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Macht, Markt und Krieg im Wandel Private Militärunternehmen prägen heutige Konflikte - doch welche Gefahren resultieren aus ihrem Einsatz? Dieses Buch analysiert aus ökonomischer Sicht die Grundprobleme, die die Verpflichtung privater Militärdienstleister mit sich bringt. Hierzu beleuchtet es Risiken wie Moral Hazard, externe Effekte sowie Verschiebungen in der Machttektonik anhand von Fallstudien. Eine fundierte Analyse für alle, die moderne Sicherheitspolitik verstehen wollen. Das Buch richtet sich an Studium, Forschung und Praxis in den Bereichen Wirtschafts- und Politikwissenschaften sowie Internationale Beziehungen und Friedens- und Konfliktforschung.
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Seitenzahl: 201
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Frank Daumann
Private Militärunternehmen
Akteure zwischen Markt und Politik aus ökonomischer Perspektive
In der Lehre immer am Zahn der Zeit zu sein, wird in unserer schnelllebigen Zeit immer mehr zur Herausforderung. Mit unserer neuen fachübergreifenden Reihe nuggets präsentieren wir Ihnen die aktuellen Trends, die Forschung, Lehre und Gesellschaft beschäftigen – wissenschaftlich fundiert und kompakt dargestellt. Ein besonderes Augenmerk legt die Reihe auf den didaktischen Anspruch, denn die Bände sind vor allem konzipiert als kleine Bausteine, die Sie für Ihre Lehrveranstaltung ganz unkompliziert einsetzen können. Mit unseren nuggets bekommen Sie prägnante und kompakt dargestellte Themen im handlichen Buchformat, verfasst von Expert:innen, die gezielte Information mit fundierter Analyse verbinden und damit aktuelles Wissen vermitteln, ohne den Fokus auf das Wesentliche zu verlieren. Damit sind sie für Lehre und Studium vor allem eines: Gold wert! So gezielt die Themen in den Bänden bearbeitet werden, so breit ist auch das Fachspektrum, das die nuggets abdecken: von den Wirtschaftswissenschaften über die Geisteswissenschaften und die Naturwissenschaften bis hin zur Sozialwissenschaft – Leser:innen aller Fachbereiche können in dieser Reihe fündig werden.
Prof. Dr. Frank Daumann lehrt Sportökonomie und Gesundheitsökonomie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Zudem beschäftigt er sich seit längerer Zeit mit Fragen der Militärökonomie.
Umschlagabbildung: © guvendemir ∙ iStock
Autorenbild: © privat
DOI: https://doi.org/10.24053/9783381153220
© UVK Verlag 2026‒ Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KGDischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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ISSN 2941-2730
ISBN 978-3-381-15321-3 (Print)
ISBN 978-3-381-15323-7 (ePub)
Dieses Buch sei
Bernhard Daumann,
Heinrich Daumann,
Ernst Leikert,
Paul Machatschek und
Peter Wagner
gewidmet!
„Pecunia est nervus belli“Cicero, De imperio Cn. Pompei, 17
Der Krieg in der Ukraine hat die Beschäftigung mit den Themenkreisen Militär und militärische Konflikte in Deutschland wieder salonfähig gemacht und auch Anreize gesetzt, sich stärker als bisher wissenschaftlich damit auseinanderzusetzen. Dabei wird die bezeichnete Thematik aus unterschiedlichen Perspektiven wie etwa aus einem geschichtswissenschaftlichen, einem soziologischen oder einem naturwissenschaftlichen Blickfeld – um nur einige zu nennen – beleuchtet. Eine Disziplin, die sich nur verhalten der Thematik annimmt, ist die Ökonomie, obwohl sie – zumindest nach meiner Ansicht – durchaus einen wichtigen Erkenntnisbeitrag leisten kann, zumal bei militärischen Auseinandersetzungen z. B. der effiziente Einsatz von Ressourcen und die Setzung von entsprechenden Anreizen bei den beteiligten Akteuren von zentraler Bedeutung sind.
