Psalmenpredigten - Tilman Hachfeld - E-Book

Psalmenpredigten E-Book

Tilman Hachfeld

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Beschreibung

Dass die biblischen Psalmen, das Gesang- und Gebetbuch Israels, von Anfang an auch im christlichen Gottesdienst ihren Ort hatten und haben, ist kaum umstritten. In der Reformationszeit fanden sie in Martin Luther und besonders Johannes Calvin engagierte Ausleger. Calvin, der sonst nur über neutestamentliche Perikopen predigte, predigte fortlaufend über alle 150 Psalmen, die er zudem in seinen Vorlesungen gründlich interpretierte. Trotz dieser reformatorischen Wertschätzung gingen die Psalmen aus den vorgeschlagenen Predigttexten der Perikopenordnung der lutherischen Kirchen verloren. Erst in der anstehenden Revision kommen 11 von ihnen, verteilt auf vier Predigtreihen, wieder vor. Dieser Band mit Predigten soll der Erbauung der Gemeinde und der Ermutigung von Predigern dienen, alternativ zu den üblichen Perikopen vermehrt über Psalmen zu predigen, im Bewusstsein, dass sie das ungeteilte Erbe Israels bleiben, Christen aber hoffen dürfen, durch den Sohn Israels, Jesus von Nazareth, daran Anteil zu bekommen.

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Seitenzahl: 298

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Vorbemerkungen

Dass die biblischen Psalmen, das Gesang- und Gebetbuch Israels, von Anfang an auch im christlichen Gottesdienst ihren Ort hatten und haben, ist kaum bestritten. In der Reformationszeit fanden sie in Martin Luther und besonders bei Johannes Calvin engagierte Ausleger. Calvin, der sonst nur über neutestamentliche Perikopen predigte, predigte fortlaufend über alle 150 Psalmen, die er zudem in seinen Vorlesungen gründlich interpretierte.

Trotz dieser reformatorischen Wertschätzung gingen die Psalmen aus den vorgeschlagenen Predigttexten der Perikopenordnung der lutherischen Kirchen verloren. Erst in der anstehenden Revision kommen 11 von ihnen, verteilt auf vier Predigtreihen, wieder vor.

Als reformierter Prediger in einer preußisch-unierten Kirche konnte ich mir die Freiheit nehmen, an Stelle der vorgegebenen Perikopen immer wieder über Psalmen zu predigen. Dabei war mir bewusst, dass sie das ungeteilte Erbe Israels bleiben und wir Christen nur hoffen dürfen, durch den Sohn Israels, Jesus von Nazareth, daran Anteil zu bekommen.

Die hier abgedruckten Predigten wurden in den Jahren 1995 bis 2011 vorwiegend in den beiden Predigtstätten der Französischen Kirche (Hugenottenkirche) zu Berlin und in anderen Gemeinden des Reformierten Kirchenkreises Berlin-Brandenburg gehalten. Ich habe sie für die Veröffentlichung nicht verändert; Zeitbezüge können durch die Datierung deutlich werden.

Da der Predigtgottesdienst mit allen Elementen ein Ganzes bilden soll, sind auch die Lieder angegeben, die gesungen wurden (nach dem Evangelischen Gesangbuch für die Reformierte Kirche mit den vorangestellten 150 Psalmen in Liedform), sowie weitere Texte, die gelesen wurden, und die Gebete nach der Predigt.

Die Übersetzung der Psalmen aus dem Hebräischen stammen in der Regel von mir, andernfalls wird die Quelle genannt.

In den Übersetzungen oder Predigten steht öfter „JHWH“; das sind die Konsonanten des Namens Gottes, der nicht ausgesprochen wird. Stattdessen wird „der Ewige“ oder „der Herr“ gesagt (in der jeweiligen grammatikalischen Beugung).

Berlin, im Frühjahr 2017

Tilman Hachfeld

Verzeichnis der Predigten:

zu Psalm 8 am 25. Mai 1995

zu Psalm 19 am 2. November 2003

zu Psalm 22 am 2. April 1999

zu Psalm 23 am 30. Oktober 2005

zu Psalm 24 am 3. Dezember 1995

zu Psalm 25 am 8. Oktober 2006

zu Psalm 27 am 12. Mai 2002

zu Psalm 31 am 26. Februar 2006

zu Psalm 34 am 27. März 2011

zu Psalm 40 am 8. August 2004

zu Psalm 42 am 21. Januar 1996

zu Psalm 46 am 25. November 2001

zu Psalm 48 am 19. August 2001

zu Psalm 62 am 2. März 2003

zu Psalm 65 am 3. Oktober 2004

zu Psalm 84 am 26. März 2006

zu Psalm 85 am 23. Mai 1999

zu Psalm 90 am 24. November 2002

zu Psalm 91 am 21. Februar 2010

zu Psalm 96 am 24. Dezember 2006

zu Psalm 98 am 22. Juni 2003

zu Psalm 104 am 5. August 2001

zu Psalm 113 am 27. August 1995

zu Psalm 115 am 19. April 2009

zu Psalm 116 am 22. April 2006

zu Psalm 119 (lamed) am 6. Februar 2010

zu Psalm 138 am 25. August 1996

zu Psalm 146 am 9. Mai 2004

Predigt zu Psalm 8 am 25. Mai 1995 (Himmelfahrt) in der Französischen Friedrichstadtkirche zu Berlin

Lieder vor der Predigt: 123, 1-4: Jesus Christus herrscht als König..., 235 (ganz): O Herr, nimm unsre Schuld... und 271, 1-8: Wie herrlich gibst Du, Herr, Dich zu erkennen...

