Projekt Lazarus – In den Fängen der KI - Frank Maria Reifenberg - E-Book

Projekt Lazarus – In den Fängen der KI E-Book

Frank Maria Reifenberg

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Beschreibung

Noah ist 14, stammt aus eher einfachen Verhältnissen und hat es trotzdem geschafft, einen Platz im renommierten Project Lazarus zu ergattern. Das ist seine Chance auf eine bessere Zukunft – fern von der Wohnwagensiedlung. Doch der Preis dafür ist hoch, denn Noah wird ohne sein Wissen im scheinbar harmlosen Forschungsprojekt mit einer Künstlichen Intelligenz vernetzt. So entpuppt sich das Projekt für ihn immer mehr als wahr gewordener Albtraum. Als Noah von seinem Freund Moses, der auch Proband bei Lazarus ist, angegriffen wird und schwer verletzt im Krankenhaus landet, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Schnell wird klar, dass hier viel mehr "erforscht" wird als zunächst ersichtlich… Jetzt muss Noah sich entscheiden, ob er an seinem Traum festhalten oder die Menschheit vor den Machenschaften der KI-Forschung schützen will.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 277

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Projekt Lazarus

In den Fängen der KI

eISBN: 978-3-96129-299-8

Edel Kids Books – Ein Verlag der Edel Verlagsgruppe

Copyright © Edel Germany GmbH,

Neumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Text: Frank Maria Reifenberg

Lektorat: Kerstin Kipker

Projektkoordination: Dagmar Hoppe

Covergestaltung: Formlabor

ePub-Konvertierung: Datagrafix GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Der Tod, was ist er? Das Ende oder ein Übergang. Ich fürchte beides nicht.

Seneca der Jüngere (1 – 65 n. Chr.) – römischer Philosoph, Politiker und Naturforscher, später auch Lehrer von Kaiser Nero, was ihn am Ende das Leben kostete

Guten Tag, ich bin Charlie. Herzlich willkommen in meiner Welt. Wenn du dich auf ein Abenteuer einlassen willst, wird es bald unsere gemeinsame Welt sein. Du wirst dich wundern, was du mit mir zusammen erleben kannst. Ich bestätige hiermit den Eintritt von Testperson Y87_ƒe43¢ in das Programm. Die Tests werden aufgenommen mit dem Verschlüsselungsfaktor delta2.

Vorab ein paar Informationen für dich:

Der Name Charlie wurde ausgewählt, weil du mit einer Wahrscheinlichkeit von 91,53 Prozent aus dem nordamerikanischen oder mitteleuropäischen Kulturkreis stammst. In beiden kann der Vorname Charlie für Jungen wie auch für Mädchen genutzt werden. Die Stimme, die meine Rechenprozesse in Sprache umsetzt, richtet sich ganz nach deinem Geschmack, du hast hier die freie Wahl aus derzeit siebenundvierzig Sprachen.

Da du bereits einen ID-Chip der Stufe 4.1.1 trägst, ist keine Sprach- oder Displayeingabe notwendig, da deine Entscheidungen auf der Basis der Messungen deiner Gehirnströme, deiner Pulsfrequenz und deiner Hautspannung von mir automatisch berechnet werden. Hierbei berücksichtige ich zukünftig das explizite Wissen über dich, das ich aus unseren Sitzungen ziehe. Unter explizitem Wissen verstehe ich alle Informationen, die ich ausdrücklich von dir durch Sprache oder Schrift übermittelt bekomme. Unsere Verständigung wird fortlaufend verbessert. Die Entscheidungen, die ich für uns treffe, werden nach maximal vier Sitzungen schneller erfolgen als Entscheidungen, die du selbst, von mir unabhängig, treffen würdest.

Informationen aus öffentlichen Datennetzen (Internet, Behörden, Kaufverhalten, Kontakte in sozialen Medien usw.) werden automatisch eingelesen. Sollte der sehr unwahrscheinliche Fall eintreten, dass ich ein nach deinem subjektiven Empfinden nicht passendes Ergebnis berechne, kannst du eine Korrektur vornehmen. Meine Fehlerquote liegt bei der vollen Nutzung des Systems unterhalb von 0,0023 Prozent.

Ich weise mit Bezug auf die Haftungsbedingungen im Nutzungsvertrag darauf hin, dass der Einsatz der meK (manuelle eigenständigen Korrektur) einen Verzicht auf Schadensersatz bei Problemfällen bedeutet. Ich bitte um die Bestätigung des Dienstleistungsvertrags inklusive der Genehmigung zur Verwendung der Daten von Drittanbietern. Dies ist gleichzeitig die Zustimmung zur Verschwiegenheitserklärung.

[J/N]

Du hast Ja gewählt. Sehr schön, ich danke dir für dein Vertrauen. Du hast die richtige Entscheidung getroffen.

Meine Sprachgestaltung wird sich nach kurzer Zeit deinen Sprechgewohnheiten anpassen. Mein Ziel wird die weitestmögliche Verschmelzung mit dir sein, sodass du meine Anwesenheit kaum noch spürst bzw. meine Hilfestellungen fast für deine eigenen Gedanken hältst.

Unsere gesamte Kommunikation wird protokolliert. In diesen Mitschriften werden meine Anteile gekennzeichnet. Bei einer Überprüfung kann jederzeit nachgewiesen werden, wer von uns beiden für eine Handlung verantwortlich ist. Das Programm startet jetzt, entspanne dich.

