Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Amarinta Sander lebt in den Slums von Puerto Rico. Sie verliebt sich in einen Mitschüler aus der Oberschicht. Sein Vater verbietet ihm den Umgang mit einem Mädchen aus der Gosse. Amarinta möchte sich beweisen und beginnt, Kriminologie zu studieren. Nach der Ermordung ihrer Mutter, deren Mörder sie in Italien vermutet, bewirbt sie sich bei einer Sozialberatungsstelle in Mailand und erhält nach zwei Jahren eine Stelle bei der italienischen Polizei in Padua. Mathe Nussbaum, den Amarinta aus einem Internet-Chat kennt, reist nach Venedig, um sie zu treffen. Auf der Etage seines Hotels wird er Zeuge eines schrecklichen Massakers. Von da an ist sein Urlaub in Gefahr, denn eine betrügerische Voodoo-Sekte und eine Laborantin sind in den Vorfall verwickelt. Mathe wird entführt, eingesperrt. Amarinta Sander ahnt Schlimmes, denn sie ist die Ermittlerin in dieser undurchsichtigen Geschichte.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 281
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
La Perla
Samstag, den 29. März 2008
Sonntag
Sonntagabend
Mitternacht
Montag, den 31. Mai 2008
Montagmittag
Das Abendessen
Dienstag, den 1. April 2008
Mittwoch
Donnerstag, den 3. April 2008
Selbstversuch
Donnerstag auf Freitag
Freitag Nacht
Samstag, den 5. April 2008
Samstagabend
Das Kellerloch
Samstag auf Sonntag
Sonntagmorgen
Am Abend
Montag, den 7. April 2008
Jagdzeit in Marghera
Der Abschlussbericht
Die Abendsonne legt einen duftenden roten Mantel über das bunte Treiben in San Juan. Zwischen den nostalgisch anmutenden Fassaden und der am Stadtrand erbauten Zitadelle drängen sich stinkende Auspuffrohre, Radfahrer, Maultierkarren und hektisches Hupen. Im Aufflackern der Straßenlaternen verstummt das Treiben für kurze Zeit. Die Menschen ziehen sich zurück, versammeln sich unter den kühlenden Ventilatoren. Ihr Treffpunkt ist dort, wo an den langen, heißen Abenden die Telenovelas um Aufmerksamkeit buhlen.
Auf dem Bürgersteig vor einer ‚Dive Bar‘ sprüht derweil eine Jukebox lautlos bunte Lichter. Sie tanzen auf einen verwaisten Gast zu, der entspannt sitzt, mit seinem zerkauten Zigarrenstummel. Er träumt über die Straße hinweg und greift dabei vergeblich nach der am Boden stehenden Flasche. Stolpernd verlässt er seinen Platz, taumelt auf die Jukebox zu, die er mit ausgestreckten Armen erhascht. Zuerst die Musikauswahl, eine Münze fällt, die Schallplatte dreht sich, ein Kratzen folgt. Angezogen von den Rhythmen tanzt der Borincano mit seinen Goldketten und den beiden Uhren am Handgelenk zu seinem Stuhl zurück. Wieder sucht seine Hand die Flasche auf dem Boden. Ein Rudel verwilderter Hunde auf der anderen Straßenseite übertönt mit dem zähnefletschenden Bellen den Reggae aus dem Lautsprecher. Urplötzlich, als hätte man Guayabas mitten ins nächtliche Bild geschüttet, rollen hochglanzpolierte Cabrios hinter chromblitzenden Limousinen mit ihren vergnügungssüchtigen Nachtschwärmern vorbei.
Der betrunkene Borincano winkt ihnen zu. Schwerfällig erhebt er sich erneut und beobachtet aufmerksam eine schmächtige Gestalt abseits der Küstenstraße. Deren Schatten bläht sich auf zu einem Riesen an der imposanten Mauer der Zitadelle und verschwindet in einem finsteren Mauerspalt. Hier ist der Eingang zum schmalen Korridor, der in das am Meer gelegene Viertel ‚La Perla‘ führt.
Zwischen diesen Mauern begleitet vom Flimmern der Sterne, schleppt eine vom Schmerz gebeugte Mutter einen Korb. Ihre Schritte, wie ihr Atem, werden hastiger. Krampfhaft umklammert sie eine Plastiktüte, die sie unter ihrer Jacke verborgen hält.
Widerwillig entschließt sie sich für die Abkürzung, bleibt stehen, schaut sich um, lauscht den Zikaden. Obwohl kein Mensch zu sehen ist, streift ein kühler Hauch ihren Nacken, dann dieses Rascheln der trockenen Gräser verunsichert. Redet sie sich das ein, oder treibt der Wind sein Spiel mit ihr?
Sie grübelt: Weglaufen, mit meinen kaputten Hüften?
Unweit am Ende des Durchgangs sind die Lichter der Hütten zu sehen, wo die Treppe hinunter zu ihrer Tochter führt. Sie hält kurz inne, atmet tief durch. Eine Konservendose klappert, ihre seidenen Nerven zucken. Krampfhaft krallen sich ihre Fingernägel in die Plastikfolie mit den Geldscheinen darin.
„Du Galgenstrick hinter mir, ich verfluche dich!“, ein Blick zurück, sie ängstigt sich: „Nicht aufhören, ein paar Schritte – Papa Legba, hilf mir in dieser ...!“ Sie verschluckt ihr Flehen, denn ein stechender Schmerz raubt ihr den Atem. Sie merkt, wie die Kraft aus ihrem Körper sickert, merkt, wie er sich unter einem keuchenden Hustenanfall hinunter bückt, bis der Korb den Boden streift. Mit weit geöffnetem Mund saugt sie stöhnend Luft ein, die beim Ausatmen in einem kupferfarbenen Husten endet. Strauchelnd fällt sie zu Boden und kraftlos verhallt ihr Schrei im Gras. Der Korb rollt davon, hüpft über die Stufen der eisernen Treppe. Jeder Aufprall klingt dumpf, wie der Ton einer verstimmten Glocke. Zitternd schließt sie die Augen, die Plastiktüte zwischen den Fingern. Bilder von ihrer Tochter tauchen auf, von einer Tragfläche, die sich beim Anflug auf Puerto Rico durch die dichten, wabernden weißen Wolken schneidet.