Mein Interesse an den Entwicklungen der italienischen Renaissance und der Frühen Neuzeit in Deutschland führte mich zu Persönlichkeiten wie Bartolomeo Colleoni (1400–1475), Francesco Sforza (1401–1466), Georg v. Frundsberg (1473–1528) und Franz v. Sickingen (1481–1523). Diese Akteure verbanden unternehmerisches Denken mit einem unkonventionellen Wirkungsfeld und traten als eine Art „Gewaltunternehmer“ auf – ein Phänomen, das aus ökonomischer Perspektive meine besondere Aufmerksamkeit erregte.
Daher lag es nahe, sich mit dem Phänomen der privaten Militärunternehmer in der heutigen Zeit aus ökonomischer Perspektive auseinanderzusetzen.
Mit dem vorliegenden Buch verfolge ich das Ziel, einen wissenschaftlich fundierten Einblick in die Grundprobleme, die mit dem Einsatz von privaten Militärunternehmen auftreten, aus ökonomischer Perspektive zu geben und etwaige Lösungsmöglichkeiten für diese Probleme aufzuzeigen.
Jena, im Winter 2025/26
Frank Daumann
Einige junge Absolventen des Swarthmore College – einer privaten Hochschule in Pennsylvania – gründeten im Jahre 2004 eine Vereinigung mit dem Namen Genocide Intervention Network und sammelten etwa eine halbe Million US-Dollar, um die in Darfour stationierte Friedenstruppe zu unterstützen. Dazu wandte sich eines der Gruppenmitglieder aus seinem Zimmer im Studentenwohnheim an verschiedene private Militärunternehmen mit der Anfrage, unbemannte Luftfahrzeuge – Roboterdrohnen – zu mieten. Das Unternehmen Evergreen International machte ein entsprechendes Angebot (Eckert 2016, S. 12), das aber von den Absolventen wegen unterschiedlicher Bedenken schließlich nicht angenommen wurde. Dieser aus deutscher Sicht etwas merkwürdige Sachverhalt zeigt, dass es offenbar für Privatpersonen ein leichtes ist, sich der Dienste von privaten Militärunternehmen zu versichern (siehe etwa McFate 2019, S. 43).
Private Militärunternehmer verloren in Europa mit dem ausgehenden 17. Jahrhundert weitgehend ihre Bedeutung (Daumann 2023a). Diese Entwicklung kehrte sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und des Ostblocks vollständig um: So lässt sich insbesondere seit den frühen 2000er-Jahren eine signifikante Zunahme des Einsatzes privater Militärunternehmen in bewaffneten Konflikten feststellen (Petersohn et al. 2022). Setzten die Vereinigten Staaten während des Zweiten Weltkriegs etwa zehn Prozent privates Militärpersonal ein, lag der Anteil privater Militärdienstleister bei den Konflikten im Irak und in Afghanistan zwischen fünfzig und siebzig Prozent des eingesetzten amerikanischen Militärpersonals (McFate 2019, S. 18; Swed & Materne 2021). Auch Russland greift im Krieg gegen die Ukraine auf private Militärunternehmen wie etwa die Gruppe Wagner zurück (Faulkner 2022). Vergleichbare Entwicklungen lassen sich auch in anderen Staaten feststellen, so dass McFate (2015) bereits von einem Zeitalter des Neomedieval Warfare spricht.
Für die gegenwärtige Größe dieses Marktes gibt es freilich keine verlässlichen Zahlen; nach Ansicht der Vereinten NationenVereinte Nationen (United NationsUnited Nations, UN) betrug das Marktvolumen im Jahre 2016 etwa 244 Mrd. US-$ (Eckert 2016, S. 7). Für das Jahr 2025 schätzt das kommerzielle Marktforschungsunternehmen Global Growth Insights das Marktvolumen auf 254 Mrd. US-$ (Global Growth Insights 2025).
