Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Das Ehepaar Dr. Daniel Norden und Fee sehen den Beruf nicht als Job, sondern als wirkliche Berufung an. Aber ihr wahres Glück finden sie in der Familie. Fünf Kinder erblicken das Licht der Welt. Die Familie bleibt für Daniel Norden der wichtige Hintergrund, aus dem er Kraft schöpft für seinen verantwortungsvollen Beruf und der ihm immer Halt gibt. So ist es ihm möglich, Nöte, Sorgen und Ängste der Patienten zu erkennen und darauf einfühlsam einzugehen. Familie Dr. Norden ist der Schlüssel dieser erfolgreichsten Arztserie Deutschlands und Europas. Fee Norden hatte ihren Mann diesmal nicht erst lange dazu überreden müssen, den Vortrag über Nuklearmedizin zu besuchen. Er würde von Dr. Holger Amberg gehalten werden, einem Studienfreund, von dem Daniel Norden schon lange nichts mehr gehört hatte. Als Arzt hatte man sich immer auf dem laufenden zu halten. Das war die Meinung von Fee und Daniel Norden, denn schließlich sollten die Erkenntnisse der Spezialisten, sowie auch jeder Fortschritt in der medizinischen Forschung den Patienten zugute kommen, die einer ganz individuellen Therapie bedurften. Dr. Daniel Norden war immer darauf bedacht, das Bestmögliche für seine Patienten zu tun und hielt seine Diagnosen nicht für die allein Seligmachenden, obschon ihm meistens bescheinigt wurde, daß sie richtig waren. »Ich bin gespannt, ob er dich erkennt«, meinte Fee verschmitzt, als sie den Saal betreten hatten. Sie konnte feststellen, daß er sich nicht viel verändert hatte, als er das Podium betrat und mit dezentem Applaus bedacht wurde. Dr. Holger Amberg war ein zeitloser Typ. Sein Haar war inzwischen leicht ergraut, sein Gesicht etwas faltiger geworden und er trug eine randlose Brille, die er früher nicht gebraucht hatte. Fee und Daniel hatten schon ein paar Kollegen getroffen und kurze Gespräche geführt. Man sehe sich viel zu selten, wie geht es den Kindern und man sollte sich öfter mal treffen. Es wurde gesagt, aber das war auch alles. Die Frauen waren meist ein bißchen oder auch sehr neidisch, weil Fee alle anderen in den Schatten stellte, ohne das zu wollen. Und die Männer beneideten Daniel um seine schöne Frau, die außerdem auch klug war und mitreden konnte. Aber da sie ziemlich weit vorn saßen, hatte Holger Amberg sie bald entdeckt. Er nickte ihnen zu.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 120
Veröffentlichungsjahr: 2023
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Fee Norden hatte ihren Mann diesmal nicht erst lange dazu überreden müssen, den Vortrag über Nuklearmedizin zu besuchen. Er würde von Dr. Holger Amberg gehalten werden, einem Studienfreund, von dem Daniel Norden schon lange nichts mehr gehört hatte.
Als Arzt hatte man sich immer auf dem laufenden zu halten. Das war die Meinung von Fee und Daniel Norden, denn schließlich sollten die Erkenntnisse der Spezialisten, sowie auch jeder Fortschritt in der medizinischen Forschung den Patienten zugute kommen, die einer ganz individuellen Therapie bedurften.
Dr. Daniel Norden war immer darauf bedacht, das Bestmögliche für seine Patienten zu tun und hielt seine Diagnosen nicht für die allein Seligmachenden, obschon ihm meistens bescheinigt wurde, daß sie richtig waren.
»Ich bin gespannt, ob er dich erkennt«, meinte Fee verschmitzt, als sie den Saal betreten hatten.
Sie konnte feststellen, daß er sich nicht viel verändert hatte, als er das Podium betrat und mit dezentem Applaus bedacht wurde.
Dr. Holger Amberg war ein zeitloser Typ. Sein Haar war inzwischen leicht ergraut, sein Gesicht etwas faltiger geworden und er trug eine randlose Brille, die er früher nicht gebraucht hatte.