Weitere Texte: Die zehn Gebote, Lukas 24, 50-53. und Frage und Antwort 49 aus dem Heidelberger Katechismus

Psalm 8

(Dem Chorleiter: Nach „Kelterlied“, für David)

Herr (JHWH), unser Herrscher, wie herrlich ist Dein Name in aller Welt!

Ja, Du: Lege doch Deine Herrlichkeit auf die Himmel!

Aus Kinder-, aus Säuglingsmund begründest Du Macht um derer willen, die Dich bekriegen,

dass aufhöre, wer anfeindet und wer sich rächt.

Denn betrachte ich Deine Himmel, das Werk Deiner Finger, Mond und Sterne, die Du da hingesetzt hast -

was ist da der Mensch, dass Du sein Dich erinnerst, was der Adams

sohn, dass Du Dich um ihn kümmerst?

Wenig lässt Du ihm fehlen, selbst Gott zu sein, mit Ehre und Hoheit krönst Du ihn,

zum Herrscher setzt Du ihn ein, lässt ihn herrschen über das Werk Deiner Hände,

legst alles ihm zu Füßen:

Schafe und Rinder allesamt und auch das Wild des Feldes, die Vögel des Himmels und die Fische im Meer, alles, was Wasserfluten durchzieht.

Herr (JHWH), unser Herrscher, wie herrlich ist Dein Name in aller Welt!

Liebe Gemeinde,

was ist der Mensch? Diese Frage ist der Dreh- und Angelpunkt in diesem Psalm. Da ist zunächst einmal von der Herrlichkeit des Namens Gottes in aller Welt die Rede und von seiner himmlischen Höhe, von seiner uns unbegreiflichen Macht, von der Größe seiner Schöpfung - und dann die Frage: „Was ist der Mensch, dass Du sein Dich erinnerst, was der Adamssohn, dass Du Dich um ihn kümmerst?“

Hätten wir an dieser Stelle aufgehört, den Psalm zu lesen und versucht, selber die Antwort zu finden, ich bin sicher - und Erfahrungen aus Bibelseminaren bestätigen es -, dass unsere Antwort ausgefallen wäre wie etwa im 144. Psalm, der auf die gleiche Frage die Antwort gibt: „Der Mensch gleicht einem Hauche, seine Tage sind wie flüchtige Schatten.“, oder dass wir mit Luther geantwortet hätten: „Wir sind allzumal Sünder!“

Wie anders antwortet dieser Psalm: „Wenig lässt Du ihm fehlen, selber Gott zu sein, mit Ehre und Hoheit krönst Du ihn.“ Und dann wird von des Menschen Herrschaft über die Schöpfung, besonders über alles Getier gesprochen, als übte er sie im Sinn Gottes und zum Heil der Schöpfung aus...

Halt! Nein! Das letzte steht nur in unserem Köpfen. Hier im Psalm steht nichts über das Wie: Wie der Mensch mit dem umgeht, was Gott ihm zu Füßen gelegt hat.

Zwar wird uns, wenn wir diesen Psalm hören oder lesen, unwohl uns angesichts dessen, wie wir Menschen mit der Schöpfung, mit unseren Mitgeschöpfen und gar mit unseren Mitmenschen umgehen. Da empfinden wir nicht Herrlichkeit sondern - hoffentlich - Scham. Das muss uns bedrücken. Aber das ist nicht Thema des Psalms.

Wie sollen wir mit dem Psalm nun umgehen? Wie sind andere vor uns damit umgegangen? In den Jesusschriften der Bibel wird er zweimal zitiert, am eindrücklichsten im Hebräerbrief. Der macht allerdings aus dem qualitativ gemeinten „nur wenigem“, das uns am Gottsein fehlt, eine „kurze Zeit“, und das ist die Lebenszeit Jesu auf Erden, in der er - entsprechend der griechischen Fassung der hebräischen Bibelnicht unter Gott sondern unter die Engel erniedrigt wurde: Als Mensch auf Erden.

Da wird der Psalm also auf Jesus, den Christus bezogen - und uns anderen Menschen damit vielleicht entzogen? Das nicht. Der Hebräerbrief bricht das Zitat allerdings ab, bevor es um so Konkretes wie Schafe und Rinder geht. Denn in seiner Interpretation ist es ja der erhöhte Christus, der nun, mit Herrlichkeit gekrönt, zum Herrscher eingesetzt ist, und der dabei doch unser Bruder ist und bleibt. In ihm haben wir Anteil an dieser Herrschaft. Aber sie bleibt zukünftig und damit unkonkret.

Wären wir damit endlich - „erhöhter Christus“ - beim Tagesthema angelangt? Denn schließlich feiern wir heute doch das Fest „Christi Himmelfahrt“.

Ich meine, wir waren schon beim Thema. Das Fest der Himmelfahrt als solches allerdings scheint Schwierigkeiten zu bereiten, nicht zuletzt wegen der anschaulichen Himmelfahrtsgeschichte, die wir vorher gehört haben. Ich habe mir für die Vorbereitung auf diese Predigt ein Buch vorgenommen, in dem alle Glaubensbekenntnisse enthalten sind, die nach 1945 von reformierten Kirchen formuliert und offiziell angenommen worden sind. Es sind 25 Bekenntnisse oder Erklärungen aus allen 5 bewohnten Kontinenten. Doch lediglich vier davon gebrauchen das Wort „Himmelfahrt“, eins davon nur in einer Zwischenüberschrift, ohne es im Text aufzunehmen, und auch die anderen drei nicht zentral. Natürlich ist damit in keinem Fall das Bekenntnis zum aufgefahrenen Herrn abgeschafft, beziehen sie sich doch alle auf die älteren Bekenntnisse der Kirche. Aber da ist offensichtlich eine Scheu, in einem heutigen Text darauf einzugehen, dass Jesus vor den Augen seiner Jünger in den Himmel empor gefahren sei. Das gibt zu denken.