Am 8. Oktober 1970 verabschiedete sie sich mit ihrem Kind vom herbstlich kühlen Deutschland. Ihr Ziel nach 15 Stunden Flug: eine Karibikinsel zwischen der Dominikanischen Republik und den Britischen Jungferninseln. Unter einer Wolldecke ruhte sie neben ihrer Tochter. Die Kleine, voller Neugier, wühlte aus Langeweile in einem Netz an der Rückenlehne des Vordersitzes. Inmitten einer Kotztüte und einem Notfallplan steckten Prospekte ihrer fremden Insel. Beim Lesen lernte sie: Die gebirgige, von Regenwäldern durchzogene Landschaft benennen die Einheimischen ‚Puerto Rico‘, was ‚reicher Hafen‘ bedeutet. Die Fotos zeigten weiße Strände mit Palmen, aufrecht wie Kirchtürme, viele Hotels, Casinos und schmuckvoll arrangierte Süßigkeiten. Amarinta feierte beim Verlassen des Flugzeugs ihren zehnten Geburtstag, leider ohne Kuchen und ohne Luftschlangen. Dafür fielen zur Begrüßung Sturzbäche vom Himmel. Dicke Tropfen trommelten auf das Dach der Gangway. Das Mädchen sagte geknickt: „Mama, ich hatte gehofft, dass dies ein Land mit Sonne ist.“
Eine alte, gebeugte Fremde mit runzligen, verkrüppelten Händen, an denen prall gefüllte Tragetaschen hingen, lachte und sagte im Flüsterton: „Die heftigen Regenschauer, Fräulein, vergehen, wie sie gekommen sind, und sei nicht verzagt, wir erfreuen uns hier über jede Abkühlung.“
Das Mädchen versuchte, mehr zu erfahren, leider schoben die Passagiere sie und ihre Mutter an der Alten vorbei zur Gepäckausgabe. Nach der Einreiseprozedur mit allen Formalitäten und dem Kampf um ein Taxi fuhren die beiden durch die Hauptstadt San Juan. Beim Anblick der Menschen auf dem Boulevard war sich die Mutter sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Nach dem Unfalltod ihres Ehemannes festigte sich der Wunsch, an ihren Geburtsort zurückzukehren.
Amarinta war skeptisch, sie ließ ein gepflegtes Wohnviertel einer deutschen Kleinstadt hinter sich und erkannte sofort die Andersartigkeit, sobald sie das Inseltaxi verlassen hatte. Ihr fiel auf, was auf den Hochglanzprospekten fehlte. Jenes heruntergekommene Viertel mit seinen Bretterbuden, den Ruinen, den Schrottautos, dem scheinheiligen Namen „La Perla“. Die Lippen verstummten, bange, Blicke folgten einem sandigen Weg.
Die Abwässer der Küstenstraße sprudelten über Plastikmüll, platt getretene Blechdosen und blank geschliffene Steine. Amarintas Füße mit ihren Sandalen erspürten sofort die Grenze zwischen Wohlstand und Armut. Trotz der Enttäuschung schenkte das Lächeln ihrer Mutter Mut. Versöhnlich erschien ihr das Rauschen der Meeresbrandung hinter den bunten Häuserfassaden. Tröstlich das Geschrei der Möwen, die fernen Klänge von Salsamusik, wie das ungestüme Bellen herumtollender Welpen aus einer umgestürzten Blechtonne. Je tiefer sie in die trostlose Welt eindrangen, desto penetranter atmete Amarinta den Geruch des Verfalls ein. Hühner neben den Gänsen suchten in verwilderten Ecken nach Nahrung. Wenn man den herumliegenden Plastikmüll zu dekorativer Kunst erklärte, hing Schmuckes an den verzweigten Gassen.
Vor einem Schuppen galoppierte ein Schwein auf sie zu und steckte seine schwarze Schnauze zwischen den Bretterzaun, um die Fremden zu beschnuppern. Es folgte ein heftiges Grunzen zur Begrüßung. Gegenüber einem Holzhaus mit einer meckernden Ziege, die an einen Pfahl gebunden war. Hinter ihr das Vordach der Veranda, darunter eine rote Hängematte, daneben ein gebrechlicher Schaukelstuhl, beides schwankte synchron im Küstenwind. Um die Ecke, in einer Gasse, chillten Jugendliche unter einem ausladenden Blechdach, deren Kassettenrekorder das Viertel beschallten. In einer anderen Seitenstraße fiel ihr ein schilfgrüner Straßenkreuzer auf, aus dessen offener Motorhaube zwei Beine baumelten. Dahinter rauchte eine Großmutter aus einem geöffneten Fenster genüsslich ihre dicke Zigarre. Daneben lehnte im Türrahmen lasziv eine Schönheit mit Lockenwicklern. Eindringlich musterten beide die Neuankömmlinge mit ihren Koffern.
Im Nu zerriss die Wolkendecke und die Sonne heizte den Boden auf, der die Feuchtigkeit mit aufsteigendem Dampf an die Luft abgab. Holprig führte der Weg über Bordsteine, die herausgebrochen, unterspült, kreuz und quer lagen. Asphaltfragmente zeugten von einer ehemaligen Straßenbefestigung, von der aus in unregelmäßigen Abständen Treppen zu der geduckten Häuserzeile am Ufer führten. Insulaner hockten auf Stühlen vor ihren Buden, tranken Rum, rauchten, diskutierten. Um sie herum tanzten von Geisterhand gelenkte Fetzen von Plastiktüten.
