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Markus Sontheim segelt mit seiner Jacht die kroatische Küste entlang. Sein Ziel ist Griechenland. Bei einem Zwischenstopp lernt er Nadja kennen, die ihn um Hilfe bittet. Sie ist auf der Flucht vor ihrem Arbeitgeber, einem Archäologen, der seinen Luxus mit dem Schmuggel von Artefakten finanziert. Von diesem Tag an gerät Sontheim in große Schwierigkeiten. Es geht um eine goldene Mondsichel aus der Zeit der Nabatäer. Sontheim muss einer Kommissarin seine Unschuld beweisen, indem er Nadja, die in den Fall verwickelt ist, über Griechenland nach Sizilien folgt. Dort trifft sich der Schmugglerring, und Sontheim erlebt eine Überraschung. Er segelt nach Venedig, wo er sich als Bildhauer durchschlägt und verliebt sich in eine Angestellte der Manufaktur, die ihm ein Atelier zur Verfügung stellt. Erneut gerät er in die dubiosen Machenschaften einer New Yorker Galerie und wird Opfer eines Anschlags.
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Seitenzahl: 400
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Erster Teil: Eine verhängnisvolle Reise
Die Mondsichel
Fažana
Auf der Flucht
Zadar
Susak
Der Taucher
Der Antik-Laden
Der Museumswärter
Die Rothaarige
Rostige Begegnung
Albträume
Blaue Fensterläden
Die Grotte
Nidri
Die Explosion
Nadjas Brief
Die Überfahrt
Die Entscheidung
Zweiter Teil: Die Kunst des spekulativen Kniffs
Ankunft in der Lagune
Soho
Orientierungslos
Rustikales Ambiente
Der Kunde
Das Atelier
Der Commissario
Possenspiele
Das Laguiole-Messer
Anschuldigungen
Die verlassene Insel
Der Geburtstag
Die Farbe des Blutes
Dienstreise
Fakten
Die Entscheidung
Eine perfide Strategie
Suizid
Das Verhör
Rückkehr
Erklärungen
Ein aufregendes Brennen auf der Haut, dazu das gleißende Gelb. Mit funkelnden Augen betrachtete er ein glühendes Gefäß, in dem ein Klumpen anfing zu wabern. Eine Blase aus Ziegenleder führte der Glut durch ein Tonrohr stoßweise den nötigen Sauerstoff zu. Die Farbe des Batzens zeigte, dass die Hitze einwandfrei war. Was für ein Anblick!
Rabilos, Steinhauer in Petra, hockte am Boden in der Kochecke. Dort, wo sonst der Kessel seiner Ehefrau dampfte, konzentrierte er sich voller Begeisterung auf das Gießen von Gold. Eine wahrhaft fesselnde Herausforderung, die er da zu meistern hatte. Mit den bescheidenen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, ergänzte er dies durch seinen Tatendrang. Am Anfang gab es leider ein paar Verunreinigungen wie Luftblasen, die die Oberfläche des erkalteten Gusses verunreinigten. Die Form zerbrach wiederholt beim Gießen, weil sie dem Druck des Gases im Inneren nicht standhielt. Eine Idee schaffte Abhilfe: Rabilos veränderte das Mischungsverhältnis der Lehmform, und siehe da, die Versuche brachten den gewünschten Erfolg. Die beigefügten Strohhäcksel verbrannten und hinterließen winzige Poren, durch die das Gas entweichen konnte.
Rabilos arbeitete am Tag nicht zu Hause vor seinem Lehmbau, sondern im Zentrum von Petra, an den Felswänden eines Tempels der Göttin Allat. Die Priester verkündeten: Sie ist die Göttin, die aus der Mondsichel erscheint. Die Gläubigen riefen sie an, damit Allat die Reisenden beschützte, wie zu Gewinn, Reichtum und Beute man ihre Hilfe beanspruchte. Aufgrund ihrer Popularität beauftragte der Stadtrat Rabilos, ein Scheinportal direkt in eine Felswand zu meißeln. Die Steinmetze, die an diesem Portal arbeiteten, gaben ihr Bestes, um mit den aufwendigen Ornamenten, den ausladenden Gesimsen und imposanten Säulen im Wettstreit mitzuhalten, der im Tal an den Felswänden herrschte. Rabilos und seine Helfer kletterten täglich die seitlich in den Fels gehauenen Tritte hinauf. Dabei war größte Konzentration gefragt, denn Unachtsamkeit über den Abgrund führte unweigerlich zum tödlichen Absturz.
Verstreut um die Schlucht lagen die Baustellen der wetteifernden Bauherren, deren Klopfgeräusche in wechselnden Rhythmen von den Felsen hallten. Gegen Abend färbte die untergehende Sonne die in den Fels gehauenen Ornamente goldrot. Müde sahen die Arbeiter hinunter auf den Marktplatz. Kaum war das geschäftige Treiben dort zu Ende, bereiteten sie sich auf den Heimweg vor.
Petra liegt im südlichen Negev im Wadi Musa (Tal des Moses). Sie war die Hauptstadt der Nabatäer, die das Tal ab 300 v. Chr. besiedelten. Von der arabischen Halbinsel kamen Tausende Menschen in den Negev, sich dort, um Petra herum, niederzulassen. Die Stadt besaß eine strategisch günstige Lage, denn ihr Zugang zu einer Schlucht war problemlos zu verteidigen. Jahrhunderte v. Chr. beherrschten die Nabatäer das heutige Palästina, Jordanien, den Sinai und einen Teil der arabischen Halbinsel. Mit der Eroberung von Damaskus dehnten sie ihre Macht bis nach Syrien aus. Truppen kontrollierten die Routen der Karawanen zwischen Arabien und dem Mittelmeer, sie gewährten den Händlern gegen einen Tribut sicheres Geleit. In der Stadt Petra lebte man vom Handel, ebenso das Handwerk genoss hohes Ansehen. Damit begründeten sie ihren stetig wachsenden Reichtum, der sich in ihren prächtigen Bauten widerspiegelt.
An manchen Tagen staute sich die Hitze im Tal. Jeder Wassertropfen, der den Boden berührte, verschwand in Sekundenschnelle. Wenn Sandstürme mit ihrem Staub die Sonne verdunkelten, erlahmte das Leben auf den Straßen wie auf den Plätzen. An solchen Tagen war es besser, zu Hause zu bleiben.
Rabilos Haus, ein Lehmbau am Rande der Stadt, war Werkstatt und Wohnung zugleich, über die seine Ehefrau Mariamme wachte. Sie kümmerte sich um Ziegen, Schafe und einen Esel, der die Waren transportierte. Vor dem Haus, zwischen den aufgeschichteten Steinblöcken, war genügend Platz für kleinere Auftragsarbeiten. Ein dicht gewebtes Tuch, über aufgestellte Stangen aus Holz gehängt, schützte den Steinmetz vor der Sonne. Erinnerungen an die Zelte, in denen er seine Kindheit bei den Nomaden verbrachte.
Neben dem Haus bewirtschaftete seine Ehefrau den Garten. Dort wuchsen Feigen, Oliven-, Granatapfel- und Aprikosenbäume. Ihre Aufmerksamkeit galt zwei Weinstöcken, deren Trauben im Sonnenwind zuckersüß reiften. Leider brauchten sie wegen ihrer zarten Schale Schutz vor den Sandstürmen. Hatte sie das Abdecken vergessen, war die gesamte Ernte zunichte. Sobald es in Strömen vom Himmel regnete, füllten sich die künstlich angelegten Teiche wie Zisternen. Hinzu kamen zahlreiche Quellen, geheim gehaltene Brunnen, die den Bedarf der Bewohner kontinuierlich deckten. Die in den Fels gehauenen Kanäle führten das Wasser bis in die Häuser. Ein ausgeklügeltes Leitungssystem, mit dem die Bewässerung der Gärten und der Landwirtschaft gesichert wurde.