Keine Schwierigkeit haben diese Bekenntnisse dagegen, von etwas viel Abstrakterem, nämlich vom erhöhten Christus zu sprechen, also vom Ergebnis der Himmelfahrt. Aber wer wurde da erhöht? Oder, um auf die Worte des Psalms zurückzukommen: Wer wurde da mit Ehre und Hoheit gekrönt?

Legte der auferstandene Jesus in der Himmelfahrt etwa sein Menschsein endgültig ab? Oder wird in ihr nicht gerade die Würde dieses Menschen Jesus, der so erniedrigt worden war, wiederhergestellt? Ich möchte damit keine dogmatische Diskussion eröffnen, die uns nur wenig bringen würde. Vielmehr sollten wir uns ganz einfach daran erinnern, um was es in der ganzen Bibel geht: Um die Menschen und um Gottes Interesse an ihnen.

Als ich das erwähnte Buch mit den neueren reformierten Bekenntnissen durchsah, fand ich auch folgenden Abschnitt aus dem kubanischen Bekenntnis von 1977: „Die Heilige Schrift bezeugt, dass der Mensch der Mittelpunkt des ganzen Interesses Gottes ist. In ihr wird die Liebe Gottes zur Kreatur nicht nur evident, sie zeigt sich als eine göttliche Notwendigkeit. Das liebende Interesse Gottes an der menschlichen Kreatur wird von der Heiligen Schrift mit dem Wesen Gottes gleichgesetzt.

Allein in dieser Liebe findet die Kirche das theologische Material, mit welchem sie ihre Wahrheit lehrmäßig formuliert. Alle Lehren, die die Kirche im Lauf der Jahrhunderte fortschreitend erarbeitet hat, sind in dem Maße gültig, in dem sie uns die liebende Absicht Gottes mit dem Menschen besser verstehen lassen.“

... in dem Maße gültig, in dem sie uns die liebende Absicht Gottes mit dem Menschen besser verstehen lassen: Ich meine, das sollte auch das Kriterium sein, mit dem wir sowohl an den Gedanken von der Himmelfahrt Jesu als auch an unseren Psalm herangehen.

Es geht um die Liebe Gottes, die dem Menschen seine Würde gibt. Nicht er selbst gibt sie sich. Auch Jesus schwingt sich nicht selbst zum Himmel empor sondern wird emporgehoben. Diejenigen dagegen, die sich selbst eine eigene Würde zu geben versuchen, wirken zumeist lächerlich oder werden sehr gefährlich (was einander nicht ausschließt).

Wirkliche Würde ist ein Geschenk Gottes, und die Achtung der Menschenwürde hier auf Erden ist deshalb nicht nur eine politische Pflicht sondern Gottesdienst.

Als Geschenk Gottes aber ist die Menschenwürde nicht abhängig von unserem eigenen Verhalten. Was wir mit ihr anfangen ist zwar unsere Sache. Man ist versucht zu sagen: leider. Denn die Art und Weise, wie die Menschen zumeist mit der Herrschaftswürde umgehen, die Gott ihnen gegeben hat, indem er ihnen die Erde zur Verwaltung übergab, ist dieses Geschenks unwürdig.

Dennoch ist die Würde selber in jedem Fall unantastbar, denn sie ist begründet in unserem Vor-Gott-Sein, unserem Ihm-nahe-Sein, dem wir uns nicht selber entziehen können, auch nicht durch Gottlosigkeit. Das lehrt uns die Geschichte Jesu, in dem Gott uns ganz nahe wird und die Gottlosen zu sich beruft und ihnen in der Emporhebung in den Himmel, all ihrem unwürdigen Verhalten zum Trotz, ihre ursprüngliche Menschenwürde bestätigt.

Wer versucht, die anzutasten, wer jemanden anfeindet oder rachsüchtig ist, der bekriegt Gott. Allerdings vergeblich. Denn Gott hat sich selber eine Macht begründet, an die solche Feinde nicht herankommen: seine Macht in den Schwachen, begründet aus Kinder- und Säuglingsmund.

Damit entzieht Gott sich unseren rationalen Argumenten und intellektuellen Zweifeln. Die können wir auf ihn nicht anwenden. Die Kraft und Phantasie, die sie uns kosten, sollten besser verwandt werden auf eine fürsorgliche, Gottes Liebe abbildende Art und Weise, die Schöpfung zu pflegen. Wie das im Einzelnen aussehen könnte, ist ein anderer Diskurs. Aber dass wir es könnten, dass uns die Würde gegeben ist, Gottes Liebe zur Geltung zu bringen, das ist Grund zum Lob:

„Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist Dein Name in aller Welt!“

Halleluja, Amen.

Lied 284 (ganz): Das ist köstlich, Dir zu sagen Lob und Dank...

Gebet: Herr, lehre uns, Dir in richtiger Weise zu danken und Dein Lob in der Welt sicht- und spürbar zu machen, die das so bitter nötig hat. Du hast uns die Erde geschenkt und den Himmel geöffnet. Lass mehr von Deinem Himmel auf die Erde fließen, mehr von Deiner Liebe durch uns. Wir bitten Dich um mehr Liebe und gegenseitiges Verständnis in Deiner Kirche und Gemeinde, um gemeinsam nicht unsere sondern Deine Weise zu leben. Wir bitten Dich um mehr Liebe und Umsicht zwischen den Menschen, damit nicht die einen von den anderen abgeschrieben oder vergessen werden. Wir bitten Dich um mehr Liebe und Gerechtigkeit in Politik und Wirtschaft, damit das Geschenk Deiner Schöpfung allen Menschen in gleicher Weise zugute kommt. Wir bitten Dich um mehr Liebe und Klarheit in den Köpfen, auf dass wir alle aneinander die Würde erkennen, die Du uns allen gleicherweise verliehen hast. Gemeinsam bitten wir mit den Worten Jesu:

Unser Vater im Himmel...

