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Willkommen in Serpentine City. Hier herrscht die Mafia und wir sind dabei, manipuliert zu werden. Cobra ist der Thronfolger und ihm wurde ein Ultimatum gestellt. Forme ein Rudel … oder sonst. Jetzt kämpfen wir um unser Leben und umeinander. Werden Jax, Xerxes, Ascher und Cobra unter diesem Druck auseinanderbrechen? Wird Sadie stark genug sein, um mit dem fertigzuwerden, was sie wollen? Wird ihre Spannung in Hass umschlagen? Oder in Liebe? Zwischen Training und Kampf wird es so spannend wie nie zuvor. Wir haben das Reich der Fae vielleicht überlebt, aber die eigentliche Prüfung hat gerade erst begonnen.
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Jasmine Mas
Übersetzt von Alexandra Gentara
Copyright der deutschen Ausgabe. © 2026 VAJONA Verlag GmbH
Copyright © Psycho Beasts by Jasmine Mas
Published by Arrangement with WC PUBLISHING LLC
c/o THE WHALEN AGENCY LTD., 500 Post Rd East, 2nd Fl., Ste. 240,
Westport, CT 06880 USA
Dieses Werk wurde vermittel durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.
Druck und Verarbeitung:
FINIDR, s.r.o.
Lípová 1965
737 01 Český Těšín
Czech republic
Übersetzung: Alexandra Gentara
Die Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel
»Psycho Beasts (CRUEL SHIFTERVERSE 3)«.
Korrektorat: Anne Masur
Umschlaggestaltung: STEAMY DESIGNS LLC
Satz: VAJONA Verlag GmbH, Oelsnitz
VAJONA Verlag GmbH
Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3
08606 Oelsnitz
Teil der SCHÖCHE Verlagsgruppe GmbH
Für meine Oma, die einen lähmenden Schlaganfall erlitten, aber trotzdem immer tapfer weitergekämpft hat. Und für meinen Opa, der sie fünfunddreißig Jahre lang allein gepflegt hat.
Wahre Liebe existiert wirklich.
Psycho Beasts ist der dritte Band im Cruel Shifterverse und muss nach Psycho Fae gelesen werden.
Diese Geschichte behandelt physischen und versuchten körperlichen Missbrauch. Bitte achtet auf euch und lest das Buch nicht, wenn euch solche Inhalte verstören.
Dieser Roman ist eine dunkle Reverse Harem Romanze, und der Spice im Buch ist immer einvernehmlich. Aber er ist auch intensiv, manchmal chaotisch und sogar brutal. So wie die Figuren auch. Bitte seid euch dessen bewusst.
Viel Spaß!
Sadie – wahrscheinlich einundzwanzig Jahre alt, vielleicht auch zweiundzwanzig oder älter (sie wurde adoptiert und ist sich unsicher, wann genau sie Geburtstag hat). Weiße Haare, rote Augen, goldene Haut. Einen Meter sechzig groß.
Schmächtige Statur. Ist halb Alpha-Säbelzahntiger-Shifter und halb Blutfae. Hat eine Stimme im Kopf, die sie »die Taubheit« nennt und die sie in eine emotionslose Killermaschine verwandelt. Mit zahlreichen Narben bedeckt, die sie jedoch mithilfe eines verzauberten Rings verbirgt.
Kriegerin … wenn Krieger kein Cardio-Training machen müssten.
Aran – vierundzwanzig Jahre alt. Tochter der Faekönigin.
Hellblaue Haare, blaue Augen, blasse Haut. Knapp einen Meter achtzig groß. Verkleidet als Junge. Weiß nicht, was für eine Art Fae sie ist. Hat ihrer Mutter das Herz herausgerissen und es gegessen und ist seitdem die rechtmäßige regierende Königin des Fae-Reiches. Lehnt diese Aufgabe jedoch ab und ist immer noch als Junge verkleidet.
Jax – einhundertzwanzig Jahre alt. Schwarze Zöpfe mit langen goldenen Ketten, graue Augen, schwarze Haut. Knapp zwei Meter groß. Hat Piercings in Nase, Brustwarzen und (hüstel, hüstel) …
Alpha-Bärenwandler. Krieger. In einer Beziehung mit Cobra.
Der einzige Kerl, der kein kompletter Vollidiot ist.
Cobra – einhundertsechs Jahre alt. Schwarzes Haar, smaragdgrüne Augen, blasse Haut, die mit Juwelen bedeckt ist. Knapp zwei Meter groß. Ist ein Alpha, verwandelt sich aber nicht in eine Schlange. Er hat nur eine Gestalt – die Juwelen sind seine getarnten Schattenschlangen. Krieger. In einer Beziehung mit Jax. Hat viele Probleme (ihm geht es nicht gut).
Ascher – zweiundzwanzig Jahre alt. Goldene Haare, bernsteinfarbene Augen, goldene Haut, hat Hörner auf dem Kopf. Knapp zwei Meter groß. Ist ein Alpha-Widder-Shifter. Mit Flammen- und Rosentattoos bedeckt. Ausgebildeter Auftragskiller und Krieger. Hat Probleme mit Frauen, arbeitet aber daran.
Xerxes – sechzig Jahre alt. Lange blonde Haare, violette Augen, olivfarbene Haut, trägt immer zwei Klingen bei sich. Knapp zwei Meter groß. Ist ein Omega und verwandelt sich in ein Kätzchen. Ehemaliger Auftragskiller der inzwischen verstorbenen Faekönigin. Kämpft mit Identitätsproblemen.
Lucinda – sechzehn Jahre alt. Sadies jüngere Schwester. Weiße Haare, rote Augen, goldene Haut. Einen Meter sechzig groß. Hat eine kurvigere Figur als ihre Schwester. Wurde noch nicht getestet, daher sind ihre Kräfte unbekannt.
Jess – zwanzig Jahre alt. Jax’ Adoptivschwester. Schwarz-grüne Haare, grüne Augen, kupferfarbene Haut. Einen Meter siebzig groß. Wurde noch nicht getestet, Kräfte unbekannt. Jax zögert damit, sie zu testen, da die Reiche ein grausamer Ort sein können, sobald man einmal kategorisiert wurde.
Jala – vierzehn Jahre alt. Jax’ Adoptivschwester. Rosa Augen, rosa Haare und schwarze Haut. Einen Meter siebzig groß. Wurde noch nicht getestet, Kräfte unbekannt.
Jinx – zwölf Jahre alt. Jax’ Adoptivschwester. Schwarze Haare, schwarze Augen, extrem blasse Haut. Einen Meter fünfzig groß. Wurde noch nicht getestet, Kräfte unbekannt. Klüger als alle anderen, und das weiß sie auch. Außerdem ziemlich furchterregend.
EINFÜHRUNG
Zu den Sternen
Alle Mythen haben einen wahren Kern.
Diese Serie handelt von verschiedenen Planeten, die durch schwarze Löcher miteinander verbunden sind.
Auch bekannt als Reiche, die durch Portale miteinander verbunden sind und deren Bewohner euch aus zahlreichen Mythen bekannt sind, die ihr jedoch immer als Märchen abgetan habt.
Es gibt politische Ränkespiele, Täuschungen und Geheimnisse im großen Stil. Und diese unterscheiden sich von Reich zu Reich.
Im Reich der Menschen erfahren die Bewohner, dass sie in einem anarchischen System leben, in dem es keine oberste Autorität über die verschiedenen Reiche gibt.
Sie irren sich.
Das Hohe Gericht regiert heimlich über alle Reiche. »Frieden im ganzen Reich«, lautet sein Motto.
Für diesen Frieden sorgen Monster. Eine fast unmögliche Aufgabe, denn Reichtum korrumpiert, aber Macht zerstört.
Und unter den Hunderten von Planeten mit empfindungsfähigem Leben besitzen einige wenige besondere Individuen Macht auf nuklearer Ebene – mit mehr Energie in ihren Zellen als eine Atombombe.
Die Wahrheit: Die meisten Menschen verbringen ihr ganzes Leben, ohne etwas über diese anderen Welten oder die Wesen darin zu wissen oder sich auch nur Gedanken darüber zu machen. Sie leben in Glückseligkeit.
In dieser Serie ist Unwissenheit für unsere Hauptfiguren jedoch keine Option.
Per Geburtsrecht oder durch gewisse Lebensumstände wurden sie zu Akteuren in einem Spiel auf Makroebene.
Jetzt müssen sie nur noch überleben.
Sadie erfährt, dass sie eine Alpha-Shifterin und Elitesoldatin ist und in einem Krieg kämpfen muss. Auf ihrem Weg begleiten sie die drei Shifter Asher, Jax und Cobra, die sie zunächst nicht ernst nehmen – bis sie feststellen, dass Sadie sich in einen sehr gefährlichen Säbelzahntiger verwandelt. Obendrein besteht auch noch eine starke körperliche Anziehung zwischen ihnen allen, die Komplikationen verspricht.
Nachdem die dortigen Aufgaben von dem Team erfolgreich gelöst wurden, ging es in Psycho Fae weiter ins Reich der Fae, wo nicht nur neue Herausforderungen auf die vier warteten, sondern auch noch Xerxes, ein Omega, zu dem Viererteam hinzustößt. Auch zu ihm verspürt Sadie eine starke Anziehung. Nachdem die böse Faekönigin durch ihre Tochter Aran getötet wurde, geht die Reise für die fünf nun in Psycho Beasts im Reich der Biester weiter …
Von Göttern und Monstern
Es war einst ein Kind, rein und unschuldig im Glanz,
Doch nannten sie es Lügnerin, trotz ihrer Wahrheit im Tanz.
Es war einst eine Welt, kalt und von Grauen zerstört,
Die Flamme gescholten, doch Kälte war’s, die das Leid gebiert.
Es waren einst zwei Götter, kühn und klar im Licht,
Die flohen aus der Schmiede still in der Nachtens Flucht.