Zielstrebig spazierte ihre Mutter auf eine hellblaue Mauer zu, in deren Mitte ein zweiflügeliges Holztor mit massiven Brettern beeindruckte. „Schatz, wir haben es geschafft!“, sagte sie und atmete tief durch. „Setz den Koffer ab! Dort ist ein Seil! Bitte zieh daran, aber kräftig!“
Das zarte Händchen umklammerte eine abgegriffene gelbe Quaste neben dem Tor, sie zog und es ertönte glockenhell hinter der Mauer. Gespannt standen beide zwischen ihren Gepäckstücken, bis sich ein handbreites Blech mit Quietschen zur Seite schob. Zwei Augen lugten unter grauen, buschigen Brauen hervor. Mutters ansonsten feste Stimme zitterte, als sie ihren Namen aussprach. Die Tür schwang auf. Amarinta trat in den Hof, und ihr war klar, dass es kein Zurück mehr gab. Ein älterer, grauhaariger, in blütenweißem Gewand begrüßte sie. „Du bist Amarinta, ich freue mich, dass du bei mir bist“, sagte er und strich ihr über das Haar. „Sieh dich um, ich hoffe, es gefällt dir.“ Sie kapierte sein Spanisch kaum, weil ihm die Zähne fehlten und der Wind pfiff.
Sobald die Tür ins Schloss gefallen war, blieb der Küstenwind draußen, und die Erwachsenen unterhielten sich in aller Ruhe über die Vergangenheit. Amarinta hörte nicht zu, denn ihre Neugierde galt mehr den Eigenheiten des Hofes, dessen gefegter Sandboden Ordnung ausstrahlte. Voller Neugier betrachtete sie einen Steinhügel, auf dem eine imposante Skulptur thronte. Über einem ausladenden blauen Mantel, reich verziert mit Glassteinen, erhob sich ein geschnitztes schwarzes Gesicht mit weißen Augen. Eine solche Gestalt mit dem schwebenden Jesuskind vor der Brust hatte sie noch nie gesehen. Kniehoch standen in der ersten Reihe Tongefäße, Bilder, Figuren, Rasseln, schwarze Steine mit weißen Augen. Dazwischen die verschiedensten Trinkgläser, gefüllt mit Wasser, daneben Tonschalen, übervoll mit rostigem Krimskrams. Ein Strauß roter und weißer Rosen strahlte Freundlichkeit aus. Vor dem Haus reihten sich bunt bemalte Ölfässer aneinander, neben einem rustikalen Holztisch mit Bänken.
Amarinta betrachtete die andersartige Welt aufmerksam, denn sie wusste nichts von dieser Religion, von diesem Priester, mit dem sie künftig unter einem Dach lebte. Unweit des Altars lagen auf dem Boden zwei nach oben gewölbte Mönchsziegel, an deren Enden abgebrannte Kerzenstummel in geschmolzenem Wachs steckten. Sie kniete nieder, roch das getrocknete dunkelbraune bis schwarze Blut, das den Sand tränkte. Davon angelockt überfluteten grün schillernde Fleischfliegen das Stillleben.
Die Unterhaltung der Erwachsenen verstummte – ihre Mutter rief: „Amarinta, lass das! Komm mit uns, wir schauen unser neues Zuhause an“.
Gemeinsam stiegen sie unter freiem Himmel eine Holztreppe hinauf, die an der Außenwand zu kleben schien. Auf den letzten Stufen wirbelte der Wind Amarintas Haare auf und verdeckte ihre Augen – schier wäre sie gestolpert. Oben gab es ein Zimmer, in dem zwei Betten, ein Tisch, zwei Stühle, ein Schrank und ein Fernseher standen. Das einzige Bad mit Toilette im Haus lag im Erdgeschoss. Mutter schien mit der Unterkunft, dem Blick aufs Meer zufrieden zu sein, nur das Mädchen stand träumend vor dem Fenster. Sie erinnerte sich an ihren Vater, an die Sonntage, an denen sie mit ihm Ausstellungen besuchte. Sie erinnerte sich an ein Gemälde, mit diesem Blau, diesen Wellen, diesem Himmel, den Möwen.
In Deutschland schlief Amarinta in ihrem eigenen Zimmer mit Fußbodenheizung, umgeben von unzähligen Stofftieren. Auf diesen bescheidenen dreißig Quadratmetern versuchte sie ihrer Mutter zuliebe, mit dem zu haushalten, was übrig geblieben war. Seitdem ihr Vater in einer Urne liegt, ist ihre Seele voller Trauer.
Der grauhaarige Alte schob das Mädchen sanft beiseite und öffnete das Fenster. Der Duft von Seetang, Meersalz und Fisch wehte ihr entgegen. Ihre Kinderaugen fingen an, zu lachen. Sie erinnerte sich an den Prospekt, an die flachen weißen Scheiben aus der Familie der Seeigel, die dort unten am Strand versteckt lagen. Sie lehnte sich aus dem Fenster und sah die rostigen Wellblechdä-cher, die sich im Blau der Wellen spiegelten.
In den folgenden Jahren blieb das Armenviertel ‚La Perla‘ im Wesentlichen unverändert. Abgesehen von den Löchern in den Straßen, die ständig an Umfang und Tiefe zunahmen. Abgesehen von den eingestürzten Hütten, den verwilderten Hunden, die durch die Gassen bellten. An die Ausbreitung des Drogenhandels, der Prostitution, der damit verbundenen Schießereien hatte man sich gewöhnt. Regelmäßige Polizeieinsätze dienten angeblich der Sicherheit der Touristen außerhalb des Viertels.