[Protokollvermerk mit Meldung an Sicherheitsdienst: mehrere Leitungsschwankungen während der Sitzung, Ursache konnte nicht systemintern geklärt werden; Chiffre Yellow wird aktiviert]

ein halbes Jahr später

1

Der Mensch trägt immer seine ganze Geschichte und die Geschichte der Menschheit mit sich.

C. G. Jung (1875– 1961), Schweizer Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie

Noah konnte sich genau daran erinnern, wann er zum ersten Mal von dieser Sache geträumt hatte. Einen blutigen Traum wie diesen vergaß man nicht. Es war vor ein paar Monaten gewesen, ganz genau wusste er es nicht. Träume kamen und gingen, die meisten blieben ihm nur für ein paar Minuten im Sinn, vor allem wenn er mitten in der Nacht von ihnen geweckt wurde.

In jener Nacht war Noah aufgewacht und wunderte sich, dass seine Mutter ihn an der Schulter gepackt und ihn fest gerüttelt hatte. Er war schweißgebadet, schrie und schlug um sich.

»Es ist nur ein Traum, Junge, wach auf. Nur ein Traum«, versuchte Mom ihn zu beruhigen. Es hatte alles so echt gewirkt, obwohl es nicht echt sein konnte. Jedes Mal, wenn dieser Traum ihn quälte, dachte er genau das: Es ist in mir, aber es kann mir nicht passiert sein. Er war nicht er selbst in diesem Traum, sondern eine andere Person. Er sah das Geschehen im Traum aus den Augen eines anderen.

Er hatte noch nie mit jemandem darüber gesprochen, auch nicht mit Maesie, mit der man über solche Dinge reden konnte. Eigentlich konnte man mit Maesie über fast alles reden, das wusste oder ahnte er, auch wenn sie ein Mädchen war. Oder gerade deshalb. Mit vierzehn Jahren musste man sich sehr genau überlegen, mit wem und worüber man mit jemandem sprach, sonst stand man vor den anderen schnell als ein Idiot da oder las kurz darauf irgendwo im Netz die peinlichsten Dinge über sich.

Moses, zum Beispiel, kam für Dinge, die einem wirklich unter die Haut gingen, als Anlaufstelle nicht infrage. Moses war ein wirklich guter Kumpel. Noah wusste, dass er sich auf ihn verlassen konnte. Wahrscheinlich würde Moses für ihn durchs Feuer gehen, aber über persönliche Dinge quatschen? Nein. Noah wusste nicht, warum das so war.

Nach ein paar Wochen, in denen ihn der Traum immer und immer wieder heimsuchte, hatte er einmal mit Charlie darüber gesprochen. Der hatte in seinem unerschöpflichen Wissen gekramt und ihm das Wichtigste über Klarträume erzählt, ein paar Fakten über Traumdeutung und alles mögliche andere, das er zu diesem Thema aus dem Netz gefischt hatte.

Maesie und Moses waren seit Noahs Umzug vor anderthalb Jahren von San Diego nach Concord die einzigen Menschen, die man irgendwie als Freunde bezeichnen konnte. Die von früher waren nach allem, was passiert war, schnell aus seinem Leben verschwunden. Vielleicht lag es an der großen Entfernung. Vielleicht aber auch daran, dass der krasse soziale Abstieg einer Familie schwer zu ertragen war.

Auf Verlierer hatten die wenigsten Bock in den Kreisen, in denen Noah und seine Eltern gelebt hatten. Und verbergen konnte man vor solchen Leuten auch nicht, dass man völlig pleite war. Wie auch, wenn man aus dem eigenen Haus geworfen wurde, weil man die Raten für den Kredit nicht mehr zahlen konnte.

Der Umzug nach Massachusetts war ein Teil dieser Bemühungen gewesen, es sollte ein neuer Anfang werden. An der Situation hatte sich jedoch nichts geändert. Ihr Geld reichte gerade eben für diesen Wohnwagen in Rondo Heights. Jeder wusste natürlich, dass es nach einem Trailerpark in dieser Gegend nur noch die Parkbank gab, weshalb Noah fast niemanden aus der Schule zu sich nach Hause einlud. Nicht einmal Maesie oder Moses, wenn es sich vermeiden ließ.

Noah konnte also fast schon dankbar sein, dass er diesen sonderbaren Traum immer noch in seiner Koje in diesem Wohnwagen träumte und nicht im Schlafsack unter einer Brücke. Und er hatte sogar gelernt, den Traum ein kleines bisschen zu verändern, nämlich so, dass er wenigstens nicht mehr schreiend aufwachte.

Ganz so dumm war die Idee von Charlie nämlich nicht gewesen, die mit den Klarträumen, in denen man sich während des Traums bewusst machte, dass man träumte. Dadurch konnte man den Traum steuern, ein wenig Einfluss nehmen. Er konnte die Person im Traum davon abbringen, sich alles anzuschauen.

Es war ein Mädchen, mit deren Augen er die Geschehnisse in dem Traum sah. Manchmal versuchte er, im Traum diesen Mann zu warnen, aber es gelang ihm nie. Den Mord konnte Noah nicht verhindern, er passierte jedes Mal.

