Psychologische Gesetze der Völkerentwicklung - Gustave Le Bon - E-Book

Psychologische Gesetze der Völkerentwicklung E-Book

Gustave Le Bon

0,0

Beschreibung

Gustave Le Bon analysiert anhand zahlreicher Beispiele aus der Geschichte, wie Völker mächtig werden, andere Völker dominieren, aber auch wieder in die Bedeutungslosigkeit zurückfallen können. Die Überlegungen Le Bons sind trotz seiner weit zurückblickenden Betrachtungen der Kultur, der Politik und des Charakters zahlreicher Völker über viele Jahrhunderte hinweg zeitlos, so aktuell, dass die Leser immer wieder Parallelen zu heutigen Entwicklungen entdecken werden. Le Bon, der charismatische unabhängige Denker, hilft uns mit diesem Buch, vor rund 130 Jahren geschrieben, unsere gegenwärtige Situation besser zu verstehen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 213

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Gustave Le Bon

Psychologische Gesetze der Völkerentwicklung

© 2021 Holger Schulz

Umschlaggestaltung: Simona Jekabsons

Übersetzung: Holger Schulz

Titelbild: Gerd Altmann, Pixabay lizenzfrei, bearbeitet

Druck und Distribution im Auftrag des Übersetzers Holger Schulz:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland

ISBN

Softcover

978-3-347-47641-7

Hardcover

978-3-347-47656-1

e-Book

978-3-347-47657-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Übersetzer verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Übersetzers unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Übersetzers, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Der französische Originaltext Gustave Le Bons erscheint 1894 unter dem Titel „Lois pychologiques de l´évolution des peuples“. Diese deutsche Übersetzung folgt der 2. durchgesehenen Auflage des Buches aus dem Jahr 1895.

Vorwort des Herausgebers und Übersetzers

Gustave Le Bon (1841-1931) ist vor allem durch sein Buch „Psychologie der Massen“ („Psychologie des foules“, 1895) bekannt, das eine beträchtliche Wirkung hat und bis heute immer wieder neu aufgelegt wird, obwohl zensuraffine Kritiker dieses Buch verdammen. Diese Wohlmeinenden lasten Le Bon an, dass sein Buch von totalitären Gestalten, auch Diktatoren übelster Art, wie Hitler, Stalin und Mao, gelesen worden ist, ein Umstand, für den der Autor nicht verantwortlich ist, da er sich seine Leserschaft nicht auswählen kann. Le Bon ist ein nüchterner Analytiker, der vor Diktaturen, rechten wie linken, warnt.

Ein Jahr vor der „Psychologie der Massen“ hat Le Bon das vorliegende Buch „Psychologische Gesetze der Völkerentwicklung“ veröffentlicht, das heute nahezu vergessen ist. („Lois psychologiques de l´évolution des peubles“, 1894). Mit diesen beiden Büchern über die Völker- und Massenpsychologie wird Le Bon zu einem sehr erfolgreichen Autor und berühmten Wissenschaftler im Frankreich vor der Wende zum 20. Jahrhundert.

Der Übersetzer Arthur Seiffhart überträgt das Buch „Lois psychologiques de l´évolution des peubles“ der vierzehnten Auflage (1919) aus dem Französischen unter dem Titel „Psychologische Grundgesetze in der Völkerentwicklung“ ins Deutsche, und der Leipziger Verlag Hirzel veröffentlicht es im Jahr 1922. Neuere Übersetzungen oder Veröffentlichungen gibt es in deutscher Sprache meines Wissens nicht.

Die jetzt hier vorliegende Neuübersetzung soll dazu dienen, die Gedanken Le Bons zur Psychologie der Völker vor dem Vergessen zu bewahren. Zwar hat Le Bon einzelne Passagen des Buches nach meinem Eindruck eher für eine Minderheit sehr speziell interessierter Leser geschrieben, dies gilt beispielsweise für die ausführlich, manchmal allzu gründlich dargelegten Einzelheiten indischer Kunst, jedoch sollte der Leser diese Schwächen verzeihen, denn die Lektüre dieses Buches vermittelt durchaus richtungweisende Erkenntnisse über die Psychologie der Völker, auch wenn diese Erkenntnisse nunmehr fast 130 Jahre alt sind. Sie sind über den Tag hinaus gültig.

