Psycho Killer - Anonymus - E-Book

Psycho Killer E-Book

Anonymus

4,9
8,99 €

Beschreibung

In der Kleinstadt B-Movie-Hell ermordet ein maskierter Killer einen Polizisten. Der Spezialagent Jack Munson wird aus dem Ruhestand geholt, um den Mörder zu jagen. Wie sich herausstellt, ist der Täter aus einer Irrenanstalt geflohen und in seiner Vergangenheit zur perfekten Killermaschine ausgebildet worden. Und nun begeht er ein Massaker nach dem anderen. Jack Munson stürzt sich in die Ermittlungen - in einer Stadt, in der anscheinend niemand die Wahrheit sagt. Und in der selbst der Killer nicht das ist, was er zu sein scheint ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 427




♦ INHALT

CoverTitelImpressumMottoPrologEinsZweiDreiVierFünfSechsSiebenAchtNeunZehnElfZwölfDreizehnVierzehnFünfzehnSechzehnSiebzehnAchtzehnNeunzehnZwanzigEinundzwanzigZweiundzwanzigDreiundzwanzigVierundzwanzigFünfundzwanzigSechsundzwanzigSiebenundzwanzigAchtundzwanzigNeunundzwanzigDreißigEinundreißigZweiundreißigDreiundreißigVierundreißigFünfundreißigSechsundreißigSiebenundreißigAchtundreißigNeununddreißigVierzigEinundvierzigZweiundvierzigDreiundvierzigVierundvierzigFünfundvierzigSechsundvierzigSiebenundvierzigAchtundvierzigNeunundvierzigFünfzigEinundfünfzigZweiundfünfzigDreiundfünfzigVierundfünfzigFünfundfünfzig

Anonymus

Roman

Übersetzung aus dem Englischen von Thomas Schichtel

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originaltitel: »The Red Mohawk«

Copyright © 2013 by Bourbon Kid Ltd.

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München

Einband-/Umschlagmotiv: © Guter Punkt, München unter Verwendung von Motiven von thinkstock/xochicalco; shutterstock/Natalia Hubbert

E-Book-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde

ISBN 978-3-8387-5924-1

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

»Jeden Tag bin ich der Held in meinem ganz persönlichen Film. Manchmal, ohne es zu bemerken, tauche ich in den Filmen anderer Menschen auf. Und sie besetzen fast immer die Schurkenrolle mit mir.«

– Anonymus

♦ PROLOG

Als Randall Buckwater vor über dreißig Jahren heiratete, willigte er ein, nie wieder zu fluchen. Als er jetzt jedoch das Gaspedal durchtrat und über die Brücke zurücksetzte, so schnell es nur ging, hätte er beinahe ein paar Wörter gebrüllt, die mit »S« begannen. Statt zu fluchen, tat er dann jedoch das Nächstbeste. Er brüllte den Text von Jeffrey Osbornes Song On the Wings of Love. Das war nicht besonders logisch, und er war später auch nie bereit, es einzugestehen, wenn man ihm Fragen nach dem Zwischenfall stellte, aber er stand nun einmal unter Schock. Und war in Panik. Er wusste schon, dass ihm das entsetzliche Bild von gerade eben für den Rest des Lebens lebhaft in Erinnerung bleiben würde. Und On the Wings of Love würde nie wieder so klingen wie zuvor.

Dabei hatte der Abend so gemächlich, so banal, so gewöhnlich begonnen.

♦ EINS

Randall und sein neuer Partner Pete waren schon seit Stunden auf Brückenstreife, als die traurige Nachricht eintraf. Marjorie Buckingham war gestorben. Die nette alte Dame war seit Monaten krank gewesen und schließlich einer heftigen Lungenentzündung erlegen, wie Chief O’Grady kurz nach zwei Uhr morgens über Funk durchgab.

»Das war es dann«, sagte Randall zu seinem jungen Kumpel. »Deine erste Gelegenheit, das Schild zu verändern.«

»Ja supi«, entgegnete Pete sarkastisch.

Ihr Streifenwagen parkte rechts von der Brücke unmittelbar an der County-Grenze. Er stand mit der Front zum Highway und wartete darauf, dass ein Fahrzeug des Weges kam und die Brücke zu überqueren hoffte. Das Schild, von dem Randall gesprochen hatte, war die Tafel – mit der Angabe der Einwohnerzahl –, die stolz an der Staatsgrenze aufragte. Derzeit stand darauf:

B Movie Hell: Bevölkerung 3672.

»Wechsle einfach die letzte Zahl aus«, sagte Randall. »Du findest eine 1 auf der anderen Seite.«

»Interessiert mich einen Scheiß, was man auf der anderen Seite findet. Ich steige derzeit nicht aus.«

»Warum nicht?«

»Weil da draußen ein beschissen großes Nagetier unterwegs ist«, jammerte Pete.

»Nein, stimmt nicht. Komm schon, das ist ein großer Augenblick. Das erste Mal, dass du die Einwohnerzahl änderst. Du müsstest stolz sein. Ich war es, als ich es zum ersten Mal tat.«

»Wie groß war die Bevölkerung von B Movie Hell, als du es zum ersten Mal gemacht hast?«, fragte Pete.

»2094«, antwortete Randall. »Natürlich hieß es damals noch Sherwood County, was ein viel sinnvollerer Name für eine Stadt ist.«

»B Movie Hell klingt aber viel cooler, oder nicht?«

»Ich denke nicht.«

»Weil du ein alter Sack bist.«

Randall blickte zu Pete hinüber, der auf dem Beifahrersitz saß und völliges Desinteresse an allem und jedem an den Tag legte. Dem Vernehmen nach war Pete ein guter Junge. Er hatte zwar ein Herz aus Gold, allerdings nur Scheiße im Gehirn. Er war neunzehn, wies aber die ganze emotionale Reife eines Zehnjährigen auf.

In seinen stilleren Augenblicken fragte sich Randall, ob er in dem Alter nicht genauso gewesen war. Er räsonierte, dass das keinesfalls stimmen konnte. Mit neunzehn Jahren hatte Randall schon seine Sandkastenliebe geheiratet und war drauf und dran gewesen, zum ersten Mal Vater zu werden. Der Himmel mochte verhüten, dass ein Depp wie Pete innerhalb der nächsten fünf Jahre Vater wurde.

»Da draußen lauert eindeutig irgendwas«, behauptete Pete und blickte mit zusammengekniffenen Augen durch die Windschutzscheibe.

»Das ist nur ein Stecken. Er bewegt sich nicht.«

»Ich vermute, es ist ein Eichhörnchen. Ein beschissen großes außerdem. Sind Eichhörnchen Fleischfresser?«

»Sie fressen nur Nüsse.«

»In dem Fall bleibe ich eindeutig im Wagen«, sagte Pete.

»Ich sage dir doch, es ist nur ein Stecken«, knurrte Randall. Er brauchte sich das Objekt nicht genauer anzusehen, wie es sein junger Auszubildender getan hatte. Er starrte das Ding sogar fasziniert an. Der Idiot war überzeugt, er könne im Wald ein Eichhörnchen entdecken. In B Movie Hell fand man aber keine Eichhörnchen. Hatte noch nie jemand.

Der Wald, in den Pete starrte, lag auf der anderen Seite der County-Grenze, dreißig Meter weit außerhalb von B Movie Hell, in Lewisville County. Trotzdem war sich Randall sicher, dass man auch dort keine gottverdammten Eichhörnchen fand.

Dass sie hier darüber diskutierten, ob etwas in der Ferne ein Eichhörnchen oder ein Stecken war, deutete schon an, wie gemächlich und ruhig ihr Abend verlief. Randall hatte jedoch schon vor langer Zeit die Idee an den Nagel gehängt, die Arbeit eines Provinzcops würde jemals etwas mit den Cops im Fernsehen oder in Büchern gemeinsam haben. Die einzige Aufregung, die sich ihm jemals bot, war das Aushandeln von »Spenden« für seinen Pensionsfonds, wenn er einen unglücklichen Fahrer wegen kaputter Heckleuchten anhielt oder um Reifen zu rügen, die ihm in Bezug auf ihren Luftdruck etwas schwach auf der Brust schienen.