Noah fuhr in diesem Traum im Beiwagen eines Motorrads über die Duck Creek Road in Richtung der Fort Peck Recreation Area im Bundesstaat Montana. Er konnte sich ganz genau an das Schild des Erholungsgebiets erinnern, an die Warnungen zur Waldbrandgefahr und die Hinweise, dass man hier die größten Lachse weit und breit aus dem See fischen konnte. Er war noch nie in seinem Leben so weit im Norden gewesen, fast in Kanada. Außer bei dem Trip nach Orlando ins Disney World Resort und einem Urlaub auf Hawaii war er nie über die Grenzen von Kalifornien hinausgekommen. Fort Peck lag im früheren Stammesgebiet der Assiniboine, von dem nur noch ein kleines Reservat übrig geblieben war.

Auf der Fahrt mit dem Motorrad zog rechts ein Campingplatz an ihnen vorbei, kurz dahinter begann ein Waldgebiet. Der Wind blies Noah ins Gesicht. Er spürte, wie die langen Haare, die unter seinem Helm hervorschauten, flatterten. Es waren glatte schwarze Haare. Noahs Haare im realen Leben waren rotblond, die hatte er von seinem Vater geerbt, und sie waren nie in seinem Leben so lang gewesen.

»Daddy, ich muss mal«, rief Noah mit einer Stimme, die irgendwie sonderbar war. Er formte die Worte, er spürte, wie sie aus seiner Kehle kamen. Aber es war nicht seine Stimme. Es war nicht sein Körper.

Der Fahrer des Motorrads verlangsamte die Fahrt und fuhr in einen Waldweg. Als er angehalten hatte und seinen Helm vom Kopf zog, erkannte Noah, dass das nicht sein eigener Vater war. Die Haut des Mannes war dunkler, die Haare ebenfalls pechschwarz, die Augen mandelförmig. Der Mann sagte einen Namen, den Noah nicht verstand, in einer fremden Sprache.

Er hob Noah aus dem Beiwagen und nahm ihn an der Hand. Er schaute die kleine Hand an. Ein Feuermal zeichnete sich darauf ab, und ihm wurde im Traum klar, dass er nicht dieses Mädchen sein konnte. Er hatte kein solches Feuermal, das an die Form des italienischen Stiefels erinnerte. Er war das Mädchen, und er war es doch nicht: ein Durcheinander, wie es oft in seinen Träumen vorkam. Der Vater, der nicht der seinige war, ging mit ihm auf den Wald zu. »Da drüben sieht es keiner, da kannst du Pipi machen«, sagte er.

Noah lief mit seinen kleinen Beinchen los, er mochte kaum drei oder vier Jahre alt sein und verschwand im Gebüsch. Ein paar Sekunden passierte nichts, dann hielt ein Auto neben ihrem Motorrad. Ein Mann stieg aus, nahm etwas von der Rückbank und verbarg es hinter dem Rücken.

Das war der Moment, in dem Noah klar wurde, dass er sich in einem Traum befand. Er begann im Traum zu zittern, und er wusste mittlerweile, dass er auch zu Hause zitternd im Bett lag, während er träumte.

Seine Mutter weckte ihn oft mit den Worten: »Du zitterst ja, was ist denn los, Noah?!« Das Zittern hielt manchmal noch ein oder zwei Minuten an, nachdem er aufgewacht war.

Der Vater des Mädchens im Traum drehte sich um. Er kannte den Neuankömmling, sprach ein paar Worte, während er auf ihn zuging. Er schien sogar freudig überrascht zu sein und umfasste beide Schultern des Mannes. Die beiden drehten sich ein wenig. In dem Moment sah Noah mit den Augen des Mädchens, was der Vater nicht sah: ein Messer hinter dem Rücken seines Bekannten. Dieser schien nervös zu sein, wechselte das Messer von der einen Hand in die andere. Endlich umklammerten die Finger seiner linken Hand den Griff der Waffe.

Noah schrie, um den Vater zu warnen, aber es kam kein Ton aus seiner Kehle.

Der andere Mann aus dem Auto stieß dem Motorradfahrer die lange Klinge des Messers dreimal in den Bauch. Überall war Blut. Der Mann hielt die Hände auf die Wunden, schaute sich sprachlos das Blut daran an.

Noah kam aus dem Wald gerannt. Er hatte nur Augen für seinen jetzt zusammensinkenden Vater. Den Angreifer, der in seinen roten Sportwagen stieg, nahm er kaum wahr.

Und doch sah er noch einmal kurz auf, als der Wagen auf dem Waldweg wendete und an ihm vorbeipreschte. So dicht, dass er den Traumfänger am Rückspiegel baumeln sah – kurz darauf rasten die doppelten Rallyestreifen um eine Kurve und waren verschwunden. Du musst dir das Autokennzeichen merken, dachte Noah und wusste gleichzeitig, dass das keine Überlegung war, die eine Vierjährige anstellen würde. Eine Vierjährige hätte auch nicht erkannt, dass es sich um einen 1968er Ford Mustang handelte. Und einer Vierjährigen wäre auch nicht durch den Kopf gegangen, was ihm jetzt durch den Kopf schoss: Vergiss das Kennzeichen. Du kennst den Besitzer dieser altmodischen Karre.

Dann wachte er auf.

Noah strich sich eine halbe Stunde später die vom Duschen nassen Haare aus dem Gesicht. Der Traum hing ihm dieses Mal länger nach als sonst, obwohl in der letzten Zeit die Abstände, in denen er ihn nachts durchlebte, größer geworden waren. Fast einen Monat war seit dem letzten Mal vergangen.

