Rache - Richard Laymon - E-Book

Rache E-Book

Richard Laymon

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Beschreibung

Ein junges Paar in einer heißen Sommernacht. Alles wäre perfekt, wenn da nur nicht dieser mysteriöse Mann wäre, der die beiden schon seit geraumer Zeit beobachtet, der alles über sie weiß – und der beabsichtigt, auf fürchterliche Weise Rache zu üben … Ein Geheimtipp und zugleich ein geheimer Bestseller: In den USA und Großbritannien ist Richard Laymon seit Jahren einer der bestverkauften zeitgenössischen Horror-Autoren. „Rache“ gilt als sein zentrales Werk: nicht nur ein Roman - ein buchgewordener Alptraum.


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Seitenzahl: 611

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Inhaltsverzeichnis
 
ZUM BUCH
ZUM AUTOR
 
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
 
DAS ERSTE OFFIZIELLE TREFFEN
Copyright
HEYNE HARD CODE
ZUM BUCH
Los Angeles. Eine heiße Sommernacht. Sherry und Duane, ein junges Paar, vermissen etwas: Kondome. Also macht sich Duane auf, um zwei Blocks die Straße runter welche zu kaufen. Sherry wartet. Und wartet. Und wartet. Schließlich geht sie selbst runter. Doch sie kann Duane nirgends finden – stattdessen bietet ihr ein anderer Junge, Toby, den sie nie zuvor gesehen hat, seine Hilfe an. Dankbar steigt Sherry zu ihm ins Auto. Die schlechteste Entscheidung, die sie je getroffen hat – denn Toby ist alles andere als ein harmloser junger Mann …
 
Mit »Rache« legt Horror-Kultstar Richard Laymon den ultimativen Psychothriller vor – ein Roman, wie er spannender kaum sein kann.
 
»Einmal mit dem Lesen begonnen, können Sie einfach nicht mehr aufhören.« The Guardian
 
»Richard Laymon geht an die Grenzen – und darüber hinaus!«
Publisher’s Weekly
ZUM AUTOR
Richard Laymon wurde 1947 in Chicago geboren und studierte in Kalifornien englische Literatur. Er arbeitete als Lehrer, Bibliothekar und Zeitschriftenredakteur, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete und zu einem der bestverkauften Spannungsautoren aller Zeiten wurde. 2001 gestorben, gilt Laymon heute in den USA und Großbritannien als Horror-Kultautor, der von Schriftstellerkollegen wie Stephen King und Dean Koontz hoch geschätzt wird.
Titel der amerikanischen Originalausgabe
COME OUT TONIGHT
Deutsche Übersetzung von Thomas A. Merck
Dieses Buch widme ich Steve und Addie Gerlach
 
 
»Richard Laymon Kills« – eure Website killt auch
 
 
Herzlichen Dank für eure Unterstützung
1
Duane kniete über Sherry und drückte seinen Oberkörper mit einem Arm nach oben. Er tastete in dem Regal über dem Kopfende des Bettes herum, auf dem auch der Radiowecker stand.
»Was ist?«, fragte sie. »Brauchst du Musik?«
»Nein, das hier.«
»Ah, da hat einer mitgedacht.«
Während er die Folie aufriss, streichelte sie ihm sanft die schweißfeuchten Oberschenkel. Obwohl sie erst vor ein paar Minuten gemeinsam geduscht und sich dann gegenseitig trocken gerubbelt hatten, waren sie beide schon wieder klatschnass. Sherrys Hände machten ein leise schmatzendes Geräusch, als sie über Duanes Haut glitten.
Ist doch total verrückt, es ausgerechnet in der heißesten Nacht des Jahres zu machen, dachte sie. Und dann auch noch bei ihm. Aber vielleicht war es ja gerade die Hitze, die sie so weit gebracht hatte. In all den Nächten zuvor hatte Sherry es immer geschafft, sich zusammenzureißen und vorher aufzuhören.
Heute Nacht hatte sie nicht vor, sich zusammenzureißen.
Sie wollte ihn. Wollte seinen Körper spüren, so heiß und nass und klebrig, wie er war, wollte ihn in sich haben.
Vielleicht hatte das etwas mit der Hitze tun.
Vielleicht sogar eine ganze Menge.
Die außergewöhnlich heiße Nacht. Die Wohnung ohne Klimaanlage.
Die Fenster standen weit offen. Der heiße Santa-Ana-Wind wehte herein, streichelte Sherrys Haut und erfüllte das Zimmer mit dem beißenden Rauchgeruch von weit entfernt wütenden Buschbränden.
Es war eine von den Nächten, in denen man sich ruhelos und verwundbar und vielleicht auch ein wenig ängstlich fühlt … eine von den Nächten, in denen die Begierde erwacht.
»Dann wollen wir mal.« Duane nahm die kleine Gummischeibe aus ihrer Verpackung und zeigte sie Sherry mit einem schiefen Grinsen. Sein Gesicht war rot und schweißnass. »Wenn ich nur wüsste, was man mit so einem Ding anstellt …«
»Lass mich mal«, sagte Sherry.
»Wirklich?«
»Na klar.«
»Okay.« Er gab ihr das Kondom. »Ich habe diese … Dinger bei Bev nie benützt, weißt du. Sie hat die Pille genommen, und ich …«
»So wahnsinnig gut kenne ich mich damit auch nicht aus«, sagte Sherry. »Ich weiß nur, dass man sie nicht schon vorher abrollt.«
»Das klingt vernünftig.«
Sherry nahm Duanes Penis in die linke Hand und legte ihm mit der rechten die dünne Latexscheibe über die Eichel. Dann begann sie, mit zwei Fingern den ringförmigen Wulst langsam nach unten zu streifen. Der Latex fühlte sich irgendwie klebrig an und gab beim Abrollen knisternde Geräusche von sich.
»Ist das immer so?«, fragte Duane.
»Ich glaube nicht.«
»Fühlt sich wahnsinnig eng an.«
»Du bist zu groß dafür.«
Er lachte leise.
Als das Kondom etwa drei Zentimeter von Duanes Penis bedeckte, ließ es sich nicht mehr weiter entrollen. »Sieht ganz so aus, als hätten wir ein Problem«, sagte Sherry.
»Na toll.«
»Wie alt ist das Ding eigentlich?«
»Achtundzwanzig Jahre.«
Sherry lachte. »Ich meine doch nicht ihn. Ich meine dieses Ding da. Das Kondom.«
»Ach das. Keine Ahnung. Ein paar Jahre vielleicht.«
»Ein paar Jahre?«
»Ich habe es nie gebraucht …«
Sherry versuchte, den Widerstand mit Gewalt zu überwinden, aber anstatt sich weiter zu entrollen, riss das Kondom entzwei. Der noch nicht entrollte Latex glitt wie ein Ring nach unten und ließ auf Duanes Penis ein milchiges Gummimützchen zurück.
Sherry lachte, schüttelte den Kopf und sagte: »Mist.«
Duane lachte auch. »Vielleicht ist das ein Zeichen«, sagte er mit einem leisen Seufzer.
»Und was für eines.« Immer noch lachend zupfte sie ihm die Latexkappe von der Eichel.
Erst als sie den abgerissenen Wulst an Duanes dick erigiertem Glied nach oben rollte, hörte sie zu lachen auf.
»So lustig ist das nun auch wieder nicht«, flüsterte sie.
Duane beugte sich nach vorn und legte ihr die Hände auf die Schultern. Dann sah er Sherry tief in die Augen und sagte: »Ich will dich haben. Unbedingt.«
»Ich dich auch«, erwiderte sie und versuchte zu lächeln. »Je eher, je lieber.« Sie warf die Überreste des Kondoms beiseite. »Vielleicht klappt es ja mit dem nächsten Gummi.«
Er verzog das Gesicht. »Ich habe keinen mehr.«
»Das ist nicht dein Ernst!«
»Doch.«
»War das dein einziger?«
»Leider ja.«
»Ist schon okay«, sagte sie und fing wieder an, ihm über die Schenkel zu streicheln.
»Hast du vielleicht welche?«, fragte er.
»Schön wär’s.«
»Können wir... können wir es nicht einfach ohne machen?«
Sherry schüttelte den Kopf. »Das halte ich für keine so gute Idee.«
»Aber ich bin kerngesund. Ich hänge dir nichts an. Weißt du, ich habe … mit keiner anderen … seit Bev, meine ich. Das war vor zwei Jahren. Und seitdem habe ich mich regelmäßig untersuchen lassen. Von mir kriegst du weder Aids noch was anderes.«
»Ich weiß«, sagte sie.
Aber in Wirklichkeit wusste sie es nicht. Zumindest nicht hundertprozentig.
Ich werde nicht mein Leben aufs Spiel setzen, dachte sie.
Sie sagte: »Aber du willst doch bestimmt nicht, dass ich schwanger werde?«
»Ziemlich unwahrscheinlich, oder?«
»Aber immer noch wahrscheinlich genug.«
Duane schüttelte langsam den Kopf.
»Wir können es ja auf morgen verschieben«, sagte Sherry.
»Aber ich will nicht mehr warten.«
»Warum nicht? Vorfreude ist die schönste Freude.«
»Nach ein paar Wochen nicht mehr.«
»Ich weiß. Ich weiß. Mir geht es ja genauso.«
Hätten wir uns doch bloß bei all der Vorfreude ein wenig besser vorbereitet …
»Wieso gehst du morgen nicht einfach in den Laden und kaufst eine Großpackung von den Dingern?«, schlug Sherry vor. »Und dann kommst du am Abend zu mir. Ich koche uns was Schönes, und dann versuchen wir es noch mal. Na, was hältst du davon?«
Ein Blick in Duanes Gesicht zeigte ihr, dass er nicht gerade begeistert war.