Predigt zu Psalm 19 am 2. November 2003im Coliny-Kirchsaal Berlin Halensee

Lieder vor der Predigt: Psalm 84, 1 – 4: Wie lieblich schön, Herr Zebaoth..., Psalm 119, 4. 10. 11.: Ich danke Dir... und Psalm 19, 1 – 6 (ganz): Der Himmel zahllos Heer...

Weitere Texte: Micha 6, 8., die Zehn Gebote und die Summe, Ps. 66, 11., Matthäus 5, 17 – 20. und Farge und Antwort 86 aus dem Heidelberger Katechismus

PSALM 19

(An den Dirigenten: Ein Psalm für David.)

Die Himmel verkünden die Hoheit Gottes, und vom Werk seiner Hände erzählt das Firmament.

Tag lässt dem Tag Rede strömen, und Nacht tut der Nacht Wissen kund - ohne Rede und ohne Worte, ohne dass ihre Stimme gehört wird.

Über die ganze Erde geht ihre Messschnur aus und bis zum Ende des Erdkreises ihr Reden.

Der Sonne errichtet ER in ihnen ein Zelt, und sie, wie ein Bräutigam herauszieht aus dem Gemach, frohlockt wie ein Held, die Bahn zu laufen.

Vom Ende der Himmel ist ihr Ausgang und ihr Kreislauf bis zu deren Ende, und nichts kann sich verbergen vor ihrer Glut.

Die Tora JHWHs ist vollkommen, sie bringt das Leben zurück.

Das Zeugnis JHWHs ist verlässlich, es macht Einfältige weise.

Die Festlegungen JHWHs sind gerade, sie erfreuen das Herz.

Das Gebot JHWHs ist lauter, es erleuchtet die Augen.

Die Furcht JHWHs ist rein, sie bleibt ewig.

Die Rechtssprüche JHWHs sind Wahrheit, sind alle gerecht.

Sie sind kostbarer als Gold und Mengen von Feingold und süßer als Honig und Wabenseim.

Auch dein Knecht lässt sich von ihnen warnen; sie zu beachten gibt reichen Lohn.

Verfehlungen - wer erkennt sie? Von den verborgenen sprich mich frei.

Auch vor den Frechen verschone deinen Knecht. Sie sollen nicht über mich herrschen.

Dann bin ich vollkommen und rein von großer Schuld.

Dir zum Wohlgefallen sollen die Reden meines Mundes und das Denken meines Herzens sein, JHWH, mein Fels und mein Erlöser!

Liebe Gemeinde,

ist das ein Psalm oder sind es zwei? Sieben Verse lang ist von Himmeln und Firmament die Rede, in denen die Sonne ihre Bahn zieht – und dann folgen acht Verse, die scheinbar in keinem Zusammenhang damit stehen und die Weisung Gottes besingen. Und doch werden diese beiden Teile seit eh und je als ein Psalm überliefert. Nur die Zürcher Bibel trennte ihn früher durch eine Zwischenüberschrift in zwei. Das tut die neue Zürcher Übersetzung nicht mehr.

Nach dem Zusammenhang von Himmeln und Gottes Weisung ist deshalb zu fragen. Behalten wir die Frage im Gedächtnis, wenn wir die einzelnen Verse des Psalms betrachten.

„Die Himmel verkünden die Hoheit Gottes, und vom Werk seiner Hände erzählt das Firmament.“ Was der erste Sänger des Psalms – wenn es nicht eine Sängerin war – schon so gewaltig erlebte, hat sich in der Neuzeit noch unendlich größer gezeigt: Das hoch über uns ausgespannte Zelt des Firmaments haben die Astronomen uns als eine unendliche Weite ohne Grenze erklärt. Dass sich hinter der blauen Lichthülle, die wir an wolkenfreien Tagen über uns sehen, eine Unendlichkeit auftut, dass der Himmel in einer sternklaren Nacht uns Sonnen sehen lässt, deren Licht Tausende von Jahren unterwegs war, bis wir es erblicken, und dahinter geht es noch eine unendliche Zahl von Lichtjahren weiter, das können wir vielleicht verstandesmäßig annehmen, es übersteigt aber bei weitem unser Vorstellungsvermögen. Denn das ist begrenzt. Und ebenso begrenzt ist auch jegliche Vorstellung, die wir uns von Gott machen können.

Deshalb lässt der Psalmist Himmel und Firmament die Hoheit Gottes besingen und vom Werk seiner Hände erzählen: Er könnte es nur in seiner eigenen Begrenztheit und damit Gott nie und nimmer gerecht werden. Was er am Firmament erlebt, Tag und Nacht und der anscheinende Lauf der Sonne, spricht von Gott und gibt sein Wissen von Gott in den stetigen Ablauf der Zeit weiter, Tag für Tag, Nacht für Nacht, ohne Ende. Und ohne Worte, denn Worte können nicht erfassen, was Gott ist, der das Weltall umspannt und es aus dem Nichts der Unendlichkeit hat werden lassen.

Aber was wir nicht erfassen können, kann doch uns erfassen. So, wie die Glut unserer Sonne uns Wärme gibt, mal mehr, mal weniger, aber immer so viel, dass wir leben können, so umfängt uns auch Gott, den wir mal mehr, meist weniger spüren, ohne den wir aber nicht wären.