Heute, 90 Jahre nach seinem Tod, würdigt die französische Wikipedia Le Bon als „umstrittene Persönlichkeit“ („une personalitée controversée“), mit einem Nachruf, der den Wissenschaftler Le Bon desavouieren soll, ihn jedoch, wenn diese herausragende faszinierende Persönlichkeit des französischen Geisteslebens noch lebte, nicht sonderlich treffen dürfte, da Le Bon zeitlebens frei und unabhängig von gesellschaftlichen Strömungen, Vorurteilen und Tabus seine Studienergebnisse so veröffentlicht hat, wie sie sich ihm darstellten. Er hat Wissenschaft im unverfälschten Sinn verstanden, als System von Erkenntnissen, die überprüft werden können. Mit mehreren dutzend Büchern, 43 Bücher, um exakt zu sein, hat Le Bon, der Polygraph, sich als Wissenschaftler in die Geschichte der Psychologie und Soziologie eingeschrieben, auch wenn, wieder zitiert aus der französischen Wikipedia, sein Dilettantismus seinen Zeitgenossen peinlich gewesen sei („son amateurisme gêne ses contemporains“).

Le Bon selber ist umgekehrt auch nicht zimperlich in der Beurteilung seiner Kollegen. So attestiert er dem italienischen Anthropologen Scipio Sighele, dessen Buch „Die kriminellen Massen“ enthalte „keinen einzigen originellen Gedanken“ (Le Bon, „Psychologie der Massen“, Hamburg 2021, S. 43), oder er spricht den Psychologen seiner Zeit generell die wissenschaftliche Qualifikation ab, denn sie, die Berufskollegen, experimentierten nur in Laboratorien und vernachlässigten damit den einzig richtigen Weg zur Erkenntnis, nämlich lange Reisen zu machen (Fußnote 3 im vorliegenden Buch).

Übrigens: Wie jeder Autor, der als „umstritten“ bezeichnet wird, kann auch Le Bon sich durch diese „Einordnung“ geehrt fühlen, die ihn als unabhängigen Denker ausweist, der nicht der herrschenden Einheitsmeinung hinterherläuft.

Die Lektüre der Bücher Le Bons kann auch heutige Leser noch faszinieren, weil er seine Theorien anhand plastischer Beispiele aus der Geschichte, der Kunst oder der Wissenschaft untermauert. Seine umfassende Bildung und seine Fähigkeit sich verständlich auszudrücken, prädestinieren ihn, mit Beginn des Jahres 1902 knapp dreißig Jahre lang, bis zu seinem Tod 1931, als Leiter einer Buchreihe populärwissenschaftlicher Werke zu wirken („Bibliothèque de Philosophie Scientifique“). Die Sammlung umfasst schließlich fast 200 Titel aus den Bereichen Physik, Geschichte, Philosophie und Biologie. Und zudem ist die Buchreihe auch wirtschaftlich erfolgreich. Le Bon ist in Frankreich jahrzehntelang eine herausragende intellektuelle Persönlichkeit.

Dass Le Bon als umstritten gilt (s.o.), bei wem, bleibt offen, diese Zuschreibung wird in der französischen Wikipedia so erläutert: Er gebe ein „pseudorassistisches Bild“ ab, was auch immer diese Charakterisierung bedeuten mag, und er habe „antiklerikale Tendenzen“.

Letzteres, die „antiklerikalen Tendenzen“, zeigt Le Bon deutlich, bekennt sich als Atheist und Gegner der Institution Kirche. Gleichzeitig bedauert er jedoch, dass die beschädigten christlichen Fundamente der abendländischen Gesellschaften seelische und soziale Konflikte zur Folge hätten, die, weil es keinen Glauben mehr gebe, in den Sozialismus führten.

Ausführlicher ist auf das „pseudorassistische Bild“ einzugehen, das Le Bon zeige.

Le Bon schreibt in diesem Buch, aber auch in vielen anderen seiner Werke, über Rassen und Völker. Jede Rasse besitze geistige und anatomische Charakteristika, und jedes Individuum werde durch die Rasse, der es angehört, geprägt, behauptet der Autor.

