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Die Mieterin Pschawela hat Streit mit einem ihrer Liebhaber und beschließt, sich vom Dach zu stürzen. Hausmeister Quirin hält sie davon ab. Gleichzeitig wundern sich die Bewohner über eine Blutlache in der Waschküche. Pschawela wird wegen Drogenhandels verhaftet. Außerdem wird sie verdächtigt, wird mit dem Blut in der Waschküche in Verbindung gebracht. Zwei Paketboten, die das Haus regelmäßig mit Paketen beliefern, sind unauffindbar. Nachdem ein Toter in der Nähe der Wohnanlage gefunden und einem der Paketboten zugeordnet werden kann, erhärtet sich der Verdacht des Kommissars: Der Hausmeister ist aufgrund seines athletischen Aussehens, seiner Ortskenntnisse der Hauptverdächtige. Der zweite gesuchte Paketbote, Pschawelas Liebhaber Wachtendonk, segelt seelenruhig auf einem bayerischen See und vergewaltigt eine Surferin, die er anschließend ermordet. Währenddessen lernt Quirin die Kellnerin Mira eines nahe gelegenen Cafés kennen und lieben. Leider führen unvorhergesehene Umstände Mira nach Bosnien und Quirin in Untersuchungshaft. Als er wieder frei ist, erfährt er im Café, dass der Mörder Wachtendonk ihn und die Kellnerin sucht. Quirin ahnt Schlimmes und reist sofort zu seiner Freundin nach Bosnien. Dort werden beide von Wachtendonk bedroht. Doch die örtliche Polizei greift ein.
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Seitenzahl: 209
Veröffentlichungsjahr: 2025
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EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
SIEBZEHN
ACHTZEHN
NEUNZEHN
„Die Wahrheit steckt im Detail, der Rest ist Erfindung.“
B. B.
Der fahle Geschmack einer Calvados getränkten Nacht ist ein untypisches, prägendes Bild für Quirin Saumweber an diesem Morgen. Der Tau hängt an seinen Schuhen, wie die Schleierwolken in seinem Kopf. Trotz fehlender Standfestigkeit versucht er, seinen Pflichten als Hausmeister des Mietshauses Nummer 9 nachzukommen. Mit einer Werkzeugtasche in der Hand betritt Quirin den Aufzug und wirft einen kurzen Blick in den Spiegel der Kabinenwand: Ernsthaft, das bin ich nicht … mein Gott! Schwankend senkt er den Kopf und starrt auf eine handgroße, dunkelrote Pfütze. Wie es aussieht, Tomatensoße aus einem löchrigen Müllsack. Mittendrin ein grau melierter Hornknopf, aus dessen vier Löchern winzige rote Perlen quellen.
In Augenhöhe wechseln die Anzeigen der vorbeirauschenden Stockwerke, bis die Nummer 6 aufleuchtet und sich die Tür zäh öffnet. Quirin verlässt die Kabine, greift nach der Stange, die in der Ecke des Treppenabsatzes hängt. Mit ihrem Metallhaken erreicht er die Lasche der Dachbodenklappe, die wie so oft beim Öffnen klemmt. Mit Geduld und mäßiger Kraft lässt sich die metallene Leiter quietschend entfalten. Sie führt ihn in einen schmalen Gang, vorbei an der Absperrung der Aufzugstechnik, vor eine Blechtür. Auf ihrer Schwelle liegt ein weiterer Hornknopf, ähnlich dem in der roten Pfütze.
Quirin ignoriert den Fund, öffnet die Tür und tritt ins Freie. Beim Anblick der Wolken, deren Anordnung an eine Herde grauweißer Schafe erinnert, ist er sich sicher: Heute wird es nicht regnen. Heute ist das richtige Wetter, um Hecken und Sträucher zu schneiden. Sein Blick schweift über ein Meer von geduckten Häusern mit ihren Vorgärten. Darüber schwappt, getragen von einem kräftigen Windstoß, ein Rauschen, das an einen Wildbach erinnert. Leider ist es der alltägliche Berufsverkehr. Tief atmet er in der frischen, steifen Brise, die sein Haar aufwirbelt.
Seine angeborene Höhenangst zwingt ihn zur Vorsicht, denn er vermeidet Tätigkeiten, die weit über seinen Haarschopf hinausgehen. Trotzdem entfernt er im sicheren mittleren Teil des Flachdaches das Moos aus den Gullys. Bei der anschließenden Kontrolle des Blitzableiters kommt er ins Schwitzen, denn der Stahldraht verläuft direkt an der Dachkante. Ein paar Meter weiter, am Abgrund entlang, macht sich der Restalkohol bemerkbar, es überkommt ihn ein Taumel. Er bringt sich in Sicherheit neben den Schornsteinen.