Veränderungen gab es dagegen im gelebten Luxus, im oberen Stadtteil Old San Juan mit seinen Boutiquen und Nobelrestaurants. Selbstzufrieden saßen dort die Alten vor den Kolonialhäusern, deren stuckverzierte Fassaden mit ihren roten, gelben und fliederfarbenen Anstrichen ein heiteres Bild suggerierten. Auf dem Weg zur Schule schweifte Amarintas Blick über das Meer mit seinen weißen Sandstränden und den Segeln, die sich über den Wellen blähten. Regelmäßig beobachtete die inzwischen Vierzehnjährige die Ankunft der Luxusliner, die an manchen Tagen Hunderte Besucher aus fernen Ländern ausspuckten.
Wenn Amarinta von ihrer Mutter die Erlaubnis erhielt, spazierte sie am langen, freien Strand, um Sanddollar zu sammeln. Nach dem Trocknen verzierte sie die weißen Kalkscheiben mit bunten Mustern, Lederbändern, Quasten oder Flaumfedern. Der daraus entstandene Halsschmuck war ebenso wie die filigranen Traumfänger bei den Strandverkäufern gefragt, die zu ihren besten Kunden zählten. Wenn ihr die Lust am Suchen verging, hockte sie sich auf einen schattigen Platz mit Blick aufs Meer. Sie beobachtete die hellhäutigen Urlauber, die abends trotz Sonnencreme knallrot ins Hotel zurückkehrten. Zum Glück benötigte sie mit ihrer dunkelbraunen Haut kein zusätzliches Sonnenbad.
Amarinta wuchs zu einer aufgeweckten Person heran, die wochentags von morgens bis nachmittags die Schule in der Hauptstadt besuchte. Obwohl sie mit ihren 16 Jahren keine Rundungen besaß und mit ihren stacheligen Beinen eher schlaksig aussah, waren die Jungs verrückt nach ihr. Scheinbar lag es an ihren schulterlangen, bronzefarbenen Locken. Je mehr sie von den Jungs umworben wurde, desto abweisender reagierte sie. Dieses Verhalten passte zwar in ihr religiöses Umfeld, nur in der Schule galt sie daher als unberührbar. Das brachte ihr Spott von ihren Mitschülern ein. Trotzdem gab es eine Handvoll Freundinnen, mit denen sie bei den Hausaufgaben zusammensaß, wie beim gemeinsamen Dominospiel. Dieser Zeitvertreib mit den weißen und schwarzen Steinen ist in den Parks und Cafés allgegenwärtig. Eine Tradition, die zum Bild von San Juan gehört. Vereinzelt kamen die Mädchen mit an den Strand, aber die Begeisterung für die Suche nach den Sanddollar hielt nie lange an. Für Amarinta dagegen brachte jedes gefundene Stück ein zusätzliches Taschengeld.
Zu Hause, in dem blauen Gebäude mit den weißen Fenstern, verbrachte die Kleine ein behütetes Leben, das zugleich ihr religiöses Zentrum war. Vom ersten Tag an kümmerte sich ihre Mutter um den Haushalt des alten Priesters. Sie half an einem Tag in der Woche bei den Vorbereitungen für die Rituale, die im Hof stattfanden. Die übrige Zeit verbrachte sie in ihrem Imbiss, den sie gleich nach ihrer Rückkehr aus Deutschland eröffnet hatte. Die Auszahlung der Lebensversicherung ihres Ehemannes reichte für einen Blechcontainer, eine ehemalige Cocktailbar in der Oberstadt. Ihre landestypischen Gerichte lobten Einheimische wie Touristen gleichermaßen. Absoluter Renner waren die mit Rum getränkten Pfannkuchen aus Maismehl. Der Honig aus dem nahen Regenwald setzte der Leckerei das Tüpfelchen an Speziellem auf.
Amarinta entwickelte sich zu einer hoffnungsvollen Gehilfin des Priesters, der Santeria, deren Bedeutung in der Heiligenverehrung liegt. Eine christliche Variante, die Ähnlichkeiten mit dem Voodoo aufweist, dennoch eine andere Glaubenslehre darstellt. Sklaven aus Afrika brachten sie in die Karibik. Trotz der Ächtung durch die katholische Kirche gibt es bis heute viele Anhänger. Im Laufe der Jahre bildete der Alte die Jugendliche zur Priesterin aus, lehrte sie, mithilfe der Geister die Menschen von ihren Leiden zu befreien. Des Weiteren unterrichtete er Amarinta in der Herstellung heilender Öle, Salben und Zaubertränke. Der wichtigste Teil ihrer Ausbildung war die Kunst des Zeichnens mit Maismehl. Eine Disziplin, mit der sie ihre Schwierigkeiten hatte. Bei der Größe der Symbole hatte sie das Gefühl, dass ihre Arme dafür zu kurz gewachsen waren. Beharrlich kopierte sie die verschiedenen Bildsymbole bis ins kleinste Detail. Dabei lernte sie, das Maismehl in exakten Bahnen aus ihren Fingern rieseln zu lassen. Wenn ihr bei einer Zeremonie ein Symbol misslang, missfiel das den Geistern, und alle Hilfe war verloren.
Trotz religiöser Erziehung tanzte sie mit offenen Augen durch die Welt außerhalb der häuslichen Mauern. Auf dem täglichen Schulweg fiel ihr eines Tages ein Jugendlicher auf. Seine cremeweiße Kleidung passte zu seiner Hautfarbe und seine rote Vespa, ein Motorroller, den sie aus Deutschland kannte, weckte ihr Interesse. Wiederholt blieb der Blonde mit den blauen Augen in den frühen Morgenstunden vor einem Zeitungskiosk stehen. Wortlos schenkte er ihr ein Lächeln. Mit Absicht suchte sie die Nähe des Blonden, kaufte seinetwegen eine Zeitschrift, Süßigkeiten, eine Cola. Es dauerte, bis er ihr einen Platz auf dem Soziussitz seiner Maschine anbot. Ihr gefielen seine lockigen Haare, die im Wind flatterten, und vor allem seinen fremd klingenden Akzent. Von da an tuschelten die anderen auf dem Schulhof über die Unberührbare und ihren Freund aus der Oberschicht, der sie ständig nach der Schule in die Cafébars einlud.