Zur Zeit der Entstehung seines Buches kann Le Bon diese Ansicht nahezu unwidersprochen veröffentlichen, aber schon kurz danach, Ende der 1890er Jahre, gründet Le Bons Zeitgenosse, der Anthropologe Franz Boas (1858-1942), in den USA eine wissenschaftliche Bewegung, der zufolge die psychische Grundlage kultureller Merkmale bei allen Rassen gleich sei und jede Kultur nur aus sich selbst heraus verstehbar sei. Wer es anders sieht, wird als Rassist gebrandmarkt. Boas ist nicht nur Wissenschaftler, sondern auch politischer Aktivist, der in einem guten Dutzend kommunistischer Organisationen tätig ist und es versteht, Epigonen um sich zu scharen und zu fördern. Boas ist erfolgreich: Heute gibt es keine Rassen mehr, obwohl ein Blick auf die Mitmenschen und die Erfahrung mit ihnen anderes zeigt. Inzwischen gilt sogar der Begriff der Rasse als biologische Erscheinung als „rassistisch“.

Für „Antirassisten“ ist es demzufolge undenkbar, dass es psychologische Unterschiede zwischen den Menschen gibt. Die Fortschritte der genetischen Forschung können zwar belegen, dass unterschiedliche Temperamente der Rassen auch genetische Grundlagen und nicht nur kulturelle Ursachen haben, so dass Unterschiede in der Impulsivität und Aggressivität oder in der Angepasstheit an gesellschaftliche Umstände genetisch erklärt werden können, jedoch sind diese Erkenntnisse aus ideologischen Gründen zu ignorieren, denn die Ideologie stellt fest: Alle Menschen sind gleich.

Le Bon schreibt dazu in diesem Buch: „Gleichheit kann nur in der Unterlegenheit existieren, sie ist der obskure und beschwerliche Traum der vulgären Mittelmäßigkeit.“

Die Bezeichnungen „Rassen“ und „Völker“ grenzt Le Bon nicht voneinander ab, sondern wechselt frei zwischen beiden Begriffen und gebraucht sie als Synonyme, manchmal im selben Satz. Er ist damit nicht allein, denn klare Begriffsdefinitionen zum Beispiel zur Rasse gibt es nicht, zur Zeit Le Bons nicht, weil ein wissenschaftliches „Arsenal“ kaum vorhanden ist, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Rassen zu messen, heute nicht, weil die analytischen Möglichkeiten zur Entschlüsselung des menschlichen Genoms zwar entwickelt worden sind, jedoch bei den dem Geist der Zeit hörigen Wissenschaftlern eine ausgeprägte Scheu davor besteht, Forschungserkenntnisse zu veröffentlichen, die der Ideologie, es gäbe keine Rassen, entgegenstehen. Deshalb findet beispielsweise medizinische Forschung, die die unterschiedliche Wirksamkeit von Medikamenten oder Therapien in Abhängigkeit von der Rasse der Probanden feststellt, eher im Verborgenen statt, um dem Vorwurf des Rassismus zu entgehen.

Le Bon konzentriert seine Forschungen jahrzehntelang auf Rassen (etwa seit 1874, als er sein Handbuch der Physiologie publiziert). Während der langen Zeit bis zur Veröffentlichung des vorliegenden Buches (1894) ändern sich Le Bons Vorstellungen über die Rassen, jedoch teilt er die Menschheit, ausgehend von den Vorstellungen über die Evolution, durchgehend konsequent und selbstverständlich in höhere und niedere Rassen ein.

Die Einordnung in höhere oder niedere Rassen bestimmt Le Bon vor allem aufgrund des Charakters der Menschen, der sich im Grad ihrer Zivilisation zeigt. Der Wilde (sauvage) setze seine Gefühle unmittelbar in Handlungen um, der zivilisierte Mensch (homme civilisé) hingegen könne seinen gegenwärtigen Gefühlen widerstehen und bedenke die Folgen seiner Handlungen. Der zivilisierte Mensch habe also eine höhere Entwicklungsstufe erreicht.

Am Rande: Le Bon vermutet, dass auch unter den zivilisierten Menschen der primitive Mensch (homme primitif) immer wieder zum Vorschein kommen könne, da die Dauer der Zivilisation im Vergleich zur Geschichte der Menschheit noch kurz sei. Le Bon hat recht: Die unbegreiflichen Auswüchse beispielsweise bei der Ausgrenzung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen, insbesondere derjenigen, die selbstständig denken, diese Auswüchse zeigen auch heute, dass keine Rasse, gelte sie auch als zivilisiert, davor gefeit ist, in archaische Muster zurückzufallen.

Rassen unterscheidet Le Bon nicht anhand von anatomischen Merkmalen wie Hautfarbe oder Körperbau oder der Abstammung, sondern als Kollektiv der Menschen mit bestimmten kulturellen und psychologischen Eigenschaften (constitution mentale), die sich im Verlauf von Jahrhunderten herausgebildet haben und weiter vererbt werden.