Auf der Teerpappe, zwischen Taubenkot und roten Flecken, ein dritter Knopf. Diese Flecken scheinen frisch zu sein? Sofort schweift sein Blick umher, niemand ist zu sehen, bis auf ein buntes Tuch, das im Wind flattert. Eingeklemmt in der Verschraubung des Blitzableiters schwebt es über dem Abgrund. Behutsam krabbelt Quirin auf allen vieren vorwärts. Ob ein Stück Stoff eine solch riskante Rettungsaktion rechtfertigt? Mit Angstschweiß auf der Stirn befreit er den Seidenschal und rettet ihn im Rückwärtsgang aus der Gefahrenzone. Zum Glück ist niemand da, der seine peinliche kriechende Aktion beobachtet.
Der vom Ostwind getragene Straßenlärm wird von einem Stöhnen übertönt, das nicht tierisch, sondern eher menschlich klingt? Die Schornsteine, aus deren Richtung es kommt, sieht er verschwommen. Mit den Händen wischt er sich die brennenden Schweißperlen aus den Augen, die jetzt klar und deutlich die nackten Beine einer Person erkennen. Drei Schritte bewegt er sich auf sie zu, dann die Offenbarung des Dramas.
An einem der Kamine gelehnt sitzt jemand auf dem Boden, mit zerrissenen schwarzen Nylonstrümpfen, die in Fetzen an der Haut kleben. Ihr Anblick ist verstörend. Ungebändigtes Haar, übertriebenes Make-up, dessen scharfe Konturen verwischt aussehen. Rote Flecken überall auf den entblößten Oberschenkeln, an den Händen, auf der zerrissenen weißen Bluse. Am Bund ihres schwarzen Rockes, dessen Knopfleiste auseinanderklafft, fehlen die restlichen Hornknöpfe bis auf ein zerbrochenes Fragment. Ihm wird klar, wer diese Spur bis auf das Dach gelegt hat. Quirin rechnet – ein halber, drei auf dem Weg hierher, nur der fünfte fehlt.
Bewusst räuspert er sich, macht auf sich aufmerksam. Ohne den Störenfried wahrzunehmen, starren die Augen der Person an ihm vorbei ins Leere. „Verdammt, was suchen Sie hier oben?“, brüllt er sie an. „Verschwinden Sie! Der Aufenthalt auf dem Dach ist Mieterinnen wie Mietern strengstens untersagt.“ Wäre da nicht ihr jämmerlicher Zustand, das verschmierte Blut – dieser Anblick mildert seinen forschen Auftritt, entschärft seine Stimme bei der Frage: „Wer hat ihnen das angetan?“
Rückblickend fällt ihm auf, dass er diese Mieterin nie derart verschüchtert erlebt hat. Im Gegenteil, wie sie verbal austeilt, ist bei ihr äußerste Vorsicht geboten. Quirin zieht seine Jacke aus, legt sie ihr über die Schultern: „Erkennen Sie mich, Mariam Pschawela?“
Ihr Mund öffnet sich einen Spalt, Blut sickert heraus, ihre Augen zucken, der Rest bleibt regungslos. Er zückt sein Handy, beim Tippen reißt sie ihm das Teil ohne Vorwarnung aus der Hand: „Lass das!“, zischt sie ihn an.
Quirin setzt sich auf den Betonsockel neben sie und greift nach ihr.
„Nimm deine dreckigen Pfoten von mir!“
Er entschuldigt sich und erklärt, dass das frische Taschentuch in seiner Jackentasche hilfreich sei, da sich ihre Lippen mit Blut verfärbt hätten. Behutsam holt er das Stück Stoff zusammen mit einem Flachmann heraus. Er drückt ihr das Tuch in die Hand, schraubt den Deckel des Aluminiumbehälters ab und reicht ihr den Traubenschnaps.
Kopfschüttelnd lehnt sie den Alkohol ab, tupft sich zitternd das Blut von den Lippen. Schluck für Schluck trinkt er aus dem Flachmann, fragt sich, was mit ihr geschehen ist. Ihm ist klar, dass es kein Tomatensaft im Aufzug, wie das auf der Teerpappe, ihrer Haut, der Bluse ist.