Dass Gott uns umfängt, erfahren wir von ihm selber: aus seinem Wort der Tora. Das ist die Selbstmitteilung Gottes, dessen, den die Himmel und das Firmament besingen, an uns. Tora nur als Gesetz, oder besser: Weisung, zu übersetzen, ist zu wenig. Sie enthält wohl wesentlich die Weisung als Rezeptur zum guten Leben in Freiheit, sie ist aber mehr. Sie ist die Geschichte des Glaubens und Vertrauens, sie ist die Geschichte der Freiheit, die sie nicht nur erzählt, sondern in die sie die, die sie mit ganzem Herzen, also mit Verstand und Seele, hören oder lesen, mit hineinzieht. Wenn sie die Befreiung Israels aus der Sklaverei erzählt, dann nicht nur, um mitzuteilen, was einmal war, sondern um die Hörer selber in diese Geschichte mit hinein zu nehmen und in die Freiheit zu führen. Wenn sie von der Erschaffung der Welt erzählt, dann nicht, um zu erklären, wie alles einmal geworden ist, sondern um den Hörer mitten hinein zu stellen in Gottes Welt. Wenn sie von der Sintflut und vom Turm zu Babel erzählt, dann nicht, um alte Schauergeschichten aufzuwärmen, sondern um die Hörer zu warnen und auf einen neuen Weg mit Gott zu rufen. Wenn sie von Abraham und Sara erzählt, dann nicht nur, um zeigen, wie Gottes Geschichte mit seinem Volk anfing, sondern um die Hörer mit dem Segen Abrahams zu segnen.

Die Tora bringt das Leben zurück, singt der Psalm. Mit „Leben“ habe ich das hebräische näfäsch übersetzt. Meistens wird es mit Seele wiedergegeben. Das ist aber zu wenig für uns, denen man beigebracht hat, zwischen Leib und Seele zu unterscheiden. näfäsch ist der lebendige Mensch mit Herz, Seele und Verstand, ist unser wahres Selbstsein, auch über den Tod hinaus, so weit, dass im späteren Hebräisch auch ein Grabmal näfäsch genannt werden kann, weil es an den einst lebendigen Menschen erinnert, den man nun in Gott geborgen weiß.

Dieses umfassende Leben ist von der Schöpfung her in jeder und jedem von uns angelegt. Aber die Anlage reicht nicht, wenn sie nicht auch gelebt wird. Und dieses Leben wird aus der Tora geschöpft.

Das heißt nicht, dass nur, wer Tora lernt, wirklich lebt. So unbegrenzt wie Gottes Schöpfung sind auch seine Möglichkeiten, sich mitzuteilen. Das Judentum kennt außer der schriftlich fixierten Tora auch die Tradition einer mündlichen Tora, der Selbstmitteilung Gottes über Erfahrung, Erkenntnis und Verstand. Sie ist ein unerschöpflicher Schatz und nicht an eine bestimmte Kultur oder Religion und auch nicht an Sprache an sich gebunden: „Tag lässt dem Tag Rede strömen, und Nacht tut der Nacht Wissen kund - ohne Rede und ohne Worte, ohne dass ihre Stimme gehört wird.“ Aus dieser Tora lebt auch, wer Gott leugnet und doch gut mit seinen Nächsten lebt.

Wer aber dazu Tora lernt, hat einen sichereren Weg. Denn er erfährt Gott mit sich auf dem Weg. Sein Zeugnis ist verlässlich. Zeugnis ist das, was wir in der schriftlichen Tora haben, wie ich sie eben skizziert habe, und mit all ihren Lebensregeln und Geboten. Sie zu lernen macht weise: Das ist das Gegenteil von einseitiger Verbohrtheit und Enge, sondern die Fähigkeit, mit den Dingen des täglichen Lebens umzugehen, und die Offenheit auch für andere und anderes, ohne von ihnen abhängig zu werden.

Die Festlegungen des Ewigen sind gerade, sagt der Psalm weiter: Die Grundregeln seiner Weisungen, die Gottesliebe, die sich in der Nächstenliebe verwirklicht, erfreuen das Herz, das im hebräischen Denken auch den Verstand beherbergt; und das Gebot des Ewigen, das ist die Gesamtheit aller Gebote, erleuchtet die Augen. Wessen Herz und wessen Augen da gemeint sind, lässt der Text offen. Von den zwei Möglichkeiten, dessen, der nach den Regeln handelt, oder dessen, der nach ihnen behandelt wird, dürfen wir getrost beide wählen: Es geht um das gedeihliche Zusammenleben aller.

Die Furcht des Ewigen, das heißt: ihn zu fürchten, meint nicht nur die Ehrfurcht. Seine Regeln zu übertreten hat auch böse Folgen, vielleicht zunächst nur für andere, in der Konsequenz aber auch für die, die sie übertreten. Denn eine Gesellschaft ohne Nächstenliebe, die die Schwachen im Stich lässt, wird über kurz oder lang auch für die Starken ungemütlich. Gottes Wille weist uns nicht gegeneinander, sondern zueinander und damit zu Gott selber. Und das geht nur in der Reinheit des Herzens. Und es verbindet mit dem Ewigen.

Als letzte in der Aufzählungen, was uns in der Tora gegeben ist, folgen die Rechtssprüche. Das sind die einzelnen Gebote und Verbote, solche für den Kult und solche für das profane Leben, die sich, 613 an der Zahl, in der Tora finden. Wahrheit wird ihnen hier bescheinigt und Gerechtigkeit, Grundeigenschaften Gottes selber. Und als kostbar und süß werden sie gerühmt.

Wir lernen nicht alle diese einzelnen Gebote; wir beschränken uns auf die Grundlinie der zehn Gebote und ihrer Zusammenfassung in Gottes- und Nächstenliebe. Aber wenn wir die nicht nur lernten, sondern auch täten, wären wir vor Gott doch solche, die das gesamte Gebot einhalten.