Direkt neben dem Wohnhaus stand der Brennofen von Mariamme. Sie war eine geschickte Töpferin für Zier- und Gebrauchskeramik. Flache Schalen, eine Besonderheit, mit millimeterdünnen Wänden, die über Formkerne gezogen, eine annähernd gleichmäßige Größe erhielten. Nach dem Brand bemalte sie den ziegelfarbenen Ton mit stilisierten Blattranken in dunkelbrauner Farbe, was den Gefäßen eine spezielle Note verlieh. Nicht nur die Einheimischen schätzten die Arbeiten, ebenso viele Händler begehrten ihre Stücke. Mit den Karawanen gelangte ihre Ware bis in die entlegensten Gebiete.
Wenn genügend Keramik den Brand überstanden hatte und ihr Lager keinen Platz mehr bot, verkaufte Mariamme die Produkte auf dem Markt. Solange sich die Morgensonne hinter den Bergen versteckte, trug ihr Esel mit schläfrigem Tritt die prall gefüllten Korbtaschen zum Marktplatz. Rasch füllte sich der Platz mit Handwerkern, Händlern und Karawanen, die aus den entferntesten Regionen ihre Waren anpriesen. Beduinen suchten nach geeigneten Stücken für ihre ferne Kundschaft. Die Einheimischen strömten herbei, um sich mit allerlei Nützlichem einzudecken.
Wie seit Jahren breitete Mariamme eine schwarzbraune Decke aus gewebtem Ziegenhaar im Sand aus und bot den Marktbesuchern Öllampen zwischen unterschiedlichen Tellern an. Ihr gepflegtes Äußeres, ihre markanten Augen, ihr schwarzes Haar, das ungezähmt unter dem Kopftuch hervorlugte, zog die Blicke der Fremden auf sich. Noch war die Töpferin mit dem Aufstellen beschäftigt, da bestürmte sie die Kundschaft mit Fragen, Käufer feilschten sofort um den besten Preis. An diesem Tag fanden Beerdigungen statt, und die Nachfrage nach Tontellern war enorm. Der Totenkult verlangte von den Trauernden, am Ende eines jeden Totenmal alle Tongefäße zu zerstören.
Von Stunde zu Stunde füllte sich der Platz mit Menschen. Zwischen ihnen amüsierten Gaukler mit ihren Künsten, Geschichtenerzähler versetzten ihre Zuhörer in Spannung. Der Wind trug den frischen Duft von Gewürzen, Weihrauch und Myrrhe durch die Reihen. Wasserverkäufer mit prall gefüllten Beuteln aus Ziegenleder jonglierten mit Bechern, die sie zielsicher aus einer Armlänge Entfernung füllten. Vereinzelt wirbelten Kamele und Esel Staub auf, der sich wie ein Schleier über das Geschehen legte.
Sobald die Sonne die Bergspitzen erreichte, war die Hälfte der Ware von Mariamme verkauft, und es blieb Zeit zum Plaudern. Der neueste Klatsch und Tratsch aus der Region, wie die mitgebrachten Neuigkeiten der Karawanen aus allen Himmelsrichtungen.
Ein Beduine verweilte prüfend vor dem Rest der Keramiken und konzentrierte sich auf eine Schale, die wegen ihrer Größe und Verarbeitung einen hohen Preis hatte. Mariamme bemerkte sein Interesse und gab ihm das Stück zur näheren Begutachtung. Dabei blieb ihr Blick wie versteinert auf den Kunden gerichtet: hochgewachsen, in schwarzes Gewand gekleidet, mit raffiniert gewickeltem Tuch um das Haupt. Seine Zähne strahlten makellos blütenweiß neben der braunen Haut seines Gesichts.
Die Töpferin feilschte mit minimalen Zugeständnissen, bis die Ware den Besitzer wechselte. In ein Stück Tuch gehüllt, schob der Beduine den Teller unter den Arm und wandte sich ab. Ein paar Schritte weiter drehte er sich um, zeigte wieder sein weißes Lachen: „Ich suche einen, der mit Gold arbeitet, kennen Sie jemanden hier in Petra?“
Sie zögerte nicht, sah die Chance, ihren Ehemann als den Geschicktesten vorzuschlagen. Ausführlich beschrieb sie den Weg zum Haus.
Wieder fragte der Beduine: „Wann treffe ich Euren Gatten in seiner Werkstatt?“
Sie sah zum Himmel auf: „Wenn die Sonne hinter den Felsen verschwunden ist, erwartet mein Ehemann den ehrwürdigen Herrn.“
Der Beduine verneigte den Kopf und verschwand mit dem Bündel unter dem Arm in der Menge.
Die glühende Sonne im wolkenlosen Blau hatte ihren Zenit überschritten … Zeit, den Nachhauseweg anzutreten. In den Körben sah man nur noch ein paar Stücke, dafür einen prall gefüllten Münzbeutel zwischen den eingetauschten Lebensmitteln. Das Grautier benötigte keine Aufforderung mehr für den Rückweg, denn am Ende wartete das Futter auf ihn. Dort angekommen, versorgte sie zuerst das Tier und erst im Anschluss ihren eigenen Magen.
Zum Ausruhen blieb keine Zeit, denn der Ofen war abgekühlt und nicht geleert. Mariamme legte die gestapelten Tonwaren auf einen Steinblock im Freien. Sorgfältig prüfte sie, dass keines der Stücke vom Brand Mängel aufwies. Daraufhin füllte sie erneut den Bauch des Ofens nach altbewährter Methode auf. Das von ihrem Ehemann vorbereitete Brennholz lag auf einem Haufen dicht daneben. In der kargen Gegend mischte man getrockneten Kamelmist bei, der für genügend Glut in der Brennkammer sorgte.
Das Sonnenlicht versank hinter den Bergen, und es kehrte wieder Stille im Tal ein. Nach dem gemeinsamen Essen, das die Eheleute im Liegen eingenommen hatten, säuberte Mariamme die Feuerstelle. Ihr Ehemann ruhte sich derweil im Schein der Öllampen aus, als dumpfes Getrampel seine Aufmerksamkeit erregte. Eine Stimme bat um Einlass.
Sie schob das dicke Tuch beiseite, das den Eingang verbarg, und erkannte den Beduinen mit seinem Kamel. Sofort rief sie ihren Ehemann, um den Gast zu begrüßen. Dieser hieß ihn im Haus willkommen. Mariamme bemerkte, dass der Fremde ihren Lebensgefährten um zwei Köpfe überragte. Beim Eintreten zwang ihn der hölzerne Querbalken über dem Eingang zu einer gebückten Haltung. Rabilos bot dem Gast einen Platz auf einem der kostbar gewebten Teppiche an. Seine Ehefrau reichte ihm zur Begrüßung einen Becher Baumhonig mit frischem Wasser. Nach dem ersten Schluck äußerte der Gast den Wunsch eines Kunden aus dem fernen Hafen am Mittelländischen Meer. Er hatte ihn beauftragt, ein goldenes Bild des Mondes in Auftrag zu geben. Seine Hand deutete auf den Tonteller mit Früchten, der die Mitte des Teppichs markierte. Die typischen Muster der Region sind bedeutungsvoll, denn mit ihnen reist die Seele dieses Tals nach Rhodos. Zu einer in Petra geborenen, die als Mädchen auf die ferne Insel verkauft wurde. Der Beduine fragte: „Könnte man ein Stück nach dieser Idee gestalten?“
Rabilos zögerte, aber seine Ehefrau bemerkte das sofort und reichte dem Gast wieder einen gefüllten Becher: „Ehrenwerter Herr, für meinen Ehemann ist es ein Leichtes, diesen Auftrag auszuführen!“
Ihr Verhalten verwunderte den Besucher, denn landläufig erlaubte man nicht dem weiblichen Geschlecht, ihre Meinung zu äußern, solange die Männerwelt diskutierte. Rabilos vertraute ihr, da sie das größere Verhandlungsgeschick besaß. Er ließ sie ausreden und schloss sich sofort ihren Worten an: „Ich besitze alles, was zum Gießen des Goldes nötig ist, und es ist mir eine Ehre, für Sie, erhabener Herr, zu arbeiten.“ Es folgten die Einzelheiten über die Ausführung des Stückes, der Preis, der mit Handschlag besiegelt wurde.