Das Gurren einer Taube lässt den Blick zur Dachkante wandern. Dass der Sprung in die Tiefe zu ihrer Absicht gehören könnte, alarmiert ihn. Im Haus behauptet man, das sie auf ihrer Flucht von Georgien nach Deutschland Tragisches durchgemacht hat. Wenn es mir nicht gelingt, sie davon abzuhalten, werde ich der Letzte sein, der sie lebend gesehen und mit ihr gesprochen hat. Im Handumdrehen hat man einem den Stempel des Schuldigen aufgedrückt. Quirin greift wieder zum Flachmann.
Rufe ich den Notarzt? Und wenn sie in Panik gerät? Die schnellste Lösung ist, auf sie einzureden, sie abzulenken, auf andere, schönere Gedanken zu bringen. Leider scheitert der Versuch, sie vom Dach an einen Tisch mit Kaffee und Kuchen zu locken, deshalb plappert er unbeholfen weiter: „Dieser Platz zum Entspannen, ist ideal um die Gedanken zu ordnen. Vor Jahren fasste ich den Entschluss, nach meiner Scheidung, von hier oben das Ende einzuleiten. Positiv zu vermerken, dort unten, diese Rasenfläche rund ums Haus, hat lockeren Humus, ist frei von Steinbrocken. Von mir all die Jahre gepflegt, bestens geeignet für einen Flug aus ca. 25 m Höhe. Dabei erreicht man locker 80 km/h, bleibt aber, und das ist der Vorteil, nach dem Aufprall in einem Stück. Es wäre schrecklich, wenn die Gaffer beim Anblick des zu Tode Gestürzten einzig seine Verstümmelungen in Erinnerung behalten würden.
Das Resümee meiner Überlegungen ist, dass die Menschen es nicht wert sind, dass man sich durch Suizid aus dem Weg räumt? Es ist besser, gegen ihre Ungerechtigkeit zu kämpfen. Aus purer Angst vor der Tiefe wäre ich ohnehin nicht gesprungen. Ist Ihnen bekannt, Frau Pschawela, dass sich die katholische Kirche lange Zeit mit dem Suizid schwertat? Erst 1823 erlaubte man die Bestattung von Selbstmördern und Selbstmörderinnen auf geweihtem Boden, 59 Jahre später sogar ein kirchliches Begräbnis. Hier dieser Seidenschal, ist der von Ihnen? Verehrte Pschawela, für mich war das keine unproblematische Rettung.“
Sein Monolog verstummt neben ihrem zitternden Körper, dem die Jacke von den Schultern rutscht.
„Was um Himmels willen ist passiert?“
„Dreckiges Messer – er hat mich voll erwischt“, röchelt sie. „Der Idiot hat mir in die Fresse gehauen und dann sein Knie in den Bauch gerammt. Ich bin hingefallen, mein Verband ist weg“, sie schiebt ihren Plisseerock nach oben, „schau dir die Scheiße an!“ Blut breitet sich unter dem Mini aus.
Quirin entdeckt an der Außenseite ihres Oberschenkels eine zehn Zentimeter lange, klaffende Wunde, aus der ständig Blut tropft. „Oh mein Gott, das ist verdammt tief. Ich bin gleich wieder da.“ Er rennt zum Werkzeugkasten, holt ein breites silbernes Klebeband heraus, mit dem er sonst Wasserrohre abdichtet. Rücksichtslos schiebt er ihren Rock vom Schenkel, legt das Taschentuch auf die Wunde, klebt zwei Streifen nebeneinander und zieht kraftvoll den klaffenden Schnitt zusammen. Mit dem Seidentuch umwickelt er den Oberschenkel, in der Hoffnung, dass die Blutung aufhört.
„Ein solcher Idiot!“, brüllt sie und richtet sich mit einem schwer verständlichen Nuscheln auf: „Verdammt – ich laufe aus!“ Sie greift sich zwischen die Beine, sieht ihm in die Augen. „Mir ist übel!“ Erschöpft kippt sie zurück an den Kamin.
„Jetzt ist es Zeit für den Notruf!“, brüllt er sie an und sucht nach seinem Handy.
„Mischen Sie sich nicht ein, ich springe“, schnaubt sie.