»Es ist eindeutig ein Eichhörnchen«, beharrte Pete. »Siehst du den pelzigen Schweif? Das ist ein Eichhörnchen.«

Der ältere Cop ertappte sich dabei, wie er ungläubig und fassungslos den Kopf schüttelte, während er seinen unbedarften Kumpel betrachtete. Wenn Pete den Mund aufmachte, war das stets sein Ruin. Er tat sich jedoch auch mit seinem Aussehen keinen Gefallen. Er hatte diese typische alberne Frisur junger Leute, eines dieser blöden Vogelnester, die aussahen, als müssten sie eigentlich mit Geweihen bestückt sein. Sie bedeckte das halbe Gesicht und trug vermutlich die Schuld an der fettigen Haut und den Mitessern. Die Krönung des unbedarften Gesamteindrucks bestand darin, dass Pete nie fähig schien, den Mund richtig zu schließen. Die Unterlippe hing stets herab und erweckte den Eindruck, er wollte gerade etwas sagen, aber zusammen mit den fortwährend zusammengekniffenen Augen (der Junge brauchte eindeutig eine Brille) ergänzte dies nur das Bild des »Hirntoten«.

»Mensch! Ich denke, es ist weg«, erklärte Pete, kniff die Augen noch etwas stärker zusammen und presste die Nase dichter an die Windschutzscheibe.

»Es war nie eines da. Also, möchtest du jetzt die Einwohnerzahl auf der Tafel ändern?«

Pete zuckte die Achseln. »Noch nicht«, sagte er und fummelte dabei an seinen Genitalien herum. »Dieses Eichhörnchen könnte jederzeit zurückkehren. Mit Verstärkung.«

Randall wandte sich ab und blickte zum Wagenfenster auf seiner Seite hinaus. Er hatte eine Hand nach wie vor auf dem Lenkrad ruhen, obwohl sie hier parkten. Er hatte keine Ahnung, warum er das tat, aber er hatte immer eine Hand am Lenkrad, ob der Motor nun lief oder nicht.

»Okay, sagen wir einfach mal im Sinne eines Gesprächs, dass da draußen ein Eichhörnchen unterwegs ist«, sagte er. »Das ist eindeutig weniger gefährlich, als sich mit einer Schlägerei unter Betrunkenen in der Stadt zu befassen.«

»Eine Schlägerei unter Betrunkenen würde wenigstens die Langeweile beheben, wenn man den ganzen Abend lang hier sitzt«, beklagte sich Pete.

»Du übersiehst den Zusammenhang«, entgegnete Randall. »Hier draußen auf der Brücke kann man Geld machen.«

Eine Unterbrechung trat ein, ehe Pete fragte: »Wie das?«

»Wenn man ein ausreichend schwieriger Typ wie ich ist, dann stecken einem die Leute ein paar Dollar zu, damit man sie schneller hindurchlässt.«

»Du nimmst Bestechungsgeld?«

Randall drehte sich wieder zu Pete um. »Spenden«, sagte er. »Ich betrachte diese Zuwendungen gern als Spenden für meinen Pensionsfonds.«

»Wann gehst du in den Ruhestand?«, fragte Pete.

»In fünf Jahren. Ich steige mit fünfundfünfzig aus. Sechsunddreißig Jahre bei der Truppe sind lange genug, finde ich.«

Pete runzelte die Stirn. Er versuchte eindeutig, aus den Zahlen schlau zu werden.

Randall schüttelte den Kopf und widmete sich wieder dem Blick durch das Seitenfenster auf der Fahrerseite. Da war nicht viel zu sehen. Eine einsame Straßenlampe erhellte das Ende der Brücke, die nach B Movie Hell herüberführte.

Auf Nachtstreife hatte man Glück, wenn ein Auto pro Woche des Weges kam. Das war es, was die Beamten so verrückt machte. Die Langeweile, das Warten und die Sinnlosigkeit all dessen. Randall hatte sich im Verlauf der Jahre daran gewöhnt. Schwierig wurde es immer nur, wenn er einen neuen Partner einarbeitete, wie derzeit Pete. Die banale Plauderei wirkte oft noch stärker seelenverwüstend als die Stille.

»Wie viel knöpfst du den Leuten für die Überquerung ab?«, fragte Pete.

»So viel, wie ich denke, dass sie sich leisten können.«

»Was war die größte Summe, die du je gekriegt hast?«

»Fünfzig Mücken.«

»Scheiße, echt?« Pete klang beeindruckt. »Ich wette, dass ich hundert kriegen kann.«

Randall drehte sich wieder zu ihm um und ertappte ihn dabei, wie er sich zum hundertsten Mal an diesem Abend die Genitalien kratzte.

»Wofür brauchste denn das Geld?«, fragte Randall. »Um eine Salbe für diesen Juckreiz zu kaufen?«

»Welchen Juckreiz?«

»Du kratzt dich schon die ganze Schicht lang am Sack. Allmählich machst du mir Angst.«

Pete verzog das Gesicht und hörte für einen Moment damit auf, sich zu kratzen. »Vielleicht habe ich mir vergangene Woche im Beaver Palace was eingefangen.«

Randall zog fragend eine Braue hoch. »Du gehst zu Mellencamp?«

»Nicht regelmäßig oder so. Aber du weißt schon, so ab und zu mal.«

»Du trägst dabei aber eine Mütze, oder?«

»’ne Mütze?«

»Du weißt schon, was ich meine.«

Pete wirkte einige Augenblicke lang verwirrt, ehe er auf einmal kapierte, was Randall meinte. »Oh ja doch, aber nicht ständig. Ich meine, diese Mieze letzte Woche. Die hatte ein paar wunde Stellen im Gesicht. Vielleicht habe ich mir von ihr was eingefangen.«

Randall schüttelte den Kopf. »Jesus, Pete! Suchst du dir das Mädchen nicht aus, mit dem du gehst?«

»Ja doch.« Pete wurde ein klein bisschen rot. »Ich war vorher allerdings noch nicht mit diesem Mädchen zusammen, also dachte ich mir, es wäre vielleicht unhöflich, es nicht mal zu tun.«

»Hast du nicht gesagt, du würdest nicht oft hingehen?«

»Tu ich auch nicht. Aber ich denke, ich hatte inzwischen alle Mädchen dort mindestens einmal.«

»Und wie viele Mädchen haben sie?«

»So dreißig. Sie hatten schon einige Zeit lang keine Neue mehr. Ich denke mir, sie müssten mal wieder für etwas Auffrischung sorgen.«

»Achte darauf, dass Mellencamp das nicht zu hören kriegt.«

»Weißt du, er ist nicht so schlimm, wie du denkst. Er war bislang immer richtig freundlich, wenn ich ihm begegnet bin.«

Randall reagierte mit Spott. »Natürlich war er das. Du bist einer seiner Kunden. Und das bedeutet, dass du in seiner Schuld stehst.«

»Ich schulde ihm gar nichts. Ich zahle im Voraus. Das gehört zu den Regeln.«

»Klar. Und was passiert, wenn du ihn wegen einer kaputten Heckleuchte anhältst?«

»Er hat eine kaputte Heckleuchte?«

»Nein. Sollte er aber je eine haben, kannst du ihn nicht dafür hochnehmen.«

»Warum nicht?«

»Weil er dann der ganzen Stadt erzählt, dass du es magst, wenn man dir die Eier mit einem Staubwedel kitzelt.«

Pete wirkte überrascht. »Wer hat dir davon erzählt?«

»Niemand. Ich hab nur spekuliert.« Randall musterte das Gesicht seines jungen Partners genauer. »Magst du es, wenn sie dir die Eier mit einem Staubwedel kitzeln?«

»Nein.«

»Na ja, immerhin«, meinte Randall, der sich lieber nicht ausmalen wollte, wie sich sein Partner in einer kompromittierenden Lage mit einem Putzutensil wiederfand. »Worauf ich hinausmöchte: Solche Sachen können dazu führen, dass man später Schwierigkeiten bekommt. Falls Mellencamp dich in der Tasche hat, wird er eines Tages von dir einen Gefallen verlangen, der dir gar nicht behagt. Dann wirst du dich verpflichtet fühlen, ja zu sagen, auch wenn du weißt, dass du es nicht solltest.«

Pete lachte und kratzte sich erneut den Intimbereich. »Ja, klar doch.« Unvermittelt setzte er sich kerzengerade auf, als hätte man ihm einen heißen Schürhaken in den Bauch gestoßen. »Ich muss mal pissen gehen«, verkündete er.