„Nach zwei Monden kehre ich mit meiner Karawane zurück, um Ihre Arbeit in Empfang zu nehmen!“ Der Fremde sagte es, leerte den Becher in einem Zug, stand auf, verneigte den Kopf und verschwand in der Dunkelheit der Nacht.
Nach der täglichen Arbeit im Fels verfeinerte Rabilos seine Gießtechnik, bis er den richtigen Zeitpunkt für den Guss gefunden hatte und bereit war, den Auftrag auszuführen.
Mit Holzkohle zeichnete er auf Steinplatten die Ornamente, die er von Mariammes Keramikarbeiten übernommen hatte. An den folgenden Abenden gab es für die beiden ein Gesprächsthema: Form, Muster und das Wichtigste – wie die Seele von Petra darin zu finden sei. Beim Bearbeiten des Felsens aus Sandstein suchte Rabilos nach Einschlüssen, nach Ausgefallenem, das in seiner Art herausragte. Die farbigen Fragmente, die er fand, hielten seiner Einschätzung nicht stand, und es verging die Zeit ohne Ergebnis.
Bis eines Tages merkwürdige Stücke aus einer Gesteinsader herausbrachen. Darunter ein eiförmiges Exemplar von silbrig-weißer Farbe, dessen Material sich seidig anfühlte. Es roch frisch, nicht, wie der modrige Sandstein. Diese matt glänzende Oberfläche – hatte er bisher noch nie gesehen. Seiner Freude ließ er derart freien Lauf, dass ihn seine Mitarbeiter erstaunt ansahen: „Das ist es, das ist die Seele meiner Mondsichel, Allat ich danke dir“, prüfend drehte der Steinmetz den Brocken in der Hand, steckte ihn in seine Umhängetasche und verließ eilig die Felswand.
Zu Hause schliff er den Stein zu einer flachen Scheibe, bis die Oberfläche das Sonnenlicht reflektierte. Eine umlaufende Kerbe sorgte für eine sichere Verbindung mit dem Guss. Mit dem entstandenen Abfall testete er das Verhalten bei Hitze im Vergleich zum Gold und entdeckte: Das unbekannte Material verflüssigt sich gegenüber dem Edelmetall zügig. Er zeichnete mit einem Holzkeil die Ornamente in den feuchten Ton und passte die Scheibe mittig in den inneren Segmentbogen ein. Nun war es an der Zeit, Gold zu kaufen. Für eine Sichel von der Größe eines Fußes benötigte man, so er berechnet hat, 21 Klumpen vom Umfang eines Dattelkernes. Die Händler auf dem Markt hatten das Edelmetall nicht jeden Tag im Gepäck. Obendrein war bei der Auswahl auf dessen Reinheit zu achten.
Am nächsten Tag schickte er Mariamme auf den Markt. Verblüffend problemlos fand sie Kaufleute, die pures Gold anboten. Mit allen Tricks einer Händlerin feilschte sie. Geschickt verbarg sie den wahren Grund, damit kein Verkäufer die Wichtigkeit ihres Anliegens bemerkte, denn sofort wäre der Preis ins Unermessliche gestiegen. Am Ende des Tages überprüfte sie den Inhalt des Lederbeutels: das ist genug von den stattlichen, gelb schimmernden Klumpen.
In derselben Nacht setzte Rabilos seine Arbeit fort. Er mischte Holzkohle mit getrocknetem Kamelmist und füllte damit die Kochmulde auf. In der Restwärme des leeren Töpferofens erhielt die Gussform die nötige Temperatur, um dem Gold das Fließen zu erhalten. Wie seit Tagen geübt, verflüssigte er die Klumpen. Nicht vor Hitze, sondern vor Aufregung standen ihm die Schweißperlen auf der Stirn: Würde das Eingießen funktionieren, ohne dass der Stein darunter litt?
Beherzt goss er das Metall vom Rand aus in die heiße Form. Mit den letzten Goldtropfen floss es dem Kern zu und traf mit verminderter Hitze auf die Kerbe. Es dampfte kurz auf und verschmolz, ohne Schaden anzurichten. Mit Bedacht zerbrach er die Form und war beeindruckt, wie exakt sich die Muster der Blattranken abzeichneten. Sie teilten die Sichel in drei Felder, über denen das Symbol der Gottheit silbrig glänzte. Nach dem Aushärten polierte er das Stück mit einem in Baumharz getränkten Tuch, an dem feinste Sandkörner klebten. Die fertige Mondsichel stellte er auf einen Steinblock neben der Feuerstelle.
Gemeinsam mit seiner Ehefrau begutachteten sie das vollendete Werk. Mariamme hob die Sichel zum Himmel: „Allat, die aus einer Mondsichel hervorgeht, sie ist des Priesters Segen wert.“ Sie sprach es aus, wünschte sich das Juwel am liebsten sofort in die Hände des Beduinen und den Lohn in den Beutel ihres Ehemannes.
In den Tagen des Wartens auf den Käufer überfiel Rabilos eine seltsame Krankheit. Die Erschöpfung ließ die Muskeln erschlaffen, zusätzlich kamen Blutungen aus seiner Nase, Mund, Zahnfleisch und Enddarm. Die herbeigerufenen Ärzte fanden keine Erklärung für das Leiden. Kräuter, Salben, sogar Zaubertränke, nichts half dem Steinhauer. Ohne den Lohn seiner Arbeit zu erhalten, starb Rabilos nach kurzer Zeit qualvoll.
Die Witwe versank in Trauer und verließ das Haus, nur wenn es nötig war. In Gedanken versunken saß sie da, schaute zur Tür hinaus, hoffte, dies sei ein schrecklicher Traum. Sie bereitete das Abendmahl vor, wie jeden Tag, als ob ihr Ehemann von der Arbeit käme. Niemand sah ihre Töpferwaren auf dem Marktplatz, denn der Brennofen blieb verschlossen. Der Garten bot ein Bild der Verlassenheit. Vor dem Haus, an den Holzstangen, hing das Sonnendach, vom Wind in Fetzen gerissen. Den treuen Esel mit den Ziegen ließ sie frei. Alles ruhte, seit der Tod in ihr Leben getreten war.
Nach zwei Monden stand der Beduine, wie verabredet, im Hause der einst bildhübschen Töpferin. Sie war ihm fremd, voller Trauer, mit gebrochener Freude. Eine Witwe, in den Händen eine Holzkiste, in der, auf Stroh gebettet, die Mondsichel golden schimmerte. Bewundernd verneigte sie den Kopf und drückte ihre Zufriedenheit über die Arbeit ihres Ehemannes aus. Ohne um den Preis zu feilschen, übergab er der Witwe, was einst mit Handschlag besiegelt worden war. Um ihr Wohlergehen versprach er, am nächsten Tag wiederzukommen.
Diese Geste des Beduinen schmeichelte Mariamme. Nachdem er ihr Haus verlassen hatte, durchströmte sie ein Gefühl, als wäre sie neugeboren. Mit Geschenken und den köstlichsten Speisen wiederholte er seine Besuche. Er drängte sie von Mal zu Mal mehr, diesen Ort mit all seinen Erinnerungen zu verlassen, um das Leid zu vergessen. Durch seinen ausgedehnten Handel ermöglichte er ihr, fremde Kulturen kennenzulernen.
Zuerst lehnte sie ab, doch er blieb hartnäckig. Tage des Zögerns vergingen, bis sie ihre Sachen packte, um in ein neues Leben aufzubrechen. Die Karawane zog los, an der Seite des Anführers eine hoffnungsvolle Witwe, im Gepäck die goldene Sichel. Ein Abenteuer auf dem Rücken eines der über hundert Kamelen lag vor ihr. Sie hoffte auf ein friedvolles Beisammensein mit diesem Unbekannten.
Die erste Reise führte an die Küste des Mittelmeeres in die Hafenstadt Askalon. Nicht lange, da verließen Mariamme die Kräfte, und die Gruppe war gezwungen, eine Pause einzulegen. Verständnisvoll bemühte sich ihr Gönner um Distanz, respektierte ihre Trauer, ihre Schwäche. Trotz der Hitze des Tages verlangte die Kälte der Nacht nach mehr wärmenden Decken, als zu Hause nötig waren. Gewöhnungsbedürftig war hauptsächlich die Einsamkeit inmitten der fremden Menschen. Sie vermisste den Marktplatz mit dem bunten Treiben der Gaukler und den vertrauten Gesprächen unter den besten Freundinnen.