Der Markt für private Sicherheits- und Militärdienstleistungen zeichnet sich durch seine erhebliche Heterogenität aus (Petersohn et al. 2022; Daumann 2023a): So treten auf diesem Markt Akteure als Anbieter auf, die sich hinsichtlich ihrer geographischen Herkunft, des verwendeten Rechtskleids und freilich auch hinsichtlich des angebotenen Leistungsportfolios sehr stark unterscheiden. Neben Einzeldienstleistern und kleinen Unternehmen, die vor allem regional tätig sind, wie etwa Specialised Tasks, Training, Equipment and Protection (STTEP) mit Sitz in Gibraltar oder Defion Internacional aus Peru, finden sich international agierende und börsennotierte Konzerne wie die in den Vereinigten Staaten ansässige Aegis Group. Entsprechend reicht das angebotene Leistungsspektrum von spezialisierten Sicherheitsdiensten bis hin zu einem umfassenden Strauß militärischer Unterstützungsleistungen.
Die wachsende Relevanz privater Militärdienstleister hat seit geraumer Zeit zu einer verstärkten wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dieser Thematik geführt. So liefert der Suchstring „Private Military Companies“ auf Google Scholar mittlerweile (18. Oktober 2025) etwa 342.000 Einträge; die auf die Geistes- und Sozialwissenschaften ausgerichtete Datenbank JSTOR zeigt zum gleichen Zeitpunkt etwa 80.000 Zeitschriftenartikel zu dieser Thematik.
Bislang liegt das Schwergewicht der wissenschaftlichen Auseinandersetzung auf juristischen und politikwissenschaftlichen Fragestellungen, also auf Fragen der Legitimation, Regulierung, Sicherheit und Verantwortlichkeit (z. B. Doswald-Beck 2007; Mikhaeel 2020; Prem 2021; Fuchs & Owens 2024; Ameyaw-Brobbey & Antwi-Danso 2024; Has 2025). Die bislang eher verhaltene Betrachtung des Phänomens aus ökonomischer Sicht hat im Wesentlichen die Analyse von Strukturen und Dynamiken privater Gewaltmärkte (z. B. Dunigan & Petersohn 2015; Petersohn 2021; McLean 2024), des Entscheidungsprozesses zwischen Eigenproduktion und Fremdvergabe militärischer Leistungen sowie der grundsätzlichen Implikationen der Privatisierung militärischer Gewalt (Fredland & Kendry 1999; Markusen 2003; Fredland 2004; Mahoney 2017; Daumann 2023b) zum Gegenstand. Die Beziehung zwischen dem Auftraggeber und dem Anbieter militärischer Dienstleistungen (z. B. Singer 2003; Fredland 2004; Avant 2005; Cockayne 2007; Tkach 2020a; 2020b; Daumann 2022; 2023a) sowie dieselbe zwischen Anbieter und Beschäftigten (Leander 2005; Petersohn 2015) wird häufig mit Ansätzen der Neuen Institutionenökonomie untersucht. Zudem werden neue Ansätze des öffentlichen Managements bemüht, um die Beziehung zwischen Kunden und militärischen Dienstleistern zu beleuchten (z. B. Ortiz 2010).
Gegenstand des vorliegenden Buches soll die Analyse der Grundprobleme, die durch den Einsatz privater Militärunternehmen auftreten, aus ökonomischer Perspektive sein. Hierzu wird sich als Werkzeug neben der Neuen Institutionenökonomie insbesondere der Theorie externer Effekte bedient. Das Buch ist eine Zusammenschau der Erkenntnisse des Verfassers, die in einschlägigen wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht (Daumann 2022; 2023a; 2023b) und die umfassend erweitert und aktualisiert wurden. Es ist wie folgt aufgebaut:
Im zweiten Kapitel werden terminologische Grundlagen gelegt. So wird zum einen der Begriff des privaten Militärunternehmertums definiert und zum anderen werden Klassifikationen dieser Organisationen aufgezeigt. Zudem wird eine Abgrenzung zwischen sog. Weak States und Strong States vorgenommen. Im dritten Kapitel soll knapp die historische Genese des privaten Militärunternehmertums nachgezeichnet werden. Im vierten Kapitel wird ein Überblick über den potenziellen Nutzen sowie über die rechtlichen Rahmenbedingungen des Einsatzes von privaten Militärunternehmen gegeben. Zudem werden die maßgeblichen Charakteristika des Marktes für private Militärdienstleistungen aufgezeigt. Im fünften Kapitel wird die Beziehung zwischen Auftraggeber und privatem Militärunternehmen analysiert. Zudem werden Lösungsvorschläge für die in diesem Kontext eruierten Problemfelder vorgestellt. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse werden schließlich anhand dreier Fallstudien mit der Realität kontrastiert. Im sechsten Kapitel werden potenzielle negative externe Effekte der Verpflichtung privater Militärunternehmen auf individueller Ebene sowie in der inner- und zwischenstaatlichen Machttektonik ausgeleuchtet. Auch hier werden abschließend Ansätze zur Lösung der vorher aufgezeigten Probleme präsentiert. Im siebten Kapitel wird ein Fazit gezogen.