»Einmal noch warten wird uns nicht umbringen«, sagte sie.
»Ich weiß, ich weiß, aber … Hey, Moment mal!«
»Was denn?«
Duane lachte laut auf. »Mann, bin ich blöd!«
»Wieso?«
»Ich kann die Dinger doch jetzt gleich kaufen! Im Speed-D-Mart haben sie bestimmt welche, meinst du nicht auch?«
»Ist anzunehmen.«
»Und er hat die ganze Nacht geöffnet.«
»Aber du willst doch hoffentlich nicht so spät noch dorthin«, sagte Sherry.
Duane schaute hinauf zum Radiowecker. »Es ist erst fünf nach zehn.«
»Selbst acht wäre schon zu spät.«
»Ich gehe doch nur kurz in den Laden rein, kaufe die Dinger und bin auch schon wieder draußen. In zehn Minuten bin ich wieder hier.« Er senkte den Kopf und küsste sie auf den Mund. Dann krabbelte er rückwärts von ihr herunter, wobei er mehrmals inne hielt und ihren nackten Körper küsste. »Und du bleibst so lange hier«, sagte er.
Dann eilte er ins Wohnzimmer.
»Vergiss nicht, dich anzuziehen«, rief Sherry ihm hinterher.
»Danke für den Tipp.«
Sie stieg aus dem Bett, lehnte sich an den Türrahmen und sah zu, wie Duane sich auf einem Bein herumhüpfend eine Socke anzog.
»Pass auf, dass du nicht hinfällst und dir wehtust«, sagte sie.
»Ich habe es eilig.«
»Wieso? Ich laufe dir doch nicht davon«, erwiderte sie. »Oder soll ich mitkommen?«
Duane hob sein Hemd vom Boden auf. Während er in einen Ärmel schlüpfte, sagte er: »Du bist ja nicht mal angezogen.«
»Das lässt sich ändern.«
»Ich mag dich lieber nackt.« Der andere Arm glitt in den zweiten Ärmel, und Duane rannte mit wehenden Hemdzipfeln zur Couch, wo er seine Unterwäsche von den Kissen klaubte.
»Ich bräuchte mir bloß rasch was überzuziehen«, sagte Sherry.
Duane bückte sich, um in die Unterhose zu steigen. »Nein. Tu, was du willst, aber zieh dich nicht an. Bleib so, wie du bist.«
Noch immer am Türrahmen lehnend, schlug Sherry ein Bein hinters andere und beobachtete lächelnd, wie Duane mit einem Ruck die Unterhose hochzog.
Richtig süß, dachte sie. Wie ein großer Junge.
Trotz der Hitze bekam sie auf einmal eine Gänsehaut.
Und wenn ihm etwas zustößt?
»Du musst das nicht tun«, sagte sie. »Das ist keine gute Idee. Nachts kann hier alles Mögliche passieren.«
Duane schlüpfte in seine Shorts und zog den Reißverschluss hoch. »Mir passiert schon nichts«, sagte er, während er den Gürtel zuschnallte.
»Wieso ziehst du dich nicht wieder aus und kommst zurück ins Bett?«
»Nein.« Er schaute sich stirnrunzelnd um, bis er mit einem erleichterten »Ah« seine zweite Socke entdeckte, die, halb unter Sherrys Rock verborgen, neben dem Couchtisch auf dem Boden lag. Mit ein, zwei raschen Schritten war er dort, und während er sie anzog, sagte er: »Ich bin schneller wieder da als du glaubst.«
»Außer ein Besoffener fährt dich über den Haufen oder du gerätst in eine Schießerei oder wirst von einem der Schnorrer überfallen, die vor dem Speed-D-Mart auf dem Parkplatz herumhängen.«
»Mir passiert schon nichts.« Er ließ sich auf die Couch sinken und zog die Schuhe an. »Soll ich dir sonst noch was aus dem Laden mitbringen?«
»Nein, danke.«
»Ein paar Kartoffelchips? Erdnüsse?«
»Wieso bleibst du nicht einfach hier? Vergiss die Kondome, okay? Wir machen es ohne.«
Duane verzog das Gesicht. »Das sagst du mir jetzt.«
Sherry zuckte mit den Schultern.
Kopfschüttelnd stand er auf. »Jetzt, wo ich angezogen bin.«
»Das kann man schnell wieder rückgängig machen.«
Sie löste sich vom Türrahmen und kam auf ihn zu.
Duane schaute auf ihre Brüste, bevor er ihr in die Augen sah. »Ich denke, es ist besser, wenn ich schnell die Dinger hole«, sagte er.
»Bleib lieber hier.«
»Hinterher tut es uns Leid.«
»Das Risiko gehe ich ein.« Sie fing an, ihm das Hemd wieder aufzuknöpfen.
Duane packte sie an den Handgelenken. »Es ist wirklich besser, wenn ich fahre«, sagte er, während er sie fest an sich zog. Dann küsste er sie auf den Mund und flüsterte: »In zehn Minuten bin ich wieder da. Wenn nicht, fang schon mal ohne mich an.«
Während Sherry grinsend den Kopf schüttelte, ließ er sie los und eilte zur Tür.
2
Ist doch blödsinnig, dass ich mir Sorgen mache, sagte sich Sherry. Er ist bestimmt in zehn Minuten wieder da.
Oder in fünfzehn.
Tausende von Leuten gehen nachts noch rasch in einen Minimarkt. Und außer dass sie von irgendjemandem angebettelt werden, passierte ihnen nichts.
Duane hatte schon Recht, jetzt gleich zu fahren.
Gott sei Dank habe ich es ihm nicht ausgeredet, dachte Sherry. Bei meinem Glück wäre ich vielleicht wirklich schwanger geworden.
Vielleicht?
Sie stieß ein trockenes Lachen hervor.
Auf einmal hatte sie Durst. Sie ging hinüber zum Couchtisch und holte sich das Glas, aus dem sie vorhin ihre Pepsi getrunken hatte. Die Eiswürfel waren geschmolzen und hatten einen Fingerbreit hellbraunes Wasser zurückgelassen. Sherry trank es aus. Auch wenn die Mischung nicht sehr appetitlich aussah, so schmeckte sie doch süß und war sogar noch angenehm kühl.
Mit dem Glas in der Hand bückte sich Sherry nach der Schale, aus der sie vorhin beim Videoschauen Popcorn gegessen hatten. Viel war nicht übrig geblieben: Zwei oder drei Dutzend nicht geplatzte Maiskörner und ein paar weiße Popkornkrümel – das war alles.
Sherry stellte die Schale auf die Küchentheke, fuhr mit dem Zeigefinger über ihren fettigen Boden und leckte sich den Butter- und Salzfilm von der Fingerspitze. Dann ging sie zur Spüle und ließ sich ein Glas Wasser aus dem Hahn.
Das Leitungswasser war weder kalt noch süß.
Sie ging zum Kühlschrank, holte eine Hand voll Eiswürfel aus dem Eisfach und tat sie in ihr Glas.
Die Eiswürfel langsam mit dem Zeigefinger umrührend, verließ sie die Küche.
Wie lange ist er schon weg?, fragte sie sich.
Schätzungsweise zwei Minuten.
In der Zeit schafft man es gerade mal runter in die Tiefgarage.
Das wird eine lange Warterei.
Sie nahm den Finger aus dem Wasser und steckte ihn sich in den Mund. Er war sehr kalt, aber nachdem sie einen Moment lang daran gelutscht hatte, wurde er wieder warm.
Sie trank einen großen Schluck.
Dann setzte sie das Glas ab und seufzte.
Was jetzt?, überlegte sie.
Sie ging zum Sofa, setzte sich, trank noch einen Schluck und stellte das Glas dann auf dem Couchtisch ab. Sie nahm die Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein.
Beim Herumzappen stellte sie fest, dass die meisten Lokalsender ihr reguläres Programm unterbrochen hatten und live über die Buschbrände berichteten.
Klar, dass die das tun, dachte sie, schließlich haben sie die Brände ja selber gelegt.
Auch wenn Sherry nicht glaubte, dass sich einer der Nachrichtensprecher persönlich mit Streichhölzern oder Feuerzeug an den trockenen Hängen zu schaffen gemacht hatte, so waren nach ihrer festen Überzeugung die Medien daran schuld, dass irgendwelche Feuerteufel auf dumme Ideen kamen. Jahr für Jahr posaunten sie lauthals hinaus, wann ideale Bedingungen für eine Brandkatastrophe herrschten. Und wenn dann kurz darauf die ersten Brände ausbrachen, kam es Sherry so vor, als hätten sämtliche Pyromanen Südkaliforniens vor dem Fernseher hockend darauf gewartet, dass jemand den offiziellen Startschuss gab.
Feuer frei, meine Herren!
Und schon bekamen die Lokalsender das, was sie brauchten und sich förmlich erbettelt hatten.
Jeder Sender schien einen Hubschrauber zu haben, den er über den lodernden Flammenwänden kreisen ließ, während die Kamerateams am Boden sich gefährlich nah an die Feuersbrünste heranwagten um Feuerwehrmänner, von den Flammen um ihr Hab und Gut gebrachte Menschen und auch sonst jeden zu interviewen, der möglicherweise etwas zu den Bränden zu sagen hatte. Die Moderatoren im sicheren Studio wiederum kauten begierig jeden Aspekt der Katastrophe durch und sprachen vom »schlimmsten Feuersturm, der je über den Süden Kaliforniens hereingebrochen ist«.