Allmählich rebellierte ihr Körper mit seinen Hautfalten, in die Sandkörner eindrangen und zu reiben anfingen, bis es schmerzte. Die Töpferin sprach nicht darüber, sie biss die Zähne zusammen, denn die anderen waren nicht besser dran. Es gab kaum Abwechslung in der Wüste. Vereinzelte Windböen wirbelten Staub auf und legten die Skelette toter Tiere frei. Wenn man Glück hatte, trafen sich zwei Karawanen, die pausierten, um Neuigkeiten auszutauschen. Hierbei handelte es sich um die neuesten Überfälle, die den Händlern wiederholt Sorge bereiteten. An den Wasserlöchern, den Oasen, füllten sie die Vorräte auf und erzählten sich Geschichten, bei denen der Wunsch wuchs, das Mittelmeer zu erreichen. Als die Karawane den höchsten Punkt eines Hügels erreichte, schien es Mariamme, dort in der Ferne kämen die Häuser der Hafenstadt auf sie zu. Ihr Gesicht erhellte sich für kurze Zeit, leider stellte sich heraus, es waren nur vereinzelte Felsbrocken, die ihren Augen täuschten. Resigniert ließ sie sich von den Kamelen weiter treiben.
Wieder erschwerte eine gewaltige Düne das Vorankommen. Kaum waren die ersten Tiere auf der Kuppe, breitete sich eine Welle der Unruhe bis zum Ende der Karawane aus. Es war keine Fata Morgana, denn in der heißen Luft flimmerten die Umrisse von Gebäuden. War das die Stadt Askalon? Mariamme bezweifelte es, obwohl die Kamele hastig voranschritten und ihre Begleiter Mühe hatten, sie zu bändigen. Im Tal zwischen den Sandbergen verschwand erneut das ferne Bild aus ihren Augen. Sie übte sich in Geduld, am hoffentlich letzten Lagerfeuer, eine letzte Nacht auf diesem langen Weg.
Nach einem Tag war es geschafft, die Karawane stand vor einem Blau, einer für Mariamme neuen, unbekannten, wogenden Weite. In der Ufernähe warteten zahlreiche Boote darauf, dass ihre hölzernen Körpern beladen werden. Holzplanken verbanden die Schiffsrümpfe mit dem Land, auf denen Sklaven geschnürte Bündel neben Amphoren auf ihren Rücken trugen. Unter dem Gewicht der Lastenträger bogen sich die dicken Planken bis zum Wasser durch. Man sah Galeeren, die bis an die Grenzen ihrer Tragfähigkeit beladen waren. Das geschäftige Treiben erinnerte Mariamme an ihren Marktplatz in Petra. Direkt am Hafen, unweit der geduckten Häuser, schlug die Karawane ihr Lager auf. Die frische Seeluft mit ihrem Salzgeruch versetzte die Töpferin in einen belebenden Sinnenrausch.
Jetzt waren die Wüstenschiffer aus Petra mit ihren Waren an der Reihe. In dem turbulenten Treiben der Händler, der Lastenträger, tauchte der Kapitän des Handelsschiffes auf. ‚Allat, die Mondsichel‘ hatte ihren sicheren Platz für die Überfahrt gefunden. Seit Tagen wartete er auf die Abfahrt nach Rhodos.
Die Fahrt durch diese Gewässer – ein gefährliches Unterfangen, denn Piraten beherrschten das Mittelmeer. Neben materieller Beute versklavten sie Gefangene, schickten Unbrauchbare und Kranke in den Tod. Rom besaß eine kampferprobte Flotte, schien aber dagegen machtlos. Gleichwohl verdrängte der Kapitän die negativen Gedanken, denn die Beschützerin der Reisenden, ‚Allat‘ war an Bord.
Im Hafen von Rhodos, die Überfahrt war problemlos verlaufen, wartete der Kaufmann Atticus auf die Ankunft der Mondsichel. Eigens für seine Gattin Tullia hatte er diese Besonderheit anfertigen lassen. Tullias Kindheit war nicht zu Ende, als man sie ihren Geschwistern entriss. Ohne sie zu fragen, verheirateten die Eltern das Mädchen mit dem wohlhabenden Kaufmann. In ihrer Trauer vergaß sie nie ihre Heimatstadt Petra. Von da an wagte sie sich, von Melancholie geplagt, keinen Schritt mehr hinaus. Wenn Freunde ihres Gatten zu Besuch kamen, verleugnete sie ihre Anwesenheit. Mit der Ankunft von Allat hoffte er auf den heiligen Zauber des Halbmondes, der seine Gattin aus ihrem Zustand befreien würde.
Voller Begeisterung drückte Tullia das Geschenk an ihr Herz und stellte es in ihr Zimmer. Jeden Tag, bevor sie ins Bett stieg, küsste sie den silberweißen Stein. Wie durch einen Zauber trat sie nach all den Jahren auf die Terrasse des Hauses. Des Weiteren spazierte sie geradewegs in den angrenzenden Garten und teilte mit ihrem Gatten die Pracht der Natur. Atticus gesellschaftliche Stellung war es erlaubt, mit seiner Tullia die Veranstaltungen der Philosophen im zentral gelegenen Theater zu besuchen. Gemeinsam durchstreiften sie die Marktstände mit ihren exquisiten Stoffen, Schmuckstücken und Speisen aller Herren Länder. Der Reichtum ihres Ehegatten setzte ihren Wünschen keine Grenzen. Beide holten nach, was sie in den vergangenen Jahren versäumt hatten.
Inzwischen zog die Karawane mit neuen Waren weiter. Mit der Zeit fand Mariamme Gefallen am Leben unter den Beduinen, wären da nicht diese Sandstürme. Sie verbreiteten Furcht und Schrecken, denn sie wirbelten den Sand derart auf, dass man seine eigenen Füße nicht mehr sah. Auch war der Druck des Windes auf die Zeltplanen mitunter zerstörerisch.
Im Laufe der Zeit näherte sich der Anführer seiner umworbenen Mariamme behutsam, bis sie das Nachtlager miteinander teilten. Die Karawane, deren neues Ziel Oboda war, folgte dem Weg vom Mittelmeer zur Weihrauchstraße. Diese Stadt war das Zentrum der beliebten Keramik aus Petra. Mariamme bemerkte eine Traurigkeit, die mit den Erinnerungen an ihre Kunst einherging.
Aus heiterem Himmel veränderte sich ihre Physis, die Haut war blutleer, die Augen versunken, entseelt. Erschöpft sank ihr Körper in den von Hufen aufgewühlten Sand. Helfende Hände hoben das zitternde Wimmern in einen der Tragekörbe, die zu beiden Seiten auf dem Kamelrücken ruhten. Geschwächt taumelte Mariamme in schwankender Höhe, von geflochtenen Bändern festgehalten. Ihr Zustand verschlechterte sich und zwang die Karawane mehrmals zum Pausieren, bis sie Oboda erreichte. Die Kranke war nicht mehr ansprechbar. Unter den Händen eines herbeigerufenen Arztes starb unerklärlich das Funkeln in ihren Augen. Nach ihrer Beerdigung verschwand die Karawane mit ihrem Liebhaber von den Märkten, wie den Häfen.
Auf Rhodos verbrachte Tullia derweil mit ihrem Gatten die Zeit in den Thermen bei Massagen und entspannenden Kräutergüssen. Sklavinnen servierten die besten Speisen der Region, der Wein floss in Strömen. Atticus vernachlässigte die Geschäfte, verbrachte lieber die Tage mit seiner Gattin. Wiederholt dankte er „Allat“, die beider Leben zum Positivsten gewendet habe.
Mit der Zeit verlor Tullia ihre körperliche Kraft. Ihr Gatte führte dies auf den ausschweifenden Lebenswandel der letzten Monate zurück. Zur Erholung zogen sie in ein Sommerhaus auf einem bewaldeten Hügel. Wie erhofft, verbesserte sich Tullias Zustand inmitten der Natur.