In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen des privaten MilitärunternehmertumsMilitärunternehmertum wird eine größere Anzahl von Begriffen verwendet.1 Hierzu zählen neben Söldner und Militärunternehmen insbesondere die englischen Begriffe Private Military Company(PMC), Private Military Firm (PMF) und Mercenary. Singer liefert eine Definition des Begriffes Private Military Firm, die die Grundlage für das Begriffsverständnis des privaten Militärunternehmers bzw. der privaten Militärunternehmung in diesem Buch sein soll. Demnach sind derartige Unternehmen “private business entities that deliver to consumers a wide spectrum of military and security services, once generally assumed to be exclusively inside the public context“ (Singer 2003, S. 8).
Nach Singer (2003, S. 44 ff.) und McFate (2020) zeichnen sich derartige Unternehmen durch die folgenden Eigenschaften aus:
Professionalisierung der Organisationsform: Private MilitärunternehmenMilitärunternehmen treten verstärkt als Kapitalgesellschaften auf. Zudem ist die Bildung von Konzernstrukturen und der Gang an die Kapitalmärkte feststellbar.
Gewinn als primäre Zielsetzung: Private Militärunternehmen zielen vornehmlich darauf ab, Gewinne zu erzielen. Andere Zielsetzungen wie etwa politisch dominierte treten in den Hintergrund.
Breites LeistungsportfolioLeistungsportfolio: Private Militärunternehmen bieten ein ausdifferenziertes Portfolio an militärischen Dienstleistungen für unterschiedlichste Kundengruppen an.
Militärischer Gewaltansatz: Private Militärunternehmen setzen Gewalt auf militärische und nicht auf polizeiliche Weise ein. Sie zielen also darauf ab, den Feind gewaltsam zu besiegen oder abzuschrecken. Demgegenüber ist der Einsatz der Polizei darauf gerichtet, gewaltsame Situationen zu deeskalieren und Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten bzw. wieder herzustellen.
Öffentliche Anwerbung von PersonalPersonal: Private Militärunternehmen werben ihr Personal nicht verdeckt, sondern öffentlich wie andere Unternehmen an (Joachim et al., 2018).
Schneiker (2008, S. 214) grenzt diese Definition insoweit ein, als sie von „international operierenden“ Firmen spricht und deren Leistungen auf die folgenden Bereiche spezifiziert: BeratungBeratung, TrainingTraining und AusbildungAusbildung, LogistikLogistik, technische Dienstetechnische Dienste, MinenräumungMinenräumung und WaffenentsorgungWaffenentsorgung, DemobilisierungDemobilisierung und Reintegration ehemaliger Kämpfer, AufklärungAufklärung, bewaffneter PersonenPersonenschutz-, GebäudeGebäudeschutz- und KonvoischutzKonvoischutz und KampfeinsätzeKampfeinsätze.
Um ihre Dienstleistungen produzieren zu können, bedürfen Militärunternehmer neben der Ausrüstung insbesondere personelle Ressourcen, bei denen den SöldnernSöldner (Mercenaries) ein herausragender Stellenwert zukommt. Söldner sind natürliche Personen mit militärischen Fachkenntnissen, die sich durch die nachfolgenden Eigenschaften auszeichnen und sich damit von SoldatenSoldaten oder PartisanenPartisanen unterscheiden (Singer 2003, S. 43; Rink 2010a, S. 6 ff.; 2010b):
Söldner sind vertraglich gebundene Akteure, die außerhalb der dauerhaften institutionellen Strukturen staatlicher Streitkräfte operieren.