Fee und Daniel hatten schon ein paar Kollegen getroffen und kurze Gespräche geführt. Man sehe sich viel zu selten, wie geht es den Kindern und man sollte sich öfter mal treffen. Es wurde gesagt, aber das war auch alles. Die Frauen waren meist ein bißchen oder auch sehr neidisch, weil Fee alle anderen in den Schatten stellte, ohne das zu wollen. Und die Männer beneideten Daniel um seine schöne Frau, die außerdem auch klug war und mitreden konnte.
Aber da sie ziemlich weit vorn saßen, hatte Holger Amberg sie bald entdeckt. Er nickte ihnen zu. Es war ein höchst interessanter Vortrag und auch für die Zuhörer, die keine Mediziner waren, verständlich.
»Er macht das sehr gut«, raunte Daniel seiner Frau zu. Er konnte sich noch erinnern, daß Holger früher immer Schwierigkeiten gehabt hatte, sein Lampenfieber zu überwinden, wenn er vor vielen Zuhörern sprechen sollte.
Er bekam auch sehr viel Applaus, und Fee meinte, daß sie zu ihm gehen sollten.
Aber da kam Holger schon vom Podium herunter auf sie zu. »Daß ihr gar nicht erst auf den Gedanken kommt, euch zu verdrücken«, sagte er freudig bewegt. »Es ist schön, euch zu sehen. Können wir uns noch zusammensetzen? Ich möchte euch auch mit meiner Frau bekannt machen.«
Da nahte sie schon, eine schlanke blonde Frau, dezent gekleidet, von einer natürlichen Anmut, die sie Fee gleich sympathisch machte.
»Erzählt hat Holger schon viel von Ihnen«, sagte Dagmar, »und ich freue mich sehr, Sie nun endlich auch kennenzulernen.«
»Und ich hoffe, daß wir uns öfter sehen können, da wir für einige Zeit in München bleiben werden«, sagte Holger. »Ich werde im Forschungszentrum arbeiten können.«
Er war seiner unaufdringlichen, bescheidenen Art, die Daniel so sehr an ihm geschätzt hatte, treu geblieben. In einem Weinrestaurant, in dem sie sich früher schon manchmal getroffen hatten, saßen sie zusammen. Eine rege Unterhaltung war gleich zustande gekommen.
»Wann haben wir uns zum letzten Mal gesehen?« überlegte Daniel.
»Vor zwölf Jahren, wenn ich mich recht erinnere, bevor ich nach Freiburg ging. Dagmar war ja nie zu bewegen, mich zu begleiten.«
»Weil die Kinder noch so klein waren«, warf Dagmar ein. »Jetzt geht es schon besser. Maren ist siebzehn und Kerstin fünfzehn.« Man konnte ihr ansehen, daß es ihr wichtig war, von ihren Kindern zu sprechen. Das war auch ein Thema für Fee.
»Sie sind bei meinen Eltern in Basel«, erklärte Dagmar, als Fee sie fragte, ob sie jemand für die Kinder hätte.
»Wo sie sehr gut aufgehoben sind«, warf Holger ein, »also, redet Dagmar bitte zu, daß sie mich nach Hannover und Hamburg begleitet, wo ich noch zwei Vorträge halten soll.«
»Warum willst du nicht mitfahren?« fragte Fee. Das »Sie« hatten sie gleich weggelassen.