Die gemeinsame Zeit auf dem Hof an der Seite der Mondsichel verging in idyllischer Ruhe. Bis eines Tages die Ziegen mit den Schafen ihr Verhalten änderten. Sie drängten aus ihren Ställen, blökten aufdringlich und ununterbrochen, dass es dem Gesinde Rätsel aufgab. Ein Beben der Erde folgte. Wie vom Wahnsinn befallen, stießen die Tiere brüllend gegen das hölzerne Gatter.
Nach einer Pause folgte ein längeres Grollen, und die Bewohner des Hauses rannten erschrocken in die Vorhalle. Atticus beruhigte seine Gattin und die Bediensteten. Die Ruhe war trügerisch, denn urplötzlich fielen Ziegel vom Dach, Vasen krachten von ihren Sockeln zu Boden. Die Vögel flogen in Schwärmen aufgeregt lärmend davon. Ein kurzes Erdbeben von ungeheurer Wucht traf das Anwesen. Tullia flehte ihre Mondsichel um Hilfe an und verlor das Gleichgewicht – stürzte – stand wieder auf. Von einem herabstürzenden Mauerstück getroffen, fiel sie erneut bewusstlos zu Boden. Ihr Gatte eilte herbei und warf seinen Körper schützend über sie.
Die kürzer werdenden Momente heftigen Bebens reichten aus, um das Haus zu zerstören. Staub wirbelte durch die Luft, der Berg grollte erneut, ein Donnern erhob sich aus ihm: Der aufgelockerte Waldboden verlor seine Haftung, riss mit sich, was ihm im Weg stand. Die Lawine aus Erde, Stein, vermischt mit Bäumen, den Trümmern des Hauses, glichen einem sprudelnden, tobenden Wasserfall.
Die Totenstille lag über dem Berg mit seiner zerstörten Idylle, über dem Schlachtfeld dieses besiegten Lebens. Begraben unter den Trümmern, zusammen mit ihrem Gatten Atticus, fand Tullia, die Mondsichel im Arm, mit all ihrem Gesinde ein ewiges Grab.
Um 1400 begründete der Italiener Cyriacus von Ancona die moderne Archäologie. Mit dem Interesse an Artefakten stieg die Zahl der Grabräuber. Sie zerstörten Informationen, darunter Zeugnisse vergangener Kulturen. Ausgesuchten privilegierten Wissenschaftlern erlaubte man, Grabungen zu planen und durchzuführen. Die Ausgrabungsstätten lagen unter Bewachung, denn Kulturschätze gehören in Museen, niemals in die Wohnstuben, degradiert zur Dekoration einer reichen Oberschicht. Im 20. Jahrhundert, als Metalldetektoren zu einem erschwinglichen Spielzeug für Hobbyarchäologen wurden, beobachtete man den Antiquitätenmarkt mit all seinen Artefakten. Hier erfuhren die Archäologen von unentdeckten und nicht kartografierten Gräbern.
Wanderer fanden auf Rhodos am Fuße eines Hügels handgroße Bronzestatuen. Die Lage der Fundstelle verbreitete sich in der Szene der illegalen Schatzsucher mit ihren Metalldetektoren. Die Kulturbehörde sah daher sofortigen Handlungsbedarf. Sie sperrte den gesamten Hügel und beauftragte einen Professor Breuer aus Berlin mit seinem Grabungsteam.
9000 Antiquitäten gestohlen! 74-jähriger Rentner in Rom festgenommen. Bei einer Fahrzeugkontrolle fand die Polizei drei Säcke voller Diebesgut. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung stellte die italienische Polizei historische Artefakte aus der Zeit der Etrusker und Römer sicher. Neben einem Labor zur Aufarbeitung …
Wasser spritzt über das Deck, der Rumpf kippt sanft zur Seite. Auffrischender Wind weht den sommerlichen Duft von gemähtem Gras und bunten Blumenfeldern aufs Meer hinaus. Flink rollt der Skipper seine Zeitschrift auf, um sie in die Kajüte zu werfen. Die Sonne versinkt hinter dem Horizont, er genießt den letzten Schluck Bier vor der malerischen Kulisse des kroatischen Fischerstädtchens Fažana.
An diesem Spätnachmittag verlieren sich die Silhouetten der Häuser in der Abendsonne vor den blauen Wellen. Der Hafen im Südwesten der Halbinsel Istriens, deren Küste flach ins Meer abfällt, schützt die vorgelagerte Inselgruppe Brijuni vor den Unbilden der Natur. Römer und Byzantiner waren hier in der Vergangenheit ebenso zu Hause wie die Franken und die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie.
Markus Sontheim folgt mit geblähten Segeln den prächtigen Jachten, auf denen die Damen nach einem ausgiebigen Sonnenbad ihre Nacktheit verhüllen. Sobald die Segel ihr letztes Flattern geben, entsteht ein Gedränge um die besten Plätze im Hafen. Derweil die Passagiere von Deck an Land springen, um sich am Abend zu vergnügen, knarren die Masten bei jeder Welle und die Leinen der Boote quietschen.
Freizeitkapitäne, für die Geld eine untergeordnete Rolle spielt, haben sich ihre Plätze in den Marinas reserviert: Ähnlich einem Campingplatz bieten die Anlagen echten Komfort. Solcher Luxus war Sontheim bisher nicht vergönnt, er ist eher ein spartanischer Wanderer durch die Wellen.
Was ist Luxus? Vor seiner Seereise hatte er sich in verschiedenen Jobs über Wasser gehalten, blieb Zeit und Geld übrig, investierte er es in sein Atelier. Seine Leidenschaft für die Kunst, seine Hartnäckigkeit in den erfolglosen Jahren, belohnte eine Galerie mit der Ausstellung seiner Werke. Sie vergoldete, was sein Hirn mithilfe von Rotwein in den Nächten ausbrütete. Dieser Geldregen befreite Sontheim vom Stadtleben, spülte ihn hinaus in die Natur.
In den ersten Wochen seiner Reise unter mediterraner Sonne wurde ihm bewusst, wie der schnöde Mammon das Dasein der Menschen beherrscht. Angesichts dessen ist Vorsicht geboten, damit die Windböen des Alltags seine Euphorie nicht zerstören. Bisher war seine Freude getrübt, wenn am Ende des Tages der sichere Hafen überfüllt war. Was blieb ihm anderes übrig, als in einer benachbarten Bucht zu ankern, in einer, die nicht unter der Kontrolle der Gebühreneintreiber stand. Hatte man dort Pech, gab es zur Not beschauliche Plätze weit draußen in der ufernahen Einsamkeit.
Beim Einlaufen in den Hafen von Fažana, mit seiner langen Mole, hat er Glück, heute gibt es genügend Platz. Sontheim steuert sie an, bringt die Fender aus, bereit zum Anlegen. Unvermittelt schießt eine stattliche Motorjacht mit schäumender Bugwelle in sein geplantes Anlegemanöver. Sontheims Blick pendelt zwischen der Jacht, dem Pier und dem Verklicker an der Spitze des Mastes. Dieses Fähnchen zeigt ihm den scheinbaren Wind an, der seinen Kurs mitbestimmt.
Beängstigend schrumpft der Abstand zum Ungetüm, Spritzwasser benetzt seine Brille. Der Alkohol aus der Jever-Flasche verlangsamt seine Reaktion, nicht die Geschwindigkeit der auf ihn zukommenden Motorjacht. Im letzten Moment schiebt Sontheim die Pinne ruckartig von sich weg, beim abrupten Wenden kommt der Großbaum seinem Kopf gefährlich nahe. In gebückter Haltung bemerkt er bis in die Haarspitzen, mit welcher Wucht das Metallteil samt flatterndem Segel über ihn hinwegrauscht.