Der Psalmist geht auch nicht davon aus, dass er alles einhält. Es gibt Verfehlungen, die man nicht erkennt, die einem selbst verborgen bleiben. Für die, aber nur für die muss er um Vergebung, um Freisprechung bitten. Alles, was er klar als richtig erkennt, ist seine Sache, es zu tun. Gott ist nicht der, der gnädig zudeckt, was wir falsch machen, sondern der, der uns zeigt, wie man es richtig macht.

Das liegt aber nicht an uns alleine. Das Ziel der Tora für uns ist das gute Zusammenleben mit allen anderen Menschen und der Natur und damit auch mit Gott. Die, die nichts dafür tun, sondern das Gegenteil, werden hier „die Frechen“ genannt, die, die sich an die gegebenen Übereinkünfte der Nächstenliebe und der Fürsorge für die Schwachen nicht halten. Sie sollen nicht über ihn herrschen! Sie sollen auch nicht über uns herrschen. Daran ist alle Politik zu messen.

Der Hinweis auf die Frechen, die da herrschen könnten, bewahrt diesen Psalm vor dem Missverständnis, es ginge in seinem zweiten Teil nur um das eigene Tun und Lassen einer vereinzelten Person. Um das geht es auch, aber immer im Konzert mit allen anderen. Das Bild des Kosmos, das im ersten Teil skizziert wird, erweist sich als Bild für den gesellschaftlichen Kosmos, in dem die Menschen zusammenleben sollen: Ein fest gefügtes, verlässliches Regelwerk nach dem Willen Gottes, ausgerichtet auf den Ruhm Gottes, der in der Liebe und Fürsorge für den Nächsten seinen Ausdruck findet.

Ein solches Regelwerk hat auch die Politik in unserem Land einmal versucht aufzubauen, in einem Teil nach einem sozialistischen Modell, im anderen geprägt auch von der katholischen Soziallehre; das sozialistische Modell ist vor 14 Jahren an sein Ende gelangt, das andere scheint jetzt zu Ende zu gehen. Und es muss ein neues geschaffen werden, das nicht den Frechen, die sich auf Kosten der Schwachen schamlos bereichern, freie Hand lässt.

Aber so, wie sich unser Weltbild von Himmel und Weltenraum erweitert hat, so auch das vom gesellschaftlichen Kosmos: Er ist nicht mehr nationalstaatlich beschränkt, sondern erstreckt sich über 5 bewohnte und einen unbewohnten Kontinent; die Verantwortung für Gerechtigkeit und damit auch für den Frieden ist weltweit: „Über die ganze Erde geht ihre Messschnur aus und bis zum Ende des Erdkreises ihr Reden.“ Wir können sie nicht den Frechen überlassen.

Wenn die einmal nicht mehr herrschen, sagt der Psalmsänger oder die Sängerin, „dann bin ich vollkommen und rein von großer Schuld.“ Es ist tröstlich, dass zur Vollkommenheit nicht die Reinheit von aller, sondern nur von großer Schuld gehört. Auch in der anzustrebenden Mitmenschlichkeit des weltweiten gesellschaftlichen Kosmos bleiben wir wir selbst; und haben doch Anteil an dem, der allein vollkommen ist, dem Ewigen, unserem Fels und Erlöser. Amen

Lied 263, 1 – 4. 6.: Sonne der Gerechtigkeit...

(Gebet:) Herr, Du Ewiger und allein Vollkommener, der Du das Weltall geschaffen und uns die Erde zum Erbe gegeben hast, wir preisen Dich um Deines Wortes willen, das uns befreit aus allen falschen Abhängigkeiten und uns den Weg zueinander und zu Dir weist. Lass uns dieses Wort recht begreifen, dass es uns das Leben zurückbringt, das Du für uns willst, dass es uns weise macht und das eigene und aller Menschen Herzen erfreut, dass aller Augen aufleuchten. Wir bitten um Deine Gerechtigkeit, nach der es keine Armen unter uns geben darf, sondern jede und jeder an den Gaben Deiner Schöpfung so viel teilhaben soll, dass alle Menschen auf Erden in Würde und aus der Fülle leben können. Wir bitten um Deine Hoheit, vor der sich kein Mensch über einen anderen und kein Volk über ein anderes erheben kann. Wir bitten um Dein Königtum, das der Welt so Recht spricht, dass Frieden sein soll, die Waffen zu gutem Werkzeug umgerüstet werden und niemand mehr den Krieg lernt. Wir bitten um Dein Schöpfersein, der Du die Schöpfung gut eingerichtet und sie uns zur Pflege und Bewahrung übergeben hast. Wir bitten um Deine Gnade und Barmherzigkeit, die uns erlaubt, zu Dir zurückzukehren, wenn wir uns von Deiner Weisung abgewandt haben und in Not geraten sind. Wir bitten Dich für unsere Kranken, dass sie Geduld und Hoffnung finden, und für unsere Sterbenden, dass sie Dich als Ziel erfahren. Wir bitten Dich für die, die Lebensfreude Hoffnung verloren haben, dass sie aus Dir neue Kraft schöpfen. Wir bitten Dich für die Trauernden, dass sie getröstet werden. Wir bitten Dich für die Liebenden, die Starken und die Fröhlichen, dass sie ihre guten Gaben einsetzen, anderen Liebe, Kraft und frohen Mut zu geben. Wir bitten Dich für alle Regierenden und Mächtigen, dass sie ihre Ämter und ihre Macht Dir zur Ehre und den Menschen zum Heil einsetzen – und wo nicht, erlöse sie und die sie beherrschen von ihrer Frechheit. Wir bitten Dich für Dein Volk Israel, dass es in Frieden leben und die Welt von ihm Frieden lernen kann. Wir bitten Dich für die Kirchen und Deine Gemeinde, dass sie Dein Lob in Worten und Taten verkündigen, bis dass Du kommst, den Erdkreis zu richten mit Recht und die Völker in Gerechtigkeit. Wir bitten Dich mit Jesu Worten: Unser Vater im Himmel …

Predigt zu Psalm 22 am Karfreitag 1999im Coliny-Kirchsaal Berlin-Halensee

Lieder vor der Predigt: 91, 1 - 5 Herr, stärke mich, dein Leiden..., 199, 1 - 5 . Gott hat das erste Wort... und 298, 1 – 3. Wenn der Herr einst ...