Ins Reich sie traten, fanden ihren Pfad so frei,
Und jene, die sie trafen, zahlten den bittren Preis dabei.
Weint nicht bei Nacht um die Gebrochenen,
Die die Götter verletzten und neu erschufen.
Weint doch bei Nacht um die Glücklichen,
Die nie ihr göttlich Wesen erfuhren.
Dessen Frieden und Trost ist der letzte Hohn,
Im Norden brennt die Sonne, im Westen tötet der Mond.
Denn die Gequälten erben den Himmel hoch,
Mit offnen Wunden lernen sie das Fliegen doch.
Ich saß hinten im Supercar, Sadies jüngere Schwester Lucinda schmiegte sich an mich.
Jax saß in der Mitte und legte die Arme um seine drei Schwestern, während Cobra, Ascher und Xerxes ganz vorne saßen.
Obwohl es mitten in der Nacht war, trug unser Fahrer einen schwarzen Anzug und eine dunkle Sonnenbrille. Ein verzauberter Draht glühte in seinem Ohr, hin und wieder flüsterte er etwas hinein.
Das Auto war lang und windschnittig, mit einem niedrigen Dach. Alle Männer, inklusive mir selbst, saßen gebückt und mit zur Seite verdrehten Köpfen da.
Es machte mir nichts aus, wie unbequem der Wagen war.
Ich hieß den Schmerz sogar willkommen.
Draußen ragten leuchtende Neonwolkenkratzer durch dichte Wolken und erstreckten sich endlos in den dunklen Nachthimmel.
In einem anderen Leben, unter anderen Umständen, hätte ich die riesigen Metallkonstruktionen wahrscheinlich bestaunt. So etwas hatte ich noch nie gesehen.
Und hätte es mir auch nicht vorstellen können.
Alles, was meine Mentoren mir über das Reich der Bestien beigebracht hatten, war nichts im Vergleich zur Realität dieser schimmernden Welt, der schier atemberaubenden Höhe funkelnder Gebäude aus Glas und Stahl und den eleganten Formen der Supercars. Ein verzauberter Motor schnurrte leise unter mir, während wir unfassbar schnell durch das neue Reich rasten.
Aber die technischen Wunderwerke begeisterten mich nicht.
Ich war voller Schmerz.
Regen fiel aus einer dunklen, depressiven Wolke. Tropfen rannen über die Fenster, als wollte das Wetter meine turbulenten Gedanken widerspiegeln.
Über oberflächliche Gefühle war ich längst hinweg. Trauer, Herzschmerz und Melancholie fühlten sich im Vergleich zu meinem Seelenschmerz an wie ein Kinderspiel.
Mein Schmerz saß tief in den Knochen, weil ich unter den beiden Sonnen des Fae-Reiches erfahren hatte, dass etwas Grauenhaftes in mir lebte.
Ein Monster krabbelte unter meiner Haut, drängte darauf, freigelassen zu werden.
Ich spürte es sogar in diesem Augenblick. Es rüttelte an dem Stahlkäfig, in den ich es eingesperrt hatte.
Es wollte jemanden töten. Verstümmeln. Verletzen.
Mein Rücken brannte unerträglich, und mein Brustbein schmerzte, als hätte mir jemand einen Fausthieb verpasst. Ich kratzte mich an den Schultern und stellte mir dabei vor, wie die Fingernägel meine Haut durchbohrten.
Die Erinnerung an das, was ich getan hatte, ließ mich tief in das butterweiche Leder meines Sitzes sinken.
Ich fröstelte heftig, und meine Sicht verschwamm zusehends.
Die Wolkenkratzer verwandelten sich in etwas anderes: in Bestien. Große, leuchtende Kreaturen, die mich von oben herab anknurrten.
Sie jagten unser Auto durch einen Nebel aus neonfarbener Schwefelsäure.
Ich kratzte mich immer heftiger am Rücken.
Rote Flöckchen hafteten unter meinen Fingernägeln und ließen die Monster vor dem Fenster noch viel gruseliger erscheinen.
Ich hasste es, schmutzig zu sein.
Seit ich ein Mädchen war, wollte ich lieber sauber sein. Wenn meine Haut rein war und kein Chaos in meinem Zimmer herrschte, konnte mich das ständige Summen der Angst nicht überwältigen.
Doch jetzt war ich schmutzig.
Allerdings spielte das keine Rolle mehr.
Nichts spielte mehr eine Rolle.
Meine Fingernägel kratzten zunehmend heftiger.
»Alles in Ordnung?«, flüsterte Lucinda und runzelte besorgt die Stirn.
Ich schenkte ihr mein gut einstudiertes höfliches Lächeln und zwang mich zu einer Stimme voller Sonnenschein und Regenbögen. »Mir geht’s gut.«
Mein Gesicht schmerzte schon von der Anstrengung, ihnen etwas vorzumachen.
Aber ich hatte bereits gelernt, glücklich zu wirken, noch lange bevor ich gelernt hatte, wirklich glücklich zu sein.
Ich schenkte Lucinda dasselbe Lächeln, das ich auch den Elite-Fae geschenkt hatte, wenn sie mir sagten, ich sei nur Abschaum ohne tatsächliche Kräfte. Wenn sie meine Mutter fragten, wie viel es kosten würde, mich zur Zucht zu missbrauchen. Wenn meine Mutter mich zum millionsten Mal in Brand gesetzt hatte.
Das falsche Lächeln, das mir erst aus dem Gesicht geglitten war, nachdem die Frau, die mich zur Welt brachte, das Unvorstellbare getan hatte.
Eigentlich war das Geschehene viel zu abgefuckt, um es überhaupt verarbeiten zu können. Aber irgendwie hatte ich es innerhalb von zwei Tagen tausend Mal wieder und wieder durchlebt.
Die blauen Flammen.
Überall.
Ich lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Marmorboden des Palastes und meine Mutter befahl den Wachen, mich festzuhalten.
Der Teil war noch normal. Erwartbar. Es war sozusagen unser Alltag. Sie hielten mich am Boden fest, während sie mich in Brand setzte, und ich schrie.
Doch das, was danach kam, war alles andere als normal.
Mutters Stimme, triefte vor Herablassung. Dieser Tonfall war allein für mich reserviert. »Du dreckige kleine Hure. Glaubst du wirklich, ich würde zulassen, dass du unseren Namen noch einmal in den Schmutz ziehst? Nachdem du wie ein Feigling davongelaufen bist?«
Die gnadenlose Faekönigin war verschwunden.
Und an ihre Stelle war eine sehr viel furchterregendere Kreatur getreten – eine wütende Mutter.
Eine Frau, die alles zu verlieren, aber nichts mehr zu gewinnen hatte. Die in den fünf Jahrhunderten, in denen sie vom Thron des Todes aus über das Reich der Fae herrschte, gezwungenermaßen zu einer tödlichen Waffe gemacht worden war.
Sie war die am längsten herrschende Regentin in der Geschichte der Fae.
Und es hatte schon immer Leute gegeben, die jünger, klüger und mächtiger waren als sie. Und vor allem bereit dazu, eine Monarchin vom Thron zu stoßen.
Nur konnte keiner von ihnen sie besiegen.
Aber sie hatte ihre Position nicht durch Glück oder reine Macht behauptet.
Nein.
Jeder einzelne Schritt, den meine Mutter unternahm, war darauf ausgerichtet, die maximale Kontrolle über ihr riesiges Königreich zu behalten, einschließlich ihrer Tochter.
Flüsternd und unter verstohlenen Blicken nannte man sie heimlich die wahnsinnige Königin.
Der Name gefiel ihr.
Das Schlimmste daran war: Sie hatte nicht ganz Unrecht, was mich betraf. Ich war aus dem Reich geflohen und in die Sexklinik gegangen, obwohl ich wusste, dass »Reinheit« in diesem Reich über alles geschätzt wurde.
Dabei hatte ich dort nicht einmal meine Jungfräulichkeit verloren, trotzdem hatten mich die Halbkrieger zu ihr geschleppt.
Zu meiner Abrechnung.
Ein Schauer durchlief meinen Körper und holte mich zurück in die Gegenwart.
Was wäre passiert, wenn ich niemals dort hingegangen wäre? Wäre ich wütend genug gewesen, um das Unvorstellbare zu tun? Wäre sie vielleicht jetzt noch am Leben?
Ich kämpfte gegen den Drang an, meine Stirn wieder und wieder gegen die Fensterscheibe des Autos zu schlagen. Bis mir das Blut vom Gesicht tropfte. Bis eine Scherbe meinen Schädel durchbohrte und mich endlich von meinem Leid erlöste.
»Feigling«, flüsterte Mutter.
Sie ist tot, erinnerte ich mich zum millionsten Mal.
Wenn sie doch nur dort geblieben wäre.
Die Worte aus jener schicksalhaften Nacht hämmerten immer noch heftig durch meinen Verstand.
Mutter lachte, ein schriller, klirrender Ton, als würde Glas auf Stein zersplittern. »Ich habe dir etwas gegeben, das ich noch nie jemandem gegeben habe. Ich habe dir vergeben. Deine kleine Auszeit im Reich der Shifter – ich hatte es einfach den Teenagerhormonen zugeschrieben.«
Seit ich in das Reich der Fae zurückgekehrt war, hatte sie mich jede Nacht bei lebendigem Leib mit ihren Flammen verbrannt.
Aber noch nie hatte Mutter unsere kleinen Sessions für einen längeren Monolog unterbrochen. Noch nie hatte mich ein Wächter nach der ersten Verbrennung festhalten müssen; ich war immer irgendwann einfach auf dem Boden zusammengebrochen und hatte ihre Bestrafung stillschweigend ertragen.
Sie besaß die Gabe, einen Menschen bei lebendigem Leib zu verbrennen, ohne eine einzige Narbe auf seiner Haut zu hinterlassen. Daher wusste niemand, was ich alles durchlitten hatte.