Von seiner Herkunft, seiner reichen Familie Ferrer, erzählte er nur das Nötigste. Diese Heimlichtuerei nervte sie. Sie war sich sicher, dass er nicht zu den Messerstechern gehörte, weder Alkohol noch Drogen konsumierte. Ihr Freund Mathew Ferrer diskutierte gerne über die krassen sozialen Unterschiede auf der Insel. Dabei brachte sie wiederholt ihre Religion ins Gespräch. Als überzeugter Realist zweifelte er vehement an deren Kraft. Sie gab ihm vereinzelt recht, allein mit Ritualen sei keine soziale Verbesserung zu erreichen. Deswegen beschloss sie, Strafrecht zu studieren, um ihren Beitrag in der Bevölkerung effektiver zu leisten. Mathew riet ihr ab, weil ihr die gesellschaftlichen Verbindungen fehlten. Er hatte Ahnung, wovon er sprach, denn er stammte aus einer wohlhabenden Einwandererfamilie der gehobenen Bevölkerungsschicht. Im Villenviertel San Juan hörte er täglich, wie abwertend über die Slums gesprochen wurde.
Sobald die beiden in diesen Diskussionen feststeckten, sprach sie ihn auf ihre Zukunft an, auf seine Familie. Je mehr er vom Thema ablenkte, desto empörter reagierte sie. Redete er von Liebe, von Gemeinsamkeiten, verbarg er dies vehement vor seinen Eltern. Darauf angesprochen sagte er: „Amarinta, wenn sie herausfinden, dass ich mit einer …“, Mathew hielt kurz inne. Den wahren Grund, warum sie im falschen Viertel lebte, verschwieg er. „Mit einer Freundin die Zeit verbringen, die Vater nicht ausgesucht hat, der Zorn meiner Eltern ist mir sicher. Genauer gesagt, sie verjagen mich, sobald ich ihre Ansichten verurteile. Leider sind sie konservativ gestrickt. Solange ich meine Beine unter ihren Tisch strecke, bin ich gezwungen, mich unterzuordnen.“
Empört wandte sich Amarinta von ihm ab: „Was ist das für ein Spiel, nachdem wir jeden Tag zusammen sind, uns auf einen Tanzwettbewerb vorbereiten.“ Mit Zittern in der Stimme fuhr sie fort: „Du versprichst mir eine Zukunft, die mir Hoffnung gibt.“
„Ja, du hast recht, meine Liebe, hab Geduld – ich werde es Vater behutsam beibringen, dann haben wir eine Chance.“
„Okay, Mathew, vergiss nicht, ich werde mich nicht ewig verstecken!“
Vier Monate später belegten sie beim Tanzwettbewerb der Schulen von San Juan den zweiten Platz. Das brachte sie, neben den Siegern, direkt auf die Titelseite der Lokalzeitung. Leider erwischte sie der Fotograf in dem Moment, als Mathew ihr vor Freude einen innigen Kuss aufdrückte. Zum Frühstück präsentierte der Vater seinem Sohn das gedruckte Ergebnis. Es folgte eine klare Ansage: Sofortiger Kontaktabbruch, denn mit einem Mädchen aus den Slums habe man nichts zu schaffen. Mathew wehrte sich, aber seine Argumente halfen nicht. Er fügte sich und ließ ihre Unschuld zurück für ein Internat in Miami.
Ein Grund mehr für sie, der gehobenen Arroganz zu beweisen, was in einem Mädchen aus dem Slum steckt. Liebeskummer passte nicht in den Studienplan. Sie hing weiterhin an dem Jungen, der ihr das Gefühl gab, dass es da draußen, außerhalb des blauen Hauses, anderes gab. Mit Ehrgeiz schaffte sie es 1979, die Aufnahme in das Colegio Universitario de San Juan in der Avenida Arterial. Für ihre Mutter keine simple Entscheidung, denn das Semester kostete 400 Dollar abzüglich eines Stipendiums. Acht waren nötig, um einen Bachelor in Justicia Criminal zu erreichen. Dank der Zuwendungen des Priesters und des Einkommens ihrer Mutter erfüllten sie Amarintas Herzenswunsch. Die Studentin aus den Slums absolvierte voller Ehrgeiz ein Semester nach dem anderen. Die trockenen Gesetzestexte fielen ihr schwer, dafür faszinierte umso mehr die Forensik, die Psychologie und die Techniken der Strafverfolgung. Nebenbei blieb Zeit für ihre Sanddollars, wie die Touristen, die sie an den Wochenenden zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt begleiteten. Dadurch verbesserte sie ihr Deutsch, Spanisch und Englisch.
Mutters Imbissstube bescherte ihnen ein sorgenloses Leben, bis zu jenem verhängnisvollen Abend im Jahr 1983. Vier Puertoricaner und eine Europäerin speisten am letzten freien Tisch des Lokals. Der Älteste trug einen weißen Panamahut, seine jüngere Begleiterin hatte schulterlanges, gelocktes braunes Haar. Die anderen drei Borincano ähnelten Hafenarbeitern, von denen einer mit Goldketten prahlte und zwei goldene Uhren gleichzeitig am Handgelenk trug. Auf dem Tisch stand ein Mofongo aus zerdrückten Kochbananen, Huhn, Knoblauch und Kräutern, in der Mitte eine Flasche Don Q Rum Gran Anejo. Je mehr die Tischgesellschaft trank, desto erregter diskutierten sie. Der brünetten Deutschen übersetzte der Panamahut das Wichtigste, ansonsten blieb sie stumm, spielte freudlos mit der Messerspitze in einem Tongefäß mit Salz. Wiederholt balancierte sie ein weißes Häufchen direkt über ihrer grünen Papierserviette. Die Kristalle rieselten, bis ein Symbol zu erkennen war.