»Was ist mit dem Eichhörnchen?«

»Welches Eichhörnchen?«

Randall seufzte tief und griff nach der Taste des Autoradios. Er stellte es an, und als er die Melodie erkannte, drehte er sie richtig laut auf. Es war The Greatest Love of All von Sexual Chocolate. »Stell nur die Zahl auf der Einwohnertafel um, ehe du gehst, ja?«, bat Randall.

»Ich mach das auf dem Rückweg. Ich platze fast.«

»Fein. Beeile dich aber, ehe noch jemand stirbt.«

Pete öffnete die Wagentür, aber ehe er ausstieg, drehte er sich noch mal zu Randall um. »Wenn ich zurückkomme – denkst du, dass wir uns dann ausnahmsweise mal einen anderen Sender anhören können als EMM?«

»Was hast du gegen EMM?«

»Filmmusik der Achtziger? Von dem Mist kann ich nicht so richtig viel verkraften.«

»Aber es ist der örtliche Sender. Man muss die Einheimischen unterstützen.«

»Möchtest du dir nicht wenigstens einmal etwas anderes anhören?«

»Was denn?«

»Wie wäre es mit Rap?«

»Was zum Teufel ist Rap?« Randall wusste im Grunde sehr gut, was Rap war, aber er hatte Spaß daran, so zu tun, als hätte er von solchen Dingen keine Ahnung, nur um mal zu sehen, wie sehr er Pete damit auf die Palme brachte.

»Jesus, Randall! Sobald ich zurück bin, werde ich dich mal mit ernsthaftem Gangsta Rap bekannt machen.«

Randall drehte das Radio noch ein wenig lauter und blickte seinem jungen Kumpel nach, während dieser über eine Wiese zum dunklen Wald da draußen lief. Pete verschwand rasch hinter einigen hohen Bäumen.

Man konnte getrost davon ausgehen, dass er nicht nur pinkeln wollte. Wahrscheinlich musste er diesen Ausschlag kratzen oder inspizieren, den er sich im Beaver Palace geholt zu haben schien. Schon beim Gedanken daran schauderte es Randall. Er fragte sich, ob seine und Petes Hände irgendwann im Verlauf des Abends Kontakt miteinander gehabt hatten. Zufrieden mit der Antwort, dass das nicht geschehen war, sang er fröhlich The Greatest Love of All mit und ebenso einen keinesfalls denkwürdigen Wyld-Stallyns-Song, der sich daran anschloss. Als er damit fertig war und Werbung auf die Musik folgte, waren mindestens fünf Minuten vergangen. Nach wie vor war nichts von Pete zu sehen, also beschloss Randall, ihn zu überraschen, und machte sich auf die Suche nach Rap im Radio. Er suchte mehrere Sender ab, ehe er schließlich Rapmusik fand. Zehn Sekunden waren das Äußerste davon, was er ertrug, ehe er erneut auf Sendersuche ging. Dabei stieß er auf Jeffrey Osborne, der On the Wings of Love sang.

Er hatte den Song seit Jahren nicht mehr gehört, aber ihm fiel sofort wieder ein, wie viel Spaß er früher als junger Mann damit gehabt hatte, das Lied aus Leibeskräften mitzusingen. In der behaglichen Gewissheit, dass sich keine einzige Person außer Pete in Hörweite aufhielt, drehte er beide Seitenfenster des Wagens herunter und stellte das Radio auf höchste Lautstärke, ehe er das Lied anstimmte und ein Duett mit Jeffrey Osborne aufführte.

Er erwartete beinahe, dass Pete aus dem Wald gestürmt kam, um zu sehen, was der ganze Lärm zu bedeuten hatte. Während Randall also sang, was die Lungen hergaben, blickte er über das Lenkrad hinweg in die Dunkelheit unter den Bäumen und hielt dabei Ausschau nach irgendeiner Spur seines Partners.

Von Pete war jedoch nichts zu sehen. Auch sonst bewegte sich nichts in diesem Wald.

Die letzte Strophe des Lieds war erreicht, also beschloss Randall, die Scheinwerfer einzuschalten und damit Petes Aufmerksamkeit zu gewinnen. Die Scheinwerfer brannten erst ein paar Sekunden lang, als er endlich sah, wie sich doch etwas rührte. Ein großer, breitschultriger Mann kam aus dem Wald hervor und trat in das grelle Licht, das die Scheinwerfer erzeugten.

Es war jedoch nicht Pete.

Es war ein viel größerer Mann. Während dieser das Zentrum des Lichtkegels betrat, konnte Randall ihn sehr gut erkennen. Bei diesem Anblick brach er mit On the Wings of Love ab. Sein Gesicht erstarrte mitten im Gesang, während er den Typen da draußen anglotzte.

Der Mann, der aus dem Wald zum Vorschein gekommen war, blieb mitten auf der beleuchteten Fläche stehen, als wollte er, dass Randall ihn auch wirklich gut sehen konnte. Er trug schwarze Jeans und eine glänzende rote Lederjacke über einem schwarzen Unterhemd. Das Gesicht war grauenhaft, oder zumindest wirkte es im ersten Augenblick so, bis Randall schließlich das Bild im Verstand richtig verarbeitet hatte. Da war ihm klar, dass er hier kein Gesicht aus Haut und Knochen sah. Er schaute auf eine Gummimaske. Eine schmutzig gelbe Maske, so gestaltet, dass sie nach einem Menschenschädel aussah. Sie zeigte ein böses Grinsen, und mehrere ihrer Zähne waren schwarz. Über der Maske ragten zwei Zoll hohe rote Haare auf, die sich von der Stirn aus wie ein Irokesenschnitt über den Schädel zogen. Und durch zwei Gucklöcher in der Maske wurde Randall von einem Paar dunkler, ja schwarzer Augen gemustert.

Zwei weitere Dinge zogen Randalls Blick auf sich, ehe er den Motor startete und den Rückwärtsgang einrammte.

Der Mann mit der gelben Maske hielt ein langes, scharfes silbernes Messer in der linken Hand. Die Klinge war so stark mit Blut beschmiert, dass es auf den Boden tropfte.

In der anderen Faust hielt er den Kopf eines Menschen an dessen dichten braunen Haaren. Randall riss die Augen weit auf, als dieser Anblick für immer einen Platz in seinem Gedächtnis einforderte.

Es war Petes Kopf.

♦ ZWEI

»Nobody puts Baby in the corner.«

Baby hatte Patrick Swayze diese Zeile tausendmal aussprechen gehört. Noch heute bekam sie dabei eine Gänsehaut. Diese Worte standen für so viel mehr als nur ihre Lieblingszeile in Dirty Dancing. Tief im Herzen glaubte sie fest, dass eines Tages ein echter Mann wie Johnny Castle kommen, sie aufheben und ihr das Gefühl geben würde, dass sie etwas bedeutete. Dass er sie aus dem Beaver Palace herausholen würde. Sie träumte davon, in eine glücklichere, schönere Welt entführt zu werden. So etwas wie der Urlaubsort aus dem Film war da gerade recht.

Sie hatte den Spitznamen Baby recht früh erhalten, sobald sie im Beaver Palace zu arbeiten begonnen hatte. Es war auch ein passender Spitzname, denn bis vor Kurzem war sie das jüngste Mädchen im Haus gewesen. Sie war inzwischen neunzehn und hatte die Krone des jüngsten Mädchens im Palace an ihre Freundin Chardonnay weitergereicht, die zwei Jahre jünger als sie war. Der Name Baby jedoch blieb haften, nicht zuletzt, weil niemand sie je anders angesprochen hatte. Und er sorgte dafür, dass es für sie immer noch etwas Besonderes war, sich Dirty Dancing anzusehen. Sie versuchte, in ihrem Aussehen Jennifer Grey nachzueifern, der Schauspielerin aus dem Film. Sie war ähnlich gebaut und trug ständig weiße Jeans. Der Hauptunterschied zwischen ihnen beiden war, dass auf Jennifer Greys linker Wange kein hellblaues Muttermal hervorstach. Doch Baby hatte so eines, und man sah es aus einer Meile Entfernung. Sie erinnerte sich noch daran, wie sie mit zehn Jahren mal einen halben Tag und zwei Stück Seife auf den Versuch verwandt hatte, es abzuwaschen. Muttermale lassen sich jedoch nicht so einfach entfernen, und im Lauf der Zeit hatte sie sich daran gewöhnt und es akzeptiert. Clarisse, die Puffmutter des Beaver Palace, nannte das Ding stets ein Schönheitsmal, und Baby hatte sich auch daran gewöhnt, es in diesem Licht zu betrachten. Jedenfalls vermutete Baby, dass, Muttermal hin, Muttermal her, die meisten der übrigen Mädchen im Beaver Palace sie beneideten. Jede wollte Baby sein, zumindest die aus Dirty Dancing, nicht die Person, die sich den Film gerade in ihrem Zimmer ansah. Allein.