„Bitte, Pschawela, keine Dummheiten. Ihre beiden Kinder brauchen Sie. Haben Sie das vergessen? Sie sind Mutter, haben sich um sie gekümmert. Bleiben Sie, wo Sie sind. Bitte seien Sie vernünftig, Ihr erkrankter Sohn braucht Sie am meisten.“
Blitzschnell greift er zum Handy nahe seinen Füßen, wählt die Nummer der Notrufzentrale, doch mitten im Satz versagt der Akku. Er steht auf, rennt zurück zum Werkzeugkasten, schließt die Powerbank an, wartet, bis die Elektronik wieder hochgefahren ist. Der Wind frischt auf, wirbelt über das Dach, lässt die Eisentür vom Dachabgang krachend ins Schloss fallen. Vor Schreck wäre Quirin wieder das Handy aus der Hand gerutscht. Hektische Erklärungen der vorgefundenen Umstände folgen, dann steht er auf, rennt zurück, aber da ist keine Pschawela. Übrig ist ein nasser Fleck mit Blut, daneben die Jacke.
„Bist du Verrückte allen Ernstes gesprungen?“, brüllt er zur Dachkante hinüber. Kopflos rennt er los, reißt die Stahltür auf, stürzt die Leiter hinunter in den Aufzug. Ihm ist es egal, was getuschelt wird, als er im Laufschritt mehrmals das Haus umrundet. Dort auf dem Rasen findet er keinen leblosen Körper. Fragend sucht sein Blick nach den Mietern an ihren Fenstern, sieht nur, wie sie sich hinter den Vorhängen verstecken.
Seine Erklärungsversuche für den Fehlalarm entlocken dem Notarzt ein verständnisloses Achselzucken, denn nach heftigem Klingeln, dem Rufen des Arztes, bleibt die Wohnungstür verschlossen. Quirin hofft auf die Mieter hinter den Türspionen, aber jede Nachfrage bleibt unbeantwortet. Über Frau Pschawela hat Quirin nichts erfahren, außer der Vermutung, dass sie bei ihrer Tochter untergetaucht sei.
Dieses Haus ist wie ein Schiff, das auf dem Meer treibt. Die Hausverwaltung ist die Reederei, der Hausmeister ist der Kapitän, die Mannschaft sind die Mieter, die Passagiere sind die Besucher. Jeder pocht auf seine Rechte, doch mancher vergisst seine Pflichten. Den Rest des Tages verbringt Quirin mit Reparaturen und anderen Aufgaben, die ihm von der Hausverwaltung übertragen worden sind. Zum Feierabend steht er vor seiner Wohnungstür, als eine Mieterin aus dem 5. Stock im Vorbeigehen kommentiert: „Das ist eine Sauerei. Die Waschküche ist kein Schlachthof. Hier wohnen Menschen, auf die hat man Rücksicht zu nehmen.“ Quirin schüttelt den Kopf und verschwindet in seiner Wohnung.
Am darauffolgenden Wochenende wird dieses Boot samt Insassen ohne Vorwarnung in tosende Gewässer getrieben. Es sind keine gestohlenen Fahrräder, Wäschestücke. Unerklärliches ist geschehen. Erst die Polizei, die Spurensicherung, dann die Fragen der Ermittler. War es definitiv Mord? Oder war es ein Unfall beim Heimwerken in der Waschküche? Von Vermissten ist die Rede, von einer verhafteten Mieterin, einer Mariam Pschawela.
Hier traut keiner mehr dem anderen, jeder wird von den gefürchteten Lästermäulern im Treppenhaus verdächtigt. Obwohl bisher nur eine Blutlache mit einem Schraubenzieher neben einem Knopf auf den vermeintlichen Tatort hinweist, fehlt die dazu gehörige Leiche. Ohne Zeugen, ohne handfeste Indizien sind sich die Bewohner einig: Hier ist ein Mord geschehen. Solange die Polizei im Dunkeln tappt, besucht niemand mehr ohne Begleitung den Keller. Ein Fluch verunreinigt diesen Ort. Wenn es unumgänglich ist, den Keller aufzusuchen, dann trifft man sich im Treppenhaus und wagt gemeinsam den Schritt.
Unter den Mietern blüht der Klatsch, unter der Polizei welken dagegen die Ermittlungen im Sande dahin. Deren Beweise halten sich in Grenzen: Das Blut im Keller stammt von einer unbekannten männlichen Person, die Blutspuren am gefundenen Schraubenzieher weisen eine weitere männliche Blutgruppe auf. Nachfragen in Arztpraxen und Notaufnahmen verliefen negativ. War es ein Unfall ohne tödlichen Ausgang, da man bisher keine Leiche fand? Die Recherche in den Polizeiakten zeigen Auffälligkeiten bei den Bewohnern des Hauses, von denen eine Mieterin im Zimmer des Ermittlers sitzt.