Zu vorgerückter Stunde verließen die anderen Gäste bis auf diese fünf das Lokal. Als die Wirtin die dritte Flasche Don Q Rum servierte, entdeckte sie das Symbol auf der Serviette. Es war ein Voodoo-Zeichen, das den Tod heraufbeschwört. Bestürzt sah sie in die vom Alkohol getrübten Augen der Brünetten. Urplötzlich rammte sie mit einem dumpfen Geräusch die Messerspitze mitten in das Zeichen. Da fuhr der Panamahut sie an: „Sara, lass den Quatsch!“ Erschrocken verschwand die Wirtin hinter dem Tresen und widmete sich den Vorbereitungen für den nächsten Tag.
Dieser Panamahut rief bei jedem Schluck „Salute“ und prahlte lauthals mit Geschäften in Italien. Dass die Köchin alles mithörte, störte ihn nicht. Die Ausgelassenheit der Tischrunde eskalierte in Schmähungen gegen die arme alte Köchin, die Kartoffel schälte. Als die Beleidigungen nicht aufhörten, servierte sie der Gruppe die Rechnung und wies auf die Ladenschlusszeiten hin. Der Borincano mit den beiden Uhren sprang vom Tisch auf und fuchtelte unkontrolliert mit der Gabel vor ihrem Gesicht herum: „Du Schlampe, ich sag’s, wenn hier dichtgemacht wird, hörst du? Ich sag’s, hörst du, merk dir das! Hau ab in deine Küche!“ Der mit dem Hut packte den mit der Gabel, zerrte ihn zurück auf den Stuhl und sagte in die Runde: „Kein Wort, von diesem Tisch, verlässt den Raum!“, er wiederholte den Satz. „Habt ihr begriffen? Am Tisch hat es niemals ein Gespräch gegeben!“, brüllte er der Wirtin über den Tresen zu.
Eingeschüchtert, die eine Hand am Telefon, die andere am Fleischmesser, hoffte sie, dass die Kotzbrocken bald verschwinden. Es dauerte eine Weile, bis sie sich aufmachten, das Lokal zu verlassen. Wieder rief der Borincano, dieses Mal ohne Gabel, aber mit schwerer Zunge:
„Schlampe – hörst du – dein brutzelndes Öl – hörst du – dein beschissenes Öl, ich schütte es dir in die Fresse – schwatzhafte Weiber fangen sich davon Fratzen ein!“ Beim Hinaustaumeln verrutschten die Tische, die Stühle kippten zu Boden. Auf der Straße wiederholte ein anderer: „Ja, ekelhafte Fratzen!“, und er lachte, dass es zwischen den Häuserfassaden widerhallte.
Verunsichert schloss die Wirtin den Rollladen des Containers. Dabei suchte sie, soweit ihr Auge reichte, die finstere Gasse ab, ob ihr nicht einer der Gauner auflauerte. An diesem Abend spazierte sie nicht, sondern eilte nach Hause. Dort angekommen, rief sie vom Hof aus den Priester und erzählte, was sie erlebt hatte. Verriet ihm alles über diesen Panamahut, den sie Miguel nannten, der in Italien mit einer Sekte eine Menge Geld verdiente. Sie sprach von Prostitution, von Drogen, von jenem Unruhestifter, der behauptete, ihre Tochter sei die Richtige für das Geschäft. Woher er sie kannte, war das Erschreckendste. Das Todeszeichen auf der Serviette erwähnte sie nicht.
„Zumindest haben dir diese Gauner einen anständigen Umsatz beschert“, scherzte der Priester. Er beruhigte sie: „Solche Gauner sind wir hier gewohnt. Wir leben mittendrin. Du weißt, je lärmerfüllter diese Affen trommeln, desto dürftiger ist ihr Geschwätz.“ Sie nickte, blieb skeptisch wegen der Äußerungen über ihre Tochter.
Amarinta, die im obersten Stockwerk ihrem Studium nachging, hörte das Schluchzen ihrer Mutter. Sie schlich die Treppe hinunter, spitzelte um die Ecke und sah das besorgte Gesicht des Alten. Sie verzog den Mund und kaute auf der Innenseite ihrer Wange. Eine Angewohnheit, die auftrat, wenn ihre Nervosität den Höhepunkt erreicht hatte. Zurück im Zimmer verdrängte sie, was sie gehört hatte, denn ihre Konzentration galt weiterhin den bevorstehenden Prüfungen. Die Tochter ignorierte die Angst, die an ihrer Mutter nagte. Sah nicht, wie sie litt, wie sie gehetzt, oft schweißgebadet, ohne ein Lächeln von der Arbeit nach Hause kam.
Die letzten Wochen an der Universität waren für Amarinta anstrengend. Sie erkannte ihre Grenzen. Wiederholt versank sie in Erinnerungen an ihren damaligen Freund Mathew, er gab ihr die Kraft, durchzuhalten. Mit der Abgabe ihrer Prüfung begleitet sie ein banges Warten auf die Ergebnisse. Den Traum vom Masterstudium hatte sie aus finanziellen Gründen nie angestrebt. Umso mehr einen erfolgreichen Bachelor, wegen des investierten Geldes, der Aufopferung ihrer Mutter, wie die des Priesters.