Jemand klopfte an die Tür. Baby stellte den Film auf Pause, denn sie wollte nicht, dass eine Unterbrechung ihr die Tanzszene am Schluss verdarb. Sie genoss jede einzelne Sekunde, wenn Bill Medley und Jennifer Warnes Time of My Life sangen, einfach zu sehr. Aber erst einmal wälzte sie sich vom Bett und ging zur Tür. Ehe sie sie überhaupt erreichte, drehte jedoch schon jemand den Griff und öffnete sie. Chardonnay steckte den Kopf herein.

»Hi, Baby, was machste?«

»Guck mir nur einen Film an.«

Chardonnay hatte ihre langen braunen Haare zu einem Knoten hochgesteckt. Sie war eine natürliche Schönheit und hatte die himmlischste olivenfarbene Haut. Chardonnay gehörte zu den wenigen Mädchen, die ihre Arbeit im Beaver Palace gern taten. Anders als Baby träumte sie nicht davon, irgendwann mal fortzugehen. Sie liebte ihre Arbeit, und sie lebte gern in B Movie Hell.

Jetzt kam sie ins Zimmer und schloss die Tür leise hinter sich. »Hast du die Nachrichten gesehen?«, fragte sie.

»Nein. Warum?«

Chardonnay hob die Fernbedienung von Babys Bett auf und richtete sie auf den Fernseher. Sie wollte gerade eine Taste drücken, als sie Patrick Swayze auf dem Bildschirm entdeckte.

»Siehst du dir schon wieder Dirty Dancing an?«, fragte sie.

»Sonst ist nichts gelaufen«, log Baby.

Chardonnay lächelte sie an, warf sich rücklings auf Babys Bett und lehnte sich ans Kopfende. Baby folgte ihrem Beispiel und kuschelte sich an sie. Beide trugen Pyjamas. Baby verglich ihren Tweetie-Pie-Schlafanzug aus Flanell mit dem Leopardenmuster von Chardonnays seidigem Pyjama. Chardonnay war so viel erwachsener und kultivierter!

»Weißt du, du solltest dir auch mal Coyote Ugly ansehen. Es ist genauso gut«, sagte Chardonnay.

»Niemand übertrifft Johnny«, entgegnete Baby.

Chardonnay schüttelte den Kopf und lächelte. »Aber Patrick Swayze ist tot. Adam Garcia aus Coyote Ugly lebt noch. Und er ist immer noch scharf.«

»Na, dann kannst du ihn haben. Ich bleibe bei Johnny.«

»Prima«, fand Chardonnay und durchsuchte mit der Fernbedienung die Sender. »Sollte aber Adam Garcia irgendwann mal hier auftauchen, nehme ich dich beim Wort.«

Baby ärgerte sich ein bisschen über Chardonnays Kanalsuche. Die Dirty-Dancing-DVD stand auf Pause, sodass Baby nichts versäumen würde, aber sie hatte ihrer Kollegin nicht erlaubt zu zappen. »Wonach suchst du eigentlich?«, verlangte sie zu wissen.

»Nach den Nachrichten. Warte, da haben wir welche. Sieh nur!«

Baby blickte auf den Fernseher. Man gestand ihr auf dem Zimmer nur ein kleines tragbares Gerät zu, aber sogar auf dem winzigen Bildschirm erkannte sie das Gesicht, das hinter dem Sprecher gezeigt wurde. »Ist das Pete Neville?«

»Ja doch«, antwortete Chardonnay. »Jemand hat ihn ermordet.«

Baby schlug sich eine Hand vor den Mund. »Oh mein Gott! Was ist passiert? Pete war ein richtig netter Typ.«

»Sie sagen derzeit nicht viel, aber Sophie hat erzählt, sie hätte gehört, dass ihm ein maskierter Irrer den Kopf abgehackt hat.«

»Was?«

»Ernsthaft! In den Nachrichten haben sie das mit dem Kopfabschneiden noch nicht erwähnt, aber sie haben gesagt, dass der Killer eine Maske trug.«

»Wurde er schon geschnappt?«

»Nein.« Chardonnay wandte sich Baby mit einer Miene gespielten Grauens zu. »Denk nur, er könnte auch hier auftauchen! Wer weiß schon, wem er als Nächstes den Kopf abhackt?«

Baby versetzte ihr einen verspielten Stups. »Mach über so was keine Witze!«

»Es ist aber aufregend, nicht wahr?«, meinte Chardonnay. »Ich denke nicht, dass wir in B Movie Hell schon mal einen Serienkiller hatten.«

»Ich möchte auch jetzt keinen haben. Nachdem du mir davon erzählt hast, kann ich bestimmt nicht mehr schlafen.«

»Doktor Bob hatte die richtige Idee«, fand Chardonnay.

»Was meinst du damit?«

»Er ist heute Morgen in Urlaub gefahren. Er ist für zwei Wochen auf den Fidschi-Inseln.«

»Echt? Wer verteilt dann jetzt Pillen und so Sachen?«

»Clarisse, vermute ich.«

Baby freute sich zu hören, dass Doktor Bob nicht mehr da war, aber sie verbarg ihre Gefühle vor Chardonnay. »Oh! Furchterregend, oder? Ein Killer läuft frei herum, und unser Arzt macht Urlaub auf den Fidschi-Inseln.«

Chardonnay kicherte. »Das wirkt sich nicht groß aus. Wenn dir jemand den Kopf abhackt, kann ihn Doktor Bob auch nicht wieder annähen.«

»Uuh, das ist grauenhaft! Über solche Sachen dürftest du nicht mal Witze machen.«

»Niemand hört zu.«

»Vielleicht nicht. Aber Witze darüber zu machen … Damit forderst du das Schicksal heraus.«

Chardonnay kicherte. »Du kriegst viel zu schnell Angst. Wenn du möchtest, kann ich ja heute hier bei dir übernachten.«

Der Art nach, in der Chardonnay das sagte, entnahm Baby, dass sie scharf darauf war, bei ihr zu bleiben. Die Tatsache, dass sie ihren Pyjama trug und schon dabei war, die Bettdecke aufzuklappen, verriet ebenfalls ein Verlangen zu bleiben. Baby machte das nichts aus. Nicht verwunderlich, dass niemand allein sein sollte, wenn er wusste, dass ein maskierter Mörder in der Stadt war. Je mehr Baby darüber nachdachte, desto dankbarer war sie tatsächlich für Gesellschaft.

»Okay«, sagte sie. »Aber du musst dir mit mir zusammen das Ende von Dirty Dancing ansehen.«

»Prima«, sagte Chardonnay. »Doch wenn es vorbei ist, gucken wir uns Coyote Ugly an. Ich muss dich mit dem Film bekannt machen.«

»Was ist denn so Besonderes daran?«

»Er wird dir gefallen. Es geht um ein Mädchen, das ausreißt, um in New York ein neues Leben anzufangen. Sie erhält einen Job in einer Kneipe und verliebt sich dann in diesen echt süßen Typen.«

»Weißt du, ich würde sehr gern mal New York besuchen.«

»Na, heute Abend, Baby, reisen wir mit Adam Garcia dorthin«, sagte Chardonnay, sprang aus dem Bett und lief zur Tür, um die Coyote-Ugly-DVD zu holen. Während sie die Tür öffnete, setzte sie hinzu: »Es sei denn, dieser maskierte Killer taucht auf und erwischt uns vorher.«

Baby lächelte höflich. Sie machte sich nicht sonderlich viele Gedanken um den maskierten Killer. Sie interessierte sich viel mehr für die Neuigkeit, dass Doktor Bob, der Betriebsarzt des Beaver Palace, nicht in der Stadt weilte.