So war es jedenfalls immer gewesen.
Es war unser Alltag.
Der kräftige Griff des Wächters an meinen Schultern hatte mir jedoch verraten, dass ich mich zu diesem Zeitpunkt auf unbekanntem Terrain befand.
Leise flehte ich: »Bitte, Mutter.«
»Nenn mich nicht so.«
Ich hatte es zu weit getrieben. Durch meinen Besuch in der Sexklinik war sie zum ersten Mal seit fünf Jahrhunderten gefährlich nahe dran gewesen, etwas zu verlieren.
Klar, es war meine Jungfräulichkeit. Aber »Reinheit« war für Elite-Fae mehr als nur erwünscht. Oder wie auch immer sie diesen Schwachsinn nannten. Ich war nur eine Schachfigur für meine Mutter, die ihr half, politische Allianzen zu schmieden.
Wenn ich nicht mehr rein war, war ich gar nichts.
»Haltet sie fester«, hatte sie den Wachen befohlen. Ihre Stimme klang wie ein Peitschenhieb.
»Bitte, es ist doch gar nichts passiert. Ich bin immer noch Jungfrau«, hatte ich verzweifelt versucht, sie zur Vernunft zu bringen.
»Nein«, sagte sie leise. Ihre Stimme klang so endgültig wie der Tod. »Du bist eine Schande.«
Und dann hatte sie angefangen.
»Du siehst nicht gut aus«, sagte Lucinda leise. Ich wandte mich von dem regennassen Fenster ab und ließ die Erinnerung in mir wieder sterben.
Für einen langen Moment sahen wir einander an.
Lucindas weißes Haar, die roten Augen und ihre goldene Haut sahen aus wie die von Sadie. Aber Sadie war sehr schlank, mit hohen Wangenknochen und markanten Gesichtszügen, während Lucinda deutlich kurviger und weiblicher wirkte.
Einerseits waren sie sich somit sehr ähnlich, andererseits wirkten sie doch auch sehr verschieden.
Diesmal versuchte ich nicht einmal, zu lächeln, sondern sah sie nur ausdruckslos an, während mein Rücken brannte und der Wagen in Lichtgeschwindigkeit dahinfuhr. Die dunkle Welt draußen leuchtete.
Schließlich zuckte Lucinda mit den Schultern und wandte den Blick ab.
Ich kratzte weiter an meinem Rücken, als könnte es irgendwas verbessern, wenn ich mir das Fleisch von den Knochen riss.
Die Neonmonster hinter der Fensterscheibe verzerrten sich brüllend. Stahlträger verwandelten sich in gezackte Zähne, die nach meiner Seele schnappten.
Ich drückte die Wange fest gegen das kühle Glas des Autofensters.
Meine klamme Haut sehnte sich verzweifelt nach Erlösung.
Doch es reichte nicht.
Ich richtete mein linkes Auge nach vorn, bis die Welt um mich herum verschwamm. Und musste mich mit aller Kraft zusammenreißen, um meinen Kopf nicht permanent gegen etwas zu schlagen und mich damit selbst zu töten.
Mutters Stimme klang hart und eiskalt. »Feigling.«
»Ähm, ich glaube, ihr geht es nicht gut. Ich meine, ihm«, flüsterte Lucinda Sadie besorgt zu.
Schließlich war ich als Junge verkleidet, und mein männlicher Charme spendete mir zumindest einen geringen Trost.
»Hmm, was?« Sadies Stimme klang rau und heiser, ein deutlicher Kontrast zu Lucindas.
Sadies Stimme bewies die vielen Misshandlungen, die sie durchlitten hatte.
Mein Magen schmerzte, wenn ich an meine beste Freundin dachte. Es gab einfach zu viele Tragödien auf der Welt. Und es erschien mir ungerecht, dass wir beide so sehr leiden mussten.
Lucinda flüsterte ihrer Schwester zu: »Ich muss dir was sagen.«
Sadie senkte den Kopf. Sorge stand ihr in die Augen geschrieben. Angst verzerrte ihre Gesichtszüge. »Was ist denn?«
Lucinda öffnete den Mund, schloss ihn aber gleich wieder, als sie das besorgte Gesicht ihrer Schwester bemerkte.
Eine lange Pause folgte.
»Ich glaube, Aran hat gerade einen Nervenzusammenbruch.«
Sadies Schultern sanken erleichtert. Offenbar hatte sie nicht bemerkt, dass ihre Schwester gerade gelogen hatte.
Das war an Lucindas Körperhaltung, ihrer Stimme und ihrem Blick, den sie ab und zu abwandte, wenn sie sprach, ziemlich gut abzulesen. Die Sechzehnjährige sank tiefer in den Sitz, belastet von etwas, das sie aus Angst noch nicht preisgeben wollte.
Ich sagte nichts.
Wie hätte ich mich auch in die Geheimnisse anderer einmischen können, wenn mich meine eigenen schon beinahe umbrachten?
Sadie schüttelte den Kopf und schlang die Arme um ihre kleine Schwester. »Es ist unhöflich, jemanden auf einen Nervenzusammenbruch hinzuweisen. Den haben wir doch alle mal.« Sie sah mich an.
Sadies rubinrote Augen waren voller Sorge, dann formte sie tonlos mit den Lippen: »Alles gut. Du hast uns gerettet.«
Nichts würde gut werden.
Denn ich hatte das noch schlagende Herz meiner Mutter gegessen.
Ja, ich, Arabella Egan, die Kronprinzessin der Faemonarchie, hatte meiner Mutter das schlagende Herz aus ihrer eisigen Brust gerissen und es gegessen.
Ich habe es verzehrt.
Ich habe sie verzehrt.
Ein rohes, schlagendes, blutiges Herz. In meinem Mund. In meiner Kehle.
Der einzige Weg, eine Faemonarchin zu töten.
Und der einzige Weg, auf den Thron des Todes zu gelangen – der aus Hunderten von vergoldeten Faeschädeln bestand. Die Überreste einer verlorenen Spezies von Blutfae. Menschen, die gegen die Unterdrückung durch die Monarchie rebelliert und leider verloren hatten.
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Sadie Lucinda noch etwas zuflüsterte. Nach den Ereignissen in der Arena war diese Spezies jetzt nicht mehr verloren.
Sadie war eine Blutfae. Eine Spezies, so selten und uralt, dass sie eher ein Mythos als Realität war. Und das bedeutete, dass Lucinda höchstwahrscheinlich auch eine war.
Ihren Vorfahren gehörten die Schädel, aus denen der Thron des Todes bestand. Sie waren von einem machthungrigen Monarchen abgeschlachtet worden.
Und jetzt war ich dieser Monarch.
Meine Sicht verschwamm immer weiter, bis sich das ganze Auto um mich herum drehte und mein Verstand in eine andere Dimension schwebte.
Jetzt war ich die Königin eines Reiches, das ich zutiefst verabscheute.
Die Herrscherin.
Dem Volk verpflichtet.
Die schwache Prinzessin, die keinerlei Macht über Fae-Elemente besaß. Mein Rücken schmerzte gnadenlos. Am liebsten hätte ich mir selbst die Haut abgezogen.
Als Junge hatte ich mich schon immer wohler gefühlt. Nur dann verlangten die Leute nicht, mich zur Zucht zu benutzen und betrachteten mich nicht als Objekt.
Die Monarchie wurde im Reich der Fae sehr intensiv gelebt.
Sie vergötterten ihre Herrscher.
Und es kam äußerst selten vor, dass eine unsterbliche Fae ein Kind zur Welt brachte. Mein Status als erste Faeprinzessin seit Jahrtausenden bildete da keine Ausnahme. Ich war ein Objekt der Verehrung, jedoch eher als Fae und nicht als Person.
Dennoch hatte ich nie eine Begabung für ein Fae-Element entwickelt.
In der gesamten Geschichte hatte jede Fae bereits als Kleinkind Anzeichen ihrer besonderen Fähigkeiten gezeigt.
Ausnahmslos.
Ich war ein Versager.
Stattdessen beherbergte ich ein Monster in mir.
Beim Sonnengott, Sadie war eine Alpha-Shifterin, und sogar sie war zum Teil eine Blutfae. Somit war sie mehr Fae als ich.
Dennoch sollte ich nun aufgrund meiner vermeintlichen Unsterblichkeit auf dem Thron des Todes herrschen. In Wirklichkeit würde ich umgehend von einem Herausforderer abgeschlachtet werden.
Brutal.
Ich hätte mich einfach sofort stellen und zulassen sollen, dass sie mich töten. Aber ich war feige gewesen und geflüchtet. Zu ängstlich für die Fluchtmöglichkeit Tod.
Das Schlimmste war, dass ich es nicht bereute. Wenn ich die Zeit hätte zurückdrehen können, hätte ich es wieder getan.
Machte es mich zu einem schlechten Menschen, dass ich nicht traurig darüber war, das unsterbliche Leben meiner Mutter zerstört zu haben, indem ich wie ein Raubtier ihr Herz verschlungen hatte? Natürlich.
Ich schlug mein Gesicht fester gegen die Fensterscheibe.
Doch das Schlimmste war gar nicht, dass ich es nicht bereute.
Es ging nicht um das Warum.
Sondern um das Wie.
Um den Stahlkäfig, an dem meine Seele rüttelte, und das Monster darin, das danach geschrien hatte, befreit zu werden.
Als Sadie vor Lothaire gekniet und meine Mutter mit ihrem Blut infiziert hatte, war die eisige Dunkelheit in meiner Seele in ein Inferno der Bösartigkeit verwandelt worden.
Es hatte mich überwältigt, bis meine komplette Sicht von Dunkelheit getrübt und die Welt in lauter Sepia-Töne getaucht war: dunkles Gelb, verbranntes Orange, Blutrot.
Die Farben der Wut.
Die Farben meines Monsters.