Mischungen zwischen Rassen, die zu einer neuen Rasse führen, können dann erfolgreich sein, wenn die beteiligten Rassen zahlenmäßig etwa gleichstark sind und sie sich charakterlich nicht stark unterscheiden. Le Bon hält die intellektuelle Elite für jede Rasse prägend, stellt jedoch resignierend fest, dass die Massen mit ihren Führern, also nicht die Elite, für die politische Geschichte der Rassen und Völker bestimmend sind.

Diese Gedanken können Le Bons Leser gutheißen oder sie verwerfen. Entscheidend ist, dass intellektuelle Auseinandersetzungen möglich sind. Le Bon erlebt zu seiner Zeit Dialoge und Dispute. Heute wird mit dem Verdacht auf Rassismus jede Debatte von vornherein ausgeschaltet, es sei denn, die „Vorherrschaft“ der Weißen, einer zu missbilligenden Rasse, müsse beendet werden.

Ich erspare dem Leser, auf den logischen Salto Mortale einzugehen, es gäbe zwar keine Rassen, aber die Vorherrschaft der weißen Rasse müsse beendet werden („End White Supremacy“).

Le Bon ist während seines langen Lebens immer ein unabhängiger Denker und verabscheut jeden Kollektivismus. Ich bewundere Le Bons unabhängiges Denken und vor allem, dass er seine Erkenntnisse der Öffentlichkeit unbekümmert von einer geistigen Zensur unterbreitet. Trotz des Erstarkens des Sozialismus warnt er vor der Dekadenz der Völker, die dem Sozialismus den Boden bereite.

Dazu schreibt Le Bon im vorliegenden Buch: „Das moderne Deutschland wird trotz des trügerischen Anscheins von Wohlstand das erste Opfer sein, wenn man den Erfolg der verschiedenen sozialistischen Sekten betrachtet, die es dort gibt.“ Kurz zuvor charakterisiert er die Massen mit den Worten: „Nach außen scheinen sie sich die Freiheit sehnlichst zu wünschen; in Wirklichkeit lehnen sie sie stets ab und bitten den Staat ständig, ihnen Ketten anzulegen.“

Noch am Tag seines Todes autorisiert Le Bon unter dem Titel „Ultima Verba“ einen Beitrag in der „Revue Bleue“, seine tatsächlich letzten Worte. Der Untertitel lautet: „Erforschung einiger grundlegender Phänomene des organischen und geistigen Lebens“ („Revue Bleue - Politique et Littéraire“, 1932. S. 33). Der kurze Artikel endet mit der Feststellung: „Die Welt scheint heute ein Übergangsstadium erreicht zu haben, zwischen Zivilisation und Barbarei, wie es in der Geschichte schon oft vorgekommen ist.“ Die Barbarei drohe, so befürchtet Le Bon, wenn die Massen eine größere Rolle spielten. Die Massen spielen tatsächlich in den folgenden Jahren eine größere Rolle und die Barbarei bekämpft die Kultur und Zivilisation.

Auch heute.

Hamburg, im Januar 2022

Holger Schulz

Gustave Le Bon

Psychologische Gesetze der Völkerentwicklung

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Erstes Buch

Die psychologischen Merkmale der Rassen

Erstes Kapitel

Die Seele der Rassen

Zweites Kapitel

Grenzen der Variabilität des Rassencharakters

Drittes Kapitel

Psychologische Hierarchie der Rassen

Viertes Kapitel

Fortschreitende Differenzierung der Individuen und Rassen

Fünftes Kapitel

Bildung historischer Rassen

Zweites Buch

Wie sich die psychologischen Merkmale der Rassen in den verschiedenen Elementen ihrer Kulturen offenbaren

Erstes Kapitel

Die verschiedenen Elemente einer Kultur als äußere Erscheinungsform der Seele eines Volkes

Zweites Kapitel

Wie sich die Institutionen, Religionen und Sprachen verändern

Drittes Kapitel

Wie sich die Künste verändern

Drittes Buch

Die Geschichte der Völker als Folge ihres Charakters

Erstes Kapitel

Wie Institutionen aus den Seelen der Menschen hervorgehen

Zweites Kapitel

Anwendung der oben genannten Grundsätze auf die vergleichende Studie der Entwicklung derVereinigten Staaten von Amerika und der spanischamerikanischen Republiken