♦ DREI

Das Telefon schien seit Stunden zu klingeln, und Jack Munson hatte dieses Klingeln nahtlos in seinen Traum eingefügt. Er öffnete die Augen, und das Erste, was er auf seinem Nachttisch erblickte, war eine halb leere Flasche Navy Rum. Sein Handy lag daneben, und dessen blöder lauter, altmodischer Klingelton schmetterte drauflos. Er streckte die Hand aus, packte das Telefon, hob den Kopf vom Kissen und spürte sofort die ungeminderte Wirkung des Alkoholgenusses vom Abend zuvor.

»Ja doch«, nuschelte er und blinzelte, um ein bisschen wacher zu werden.

»Hallo, Jack. Bitte sag mir, dass du nicht verkatert bist.«

»Ich bin nicht verkatert.«

»Gut, denn du musst ins Büro kommen. Ich habe hier etwas für dich. Eine große Sache.«

Jack rieb sich die Stirn und versuchte abzuschätzen, wie viel Schlaf er vielleicht noch ergattern konnte. »Okay, gib mir ein paar Stunden.«

Die Stimme am anderen Ende zögerte einen Augenblick lang, ehe sie in drängendem Ton forderte: »Jack, ich brauche dich sofort.«

»Okay. Gib mir eine Stunde Zeit.«

»Ich kann dir dreißig Minuten geben. Rufe mich auf dieser Nummer zurück, sobald du eintriffst.«

Die Verbindung wurde getrennt. Jack ließ den Kopf aufs Kissen zurückfallen. »Scheiße!«, nuschelte er vor sich hin.

Er schloss die Augen und unternahm den matten Versuch, noch dreißig Sekunden Schlaf zu finden, obwohl er wusste, dass es keine gute Idee war, selbst wenn es ihm gelang. Die Stimme am Telefon war die seines alten Bosses Devon Pincent gewesen. Pincent hatte ihn seit über einem Jahr nicht mehr zu sich zitiert. Jack arbeitete seit fast drei Jahren nicht mehr. Wenn Pincent jetzt einen Job für ihn hatte, dann war es auf jeden Fall etwas extrem Wichtiges.

Etwas Ernstes.

Jack setzte sich kerzengerade auf und erlebte ein kurzes Schwindelgefühl. Dann meldete sich seine Ausbildung zurück. Die althergebrachten Reaktionen traten instinktiv ein. Er wälzte sich aus dem Bett und taumelte zum Bad. Er musste allermindestens duschen und sich die Zähne putzen. Dann hatte er noch fünfundzwanzig Minuten, um sich anzuziehen, ins Auto zu springen und ins Hauptquartier zu rasen, um Pincent dort zu treffen.

Er stellte die Dusche auf gnadenlos heiß und schrubbte sich kräftig, um wach zu werden. Es funktionierte. Allmählich fühlte er sich wacher. Er hatte das schon lange nicht mehr tun müssen. Wenn er in den zurückliegenden Jahren mal verkatert aufgewacht war, war er jegliche Aktivität in gemächlichem Tempo angegangen. Die Jahre der Ausbildung bei den Spezialkräften meldeten sich jedoch rasch zurück. Wann immer er darauf angewiesen war, aufgeweckt und wachsam zu sein, zeigten Körper und Geist eine unglaubliche Fähigkeit, unter jeder Art Belastung zu funktionieren. Und der Kater zählte nicht im Mindesten als Belastung. Jack konzentrierte sich jetzt auf all die Gegenstände, die er mitnehmen musste. Die Pistole, den Pass, einige falsche Identitäten und schließlich den Sicherheitspass, um in das Gebäude zu gelangen. Sofern der noch gültig war. Nun, man hatte ihm versichert, dass der Sicherheitspass nicht für ungültig erklärt werden würde, ohne ihn darüber zu informieren.

Während er sich die Zähne putzte, sann er über die möglichen Gründe nach, wegen derer Pincent ihn angerufen haben mochte. Vor drei Jahren hatte die Einheit Jack erklärt, dass seine Dienste nicht mehr benötigt wurden. Er sei ein Dinosaurier, hieß es. Hinge in der Vergangenheit fest. Seine Methoden wären nicht mehr zeitgemäß. Dazu kam seine Sauferei. Die hatte sich zum Problem entwickelt. Während er älter wurde, fiel es ihm immer schwerer, mit all dem klarzukommen, was er als junger Mann gesehen und getan hatte. Für sein Land und das Gemeinwohl. Eine bestimmte Sache quälte ihn in dem Zusammenhang am längsten. Er hatte einen Fehler gemacht, der nie mehr wiedergutgemacht werden konnte. Ein Fehler, den sein Gedächtnis wie eine kaputte Schallplatte immer wieder abspielte. Nur der Alkohol linderte den Schmerz, half Jack zu vergessen; und sei es nur für wenige Stunden.

Als die Dienststelle ihn unbefristet beurlaubt hatte, führte sie unter den Gründen das Trinken und seine Einstellung an. Er wusste, dass sein Urteilsvermögen nicht mehr funktionierte, wofür schon die Sauferei gesorgt hatte, und wenn er ehrlich war, konnte er auch die eigene Einstellung nicht mehr für toll halten. Aber das war noch nicht alles. Die Zeiten wandelten sich. Die Technik veränderte sich. Körperkraft wurde nicht mehr gebraucht. Jedenfalls nicht Jacks Art, sie einzusetzen. Moderne Ermittlungsarbeit erforderte Menschen mit technischem Gespür. Jüngere Menschen. Ehrliche Menschen, die ihre Fehltritte nicht vertuschten. Oder tranken, um sie zu vergessen.

Er durchforstete seine alte Arbeitskleidung und entschied sich für eine graue Hose und ein schwarzes Hemd. Beide Kleidungsstücke passten nicht mehr so gut wie früher. Jack hatte um Taille und Brust ein bisschen zugelegt. Wo er sich einst massiver Muskeln hatte rühmen können, zeigte sich jetzt, was er »etwas weichere Muskeln« nannte. In seinen ehrlicheren Augenblicken vermutete er, dass andere von Speck sprechen würden. Der oberste Hemdknopf widersetzte sich seinen Bemühungen, ihn zu schließen, und so entschied er, ihn offen zu lassen und auf einen Schlips zu verzichten. Er zog sich eine lose sitzende Wildlederjacke über und warf einen kurzen Blick in den Spiegel. Was er sah, war eine abgewrackte ältere Version seiner selbst. Er sah scheiße aus.

In jüngeren Jahren hatte Munson fast stets in einer Beziehung gelebt. Was er heute, da er alt und Single war, am meisten vermisste, das war eine Frau, die ihm morgens das Frühstück machte. Heutzutage leistete ihm nur noch der Rum Gesellschaft, und Rum war kein guter Koch. Am Abend zuvor eine Flasche von dem Zeug verputzt zu haben versetzte ihn jetzt auch nicht in die Stimmung, sich selbst ein Frühstück anzurichten.

Als er sich die Armbanduhr überstreifte, wurde ihm klar, dass er nicht mal genug Zeit hatte, sich einen Kaffee zu machen. Stattdessen nahm er einen kräftigen Schluck Rum aus der Flasche auf dem Nachttisch. Das war vielleicht die letzte Gelegenheit, an diesem Tag einen Drink zu ergattern, also hieß es, entweder jetzt oder nie. Verdammt – das Zeug schmeckte gut morgens! Er wollte die Pulle gerade wieder wegstellen, als er sich bei der Frage ertappte, ob er später am Tag wohl eine Gelegenheit finden würde, mehr davon zu kaufen. Vermutlich nicht.

Er schraubte den Deckel wieder auf und steckte die Flasche in die Innentasche der Wildlederjacke.

Lieber auf Nummer sicher gehen.

Während er zur Parketage unterhalb des Wohnblocks hinabstieg, war er immer noch nicht aus der Tatsache schlau geworden, dass man ihn aus heiterem Himmel zu Pincent zitiert hatte. Sein Gehirn fühlte sich dabei immer noch so an, als wäre es in Watte gepackt und deshalb nicht in der Lage, die einzelnen Punkte zu verbinden. Der Rum bot auch keinerlei Inspiration.