Knapp entgehen die Jachten einer Kollision und sein Kopf einem schmerzhaften Trauma. Aus der geduckten Haltung bricht seine Wut hervor, er trommelt mehrmals mit dem Fuß gegen die Seiten der Plicht. Vor Zorn bemerkt er nicht, wie die letzte Flasche Jever unter seinen Fuß rollt, ihn flach auf den Boden zwingt. Er hebt den Kopf, um zu sehen, ob da draußen jemand lacht. Nachdem er sich wieder aufgerappelt hat, brüllt er dem rücksichtslosen Skipper mit erhobener Faust entgegen: „Du verfluchter Knochen – Aufpassen, verdammt, in aller Ewigkeit!“
Der aber ignoriert ihn und legt mit aufheulendem Motor an. Sontheims Jacht dreht unfreiwillige Kreise, bis der Drängler das halb im Wasser liegende rote Beiboot über das Heck an Bord gehievt hat. Nach vier Runden hat er die Lücke zwischen dem Ungetüm und einer Segeljacht geschlossen. Die Freude auf das Fischerdorf verdrängt den Ärger, macht Platz für die Eindrücke der alten Häuser mit ihren Gassen, die von Verfall und Heiterkeit gleichermaßen erzählen.
Sontheim bemerkt beim Festmachen, wie der Bug des Nachbarn, einer 45-Fuß-Segeljacht, seinem Ruderblatt bedrohlich nahekommt. Sofort lockert er die Heckleine und zieht seine Jacht mit der Bugleine ein Stück nach vorn. Zurück am Heck erkennt er, dass dies keine der üblichen Charterjachten ist. Sie zeigt ein modernes Cockpit mit elektronischen Armaturen am Steuerstand plus einem Radar über dem Heck. Üppige Sitzkissen, auf denen eine Dame, eine dunkelhaarige Schönheit mit langen Beinen, Sontheim anlächelt und ihm zuruft: „Wie gewagt von Ihnen, mit diesem winzigen Boot über das Meer zu fahren!“
Er bemüht sich, den Anschein von Dickhäutigkeit zu wahren und antwortet: „In den Tiefen der Meere gibt es weitaus imposantere – Größe ist keine Garantie, über Wasser zu bleiben.“
Lächelnd winkt sie ihm zu, steht auf und verschwindet kokett unter dem Deck.
Stimmt: Seine Jacht misst 29 Fuß (ca. 9 m) und hat über 10 Jahre auf dem Buckel. Leider sehen seine Tücher mit den braunen Stockflecken abgetragen aus und haben ihn auf seiner Reise oft in Verlegenheit gebracht, denn Kleider machen Leute und Segel den Skipper. Ein etwas abgewandelter Spruch von Gottfried Keller, aber ein Funken Wahrheit steckt darin.
Er drängt, es ist Zeit, aufzuräumen – klar Schiff machen. Zuerst verstaut er allerlei Segelkram im Heck, dazu den Elektro-Außenborder. Im Anschluss räumt er die Pantry auf, eine winzige Anrichte mit Gaskocher plus Kühlbox. In den Backkisten kontrolliert er die eingelagerten Lebensmittel, füllt den Kanister mit Wasser und ordnet die Flaschen mit dem geistigen Destillat neu. Die Bugkoje mit den herumliegenden Farben, den Pinseln zwischen den gerollten Zeichnungen und den Stapeln unbenutzten Papiers bleibt unberührt. Sein überschaubares, segelndes Atelier ist ihm ans Herz gewachsen.
Wiewohl sehnt er sich, nach der langen Abgeschiedenheit auf dem Wasser wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. Beim heutigen Landgang, einem genüsslichen Bummel durch die lauschigen Gassen, steht der Kauf einer Tageszeitung auf dem Programm. Touristen flanieren zwischen Einheimischen, huschen mit Einkaufstüten über einen Platz vor der Kirche, auf dem Kinder spielen. Ein Café mit runden Tischen, Korbstühlen, die wie Perlen auf einer Kette am Straßenrand stehen, lädt zum Verweilen ein. Bei einer Zigarre, einer Zeitung, einem doppelten Espresso genießt Sontheim die vorbei huschenden Schönheiten.
Der Kellner bedient ihn derart impulsiv, dass der Löffel vom Teller springt. Aufgeschreckt entdeckte er drei Tische weiter die Brünette vom Nachbarschiff zusammen mit einem älteren Pärchen. Sontheims Kurzanalyse: Unter dreißig, vom Wohlstand verwöhnt, reist mit ihren Eltern. Zu jugendlich, zu begütert für ein chaotisches Leben, wie er es derzeit führt.
Sie erkennt ihn, nickt diskret, mit einem aufmunternden Lächeln. Sontheim lüftet seinen Panamahut, legt den Kopf schief, die grauen Haare fallen offen und zerzaust nach vorn. Der Vater vermutet, dass der Gruß ihm gilt, nickt ebenfalls. Die Mutter sitzt unbewegt daneben, starrt in die Menge. Sontheims Blicke spielen, genießen den Kontakt mit ihrer Tochter. Nach jedem Lächeln senkt sie den Blick zum Cocktailglas, wo ihre zarten Hände den schwimmenden Eiswürfeln mit einem Strohhalm das Tauchen beibringen.
Wie aus dem Nichts taucht zwischen den flirtenden Augenblicken ein dunkelblauer Trainingsanzug mit weißen Streifen an den Seiten auf. Sontheim bemerkt, dass es dieser Alte am Steuer der drängelnden Motorjacht ist, der sein chaotisches Anlegemanöver im Hafen verursacht hat. Knapp grüßt er den Vater der Schönheit und lädt ihn ein, mit ihm zu kommen. Auf dem Weg zum Pier zieht der Gestreifte schwerfällig das linke Bein nach. Beide bleiben vor einer imposanten Steinschale mit üppigem Blumenarrangement stehen. In der Hand des Alten liegt ein brauner Umschlag, aus dem er Blätter zieht, die er dem Vater überreicht, der sie aufmerksam studiert. Der Alte redet ununterbrochen, droht mit dem Zeigefinger, stößt seinen Gesprächspartner zurück, bis sich der Rand der Schale in dessen Kniekehlen drückt. Ein Stoß mehr und die Pflanzen hätten ihre bunte Blütenpracht verloren. Empört wirft der Vater die Blätter zu Boden. Mit einem beherzten Schlag gegen die Brust schiebt er den hitzigen Trainingsanzug beiseite. Zurück am Tisch beobachtet die Familie, wie er die Papiere vom Pflaster aufsammelt und flink in der Menge verschwindet.
Sontheim wendet sich wieder der Lektüre zu. Er verrückt den Stuhl, bis die Zeitung eine günstigere Position zur nahen Straßenlaterne findet. Wiederholt schiebt der Daumen die heruntergerutschte Brille den Nasenrücken hinauf. Mit jedem Zug umhüllt ihn der Rauch seiner Zigarre wie ein luftiger Sommermantel.
Ein heftiges Klopfen lässt den Löffel hüpfen, die Tasse zittern, ein Schatten legt sich über die Buchstaben. Sontheim schaut auf, erkennt den Vater der Brünetten, der urplötzlich vor ihm steht.
„Entschuldigen Sie, wenn ich störe … Breuer, mein Name, mir scheint, Sie kennen unser Fräulein?“, seine Bassstimme klang einschüchternd.
Sontheim reißt die Augen auf, richtet seinen Körper in eine aufrechte, abwehrbereite Haltung – er grübelt: Habe ich mir den Zorn ihres Vaters zugezogen?
Breuer räuspert sich, wartet vergeblich auf eine Antwort. „Kommen Sie zu uns, auf ein Gespräch und lassen Sie uns den Abend gemeinsam genießen!“, seine Stimme klingt versöhnlich.
„Ihre Einladung danke gerne“, Sontheim nickt mehrmals. Warum nicht, Geselligkeit in der Fremde ist eine willkommene Abwechslung.
Am Familientisch angekommen, stellt Herr Breuer zuerst seine Gattin und dann die Brünette mit dem Namen Nadja vor. Ohne Umwege kommen die Herren ins Gespräch. Sontheim beobachtet unauffällig die schweigsame Gattin, deren Augen von Schatten umgeben sind und ihre Hände auffällig zittern. Aus einem ihm unbekannten Grund sieht sie kränklich aus. Dagegen ist die Tochter das blühende Leben, obwohl sie bisher nur ein zartes Lächeln mit gesenktem Blick in das Gespräch eingebracht hat.