Drittes Kapitel

Wie die Veränderung der Seele der Rassen die historische Entwicklung der Völker verändert

Viertes Buch

Wie sich die psychologischen Charaktere der Rassen verändern

Erstes Kapitel

Die Rolle der Ideen im Leben der Völker

Zweites Kapitel

Die Rolle religiöser Überzeugungen in der Entwicklung der Zivilisationen

Drittes Kapitel

Die Rolle der großen Männer in der Geschichte der Völker

Fünftes Buch

Die Zersetzung des Rassencharakters und ihr Niedergang

Erstes Kapitel

Wie Zivilisationen vergehen und aussterben

Zweites Kapitel

Allgemeine Schlussfolgerungen

MEINEM GELEHRTEN FREUND

CHARLES RICHET

Professor für Physiologie an der Medizinischen Fakultät in Paris

Direktor der wissenschaftlichen Zeitschrift „Revue Scientifique“.

In dankbarer Erinnerung an die kostenlose und unbegrenzte Gastfreundschaft, die er mir in seiner Zeitschrift geboten hat.

Gustave Le Bon

Einleitung

Die Kultur eines Volkes beruht auf wenigen grundlegenden Ideen. Von diesen Ideen leiten sich die Institutionen, Literatur und die Kunst des Volkes ab. Die Ideen bilden sich sehr langsam und verschwinden auch sehr langsam. Für die Gebildeten sind sie längst zu offensichtlichen Irrtümern geworden, aber für die Massen sind sie nach wie vor unbestreitbare Wahrheiten und wirken in den Tiefen der Völker weiter. Wenn es schon schwierig ist, eine neue Idee durchzusetzen, so ist es nicht weniger schwierig, eine alte Idee auszulöschen. Die Menschheit hat sich schon immer verzweifelt an tote Ideen und tote Götter geklammert.

Es ist kaum anderthalb Jahrhunderte her, dass Philosophen in völliger Unkenntnis der Ur-Geschichte des Menschen, der Variationen seiner geistigen Konstitution und der Gesetze der Vererbung die Idee der Gleichheit der Individuen und Rassen in die Welt gesetzt haben.

Diese Idee, die für die Massen sehr attraktiv war, setzte sich in ihren Köpfen fest und trug bald Früchte. Sie erschütterte die alten Gesellschaften, löste die gewaltigsten Revolutionen aus und stürzte die westliche Welt in eine Reihe heftiger Erschütterungen, deren Ende nicht abzusehen ist.

Zweifellos waren einige der Ungleichheiten, die Individuen und Rassen voneinander trennen, zu offensichtlich, um ernsthaft bestritten zu werden; aber man war leicht davon zu überzeugen, dass diese Ungleichheiten nur die Folgen von Unterschieden in der Erziehung waren, dass alle Menschen gleich intelligent und gut sind und dass nur die Institutionen sie verdreht haben können. Die Abhilfe war also ganz einfach: die Institutionen umgestalten und allen Menschen die gleiche Bildung zukommen lassen. So wurden Institutionen und Bildung zu den großen Allheilmitteln der modernen Demokratien, zu den Mitteln zur Beseitigung von Ungleichheiten, die für die unsterblichen Prinzipien, die heute die letzten Götter sind, schockierend waren.

Natürlich hat die fortgeschrittene Wissenschaft die Nichtigkeit der egalitären Theorien bewiesen und gezeigt, dass die geistige Kluft, die sich in der Vergangenheit zwischen Individuen und Rassen aufgetan hat, nur durch sehr langsame vererbbare Entwicklungen überbrückt werden konnte. Aber es liegt nicht in der Macht der Philosophen, die Ideen, die sie in die Welt gesetzt haben, an dem Tag aufzugeben, an dem sie erkennen, dass sie falsch sind. Wie ein über die Ufer tretender Fluss, den kein Damm aufhalten kann, setzt die Idee ihren verheerenden Lauf fort, und nichts kann sie aufhalten.

Diese chimärische Vorstellung von der Gleichheit der Menschen hat die Welt auf den Kopf gestellt, eine gigantische Revolution in Europa ausgelöst, Amerika in den blutigen Sezessionskrieg gestürzt und alle französischen Kolonien in einen Zustand beklagenswerter Dekadenz versetzt. Es gibt keinen Psychologen, keinen Reisenden, keinen halbwegs gebildeten Staatsmann, der nicht weiß, wie irrig sie ist; und doch gibt es nur wenige, die es wagen, sie zu bekämpfen.