„Warum – wer sind Sie? Ich verlasse diesen Raum. Sofort!“ Ihr Kopf fällt in den Nacken, es bricht ein kurzer, krächzender Schrei zwischen ihren Lippen hervor. „Mir gefällt das hier nicht. Zu viele Gerüche. Oh nein, unmöglich!“, schimpft sie in holprigem Deutsch und hält sich die Nase zu.
Ihre kurzen, flinken Schritte zum Ausgang werden von einer sonoren Männerstimme gestoppt: „Bleiben Sie entspannt, Frau! Hier riecht es nach Farbe, wie Sie sehen, wird renoviert. Aufgrund Ihres Vorstrafenregisters bleibt die Tür für Sie geschlossen. Zuerst werde ich Ihnen Fragen stellen, die Sie bitte beantworten. Sobald der Untersuchungsrichter entschieden hat, sage ich Ihnen, wann Sie uns verlassen.“ Ein hagerer, vierzigjähriger Bundesbeamter sitzt entspannt in seinem Bürosessel. Er fragt nach ihrem Namen, den Blick konzentriert auf den Bildschirm eines Laptops gerichtet, der sein kantiges Gesicht mit einem bläulichen Schimmer überzieht. Sein Schnurrbart und der Bürstenschnitt der blonden Haare wirken arisch, seine Stirnfalten wie sein stechender Blick einschüchternd.
Verunsichert vermeidet die Verdächtige jeden Blickkontakt. Stattdessen starrt sie zwischen ihren beiden ausgelatschten Ballerinas auf einen vergessenen weißen Farbklecks am Boden. Eine Minute lang verharrt sie dort, ohne die geringste Bewegung, ohne dass ihr Atem die Brüste hebt. Aus ihrer Haltung brechen Worte hervor, die einen gewagten Unterton besitzen: „Sie wissen aus den Akten, dass ich Mariam Pschawela bin. Verarschen Sie mich nicht. Warum fragen Sie? Lassen Sie mich bitte hier raus – dieser Geruch, meine Nase ist empfindlich.“ Ihr Körper, wie ihr Kopf zuckt, ihre Aussprache wird undeutlich.
Sie steht, nein, sie taumelt vor dem Schreibtisch, dem Beamten, der für sie abstoßend ist wie der Rest des Raumes. Ihr ungeschminktes Gesicht ohne Augenbrauen zeigt sich im aschfahlen Licht der Leuchtstoffröhre ausgebleicht. Allein der Anblick dieses Beamten hinter dem Bildschirm bereitet ihr Unbehagen. Er wirbelt wie ein Karussell in ihrem Kopf herum. Unbeholfen stößt sie sich an einem Mikrofon, das direkt vor ihrer Nase von der Decke baumelt.
„Bitte, Frau Pschawela? Setzen Sie sich!“, befahl ihr der Anzug.
Sie antwortet nicht, dreht den Kopf nach links zur Decke, direkt in das gläserne Auge einer Kamera. Erschrocken wendet sie sich dem Fenster zu, dessen Eisengitter, das dunkelgrau der Wolken aussperrt. Erst jetzt wird ihr klar, in welcher Ausweglosigkeit sie steckt. Der Beamte im grauen Anzug, mit aufgeknöpftem Hemdkragen und lose herabhängender Krawatte, beobachtet ihr Verhalten. Sein Kugelschreiber klopft ununterbrochen dumpf auf den ausgebreiteten Aktenordner.
Was für ein zart geschnittenes Gesicht, umrahmt von brünettem Haar, dann der zierliche Mund. Kaum zu glauben, wie viel Hinterhältigkeit sich hinter so einer Maske verbergen kann. In Gedanken wandert sein prüfender Blick weiter über ihren Hals, die seidene Bluse, unter der sich die Apfelbrüste verstecken, hinunter zu den zarten, gefalteten Händen. Mehrmals lösen sie sich voneinander, um gleich darauf wieder in die Ausgangsposition zu gleiten.