Sherry bezweifelte das.
Sie wusste schon lange, dass die Nachrichtensprecher von L. A. Meister der Übertreibung waren.
Zugegeben, die Brände waren diesmal wirklich schlimm. Nach den schweren Regenfällen der El-Niño-Stürme im vergangenen Jahr musste das wohl so sein. Aber wenn man den Leuten im Fernseher so zuhörte, bekam man das Gefühl, als wäre der Weltuntergang angebrochen.
»Jetzt kriegt euch mal wieder ein«, murmelte Sherry in Richtung Mattscheibe.
Eine Landkarte wurde eingeblendet, auf der man sehen konnte, wo es überall brannte: in Malibu, Pasadena, oben in der Nähe von Newhall und an ein paar Stellen in Orange County. Sämtliche Brandherde befanden sich mehr als zehn Meilen von Duanes oder ihrer Wohnung entfernt, und auch das Haus von Sherrys Eltern war nicht in Gefahr.
Die Uhr am Videorekorder zeigte 22:18.
Sherry freute sich, dass schon so viel Zeit vergangen war.
Mittlerweile ist er wahrscheinlich schon im Minimarkt angekommen.
In fünf Minuten oder so müsste er wieder hier sein.
Obwohl das Fernsehen ihr half, die Zeit zu vertreiben, wollte Sherry nicht, dass Duane sie bei seiner Rückkehr nackt vor der Glotze hockend vorfand.
Wie wär’s mit ein bisschen Atmosphäre?, dachte sie.
Sie schaltete den Fernseher aus, löschte überall in der Wohnung das Licht und holte eine Kerze aus dem Badezimmer. Sie zündete sie an, trug sie ins Schlafzimmer und stellte sie auf den Nachttisch.
Zurück im Wohnzimmer, nahm sie ihr Glas und trank einen Schluck eiskaltes Wasser.
22:22
Kann nicht mehr lange dauern.
Sherry ging zurück ins Schlafzimmer, das im Kerzenschein wunderbar romantisch aussah: Golden flackerndes Licht ließ Schatten über die Wände tanzen, und der Wind bauschte die Vorhänge wie hauchdünne Nachtgewänder.
Sie trank noch einen Schluck Wasser und betrachtete sich im Spiegel über Duanes Kommode.
Nicht schlecht für ein altes Weib, dachte sie mit einem schiefen Lächeln.
Das »alte Weib«, das bald 25 Jahre alt werden würde, fand, dass es eher wie neunzehn aussah.
Wie ein neunzehnjähriger Junge.
Wegen ihrer schlanken Gestalt und ihren kurz geschnittenen Haaren wurde Sherry aus der Ferne oft für einen Mann gehalten.
So allerdings, wie sie jetzt im Spiegel aussah, würde man das wohl kaum, dachte Sherry. Die großen goldenen Ohrringe besagten zwar nicht viel – in L. A. trugen viele Männer Ohrschmuck -, aber ihre Brüste waren nicht zu übersehen. Sie waren zwar klein, dafür aber schön rund und hatten glatte, dunkle Brustwarzen.
»Was für eine Braut«, flüsterte sie und fügte lächelnd hinzu: »Und schon ganz heiß.«
Im Kerzenschein glänzte Sherrys schweißnasser Leib golden, als hätte sie ihn mit geschmolzener Butter eingerieben.
Sie trank noch einen Schluck Wasser und presste sich das mit Feuchtigkeit beschlagene Glas an die linke Brust. Die Kälte ließ sie leise aufstöhnen und den Rücken durchdrücken. Als ihre Brustwarze ganz steif war, schob sie das Glas hinüber auf ihre andere Brust.
Nachdem sich Sherry mit dem Glas auch noch das Gesicht gekühlt hatte, trank sie das Wasser auf einen Zug aus und behielt die abgeschmolzenen Eiswürfel im Mund.
Sie stellte das Glas neben die Kerze auf den Nachttisch, beugte sich übers Bett und spähte zum Radiowecker hinüber.
22:25
Jetzt muss er jeden Moment hier sein.
Sherry legte sich aufs Bett, drehte sich auf den Rücken und streckte alle viere von sich.
»Na, komm und nimm’s dir«, girrte sie. Sie räkelte sich, hob die Knie und spreizte die Schenkel. »Ja, so ist es gut«, stöhnte sie leise vor sich hin.
Nach einer Weile ließ sie die Knie wieder sinken, setzte sich auf und griff über ihre Füße hinweg nach dem Laken, das Duane im Sommer als Bettdecke diente. Während sie sich wieder nach hinten fallen ließ, zog sie es mit Schwung in die Luft und ließ es dann sanft auf sich herabschweben. Es bedeckte ihren Körper fast bis an die Schultern.
»Ich bin so weit«, flüsterte sie und spitzte die Ohren, damit sie Duanes Ankunft nur ja nicht verpasste.
Seinen Wagen würde sie hier im Schlafzimmer wohl nicht hören, und wahrscheinlich nicht einmal seine Schritte im Hausflur. Aber eigentlich müsste sie das Aufschließen der Wohnungstür mitbekommen, und falls nicht, dann auf jeden Fall das Klicken, wenn er die Tür wieder ins Schloss drückte.
Es sei denn, er schleicht sich bewusst leise herein.
Ich werde ihn trotzdem hören, sagte sie sich.
Aber wann?
Eine lange Zeit – zumindest kam es ihr so vor – lag Sherry reglos da und lauschte in die Nacht. Was sie hörte, waren hauptsächlich Geräusche, die der Wind verursachte. Während er die Vorhänge im Zimmer fast lautlos bauschte und hin und her bewegte, tobte er draußen wie eine Horde verrückt gewordener Gespenster stöhnend, zischend und heulend durch die Straßen. Vom Wind erfasste Gegenstände rumpelten und klapperten, andere kullerten scheppernd über Gehwege und Fahrbahnen. Autoalarmanlagen kreischten und hupten, und von nah und fern ertönte ständig irgendwelches Sirenengeheul.
Was für eine Nacht, dachte Sherry. Als wäre da draußen die Hölle losgebrochen.
Warum ist Duane noch nicht zurück?
Sherry wälzte sich auf die Seite, stemmte sich auf einem Ellenbogen hoch und schaute hinauf zum Radiowecker.
22:31
Sie ließ sich wieder auf den Rücken sinken.
Sie starrte hinauf zur im Kerzenschein schimmernden Zimmerdecke.
Wann ist er gleich noch mal losgegangen? Um zehn nach zehn? Ja, so ungefähr.
Dann ist er jetzt schon über zwanzig Minuten weg.
Auf einmal wurde es ihr zu warm. Ihr Kopf war im feuchten, warmen Kissen vergraben, Rücken und Po schienen am Bettlaken zu kleben, und das andere Laken, das sie über sich gezogen hatte, schirmte sie vor dem Wind ab, der durch das offene Fenster hereinwehte.
Sie schlug es beiseite und setzte sich auf.
Und seufzte, als der Wind ihr wie warme, trockene Hände über die Haut strich.
Sie schlug die Beine übereinander, machte den Rücken gerade und legte die Hände auf die Oberschenkel.
Ich bleibe einfach so sitzen, bis ich ihn kommen höre.
Sie saß da und wartete, während der ruhelose Wind ihr den Schweiß trocknete und ihre Haut sogar ein wenig kühlte – bis auf ihren Po, mit dem sie auf dem durchgeschwitzten Laken saß.
Nach einer Weile hätte sie zu gern über die Schulter nach dem Radiowecker geschaut.
Aber sie widerstand diesem Verlangen.
Sie widerstand ihm ziemlich lange.
Er kommt jetzt jeden Augenblick, sagte sie sich.
Schließlich sah sie sich doch um.
22:41
Sherry verzog das Gesicht.
Jetzt ist er schon eine halbe Stunde weg, dachte sie. Aber der verdammte Laden ist doch nur zwei Häuserblocks entfernt. Selbst zu Fuß hätte er es in zwanzig Minuten hin und zurück schaffen müssen.
Da ist was passiert.
Er hatte einen Unfall oder wurde überfallen oder …
Halt, Moment!
Sie lachte schnaubend auf.
Ich weiß, was passiert ist, sagte sie sich. Er hat es ohne Schwierigkeiten bis zum Speed-D-Mart geschafft, hat dann aber festgestellt, dass es dort keine Kondome gibt. Also ist er weitergefahren zu irgendeinem anderen Laden, der die ganze Nacht lang geöffnet hat. Von denen gibt es in L. A. ja nun wirklich genug.
Andere Männer hätten vielleicht aufgegeben und wären mit leeren Händen zurückgekommen, aber nicht Duane.
Der kommt erst wieder, wenn er welche hat.
Dann kann ich mich ja auf eine ziemliche Warterei einrichten, dachte sie.
Um auch ihren verschwitzten Po zu kühlen, hockte sich Sherry auf Hände und Füße und streckte ihr Hinterteil in den wohlig trocknenden Wind. Und wartete weiter.
Eines ist seltsam, dachte sie: Er weiß doch, dass ich ihn nach spätestens einer Viertelstunde zurückerwarte. Hätte er mich da nicht angerufen, bevor er woanders hingefahren wäre?
Vielleicht, vielleicht auch nicht.
Umsicht gehörte nicht gerade zu Duanes Stärken.