Die egalitäre Idee ist keineswegs im Niedergang begriffen, sondern wächst weiter. In seinem Namen behauptet der Sozialismus, der die meisten Völker des Westens zu versklaven droht, ihr Glück zu sichern. In ihrem Namen fordert die moderne Frau, die die tiefgreifenden geistigen Unterschiede zwischen ihr und dem Mann vergisst, die gleichen Rechte und die gleiche Bildung wie der Mann und wird, wenn sie triumphiert, den Europäer zu einem Nomaden ohne Heimat und Familie machen.

Die politischen und sozialen Umwälzungen, die die Gleichheitsprinzipien bewirkt haben, und die viel schwerwiegenderen Umwälzungen, die sie noch bewirken werden, gehen die Menschen wenig an, und das politische Leben der Staatsmänner ist heute zu kurz, als dass sie sich darum kümmern könnten. Die öffentliche Meinung ist zum souveränen Herrscher geworden, und es wäre unmöglich, ihr nicht zu folgen.

Die gesellschaftliche Bedeutung einer Idee hat keinen anderen realen Maßstab als die Macht, die sie auf die Seelen ausübt. Der Grad der Wahrheit oder des Irrtums, der damit verbunden ist, kann nur unter philosophischen Gesichtspunkten von Interesse sein. Wenn eine Idee, ob wahr oder falsch, in den Gefühlszustand der Massen übergegangen ist, müssen alle Konsequenzen, die sich aus ihr ergeben, nacheinander durchlaufen werden.

Der moderne Traum von Gleichberechtigung wird also durch Bildung und Institutionen zu verwirklichen versucht. Auf diese Weise versuchen wir, die ungerechten Naturgesetze umzuformen und die Gehirne der Schwarzen von Martinique, Guinea und Senegal, der Araber von Algerien und schließlich der Asiaten in dieselbe Form zu gießen. Dies ist zweifellos eine unerreichbare Chimäre, aber nur die Erfahrung kann die Gefahr von Chimären aufzeigen. Die Vernunft kann die Überzeugungen der Menschen nicht verändern.

Ziel dieses Buches ist es, die psychologischen Merkmale zu beschreiben, die die Seele der Rassen ausmachen, und zu zeigen, wie sich die Geschichte eines Volkes und seine Kultur aus diesen Merkmalen ableiten. Wenn wir die Einzelheiten beiseite lassen oder sie nur dann berücksichtigen, wenn sie zur Veranschaulichung der dargelegten Grundsätze unentbehrlich sind, werden wir die Entstehung und die geistige Verfassung der historischen Rassen untersuchen, d. h. der künstlichen Rassen, die seit historischen Zeiten durch die Gefahren von Eroberungen, Einwanderungen oder politischen Veränderungen entstanden sind, und wir werden versuchen zu zeigen, dass sich ihre Geschichte aus dieser geistigen Verfassung ableitet. Wir werden den Grad der Festigkeit und Variabilität der Merkmale der Rassen feststellen. Wir werden versuchen herauszufinden, ob sich die Individuen und die Völker in Richtung Gleichheit bewegen oder im Gegenteil dazu tendieren, sich immer mehr zu unterscheiden. Wir werden dann untersuchen, ob die Elemente, aus denen sich eine Kultur zusammensetzt - Künste, Institutionen, Glaubensvorstellungen - die unmittelbaren Manifestationen der Seele der Rassen sind und aus diesem Grund nicht von einem Volk zum anderen übergehen können. Schließlich werden wir versuchen festzustellen, unter welchem Einfluss Zivilisationen vergehen und dann aussterben. Dies sind Probleme, die wir in verschiedenen Werken über die Zivilisationen des Ostens ausführlich behandelt haben. Dieser kleine Band sollte lediglich als eine kurze Zusammenfassung betrachtet werden.

Was mir nach fernen Reisen in die verschiedensten Länder am klarsten geblieben ist, ist, dass jedes Volk eine geistige Konstitution besitzt, die so fest ist wie seine anatomischen Merkmale, und von der sich seine Gefühle, Gedanken, Institutionen, Überzeugungen und Künste ableiten. Tocqueville und andere berühmte Denker haben geglaubt, dass sie in den Institutionen der Völker die Ursache für ihre Entwicklung finden. Ich bin im Gegenteil überzeugt, und ich hoffe, anhand von Beispielen aus den von Tocqueville untersuchten Ländern zu beweisen, dass Institutionen eine äußerst geringe Bedeutung für die Entwicklung von Zivilisationen haben. Meistens handelt es sich um Wirkungen, sehr selten um Ursachen.