Ihre Tätigkeit ist primär durch das Streben nach materieller Kompensation motiviert, während ideologische, politische oder patriotische Beweggründe nur eine untergeordnete Rolle einnehmen (McFate 2020).
Söldner erbringen regelmäßig militärische Dienstleistungen in Einsatzgebieten bzw. Staaten, in denen sie weder Staatsbürger noch Bewohner sind.
Nach McFate (2020) existieren informelle Netzwerke von Söldnern, die auf gemeinsame militärische Einsätze, kulturelle Identität, gleiche Sprache usw. basieren. Dabei lassen sich vier hauptsächliche Netzwerke, die anhand der Kommandosprache unterschieden werden können, identifizieren: Ein englisch-sprachiges, ein russisch-sprachiges, ein spanisch-sprachiges sowie ein afrikanisches, um Alumnae von Executive Outcomes, einer südafrikanischen privaten Militärunternehmung, zentriertes, Netzwerk.
In der Literatur existieren verschiedene Ansätze, um das private Militärunternehmertum zu klassifizieren, von denen die bedeutendsten hier kurz vorgestellt werden sollen. Nach Fredland (2004) lassen sich Militärunternehmen in erster Linie danach unterscheiden, ob sie Kampfeinsätze durchführen bzw. unmittelbare Kampfunterstützung erbringen – diese werden als Combat Related Companies bezeichnet – oder ob sie andere militärische und quasi-militärische Dienste anbieten. Die zweite Art von privaten militärischen Dienstleistungsunternehmen, die Non-Combatant Companies, differenziert er in Anlehnung an Brooks (2000) wie folgt: Military Support Companies bieten militärische StabsdienstleistungenStabsdienstleistungen wie etwa taktisches TrainingTraining, BedrohungsanalysenBedrohungsanalysen, BeratungBeratung zur Streitkräfteentwicklung usw. an. Private Security Companies offerieren Sicherheitsdienste für AnlagenAnlagenschutz- und PersonenschutzPersonenschutz. Meist bedienen sie Kunden in Hochrisikogebieten. Zum Angebot von Non-Lethal Service Providers gehören spezialisierte Dienste, die sowohl militärisch als auch zivil genutzt werden können. Hierzu zählen etwa Aufklärung, KommunikationKommunikation, MinenräumungMinenräumung und LogistikLogistik in nicht-kampfbezogenen Situationen.
Klassifikation privater Militärunternehmen nach Fredland (2004). Quelle: Eigene Darstellung.
Singer (2003, S. 91 ff.) verwendet die sog. Speerspitzen-TypologieSpeerspitzen-Typologie (Tip-of-the spear typology). Danach lassen sich in Abhängigkeit des Ortes ihrer Tätigkeit im Einsatzgebiet drei Gruppen von Militärunternehmen identifizieren: MilitärdienstleisterMilitärdienstleister (Military Provider Firms), militärische Beraterfirmen (Military Consultant Firms) und Militärunterstützungsdienstleister (Military Support Firms).
Klassifikation privater Militärdienstleister nach Singer (2003). Quelle: Eigene Darstellung.
Bei Militärdienstleistern handelt es sich um Unternehmen, die militärische Dienstleistungen vorwiegend auf taktischer Ebene an vorderster Front des Kampfgebiets erbringen; sie sind unmittelbar entweder als Bodentruppen oder Spezialisten in Kampfhandlungen involviert und/oder haben das unmittelbare Kommando über Bodentruppen inne. Als Beispiele nennt Singer (2003, S. 91) hier die Unternehmen Executive Outcomes und Sandline.
Das Angebot von MilitärberatungsfirmenMilitärberatungsfirmen umfasst in erster Linie Beratungs- und Schulungsdienstleistungen, die auf eine Qualitätsverbesserung des Militärs des Klienten oder auf eine Umstrukturierung desselben ausgerichtet sind (Singer 2003, S. 95). Ihr Aufgabenspektrum beinhaltet die Erstellung strategischer, operativer und/oder organisatorischer Analysen und darauf basierende Handlungsempfehlungen. Kontakte mit dem militärischen Gegner sind dabei nicht vorgesehen. Als Beispiele hierfür mögen die Unternehmen Levdan, Vinnell und MPRI dienen.