Seit Jahren arbeiten die Berliner Archäologen auf Rhodos. Sie verbringen ihren Urlaub mit Segeln, dabei nutzt Breuer die Zeit für gelegentliche Vorträge. Sontheim nutzt die Gelegenheit, denn die griechische Inselwelt wäre ein willkommenes Gesprächsthema für die Suche nach einem geeigneten Winterquartier. Breuer verliert darüber kaum Worte, erzählt stattdessen von einer Ausgrabung in den Bergen, von Schwierigkeiten mit den Behörden wegen seiner Mitarbeiter. Er redet und redet, bis ihn ein kräftiger Schluck aus dem Bierglas zu einer Pause zwingt.
Sontheim beobachtet Nadja, nutzt die Stille und fragt: „Mit welchen Interessen verbringt Ihre Tochter die Zeit auf Rhodos?“
Erschrocken hebt Nadja den Kopf: „Ich gehöre nicht zu …“
Sofort mischt sich Herr Breuer ein: „Nadja – nein, das ist nicht unsere Tochter, das ist eine Mitarbeiterin und diese Reise ist eine Belohnung für ihren Fleiß.“ Seine Nase steckt im Bierschaum, der ihm beim Reden in die verkehrte Kehle rutscht. Nach heftigem Räuspern erzählt der Archäologe nahezu prahlerisch von den Studien, die er an auserlesenen Fundstücken durchführt. Verrät, dass diese auf seiner Jacht in einem eigens dafür angefertigten Tresor lagern.
Sontheim hört zu, sagt zwischendurch „Ja“, reibt sich die Augen. Müde vom Tag unterbricht er den Redseligen. Er entschuldigt sich, da er rund um die Uhr gesegelt ist. Stellt aber eine Fortsetzung am nächsten Tag, bei einem Bier, in Aussicht.
Herr Breuer kramt in seinen Taschen, zückt sein Handy, tippt eine Nachricht und sagt: „Entschuldigung, einen Moment, bevor ich es vergesse!“ Er zieht eine abgewetzte Brieftasche aus dem Jackett. „Ich gebe Ihnen meine Visitenkarte zur Sicherheit, denn falls wir uns hier nicht mehr treffen, besuchen Sie uns in Griechenland.“
Sontheim bedankt sich für die Einladung, wünscht einen geruhsamen Abend und spaziert zurück zur Jacht. Die Segeljacht des Breuers entfacht in ihm das Feuer der Neugierde, hauptsächlich wegen der kostbaren Artefakte, die dort lagern. Sein Blick schweift über den schwimmenden Luxus, zum Eingang der Kajüte, zögert, grübelt: Antiquitäten sind meine Leidenschaft, nur mir hat bisher das Geld gefehlt. Mit Elan überwindet sein Bein die fremde Reling, die wie ein Geländer, aus Stahlseilen, das freiliegende Deck umschließt. Sontheim kniet sich hin, schraubt … ein Auto durchbricht die Stille, hält an, fünf Personen steigen aus. Betrunken wanken sie grölend über den Platz, direkt in eine entfernte Gasse.
Wieder an Land spaziert Markus zu seiner eigenen Jacht zurück, kontrolliert die Leinen, zieht die zu locker gewordenen Bug- und Achterspring nach. Durch das diagonale Ausbringen an Land fixiert sich der Rumpf in seiner Vorwärts- und Rückwärtsbewegung. Beim Verknoten der Leinen entdeckt er direkt neben der Jacht des Breuers einen Schatten. Im Licht der Laternen blitzen die weißlichen Streifen der Hosenbeine auf, die mit flinken Schritten an ihm vorbeieilen. Unversehens rutscht ein Blatt Papier aus dem Aktenbündel unter seinem Arm und schwebt zu Boden. Sontheim grübelt, ruft ihm nach, doch der ist dem Lichtkegel der Laterne entschwunden. Wieder an Land sammelt Sontheim ein, was am Boden liegt. Zurück in der Kajüte, im Licht des Kartentisches, zeigt das Foto eine seltsam goldene Skulptur aus einer vergangenen Zeit. Die Müdigkeit verhindert eine genauere Analyse, Sontheim legt sich in die Koje.
Er lässt den Abend im Café Revue passieren. Verloren in den bunten Seiten einer Modezeitschrift, gab ihm Nadja keine Gelegenheit zu einem persönlichen Gespräch. In seiner Erinnerung blitzen die Diamanten auf, mit denen ihr Dekolleté und ihr linker Zeigefinger geschmückt waren. In einem reichen Haushalt zu arbeiten, ist eine lukrative Entscheidung.
Entspannt liegt Markus in seiner Wolldecke und lauscht dem Plätschern unter dem Heck. Wo ist dieses Knistern geblieben? Es klang wie heißes Fett in der Pfanne, von dem die Fischer sagen, es käme von den Fressgeräuschen der Seeigel. Hier im Hafen scheint alles tot zu sein, dafür werden die Wellen lebendiger, sie schaukeln die Jacht im auffrischenden Wind. Ein heftiges Poltern lässt ihn innehalten, gebannt starrt er dem Niedergang entgegen.
Durch die geschlossene Scheibe aus Plexiglas sieht er draußen im Cockpit eine schwarz gekleidete Gestalt, die einen unförmigen Sack an Bord zieht. Als dieser dumpf aufschlägt, hält Sontheim den Atem an. Zielsicher hantiert der Unbekannte an der verschlossenen Luke. Markus wägt ab: Ohne Waffe hilft kräftiges Brüllen, das vertreibt zumindest wildgewordene Tiere, aber Einbrecher? Sofort holt er für einen Brüller tief Luft – zarte Töne dringen durch die Lüftungsschlitze.
„Mark, bitte öffne! Ich bin es, Nadja!“, wiederholt sie, bis er reagiert.
Seine Hand greift zum Lichtschalter, sammelt seine herumliegenden Kleider auf, die schnurstracks in Richtung Schiffsbug fliegen. Er öffnet den Niedergang und bietet ihr einen Platz an.
„Mark, ich benötige deine Hilfe“, sie schaut ihm in die Augen. „Bitte leg sofort ab … verlasse den Hafen! Ich bin nicht … es ist unmöglich, mit diesem Ehepaar weiterhin zu leben. Bitte hilf mir! Ich habe eine Tasche, nur weg von hier. Du bist meine einzige Rettung. Bitte lass uns losfahren, dann erzähle ich dir mehr.“
„Offen gestanden …“ Markus stockt, spricht weiter: „Ich mit meinem armseligen Segelboot, das ist keine geschickte Idee – besser, du suchst dir ein Motorboot oder ein Auto?“
„Mark, bitte, nimm mich mit, bitte!“
Er senkt den Kopf, lässt sein Hirn arbeiten: Für mich ist sie eine Unbekannte, jedoch ein verlockendes Fräulein, schwer Nein zu sagen. Ohne die Folgen zu berücksichtigen, fliegt sein Zwiespalt über Bord.
Mit einer Unterhose am Körper verlegt er das Ankleiden aus Platzmangel nach draußen. Die Wellen der einlaufenden Schiffe schaukeln seine Jacht, und Markus hat Probleme, sich die Hose anzuziehen. Amüsiert qualmt die Zigarette des Trainingsanzuges am Heck der Motorjacht. Lax schnippt er die glühende Kippe im hohen Bogen ins Meer und ruft dabei zu Markus hinunter: „Laku noć!“
Markus antwortet auf Deutsch mit den Worten des Kroaten: „Gute Nacht!“ Zurück in der Kabine stellt er ihre Tasche unter den Tisch und fragt:
„Nadja, wohin so spät – Richtung Venedig, gib mir einen Kurs an für die Seekarte.“
„Bitte Mark, nein!“, sie streicht sich mit beiden Händen das Haar zurück. „Die Herrschaften halten einen wissenschaftlichen Vortrag an der Universität von Venedig. Morgen früh segeln sie dorthin, bitte nicht diesen Weg! Richtung Süden ist am sichersten!“, mit gesenkten Augenlidern hofft sie auf dessen Zustimmung.