Erst kürzlich hatte er sie fast eine Stunde lang warten lassen und dann als Entschuldigung vorgebracht, er sei auf dem Heimweg von der Arbeit im Verkehr stecken geblieben.
Dabei hatte er ein Handy im Auto und hätte sie leicht anrufen und ihr sagen können, dass er sich verspäten würde.
Sie hatte ihm deswegen keine Vorhaltungen gemacht.
Ich bin seine Freundin, nicht seine Mama.
War das heute wieder so eine Gedankenlosigkeit?
Vielleicht steckt ja mehr dahinter, dachte sie. Vielleicht bleibt er absichtlich so lange weg, um mir eine Lektion zu erteilen. Siehst du, das kommt davon, wenn man jemanden mitten in der Nacht Kondome holen schickt.
So was Gemeines würde er nicht tun, oder?
Man kann nie wissen.
Das ist nicht Duanes Art.
Und wenn es doch seine Art sein sollte, dann ist es ganz gut, wenn ich es jetzt erfahre.
Bestimmt hat er beschlossen, es noch in einem anderen Laden zu versuchen. Zehn Minuten hin oder her, was ist das schon? Und vielleicht war der zweite Laden weiter weg, als er gedacht hatte …
Draußen, ein oder zwei oder vielleicht sogar fünf Häuserblocks entfernt, ertönte ein Knall.
Vielleicht hatte jemand eine Tür zugeschlagen.
Vielleicht war es die Fehlzündung eines Autos.
Vielleicht war es ein Feuerwerkskörper.
Aber Sherry fand, dass es sich am ehesten nach einem Schuss angehört hatte.
3
Obwohl der Westen von L. A. im Vergleich zu anderen Stadtteilen als ziemlich sicher galt, verging kaum ein Tag, an dem Sherry es nicht ein paarmal knallen hörte. Manchmal, wenn der Knall aus der Nähe kam, sah sie aus dem Fenster. War er aber zu nahe, dann hielt sie sich von den Fenstern fern und drückte sich mit dem Rücken an die Zimmerwand. Normalerweise aber reagierte sie überhaupt nicht.
Irgendwie gehörte das Knallen zur üblichen Geräuschkulisse wie Sirenengeheul, Autoalarmanlagen, das Knattern von Polizeihubschraubern und mehr oder weniger laute Schreie. Man maß ihm nur dann eine Bedeutung bei, wenn es direkt vor der eigenen Nase geschah.
Oder wenn der Freund gerade mitten in der Nacht etwas besorgen gegangen war.
Und nicht zurückkam.
Ob dieser Knall wohl aus der Richtung des Speed-D-Mart gekommen war?
Sherry konnte es nicht beurteilen, denn alle Geräusche schienen durch die offenen Fenster auf der anderen Seite des Schlafzimmers hereinzudringen.
Wahrscheinlich war es nicht einmal ein Schuss gewesen, sagte sie sich. Und wenn, dann konnte er von überall her gekommen sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass er Duane gegolten hatte, war äußerst gering.
Aber wo ist er?
Sherry, die noch immer auf allen vieren im Bett hockte, drehte den Kopf so, dass sie den Radiowecker sehen konnte.
22:47
Die Zeit vergeht ja echt wie im Flug, wenn man auf jemanden wartet.
Besonders, wenn man auch noch Angst um sein Leben hat.
»Es geht ihm gut«, murmelte sie. »Gleich schneit er mit einer völlig logischen Erklärung herein«.
Logisch für ihn.
Wie kann er mir nur so was antun?
Ich hoffe für ihn, dass er eine plausible Erklärung parat hat.
Sherry krabbelte zum Rand des Bettes und blies die Kerze aus. Das Zimmer war nun dunkel bis auf das durch die Fenster hereinfallende Licht der Straßenbeleuchtung. Sherry stieg aus dem Bett und ging ins Badezimmer.
Dort beugte sie sich übers Waschbecken, drehte den Hahn auf und bespritzte sich das Gesicht mit kaltem Wasser. Es war so erfrischend, dass sie sich noch tiefer hinabbeugte und sich das Wasser mit der hohlen Hand über den Hinterkopf schöpfte.
Vielleicht sollte ich mich unter die Dusche stellen.
Eine schöne, kühle Dusche würde ihr gut tun – und sie könnte sie leicht auf fünfzehn bis zwanzig Minuten ausdehnen. Bis sie damit fertig war, musste Duane ja von dem Minimarkt zurück sein.
Wenn er überhaupt im Minimarkt war.
Aber Sherry hatte heute schon einmal geduscht – zusammen mit Duane, nachdem sie sich GI Jane auf Video angesehen hatten. Und so bald danach noch mal unter die Dusche?
Auf einmal musste sie daran denken, wie Duane unter den warmen Wasserstrahlen ausgesehen hatte. Wie er sich angefühlt hatte. Sie erinnerte sich an das Verlangen in seinen Augen, den Geschmack seines geöffneten Mundes, die nassen Liebkosungen seiner gierigen Hände, die Steifheit seines Penis, der sich an ihr gerieben und sie freundlich angestupst hatte, als wolle er sich bei ihr einschmeicheln in der Hoffnung, in ihr recht bald ein gemütliches Zuhause zu finden.
Wir hätten es gleich unter der Dusche treiben sollen, dachte sie.
Aber ich musste ja auf dem Schlafzimmer bestehen.
Und auf einem Kondom.
Und jetzt ist er fort.
Sherry drehte den Wasserhahn wieder zu, trat vom Waschbecken zurück und schnappte sich ihr Handtuch. Es war immer noch feucht. Nachdem sie sich die Haare und das tropfnasse Gesicht abgetrocknet hatte, wischte sie sich in der fast völligen Dunkelheit den Schweiß vom Körper.
Als sie erkannte, dass sie nicht mehr viel trockener werden würde, hängte sie das Handtuch zurück auf die Stange.
Dann ging sie ins Wohnzimmer und schaute hinüber zum Fernseher. Die roten Ziffern auf dem Display des Videorekorders kamen ihr auf einmal sehr hell vor.
22:53
Jetzt ist er schon fast vierzig Minuten lang weg.
Im Dämmerlicht suchte sich Sherry ihren Weg in die Küche. Hier gab es keinen Teppich mehr, und die Kacheln auf dem Küchenboden fühlten sich unter ihren nackten Füßen glatt und ziemlich rutschig an. Sorgfältig darauf achtend, dass sie nicht ausglitt oder irgendwo anstieß, tastete sie sich langsam hinüber zum Telefon an der Wand.
Jetzt rufe ich die Auskunft an und lasse mir die Nummer vom Speed-D-Mart geben. Vielleicht können die mir sagen, wo Duane abgeblieben ist.
Sie nahm den Hörer ab und hob ihn ans Ohr.
Stille.
Ist das Telefon tot?
Hat jemand die Leitung durchgeschnitten?
Sherry hatte das schon unzählige Male in Filmen oder im Fernsehen gesehen, aber sie glaubte nicht, dass so etwas im wirklichen Leben allzu oft vorkam.
Vielleicht hat Duane ja versucht anzurufen.
Aber wo ist er?
Sherry hängte auf.
Telefon oder nicht, der Minimarkt ist ja nur zwei Blocks weit entfernt.
Sie ging zurück ins Wohnzimmer.
22:56
Sie knipste die Stehlampe an. Das grelle Licht tat Sherry in den Augen weh, aber sie gab ihnen keine Zeit, sich an die Helligkeit zu gewöhnen. Blinzelnd ging sie zwischen Sofa und Couchtisch in die Hocke, hob ihr Höschen auf und zog es an.
Als Nächstes stieg sie in den kurzen Faltenrock, den Duane ihr letzte Woche geschenkt hatte. »Für den Fall, dass du dich mal ein bisschen weiblicher anziehen willst«, hatte er gesagt, und sie hatte darauf geantwortet: »Kann es sein, dass du auf Cheerleader stehst?«
Und er hatte gekontert: »Natürlich, solange sie so sexy sind wie du.«
Heute hatte sie den Rock zum ersten Mal angezogen. Für ihn.
Und jetzt muss ich damit durch die Nacht laufen, dachte sie, während sie den Reißverschluss hochzog und ihre Bluse suchte, die hinter dem Sofa auf dem Boden lag. Normalerweise kleidete Sherry sich ganz anders. Wenn sie nicht gerade unterrichtete, trug sie T-Shirts und Jeans, aber weil ein simples T-Shirt einfach nicht zu dem knallgelben Cheerleader-Röckchen passen wollte, hatte sie sich extra für diesen Abend eine Bluse aus glattem, glänzendem Stoff gekauft, die knallbunt mit üppigem Dschungel, blauen Lagunen und tropischen Vögeln bedruckt war.
Während sie die Bluse zuknöpfte, ging sie hinüber zum Sofa. Sie setzte sich und zog Socken und Turnschuhe an.
Dann schnappte sie sich von einem der Sessel ihre Umhängetasche aus Jeansstoff und eilte zur Tür.
Dort blieb sie stehen.
Habe ich alles?
Kleider, Tasche. Was hatte ich sonst noch dabei?
Das dürfte es gewesen sein.
Sie schaute auf die Uhr.
22:59
Sherry blieb stehen und wartete darauf, dass die Ziffern auf 23:00 umsprangen.
Habe ich die Kerze ausgeblasen?
Ja.
23:00
Sherry öffnete die Tür und trat hinaus in den Hausflur. Der lange Korridor war leer. Leise zog sie die Tür ins Schloss und prüfte, ob sie auch wirklich zu war.