Während ich auf meiner Unterlippe kaute und mein Gesicht gegen das kühle Glas presste, konnte ich die Qualen meiner Mutter schmecken. Ihr Blut klebte noch immer an meinen Lippen.
Aber jetzt gefiel es mir.
Also hatte es mir vorher auch gefallen.
Unter der sengenden Sonne war die Dunkelheit in meiner Seele angeschwollen, und zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich mein Monster bereitwillig aus seinem Käfig gelassen.
Meine sauberen, ordentlich manikürten Fingernägel hatten sich in rasiermesserscharfe Klauen verwandelt. Ein eisiger Film hatte sich darum gebildet und sie zu scharfen Zacken verhärtet.
Keine Ahnung, woher ich das wusste, aber ich war mir absolut sicher, dass es im gesamten Universum keine schärferen Klingen gab.
Ohne zu zögern, hatte ich meiner Mutter den Rücken durchbohrt und ihr das schlagende Herz herausgerissen.
Und während ich es verschlang, hatte mich eine Welle der Befriedigung durchströmt.
Nichts hatte sich jemals so richtig angefühlt.
Als wäre es das Beste gewesen, was ich jemals getan hatte: Ich hatte ihre Dunkelheit ausgelöscht.
Euphorie.
Dann hatte kurz eine männliche Stimme zu mir gesprochen, als stünde er direkt hinter mir. »Das hast du gut gemacht.«
Sein Lob war wie ein Schuss Euphorie direkt in meine verdunkelte Seele geströmt. Aber als ich mich umdrehte, stand dort niemand. Ich musste den Drang unterdrücken, vor Glückseligkeit laut zu lachen. Ich hatte halluziniert.
Ironischerweise war die Situation aus mehreren Gründen unfassbar gewesen.
Ein Grund war, dass Fae eigentlich keine Klauen besaßen. Niemals.
Aber ich hatte welche.
Bis zu diesem Augenblick hatte ich noch nie über meinen fehlenden Vater nachgedacht. Wer oder was er gewesen war, hatte keine Rolle für mich gespielt. Irgendein männlicher Fae, der die fürchterliche Entscheidung getroffen hatte, sich mit meiner Mutter fortzupflanzen.
Ich kannte immer nur ihre Misshandlungen. Sie hatte mir genug Erfahrung mit Elternteilen vermittelt. Mehr brauchte ich davon wirklich nicht.
Doch jetzt fragte ich mich, was zur Hölle er war. Und was war ich?
Mein Rücken brannte unerträglich.
Während ich mich nach hinten beugte und meine Fingernägel tief in meine Haut grub, hoffte ein Teil von mir, dass die Klauen wieder hervortreten und ich mir selbst die Haut abreißen könnte.
Ich konnte nicht die Königin sein. Das lehnte ich verdammt noch mal einfach ab.
Eine feuchte, klebrige Substanz lief von meinen Fingern, und ich blickte auf meine Hand. Ich hatte mit meinen stumpfen Nägeln so fest an mir gekratzt, dass Blut von ihnen herabtropfte.
Meine Sicht verschwamm.
Plötzlich war das Herz meiner Mutter wieder in meinem Mund, und eine Million Fae lagen vor mir auf den Knien.
Das Echo der Fae, als sie sich gemeinsam vor mir niederwarfen, würde mich noch für den Rest meines Lebens in Albträumen verfolgen.
Sie hatten sich vor mir verneigt, weil ich nach dem Gesetz der Fae nun ihre Herrscherin war.
Jetzt war es an mir, den Thron des Todes zu verteidigen.
Je länger ich auf meine blutige Hand starrte, desto lauter knurrten die neonfarbenen Stahlbestien da draußen. Desto heftiger rüttelte mein Monster an seinem Käfig.
Regen peitschte gegen die Scheibe, draußen heulte der Wind.
Dann verlor ich zum ersten Mal in meinem Leben das Bewusstsein.
Ich schleppte Arans schlaffen Körper durch die verlassene Nebengasse. Der Regen prasselte auf uns nieder und der Wind heulte, während ich mich damit abmühte, sie zu tragen.
Wir sollten unserem Fahrer durch die Gasse folgen.
Die Hauptstraßen waren voller Shifter mit dunklen Regenschirmen, die in Gebäude rannten oder herauskamen, aber diese Gasse war menschenleer.
Ich wünschte, ich hätte einen Mantel gehabt. Im Vergleich zu der Wärme im Reich der Fae sorgte der Regen hier für eine beißende Kälte. Eine starke Windböe fegte zwischen den Wolkenkratzern hindurch und drückte mich nach hinten.
»Lass mich sie tragen«, knurrte Cobra mich zum fünften Mal an und machte Anstalten, mir Aran abzunehmen.
»Lass die Finger von ihr, verfluchte Scheiße«, fauchte ich und rückte ihren feuchten Körper in meinen Armen zurecht.
Ich war übermüdet und emotional zu aufgewühlt, um mich jetzt auch noch mit ihm auseinanderzusetzen.
Aran war schlank, aber einen halben Kopf größer als ich, und es fiel mir nicht leicht, sie zu tragen. Aber sie war meine beste Freundin. Sie hätte auch gewollt, dass ich sie trage.
Cobras Augen verwandelten sich flackernd in Schlangenaugen, und die Juwelen in seiner Haut wanden sich, glitzerten zwischen den anderen Edelsteinen und den Schattenschlangen. Jetzt, wo er das verzauberte Halsband nicht mehr trug, strahlte er pure Kraft aus.
Es irritierte mich, wie ich jemals hatte glauben können, dass er etwas anderes sein könnte als seine Bestie. Cobra wirkte gefährlich.
Meine Schattenschlange zuckte über meinen Rücken und übermittelte mir Bilder von Liebe und Glück.
Ich sah Cobra finster an, ohne mich von seiner Schlange ablenken zu lassen. Ihn und seine Spielchen hatte ich längst durchschaut.
»Sie lässt mich nicht helfen«, sagte Cobra zu Jax, der seine Arme weit ausbreitete, um seine drei Schwestern vor dem Regen zu schützen.
Er verdrehte die Augen.
»Du heulst hier rum wie ein Baby«, sagte Jinx scharf, noch bevor Jax etwas erwidern konnte.
Cobra musterte sie finster. »Wie alt bist du?«
Jinx’ dunkle Augen funkelten verärgert. »Auch wenn es dich nichts angeht, aber ich bin schon zwölf.«
Ihre Wut wirkte amüsant, denn sie war nicht nur Jax’ jüngste Schwester, sondern auch kaum anderthalb Meter groß.
Im Vergleich zu ihr sah Cobra aus wie ein Riese.
Mit ihrer kleinen Statur, der blassen Haut, den dunklen Augen und dem pechschwarzem Haar sah Jinx aus wie ein kleines Mädchen aus einem Horrorfilm – inmitten der verregneten Straßen und der hoch aufragenden Stahlgebäude.
Cobra lachte. »Ich bin über hundert. Du bist noch ein Kind, also bist du hier wohl das Baby.«
»Ganz schön peinlich für dich, mir so was zu sagen.« Jinx schmiegte sich eng an Jax’ Seite, als eine scharfe Windböe uns regelrecht rammte.
Jax musste sie am Shirt festhalten, damit der Wind ihren zierlichen Körper nicht nach hinten wehte.
»Da bin ich ganz bei ihr«, sagte Ascher, der neben mir herlief und nach Gefahren Ausschau hielt wie mein persönlicher Bodyguard. Er sah auch so aus, mit den Tattoos, die abgesehen von seinem Gesicht jeden sichtbaren Zentimeter seines Körpers zierten, und den onyxfarbenen Hörnern, die aus seinem goldenen Schopf ragten.
»Ich auch«, sagte Xerxes.
Sein langes blondes Haar klebte an ihm, während er Lucinda mit seinem Körper vor dem schlimmsten Regen abschirmte. Ich war dankbar, dass er meiner kleinen Schwester half.
Unser Fahrer lief vor uns her und warf alle paar Sekunden einen Schulterblick zu uns. Er zuckte nicht einmal mit der Wimper angesichts des sintflutartigen Regens und trug sogar nachts eine Sonnenbrille. Wie ein Psychopath.
Ich konnte regelrecht spüren, wie er mich musterte und verurteilte.
Gar nicht nett.
Außerdem, welcher professionelle Mafia-Fahrer, der uns angeblich zum Don bringen sollte, der diese Stadt regierte, hatte denn keinen schwarzen Regenschirm dabei?
Ich hatte im Shifter-Reich ein paar schwarzgebrannte Filme über die Mafia gesehen.
Er war entweder total mies in seinem Job oder ein Betrüger, denn im Film hatten alle immer Regenschirme dabei. Um die furchteinflößende Gang-Atmosphäre zu verstärken.
Und das wusste jeder.
Eine weitere Böe fegte durch die Gebäude, und ich drückte meine Oberschenkel durch, um uns zu stabilisieren.
Wäre ich ein schlechter Mensch, wenn ich Arans schlaffen Körper auf den Fahrer warf, falls er sich doch noch als Bösewicht entpuppte? Wie ich Aran kannte, würde sie sich wohl eher geehrt fühlen, als Rammbock dienen zu dürfen.
Ich schüttelte kurz die Arme aus und versuchte, ihr ins Gesicht zu pusten. »Das ist nicht gerade die beste Zeit für deinen Schönheitsschlaf. Um das mal klarzustellen, aber im Moment bist du eher eine verfluchte königliche Nervensäge für mich.«
Aran murmelte etwas Unverständliches, wachte aber nicht auf.
Sie war wieder als Junge verkleidet, aber was sie trug, war mir egal. Für mich war sie Aran, egal in welcher Gestalt.
Meine beste Freundin.
Cobra kniff seine Schlangenaugen zusammen und beugte sich vor, als wollte er sie mir aus den Armen reißen.