Eines Tages plünderte sie ihre Ersparnisse, legte weiße Tücher auf den Tisch im Hof und dekorierte ihn mit Blumen. In der Küche bereitete sie mit Hühnerfleisch und Reis gefüllte Teigtaschen zu, goss eiskaltes Wasser in einen Eimer und stellte Heineken-Flaschen hinein. Bier, das ihre Mutter und der Alte gerne tranken. Der Priester fragte nach dem Grund der festlichen Tafel und starrte auf den Eimer am anderen Ende des Tisches. „Sag, meine Kleine, warum der ganze Aufwand?“
„Es dauert nicht mehr lange, bis Mama nach Hause kommt.“ Sie holte eine Flasche aus dem Eimer und hielt sie ihm vor die Nase: „Nimm das Bier, es verkürzt dein Warten.“
Das Flackern der Tischkerzen war auf die letzten Zentimeter zusammengeschrumpft – derart spät kam Mutter nie – sie kaute auf ihrer Wange. Ungestüm läutete die Glocke neben dem Hoftor. Amarinta sprang auf – hatte Mutter wieder ihre Schlüssel vergessen? Sie öffnete – Uniformierte traten ein, fragten nach ihrem Namen, und überbrachten eine schockierende Nachricht.
Amarintas Schrei durchdrang die Nacht, zwang ihren von Seelenschmerz gekrümmten Körper in den Sand. Sie sprang auf, ihr Leib vibrierte vor dem Altar, dem glitzernden Mantel. Erschöpft warf sie sich erneut flach auf den Boden. Ein Polizist, der zu ihrer Gemeinde gehörte, erkannte sofort den Geist, der von ihrem Körper Besitz ergriffen hatte. Mit Mühe schaffte er es, sie in die Realität zurückzuholen, in der ihre Mutter auf dem Heimweg ermordet neben der eisernen Treppe lag. Weinend blieb Amarinta am Tisch zurück, zusammen mit dem alten Priester, der in sich gekehrt betete.
Trauer lag über dem blauen Haus, trotz des erfolgreichen Abschlusses an der Uni fehlte die Freude. Amarinta hatte genügend gehört und gesehen von der Ungerechtigkeit, die jedes Leben begleitet. Sie hatte gelernt, mit dem Leid fremder Menschen umzugehen, aber als sie ihre eigene Mutter in der Gerichtsmedizin identifizierte, versagten ihr die Kräfte. Die Polizei behauptete, eine Bande von Drogenabhängigen habe auf die Tageseinnahmen spekuliert. Es gab keine Zeugen, die das bestätigten. Amarinta war sich sicher, dass die Mörder mit dem Puertoricaner aus Italien unter einer Decke steckten. Wenngleich die Beamten sich nicht überzeugen ließen, hielt sie daran fest: Mutter ist gestorben, weil sie von den kriminellen Geschäften gehört habe.
Zuerst trauerte Amarinta, wie man um seine Mutter trauert, Träne um Träne. Mit der Zeit verwandelte sich ihre Trauer in Hass. Wiederholt ließ sie sich von dem Alten erzählen, was ihre Mutter in jener Nacht über diese Verbrecher gesagt hatte. Der Name Miguel brannte sich in ihr Hirn wie das Wort Rache. In diesen Momenten sehnte sie sich nach Mathew mit seinen sozialen Verbindungen. Leider hatte er ihr nie verraten, wo er in Miami studierte. Bei seinen Eltern nachzufragen, traute sie sich nicht. Die Stunden an der Uni, die Suche im Internet nach einem Job auf der Insel Puerto Rico, bei einer Arbeitslosenquote von 21,5 Prozent, glichen einem Glücksspiel. Nach all den Wochen, den Absagen, verabschiedete sie sich von ihrer Kommilitonin, die ihr gegenüber am Computer saß und den Arbeitsmarkt nach freien Stellen durchforstete. Beim Hinausgehen von Amarinta stoppte ein Aufschrei, dann das Rudern mit den Armen der Leidensgenossin: „Schau her, meine Freundin, komm zurück!“ Die Kommilitonin kritzelte auf ein Blatt Papier und schob die Internetadresse über den Tisch.
Amarinta setzte sich wieder an den Computer, öffnete die Seite, las von den illegalen Machenschaften einer Voodoo-Sekte in Italien. Von Händlern, die Mädchen einschleusten und zur Prostitution zwangen. Von Heilsuchenden, die sich zu willenlosen Kreaturen wandelten, von Abtrünnigen, die spurlos verschwanden. Sofort schoss ihr wieder dieser Miguel durch den Kopf, und ihr Hass war erneut entfacht. Am Ende der Seite ein Link zur Stellenausschreibung:
Zur Verstärkung unserer psychosozialen Beratungsstelle in Mailand suchen wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter! Die Aufgaben sind: Betreuung von Opfern und Aussteigern krimineller Sekten. Wir stellen gerne Bewerber und Bewerberinnen aus dem Ausland ein!
Amarinta jauchzte vor Glück, denn mit ihrer Sprachbegabung, dem Spanischen, dass dem Italienischen ähnelt, hatte sie beste Voraussetzungen für die Welt da draußen. Die fundierten Kenntnisse über Voodoo, Santeria und Strafrecht ließen auf eine Zusage hoffen. Ihre Zukunft in der Fremde ermutigte den Priestervater, sie vorbehaltlos zu unterstützen. Mit Mehl zeichnete er in den Sand und rief die Loa mit ihrer Macht zu Hilfe. Er stimmte sie mit frischen Kräutern gnädig, opferte Hühner, ließ Trommeln sprechen und Gefäße mit geweihtem Wasser füllen. Drei Tage dauerte das Fest, drei Wochen, bis die Zusage aus Italien im Sekretariat der Universität eintraf.
Nachdem der Papierkram über die Botschaft erledigt war, verkaufte sie den Imbiss an eine Nachbarin. Diese übernahm auch den Haushalt des alten Priesters und versprach, mit Amarinta in Kontakt zu bleiben. Schweren Herzens verabschiedete sich die 24-Jährige von dem Alten, der ihr wie ein Vater zur Seite stand. Am meisten hoffte sie bald, die Suche nach diesem Miguel Fuentes zu initiieren. In der Gerichtsmedizin hatte sie ihrer verstorbenen Mutter geschworen: Sobald meine Füße italienischen Boden berühren, werde ich diesen Bastard mit seinem Panamahut jagen, egal, wie lange es dauert.