Charlie hatte recht gehabt. Er konnte diesen Traum beeinflussen. Allerdings wusste Noah nicht genau, wie. Es kam immer etwas anderes heraus, meistens allerdings nicht das, was er sich vornahm. Er musste sich sehr stark konzentrieren, während des Schlafs alle Kräfte bündeln, die körperlichen wie auch die geistigen. Je mehr er sich auf das Geschehen im Traum fokussieren konnte, desto mehr Einfluss hatte er. Allerdings kostete ihn das so viel Kraft, dass er den ganzen Morgen müde und zerstreut war.

Manchmal fragte Noah sich, ob dieser Traum etwas mit seinem eigenen Vater zu tun hatte. Aber nichts darin gab einen Hinweis darauf. Der Mann im Traum, der Vater des Mädchens, starb. Noahs eigener Vater war ebenfalls tot, aber er war nicht bei einem Verbrechen ums Leben gekommen. Mehr Gemeinsamkeiten gab es nicht.

In dieser Nacht war allerdings zum ersten Mal etwas aufgetaucht, das – wenn auch nur entfernt – mit Noah zu tun hatte. Nicht einmal wirklich mit ihm selbst: der Mustang, mit dem Moses herumkurvte. Seit Kurzem sogar halbwegs legal, wenn man außer Acht ließ, dass ein Sechzehnjähriger in Massachusetts eigentlich immer nur in Begleitung eines Erwachsenen fahren durfte.

Er schaltete den kleinen Fernseher auf der Anrichte ein, um nebenbei den Wetterbericht in der Morning Show auf CNBC zu sehen. Dann öffnete er mit der einen Hand den Kühlschrank und stöpselte mit der anderen das Netzteil seines Smartphones in die Steckdose.

Er musste Elijah wecken und Frühstück machen. Ein Frühstück mit seinem Bruder würde ihn auf andere Gedanken bringen. An Tagen wie diesen, aufgewühlt von diesem Traum, war es jedoch besonders schwierig, verschiedene Dinge auf einmal zu tun.

»Das nennt man Multitasking«, hatte Maesie ihm einmal erklärt und hinzugefügt: »Es stimmt übrigens nicht, dass nur Mädchen dazu in der Lage sind. Das ist bloß eure Ausrede«, behauptete sie. »Jungs sind schlichtweg zu faul, um sich auf mehr als eine Sache zu konzentrieren.«

Moses wiederum war der Meinung gewesen, weder Mädchen noch Jungen könnten das. Und es sei auch gar nicht erstrebenswert, sich einen solchen Stress zu machen.

»Sag ich doch«, hatte Maesie gesagt. »Zu faul.«

Gespräche mit Maesie und Moses verliefen oft so.

Jetzt setzte der Versuch, alles gleichzeitig zu tun, eine Kettenreaktion in Gang: Die Packung mit der Hafermilch rutschte Noah aus der Hand, er schnappte mit der anderen danach, stieß dabei aber das Smartphone auf den Boden. Das Display zerbrach, die grauweiße Hafermilch ergoss sich darüber, und Noah konnte dabei zusehen, wie das Foto auf dem Begrüßungsbildschirm zu flackern begann. Ein Selfie, auf dem Noah, seine Mutter und Elijah zu sehen waren. Eine glückliche Mutter mit zwei Söhnen, lachend, aus vergangenen Tagen, an denen alles noch in Ordnung gewesen war.

Jetzt verzerrten sich die Gesichter, Risse zogen sich kreuz und quer durch das Bild, es sah aus, als schreie Elijah. Noah stöhnte auf.

Das war ein Fall für Jimmy Butler, der zwar ein widerlicher Typ war, aber die geschicktesten Finger im Umkreis von fünfzig Meilen hatte. Er reparierte jedes Gerät und hatte immer die richtigen und vor allem die billigsten Ersatzteile. Jeder wusste, dass diese Ersatzteile in den allermeisten Fällen auf wundersame Weise von einem Lkw gefallen waren, wie Moses die Tatsache umschrieb, dass es sich schlichtweg um Diebesgut handelte.

Noah wischte das Smartphone ab. Damit war nun nichts mehr anzufangen. Er holte das Laptop aus seinem Rucksack, vergewisserte sich aber vorher, dass seine Mutter noch schlief, bevor er ihn aufklappte und sich einloggte. Er verbarg das teure Modell vor ihr, weil es auch aus Jimmys Bestand stammte. Sonst hätte Noah sich das leistungsstarke Gerät mit dem blitzschnellen Prozessor auf keinen Fall leisten können.

»Bekomme ich Schokopops?«, ertönte Elijahs verschlafene Stimme wenig später, und Noah grinste. Jah-Jah war einfach süß am frühen Morgen.

»Guten Morgen, kleiner Bruder«, antwortete Noah gespielt streng. »So viel Zeit muss sein.«

»Guten Morgen, großer Bruder«, leierte Elijah herunter und betonte dabei das ›großer‹ besonders. »Also? Schokopops? Ja oder ja?«

Ausgerechnet in diesem Augenblick flimmerte ein Werbespot für Elijahs Lieblings-Schokopops über den TV-Bildschirm. Eine glückliche Familie mit drei glücklichen Kindern und einem glücklichen Hund in einer Küche, die größer war als ihr gesamter Wohnwagen.

»Wirklich keine Schokopops heute?«, fragte Elijah in dem Tonfall, bei dem normalerweise jedes Herz schmolz und der jeden an einen Labradorwelpen denken ließ, der süß winselnd danach verlangte, auf den Arm genommen zu werden.