Die Geschichte der Völker wird zweifellos von sehr unterschiedlichen Faktoren bestimmt. Sie ist voll von Sonderfällen, von Unfällen, die passiert sind und die vielleicht nicht passiert wären. Doch neben diesen zufälligen Umständen gibt es große, dauerhafte Gesetze, die den allgemeinen Verlauf einer jeden Kultur bestimmen. Diese dauerhaften Gesetze ergeben sich aus der allgemeinen, unabänderlichen Grundverfassung der Rassen. Das Leben eines Volkes, seine Institutionen, seine Überzeugungen und seine Künste sind nur das sichtbare Gewebe seiner unsichtbaren Seele. Damit ein Volk seine Institutionen, seine Überzeugungen und seine Künste umgestalten kann, muss es zuerst seine Seele umgestalten; damit es seine Kultur an ein anderes Volk weitergeben kann, muss es auch seine Seele weitergeben können. Dies ist zweifellos nicht das, was uns die Geschichte erzählt; aber wir werden leicht zeigen, dass sie sich durch die Aufnahme gegenteiliger Behauptungen von echtem Schein täuschen ließ.

Die Reformer, die ein Jahrhundert lang aufeinander folgten, haben versucht, alles zu verändern: die Götter, den Boden und die Menschen. Es ist ihnen noch nicht gelungen, die wesentlichen Merkmale der Seele der Rassen zu verändern, die die Zeit festgelegt hat.

Die Vorstellung von den unveränderbaren Unterschieden, die die Lebewesen voneinander trennen, steht ganz im Gegensatz zu den Ideen der modernen Sozialisten, aber es sind nicht die Lehren der Wissenschaft, die die Apostel eines neuen Dogmas dazu bringen könnten, ihre Chimären aufzugeben. Ihre Versuche sind eine neue Phase im ewigen Kreuzzug der Menschheit nach dem Glück, dem Schatz der Hesperiden, den die Menschen seit Anbeginn der Geschichte immer gesucht haben. Egalitäre Träume wären nicht weniger wertvoll als die alten Illusionen, die uns einst geleitet haben, wenn sie nicht bald auf den unerschütterlichen Fels der natürlichen Ungleichheiten stoßen würden. Zusammen mit dem Alter und dem Tod gehören diese Ungleichheiten zu den offensichtlichen Ungerechtigkeiten, die die Natur bereithält und unter denen der Mensch leiden muss.

Erstes Buch

Die psychologischen Merkmale der Rassen

Erstes Kapitel

Die Seele der Rassen

Die Naturwissenschaftler stützen sich bei der Klassifizierung der Arten auf die Beobachtung bestimmter anatomischer Merkmale, die sich durch Vererbung regelmäßig und beständig fortpflanzen. Wir wissen heute, dass sich diese Merkmale durch die vererbte Anhäufung von unmerklichen Veränderungen wandeln; wenn wir aber nur die kurze Dauer der geschichtlichen Zeiten berücksichtigen, können wir sagen, dass die Arten unveränderlich sind.

Die Klassifizierungsmethoden der Naturforscher haben es, auf den Menschen angewendet, ermöglicht, eine Reihe klar umrissener Typen festzulegen. Anhand eindeutiger anatomischer Merkmale wie Hautfarbe, Schädelform und -kapazität ließ sich feststellen, dass die Gattung Mensch mehrere deutlich voneinander getrennte Arten umfasst, die wahrscheinlich sehr unterschiedliche Ursprünge haben. Für Gelehrte, die religiöse Traditionen respektieren, sind diese Arten einfach Rassen. Aber, wie man zu Recht gesagt hat, „wenn der Schwarze und der Kaukasier Schnecken wären, würden alle Zoologen einstimmig behaupten, dass sie deutlich gekennzeichnete Arten darstellen, die niemals von demselben Paar abstammen können, von dem sie sich nach und nach entfernt haben.“

Diese anatomischen Merkmale, zumindest diejenigen, die unserer Analyse zugänglich sind, erlauben nur eine sehr summarische allgemeine Einteilung. Ihre Verschiedenheiten treten nur bei klar definierten menschlichen Arten auf, zum Beispiel bei Weißen, Schwarzen und Gelben. Aber Völker, die sich in ihrer äußeren Erscheinung sehr ähnlich sind, können sich in ihren Gefühlen und Handlungen und folglich auch in ihren Zivilisationen, ihrem Glauben und ihren Künsten sehr unterscheiden. Ist es beispielsweise möglich, einen Spanier, einen Engländer und einen Araber in dieselbe Gruppe einzuordnen? Stehen die geistigen Unterschiede zwischen ihnen nicht allen vor Augen, und sind sie nicht auf jeder Seite ihrer Geschichte zu lesen?