Mit den beiden Koffern ihrer Mutter kam Amarinta einst auf diese Insel. Mit ihnen verlässt sie das blaue Haus, das den Stürmen des Meeres trotzt, obwohl es unaufhaltsam an den Ecken bröckelt.
TAZ:
EU-Minister senken die Fangquoten. Dorsch und Hering erhalten dieses Jahr eine Erholungspause.
Reisende auf dem Weg nach Rom ausgeplündert. Räuber setzte Zugabteil unter Narkosegas.
Verhandlungen der …
Die Augen eines 49-Jährigen pflücken Buchstabe für Buchstabe aus den fett gedruckten Schlagzeilen einer Tageszeitung. Seine Stirn schlägt Falten, wegen der knapp über dem Boden angebrachten Lüftungsschlitze: Was könnte der mir stehlen? Den Koffer mit seinen defekten Schlössern, die Klamotten, den Kulturbeutel, die Haarbürste – er lächelt, dabei streicht er sich gefühlvoll über die Glatze. Kaffeemaschine, Wecker, Weltempfänger, alles unwichtig. Auf keinen Fall meinen Laptop mit meinen Gedankenkrücken, sie wären verloren. Ein Griff in die Innentasche des neben ihm hängenden Sakkos bringt eine Geldbörse zum Vorschein, die sofort in seine Gesäßtasche wandert. „Ha no, mei Geldsekl isch tabu“, flüsternd grinst er über seinen Dialekt. Wenn einer in Italien ein minimum an Deutsch beherrscht, begreift er auf keinen Fall Schwäbisch. Gebannt starren seine Augen wieder auf die Lüftungsschlitze: „Deinetwegen, du Ganove, würde ich all mein Geld verlieren – der Urlaub wäre zu Ende, bevor ich diese Adria gesehen hätte.“ Das Brabbeln erleichtert sein Wachbleiben, denn er hatte gelernt: Im Schlaf funktioniert der Geruchssinn beim Menschen nicht. Eines wirft Fragen auf: Welche Menge an Gas müsste der Bursche, bei diesem Raumvolumen, zum Einsatz bringen, um jemanden zu betäuben? Er zweifelt am Gelingen und bleibt wachsam.
Die Dunkelheit hinter der Fensterscheibe lässt ein aufgeräumtes, einzig von ihm benutztes Abteil widerspiegeln. Ein Blick auf die Armbanduhr – sechs Stunden bis Marghera begleitet das Poltern der Waggonräder, wie das Klappern des Schiebefensters, in der abgestandenen muffigen Luft. Für ihn lange her, dieses Erlebnis Eisenbahn.
Bei der Ankunft an der Hotelrezeption hat der Deutsche Mühe mit seiner aufrechten Haltung. Abgestützt an der Theke sagt er: „Ha no, hier mein Ausweis“, der Hotelportier sucht geschäftig im Belegungsplan des Computers. „Mathe Nussbaum aus Stuttgart – hab reserviert – ab heute Samstag!“, seine Äußerung wechselt in ein Gähnen über die ausgelegten Prospekte hinweg. „Entschuldigung, die lange Reise, die trockene Luft im Zug, hätten Sie bitte Mineralwasser für mich?“
„Un momento per favore“, der Portier holt aus der Bar nebenan eine Flasche San Pellegrino, stellt sie auf die Brüstung der Rezeption: „Bitte Signore! Ihr Zimmer 201, zweiter Stock. Nach der Treppe sehen Sie ein Schild ‚Doccia‘, drehen links und am Ende …“
Nussbaum verdrängt, hört nicht mehr zu, schnappt die Flasche, den Schlüssel, quält sich die Treppe hinauf. Auf dem Zimmer angekommen, entgleitet der Koffer seiner Hand, kracht auf den Boden, dabei platzen die Schlösser auf. Sofort greift er inmitten der Socken nach dem Wecker, dessen Minutenzeiger auf die Zehn zugeht: „Zu spät, um aufzustehen, zu früh fürs Bett“, sagt er, stellt ihn auf den Nachttisch. An diesem heiteren, wolkenlosen Vormittag fehlen die Vorhänge, da hilft nur ein Schlafmittel. Er entledigt sich der Klamotten und verschwindet unter der Bettdecke.
Durch Schreie wacht er gegen 19:30 auf. Was war das? Sitzend auf der Bettkante, warten seine Augen in der fremden Umgebung auf Orientierung. Die trockene Kehle kratzt, die Haut schweißgebadet – fürs Erste ist Duschen angesagt. Das Bad liegt, er erinnert sich, da draußen neben dem Flur. Die Reste des Schlafmittels im Blut lassen seine Suche unkonzentriert verlaufen.
Eine offen stehende Türe, ein Waschbecken, an dem Badetücher hängen, er murmelt: „Meine Blase, das wird knapp“. In der Eile stolperten seine Beine über ein Frotteehandtuch, das am Boden lag. Nachdem er sich wieder gefangen hat: „Entschuldigung! Bitte vielmals um Vergebung – ein Versehen!“ Zu seinem Entsetzen steht dort ein Bett, darin – er traut seinen Augen nicht, ausgestreckt ein Nackter. Wie schräg das hier aussieht und was ist das für eine rote Farbe? Fluchtartig verlässt er den Ort, hastet den Flur entlang, rumpelt durch die Tür mit dem Schild ‚Gabinetto‘. Im Anschluss betritt er erleichtert nebenan die ‚Doccia‘. Auf der Türschwelle starrt er auf ein verschmiertes Rot an den Fliesen. Entdeckt unter dem Waschbecken eine weibliche Person, zusammengekauert, den Wahnsinn in ihren Augen, fuchtelnd mit einem Hackmesser. Im Nu schießt es durch sein Hirn, das ist Blut.
Geschockt flüchtet er, schreckt dabei ein Huhn auf und stürzt hinunter an die Rezeption. Stotternd