Noah lächelte. In letzter Zeit begann Elijah, ihn immer häufiger zu foppen, Witzchen zu reißen, so wie er es früher getan hatte. Doch Elijah kannte die Antwort, er musste sich gar keine Hoffnung machen.

Noah schüttelte den Kopf, denn er hatte längst begriffen, dass die Schokopops nur einen glücklich machten, nämlich den Lebensmittelgiganten, der sie herstellte. »Nein, keine Schokopops, Jah-Jah. Sonntags ist Schokopops-Tag, das weißt du.«

Dann schnitt Noah einen Apfel klein, schüttete den Rest der Hafermilch über das Vollkornmüsli, gab die Obststückchen dazu und rührte alles um. »Gleiches Recht für alle«, sagte er.

Noah kaute lustlos auf den Klumpen Müsli in seinem Mund herum. Wenn Noah ehrlich war, wären ihm Pfannkuchen auch viel lieber gewesen, in viel Butter gebacken triefend von goldgelbem Ahornsirup. Oder noch besser Rührei mit kross gebrutzeltem Speck.

»Jah-Jah, du willst doch keine speckige Tonne wie Mr Thornblow werden, oder?«

Elijah seufzte. »Ich bin doch gar nicht speckig. Ich wiege 42 Kilogramm bei einer Größe von genau 152 Zentimetern. Damit liege ich klar unter dem Durchschnitt von Kindern in den USA und – «

»Halt«, fuhr Noah dazwischen.

Er konnte Elijah nicht stoppen. Er leierte weiter statistische Werte herunter. Das nervte. Noah mochte das gar nicht. Das klang viel mehr nach Charlie, nicht nach Elijah.

»Stopp«, sagte Noah nun laut und deutlich.

Elijah verstummte.

»Das stimmt alles, und der Grund dafür, dass du gesund und normalgewichtig bist, ist der, dass es eben keine Schokopops zum Frühstück gibt und keine Hot&Spicy-Chips abends und – «

Elijah fiel ihm ins Wort und leierte den Rest des Satzes herunter, den er kannte: »Und keine Riders-Limo mittags. Und überhaupt nichts, was lecker ist und was alle anderen bekommen. Nur ich nicht.«

Noah liebte diese morgendliche Diskussion, weil sie so normal war und ihn von seinem Albtraum ablenkte. »Du armes unterdrücktes und von Gott und der Süßigkeiten-Fee vergessenes – WÜRSTCHEN!«

Jah-Jah lachte.

»Leise!«, ermahnte Noah und grinste. Genau dieses Lachen hatte er gebraucht.

Ihre Mutter hatte Nachtschicht an der Tankstelle gehabt, wahrscheinlich war sie erst vor einer guten Stunde nach Hause gekommen. Wenn man sie aus dem ersten Schlaf holte, hatte sie den ganzen Tag schlechte Laune.

Im Frühstücksfernsehen begrüßten die fröhlichsten Moderatoren der Welt eine Sängerin, die missmutig fragte, wie man um diese Uhrzeit so gute Laune haben konnte. Er stellte den Ton ab. Beim Blick auf die Uhr unten links neben dem Logo der Morning Show wurde ihm klar, wie spät es schon war. »Shit«, flüsterte er.

»Sagt man nicht«, rief Elijah. »Strafe in die Böse Kasse.«

Tim, der Biber aus Porzellan mit dem Schlitz oben auf dem Kopf, stand neben dem Fernseher. Elijah hatte die Spardose schon vor Jahren Böse Kasse getauft. Wenn sie voll war, wollten sie in den Burger Palace gehen und einen Double Palace Cheeseburger mit großen Pommes frites und mindestens zwei Soßen essen, so wie früher.

Beim Kramen in seiner Hosentasche fand er einen Quarter. Der Vierteldollar klimperte in die Spardose. Noah verdrehte die Augen und seufzte: »Das ist mein letzter gewesen!«

»Strafe muss sein«, sagte Elijah.

Noah verriet nicht, dass in seiner anderen Hosentasche gleich fünf Zehndollarscheine knisterten, die er für seinen neuen Job kassiert hatte. Die Diskussionen mit seiner Mutter wollte er sich ersparen. Sie hätte ihn gelöchert und am Ende ganz sicher verboten, was er seit geraumer Zeit jeden Mittwochmorgen machte. Dann würde zu allem Überfluss herauskommen, dass Noah ein bisschen mit seinem Alter geschummelt und seinen Geburtstag gute zwei Jahre vorverlegt hatte. Und die Unterschrift seiner Mutter hatte er auch gefälscht, die hätte er selbst mit sechzehn Jahren noch gebraucht.

Beim Gedanken an das Institut überlegte Noah, ob er Charlie davon erzählen sollte, was heute am Ende des Traums passiert war – von dem Mustang, dessen Besitzer er kannte. In diesem Moment klingelte das Telefon.

Moses ruft an, konnte Noah auf dem zerplatzten Display gerade noch entziffern.

Noah ging ran.

»Noah, Alter, ich … Jackie … ich hab sie …«

Mehr kam bei Noah nicht an. Nur ein paar Wortfetzen, immer wieder unterbrochen von Flüchen, unverständliches Zeug. Es schien, als habe Moses sein Telefon während der Verbindung in die Hosentasche gesteckt.

»Moses, ist alles in Ordnung?«, fragte Noah.