Im Gang waren alle Türen geschlossen. Kein Geräusch drang aus den Wohnungen. Keine Stimmen, kein Fernseher, keine Musik. Das Einzige, was Sherry hören konnte, war der Wind, der draußen um das Gebäude heulte und irgendwelche Gegenstände scheppernd über die Straßen trieb.
Und wenn überhaupt niemand mehr hier wäre?
Wenn sie alle verschwunden wären?
»Das wäre vielleicht ein Ding«, murmelte sie vor sich hin.
Und darüber hinaus extrem unwahrscheinlich.
Das hier ist kein Film, sagte sie sich. Im richtigen Leben verschwinden nicht auf einmal alle Leute.
Also mach dir darüber mal keine Sorgen.
Außerdem, sagte sie sich, habe ich Sirenen gehört. Und einen Schuss – wenn es denn einer war. Also kann ich nicht der einzige Mensch auf Erden sein, ja nicht einmal der einzige in Los Angeles.
Aber vielleicht der einzige in diesem Gebäude.
Sherry schüttelte lächelnd den Kopf und stieg rasch die Treppe hinunter ins Erdgeschoss. In der Eingangshalle öffnete sie eine Stahltür und begab sich über eine weitere Treppe in die Tiefgarage.
Die meisten Stellplätze dort waren von Limousinen oder Geländewagen belegt.
Duanes Stellplatz war leer. Sein Lieferwagen war fort.
Okay, dachte Sherry. Er ist zwar noch nicht zurück, aber jetzt weiß ich wenigstens, dass er ohne Probleme losgefahren ist.
Wahrscheinlich.
Sie schaute hinauf zu dem Gittertor, das die Garageneinfahrt zur Straße hin abschloss, aber da sie keine Möglichkeit hatte, es zu öffnen, ging sie wieder hinauf in die Eingangshalle.
Als Sherry die Haustür öffnete, hätte sie ihr ein heftiger Windstoß fast aus der Hand gerissen. Sie hielt sie fest, trat nach draußen und drückte die Tür mit dem Rücken ins Schloss.
Das ist nicht gut, dachte sie.
Aber es war auch nicht das Ende der Welt. Sherry hatte schon stärkeren Sturm als diesen erlebt. In mehr oder weniger heftiger Ausprägung hatten sie so ein Wetter eigentlich fast jedes Jahr.
Sherry stieß sich von der Tür ab, zog den Kopf ein und stieg nach vorn gebeugt die sechs Stufen hinunter auf den Gehsteig. Der Wind zerrte ihr an Rock und Bluse und blies ihr feinen Sand ins Gesicht.
Sie blieb stehen und sah sich auf der Straße um. Sie war leer bis auf die in langen Reihen parkenden Wagen.
Schade, dass meiner nicht dabei ist.
Normalerweise fuhr Sherry mit ihrem eigenen Wagen zu Duane, aber heute war ihr Jeep zum x-ten Mal in der Werkstatt – und zwar für eine aufwändige und teure Kupplungsreparatur. (Es sah ganz so aus, als wäre in dem angeblich vollständig in den USA gefertigten Jeep heimlich eine japanische Kupplung verbaut worden.) Also hatte Duane sie mit seinem Lieferwagen abgeholt.
Zu Sherrys Wohnung waren es etwa drei Meilen – eine Entfernung, die man zu Fuß in einer guten Stunde zurücklegen konnte. Bei dem Sturm wäre das bestimmt ein aufregender Marsch, dachte sie.
Falls ich nicht überfallen, ausgeraubt, vergewaltigt oder erschossen werde, fällt mir bestimmt ein Baum auf den Kopf.
Aber Sherry hatte nicht vor, nach Hause zu gehen.
Sie wollte wissen, was mit Duane los war.
Also ging sie nach rechts, in Richtung Speed-D-Mart.
Bestimmt habe ich in meinem Leben schon klügere Dinge gemacht, dachte sie.
Aber was soll’s? Es sind doch nur zwei Blocks. Und was wäre die Alternative? Untätig in der Wohnung hocken und auf ihn warten?
Auf dem ungeschützten Gehsteig blies Sherry der Wind direkt entgegen. Er wehte ihr den Rock in die Höhe und fuhr ein paarmal so ungestüm unter ihre Bluse, dass der Stoff bis zu den Brüsten nach oben geschoben wurde. Ein paarmal blieb Sherry stehen und steckte die Enden der Bluse wieder zurück in den Rockbund. Schließlich hängte sie sich ihre Handtasche so um, dass der Tragegurt diagonal über die Brust verlief. Damit hatte sie die Hälfte ihres Problems gelöst, aber den Rock blies der Wind noch immer hoch.
Und jedes Mal wehte er Sherry dabei irgendwelchen Müll an die nackten Beine.
Kurz vor Ende des Blocks kam sie an eine schmale Querstraße, die sie mit Duane schon oft entlanggegangen war. Die Straße war gut beleuchtet und führte hinter einigen kleinen Geschäften und zwei Privatschulen vorbei zum Waschsalon gleich neben dem Speed-D-Mart. Auf der anderen Straßenseite befanden sich die Gartenzäune, Carports und Mülltonnen mehrerer Ein- und Mehrfamilienhäusern.
Einen Moment lang schaute Sherry die Straße entlang. Der Wind ließ leere Verpackungen und altes Laub über den Gehsteig wirbeln. Zeitungsseiten vollführten bodennahe Luftakrobatik. Eine schwarze Katze huschte aus den Schatten hervor, rannte über die Fahrbahn und verschwand unter einem parkenden Auto.
Menschen sah Sherry keine.
Trotzdem gab es zwischen hier und dem Minimarkt jede Menge dunkle Ecken, an denen einem jemand auflauern konnte.
Die Straße war ein verlassener Ort.
Wenn man hier in Schwierigkeiten kam …
»Lieber nicht«, murmelte sie und ging weiter den Robertson Boulevard entlang. Normalerweise war diese große Nord-Süd-Achse durch den Westen der Stadt stark befahren, aber heute kamen nur ein paar wenige Autos an Sherry vorbei.
Immer noch besser als die kleine Straße, dachte sie.
Sie bog nach rechts ab und musste sich dabei im Gehen mit beiden Händen den Rock an die Oberschenkel drücken. Der Bürgersteig führte an einem Teppichgeschäft, einem Antiquitätenladen, einem Juwelier und schließlich an einer jüdischen Mädchenschule vorbei. Alle waren sie über Nacht geschlossen.
Eine über den Gehsteig flatternde Zeitungsseite verfing sich an Sherrys linken Schienbein und blieb so beharrlich dran hängen, dass Sherry sich bücken und sie wegnehmen musste. Als sie die Seite wieder losließ, wehte sie der Wind sofort weiter.
Jedes Mal, wenn sich Autoscheinwerfer näherten, blieb Sherry stehen in der Hoffnung, dass sie vielleicht zu Duanes Lieferwagen gehörten. Und nicht zu einem Wagen voller Vergewaltiger.
Sie überquerte die nächste Seitenstraße, auf der ein halbes Dutzend mannsgroße Palmwedel herumlagen. Autos sah sie keine.
Auf der anderen Straßenseite ging sie an einer Autowerkstatt, einem Händler für Fitnessgeräte, einem Blumenladen und einer privaten Vorschule vorbei. Auch sie hatten die Nacht über zu.
Als Sherry an der Vorschule vorbei war, kam der Parkplatz des Speed-D-Mart in Sicht.
4
Der Parkplatz gehörte zu dem Minimarkt und einem im selben Gebäude untergebrachten Waschsalon und bot Platz für mindestens ein Dutzend Fahrzeuge.
Nur vier Stellflächen waren belegt.
Duanes Lieferwagen war nicht da, aber Sherry wusste, dass er lieber auf einem der beiden Stellplätze hinter dem Gebäude parkte, die von der Straße aus nicht zu sehen waren.
Den Blick starr auf den Bereich hinter der Gebäudeecke gerichtet, ging Sherry weiter den Gehweg entlang.
Bis sie das Heck eines weißen Lieferwagens sah.
Und ihr der Herzschlag stockte.
Rasch überquerte sie den Parkplatz. Und mit jedem Schritt, den sie tat, kam mehr von dem Lieferwagen in Sicht.
Obwohl Duane, der mit seltenen alten Büchern handelte, den Lieferwagen beruflich nutzte, hatte er ihn nicht mit einer Aufschrift versehen lassen. Sein Wagen war komplett weiß, genauso wie der, auf den Sherry jetzt zuging.
Erkennen würde sie Duanes Lieferwagen an einem Aufkleber.
Er befand sich auf der hinteren Stoßstange und verkündete: ICH WÜRDE JETZT LIEBER LESEN.
Bis jetzt konnte Sherry die Stoßstange dieses Wagens noch nicht sehen.
Aber dann war sie am Heck des Fahrzeugs angelangt.
ICH WÜRDE JETZT LIEBER LESEN.
Ja, es ist seiner.
Und jetzt werden wir mal herausfinden, was hier los ist.
Hoffnungsvoll, aber auch ziemlich nervös eilte Sherry zur Vorderseite des Wagens und spähte durch das linke Seitenfenster.
Die Fahrerkabine war leer.
Er muss noch im Laden sein.