Er startete den Motor seines schwarzen Lotus Esprit und fuhr auf die Straße hinter dem Wohnblock hinaus. Vielleicht lag es am Sonnenlicht, aber sein Verstand wurde auf einmal ganz klar. Ihm fiel ein, dass Pincent gesagt hatte: »Ich brauche dich.« Nicht wir, nicht die Einheit, nicht dein Land. Nix dergleichen.

Ich brauche dich.

Womöglich hieß das, dass es um eine inoffizielle Geschichte ging, um Arbeit für einen Außenstehenden, jemanden, der vertrauenswürdig war. Eventuell brauchte ihn Pincent, um einen Spion in der Dienststelle zu enttarnen. Oder vielleicht ging es um etwas, was er und Pincent vor Jahren zusammen getan hatten? Etwas, das jetzt zurückkehrte, um ihnen in den Hintern zu treten? Jack hoffte, dass Letzteres nicht der Fall sein würde.

In der guten alten Zeit hatten sie gemeinsam mindestens hundert »inoffizielle« Jobs erledigt. In der heutigen Zeit der Enttarnungen bestand eine gute Chance, dass sie für so ziemlich jeden beliebigen früheren Einsatz im Gefängnis landeten. Pincent hatte die meisten davon geleitet oder genehmigt, und Jack war dabei seine heimliche rechte Hand gewesen. Früher hatte man ihn das Gespenst genannt, weil ihn niemals jemand persönlich sah. Jack Munson war der geheimste Geheimagent überhaupt.

Früher mal.

♦ VIER

Die Fahrt durch die Stadt zum Hauptquartier war als verschwommener Eindruck von Hupengetöse und Stoppschildern vorbeigezogen. Munson ignorierte das alles. Das gehörte zu den seltsamen Folgen, wenn man Rum zum Frühstück trank. Der Rum förderte seine angeborene Begabung zutage, von einem Ort zum anderen zu fahren, ohne dass er dazu Konzentration aufwenden musste oder sich seiner Umgebung bewusst wurde. Und doch landete er jedes Mal zuverlässig dort, wo er hinwollte, gewöhnlich hatte er sogar noch ein paar Minuten Spielraum zur Verfügung. Diesmal kam er tatsächlich zwanzig Minuten zu spät, aber das schrieb er der albernen Zeitvorgabe zu, die ihm Pincent gemacht hatte.

Ein Sicherheitsmann erwartete ihn vor dem Gebäude und führte ihn durch die Empfangszone zu den Fahrstühlen. Hier hatte sich nicht viel verändert.

Als sich die Fahrstuhltür auf der achten Etage öffnete, war das Erste, was er erblickte, Pincents Gesicht. Der alte Kollege stand direkt vor dem Fahrstuhl und wartete auf ihn. Er wirkte schlapp, das Gesicht von all der Belastung durch den Job gänzlich zerfurcht und verwittert. Die Haare hatten sich einen weiteren Zoll zurückgezogen. Pincent wies zwar nach wie vor ein recht ordentliches Büschel grauer Haare auf, aber die Stirn reichte inzwischen ein gutes Stück weiter nach oben.

»Brauchst du morgens inzwischen wesentlich länger, um dir das Gesicht zu waschen?«, platzte Munson heraus, was er dem Rum zugutehalten durfte.

»Was?«

»Der Haaransatz schrumpft.«

»Hast du was getrunken?«

»Nein«, wehrte sich Munson, ehe er dann hinzufügte: »Ich hatte einfach nicht genug Zeit für ein Frühstück. Ich habe gestern Abend ein bisschen was getrunken, und mein Magen ist ein wenig durcheinander. Ein Frühstück müsste mich wieder auf Vordermann bringen. Irgendeine Chance, dass jemand ein Sandwich mit Speck für mich auftreibt?«

Pincent lächelte nicht einmal. Jeglicher Humor schien ihn verlassen zu haben. Eine weitere merkliche Veränderung stellte seine Kleidung dar. Er war besser angezogen, als Munson es je zuvor bei ihm gesehen hatte. Er trug einen teuren dunkelgrauen Anzug, ein modisches weißes Hemd und einen dunkelblauen Schlips. Etwas an ihm hatte sich jedoch nicht im Geringsten verändert: Seine Miene verriet kein bisschen. Das gehörte zu den Dingen, die so toll an Pincent waren. Das Pokerface.

»Hier entlang«, sagte Pincent. Ohne auf eine Antwort zu warten, wandte er sich ab und schritt durch einen langen Flur. Munson folgte ihm bis in ein Konferenzzimmer ganz am Ende.

»Setz dich«, sagte Pincent und schloss die Tür hinter ihnen, sobald Munson eingetreten war.

Das Mobiliar bestand aus einem langen Marmortisch mit sechs schwarzen Ledersitzen an jeder Seite und einem weiteren Stuhl am Kopfende. Auf einem der Stühle an der Tischseite gegenüber saß eine modisch gekleidete, braun gebrannte Dame südländischer Herkunft.

»Hallo«, sagte Munson. »Allein deinem Anblick kann ich entnehmen, dass du entweder aus Jacksonville oder Baltimore stammst. Ich habe ein gutes Auge für so etwas. Habe ich mir im Einsatz zugelegt. Also, welche Stadt ist es? Baltimore, nicht wahr?«

»Beinahe«, antwortete die Frau. »Ich komme aus Verona.«

»Lass dich von ihm nicht zum Narren halten«, mischte sich Pincent ein. »Er wärmt sich nur auf. Jack ist immer verschroben und ein bisschen außer Form, wenn er nichts gegessen hat.« Er versetzte Munson einen Stupser. »Jack, das ist Milena Fonseca.«

Milena trug ein schwarzes, figurbetontes Kostüm mit einer schwarzen Bluse und hatte das dunkle Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Munson spekulierte wortlos, dass sie eine Einsatzagentin in den frühen Dreißigern war (und sich vielleicht insgeheim wünschte, sie wäre eine Einbrecherin). Sie hatte ein fein geschnittenes Gesicht, ausgeprägte Wangenknochen und große braune Augen. Sie gefiel ihm vom Fleck weg, schon wegen dieser Augen. Munson konnte braunen Augen einfach nicht widerstehen.

Milena stand nicht auf. »Schön, dich kennenzulernen, Jack«, sagte sie und streckte die Hand aus. Er schüttelte sie fest, aber kurz, während er sich setzte. Pincent zog den Stuhl rechts von ihm hervor und nahm Platz.

»Milena ist umfassend informiert und bringt dich über alle unsere Erkenntnisse auf den aktuellen Stand, wenn ihr aufbrecht.«

»Wohin geht es?«

»Ihr beide fahrt in eine Stadt, die B Movie Hell genannt wird. Vorher besucht ihr allerdings erst noch eine Irrenanstalt.«

»B Movie was?«

»Hell.«

Munson zog die Stirn kraus. Eine Minute lang hatte er gedacht, dass es vielleicht am Rum lag, aber Pincent hatte das Wort bestätigt. Er hatte B Movie Hell gesagt. »Was in aller Welt ist denn B Movie Hell?«, fragte er.

»Ein Kaff im Nirgendwo. Hieß früher mal Sherwood County.«

»Ein Name, der absolut in Ordnung geht.«

»Wohl wahr. Vor ungefähr zwanzig Jahren ist ein reicher Gönner namens Silvio Mellencamp dorthin gezogen. Er hat früher in der Filmindustrie gearbeitet. Als er nach Sherwood zog, änderte er den Namen der Stadt in B Movie Hell.«

»Ich wusste noch gar nicht, dass man eine Stadt umbenennen darf, wenn man dorthin zieht. Ist mir da irgendwas entgangen?«

»Nein, Jack. Silvio Mellencamp hat jedoch als Filmproduzent in den Achtzigern und frühen Neunzigern ein absolutes Vermögen gemacht. Als er nach Sherwood County zog, investierte er viel von diesem Geld in die örtliche Wirtschaft. Er verwandelte die ganze Ortschaft in einen Gedenkschrein für seine Lieblingsfilme. Ich war nie zu Besuch, aber man hat mir erzählt, dort wäre alles ein Tribut an die Filmklischees der Achtziger. Sie haben da die Nakatomi Towers, es gibt ein Rocky-Balboa-Standbild, ein McDowell’s Restaurant – was du willst.«

»Ich hab keine Ahnung, was du mir da erzählst.«

»Zerbrich dir nicht den Kopf darüber. Es ist nicht wichtig.«

Munson rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her. Obwohl er sich fit gehalten und sein Gewicht (in einem gewissen Maß) in Grenzen gehalten hatte, saß die Kleidung doch enger, als er vor einer Stunde beim eiligen Ankleiden zunächst gespürt hatte. Er drehte sich kurz von Fonseca weg und rückte die Hose zurecht. Schließlich war es nicht sinnvoll, ihre Aufmerksamkeit auf einen schlecht sitzenden Schritt zu ziehen.