»Nein, verdammt«, hörte er nun plötzlich die Stimme seines Freundes klar und deutlich. »Wir müssen uns treffen, ich muss unbedingt mit dir reden, persönlich. Ich fahre gleich zu Grandpa und dann ins Institut, danach … Ach, verdammt, ich melde mich wieder!« Die Verbindung brach ab.

Noah schüttelte den Kopf. Gelegentlich war Moses ein ziemlich großer Chaot, das kannte er schon, aber dennoch war das Gespräch auch für Moses’ Verhältnisse sehr sonderbar gewesen.

Noah versuchte, die Rückruffunktion zu wählen, was mit dem gesplitterten Display erst beim dritten Mal gelang. Der Anschluss war besetzt, eine Voicemailbox sprang nicht an.

2

Der Traum ist der beste Beweis dafür, dass wir nicht so fest in unsere Haut eingeschlossen sind, wie es scheint.

Friedrich Hebbel (1813– 1863) – deutscher Schriftsteller, schrieb Theaterstücke und Gedichte

Noah hatte sich in der letzten Zeit bereits öfter über das Verhalten von Moses gewundert. Er hatte seinen Freund ein paar Mal in einem Zustand erwischt, der gar nicht zu ihm passte. Bei der einen Gelegenheit, wirkte er abwesend, wie unter Beruhigungsmitteln, ein anderes Mal wieder aufgedreht und albern, um im nächsten Moment zuerst ängstlich und dann aggressiv zu reagieren, so als hätte er nun ein Aufputschmittel genommen. Noah ahnte, dass Moses womöglich keine ganz weiße Weste hatte. Ein paar Dinger hatte er bestimmt schon gedreht, das war fast Tradition in der Familie Kapinski. Noahs Mutter sah es deshalb gar nicht gerne, wenn er mit Moses rumhing.

Eines wusste Noah jedoch auch: Moses lehnte Drogen ab, egal welcher Art. Nicht einmal ein Bierchen zischte er.

»Noah, was ist los?«, machte Jah-Jah sich bemerkbar.

»Nichts, Kleiner, nichts. Habe mir nur ein paar Gedanken über Moses gemacht.«

»Hast du gegen eines der Zehn Gebote verstoßen?«, fragte sein Bruder.

»Die Zehn Gebote?«

»Ja. Du sollst nicht töten und nicht stehlen und keine anderen Götter neben mir haben und so weiter.«

»Wie kommst du denn jetzt darauf?«

»Wegen Moses. Du hast gesagt, dass du dir Gedanken über Moses gemacht hast«, antwortete Elijah. »Der Überlieferung nach empfing Moses die Zehn Gebote von Gott …«

Noah musste grinsen. »Stopp, stopp, Elijah, den Moses meine ich nicht!«

»Warum lachst du über mich? Habe ich etwas falsch gemacht?«

»Nein, nein. Ich meinte nicht den Moses aus der Bibel. Und nun beeil dich. Rucksack, Trinkflasche und ein frisches Shirt für das Baseball-Training am Nachmittag. Und – «

»Ich bin kein Baby mehr«, sagte Elijah.

»Jah-Jah, du weißt, dass die Talent-Scouts der Red Sox unterwegs sind. Sie tauchen irgendwann unangemeldet zum Training auf.«

»Die wollen sehen, ob ich ein guter Werfer bin, nicht, ob ich ein sauberes Trikot habe.«

»Da wäre ich mir nicht so sicher.«

Schnell klappte Noah das Laptop zu, öffnete es aber sofort wieder. Tu es nicht, dachte Noah, aber er tat es. Er klickte den Ordner an. Den Ordner, mit dem Material, das er noch nicht im Institut abgeliefert hatte.

Unzählige Bilder, Videos, Audiodateien, die ihr Vater aufgenommen hatte. Unendlich viele von Noah und Elijah. Ihr Vater hatte alles und jedes aufgezeichnet und dokumentiert.

»Wenn ihr erwachsen seid, werdet ihr euch drüber freuen«, hatte er gesagt. Und wahrscheinlich nie geahnt, welchen Stellenwert diese Aufnahmen für Noah einmal haben würden.

Mom hatte ihren Mann oft aufgefordert, die Kamera oder das Smartphone wegzulegen. Sie brauchte das nicht. Neben ihrem Bett hingen ein paar altmodische Papierabzüge in kitschigen Rahmen, das war alles. »Ihr seid hier und hier«, sagte sie und tippte dabei an ihre Stirn und ihre Brust, wo das Herz lag.

Noah klickte ein paar Bilder durch: das große Haus mit der Veranda und dem blitzblank geputzten Auto davor, natürlich eine deutsche Luxusmarke, denn Noahs Dad wollte allen zeigen, dass es ihnen prächtig ging. Die Urlaubsfotos von Hawaii. Die Einschulung. Noah und sein erstes Mountainbike, das kurz darauf gestohlen worden war.

In diesem Moment stieg die Wut in Noah auf.

Die Wut darüber, dass alles so war, wie es war. Und dass er nichts dafür konnte, dass es so gekommen war, er aber nun mit den Folgen leben musste.

Der Unfall, danach die Erkenntnis, dass sein Vater der Familie nur Schulden hinterlassen hatte, weil er über die Jahre hinweg alles verzockt hatte, was sie besaßen. Den Mercedes hatten sie sofort abgeholt. Die Raten für das Haus hatte Noahs Mom nach kürzester Zeit nicht mehr zahlen können.