Militärunterstützungsdienstleister erbringen militärnahe Dienstleistungen wie etwa logistische und nachrichtendienstliche Dienstleistungen oder sie erfüllen technische Unterstützungs-, Nachschub- und Transportaufgaben. Im Prinzip ist dies die Übertragung des Gedankens des Supply Chain ManagementsSupply Chain Management aus dem zivilen in den militärischen Bereich. Die Unternehmen Ronco Consulting, BRS, Boeing Services, Holmes und Narver waren bzw. sind in diesem recht stark ausdifferenziertem Segment tätig.
Klassifikation der Militärdienstleister nach Avant (2005). Quelle: Avant (2005, S. 25) mit kleinen Modifikationen.
Ein anderer Klassifikationsansatz findet sich bei Avant (2005, S. 16 ff.), die zunächst zwischen Aufgaben im Bereich äußerer und innerer Sicherheit unterscheidet. Während in den ersten Bereich Kampfeinsätze, militärische Beratung und Ausbildung sowie logistische Unterstützung fallen, umfasst der interne Bereich Polizeiaufgaben, nachrichtendienstliche Tätigkeiten sowie Schutzaufgaben, die sich auf Personen oder Objekte beziehen können. Da einzelne Unternehmen verschiedene Aufgaben aus diesem Spektrum anbieten können, orientiert sich Avant (2005, S. 17) bei ihrer Klassifikation am Inhalt des Auftrages und nicht am Unternehmen. Unter Bezug auf die Vorarbeiten Donahues (1989) klassifiziert Avant (2005, S. 25) den Einsatz militärischer Gewalt nach den Merkmalen Finanzierung (mit den Ausprägungen nationale Finanzierung, Finanzierung durch ausländische Staaten, multinationale Finanzierung, private Finanzierung durch For-Profit-Unternehmen, private Finanzierung durch Non-Profit-Unternehmen) und Leistungserbringung (mit den Ausprägungen nationale Leistungserbringung, Leistungserbringung durch einen fremden Staat, multinationale Leistungserbringung, Leistungserbringung durch For-Profit-Unternehmen, Leistungserbringung durch Non-Profit-Unternehmen).
Der Klassifikationsansatz des privaten Militärsektors von McFate (2015, S. 12 ff.) basiert auf den Strukturen des US-amerikanischen Heeres. Im US-amerikanischen Heer werden Combat Arms Troops von Combat ServiceTroops und Combat Service Support Troops unterschieden (McFate 2015, S. 13). Während die Aufgabe der Combat Arms Troops in der Bekämpfung des Feindes besteht und diese sich insbesondere aus Infantrie-, Spezial- und gepanzerten Einheiten zusammensetzen, unterstützen die Combat Service Troops die Operationen der KampftruppenKampftruppen. Hierzu zählen im Wesentlichen die MilitärpolizeiMilitärpolizei, FernmeldeeinheitenFernmeldeeinheiten und die militärische AufklärungAufklärung. Die Combat Service Support Troops haben die Aufgabe, die bereits genannten Truppenteile logistisch und administrativ zu unterstützen. Neben LogistikeinheitenLogistikeinheiten in unterschiedlichen Bereichen gehört hierzu etwa der SanitätsdienstSanitätsdienst.
Ausgehend von dieser Einteilung des US-amerikanischen Heeres differenziert McFate (2015, S. 13) im Bereich der privaten Militärdienstleister zwischen Private Military Companies (PMCs), Private Security Support Companies und General Contractors.
Private Military Companies entsprechen den Combat Arms Troops des US-amerikanischen Militärs. McFate (2015, S. 13; 2020, S. 6 f.) hebt jedoch – anders als Singer (2003, S. 44 ff.) – deren expeditionären Charakter, also den Sachverhalt, dass sie ihre Leistungen vornehmlich im Ausland erbringen, hervor. Der Einsatz von Private Military Companies erfolgt mit dem Ziel, den Gegner durch militärische Gewalt entweder zu besiegen oder abzuschrecken. McFate fasst dies prägnant wie folgt zusammen: „PMCs are lethal and represent the commodification of armed conflict“ (2015, S. 13). Bei den Private Military Companies differenziert McFate (2015, S. 14) zwischen den Merceneries und den Military Enterprisers.