„Na dann los, auf nach Süden, ist mir egal!“, er macht sich bereit. „Ich bleibe am Ruder, du legst dich in die Steuerbordkoje und nebenbei bemerkt heiße ich nicht Mark, sondern Markus!“
Zufrieden mit der Entscheidung des Skippers sagt sie: „Ich finde – Mark steht dir besser.“
Die Leinen des Bootes sind wie ausgestreckte Arme, die sich an Eisenringen festhalten. Routiniert ist der Außenbordmotor montiert, gestartet schiebt er schnurrend das Heck vom Steg. Ein Fender, der aussieht, wie eine mit Luft gefüllte Gummiwurst, verhindert, dass der Bug an der Kaimauer scheuert, solange die Leine die Jacht sichert. Hat das Heck ausreichend Platz gewonnen, löst Mark den Bug vom Kai und der Rumpf schiebt sich nach achtern aus. Mit einer Wende verlässt er mit voller Kraft den Hafen. Unter Segeln führt der Kurs entlang der Küste in Richtung Pula. Zum Glück weht auf dem Halbwindkurs ein frischer, auflandiger Wind. Munter schiebt sich die Jacht durch eine flache Welle mit vereinzelten weißen Schaumkämmen.
Die nächtliche Fahrt vor der Küste zwingt Markus, die Seekarte auf Untiefen zu überprüfen. Sicherheitshalber befestigt er den Rest Tampen an der Pinne, damit die Jacht beim Studieren der Karte in der Kajüte den Kurs beibehält. Ein kurzes Kontrollieren und der Anblick von Nadja lenken ihn ab. Sie schläft in eine Wolldecke gehüllt, sanft beleuchtet von der roten Nachtbeleuchtung. Warum lasse ich mich auf solch eine Schnapsidee ein? Sagen wir, weil dieses Fräulein mich fasziniert, oder ist es eher wegen der monatelangen Abstinenz? Er schiebt den Gedanken beiseite und schaut erneut auf die Karte. Die Müdigkeit lässt die Zahlen neben den Küstenlinien verschwimmen.
Nach stundenlanger konzentrierter Arbeit an der Pinne ist Markus erschöpft. Schlaftrunken steuert er die Jacht an der Küste entlang, begleitet von den Lichtern neben den Schatten der Nacht. In Abständen taucht er seine Hände ins kühle Meerwasser, vergeblich. Heute bleibt der Kaffee aus, den er sonst bei Nachtfahrten in sich hineinschüttet. An einer Leine klatscht die Pütz in die Wellen. Aus diesem Eimer schaufelt er sich das Wasser mit den Händen ins Gesicht. Das erfrischt im ersten Moment, bis ihn wieder der Sekundenschlaf übermannt.
Die seichte Welle in der Dunkelheit, mit den sich darin spiegelnden weißen Wolken, das Hundegebell vom Festland her. Ein neuer Tag kündigt sich an. Sein müder Blick in die Kajüte erinnert ihn daran, warum er wach geblieben ist. Dieses fremde Fräulein liegt vor ihm, entspannt im Morgenlicht, die nackten Beine, eine schier endlose Faszination.
Weiter wandern seine Augen über ihre Brüste, die den Stoff der seidenen Bluse spannen. Markus spitzt die Ohren, das Schlagen der Segel signalisiert eine ungewollte Kursabweichung. Aus seinen Träumereien gerissen, stürzt er nach Achtern, zur losgerissenen Pinne. Blitzschnell kommt der Baum auf ihn zu, lässt seinen Kopf wegtauchen.
Markus murmelt: „Patenthalse! Verdammt – mehr Wind dann …“, angefressen drückt er die Pinne bis zum Anschlag.
Der Ruck dieser Unachtsamkeit begleitet ein Schlagen der Segel – Nadja wacht auf. Scheu, mit verschlafenem Blick, kommt sie an Deck, reckt sich dem Himmel entgegen. Im Vorbeigehen streichen ihre Finger durch sein zerzaustes Haar. „Guten Morgen, Mark! Ich bereite uns Kaffee! Zuerst …“, sie tapst zum Heck, hält sich mit einer Hand am Achterstag fest, einem Stahlseil, das vom Achterdeck zur Mastspitze führt. Dabei sieht sie aus wie ein Fotomodell auf einem Werbeplakat, mit wehenden Haaren. Ohne sich umzudrehen, fragt sie: „Wo ist hier die Toilette?“
„Das Meer ist unendlich!“, platzt es aus ihm heraus. Trotz Witzelei bedenkt er: Wie entschuldige ich diese Peinlichkeit, denn das Chemieklo ist seit Beginn der Reise unbenutzt im Heck verstaut. Mit einer Dame an Bord sucht Mark nach einer Lösung, kommt aber nicht weit, denn sie klappt die Badeleiter ins Wasser. Ohne ein Wort zu verlieren, zieht sie ihren Slip aus und erledigt, was zu erledigen ist. Sie gehört zu den unkomplizierten Menschen dieser Welt. Im Café war sich Mark sicher, dass Damen wie Nadja für Abenteuer der obersten Glimmer-Gesellschaft zu begeistern sind. Zurück in der Kajüte schlüpft sie in wärmende Kleidung, kocht Kaffee und setzt sich neben ihn. Schweigend schauen sie über die Reling, beobachten das Spiel der Wellen.
Ein kräftiger Zug leert die Tasse, bevor sie mit ihrer Geschichte beginnt. Das heute Nacht war eine impulsive Entscheidung von mir, ich danke dir. Es erinnert mich an die Zeit in meiner tschechischen Heimat. Meine Eltern hatten mir verboten, Deutschland zu besuchen. Ich bin von einem Tag auf den anderen abgehauen, um an der Universität in Berlin Archäologie zu studieren. Nach dem Examen habe ich kurz in verschiedenen Firmen gearbeitet, bis mich mein ehemaliger Professor für Projekte auf Rhodos angeworben hat. Die Ausgrabungen verliefen bestens, als vor einem halben Jahr sich das Blatt wendete. Breuers Gattin erkrankte, ein erschütterndes Ereignis, das den Ärzten bis heute Rätsel aufgibt. Der Haushalt einschließlich der Organisation der Grabungen blieb zwangsläufig auf der Strecke. Anfangs half ich gerne mit, dort, wo es nötig war. Nach den Zudringlichkeiten des Chefs schlug meine Gutmütigkeit ins Gegenteil um. Die Gattin merkte das, zeigte ihren Unmut, indem sie mich überall kritisierte und beschimpfte, mich loshaben wollte. Offen gestanden, ich wünschte ihr, hauptsächlich ihrem Gatten, einen raschen Tod.
Er fragt sie: „Nadja, warum bist du nicht gleich abgehauen?“, sich wundernd zeigt er ein Kopfschütteln. „Dass du dich freiwillig foltern lässt, ist mir ein Rätsel.“
Sie quasselt drauflos. Jammert, dass sie keine andere Wahl hat. Mein Lohn, mein Pass behielt mein Chef ein, wenn ich Geld benötigte, habe ich um jeden Cent gebettelt. Ich drohte zu kündigen, sofort warf er mir Undankbarkeit vor. Im gleichen Atemzug versprach er mir eine verantwortungsvolle Aufgabe bei einer der nächsten Grabungen. Das waren leere Versprechungen. Heute Nacht, Mark, ist die Gelegenheit gekommen, auf die ich lange gewartet habe, denn mein Pass lag auf dem Kartentisch, griffbereit für die Zollkontrolle.
„Nadja, was hast du vor?“, sie senkt den Kopf, nestelt an ihrer Strickjacke, lässt die Frage unbeantwortet.
Die Jacht quert eine Bucht – Markus zeigt Richtung Pula: „Dort in der Marina legen wir an, setzen uns in ein nettes Café und arbeiten in Ruhe unsere Route aus, einverstanden?“
„Nein, Mark – nicht anlegen!“, sie reißt ihre Augen auf, in denen die nackte Angst geschrieben steht. „Schauen wir, wie viele Seemeilen wir heute schaffen, die Herrschaften suchen mich, davon bin ich überzeugt.“
