Rachejagd - Gequält - Nica Stevens - E-Book

Rachejagd - Gequält E-Book

Nica Stevens

0,0
9,99 €

Beschreibung

Er sieht dich. Und er ist dir schon ganz nah …

Vor drei Jahren wurde Journalistin Anna Jones zusammen mit ihrer Freundin Natalie entführt und von ihrem Peiniger Edward Harris auf vielfache Art gequält. Anna konnte fliehen, Natalie starb. Diese Schuld verfolgt Anna bis heute. Als sie einen blutbefleckten Brief erhält, wird schnell klar: Edward Harris ist zurück. Nick Coleman, Annas Jugendliebe und FBI-Agent, nimmt die Ermittlungen auf. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Zane Newton, der Profilerin Lynette McKenzie und Nick versucht Anna herauszufinden, was Harris vorhat. Ein perfides Spiel beginnt, bei dem nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Ein Spiel, das nicht nur für Anna tödlich enden könnte. Ein Spiel, das nur ein Ziel hat: Rache.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 459

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Das Buch

Vor drei Jahren wurde die Journalistin Anna Jones zusammen mit ihrer Freundin Natalie entführt und von ihrem Peiniger Edward Harris auf vielfache Art gequält. Anna konnte fliehen, Natalie starb. Diese Schuld verfolgt Anna bis heute. Als sie einen blutbefleckten Brief erhält, wird schnell klar: Harris ist zurück. Nick Coleman, Annas Jugendliebe und FBI-Agent, nimmt die Ermittlungen auf. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Zane Newton, der Profilerin Lynette McKenzie und Nick versucht Anna herauszufinden, was Harris vorhat. Ein perfides Spiel beginnt, bei dem nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Ein Spiel, das nicht nur für Anna tödlich enden könnte. Ein Spiel, das nur ein Ziel hat: Rache.

Die Autor*innen

Nica Stevens (* 1976) leitete jahrelang ein Familienunternehmen und war zusätzlich als Dozentin tätig, bis sie nach der Geburt ihres zweiten Sohnes beruflich kürzertrat und durch die gewonnene Zeit zu ihrer Leidenschaft des Geschichtenerzählens zurückfand. Ihr Debüt Verwandte Seelen wurde auf Anhieb zum Bestseller. Seitdem lebt Stevens ihren Traum, arbeitet hauptberuflich als Autorin und schafft es immer wieder, mit ihren Büchern restlos zu begeistern.

Andreas Suchanek (* 1982) verfasste bereits in Jugendjahren seine ersten Geschichten und Romane. Nach dem Studium der Informatik begann er, seine Geschichten hauptberuflich zu veröffentlichen. Seinen bisher größten Erfolg hatte Suchanek mit der Urban-Fantasy-Reihe Das Erbe der Macht, die mit dem Deutschen Phantastik Preis und dem LovelyBooks Leserpreis ausgezeichnet wurde. Er ist für seine gemeinen Twists bekannt.

Mit Nica Stevens verbindet ihn eine enge jahrelange Freundschaft. Als Autorenduo Stevens & Suchanek schreiben sie rasante Thriller.

STEVENS & SUCHANEK

RACHEJAGD

GEQUÄLT

THRILLER

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Originalausgabe 10/2022 

Copyright © 2022 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Adobestock/joephotostudio

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-27194-7V003 

www.heyne.de

PROLOG

Der Stacheldraht schabte über ihre Haut, wie sein Messer es unzählige Male getan hatte. Im schwachen Licht des Mondes kroch Anna durch den Spalt im Zaun, die gefesselten Hände an die Brust gepresst. Sie ignorierte den Schmerz und das Blut. Weg, nur weg. Die Finsternis verschluckte das heruntergekommene Haus. Sie entkam ihrem Gefängnis aus Schlägen, im Wahn geflüsterten Worten und beißendem Gestank von Schweiß.

Waren es Tage gewesen oder Wochen? In der ständigen Abfolge aus Dämmerlicht und künstlicher Beleuchtung hatte sie jedes Zeitgefühl verloren. Harris hatte über Licht und Dunkelheit geherrscht, hatte ihre ganze Welt bestimmt. Einzig der warme Körper ihrer besten Freundin hatte ihr Halt gegeben.

Natalie!

Der Gedanke trieb Anna Tränen in die Augen.

»Ich brauche Hilfe«, brachte sie mit krächzender Stimme hervor, schlug sich aber sogleich die Hand vor den Mund.

Das Haus war zu nah, er könnte sie hören. Hatte er ihre Flucht bereits bemerkt?

