rühmt, rühme sich im Herrn144.«145 Hier geht es nach Lössl darum, dass der an den kontradiktorischen Grundfragen irregewordene Intellekt durch die Gnade rekapituliert und reorientiert (bekehrt) wird.146

Lössl stellt die Einsicht in die Nezessität der Gnade als eigentliche Gnadenwirkung heraus und nennt dies ›intellectus gratiae‹ – ein Begriff, der bei Augustinus jedoch »nur beiläufig« vorkommt.147

Nach diesem Ansatz muss der Intellekt nur scheinbar angesichts der Prädestination vor der Gnade bzw. dem Glauben kapitulieren; er nehme mittels des »intellectus gratiae […] an seinen selbstverschuldeten Grenzen gerade seine ungeschuldete Transzendenz« wahr, »die identisch sei mit dem Heil.«148 Die biblischen Aussagen, dass einige Berufene auserwählt sind, die anderen hingegen nicht (vgl. Mt. 22,14) und dass nur ein kleiner Teil Israels gerettet wird (vgl. Röm. 9,27; Hos. 1,10), führt Augustinus gemäß Lössl149 in Anlehnung an Sir. 33,16f zur Aussage: »Auch ich bin als letzter eifrig gewesen wie einer, der Nachlese hält hinter den Winzern. […] Auch ich habe auf Gottes Segen vertraut […], wie ein Winzer habe ich die Kelter gefüllt.«150 Hier äußert sich nach Lössl die Gesamtheit aller Erlösten.151 Er zitiert dazu Augustinus’ Bemerkung, dass aufgrund der biblischen Aussage, dass »die letzten die ersten sein werden« (Mt. 20,16) das Volk Israel im Vertrauen auf den göttlichen Segen die Kelter mit den restlichen Trauben aus dem Überfluss der Weinlese des ganzen Erdkreises gefüllt habe.152 Sie waren gemäß Lössl die Letzten, welche – »ergriffen von der Gnade im Glauben« – ihren Intellekt bereits aufgegeben hatten, allen anderen nachgegangen seien und durch das Gnadenwirken dieser Nachlese »wieder die ersten geworden« seien »und demgemäß auch zum Gericht über die anderen.«153 Dies erkläre auch den triumphalistischen Quaestio-Abschluss: Es gebe solche, welche sich rühmen könnten; aber es könne sich niemand seiner selbst rühmen, es sei denn im Herrn (vgl. 1 Kor. 1,31). Diese Wendung sei weder von Flasch noch von Ring berücksichtigt worden. Aber nur sie mache den Weg von Ad Simplicianum I 2, 20 zu 21 verständlich. Der »intellectus gratiae« sei nach Augustinus nicht erzielt, wenn die Ausweglosigkeit ausgeräumt sei. Diese gehöre dazu (vgl. Röm. 11,33). »Das Vorgehen Gottes bleibt Geheimnis. Kriterien für die Gnadenwahl können nicht angegeben werden. Aber, wie Mt. 20,16 nahelegt, vom Glauben her ist der wirkkräftige Wille Gottes anzunehmen.«154

Gegen Lössls Auffassung, die Gnadenlehre sei nach Augustinus ein zunächst intellektuelles Geschehen, verweist Volker Henning Drecoll155 darauf, dass die augustinische Gnadentheorie eine besondere Erkenntnisrelativierungstendenz impliziere.156 So messe Augustinus der »difficultas« und der »infirmitas« eine spezielle Bedeutung bei. Dies betreffe auch die als Liebe verstandene Gnade und die damit im Zusammenhang stehende entscheidende Position der Willensauffassung:

»Erkenntnis selbst kann Augustin (gerade bei der Auslegung von Röm 7 in Simpl. I 1, conf. VII und in spir. et litt.) auch mit dem Gesetzesbegriff verbinden und der gratia gegenüberstellen: Erkenntnis reicht nicht aus, erst das unmittelbare, den Willen des Menschen durch Liebe lenkende Eingreifen Gottes überwindet die Schwierigkeiten.«157

Augustinus verstehe Gott als alles bestimmende Mitte, welche sich in der individuellen Geschichte wie auch in der Heilsgeschichte sukzessiv durchsetze. Er wende diese – bei seiner Rezeption Plotins und seinem Ringen mit dem Manichäismus entwickelte – These »nach und nach auf alle Bereiche des Erlösungshandelns an«.158

Norbert Fischer kritisiert den Ansatz Flaschs. Er sieht bei diesem eine »Melange aus brillanter historischer Kenntnis, aus Rhetorik, aus Halbwahrheiten und einem gehörigen Maß an versessener Lust, Augustinus als Gesprächspartner zu desavouieren«.159