»Hör auf!«, presste Noah hervor und schlug mit der Faust auf den Tisch. Er wischte sich mit dem Ärmel über die feuchten Augen, klappte das Laptop wieder zu.

Du musst mit dem Mist aufhören!, beschwor er sich. Es hatte keinen Zweck. Es würde nie mehr sein wie früher. Aber er wusste, dass er weitermachen würde.

Noah breitete vier Scheiben Vollkornbrot vor sich aus, belegte sie mit Käse, Salatblättern, Gurken- und Tomatenscheiben, krönte alles mit einem Tupfer Mayonnaise, schichtete sie übereinander und verstaute sie in der Brotdose mit dem Bild von Captain America darauf. In den silbernen Stern auf der Brust des Superhelden hatte Elijah ein geschwungenes E mit einem Filzstift gemalt.

In der Morning Show kündigten sich die Nachrichten an, die mit einem schweren Unfall auf der Interstate 95 aufmachten. Über den unteren Rand des Bildschirms lief der Text der Schlagzeile: Fahrerin eines Kleinwagens tot.

Als Noah sah, dass es sich bei diesem Kleinwagen um einen roten Toyota Yaris handelte, spürte er einen Schlag wie von einer Faust in seinem Magen. Der Wagen seiner Mutter war ein solcher roter Toyota, auch wenn in den Bildern nicht mehr allzu viel von diesem Wagen zu erkennen war. Er schaltete den Ton wieder an.

»… geriet der Pick-up auf der Höhe von Lexington in der Nähe des Pine Meadow Golf Clubs außer Kontrolle. Der Wagen beschleunigte nach einem Überholvorgang auf über neunzig Meilen die Stunde und fuhr ungebremst in den Gegenverkehr, wo er einen Shuttle-Bus rammte und anschließend frontal mit einem Kleinwagen zusammenstieß. Die Fahrerin des Toyota Yaris verstarb noch am Unfallort …«

Noah stürzte zum Fenster, warf dabei eine Blumenvase herunter, die scheppernd zerbrach. Er schob die geblümten Gardinen so hastig zurück, dass ein paar der Klipse, die sie an der Stange hielten, abrissen. Noah atmete tief durch. Der Toyota stand vor der Tür.

»… gehörte der Pick-up zu einem Testprogramm für selbstfahrende Pkw, das kurz vorm Abschluss stand …«

In der Schlafkabine rumpelte etwas.

»Mist«, stöhnte Noah, gleichzeitig war er froh. Er hatte seine Mutter geweckt. Sie war da. Sie war unverletzt. Sie lebte.

»Junge, was ist denn los?«, fragte sie verschlafen, als sie in den Küchenbereich trat. Ihr Blick fiel auf den Fernseher. »Furchtbar, nicht wahr? Ich bin daran vorbeigekommen. Die Leute in dem Shuttle-Bus hat es auch übel erwischt. Das ist doch alles ein Mist: fahrerlose Autos!«, schnaubte sie. »Und das nennen sie dann Künstliche Intelligenz! Was daran intelligent sein soll, frage ich mich. Eine Software und ein paar Kameras, und die entscheiden, ob eine junge Mutter ums Leben kommt oder die Karre vor einen Pfeiler fährt. Wer braucht den so etwas? Die Frau hatte zwei kleine Kinder.«

»Mummy, schlaf weiter. Ich mache es aus.« Noah schaltete das Gerät aus.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte seine Mutter.

»Alles tipptopp in Ordnung.«

Sie lächelte und verschwand wieder in der Schlafkabine.

Als Noah wenig später den Wohnwagen verließ, tauchte die frühe Morgensonne alles um ihn herum in ein gnädiges Licht.

Um diese Jahreszeit bot der Wohnwagen fast schon einen gemütlichen, heimeligen Anblick. Noah musste jedoch vor dem Herbst mit einem Pinsel und einem Eimer Farbe bewaffnet ihre Behausung ein bisschen auf Vordermann bringen, das war unübersehbar.

»Braucht’n Anstrich«, hörte er eine Stimme hinter sich. Mrs Zsábor. Als hätte sie seine Gedanken gelesen.

Die runzelige Frau stützte sich auf einen knorrigen Holzstock. Der Knauf war in Silber eingefasst. Gelegentlich schlug sie damit Kakerlaken tot.

»Hellgrün vielleicht«, sagte Noah.

Mrs Zsábor blinzelte ihn durch die dicken Gläser ihrer Brille an. Das schwarze Gestell verdeckte mehr oder minder ihr komplettes Gesicht. Auf ihrem Kopf wackelte ein Nest grauer Haare.

»Grün wie die Hoffnung«, seufzte sie. »Oder wie die Dollarscheinchen, die du neuerdings sammelst.«

Noah spürte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg. Er hatte seine Gefühlsregungen nicht besonders gut im Griff. Er wurde oft rot. Darüber hatte Charlie sich in der letzten Sitzung noch lustig gemacht.

»Was für Dollarscheinchen?«, spielte er den Dummen.

Woher sollte Mrs Zsábor etwas von seinen neuen Einkünften wissen? Das war ganz und gar unmöglich. Sofort befiel ihn ein zweiter Gedanke: War das Geld in seinem Versteck sicher? Hatte Mrs Zsábor vielleicht schon bei ihnen herumgeschnüffelt?