»Was für Filme hat dieser Typ gemacht?«, erkundigte er sich. »Irgendwas, das ich vielleicht gesehen habe?«

»Pornos«, antwortete Pincent. »Er gehörte zu den größten Produzenten und Vertreibern; damals, als VHS-Bänder noch eine große Sache waren. Als die DVD des Weges kam, bemerkte er als einer der Ersten, dass seine Tage gezählt waren. Er verkaufte seine Aktiva und zog sich aus der Industrie zurück. Und wie ich gerade erzählt habe, zog er nach Sherwood County und investierte viel von seinem Geld in die örtliche Wirtschaft. Im Gegenzug ließen die Dörfler zu, dass er ihre Ortschaft komplett umkrempelte, den Namen eingeschlossen.«

»Dörfler? Das ist ein gutes Wort«, fand Munson. »Man benutzt es heutzutage viel zu selten, wenn du mich fragst. Ich stelle mir dabei bärtige Leute mit Mistgabeln vor.«

»Nun, dann hast du es recht gut erfasst«, sagte Pincent.

»Also, was soll ich nun für dich tun?«, fragte Munson schließlich, der die Relevanz all dieses Geredes über Pornos und B Movie Hell noch immer nicht ergründen konnte.

Pincent holte tief Luft. »Wir haben ein großes Problem, Jack. Eigentlich habe ich ein großes Problem, und du musst es für mich aus der Welt schaffen.«

Jemand klopfte an die Tür.

»Herein!«, rief Milena Fonseca.

Die Tür ging auf, und eine ältere Frau im blauen Kittel und mit grauen Haaren kam rückwärts herein und zog dabei einen Servierwagen hinter sich her. In den nächsten zwei Minuten sagte niemand etwas, während sie Kaffee und Backwaren auf den Tisch stellte. Als sie fertig war, bedankte sich Pincent bei ihr, und sie ging wieder.

Sobald die Tür geschlossen war, packte Munson eine Tasse mit Untertasse und machte sich daran, sich am Kaffee zu bedienen. Fonseca schenkte sich Orangensaft ein, und Pincent nutzte die Gelegenheit, zur Sache zu kommen. »Jemals von Operation Blackwash gehört?«, fragte er.

Munson trank einen Schluck seines schwarzen Kaffees, der richtig klasse schmeckte. Er hatte schon lange keinen anständigen Kaffee mehr genossen. Er gab Pincent rasch Antwort, um sich zügig einen zweiten Schluck genehmigen zu können. »Nee. Nie davon gehört.«

»Na ja, das ist eine Erleichterung. Irgendwie«, sagte Pincent. »Obwohl es bedeutet, dass ich dir alles erklären muss.«

Munson nahm einen zweiten Schluck Kaffee und gratulierte dann Pincent. »Toller Kaffee!«

»Ich weiß.«

Er trank einen weiteren Schluck. »Hätte ich von Operation Blackwash hören müssen?«

»Keinesfalls.«

»Du dachtest aber, ich hätte vielleicht?« Das Koffein zeitigte rasch seine Wirkung. Munson spürte, wie sein Verstand mit jeder Sekunde klarer wurde.

»Du bist ein gut informierter Bursche«, fuhr Pincent fort. »Blackwash war jedoch ein hochgeheimes Projekt, das Jahre zurückliegt. Alle Beteiligten würden automatisch jede Kenntnis davon abstreiten, selbst unter schärfstem Verhör. Wir hatten gute Leute an Bord. Die besten.«

»Ich hab erst heute Morgen davon erfahren«, warf Milena ein.

»Ich auch«, sagte Munson. »Darf ich angesichts unseres Treffens also davon ausgehen, dass Operation Blackwash irgendwie in die Hose gegangen ist?«

»Du würdest gar nicht glauben, wie sehr, Jack. Und du musst die Sache bereinigen. Schnell.«

»Dann erzähl mir, was ich darüber wissen muss, und ich mache mich an die Arbeit.«

Pincent zeigte ihm wieder einmal dieses kurze, vorgetäuschte Lächeln. »Gut. Ich komme lieber gleich zur Sache«, sagte er. »Operation Blackwash war eine Idee, die einem eigensinnigen Idioten der Dienststelle vor einigen Jahren in den Kopf kam. Nachdem er sich viel zu viele Spionagefilme angesehen hatte, dachte sich der Schwachkopf, wir könnten eine Elitearmee erstklassig ausgebildeter, roboterhafter Spione und Attentäter aufbauen. Der Plan bestand darin, Menschen in jungen Jahren habhaft zu werden. Ich meine, in wirklich jungen Jahren. Manche waren gerade auf die Welt gekommen, das älteste Kind gerade mal fünf Jahre alt. Jedenfalls dachten wir uns, wenn wir sie von einem solchen Alter an ausbilden, könnten wir ein Team nahezu perfekter Soldaten aufstellen.«

Munson gönnte sich einen weiteren Schluck Kaffee und stellte die Tasse auf dem Tisch ab. Dann nahm er sich vom Gebäckteller ein Croissant, das seine Aufmerksamkeit erregt hatte. »Ich glaube, ich kann erkennen, an welcher Stelle das Projekt schiefgegangen sein muss«, sagte er und nahm einen Bissen aus dem Croissant. »Ich wette, ihr hattet letztlich einen Haufen Danny DeVitos anstelle von Arnold Schwarzeneggers, stimmt’s?«

»Es war nicht ganz so schlimm, aber du bist auf der richtigen Fährte.«

»Was wurde aus dem Clown, der die Idee hatte?«

Pincent zuckte verlegen die Achseln. »Wie ich schon sagte, ein eigensinniger Idiot.«

»Du hast auch Schwachkopf gesagt.«

»Ja, nun, das war noch zu einer Zeit, als ich versuchte, mir einen Namen zu machen, indem ich vorausdachte und mich innovativ zeigte. Die Sache ist die: Damals glaubte ich noch, wenn man nur anders wäre, wäre man auch schon clever. Du weißt ja, wie ich war. Wir alle lernen letztlich.«

»Was ist aus dem Projekt geworden?«

»Es wurde vor Jahren aufgegeben.«

»Nachdem es wie lange gelaufen war?«

»Zwölf Jahre.«

»Zwölf Jahre?« Munson stockte. »Du hast zwölf Jahre gebraucht, um zu erkennen, dass das eine beschissene Idee war?«

»So läuft es eben, wenn es deine eigene Idee ist, Jack.«

»Und was hat dazu geführt, dass es aufgegeben wurde?«

Milena mischte sich eifrig ein. »Eine der Testpersonen hat Selbstmord verübt.«

Jack blickte sie an. Sie meinte es todernst. Er wandte sich wieder an Pincent. »Nur eine? Ihr habt die Sache zwölf Jahre lang durchgezogen, ehe sich einer von denen umbrachte? Ich bin beeindruckt. Von wie vielen Testpersonen sprechen wir?«

»Fünfen.«

»Fünf? Von Anfang an?«

»Ja.«

»Ich denke, ich kann mir schon alles zusammenreimen. Eine der durchschnittlichen Testpersonen hat Selbstmord begangen, sodass das Projekt aufgegeben wurde, aber in deiner Fünfergruppe hattest du einen, der die Vorgaben erfüllte, nicht wahr?«

Pincent nickte und wandte den Blick ab.