Irgendwie spürte sie, daß Dagmar plötzlich gehemmt war. »Ich will mich hier lieber nach einer passenden Wohnung umsehen, da wir doch bald herziehen. Ich habe in Freiburg auch noch soviel einzupacken.«
»Um eine Wohnung brauchst du dich nicht zu kümmern, Schatz, wir bekommen ein Haus gestellt. Du mußt auch nicht immer alles allein machen. So viel Kostbarkeiten haben wir nicht, daß du selbst packen mußt. Ich möchte, daß du mich begleitest. Ich mag es nicht, wenn man meint, daß ich lieber ohne meine Frau reise.«
»Und gleich wird getuschelt«, sagte Fee lächelnd. »Ich kenne das. Ich habe meinen Mann einmal allein zu einem Kongreß fahren lassen. Gleich hat sich eine anhängliche Kollegin eingebildet, mich übertrumpfen zu können.«
»Ich konnte nichts dafür«, verteidigte sich Daniel. »Ich habe gar nicht gemerkt, worauf sie es anlegte.«
»Es war trotzdem eine höchst unschöne Sache. Zeig der Gesellschaft, daß ihr ein glückliches Ehepaar seid, Dagmar.«
»Ich glaube, Holger hat allerhand an mir auszusetzen.«
»So ein Unsinn«, sagte der. »Du sollst nur endlich deine Komplexe ablegen. Vielleicht sagt es dir Fee auch mal, daß du gar keinen Grund hast, gar so zurückhaltend zu sein. Da muß man ja denken, daß ich dich unterdrücke.«
Dagmar errötete. »Ich war halt nur Laborantin«, sagte sie stockend. »Ich kann nicht so mitreden.«
»Dagmar hört anscheinend nicht, wie viele Kollegenfrauen dummes Zeug plappern. Sie ist gescheiter als die meisten.«
»Du hast doch jetzt nicht etwa Hemmungen, weil ich auch Ärztin war? Jetzt bin ich nur Hausfrau und Mutter.«
»Vor allem Mutter«, warf Daniel ein, »wie lange seid ihr verheiratet?«
»Achtzehn Jahre«, erwiderte Holger, »und ich schwöre, daß ich es keinen Tag bereut habe. Deshalb hoffe ich, daß du mich nach Hannover und Hamburg begleitest.«
Dagmar sah Fee bittend an, die nickte ihr dann aufmunternd zu. »Gut, ich komme mit«, sagte Dagmar.
Es schien, als wäre sie jetzt erleichtert. Als sie sich verabschiedeten, nachdem Daniel und Fee das Ehepaar noch zum Hotel begleitet hatten.
Die beiden Ärzte sprachen noch über einen besonderen Fall, da sagte Dagmar leise zu Fee: »Wenn wir erst hier wohnen, könnten wir uns dann mal allein sehen, Fee?«
»Selbstverständlich gern. Wenn dich etwas bedrückt, Dagmar, ruf mich an.«
»Denk aber bitte nicht, daß in unserer Ehe etwas nicht in Ordnung wäre. Holger ist meine große Liebe, der beste Mann und Vater.«
Aber sie hat vor irgend etwas Angst, dachte Fee. Vielleicht will sie deshalb nicht mit nach Hannover und Hamburg fahren.
»Es war ein bißchen wie in alten Zeiten«, sagte Daniel während der Heimfahrt. »Ich freue mich für Holger, daß sein Wunschtraum sich erfüllt, und er in der Forschung arbeiten kann.«
»Hattest du auch mal solchen Traum?« fragte Fee.
»Nein. Ich wollte immer Allgemeinmediziner werden. Ich profitiere gern von den Erfolgen anderer, aber für mich wäre es nichts, nur Internist oder Kardiologe oder Chirurg zu sein. Würdest du lieber mit einem Professor verheiratet sein?«
»I wo! Für mich bist nur du wichtig. Und ehrlich gesagt wäre für mich die Herumreiserei auch nichts. Dagmar ist aber eine sehr nette Frau.«
»Wir werden sie noch besser kennenlernen. Ich freue mich, daß sie in München wohnen werden. Komisch ist es schon, daß Holger so früh geheiratet hat. Er war eigentlich ein Junggesellentyp.«
»Dagmar war sicher genau die Richtige für ihn. Vielleicht war auch schon ein Baby unterwegs.«
»Aber sie lieben sich, und er braucht sie. Sonst würde er gern allein reisen.«
Fee dachte in den folgenden Tagen noch oft an Dagmar, und wie die Reise in den Norden wohl verlaufen würde.
*
In Hannover wurde den beiden ein festlicher Empfang bereitet. Es freute Dagmar für ihren Mann, daß er so hoch geschätzt wurde. Auch sie wurde mit aller Zuvorkommenheit begrüßt. Sie brauchte wahrlich keine Hemmungen zu haben, aber es wußte ja auch niemand, warum sie diese nicht loswerden konnte. Nicht einmal Holger wußte das. Als hätten ihre quälenden Gedanken das Unglück angezogen, sah sie es nahen. Ihr Herzschlag setzte aus, sie war einer Ohnmacht nahe und suchte nach einem Halt.