Mein Arm verkrampfte sich, und ich spannte meine Bauchmuskeln an, um »Ich bin eine absolut kompetente Frau« auszustrahlen, anstatt eine Grimasse zu schneiden, als litte ich unter Verstopfung.
Ich musste wirklich dringend ins Fitnessstudio und ein paar Gewichte stemmen. Muskeln wären in solchen Momenten doch verdammt nützlich gewesen.
Aran murmelte etwas Unverständliches über Blut, wachte aber nicht auf.
Großartig. Meine beste Freundin hatte gerade einen Albtraum von mir. Noch etwas, das auf meine Therapieliste gehörte.
Ich stolperte, und Ascher kniff die Augen zusammen, als könnte er mir meine Mühe ansehen.
»Da war ein Stein«, murmelte ich.
Ascher zog eine goldene Augenbraue hoch und schaute demonstrativ auf den glatten, gepflasterten Bürgersteig.
»Wach endlich auf. Sonst blamierst du mich noch«, knurrte ich Aran ins Ohr, als uns eine weitere heftige Windböe traf und ich zu zittern begann.
Fragt mich bitte nicht, wie ich mit den eisigen Temperaturen im Shifter-Reich hatte aufwachsen können, während mich jetzt schon eine kalte Brise beinahe in die Knie zwang.
In diesem eisigen Moment vermisste ich die beiden glühenden Sonnen im Reich der Fae wirklich sehr. Auch wenn dort alle ständig mehr oder weniger erfolgreich versucht hatten, uns umzubringen, war das Klima dort unschlagbar gewesen.
In den Urlaub würde ich definitiv wieder dorthin fahren.
Hoffentlich hatten sie bis dahin vergessen, dass Aran den verbotenen Snack verspeist und ich mein parasitäres Blut herumgespritzt hatte.
Wenn ich so drüber nachdachte … vielleicht würde ich doch lieber woanders Urlaub machen.
»Wir sind da«, sagte unser Fahrer mürrisch. Er besaß keinerlei Mimik, und sein gesamter Körper stand unnatürlich steif mitten im Regen.
Abgefahren.
Zeigte der Fahrer gerade auf eine gruselige schwarze Tür an der Seite irgendeines Gebäudes, das aussah, als könnte darin gerade jemand ermordet worden sein? Ja.
Zitterte ich vor Kälte und hätte mich lieber gegen einen Mörder verteidigt, als auch nur eine Sekunde länger in dieser Kälte zu stehen? Ebenfalls ja.
Zumindest konnte ich mich jetzt wieder in einen Säbelzahntiger verwandeln, falls das nötig wäre. Außerdem konnte ich mich schneiden und mein Blut verspritzen und Leute damit infizieren.
Was sollte ich sagen? Macht verlieh einem doch ganz schön viel Selbstvertrauen.
»Dank sei dem Sonnengott«, sagte ich erleichtert und ließ meine Last achtlos fallen, dann trat ich durch die Tür.
Aran knallte auf die schwarze Fußmatte und sah sich irritiert um, als sie wieder zu sich kam. »Hast du mich gerade ernsthaft einfach fallen lassen? Und warum steht auf dieser Matte Die Hölle ist gepflastert mit den Knochen der Untreuen?«
Ich verdrehte die Augen. »Erstens habe ich gerade deinen dramatischen Arsch durch den Regen geschleppt. Ein bisschen Dankbarkeit wäre also ganz nett. Zweitens, weil wir von einem gruseligen Typen mit Sonnenbrille in eine gruselige Mafia-Höhle in einer sehr gruseligen Gegend eskortiert worden sind.«
»Wie bitte?« Die Augenbrauen des Sonnenbrillenmannes zuckten.
»Werden Sie endlich erwachsen«, fauchte ich ihn an. »Sie wissen doch wohl selbst, dass Sie gruselig aussehen.«
Meine Arme brannten von dem langen Tragen von Arans muskulösem Körper, und ich konnte nicht einmal mehr sagen, ob meine Oberschenkel vor Kälte oder vor Erschöpfung so zitterten. Das Mädel war nicht gerade leicht. Worauf ich ziemlich neidisch war.
Sonnenbrillenmann starrte mich an, als hätte ihm noch nie jemand gesagt, dass er gruselig sei. Was ich allerdings sehr bezweifelte.
Jetzt, wo wir nicht mehr im Regen standen, kribbelte der Geruch von etwas Verbranntem in meiner Nase.
Er war ein Beta.
Jess, Jax’ älteste Schwester, wrang ihr klatschnasses schwarzes Haar aus, das von neongrünen Strähnchen durchzogen war, die perfekt zu dem leuchtenden Grün ihrer Augen passten. Sie lächelte unseren Fahrer an. »Entschuldigen Sie bitte, Sir, aber das dachten wir wirklich alle.«
Jinx zitterte unkontrolliert, und Jax rieb ihre Arme, um sie aufzuwärmen. Die Ärmste sah aus wie eine ertrunkene Ratte.
Jinx verdrehte die Augen in Richtung des Fahrers und sagte: »W-wir dachten übrigens auch, dass Sie eine sch-sch-schlechte Durchblutung haben. Wahrscheinlich, w-weil Sie Ihr Leben lang gekämpft haben. Vielleicht sollten Sie das mal von einem Arzt untersuchen lassen.«
»Wie bitte?«, fragte Lucinda, deren weißblondes Haar an ihrem goldenen Gesicht klebte. Jinx hatte damit ausgesprochen, was wir alle tatsächlich gedacht hatten.
Verwirrt drehten wir uns zu ihr um.
Wieder seufzte Jinx schwer, als wäre es schmerzhaft, mit so dummen Menschen zu tun zu haben. »Seine Finger sind unnatürlich weiß und weisen eine schlechte Durchblutung auf. Außerdem hinkt er leicht. Wahrscheinlich wurde seine Kniescheibe wiederholt gebrochen. Das Durchblutungsproblem verursacht wohl Komplikationen in den Gelenken. Das sieht doch nun wirklich jeder.«
Es entstand eine unangenehme Stille, während alle auf die unnatürlich weißen Fingerknöchel des Sonnenbrillenmannes und sein leicht geknicktes Knie starrten.
Jax schüttelte den Kopf. »Jinx, wir haben doch schon mal darüber gesprochen.«
»Erstaunliche Beobachtungsgabe.« Xerxes lächelte Jinx mit einer Herzlichkeit an, die ich bei dem Omega noch nie gesehen hatte. »Ich habe jahrzehntelang Soldaten ausgebildet, und man findet nur selten jemanden, der von Natur aus so aufmerksam ist.«
Jinx versteckte sich errötend hinter Jax. »Sie muss trotzdem erst erwachsen werden«, murmelte Cobra.
»Drohst du etwa gerade meiner Schwester?« Jalas kaugummirosafarbene Augen blitzten vor Wut, und sie kniff sie zusammen, mit einer Attitüde, die nur ein vierzehnjähriges Mädchen zustande bringen konnte. Ihre niedliche Art war auf einmal völlig verschwunden.
Jess legte ihre Hand auf Jalas Arm. »Was haben wir gesagt? Ganz tief Luft holen und durch die Wut atmen.«
Ascher verdrehte die Augen. »Schön, dass Cobra jetzt schon junge Mädchen provoziert.«
Ich konnte mich nicht zurückhalten. »Ach, du glaubst also, du wärst hier moralisch überlegen, weil wir das Reich verlassen haben, in dem dein verräterischer Arsch uns beinahe gekillt hätte?«
Zumindest besaß Ascher den Anstand, beschämt dreinzuschauen. Ein zartes Rot färbte seine goldenen Wangen, während er sich mit der Hand über sein Horn strich. »So meinte ich das nicht.«
Aran sagte aus heiterem Himmel: »Ich glaube, ich habe eine neue Phobie entwickelt und werde beim Anblick von Blut ohnmächtig.«
»Wahrscheinlich, weil du ein Kannibale bist«, erwiderte Jinx.
Arans Kinnlade klappte herunter, und ihr blasses Gesicht nahm einen ungesunden grünen Farbton an. Dann gab sie plötzlich ein entsetzliches Würgegeräusch von sich.
Der Laut löste auch bei mir einen Brechreiz aus, und prompt stieg mir die Galle in den Mund.
»Igitt, hast du etwa gerade gekotzt? Du weißt doch, dass ich immer mitkotzen muss«, sagte Lucinda und würgte ebenfalls.
Jax stieß ein Alphabrüllen aus. »Ruhe jetzt!«
Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.
Ich würgte noch einmal und Jax sah mich genervt an, aber ich zuckte nur mit den Schultern.
Meine Alpha-Gestalt war eben die einer riesigen Katze. Was hatte er denn erwartet?
Jax drehte seinen massigen Körper und wandte sich an den gruseligen Sonnenbrillenmann, von dem wir nun alle wussten, dass er unter schlechter Durchblutung litt. »Bringst du uns jetzt zum Don oder nicht? Wir haben alle Hunger, sind todmüde und brauchen nach dem Regen ein warmes Bad.«
Einen Moment lang starrte uns der Sonnenbrillenmann an, als wären wir Fabelwesen, die er noch nie zuvor gesehen hatte.
Aber wir boten ja auch einen seltsamen Anblick.
Aran war leichenblass, hatte leuchtend blaue Haare und passende türkisfarbene Augen, und ich hatte rote Augen, schneeweißes Haar und tiefgoldene Haut.
Cobra hatte dunkles Haar, grüne Augen und Juwelen, die überall in seine blasse Haut eingebettet waren; Ascher war tätowiert, hatte goldfarbenes Haar und besaß Hörner; Jax war massiv und riesig, hatte dunkle Haut und auffällige graue Augen und war mit Piercings und Goldketten übersät; Xerxes hatte olivfarbene Haut und blondes Haar, das ihm bis zum Hintern reichte. Seine strengen violetten Augen wirkten einschüchternd, ließen ihn aber trotzdem wie einen hübschen Prinzen aussehen.