Klassifikation privater Militärdienstleister nach McFate (2015). Quelle: Eigene Darstellung.
Mercenaries sind im Wesentlichen private Militärdienstleister, die autonom militärische Einsätze auf operativer Ebene durchführen können. Dies entspricht in Singers Terminologie den Military Provider Firms (Singer 2003). Damit trägt McFate etwas zu Verwirrung bei der Begriffsverwendung bei, da Singer (2003) – und viele andere – den Begriff Mercenary für einzelne Personen, die sich bei privaten Militärdienstleistern verdingen, verwendet und McFate aber darunter entsprechende Organisationen subsumiert, die militärische Gewaltdienstleistungen im Kampfgebiet erbringen.
Nach McFate (2015, S. 14) handelt es sich bei Military Enterprisers um private Dienstleister, deren Aufgabenschwerpunkt darin besteht, Truppenteile aufzustellen, die anschließend für ihre Klienten ins Feld ziehen. Das Leistungsangebot der Military Enterprisers umfasst unter anderem die Ausbildung und die Ausrüstung dieser Truppenteile. In Singers Klassifikation entspricht dies im Wesentlichen den Military Consultant Firms (Singer 2003). McFate (2015, S. 14) betont, dass eine effiziente militärische Ausbildung von Kampftruppen nur auf Basis spezifischer Kenntnisse und einschlägiger Erfahrungen möglich ist. Vor diesem Hintergrund können nach seiner Ansicht Military Enterprisers ohne weiteres das Aufgabenspektrum der Mercenaries vollständig ausfüllen. In diesem Zusammenhang weist McFate (2015, S. 14 f.) darauf hin, dass etwa die vom amerikanischen Militär in Afghanistan und im Irak eingesetzten Military Enterprisers zum einen bei der Rekrutierung und Ausbildung des lokalen Militärs mitwirkten und zum anderen selbst militärische Aufgabenstellungen im defensiven Bereich wie etwa Objekt- und Personenschutz in gefährdeten Gebieten wahrnahmen. Insofern haben diese Einheiten einen hybriden Charakter: „But these typologies ignore the obvious: if an armed contractor can do one of these functions, they can do all of them. There is no bright line between them. Like national armies, if you have the skillsets for one mission, then you can accomplish the other ones too“ (McFate 2020, S. 5; siehe hierzu auch Fredland 2004).
Private Security Support Companies entsprechen den Combat Service Units des US-amerikanischen Militärs (McFate 2015, S. 15). Sie sind in der Regel unbewaffnet und übernehmen Aufgaben im Bereich der Nachrichtendienste oder fungieren als Übersetzer.
General Contractors stellen schließlich das private Äquivalent zu den Combat Service Support Units dar (McFate 2015, S. 15). Auch sie sind in der Regel unbewaffnet und erbringen logistische Leistungen, etwa in den Bereichen NachschubNachschub, WartungWartung, TransportTransport oder medizinische Versorgungmedizinische Versorgung. Diese Tätigkeiten müssen dabei nicht zwingend militärischer Natur sein, sondern können ebenso in zivilen Kontexten stattfinden. Sowohl die Private Security Support Companies als auch die General Contractors in McFates Klassifikation entsprechen in Singers Klassifikation den Military Support Firms (Singer 2003).