Sie ging um das Heck des Lieferwagens herum zum Eingang des Speed-D-Mart. Als sie sich der Tür näherte, schlurfte aus dem Bereich vor dem Waschsalon ein Mann auf sie zu. Trotz der Hitze trug er Wintermantel, Mütze und dicke Stiefel. Seine Kleidung wirkte verwahrlost, und Hände und Gesicht starrten vor Dreck. Die Haare und der Bart waren so verfilzt, dass auch der kräftigste Windstoß sie nicht zerzausen konnte.
»Hätten Sie mal’nen Vierteldollar, Lady? Ich hab seit zwei Tagen nix mehr zwischen den Zähnen gehabt.«
Sherry schüttelte den Kopf. »Tut mir Leid«, sagte sie und betrat raschen Schrittes den Laden, wobei sie einen großen Bogen um den Bettler machte.
Der Minimarkt war hell erleuchtet.
Mit einem Blick über die Schulter vergewisserte sich Sherry, dass der Mann ihr nicht folgte, und sah, wie er zurück in Richtung Waschsalon trottete.
Seine Klamotten könnten eine Wäsche vertragen.
Sherry schämte sich für ihre Gedanken, aber sie konnte es nun mal nicht ausstehen, wenn sie angebettelt wurde. In Los Angeles konnte man bald nirgends mehr hingehen, ohne dass irgendwelche Penner unvermittelt aus dunklen Ecken auftauchten und einen um Geld angingen. Aus dem Fernsehen wusste sie, dass viele dieser Bettler Schwindler waren. Einige von ihnen verdienten mehr Geld als sie.
Und viele waren gefährlich.
An der Ladentheke tippte der Verkäufer gerade die Einkäufe einer stämmigen Frau in die Kasse ein. Die Frau hatte Lockenwickler im Haar.
Sherry schaute sich um. Über den Warenregalen, die nur bis Brusthöhe reichten, sah sie die Köpfe von vier weiteren Kunden.
Duane war nicht dabei.
Aber das musste noch lange nicht heißen, dass er sich nicht doch in dem Laden befand – vielleicht war er ja in die Hocke gegangen, um weiter unten in einem Regal etwas zu suchen. Sherry trat in den ersten Gang, in dem sich links die Toilettenartikel befanden.
Hier blieb sie stehen und betrachtete das Angebot: Kämme, Zahnbürsten, Zahnpasta, Deodorants, Rasierer und Rasiercremes, Verbandsmaterial, Desinfektionsmittel, Kondome.
Kondome.
Ein halbes Dutzend Sorten in hübschen kleinen Verpackungen hingen an einem Ständer im oberen Teil des Regals.
Die kann man nicht übersehen, dachte sie. Duane muss sie gefunden haben.
Aber wo steckt er dann?
Langsam ging Sherry durch die beiden Gänge mit den Regalen. Es dauerte nicht lange. Jetzt wusste sie, dass Duane definitiv nicht im Laden war.
Sie ging zurück zum Regal mit den Toilettenartikeln.
Einer der wenigen Kunden im Laden stand jetzt ausgerechnet einen Meter von dem Ständer mit den Kondomen entfernt.
Ist ja toll, dachte Sherry.
Einfach nicht beachten.
Im Vorbeigehen holte sie sich ein Päckchen Kondome aus dem Ständer.
Der Fremde nahm keine Notiz von ihr.
Errötend ging Sherry raschen Schrittes weiter zur Kasse, wo sich gerade ein weiterer Kunde vom Verkäufer einen Sixpack Budweiser einpacken ließ.
Sherry öffnete ihre Handtasche und holte die Geldbörse heraus.
Der Kunde nahm seine Tüte und verließ den Laden.
Sherry trat vor und legte die Kondome auf den Tresen.
Der Kassierer schaute das Päckchen an. Dann hob er die braunen Augen und bedachte Sherry mit einem wissenden Lächeln. »Haben Sie sonst noch einen Wunsch, junge Frau?«, fragte er in seinem melodisch klingenden, indischen Akzent.
»Nein, das ist alles.«
Er tippte etwas in die Kasse ein und nannte ihr den Preis. Sherry gab ihm einen Zehndollarschein. Als sie ihr Wechselgeld entgegennahm, fragte der Kassierer: »Möchten Sie dafür eine Tüte?«
»Nein, das geht so. Aber dürfte ich Sie etwas fragen?«
»Natürlich. Fragen Sie nur.«
»Ich bin auf der Suche nach einem Mann, der wahrscheinlich vor ungefähr einer Stunde hier im Laden war. Vermutlich hat er auch so was gekauft.« Sie deutete auf die Schachtel mit den Kondomen.
»Verstehe«, sagte er.
»Waren Sie vor einer Stunde hier?«
»Ja.«
»Erinnern Sie sich an ihn? Er trug ein blaues Hemd und beige Shorts.«
»Oh ja, an den erinnere ich mich gut. Ein netter Typ. Sie müssen die Glückliche sein, von der er sprach. Habe ich Recht?«
Sherry wurde rot und sagte: »Kann sein. Wissen Sie noch, wann er wieder gegangen ist?«
»Das ist schon eine Weile her.«
»Er ist nicht nach Hause gekommen. Und sein Lieferwagen steht immer noch bei Ihnen auf dem Parkplatz.«
Jemand trat hinter Sherry an die Kasse. Sie sah sich um. Es war der Mann vom Toilettenartikelregal, der sie höflich anlächelte. Sherry nickte ihm zu und wandte sich dann wieder an den Kassierer.
»War jemand bei ihm?«, fragte sie.
»Bei wem?«
»Bei dem Mann, über den wir gerade gesprochen haben. War er allein oder in Begleitung hier?«
»Ach so. Ich glaube, er war allein. Jedenfalls habe ich niemanden bei ihm gesehen.«
»Und ist Ihnen irgendetwas Seltsames aufgefallen?«
»Etwas Seltsames? Nein, tut mir Leid.« Er schaute nach hinten zu dem wartenden Kunden.
»Danke«, sagte Sherry. Sie steckte Geldbörse und Kondome in ihre Handtasche und ging zum Ausgang.
Na schön, dachte sie. Duane war also hier. Und zwar allein. Er hat Kondome gekauft und ist dann wieder gegangen, und dem Verkäufer ist nichts Seltsames aufgefallen.
Was auch immer ihm passiert ist – es muss geschehen sein, nachdem Duane den Laden wieder verlassen hatte.
Wenn es stimmt, was der Verkäufer sagt.
Aber warum sollte er lügen?
Vielleicht hat er seine Gründe, sagte sie sich. Aber gehen wir vorläufig mal davon aus, dass er die Wahrheit gesagt hat.
Sherry öffnete die Tür und ging nach draußen.
Von dem Penner war nichts zu sehen.
Das ist doch wenigstens etwas.
Sie wandte sich nach links und ging hinüber zu dem Waschsalon, in dem sich acht oder neun Leute befanden. Einige be- oder entluden gerade eine Maschine, die meisten aber saßen herum und warteten, dass ihre Wäsche fertig wurde. Einige blätterten in Zeitschriften oder lasen ein Taschenbuch, andere plauderten miteinander, und einer telefonierte.
Duane hatte keinen Grund, in den Waschsalon zu gehen.
Aber er war ein kontaktfreudiger Mensch, und wenn ihn jemand aus dem Salon nach Kleingeld gefragt oder ihn gebeten hat, ihm mit irgendwas zu helfen, ist er vielleicht mit ihm ins Gespräch gekommen …
Eine ganze Stunde lang?
Duane war zu so etwas durchaus in der Lage.
Aber doch nicht heute Abend, sagte sich Sherry. Nicht, wenn ich auf ihn warte.
Jetzt war er jedenfalls nicht in dem Waschsalon.
Aber vielleicht hat ihn einer von den Leuten drinnen gesehen.
Sherry steuerte auf die offene Tür des Salons zu. Als sie an einem geparkten Auto vorbeiging, hupte es.
Sherry zuckte zusammen.
Sie riss den Kopf nach rechts und sah auf dem Fahrersitz des Wagens einen Jungen, der ihr durch die Windschutzscheibe lächelnd zuwinkte.
Kenne ich den?
Der Junge öffnete die Tür und stieg aus. »Hallo, Frau Lehrerin!«
»Hallo.«
Er war ein dicklicher, vergnügt dreinblickender Typ, siebzehn oder achtzehn Jahre alt, mit struppigem, windzerzaustem braunem Haar. Wie viele Jungs seines Alters trug er über dem T-Shirt ein offenes, langärmeliges Hemd, dessen Zipfel vom Wind in die Luft geweht wurden, während er mit großen Schritten auf Sherry zuging.
»Haben Sie nicht letzte Woche für Mr. Chambers Vertretung gemacht?«, fragte er.
Sherry nickte. »Dann bist du wohl in einem seiner Kurse.«
»Dem in der dritten Stunde. Ich habe Sie hoffentlich mit der Hupe nicht erschreckt.«
»Nur ein bisschen.«
»Tut mir Leid. Ich war einfach total verblüfft, Sie hier zu sehen. Ist doch komisch, wenn man im richtigen Leben einer Lehrerin begegnet.«
»Wir sind auch nur Menschen.«
»Trotzdem ist es komisch. Wohnen Sie in der Nähe?«
»Nicht weit von hier.«
»Mir fällt grade Ihr Name nicht ein«, sagte er.
Sherry lächelte und gab ihm die Hand. »Sherry Gates.«
»Ach ja! Genau! Miss Gates! Jetzt weiß ich’s wieder!« Er schüttelte ihr die Hand und sagte: »Ich bin Toby Bones.«
»Du bist also Toby Bones. Ich weiß noch, dass ich den Namen im Klassenbuch gelesen habe. Ich fand ihn ziemlich ungewöhnlich.«
»Das finden viele. Und viele machen sich … darüber lustig.«
»Die sind doch bloß neidisch.«
Er zuckte mit seinen massigen Schultern.