Außerdem hatten wir noch vier Teenies dabei.
Lucinda sah aus wie eine kurvigere und hübschere Mini-Version von mir. Jess hatte grüne Augen, kupferfarbene Haut und neongrüne Strähnchen im schwarzen Haar; Jala hatte rosa Augen und kaugummipinke Haare, die ihrem dunklen Teint schmeichelten; und Jinx sah mit ihrer Blässe und der ausgestrahlten Düsternis aus wie eine Miniatur-Bedrohung.
Abgesehen von Lucinda und mir sah sich niemand auch nur annähernd ähnlich. Wir strahlten ein energiegeladenes Chaos aus.
Hinzu kam, dass wir uns gerade wie ältere Damen beim Bingo zankten, und ich war mir sicher, dass Sonnenbrillenmann komplett verwirrt sein musste.
Trotzdem lag mir das Herz schwer in der Brust.
Ja, es war auch immer noch leicht von saurem Sodbrennen erfüllt, aber vor allem war es voller Liebe, weil wir mit unseren Schwestern wiedervereint und immer noch alle zusammen waren.
Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit erdrückten mich die schmerzhafte Einsamkeit und das Vermissen meiner Familie nicht mehr so sehr.
Sonnenbrillenmann räusperte sich, als müsste er sich selbst daran erinnern, dass er noch was zu tun hatte, und marschierte durch den langen Flur.
Er sagte keinen Ton, sondern ging wohl einfach davon aus, dass wir ihm folgen würden.
Na klar, warum auch nicht? An den Wänden stand in großen roten Buchstaben: »Die Hölle ist gepflastert mit den Knochen der Untreuen.«
Die Buchstaben wirkten sogar wie zerlaufenes Blut.
Cooler Vibe.
»Gleich werde ich wieder ohnmächtig«, flüsterte Aran mir zu, während wir durch den Flur gingen.
»Nein, wirst du nicht.«
»Im Ernst.« Aran wurde kreidebleich, als sie auf die Wand starrte.
»Du bist so schwer wie ein kleiner Elefant. Wenn du wieder zusammenbrichst, trage ich dich nicht noch einmal.«
»Oh, bitte«, höhnte sie. »Du bist doch nur neidisch auf meine Muskeln.«
Sie hielt inne, um ihre beeindruckend definierten Bizeps und Quadrizeps zu demonstrieren. Als sie ihr nasses Shirt hochziehen wollte, um auch noch ihre Bauchmuskeln zu präsentieren, schlug ich ihre Hände weg.
»Wahrscheinlich liegt es nur am Zauber«, murmelte ich neidisch.
»Ein Zauber kann nichts verzaubern, was nicht bereits da ist. Diese Muskeln gehören allein mir.« Aran grinste, aber ihr Lächeln verschwand, als sie erneut einen Blick auf die blutigen Worte an der Wand warf.
Ich atmete ein paar Mal tief durch und redete mir ein, dass es nicht rational sei, beleidigt zu sein, weil meine beste Freundin beim Anblick von Blut in Ohnmacht fiel. Nur weil ich eine neue Blutkraft in mir entdeckt hatte.
Die Stimme der Jagd – die für mich immer nur die Taubheit gewesen war – hatte sich gleichzeitig als sehr viel mehr und deutlich weniger erwiesen als das, was sie war.
Mir war ein Stein vom Herzen gefallen.
Die Halbkrieger hatten gesagt, dass sie sie während eines Kampfes auch hören konnten, was bedeutete, dass ich weder verrückt noch besonders war.
Es war eben normal.
Für uns Halbblute gab es eine ganz simple Erklärung für die Taubheit.
Zum ersten Mal seit langer Zeit versank ich nicht mehr in Gedanken über Umstände, die ich nicht verstand.
Das große Ganze schien gar nicht mehr so komplex zu sein.
Es war alles nur Zufall und den Umständen geschuldet.
Alles würde gut werden.
»Sollten wir uns Sorgen machen?«, fragte Lucinda, während sie die Wand anstarrte und eine Grimasse schnitt.
Ich dachte einen Moment lang darüber nach und schüttelte den Kopf.
»Wir haben die böse Faekönigin im wahrsten Sinne des Wortes überlebt. Wie schlimm kann da schon die Mafia sein? Außerdem haben wir Aran.«
Als meine ohnehin schon blasse beste Freundin kreidebleich wurde, wurde mir klar, dass wir Aran momentan ganz und gar nicht hatten. Sie war irgendwo in der Vergangenheit hängen geblieben und brauchte eindeutig ein langes Nickerchen und ein Schaumbad.
Sonnenbrillenmann bedeutete uns, durch eine weitere Tür zu gehen.
»Alle bleiben hinter mir«, sagte Cobra zu der Gruppe.
Jax schnaubte und drängte sich an ihm vorbei, und alle folgten ihm.
Cobra betrat als Letzter den Raum, seine Schlangenaugen flackerten. Ich konnte praktisch sehen, wie Dampf aus seinen Ohren quoll.
Und ich konnte das manische Kichern, das in meiner Kehle brodelte, nicht unterdrücken. Er fühlte sich einfach unwohl. Sehr amüsant.
Plötzlich blieb Jax abrupt stehen, und ich spähte über seine Schulter.
Nope, das amüsant musste ich leider zurücknehmen.
Wir waren am Arsch.
Gut, das Reich der Fae war nicht gerade ideal gewesen: eine böse Königin, Gladiatorenkämpfe, Millionen blutrünstiger Fae, die: »Stirb, du Schlampe!«, geschrien hatten, und über allem der säuerliche Gestank des Patriarchats.
Allerdings hatte mir das Überleben im Reich der Fae vielleicht auch ein bisschen zu viel Selbstvertrauen verliehen.
Sofort wurde ich wieder demütiger.
Der Raum war nur schwach beleuchtet, und etwa ein Dutzend Männer saßen an der gegenüberliegenden Wand. Alle trugen dunkle Anzüge und Sonnenbrillen.
Zigaretten und Zigarren klemmten zwischen ihren Lippen und bildeten eine dichte Rauchwolke in dem kleinen Raum.
Sie strömten einen deutlichen Brandgeruch aus. Betas.
Aber das Beunruhigendste war, dass jeder Beta ein riesiges Maschinengewehr in den Händen hielt. Sie leuchteten blau vor Magie und waren größer und ausgefallener als alle anderen Waffen, die ich je gesehen hatte.
Mindestens ein Dutzend rote Punkte richteten sich auf uns.
Unsterbliche Alphas konnten nur auf zwei Arten sterben: indem ihnen das gesamte Blut aus dem Körper gesaugt wurde und sie enthauptet wurden, oder indem sie mit einer magischen Kugel erschossen wurden.
Langsam schob ich mich vor Lucinda.
Jax flüsterte: »Stellt euch hinter mich.« Jess, Jala und Jinx bewegten sich, bis sein großer Körper sie verdeckte.
Ein leises Klacken ertönte, als ein Paar teure Lederschuhe aus dem dunklen Schatten in einer Ecke des Raumes trat.
Dann fragte eine sehr dunkle Stimme betont langsam: »Ist das wahr? Ist mein lange verloren geglaubter Sohn endlich zurückgekehrt?« Er betonte jedes Wort auf eine merkwürdige Art überdeutlich, und die Silben verschmolzen miteinander, als wollte er ein Lispeln verbergen.
Mein Kiefer klappte herunter, als er in das schwache Licht trat.
Mehrstimmiges Keuchen ertönte.
Er hätte Cobras Zwilling sein können.
Die vertrauten smaragdgrünen Augen funkelten bedrohlich.
Die einzigen Unterschiede waren sein langes schwarzes Haar, die blasse Haut, die nicht mit Diamanten besetzt war, das Wort »Loyalität«, das in großen Buchstaben auf seinen Hals tätowiert war, und dass von ihm kein eisiger Geruch ausging.
Er roch nach Öl und Gummi. Ein moschusartiger, intensiver Duft, der seine Präsenz unmöglich zu übersehen machte.
Der Anzug des Mannes saß makellos, und seine kristallartigen Accessoires schrien geradezu nach Reichtum.
Eine riesige weiße Schlange lag lässig über seinen breiten Schultern.
Die Schlange war so groß, dass ihr Schwanz bis auf den Boden hing, während ihr Kopf hoch in die Luft ragte. Sie überragte sogar ihren beinahe zwei Meter großen Besitzer.
Aber er hatte die gleichen sündigen Lippen, hohe Wangenknochen und ein markantes Kinn. Die gleiche wunderschöne Haut, die zu perfekt schien, um echt zu sein.
Es bestand kein Zweifel, dass dies Cobras Vater war.
Der Don der Stadt.
Cobra stand unheimlich ruhig da und musterte seinen Vater auf der anderen Seite des Raumes, doch sein Gesicht verriet keinerlei Emotionen.
Mein Bauchgefühl sagte mir, dass dies kein freudiges Wiedersehen werden würde.
Es grenzte an ein Wunder, wenn wir hier lebend herauskämen.
Der Don nahm einen langen Zug von seiner Zigarette und blies Rauch in die Luft. Seine smaragdgrünen Augen waren kalt und scharf, die weiße Schlange an seinem Hals zischte.
Er war ein Raubtier.
Der Don sog lässig den Rauch wieder ein. »Beweise mir, dass du mein Sohn bist, sonst werden meine Männer das Feuer auf euch eröffnen. Dann, während ihr außer Gefecht gesetzt seid, werden sie jeden einzelnen von euch enthaupten. Und eure Leichen an Straßenlaternen aufhängen.«
Seine wunderschönen Gesichtszüge waren eine steinerne Maske der Gleichgültigkeit.
Er meinte es ernst.
Sofort verwandelten sich Cobras Diamanten in Schattenschlangen und strömten von seinem Körper.