Weitere Texte: Die 10 Gebote, Ezechiel 36, 26-27., Matthäus 27, 31b – 56. und Frage und Antwort 21 des Heidelberger Katechismus.

Psalm 22 (Zürcher Bibel von 1996)

Für den Chormeister: Nach der Weise „Hindin der Morgenröte“. Ein Psalm Davids.

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bleibst fern meiner Rettung, den Worten meiner Klage?

Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du antwortest nicht, bei Nacht, doch ich finde keine Ruhe.

Du aber, Heiliger, thronst auf den Lobgesängen Israels.

Auf dich vertrauten unsre Väter; sie vertrauten, und du hast sie befreit.

Zu dir schrien sie, und sie wurden gerettet; auf dich vertrauten sie, und sie wurden nicht zuschanden.

Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott und verachtet vom Volk.

Alle, die mich sehen, verspotten mich, verziehen den Mund und schütteln den Kopf:

«Wälze es auf den Herrn. Der rette ihn, er befreie ihn, er hat ja Gefallen an ihm.»

Du bist es, der mich aus dem Mutterschoß zog, der mich sicher barg an der Brust meiner Mutter.

Auf dich bin ich geworfen vom Mutterleib an, von meiner Mutter Schoß an bist du mein Gott.

Sei nicht fern von mir, denn Not ist nahe; keiner ist da, der hilft.

Zahlreiche Stiere sind um mich, Baschanbüffel umringen mich.

Sie sperren ihr Maul auf gegen mich, ein reißender, brüllender Löwe.

Wie Wasser bin ich hingeschüttet, und es fallen auseinander meine Gebeine.

Wie Wachs ist mein Herz, zerflossen in meiner Brust.

Trocken wie eine Scherbe ist meine Kehle, und meine Zunge klebt mir am Gaumen; in den Staub des Todes legst du mich.

Um mich sind Hunde, eine Rotte von Übeltätern umzingelt mich, sie binden mir Hände und Füße.

Zählen kann ich all meine Knochen. Sie aber schauen zu, weiden sich an mir.

Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand.

Du aber , Herr, sei nicht fern, meine Stärke, eile, mir zu Hilfe.

Errette vor dem Schwert mein Leben, aus der Gewalt der Hunde meine verlassene Seele.

Hilf mir vor dem Rachen des Löwen, vor den Hörnern der Wildstiere.

Du hast mich erhört.

Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, in der Gemeinde will ich dich loben.

«Die ihr den Herrn fürchtet, lobt ihn, alle Nachkommen Jakobs, ehret ihn, erschauert vor ihm, alle Nachkommen Israels!

Denn er hat nicht verachtet noch verabscheut des Elenden Elend, hat sein Angesicht nicht vor ihm verborgen, und da er schrie, erhörte er ihn.»

Von dir geht aus mein Lobgesang in großer Gemeinde, meine Gelübde erfülle ich vor denen, die ihn fürchten.

Die Elenden essen und werden satt, es loben den Herrn, die ihn suchen.

Aufleben soll euer Herz für immer!

Alle Enden der Erde werden dessen gedenken und umkehren zum Herrn, und vor ihm werden sich niederwerfen alle Geschlechter der Volker.

Denn des Herrn ist das Reich, und er herrscht über die Völker.

Vor ihm werfen sich nieder alle Mächtigen der Erde, vor ihm beugen sich alle, die in den Staub sinken.

Erzählen wird man vom Herrn dem Geschlecht, das noch kommt, und verkünden seine Gerechtigkeit dem Volk, das noch nicht geboren ist.

Er hat es vollbracht.

Liebe Gemeinde,

die Parallelen sind wohl auffällig: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ - so ruft der Sänger dieses Psalms, und so ruft Jesus am Kreuz.

Und auch der Spott, der ihn trifft, ist der Spott, dem der Psalmist ausgesetzt ist: „Er hat Gott vertraut, der soll ihn retten, wenn er will“ - „Wälze es auf den Herrn. Der rette ihn, er befreie ihn, er hat ja Gefallen an ihm.“

Und schließlich werden hier wie dort die Kleider des Opfers geteilt und wird um sein Gewand das Los geworfen.

Und nehmen wir noch den Kreuzigungsbericht des Johannes dazu, dann erfahren wir, dass auch das letzte Wort des Psalms - das letzte der Worte Jesu am Kreuz ist: „Er hat es vollbracht“ - „Es ist vollbracht.“

Ist dieser Psalm eine prophetische Vorausschau auf das, was dann Jahrhunderte nach seiner Entstehung Jesus auf Golgatha widerfahren sollte? Ist er die Schrift, die sich dann getreulich zu erfüllen hatte?

Ja und nein.

Nein, wenn wir diesen Psalm ernst nehmen wollen als den Aufschrei einer oder eines Frommen in Israel, der oder die im Gefühl der totalen Gottverlassenheit von Gott doch nicht lassen kann. Es sind die persönlichen Worte des Menschen, der da „Ich“ sagt - und keine Projektionen auf jemanden erst noch Zukünftigen.