»Was hast du, Liebes?« fragte Holger, aber seine Stimme schien aus dem All zu kommen, so hallte sie in ihren Ohren.
»Es ist so heiß«, flüsterte sie.
Aber da sagte schon Dr. Hülsch, mit dem Holger gerade noch gesprochen hatte: »Darf ich Sie mit Professor Rückert und seiner Gattin bekannt machen?«
Es ist gar nicht wahr, das träume ich nur, ging es Dagmar durch den Sinn, aber nicht den Mann sah sie an, sondern die Frau an seiner Seite. Alles schien sich um sie und diese Frau zu drehen. Er und sie, sie und er, ihre Gedanken überschlugen sich.
»Würden Sie uns bitte ein paar Minuten entschuldigen?« sagte Holger. »Meine Frau hat einen leichten Schwächeanfall und braucht frische Luft.«
»Ich gehe gern mit ihr auf die Terrasse«, sagte Marina Rückert mitfühlend.
Dagmar brachte kein Wort über die Lippen. Sie zitterte am ganzen Körper.
»Der Kreislauf spielt manchmal verrückt«, sagte Marina ruhig. »Es wird Ihnen gleich bessergehen. Ich habe meine Notfalltropfen immer dabei.«
Sie träufelte Dagmar davon ein paar auf die Zunge. Dagmars wildes Herzklopfen beruhigte sich.
Sie erkennt mich nicht, dachte sie jetzt, sie hat wahrscheinlich auch nie damit gerechnet, daß ich mal einen Arzt heirate. Aber wie kommt sie zu Rückert? Wieso ist sie mit ihm verheiratet?
In ihrem Kopf herrschte ein wildes Durcheinander. Endlich wagte sie die andere anzusehen. Sie hat sich verändert, dachte sie, ich habe mich auch verändert, schließlich ist es mehr als zwanzig Jahre her.
»Geht es besser?« fragte Marina Rückert. Es klang sehr freundlich und keine Spur hintergründig. »Ich bin Ärztin, Sie auch?«
»Nein, ich bin nur Ehefrau und Mutter.«
»Wie viele Kinder haben Sie? Das darf ich doch fragen?«
»Zwei Töchter, siebzehn und fünf-zehn.«
»Man sieht es Ihnen nicht an. Vielleicht sollten Sie ein paar Kilo zunehmen, oder wollen Sie nicht?« Marina lachte leise. »Bei mir setzt alles an.«
»Ich werde nicht dicker, ich esse eigentlich ziemlich viel.«
Wieso sage ich das, was reden wir überhaupt, dachte sie. Dabei ging ihr so vieles durch den Sinn.
»Holen wir uns doch etwas vom Bufett«, schlug Marina vor, »unsere Männer fachsimpeln bestimmt. Meiner kennt kein anderes Thema als die Klinik und seine Operationen. Ich helfe nur noch bei meinem Vater in der Praxis aus, aber er gehört auch zu denen, die nicht ans Aufhören denken.«
Sie war ganz locker und unbefangen.
Dagmar schien es unmöglich, daß sie sich nur so gut verstellen konnte. Aber wahrscheinlich hatte sie in den vergangenen zwanzig Jahren so viele Frauen kennengelernt, daß sie sich tatsächlich nicht mehr an ein eher unscheinbares Mädchen erinnern konnte.
Sie nahm sich zusammen. Ich darf Holger nicht blamieren, sprach sie sich Mut zu, Rückert wird mich bestimmt nicht erkennen. Aber wieder überlegte sie, wie Rückert zu Marina gekommen war.
Sie hatte die Gedanken an das, was damals vor fast einundzwanzig Jahren geschehen war, immer wieder verdrängt, doch jetzt wußte sie, daß ihr das niemals ganz gelungen war. Es war seltsam, aber Marinas Nähe beunruhigte sie nicht. Es war eher so, daß sie ihr Mut machte, den Abend durchzustehen. Sie brachte es sogar fertig, ein paar belanglose Worte mit Ulf Rückert zu wechseln. Er war aalglatt. Sicher empfand nicht jeder so wie Dagmar, daß eine Eiseskälte von ihm ausging, aber sie fragte sich doch, wie Marina diesen Mann ertragen konnte. Sie machte keinen unglücklichen Eindruck, war vielleicht auch auf ihre Art zufrieden mit ihrem Leben. Dagmar konnte nicht beobachten, daß sie besonders stolz auf ihren prominenten Mann war. Sie schien in dieser Gesellschaft allerdings sehr geschätzt zu werden.