Erneut dröhnt sein harter Befehlston aus dem wackelnden Bürostuhl: „Setzen Sie sich, aber sofort! Alles, was Sie hier sagen, wird von einem Kollegen im Vorzimmer aufgenommen, darum das Mikrofon, die Kamera“, er deutet mit dem Finger an die Decke: „Kennen Sie Ihren Namen, wissen Sie, wie alt Sie sind, wo Sie geboren wurden?“
„Aber ja“. Jetzt hat ihr Blick Erfreuliches. Mit frischer Stimme erzählt sie, dass sie 48 Jahre alt ist und aus Sochumi kommt, das in Abchasien an Georgien grenzt. Sie schwärmt von der Stadt am Schwarzen Meer. Mit blumigen Beschreibungen animiert sie den Beamten, seinen Urlaub dort zu verbringen. Ungeahnt erstirbt ihre Fröhlichkeit in einem Schrei, den sie ungebremst in den Raum entlässt. Eine Hand greift nach ihrem Kopf, der entgleitet den Fingern, kippt wie ein Kegel zur Seite.
Der Kommissar lässt sich von ihrem Zwischenruf nicht ablenken. „Frau Pschawela, Sie haben Ihre Personalien nicht vergessen, wissen Sie, warum die Beamten Sie hierher gebracht haben? Zumindest, wo man Sie aufgegriffen hat?“
„Nein!“
„Merkwürdig. Mein Name ist Kriminalkommissar Pfeffer, Sie sitzen hier in den Räumen der Bundespolizei.“ Sein Oberkörper nimmt eine aufrechte, straffe Haltung ein, unterdessen er die beiden Enden seines Schnurrbartes zwirbelt. Er zelebriert diese Geste, wenn es hochoffiziell wird. Überdeutlich fährt er fort: „Es steht Ihnen frei, zu den Vorwürfen auszusagen. Ihr Schweigen wird niemals gegen Sie verwendet, und Sie haben das Recht einen Anwalt Ihrer Wahl hinzuziehen. Wir befragen Sie, um Informationen zu sammeln, mit denen wir ausschließen können, dass Sie zu den Verdächtigen zählen. Wir helfen Ihnen, wenn Sie mit uns zusammenarbeiten, verstehen Sie?“
„Ich verstehe Deutsch, nicht alles, aber ich verstehe.“
„Frau Pschawela, wenn ich mich recht erinnere, kennen wir uns, saßen uns öfter gegenüber. Kommt Ihnen diese Umgebung hier bekannt vor?“, er blättert mit ernster Miene in der Akte.
„Nein, erinnere mich nicht an Sie.“
„Sie waren öfter hier, ich habe in den Akten gelesen, wegen Diebstahls in verschiedenen Discountern, Drogerien etc. Gibt es Geschäfte in der Stadt, in denen kein Hausverbot auf Sie wartet?“ Kopfschüttelnd, mit einem breiten Grinsen, sagt er: „Aber deswegen sind Sie heute nicht hier, Frau Pschawela. Dieses Mal handelt es sich um Drogen und Verdacht auf Mord. Kennen Sie einen Herrn Wachtendonk?“
Wieder zuckt sie mit dem Kopf, presst dieses „Aua!“, über die Lippen, so, dass es wie ein Peitschenknall zwischen den kahlen Wänden widerhallt. „Ich habe keine Drogen konsumiert, das hat Ihr Test ergeben, oder?“
„Beantworten Sie meine Frage. Kennen Sie einen Herrn Wachtendonk?“
„Wachten …, Wacht …, wie war der Name?“
„Wachtendonk, Frau Pschawela!“
„Ach ja! Ist das nicht der …? Moment, ich überlege – ist das der Paketbote?“
„Das ist er, den suchen wir, Frau Pschawela. Seine Firma sucht ihn, vor alledem seine Ehefrau vermisst ihn.“
„Er hat mir nie davon erzählt. Ich war mir sicher, er lebt allein. Vermutete, dass er lange keine mehr … Sie wissen, was ich meine.“