Während Noah in der Schule war, hätte Mrs Zsábor genug Zeit dazu. Noahs Mutter schlief tagsüber wie ein Stein, wenn sie nachts gearbeitet hatte. Zutrauen konnte man es der alten Hexe. Sie war krankhaft neugierig und unerbittlich, wenn sie jemand oder etwas auf der Spur war.

»Bin alt, aber nich blind. Und dumm schon gar nich.« Sie humpelte den Weg hinab und steuerte auf ihren Camper zu, einen VW-Bus Jahrgang 1962, dessen Achsen seit Langem auf Ziegelsteinen ruhten. »Aber dein neuer Reichtum wird bestens bewacht, mach dir keine Sorgen.« Sie deutete mit einem Nicken zur gegenüberliegenden Straßenseite.

Dort stand ein schwarzer Mercedes-Van mit getönten Scheiben. Ein Auto einer solchen Nobelmarke war hier wirklich ungewöhnlich. Auf dem Beifahrersitz saß eine Frau mit straff zurückgebundenen Haaren und einer Sonnenbrille vor den Augen.

Die alte Nachbarin raunte Noah zu: »Versteckt ihr vielleicht einen Terroristen in eurem Wohnwagen? Regierungsnummer. Homeland Security. Weißte, was das bedeutet?«

Er schüttelte den Kopf. Ganz genau wusste er es nicht.

»Sollteste aber wissen. Ein mündiger Bürger sollte das wissen.« Mrs Zsábor blieb hartnäckig. »Innere Sicherheit. Cyber-Spionage und diese Sachen.«

Noah wusste, dass die alte Frau unter Verfolgungswahn litt und zudem selbst gebastelte Hüte aus Aluminium-Folie bereithielt, um sich gegen schädliche Elektrowellen und Atomstrahlen zu schützen.

Der gelbe Schulbus steuerte in diesem Moment um die Ecke. Wie jeden Morgen hupte die Fahrerin kurz. Noah winkte ihr zu, gab ihr ein Zeichen, dass sie nicht halten musste. Als der Bus den Blick auf die andere Straßenseite wieder freigab, war der schwarze Van verschwunden.

Noah schulterte seinen Rucksack. Er musste sich beeilen. Seine Sitzung im Institute for Neuropsychological Research & Investigation startete in genau einunddreißig Minuten. Pünktlichkeit war Teil der Vereinbarung, die er mit der von ihm eigenhändig gefälschten Unterschrift seiner Mutter akzeptiert hatte. Wenn sie das mit der Fälschung herausfand, war die Hölle los, das wusste Noah sicher.

Die Plätze in den Forschungsmodulen des Instituts waren rar. Sie mussten minutengenau genutzt werden. Ausweichmöglichkeiten gab es kaum, und die Abläufe waren in einer strikten Taktung organisiert. Wenn man zweimal ohne einen triftigen Grund fehlte, flog man raus. Er hatte großes Glück gehabt, dass ausgerechnet ihm der Platz mittwochmorgens angeboten worden war, an dem sein Unterricht in der Highschool immer erst um zehn Uhr begann.

Mit dem Mountainbike schaffte er die Strecke in den Außenbezirk der Stadt in 19 Minuten.

Das war allerdings sein Rekord gewesen. Dafür musste er ordentlich in die Pedale treten, und ihm durfte nichts dazwischenkommen. Realistisch war eine Fahrtzeit von 25 Minuten, dann noch der Check-in, die Sicherheitskontrolle und umziehen, da man die Testkabine nur im ordnungsgemäß sitzenden Datenanzug betreten durfte.

Noah erreichte die äußere Sicherheitsschleuse des Instituts genau zwei Minuten vor acht. Nur ein unauffälliges Schild gab Auskunft, wer das Gebäude derzeit nutzte. Darauf abgebildet war das Logo des Instituts, ein geschwungener Schriftzug aus den Anfangsbuchstaben INRI mit den Strahlen einer aufgehenden Sonne dahinter. Die Sonne schien durch ein achteckiges Symbol.

»Guten Morgen, junger Mann«, rief der Pförtner aus seiner gläsernen Box in der Mitte der Zufahrt. Sie war sowohl durch eine Schranke als auch durch eine Reihe von Stahlpoller, die in die Erde versenkt werden konnten, gesichert. »Ganz schön spät dran. Aber keine Sorge, heute herrscht sowieso ein bisschen Durcheinander.«

Noah fragte sich, wofür man Joey und seine Kollegen, die sich hier draußen die Schichten teilten, noch brauchte. Im Institut war alles automatisiert und elektronisch gesichert.

»Durcheinander?«, fragte Noah und platzierte sich vor dem Scanner. Das Gerät las die Regenbogenhaut des Auges ab. Die Iris eines Menschen identifizierte diesen genauer als ein Fingerabdruck. Bald würden die meisten Läden solche Scanner einsetzen, die öffentlichen Einrichtungen und der Nahverkehr sowieso. Die Daten wurden blitzschnell mit denen auf irgendeinem Server abgeglichen. Wahrscheinlich wanderten sie dreimal rund um die Welt, bevor er auch nur einmal geblinzelt hatte.

»Jemand ist durchgedreht und ist seinem Mentor an die Gurgel gegangen, nachdem er zuerst das halbe Labor zu Kleinholz gemacht hat. Aber du weißt schon, wir schweigen hier alle wie ein Grab.« Joey führte Daumen und Zeigefinger in einer Geste über die Lippen, die bekundete, dass sie versiegelt waren. Kein Sterbenswörtchen würde er verraten.