»Bist du eigentlich schon lange hier, Toby?«
»Wo?«
Sherry streckte die Hände aus. »Na hier eben.«
»Ach so, keine Ahnung. Ich habe halt meine Wäsche gewaschen.«
»Und ist sie schon fertig?«, fragte sie.
»Ja, seit fünf Minuten. Ich wollte gerade los, da sah ich Sie aus dem Laden kommen.«
»Dann bist du also etwa eine Stunde lang hier gewesen?«
»Könnte hinkommen.«
»Ich frage dich, weil ich jemanden suche. Einen Freund von mir. Er ist vor etwa einer Stunde hierher gekommen, um im Speed-D-Mart eine Kleinigkeit einzukaufen. Und jetzt bin ich auf der Suche nach ihm.«
Toby zog die Stirn in Falten. »Was soll das heißen: Sie sind auf der Suche nach ihm?«
»Eigentlich wollte er nur eine Viertelstunde oder so wegbleiben, und nach einer Weile habe ich mir Sorgen gemacht und bin zu Fuß hierher gelaufen. Der Mann an der Kasse sagt, dass mein Freund schon vor einer ganzen Weile seine Zigaretten gekauft habe und wieder gegangen sei. Er ist bloß nicht wieder weggefahren. Sein Lieferwagen steht immer noch hier.«
Toby sah sich stirnrunzelnd auf dem Parkplatz um. »Da ist aber kein Lieferwagen.«
»Er steht auf dem Abstellplatz hinter dem Laden«, erklärte sie.
»Ah.« Toby nickte.
»Möglicherweise warst du zur gleichen Zeit hier wie er. Vielleicht hast du ihn ja gesehen.«
»Keine Ahnung. Wie sieht er denn aus?«
»Er ist Ende zwanzig, etwa eins achtzig groß, schlank, gut aussehend. Braunes Haar.«
»Lang oder kurz?«
»Sein Haar? Es ist länger als meines … und ein bisschen kürzer als deines. Er trägt ein blaues Hemd und beige Shorts.«
»Hey, den habe ich gesehen.«
»Wirklich?«
»Aber nicht in einem Lieferwagen. Der Typ ist zu Fuß über die Kreuzung und dann diese Straße da langgegangen.« Er deutete in Richtung auf den Robertson Boulevard.
»Den Robertson runter?«
»Ja.«
»Ist er wirklich nach Süden gegangen?«
»Wenn da Süden ist, dann schon. Die Straße runter, hab ich doch grad gesagt.«
»Aber er wohnt genau in der anderen Richtung.«
Toby zuckte die Achseln. »Ich kann Ihnen nur sagen, was ich gesehen habe.«
»Und er ist wirklich zu Fuß gegangen?«
»Ja.«
Sherry betrachtete mit finsterer Miene die Straßenkreuzung.
Warum um alles in der Welt sollte Duane in die falsche Richtung gehen?
»Vielleicht war er es doch nicht«, sagte sie.
»Schon möglich. Ich habe keine Ahnung. Wissen Sie, wie er aussah? So ähnlich wie Han Solo. Sie wissen schon, wie Harrison Ford damals im Krieg der Sterne.«
Sherry wurde bang ums Herz.
»Dann war er es wirklich«, sagte sie. »Aber ich verstehe das nicht. Wieso lässt er seinen Wagen hier stehen und geht in die falsche Richtung?«
Vielleicht hatte er eine Panne, und ist losgegangen, um eine Werkstatt zu suchen.
Aber was hätte das für einen Sinn gehabt? Wenn der Wagen nicht angesprungen wäre, hätte Duane doch zu Fuß nach Hause gehen können. Und außerdem hatten die Autowerkstätten um diese Zeit doch alle längst geschlossen.
»Ich verstehe das einfach nicht«, sagte Sherry.
»Nun ja …« Toby senkte den Blick und schüttelte den Kopf.
»Was ist?«
Er verzog das Gesicht. »Wissen Sie, der Mann, den ich gesehen habe, also ihr Freund … der war nicht allein, als er weggegangen ist.«
5
»Es war jemand bei ihm?«, fragte Sherry. »Wer denn?«
»Keine Ahnung«, sagte Toby. »Es war ein Mann.«
»Was für ein Mann?«
»Wie meinen Sie das?«
»Vielleicht solltest du mir einfach nur erzählen, was du gesehen hast. Und zwar von dem Zeitpunkt an, als Duane aus dem Laden kam.«
»Ihr Freund heißt Duane?«
»Ja.«
»Okay. Duane ist also aus dem Speed-D-Mart gekommen, wie ich hier draußen im Auto war. Sie wissen ja, ich habe drauf gewartet, dass meine Wäsche fertig wird. Ich sitze nämlich nicht allzu gern da drinnen rum. Die Leute glotzen einen immer so an. Manche von denen sind ziemlich unheimlich. Und viele rauchen. Ich kann den Geruch nicht ab.«
»Du klingst ja, als würdest du dich in Waschsalons ziemlich gut auskennen.«
»Stimmt, ich bin da öfter. Damit helfe ich meiner Mom, verstehen Sie? Ich will nicht, dass sie noch mal herkommt, seit dem Überfall damals.«
»Was für ein Überfall?«
»Auf meine Mom. Letztes Jahr sind ein paar Typen in den Waschsalon gekommen und haben sie … na ja, Sie wissen schon … angegriffen. Vergewaltigt.«
»Großer Gott.«
»Es war ziemlich schlimm.«
»Hier, in diesem Waschsalon?«
»Ja. Genau hier. Natürlich mehr im hinteren Teil. Sie war ganz allein, als die Männer hereinkamen …« Toby schüttelte den Kopf und sagte: »Jedenfalls lasse ich sie seitdem nicht mehr hierher. Jetzt bleibt sie zu Hause und ich wasche die Wäsche.«
»Das ist wirklich nett von dir.«
Er zuckte mit den Schultern.
»Und mutig.«
»Na ja … ich weiß nicht … ich kann auf mich aufpassen.« Ein Lächeln huschte über sein rundliches Gesicht. »Und an mir hat sowieso niemand Interesse. Ein Fettsack wie ich braucht keine Angst zu haben, dass er von irgendwelchen Schwuchteln vergewaltigt wird.«
Sherry versuchte zu lächeln und sagte: »Du siehst doch ganz okay aus.«
»Schon klar.«
»Auf jeden Fall ist es fürchterlich, was deiner Mutter zugestoßen ist. Wie geht es ihr den jetzt?«
»So la-la. Sie hat panische Angst, dass ihr so was noch mal passieren könnte.«
»Muss wirklich schlimm gewesen sein für sie.«
»Ja. Aber wie dem auch sei, jetzt wissen Sie jedenfalls, warum ich lieber hier draußen warte, bis meine Wäsche fertig ist.«
»Warst du auch hier, als Duane aus dem Laden kam …?«
»Ja. Er hat wohl irgendwas gekauft. Hatte eine kleine Tüte in der Hand.«
»Seine Zigaretten«, sagte Sherry.
»Richtig. Sie haben gesagt, dass sein Lieferwagen da drüben steht?«
Sie nickte.
»In die Richtung ist er auch gegangen. Aber dann ist der andere Mann gekommen, und sie haben angefangen, sich zu unterhalten.«
»Wo kam der Mann denn her?«
»Auch aus dem Laden, denke ich mal. Ja, stimmt, er ist gleich hinter Wayne rausgekommen …«
»Duane.«
»Ach ja, Duane. Okay. Irgendwie sah es so aus, als wären sie zusammen in dem Laden gewesen und als hätte sich der andere Mann mit dem Rausgehen nur etwas mehr Zeit gelassen.«
»Hattest du den Eindruck, dass die beiden sich kannten?«
Toby nickte. »Ja. Als ob sie alte Freunde wären.«
»Hast du gehört, was sie geredet haben?«
»Nein. Dazu war es zu laut. Der Wind und so. Vorbeifahrende Autos. Und die beiden haben nicht gerade geschrien.«
»Wie lange haben sie denn miteinander gesprochen?«
»Keine Ahnung. Ein paar Minuten vielleicht. Dann sind sie da drüben über die Kreuzung gegangen und verschwunden.«
»Du hast gesagt, sie hätten auf dich wie alte Freunde gewirkt?«, fragte Sherry.
»Ja. Um ehrlich zu sein, ich dachte, sie wären mehr als nur Freunde.«
»Wie meinst du das?«
Toby zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Aber zwei Männer eng beieinander. So spät am Abend. Und der andere Typ sah echt wie eine Schwuchtel aus.«
Dieser Toby könnte wirklich etwas Sensibilitätstraining vertragen, dachte Sherry.
»Woraus schließt du das?«, fragte sie.
»Na ja, wie der schon gelaufen ist. Mit Hüftschwung und so. Und er hatte so ein Netzhemd an, mit Maschen wie von einem Baseballkorb. Da konnte man überall durchschauen. Der Typ hatte …« – Toby verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf, bevor er weitersprach – »… Ringe. Durch die Brustwarzen. Und knallenge, winzige Shorts. Und Sandalen.«
»Den hast du dir aber ziemlich genau angesehen.«
»Bei so einem Typen ist es schwierig, ihn sich nicht anzusehen.«
»Was schätzt du, wie alt er war?«
»Keine Ahnung. Fünfundzwanzig oder dreißig. Er hatte weiße Haare, aber die waren vermutlich gebleicht.«
»War es ein Weißer.«
»Klar.«
»Wie groß? Wie schwer?«
»Ein bisschen größer als Duane. Keine Ahnung, wie schwer, aber er war ziemlich kräftig. Wie ein Bodybuilder. Überall hatte er dicke Muskelpakete.«
»Klingt nicht nach jemandem, den ich kenne«, sagte Sherry.