„Unsere Ermittlungen haben ergeben, dass er zuletzt mit Ihnen gesehen wurde.“ Er wischt mit dem rechten Zeigefinger über das Touchpad der Tastatur. Scrollt durch die Seiten auf dem Bildschirm, dann blättert seine linke Hand im Heftordner. „Heute ist Mittwoch, der 11. Mai – in der Aktennotiz steht, es war Freitag, der 6. Mai. Eine Nachbarin hat beobachtet, wie Wachtendonk am Morgen aus Ihrer Wohnungstür gekommen ist und sich die Hose gerichtet hat. Seitdem ist er nicht mehr gesehen worden. Sein Paketwagen stand tagelang unbenutzt im Halteverbot vor Ihrer Wohnung. Wir haben ihn abschleppen lassen.“
„Davon habe ich keine Ahnung.“
„Aber er war bei Ihnen, davon haben Sie Ahnung?“
„Möglich, Herr Kommissar.“
„Haben Sie ein Verhältnis mit Herrn Wachtendonk?“
„Nein! Herr Kommissar, der ist mir zu alt. Außerdem ist es zu lange her, wissen Sie, ich bin vergesslich, ja. Zu lange her. Wissen Sie, meine Synapsen kommunizieren nicht mehr miteinander. Außerdem sehe ich nicht mehr alles.“
„Eine Brille bewirkt da oft Wunder, Frau Pschawela, aber lassen wir das. Bitte, das gehört nicht hierher. In welcher Beziehung stehen Sie zu ihm? Warum war er bei Ihnen?“
„Wer war bei mir?“
„Na, Herr Wachtendonk, verdammt und zugenäht!“
„Aua, das schmerzt höllisch“, sie greift sich wieder an den Kopf. „Das liegt an meinen Bestellungen, es sind immer viele. Das Internet, wissen Sie, aber jetzt habe ich keins mehr. Im Moment fehlt mir das Geld. Ich habe für meine Kinder eingekauft. Er hat mir Tipps gegeben. Wissen Sie, die Rumänin über mir, ihre Waschmaschine war undicht“, ein heftiges Kopfschütteln folgt, „die weißen Wände, viele braune Flecken, ich habe kein Geld für Farbe“, schluchzend rollen wieder ihre Tränen. „Ich bin sparsam, aber die teuren Lebensmittel. Koche für meine Kinder.“ Aufgeregt zuckt ihr Kopf, ein trockener, kurz gepresster Husten entweicht ihrer Kehle. „Fragen Sie meine Betreuerin, sie wird Ihnen alles erzählen.“
„Beruhigen Sie sich, Frau, sprechen Sie leiser, ich höre einwandfrei. Wir haben mit ihr gesprochen, sie hat uns gesagt, Ihre Kinder sind erwachsen, wohnen in ihren eigenen vier Wänden. Ich bitte Sie, da brauchen Sie sich nicht kümmern. Wo waren Sie in der Woche vom 1. bis 6. Mai, den Termin der schriftlichen Vorladung haben Sie verstreichen lassen? Mehrmals haben wir an Ihrer Wohnungstür geklingelt, vergeblich. Jetzt erfahren wir, dass Sie im Ausland unterwegs waren. Warum ohne Gepäck, nur mit Bluse und kurzen Hosen?“
„Man merkt, wie heiß es ist. Wissen Sie, der Streit mit meiner Tochter, ich bin aufbrausend, dann der harte Boden, das Telefon war sofort kaputt. Ich werfe Sachen durch die Wohnung, auf Menschen, die mich nerven. Schlafe lange wegen meiner Krankheit. Je nachdem war ich draußen, einkaufen, spazieren. Laufen hilft mir beim Denken. Ab und zu, mitten in der Nacht, durchstreife ich die Innenstadt. Schauen Sie, mein Fuß, all die Blasen.“ Sie schiebt ihren flachen Schuh zur Seite und wirft ihm den nackten Beweis vors Gesicht.
„Es reicht, Frau, lassen Sie den Fuß im Schuh.“
„Keine Angst, Herr Kommissar, der stinkt nicht“, sie lacht. Ihr Kehlkopf klingt dabei wie eine Blechkanne, die Töne von sich gibt.
„Sind Sie zusammen mit Herrn Wachtendonk im Lieferwagen gefahren?“
„Daran erinnere ich mich nicht.“
„Wir haben Fingerabdrücke gefunden, die stammen von Ihnen, Frau Pschawela.“
„Keine Ahnung, je nachdem hab’ ich dort welche vergessen?“
Kommissar Pfeffer spitzt die Lippen, seine innere Stimme rebelliert: Diese Frau macht mich verrückt, mit ihren Gerüchen, ihren Gedächtnislücken.