Sie türmten sich übereinander, bis sie zu einer riesigen Schlange wurden, die ebenso schwarz war wie die seines Vaters weiß.
Der Don sagte keinen Ton, nahm nur einen weiteren langen Zug von seiner Zigarette, während die weiße Schlange von seiner Schulter glitt.
Sie näherte sich Cobras schwarzer Schlange, bis sie sich gegenüberstanden.
Langsam öffnete sie ihr riesiges Maul, ließ die opalfarbenen Zähne aufblitzen und gab ein raues, warnendes Zischen von sich.
Cobras Schlange antwortete ihr in gleicher Weise.
Ich schluckte und versuchte verzweifelt, mich daran zu erinnern, ob Schlangen irgendeine Art von Bindung zu ihren Jungen aufbauten.
Angesichts der aktuellen Stimmung im Raum konnte ich nur vermuten, dass dem nicht so war. Die Schlange des Don, die offenbar der Don war, verbreitete extrem aggressive Schwingungen.
Schließlich, nachdem sich die beiden Schlangen eine gefühlte Ewigkeit lang angezischt hatten, nickte der Don.
Die weiße Schlange legte sich auf seine breiten Schultern, und der Don setzte sich in einen grünen Samtsessel.
Er warf sein langes schwarzes Haar lässig über die Schulter, aber alles an ihm strahlte Gewalttätigkeit aus.
Da wir alle standen und er saß, hätten wir eigentlich in der Machtposition sein müssen.
Doch das waren wir nicht.
Selbst im Sitzen sah er auf uns herab.
Schweiß lief mir die Schläfe hinunter, obwohl ich vom kalten Regen noch ganz durchnässt war.
Der Don blies langsam eine Rauchwolke aus. »Du bist also wirklich mein Sohn.«
Er hatte keine Frage gestellt.
Cobras riesige Schlange zerfiel in Tausende von Schattenschlangen, die zurück auf seine Haut strömten. Mit einem kurzen Aufblitzen verwandelten sie sich wieder in Diamanten und Kristalle auf seinem Körper. »Sieht ganz so aus.«
Der Don ließ seinen Blick langsam über Cobra gleiten. »Interessant, dass deine Schlangen so … zerbrochen sind. Noch seltsamer, dass du sie wie Juwelen auf deiner Haut trägst.«
Cobra sagte nichts.
Der Don auch nicht.
Ein Dutzend Maschinengewehrläufe waren immer noch auf uns gerichtet, und die Männer mit Sonnenbrillen, die die Waffen hielten, rührten sich nicht.
Dichter Rauch waberte um uns herum.
Obwohl niemand sprach, stieg die Spannung im Raum um das Zehnfache. Eine knisternde Energie lag in der Luft.
Immer mehr Schweiß rann mir unangenehm den Körper hinunter.
Dann huschte ein Lächeln über das attraktive Gesicht des Don.
Allerdings war es kein freundlicher Ausdruck.
Er drehte lässig seine Zigarette zwischen den Fingern und nickte, als hätte er soeben eine Entscheidung getroffen.
Mein Nacken kribbelte, und mein Bauchgefühl schrie mich an, einfach loszurennen.
Ganz langsam zog ich einen Fingernagel über meinen Unterarm, bis ich den kupfernen Geruch von Blut roch. An die Taubheit dachte ich gar nicht erst; sie musste sich wahrscheinlich noch aufladen.
Stattdessen griff ich in die finstere Nische meines Geistes, die wohl schon immer da gewesen war. Doch die Nische, die ich erst im Sand der Arena entdeckt hatte, war gar keine Nische.
Im Gegensatz zum letzten Mal musste ich nicht einmal etwas sagen, um auf meine Blutkräfte zuzugreifen. Sie reagierten bereits auf meine mentale Anfrage.
Jeder einzelne Tropfen, der aus der Wunde an meinem Unterarm tropfte, gerann unmittelbar. Auf meinen Willen hin, als wäre ich mit jedem einzelnen Tropfen innerlich verbunden.
Der Don sagte beiläufig: »Auf mein Zeichen hin tötet ihr alle, die bei ihm sind. Nur mein Sohn darf überleben. Sie wissen zu viel.«
Im Raum brach Chaos aus.
»Nein!«, brüllte Cobra. Seine Augen verwandelten sich in Schlangenaugen, und die Schattenschlangen strömten von seiner Haut auf die Männer zu.
Die Finger der Betas spannten sich um die Maschinengewehre, während sie sich bereit machten, auf das Zeichen ihres Don zu schießen.
Ich konzentrierte mich mit meiner ganzen Willenskraft auf das Blut, das aus meinem Arm tropfte.
Schweiß trübte meine Sicht, während ich das Gesicht verzog und langsam einen Tropfen in die Luft schweben ließ.
Neben mir brachen plötzlich Klauen aus Arans Fingernägeln hervor, und ein schwarzer Film breitete sich über ihren Augen aus, bis nichts Weißes mehr darin zu sehen war.
Moment mal, was?
Das war neu. Noch nie hatte ich eine Fae so etwas tun sehen.
Jax und Ascher begannen, sich zu verwandeln, und Xerxes zog seine beiden Messer und beugte sich vor. Bereit, sie zu werfen.
Ich hatte fast genug Kontrolle über mein Blut erlangt, um es auf jemanden zu schleudern. Ich brauchte nur noch ein bisschen, und dann …
»Stopp!«, kreischte Jinx plötzlich mit einer extrem schrillen Stimme, die in meinem Kopf unheimlich widerhallte.
Sofort erstarrten alle im Raum.
Wie gelähmt.
Auch mein Blut hörte auf, in die Luft zu steigen. Es wirbelte als kleiner Kraftball über meinen Unterarm.
»Er blufft«, sagte Jinx mit ihrer normalen Stimme, und ihr Griff, mit dem sie alle im Raum festzuhalten schien, löste sich.
Wieder sahen alle zu dem kleinen Mädchen, das definitiv kein Shifter war, denn ich hatte noch nie ein Lebewesen einen solchen Ton von sich geben hören.
Er hatte alle mit mehr Kraft erstarren lassen als ein Alphabrüllen.
Jax drehte sich zu seiner kleinen Schwester um. »Jinx?« Die Frage war seiner Stimme deutlich anzuhören.
Anstatt sich zu schämen, dass sie gerade einen so schrillen Schrei ausgestoßen hatte, wie ihn noch nie ein Mensch hervorgebracht hatte, zuckte Jinx nur mit den Schultern.
Jess und Jala waren die einzigen Personen im Raum, die von ihrem Ausbruch nicht überrascht zu sein schienen.
Ich hätte mein gesamtes Geld darauf verwettet, dass es für sie nichts Neues gewesen war.
Der Don setzte an: »Was …«
Doch Jinx hob die Hand und unterbrach ihn. »Hat denn niemand auf seine Körpersprache geachtet? Er hat eindeutig geblufft. Seine Augen wurden ganz trocken und er hat leicht geblinzelt beim Sprechen. Das war ein Test.«
Wieder starrten wir sie mit offenem Mund an.
Wie konnte man in einem dunklen, völlig verrauchten Raum erkennen, dass jemand trockene Augen hatte?
Am schockierendsten war jedoch, dass der Don nur den Kopf in ihre Richtung neigte und keinen Ton sagte.
Doch ein zartes Lächeln umspielte seine Lippen.
Ein langer Moment verging, in dem der Don nichts entgegnete, und langsam wurde allen klar, dass Jinx recht hatte.
Der Don hob eine Hand, und die Betas senkten die Läufe ihrer Maschinengewehre.
Ganz langsam zog ich meine schwebende Blutkugel zurück in die Schnittwunde an meinem Arm.
Zum Glück hatte ich noch niemanden mit meinem Blut infiziert; das hätte die Situation noch peinlicher gemacht und mich vor allem direkt geoutet.
Jax und Ascher stoppten ihre Verwandlung und nahmen ihre normalen Gestalten wieder an. Xerxes steckte seine Dolche weg.
Cobras Schattenschlangen glitten zurück auf seinen Körper, verwandelten sich diesmal aber nicht in Juwelen.
Langsam ließ auch die Anspannung im Raum nach.
Der Don holte eine frische Zigarette heraus und zündete sie an. Als sie glühend zwischen seinen Lippen steckte, sagte er: »Du hattest recht, aber auch unrecht. Ich habe geblufft. Ich hätte euch nicht hier auf meinem schneeweißen Boden getötet. Ich hätte euch erst nach draußen bringen und dort erschießen lassen.«
Sofort stieg die Anspannung wieder an.
Ein leises, rasselndes Zischen ertönte aus Cobras Brust, und Jax stieß ein dröhnendes Brüllen aus. Aschers Hörner wuchsen, und Xerxes umfasste seine Dolche.
Meine Brust bebte unter einem leisen Knurren.
Niemand wagte es, unsere Schwestern zu bedrohen.
Der Don redete weiter, als hätte er nicht gerade beiläufig zugegeben, dass er vorhatte, uns alle hinrichten zu lassen. »Aber ihr habt gerade eine beeindruckende Machtdemonstration abgeliefert. Es wäre sehr schade, solche Talente zu vergeuden, da unsere glorreiche Stadt immer ein bisschen … Hilfe gebrauchen kann.«
Jinx murmelte: »Er hat definitiv geblufft. Er versucht nur, das zu verbergen.«
Jess trat ihrer Schwester gegen das Schienbein.
Plötzlich verwandelten sich die Augen des Don in Schlangenaugen, und er sah Jinx bedrohlich an. Seine schlitzförmigen Pupillen waren sogar größer und dunkler als Cobras Schlangenaugen, der Effekt war einfach furchterregend.
Jax bewegte sich schützend vor Jinx, aber sie trat mit ihrem kleinen Körper zur Seite und sah den Don fest an.