Zufällig hörte Dagmar, daß sich eine Dame älteren Jahrganges nach einem Stephen erkundigte.
»Es geht ihm besser«, erwiderte Marina zurückhaltend. »Es war eine langwierige Grippe. Ihm ist die Zeit in England nicht bekommen.«
»Daheim bei der Mutter geht es den Kindern besser, auch wenn sie schon erwachsen sind«, sagte die freundliche ältere Dame.
Sie haben einen Sohn, einen erwachsenen Sohn, dachte Dagmar. Wieder Begannen die Gedanken in ihrem Kopf zu kreisen.
Marina und Ulf Rückert waren mit anderen Bekannten in ein Gespräch vertieft, als Holger zu Dagmars Erleichterung sagte, daß sie sich jetzt wohl zurückziehen könnten.
Sie hatten es nicht weit, da sie in diesem Hotel wohnten, in dem der Empfang stattfand.
»Jetzt sag mir erst, was mit dir los war, Liebes«, bat Holger.
»Ich kann es nicht erklären, aber Frau Rückert hat mich mit Notfalltropfen auf die Beine gebracht. Sie ist auch Ärztin. Sie arbeitet bei ihrem Vater in der Praxis. Wir haben uns recht nett unterhalten.«
Er betrachtete sie mit einem nachdenklichen Blick. »Rückert scheint dir nicht sympathisch zu sein«, stellte er fest.
»Er ist mir zu arrogant«, erwiderte sie. »Ich glaube, er geht über Leichen.«
»Er ist ja auch Chef der Pathologie«, sagte Holger anzüglich. »Mein Fall ist er auch nicht. Morgen ist mein Vortrag, dann sind wir schon wieder weg.«
»Ich bin froh, daß du dich für München entschieden hast, Holger, hier fühlte ich mich nicht mehr wohl.«
»Obgleich du hier geboren bist? Möchtest du nicht mal einen Ausflug in deine Heimat machen, mein Schatz?«
»Meine Heimat ist bei dir«, sagte sie leise. Tränen drängten sich in ihre Augen.
»Darüber bin ich sehr glücklich, und du mußt nicht weinen, mein Liebstes. Du hast keine guten Erinnerungen, das hast du ja mal angedeutet. Ich habe dich nie gedrängt, darüber zu sprechen, aber vielleicht wäre es besser, du würdest es dir von der Seele reden. Aber ich liebe dich so, wie ich dich kennenlernte, so, wie du bist. Die Vergangenheit spielt nicht die kleinste Rolle.«
Vielleicht fühlte er es, daß sie wieder gegenwärtig war, wenn sie auch keine Bedeutung mehr für sie hatte. Sollte sie jetzt ihr Schweigen brechen? Nein!
Sie umarmte ihn. »Ich liebe dich so sehr, Holger«, flüsterte sie, »wenn ich dich verlieren würde…« Sie kam nicht weiter, denn er verschloß ihre Lippen mit einem langen, zärtlichen Kuß.
Am nächten Tag hielt Holger seinen Vortrag. Dagmar hatte beim Mittagessen ein paar Kollegen kennengelernt, die mit ihren Frauen abends auch erschienen. So befand sie sich in einer lebhaften Gesellschaft, als Marina Rückert mit einem hochgewachsenen jungen Mann erschien, der einen kränklichen Eindruck machte.
»Stephen scheint es tatsächlich sehr erwischt zu haben«, sagte eine Dame aus Dagmars Gesellschaft. »Das ist Rückerts Sohn«, raunte ihr eine andere zu.
»Die Ähnlichkeit ist unverkennbar«, murmelte Dagmar. Er hat also einen Sohn, der ihm ähnlich sieht, dachte sie. Ob er ein guter Vater ist?
Rückert erschien nicht. Aber Marina machte später ihren Sohn mit Dagmar bekannt.
Dagmar blickte in ein ernstes, verschlossenes Gesicht. Er machte eine höfliche Verbeugung, sagte aber nichts.