„Es ist nicht normal, dass jemand die Wohnung verlässt, den Firmenwagen stehen lässt und dann wie vom Erdboden verschluckt ist. Wer oder was hat das ausgelöst?“
„Ich hab’ keine Ahnung, er hat sich wie immer verhalten.“
„Was heißt – wie immer?“
„Na, er war ein Mann, den man schubst, damit er aufwacht. Ein Bayer eben, nicht so wie die Südländer.“
„Warum, wie sind die Südländer?“
Sie lacht, beugt sie sich vor und flüstert ihm zu: „Deren Hosen rutschen flotter zu Boden als die Gedanken durchs Hirn.“
„In Ihrer Akte steht, Sie sind von Ihrem Ehemann geschieden.“
„Ja, Herr Kommissar, es ist drei Jahre her. Gleich nach meiner Entlassung haben sie mich verlassen, alle. Ich war allein, wissen Sie“. Sie verfolgte aufmerksam sein Blättern. „Kennen Sie das Gefängnis in Aichach, Herr Kommissar?“
„Ist es denkbar, Frau Pschawela, dass da jemand eifersüchtig ist, dass es jemandem nicht gefällt, dass Wachtendonk so lange und vor allem so oft bei Ihnen ist?“
„War er lange in meiner Wohnung? Ich weiß es nicht, Herr Kommissar. Wir haben Kaffee getrunken, ein, zwei Tassen.“
„Frau Pschawela, da war ein weiterer Paketbote. Was können Sie mir über diesen Herrn sagen?“
„Oje, das war ein Wilder, ein Südländer, Sie wissen schon. Einer, bei dem die Hormone ständig verrückt spielen. Er war kräftig, packte mich mit einer Hand – ich war machtlos. Wissen Sie, ich bin gegenüber ihn ein zierliches Wesen. Leider stank er aus dem Mund, da hilft nur Obst essen. Es kam aus seinem Magen. Essen Sie Obst?“
Der Kommissar verzieht das Gesicht, fasst sich an die Haare, hütet sich, sie einzeln auszureißen. Schnaufend steht er auf, umrundet den Tisch, die Verdächtige, klopft an die Tür. Mit einem kurzen Schnurren springt das Schloss auf.
Pschawela genießt die Einsamkeit, taucht ein in die Sonnenstrahlen am Fenster, die durch die grauen Wolken dringen. Sie senkt den Kopf, starrt zwischen dem Eisengitter hindurch. Auf dem Granitsims ein Kolkrabe, der sie mit einem Auge fixiert. „Was ist, du blöder Vogel?“. Wieder zuckt ihr Kopf, beim Nachdenken: Wie ich es hasse, wieder in einer solchen Scheiße zu landen. Arschlöcher, ja, das sind sie alle. Wie mein Vater sagte: Du kommst aus jedem Schlamassel raus, solange du es schaffst, dich an die Arschlöcher zu verkaufen. Am liebsten würde ich jetzt bei ihm sitzen, denn er hat sich aus jeder fatalen Lage manövriert.
Die Tür schwingt auf, Pfeffer kommt an den Schreibtisch, zurück, räuspert sich, aber sie reagiert nicht. Er ruft sie an: „Hallo, Mariam Pschawela! Wo sind Sie?“
Sie dreht sich zu ihm um: „Ich denke an meinen Papa, ich vermisse ihn, er hat sich um uns gekümmert. Papa war Handwerker, ich habe ihm oft in der Schneiderei geholfen. Wir haben neben den Kleidern Modeschmuck hergestellt. Alles, was für das Geld der Touristen nützlich war, vorwiegend für die Touristinnen in Sochumi. Frauen waren die Leidenschaft meines Vaters. Wenn er eine fand, die ihm gefiel, strengte er sich nicht an um Spaß zu haben, das hatte er nicht nötig. Meine Mutter war das genaue Gegenteil. Eine treue Kommunistin, eine Lehrerin in schlichter, parteikonformer Kleidung. An ihrer Disziplin, ihrer Strenge kamen wir Geschwister nicht vorbei. Ich hatte Stress mit ihr, lag an meinem Versagen beim Rechnen. Stellen Sie sich vor, ich hatte Probleme mit Zahlen. Verrückt, was? Und das bei einer Mutter, die Mathematik unterrichtet. Wir waren oft unterschiedlicher Meinung.
Aus Protest bin ich mit einer Clique durch die Straßen gezogen. Das war eine coole Zeit. Ich habe mir ein Tattoo stechen lassen, auf den linken Oberarm, leider habe ich mich in einen anderen verliebt. Ohne zu zögern, habe ich zum Bügeleisen gegriffen und mit der Vorderseite des Bügeleisens das Motiv aus der Haut gebrannt.“ Sie krempelt den Ärmel ihrer Bluse hinauf, zeigt die dreieckige Narbe, die nicht zu übersehen ist. „Der Schmerz hat eine spezielle Beziehung zu meinem Körper. Wissen Sie, wenn ich in die Haut schneide, wenn ich die Zigarette darauf ausdrücke, spüre ich nichts, gar nichts.“