Im Folgenden sollen unter dem Begriff privateMilitärunternehmen (bzw. unter privaterMilitärunternehmer, privateMilitärunternehmung oder privaterMilitärdienstleister) diejenigen privaten militärischen Akteure subsumiert werden, die McFate (2015) als Private Military Companies bezeichnet. PrivateMilitärunternehmen sind demnach privatwirtschaftlich organisierte Unternehmen mit unterschiedlichsten Rechtsformen, die mit dem Ziel der Gewinnerzielung ein breites Spektrum militärischer Dienstleistungen sowohl in einem nationalen als auch in einem internationalen Einsatzgebiet gegen Entgelt anbieten. Das Leistungsspektrum dieser Unternehmen reicht von der Durchführung von militärischen Operationen oder der unmittelbaren Beteiligung an denselben auf taktischer Ebene – etwa im unmittelbaren Kampfgeschehen – bis hin zu Beratungs-, Ausbildungs- und Unterstützungsleistungen, die auf eine Professionalisierung oder strukturelle Reorganisation der Streitkräfte des Auftraggebers abzielen. Zur Erfüllung dieser Aufgaben beschaffen private Militärunternehmen die hierfür erforderlichen personellen und materiellen Ressourcen und kombinieren diese, um die vertraglich vereinbarten militärischen Dienstleistungen zu erbringen.
Zudem werden in diesem Buch die Begriffe starker Staat (Strong State) und schwacher Staat (Weak State) verwendet. Hier sollen diese Begriffe in Anlehnung an Avant (2005) definiert werden. Für Avant ist die Unterscheidung zwischen starken und schwachen Staaten kein normatives, sondern ein analytisches Instrument, um die Fähigkeit staatlicher Akteure zur Organisation, Regulierung und Monopolisierung von Gewalt zu erfassen (Avant 2005, S. 13 f.). Ein starker Staat verfügt laut Avant (2005) über kohärente politische und administrative Strukturen, die es ermöglichen, das staatliche Gewaltmonopol effektiv zu sichern und Kontrolle über nicht-staatliche Akteure auszuüben. Starke Staaten besitzen ausreichend Ressourcen, um Sicherheitsleistungen intern zu organisieren, und sie schaffen rechtliche Rahmenbedingungen, um private Sicherheitsanbieter zu regulieren (Avant 2005, S. 18 ff.). Entscheidend sind eine funktionsfähige Verwaltung, eine konsistente Rechtsordnung und klare politische Verantwortlichkeiten, die gewährleisten, dass private Gewaltakteure nur als komplementäres Instrument staatlicher Politik agieren. Beispiele wie die USA oder Großbritannien zeigen, dass auch bei starker Nutzung von privaten Militärdienstleistern Mechanismen der Regulierung und Rechenschaft – etwa Vertragsauflagen oder parlamentarische Kontrolle – bestehen bleiben (Avant 2005, S. 65 ff.).
Demgegenüber beschreibt Avant Weak States bzw. schwache Staaten als politische Systeme mit geringen institutionellen Kapazitäten, defizitärer Rechtsdurchsetzung und unzureichenden Ressourcen. In solchen Kontexten ist das Gewaltmonopol erodiert; private Sicherheitsakteure übernehmen zentrale Aufgaben des Staates, häufig ohne wirksame Kontrolle (Avant 2005, S. 31 ff.). Die Folge ist eine Pluralisierung von Gewalt, bei der staatliche, private und informelle Akteure nebeneinander operieren. Staaten wie Sierra Leone oder Liberia während der Bürgerkriege illustrieren diese Dynamik: Ohne externe oder private militärische Unterstützung konnten sie weder Sicherheit noch Ordnung gewährleisten (Avant 2005, S. 47 ff.).
Begriff
Definition
Merkmale
Beispiele
Starker
Staat
(Strong
State)
Staat mit hoher institutioneller und rechtlicher Kapazität zur Kontrolle von Gewalt und Regulierung privater Sicherheitsakteure
Durchsetzungsfähige Institutionen
Rechtsstaatlichkeit
Politische Kontrolle
Effiziente Verwaltung
USA
Großbritannien
Schwacher
Staat
(Weak
State)
Staat mit geringer Kontrolle über Gewaltakteure und schwacher Fähigkeit zur Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung
Geringe institutionelle Kapazität
Korruption
Fragmentierung
Abhängigkeit von privaten oder externen Sicherheitsakteuren
Sierra Leone
Liberia
Irak (nach 2003)
Charakteristika von Strong States und Weak States. Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Avant (2005).
Welche Formen von privaten Militärorganisationen unterscheidet Singer?
Welchen Kennzeichen weisen private Militärorganisationen auf?