Und trotzdem auch: Ja. Denn dieser Psalm drückt aus, was auch auf den am Kreuz von Golgatha aufgehängten Jesus aus Nazareth zutrifft: die letzte tiefste Verzweiflung des geschändeten Menschen.

Aus ihr heraus schreit Jesus die Worte dieses Psalms - und stellt damit seine Gottverlassenheit der Treue Gottes anheim.

Woher aber die Parallelen bis hinein in die Einzelheiten des Kleiderverteilens?

Die frühesten Christen wussten vom Sterben Jesu anscheinend nur wenig, weniger, als dann die Vorläufer unserer Evangelisten für die Gemeinden aufgeschrieben haben.

Paulus etwa, der Mann zwischen der ersten und zweiten Generation der Kirche, weiß die Tatsache der Kreuzigung, des Todes und des Begräbnisses Jesu - aber keinerlei Einzelheiten, auch keine Jesusworte vom Kreuz. Gekreuzigt, gestorben, begraben. Das genügte ihm für seine Theologie und seinen Glauben.

Erst die zweite und dritte Generation von Christen fragte dann weiter nach dem Wie, nach Einzelheiten, nach Anhaltspunkten für die fromme Betrachtung und Nachempfindung.

Und so entstand nach bester jüdischer Tradition ein Midrasch, eine vertiefende und erklärende Beschreibung aufgrund überlieferter, heiliger Texte; hier, in der Schilderung der Kreuzigung, weitgehend aufgrund des 22. Psalms.

Der Psalm bietet sich dafür an wie kaum ein anderes Stück Bibel. Nirgendwo sonst wird die urtiefe menschliche Not so eindrucksvoll und sprachgewaltig zum Ausdruck gebracht - und bleibt zugleich das Vertrauen in Gott so nachhaltig bestehen.

Der, der mit dem 22. Psalm sein Gefühl der Gottverlassenheit herausschreit, hält dennoch an diesem Gott fest, ja, weil er an ihm festhält, ist seine Not der Gottverlassenheit doppelt so groß.

Und das ist die Situation Jesu, der am Kreuz total der menschlichen Bosheit ausgeliefert ist, der Quälerei und dem menschlichen Sterben. Das haben die Evangelisten erkannt, und wir wollen ihnen für ihre Berichte, besser: Midraschim, dankbar sein.

Aber noch mehr als die persönliche Not Jesu und sein zähes Gottvertrauen wird hier deutlich: Nämlich dass er in seinem Leiden all denen ganz nahe kommt, ja, ihnen gleich wird, die sich in ihrer größten Not von Gott in Stich gelassen fühlen. So erfährt der Mensch gerade in der Erfahrung des völligen Ausgeliefertseins an feindliche Mächte die Gemeinschaft mit Jesus; das Leiden in solcher Lage wird zu Gottes eigenem Leiden an der Menschheit.

Was da erfahren wird, sind Schmerz und Dunkelheit, allertiefste Tiefe und bodenlose Verzweiflung, ist die von Menschen gemachte Hölle.

Manch eine oder einer erfährt das in den Depressionen, die viele Menschen befallen. Wir besitzen aber auch reale Beschreibungen solcher Höllen, zum Beispiel in Primo Levis Buch „Se questo è un uomo“, auf deutsch: „Ist das ein Mensch?“, worin er seine Erfahrungen im Vernichtungslager Auschwitz mitteilt.

Hier ist fortan der an seiner Menschheit leidende Gott zu suchen! Hier und in den Hungergebieten der Erde, wo Menschen entkräftet am Boden liegenbleiben. Gott ist fortan zu suchen in den Städten und Dörfern im und in den Flüchtlingsströmen aus dem Kosovo und in den bombardierten Orten Jugoslawiens, in zerstörten Kurdensiedlungen und brasilianischen Urwalddörfern, in den Flüchtlingslagern all überall und den Großstadtslums vor allem der armen Weltteile, in Folterzellen vieler Länder und in den Abschiebehaftanstalten und auch manchen sogenannten Pflegeheimen bei uns.

Gott ist zu suchen, wo Menschen am Ende sind, auf den Krankenlagern unheilbar Kranker, denen niemand die Frage beantworten kann: „Wieso gerade ich?“, in den tiefsten, ausweglosen Depressionen.

Die Situation solcher Menschen am Ende schildert unser Psalm - und die Reihe der Beispiel ließe sich leicht fortsetzen. Sie kennen sie selber. Dabei arbeitet der Psalm mit wechselnden Bildern, verzichtet aber auf ganz konkrete Situationsangaben: Ist der Psalmist verhaftet? Foltert man ihn? Oder fühlt er sich in seinem eigenen inneren Elend nackt und schutzlos vor den Glücklichen? Ist er krank? Quälen ihn äußere Entbehrungen oder gar nur Ängste aus seiner Einbildung?

All das bleibt im Psalm offen und möglich. Und damit bleibt der Psalm selber offen für jede und jeden, die sich in irgendeiner Weise hilflos ausgeliefert und von Gott verlassen fühlen, für jeden Menschen, der in das „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ einstimmen muss. Er darf und soll mit dem Psalm seine eigene Verzweiflung herausschreien.

Und die Evangelisten, die diesen Psalm Jesus in den Mund gelegt haben, bezeugen: Er schreit mit ihnen.

Das ist die eine Botschaft des Karfreitag: Im allertiefsten Elend der Gottverlassenheit und Verzweiflung ist Gott bei den Menschen.

Und die andere: Der, der das alles mit uns teilt, ist auch der, und zwar der einzige, der da herausführen kann.