Dann verdrehte sie die Augen. »Ich habe keine Angst vor Ihnen.«
Ein sichtbares Zittern durchlief den Don, und die weiße Schlange auf seinen Schultern fletschte die Zähne und fauchte sie an.
»Immer noch nicht.« Jinx inspizierte ihre Nagelhäute.
Diesmal traten Jess und Jala ihr beide gegen das Schienbein.
Insgeheim war ich beeindruckt, denn ich hatte sehr wohl Angst. Obwohl er nicht mich mit einem Blick musterte, als wollte er sich ein Kleidungsstück aus meiner Haut schneidern.
Die schlitzförmigen Pupillen des Don weiteten sich, und etwas Unerklärliches verwandelte sein Gesicht. »Interessant.« Er starrte Jinx an.
Ein weiteres Knurren ertönte aus Jax’ Brust, und auch mein Brustkorb zitterte. Sein Blick gefiel mir ganz und gar nicht.
Und als Ascher und Xerxes näher zu ihr aufrückten, wusste ich, dass es den anderen ebenso erging.
Nach einem merkwürdigen Blickduell zwischen Jax’ zwölfjähriger Schwester und dem furchterregenden Mafiaboss schüttelte der Don den Kopf.
Dann wandte er sich an Cobra. »Sobald du dieses Reich betreten hast, hast du die Verantwortung als mein einziger Erbe übernommen. Blut und Familie sind das mächtigste Erbe, und du hast eine Verpflichtung gegenüber unserer Organisation und dieser Stadt.«
Cobra schnaubte angewidert. »Ich schulde euch gar nichts.«
Der Don fuhr fort, als hätte Cobra nichts gesagt.
»Wenn du versuchst, die Stadt zu verlassen, brichst du mit deiner Verpflichtung und wirst sofort getötet.«
Er ließ seine Worte wirken und sah Jinx mit hochgezogener Augenbraue an, als wollte er sie dazu herausfordern, seinen nächsten Bluff aufzudecken.
Doch sie sagte nichts.
Dann zog er wieder an seiner Zigarette. »Als mein Sohn und Alpha in der Mafia musst du innerhalb der nächsten drei Monate ein Rudel bilden und eine Verbindung herstellen. Alle Alphas in der Stadt müssen Teil eines Rudels sein. Außerdem musst du die Mafia-Initiationsprüfungen bestehen.«
»Nein, danke«, höhnte Cobra mit seinem typisch eisigen Gesichtsausdruck. Eine eisige Kälte strömte von ihm aus.
Der Don zuckte mit den Schultern. »Dann werden eben alle in diesem Raum sterben.«
Ein rasselndes Zischen erschütterte Cobras Brust.
Plötzlich öffnete der Don den Mund, und seine perfekten weißen Zähne verwandelten sich in zwei lange Dolche, die aus seinem Oberkiefer ragten. Die blutrote, gespaltene Zunge zitterte, während er seinen Sohn aggressiv anfauchte.
Gruselig.
»Wenn auch nur einem von ihnen etwas zustößt, bringe ich dich um.« Cobra zitterte vor Wut.
Der Don zuckte nicht einmal mit der Wimper.
Seine Zunge und Zähne verwandelten sich wieder zurück, und er deutete auf eine Seitentür. »Dann beginnt die Initiation jetzt. Wenn du willst, dass alle überleben.«
Bevor irgendjemand von uns begreifen konnte, was geschah, standen bereits zwei von den Betas auf, packten Cobra an beiden Armen und eskortierten ihn aus dem Raum.
Er wehrte sich nicht. Wir alle sahen entsetzt zu.
Erst im letzten Moment drehte Cobra sich um und sah mich an. Dann brüllte er: »Niemand folgt mir! Ich muss das hier allein erledigen.«
Sein Alphabrüllen lähmte mich für einen Augenblick.
Die Tür fiel zu, und der Don lachte. »Will vielleicht noch jemand initiiert werden? Alphas ist es vor der Initiation verboten, sich in ihre Tiergestalt zu verwandeln, sonst werden sie sofort getötet. In ganz Serpentine City sind Scharfschützen positioniert. Ich empfehle daher dringend, dass ihr euch uns anschließt. Das erhöht eure Überlebenschancen in diesem Reich beträchtlich. Natürlich nur diejenigen über achtzehn. Wir sind ja nicht unzivilisiert.«
Die Wünsche seines Sohnes waren ihm offensichtlich völlig egal.
Es gab einen langen Moment, in dem wir alle ihn anstarrten.
»Wagen Sie es ja nicht, ihm wehzutun«, knurrte Jax und trat bedrohlich vor.
Die Wirkung des Alphabrüllens ließ nach, und ich erlangte die Kontrolle über meinen Körper zurück.
»Scheiß drauf«, sagte ich und stapfte hinter Jax her zu der verdammten Tür, durch die man Cobra hinausgeführt hatte. Ascher und Xerxes folgten mir.
Wir durften Cobra doch nicht einfach allein leiden lassen!
Der Don versperrte uns den Weg und sah Xerxes an. »Als Omega brauchst du keine Initiation.«
Xerxes fletschte die Zähne. »Solange ich in dieser Stadt bin, werde ich nicht wie ein traditioneller Omega leben.«
Der Don hob beide Hände und lachte leise. »So sei es. Du bist auch nicht der Erste.«
Xerxes sah ihn mit offenem Mund verwirrt an. Offensichtlich hatte er noch nie von einem Omega innerhalb der Mafia gehört.
Der Don lachte leise und zog an seiner Zigarette.
Etwas sagte mir, dass es in dieser Welt noch sehr vieles gab, von dem wir nichts wussten. Und sehr vieles, von dem ich auch gar nichts wissen wollte.
Ich warf einen Blick hinter mich.
Wir durften Lucinda und die Mädels nicht zurücklassen. Jax blieb ebenfalls stehen, als wäre ihm das auch gerade eingefallen.
Aran winkte ab. »Alles gut. Ich passe auf die Kinder auf. Trotz meiner gewaltigen Probleme, um die ich mich eigentlich kümmern müsste.«
»Wir sind keine Kinder mehr«, sagten alle vier gleichzeitig.
Ich nickte und trat vor, aber Ascher versperrte mir den Weg. »Prinzessin, du solltest lieber nicht mitkommen.«
Ich verdrehte die Augen und drängte mich an ihm vorbei. Wer wollte nicht schon immer gegen seinen Willen in eine blutrünstige Mafia-Gang aufgenommen werden?
Ich!
Aber ich würde jetzt nicht aus lauter Feigheit den Schwanz einziehen, nur weil Ascher es mir befehlen wollte.
Ich war vielleicht dämlich, aber nicht komplett bescheuert.
Ihr fragt euch wahrscheinlich, wie ich hier gelandet bin.
Irgendwie wurde mein düsteres, deprimierendes Leben durch meine dämlichen Aktionen immer schlimmer.
Und es stellte sich heraus, dass es sehr viel schwieriger war, den Tiefpunkt zu erreichen, als man glaubte. Eigentlich hatte ich bereits im Reich der Fae gedacht, ihn erreicht zu haben, doch das war ein Irrtum gewesen.
In Wirklichkeit besaß der Abgrund des Leids gar keinen Boden.
Ja, ich war wohl etwas überdramatisch.
Und nein, ich würde nicht damit aufhören, mich selbst zu bemitleiden. Denn zu diesem Zeitpunkt war das die einzige Konstante in meinem Leben.
Spätestens in einer Sekunde würde ich kurz vor einem Nervenzusammenbruch von monumentalen Ausmaßen stehen.
Und für wen? Für einen Alpha-Schlangenwandler, der mich permanent nervte.
»Diese verfickten, verfluchten, bösartigen Schlangen«, murmelte ich, während ich hin und her schaukelte.
Ja, ich schaukelte.
Aber nicht auf die lustige, verspielte Art und Weise.
Meine Handgelenke waren über meinem Kopf gefesselt und an einem Metallhaken befestigt, der an einem Seil von der Decke hing.
Ziellos trat ich um mich und wand mich, während meine Schulterblätter von der Anstrengung, meinen Körper zu halten, bereits brannten.
Mich tröstete nur, dass ich deutlich kleiner war als die Männer.
Cobra, Ascher, Jax und Xerxes hingen ebenfalls an ihren Handgelenken neben mir in dem dunklen Raum. Sie stöhnten und ächzten gelegentlich, ihre Oberarmmuskeln spannten sich, um das Gewicht ihrer sehr viel größeren Körper zu tragen.
Die engen Wände leuchteten in einem sanften Blauton, und ich hätte alles darauf verwettet, dass es dieselbe dämliche Magie war, die auch die Shifter daran hinderte, sich zu verwandeln.
Egal, wie sehr ich mich konzentrierte, ich konnte das verräterische Kribbeln kurz vor meiner Verwandlung in den Säbelzahntiger einfach nicht spüren.
Nicht, dass ich mich verwandelt hätte, wenn ich es gekonnt hätte.
Ich hatte das Gefühl, dass es bei dieser Mafia-Initiation – oder wie auch immer der Don das kleine Erlebnis hier genannt hatte – nicht angebracht wäre.
Um die heimelige Atmosphäre des Raums noch zu verstärken, baumelte eine einzelne Glühbirne von der Decke.
Sie flackerte unaufhörlich und warf unheimliche Schatten in den Raum.
Wir befanden uns in einem Wolkenkratzer, einem Wunderwerk der Ingenieurskunst, aber das Flackern einer Glühbirne konnten sie nicht verhindern?
»Ich bekomme gleich einen Schlaganfall«, murmelte ich genervt, während mir der Schweiß über die Schläfen rann und mein wachsendes Unbehagen verstärkte.
Die Temperatur im Raum war unerträglich hoch, und ich keuchte in der stickigen Luft.
Wir waren nicht die einzigen Glückspilze, die an diesen gruseligen Haken hingen.