»Tut mir leid«, sagte Munson und bat mit erhobener Hand um Entschuldigung. »Das Koffein macht sich bemerkbar. Erzähl weiter. Ich wollte dir nicht vorgreifen.«

Während des ganzen Gesprächs hatte Milena Fonseca jede einzelne Reaktion Munsons verfolgt. Er vermutete, dass sie ihn einzuschätzen versuchte. Sie konnte von ihm nur wissen, was Pincent ihr erzählt hatte, und es schien, als versuchte sie, ein Gefühl dafür zu gewinnen, was für eine Art Agent Munson war. Er fragte sich, ob sie neben anderen Dingen schon den Säufer bemerkt hatte. Er blickte sie an und lächelte. Sie betrachtete ihn weiterhin, erwiderte das Lächeln aber nicht. Japp, sie hatte ihn durchschaut. Wahrscheinlich roch sie den Rum in seinem Atem. Gut, dachte er. Soll sie sich ruhig darauf konzentrieren, dann entgeht ihr vielleicht das Wesentliche.

Munson stopfte sich das letzte Stück Croissant in den Mund, blinzelte Fonseca an und wandte sich erneut Pincent zu, der sich gerade einen Kaffee eingeschenkt hatte.

»Es wurden einige, wie du es vielleicht ausdrücken würdest, zweifelhafte Experimente an ihnen durchgeführt«, fuhr Pincent fort. »Heutzutage kämen wir damit nicht mehr durch, wegen dieser Menschenrechtsgesetze und so weiter.«

»Und wegen der Tatsache, dass es Kinder waren.«

»Yeah.«

Munson grinste ganz leicht. »Also, was für zweifelhafte Experimente waren das?«

»Na ja, zunächst muss man da die ganze militärische Ausbildung erwähnen, die man, seien wir doch ehrlich, mit jedem durchführen kann, wenn man ihn nur früh genug in die Finger kriegt. Dann haben wir ihnen allerdings auch noch Medikamente zur Steigerung ihrer mentalen Fähigkeiten verabreicht.«

Während Munson seinen letzten Schluck Kaffee trank und überlegte, wie lange er warten sollte, bis er sich erneut eine Tasse füllte, bemerkte er, dass sowohl Fonseca als auch Pincent ihn anstarrten. Jetzt kam anscheinend ein besonders wichtiger Aspekt der Story.

»Und was haben diese Medikamente bewirkt?«, fragte Munson.

Pincent fuhr fort: »Manche dienten dazu, die Wahrnehmung zu steigern, die Sinne zu schärfen, etwas in der Art. Anderes Zeug sollte die Testpersonen für Befehle empfänglicher machen.«

»Gedankenbeherrschung?«

»Yeah.«

Munson konnte nicht mehr warten. Er schnappte sich die Kaffeekanne und goss sich erneut eine Tasse ein. »Weißt du was?«, fragte er. »Ich denke, ich habe genug von diesem Blackwash-Ding gehört, um mir den Rest selbst zusammenzureimen.« Er schnupperte an seiner zweiten Tasse Kaffee. Sie roch nicht mehr so toll wie die erste, was ein eindeutiges Zeichen dafür war, dass er inzwischen alle Müdigkeit ausgetrieben hatte. »Wie ich vermute, lautet die große Frage: Wenn sich einer von ihnen umgebracht hat und ihr das ganze Projekt verschrottet habt, was ist aus den übrigen vier geworden?«

»Möchtest du mal raten?«

»Ich vermute mal, dass sich drei davon die Radieschen von unten anschauen, dass ihr aber euren Goldjungen für andere Aufgaben behalten habt.«

»Beinahe.«

»Dann erzähl es mir. Ich kann es gar nicht erwarten zu erfahren, wie es weitergegangen ist.«

Pincent trank einen Schluck Kaffee. »Ich hätte damals wirklich reinen Tisch machen müssen. Stattdessen habe ich mich von Gefühlen leiten lassen und bin jetzt am Arsch. Und deshalb brauche ich dich. Aus diesem Grund habe ich auch dafür gesorgt, dass du auf der Gehaltsliste geblieben bist.«

»Ich dachte, du hättest es getan, weil du mich gut leiden kannst.«

»Nee. Es war eine vorbeugende Maßnahme für die gegenwärtige Lage. Das ist noch weniger offiziell, als deine üblichen Aufträge es waren.«

»Erpresst dich jemand?«

»Nein.« Pincent schnappte sich das größte Croissant vom Silbertablett, nahm einen gewaltigen Bissen und fuhr mit vollem Mund fort, fast als wollte er unbewusst vermeiden, dass die Worte hervorkamen. Munson verstand sie jedoch trotzdem laut und deutlich.

»Du hast es fast richtig gesagt. Drei sind tot. Der Vierte arbeitet, aber nicht hier oder überhaupt irgendwo.« Er legte der dramatischen Wirkung halber eine Pause ein und setzte dann hinzu: »Der Vierte ist entwischt.«

»Entwischt? Wie?«

»Das ist nicht wichtig.«

»Doch, ist es.«

Pincent schluckte einen Teil seines Croissants lautstark hinunter. »Ich habe ihn laufen gelassen«, sagte er.

»Warum?«

»Weil ich ihn mochte.«

»Gute Antwort.«

»Danke.«

»Du hast ihn also laufen gelassen, weil du ihn mochtest. Aber jetzt ist er wieder aufgetaucht?«

»Tatsächlich ist er vor einigen Jahren wieder aufgetaucht. Er wurde verhaftet, weil er in einem kleinen Dorf jemanden ermordet hatte.«

Munson täuschte sarkastisch Erschrockenheit vor. »Und was nun? Er wurde entlassen und ist jetzt hinter dir her, weil es diesmal ›persönlich‹ ist?«

»Sehr komisch, aber ich fürchte, es ist schlimmer.«

»Er ist hinter mir her?«

»Genug gewitzelt. Er bekommt keinen Kaffee mehr, Milena! Der macht ihn schnippisch.«

»Das sehe ich«, sagte Fonseca und zog die Kaffeekanne aus Munsons Reichweite.

»Sieh mal«, fuhr Pincent fort, »nachdem er die Nonne ermordet hatte, hätte er in der Todeszelle landen oder wenigstens lebenslänglich erhalten müssen.«

»Aber?«

»Aber ich habe einige Strippen gezogen, und wir konnten ihn unter Berufung auf mangelnde Zurechnungsfähigkeit loseisen. Er landete also statt auf dem Stuhl in einer Nervenheilanstalt.«

»Warum hast du das gemacht?«

»Das sagte ich doch schon. Ich mochte ihn.«

»Sogar sehr, wie es klingt. Sieht er gut aus?«

»Halt die Klappe.« Pincent schien die Geduld zu verlieren. »Er war ein guter Junge. Na ja, früher wenigstens. Er war Waise. Das waren sie alle. Aber ich mochte ihn. Er war der Beste von ihnen. Ein echtes Naturtalent. Das Töten fiel ihm leicht, nicht weil er böse gewesen wäre, sondern weil wir ihn früh in die Finger bekamen und ihm zeigten, dass es okay war zu töten.«

Munson blies die Backen auf und blickte Milena an, um zu sehen, wie sie die Lage aufnahm. Ihre Miene verriet nichts, also drehte er sich wieder zu Pincent um.

»Und jetzt ist er aus dem Irrenhaus entkommen?«

Pincent nickte und schob den Rest seines Croissants auf dem Teller herum. »Richtig. Er ist seit fast sechsunddreißig Stunden auf freiem Fuß.«

Munson nickte, denn er sah, worin Pincents Problem bestand. »Möchtest du, dass er gefunden wird? Oder dass er nicht gefunden wird?«

»Ich möchte, dass es ihn nie gegeben hat.«

»Okay. Wie viel Schaden ist bislang entstanden?«

Milena Fonseca wurde auf einmal munter und mischte sich ein. »In den frühen Stunden heute Morgen wurde einem Cop in B Movie Hell der Kopf abgeschnitten – von einem Irren in gelber Maske mit einem roten Irokesenschnitt.«

Munson zog die Brauen hoch. »Und das ist unser Junge?«

»Er muss es sein«, meinte Pincent.

»Wenn er doch eine Maske trägt, wie können wir dann völlig sicher sein?«

»Können wir nicht«, entgegnete Fonseca. »Aber selbst wenn er durch einen seltsamen Zufall nicht unser Typ ist, so wird es doch gewiss nicht schaden, ihn zu fassen, oder?«

»Vermutlich nicht.«