»Aber Duane muss ihn ziemlich gut gekannt haben. Der Typ hat ihm immerhin den Arm um die Schulter gelegt, als sie weggingen.«
»Und was hat Duane gemacht?«
»Nichts. Er hat ihn angelächelt.«
Sherry sah Toby an und merkte kaum, dass sie dabei stirnrunzelnd den Kopf schüttelte. Duane soll mit einem schwulen Liebhaber verschwunden sein?
»Das ist doch verrückt«, murmelte sie.
»Geht es Ihnen nicht gut?«, fragte Toby.
»Doch. Ich bin nur ein wenig … schockiert.«
»Das tut mir Leid.«
»Ist schon gut.«
»Vielleicht war der Mann, den ich gesehen habe, ja gar nicht Ihr Freund. Vielleicht hat er ihm nur ähnlich gesehen oder so was.«
»Kann sein. Vielleicht. Wäre es möglich, dass es eine Art Entführung war?«
»Meinen Sie, dass Außerirdische gelandet sind und …?«
»Nein. Ich meine, ob der Mann Duane irgendwie zum Mitgehen gezwungen hat.«
»So hat es aber nicht gewirkt.«
»Hast du eine Waffe gesehen?«
»Nö.«
»Aber ein Muskelpaket wie dieser Typ braucht vielleicht gar keine Waffe, wenn er jemanden entführen will. Du hast doch gesagt, dass er enorm kräftig war.«
»Stimmt. Aber es hat wirklich nicht nach einer Entführung ausgesehen. Sonst hätte ihr Freund den Typen doch nicht angelächelt und so.«
»Das ist verrückt«, sagte Sherry abermals.
Toby hob die Augenbrauen, als wäre ihm plötzlich eine Idee gekommen. »Wissen Sie was? Wir könnten die beiden doch suchen. Immerhin sind sie zu Fuß unterwegs, und wenn wir mein Auto nehmen, holen wir sie vielleicht noch ein.«
»Wie lange sind sie denn schon weg?«
»Na ja, vielleicht eine Dreiviertelstunde oder so.«
»Das ist eine lange Zeit.«
Toby zuckte die Achseln. »Meine Wäsche ist fertig. Wenn Sie wollen, kutschiere ich Sie noch ein paar Minuten durch die Gegend, bevor ich heimfahre.«
»Danke. Aber das muss wirklich nicht sein.«
»Es macht mir nichts aus. Und Sie wollen ihn doch finden, oder?«
»Natürlich. Aber … du musst doch nach Hause.«
»Ist schon okay. Morgen haben wir keine Schule.«
»Aber deine Mutter macht sich bestimmt Sorgen um dich.«
»Ach, die schläft schon längst. Sie kriegt es nie mit, wann ich nach Hause komme.«
»Na schön … wenn du das wirklich tun willst …«
»Klar. Steigen Sie ein.«
»Danke.« Sherry ging um den Wagen herum zur Beifahrertür. Sie war nicht abgeschlossen. Während sie in den Wagen stieg, zwängte sich Toby auf der anderen Seite hinters Lenkrad.
Fast gleichzeitig schlugen sie die Türen zu.
Toby lächelte Sherry an und startete den Motor. »Das wird cool«, sagte er.
»Ich weiß deine Hilfe wirklich zu schätzen.«
»Nicht der Rede wert.« Er schaltete das Licht an und fuhr rückwärts aus der Parkbucht. »Ich hoffe nur, dass wir ihn finden.«
»Ich auch.«
Toby wendete den Wagen und fuhr aus dem Parkplatz hinaus auf den Robertson Boulevard, wo er an der roten Ampel anhalten musste. »Dieser Duane, ist das Ihr Liebhaber oder so?«
»Wir sind schon seit einer Weile zusammen.«
»Glauben Sie, dass er … na ja, Sie wissen schon … dass er eine Schwuchtel ist?«
»Das ist kein nettes Wort, Toby«, sagte sie höflich.
»Ach so.«
»Sag doch einfach ›Schwuler‹.«
»Schwuler. Okay.«
»Um deine Frage zu beantworten: Duane ist nicht schwul.«
Die Ampel wurde grün, und Toby fuhr über die Kreuzung. »Das wäre ja echt der Hammer«, sagte er. »Da hat man einen Freund, und dann stellt sich heraus, dass er sich mehr für Männer interessiert als für Frauen.«
»Mich interessiert jetzt erst mal, wo er steckt. Auf welcher Straßenseite sind die beiden denn gegangen?«
»Auf der da«, sagte Toby und deutete nach rechts. »Sie schauen da, ich schaue links.«
»Gut. Danke.«
Sherry spähte durch die Windschutzscheibe auf den Bürgersteig, der erst an der Fassade einer Stadtteilbibliothek und dann an den Eingängen mehrerer Wohnhäuser und Geschäfte vorbeiführte. Die parkenden Autos am Straßenrand waren nicht hoch genug, um ihr die Sicht zu verstellen. Lieferwagen oder Pick-ups wären hoch genug gewesen, aber davon gab es zum Glück nicht viele.
Das ist sowieso viel zu nah an dem Minimarkt, als dass Duane noch hier sein könnte, sagte sie sich. Er hatte genügend Zeit, um mehrere Meilen zurückzulegen.
Aber vielleicht war er ja schon wieder auf dem Rückweg.
Wo, zum Teufel, ist er bloß hingegangen?
Und wieso mit einem Mann?
Sie fühlte sich innerlich aufgeheizt und furchtbar unruhig.
Duane ist nicht schwul, sagte sie sich. Auf gar keinen Fall. Völlig ausgeschlossen.
Als sie über eine Kreuzung fuhren, schaute Sherry in die Querstraße, ob nicht dort vielleicht irgendwelche Fußgänger zu sehen waren. Die Bürgersteige waren leer.
»Vielleicht war es ja ein Notfall«, sagte sie.
»Was war ein Notfall?«, fragte Toby.
»Dass Duane mit diesem Mann weggegangen ist. Vielleicht brauchte er Hilfe.«
»Ich weiß nicht so recht. Vielleicht. Aber sie haben sich nicht gerade so benommen, als ob etwas Schlimmes passiert wäre.«
»Aber irgendwas muss passiert sein. Duane wusste, dass ich auf ihn warte. Er kann doch nicht einfach …«
Ich habe ihm gesagt, er soll die Kondome vergessen, aber er hat darauf bestanden, trotzdem rauszugehen.
Um sich mit jemandem zu treffen?
Um nicht mit mir schlafen zu müssen?
Nein, das ist doch verrückt, sagte sie sich. Wenn der Präser nicht kaputtgegangen wäre … und ich habe ihn kaputtgemacht … dann wäre Duane nie weggegangen. Er kann das nicht geplant haben. Das ist lächerlich.
Sherry schaute in eine weitere Seitenstraße, an der Toby ziemlich rasch vorbeifuhr. Auch dort schienen die Gehsteige leer zu sein.
»Was kann er nicht einfach?«, fragte Toby.
»Mit jemandem weggehen. Wenn er es trotzdem getan hat, muss er einen verdammt guten Grund dafür gehabt haben. Zum Beispiel, dass dieser Mann seine Hilfe gebraucht hat. Oder ihn zum Mitkommen gezwungen hat.«
»Keine Ahnung«, sagte Toby. »Möglich ist alles.«
»Ich weiß, dass er nicht schwul ist.«
»Da!«, stieß Toby plötzlich hervor. »Sind sie das?«
6
Sherry schaute in die Richtung, in die Toby deutete, und erblickte etwa einen Block weit entfernt zwei Fußgänger, die auf der rechten Straßenseite in ein erleuchtetes Schaufenster blickten.
Toby gab Gas.
Sherry warf noch rasch einen Blick in eine vorbeihuschende Seitenstraße und richtete dann ihre Aufmerksamkeit auf das Paar.
Die beiden Gestalten gingen jetzt Händchen haltend in Fahrtrichtung den Gehsteig entlang. Eine von ihnen war definitiv ein Mann. Er war von kräftiger Statur und hatte lockiges gebleichtes Haar, aber anstatt eines Netzhemds und knappen Shorts trug er ein Tank-Top und eine knapp oberhalb der Knie abgeschnittene Jeans.
Die andere Gestalt, deren langes schwarzes Haar im Wind flatterte, hatte ebenfalls ein Tanktop und abgeschnittene Jeans sowie weiße Cowboystiefel an. Selbst von hinten konnte Sherry auf den ersten Blick erkennen, dass sie eine Frau war.
Als Toby an dem Paar vorbeifuhr, sah Sherry von der Seite, wie unter dem engen Tank-Top ziemlich große Brüste von keinem BH gebändigt auf und ab wippten.
»Das sind sie wohl eher nicht«, sagte Toby.
»Richtig«, sagte Sherry.
»Aber der Typ sieht so ähnlich aus wie der, den ich vorhin mit Duane gesehen habe. Bloß dass er was anderes anhatte.«
»Dann ist das also nicht der Mann, den du gesehen hast?«
»Nein. Eher nicht.«
»Bist du sicher?«
»Absolut.«