In Ermangelung anatomischer Merkmale wurden verschiedene Elemente wie Sprachen, Glaubensrichtungen und politische Gruppierungen herangezogen, um bestimmte Völker zu klassifizieren; solche Klassifizierungen halten jedoch kaum einer Überprüfung stand.

Die Elemente der Klassifizierung, die die Anatomie, die Sprachen, die Milieus und die politische Gruppierungen nicht bieten können, werden uns von der Psychologie gegeben. Die Psychologie zeigt, dass hinter den Institutionen, den Künsten, den Überzeugungen und den politischen Umwälzungen eines jeden Volkes bestimmte moralische und intellektuelle Merkmale stehen, aus denen sich seine Entwicklung ableitet. Es sind diese Eigenschaften, die zusammen das bilden, was man die Seele einer Rasse nennen kann.

Jede Rasse hat eine ebenso feste geistige Verfassung wie ihre anatomische Beschaffenheit. Dass die erstere mit einer bestimmten Struktur des Gehirns zusammenhängt, scheint nicht in Zweifel zu stehen; da die Wissenschaft aber noch nicht weit genug fortgeschritten ist, um uns diese Struktur zu zeigen, können wir sie nicht als Grundlage nehmen. Die Kenntnis dieser Struktur könnte die Beschreibung der psychischen Konstitution, die sich aus ihr ergibt und die uns die Beobachtung offenbart, in keiner Weise verändern.

Die moralischen und intellektuellen Charaktere, deren Kombination die Seele eines Volkes ausmacht, sind die Synthese seiner gesamten Vergangenheit, das Erbe seiner Vorfahren, die Beweggründe für sein Verhalten. Sie scheinen zwischen den Individuen ein und derselben Rasse stark zu variieren, aber die Beobachtung beweist, dass die Mehrheit der Individuen dieser Rasse immer eine gewisse Anzahl gemeinsamer psychologischer Merkmale besitzt, die ebenso stabil sind wie die anatomischen Merkmale, die es uns ermöglichen, die Arten zu klassifizieren. Wie letztere werden auch die psychologischen Charaktere durch Vererbung mit Regelmäßigkeit und Beständigkeit reproduziert.

Dieses Aggregat psychologischer Elemente, das bei allen Individuen einer Rasse zu beobachten ist, bildet das, was man zu Recht als Nationalcharakter bezeichnet. Zusammen bilden sie den Durchschnittstyp, der es ermöglicht, ein Volk zu definieren. Tausend Franzosen, tausend Engländer, tausend Chinesen, die willkürlich ausgewählt werden, unterscheiden sich beträchtlich voneinander; sie besitzen jedoch durch die Vererbung ihrer Rasse gemeinsame Merkmale, die es ermöglichen, einen Idealtypus des Franzosen, des Engländers, des Chinesen zu konstruieren, analog zu dem Idealtypus, den der Naturforscher vorstellt, wenn er in allgemeiner Weise den Hund oder das Pferd beschreibt. Auf die verschiedenen Hunde- oder Pferdearten anwendbar, kann eine solche Beschreibung nur die Merkmale enthalten, die allen gemeinsam sind, und keineswegs diejenigen, die es erlauben, ihre zahlreichen Exemplare zu unterscheiden.

Wenn eine Rasse alt genug und daher homogen ist, ist ihr Durchschnittstyp klar genug festgelegt, um sich schnell in die Anschauungen des Beobachters einzuprägen.

Wenn wir ein fremdes Volk besuchen, sind die einzigen Merkmale, die uns auffallen können, die allen Bewohnern des Landes gemeinsamen, weil sie sich ständig wiederholen. Die individuellen Unterschiede, die nicht sehr real sind, entgehen uns; und bald unterscheiden wir nicht nur auf den ersten Blick einen Engländer, einen