Sie taumelte, rutschte aus und fiel in den Matsch des Waldweges. Ihre Hände waren noch immer gefesselt, sie konnte nur mit Mühe aufstehen. Anna wagte nicht zurückzuschauen. Sie hielt den Blick weiter nach vorne gerichtet und rannte. Die Büsche und Bäume standen so dicht, dass immer wieder Äste ihr Gesicht streiften. Es fühlte sich an, als wollten sie sie festhalten. Der Wind strich ihr über die nackte Haut und hieß sie in der kalten Nacht willkommen. Steine stachen in ihre Fußsohlen, Äste rissen die Verletzungen weiter auf.

Nach einer gefühlten Ewigkeit wurde der Waldweg abschüssig und führte schließlich auf eine Landstraße. Mechanisch setzte sie einen Fuß vor den nächsten. Immer weiter. Nur nicht zurückschauen, nicht an das Gefängnis denken, in dem Natalie noch immer litt. Der vorwurfsvolle Blick der Freundin hatte sich in ihren Geist gebrannt.

»Ich komme zurück«, flüsterte Anna leise. »Ich hole Hilfe.«

Die Landstraße zog sich endlos hin. Sie stieß auf eine Kreuzung, rannte einfach geradeaus weiter. Längst hatte sie jedes Zeit- und Raumgefühl verloren, ihr Körper gehörte nicht mehr ihr. Wie ferngesteuert taumelte sie, rannte, stürzte und kam wieder hoch. Immer weiter. Sie musste weiter.

In Momenten der Schwäche kehrte das Bild zurück. Das Messer, das über ihre Haut strich. Sanft, doch mit gnadenloser Klinge. Das Blut, das er so liebte, das Lächeln, das er verlangte, die Gier in seinen Augen. Eine zweite Chance würde es nicht geben. Wenn Harris sie erwischte, endeten sie beide als ausgeweidete Kadaver, verscharrt in der Erde.

Natalie!

Tränen waren über das Gesicht der Freundin geflossen. »Lass mich nicht allein, bitte.«

»Ich komme zurück«, hatte Anna geflüstert. »Ich hole Hilfe.«

Dann hatte sie die Chance zur Flucht genutzt. Angetrieben von nackter Panik. Natalies Fußketten hatte sie nicht lösen können. Sie war durch das winzige Fenster gekrochen, durch den Garten, hin zum Stacheldrahtzaun.

Ein Hupen riss Anna zurück in die Wirklichkeit.

Sie war nicht mehr im Keller, nicht im Garten, nicht auf dem Waldweg. Verwirrt blieb sie stehen.

Direkt vor ihr kam ein Auto mit quietschenden Reifen zum Stehen. Der Fahrer starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an. Noch während sie seinen Blick erwiderte und versuchte, in ihre chaotischen Gedanken Ordnung zu bringen, riss er sein Smartphone in die Höhe und sprach hektisch hinein.

Die Zeit stand still.

Nein, das war nicht Harris.

»Hilfe.« Annas Stimme war nur ein Hauch.

Der Fremde öffnete die Tür und kam zu ihr geeilt. »Miss …« Er schluckte. »Der Rettungswagen ist auf dem Weg. Was ist mit Ihnen passiert?«

»Natalie«, flüsterte sie. »Er hat sie! Bitte, wir müssen ihr helfen!«

»Wer hat wen? Wo?«

Verwirrt sah Anna sich um. Wo? In ihrem Kopf drehte sich alles. »Ich weiß es nicht.« Sie sackte auf den Asphalt. »Ich weiß es nicht!« Eine Träne löste sich aus ihren Augen, rann heiß ihre Wange herab.

Die Welt versank in erlösende Schwärze.

1. KAPITEL

Drei Jahre später

Anna war wie jeden Tag eine der Ersten, die in der Redaktion eintrafen. Sie betrat ihr Büro, sank in den Schreibtischstuhl und streifte die High Heels von den Füßen. Müde dehnte sie ihre Beinmuskeln, die von der täglichen Laufrunde am Westufer des Michigansees brannten.

Sie liebte es, wenn die Morgendämmerung den Himmel und das Wasser rötlich einfärbte. Sie wohnte so nah an ihrer Joggingstrecke, dass sie nicht erst U-Bahn fahren musste, es konnte nahezu direkt vor ihrer Haustür losgehen.

Jeden Morgen war sie froh, dass der Tag die Nacht ablöste. Sie konnte sich für ein paar Stunden in die Arbeit stürzen, bis der nächste einsame Abend anbrach und die Erinnerungen und Schuldgefühle wie klebriger Teer an ihr hafteten.

Ihr Blick glitt aus dem Fenster, am gegenüberliegenden Wolkenkratzer vorbei bis zum Chicago River. Jetzt im Herbst waren überall rotgoldene Blätter in den Parks zu sehen. Die Stadt war wunderschön und gleichzeitig verdorben bis ins Mark. Jede Nacht gab es Hunderte neue Tatorte – geplatzte Drogendeals, Schießereien, Messerstechereien waren keine Seltenheit. Wie viele Menschen wohl heute innerhalb der Stadtgrenzen einen gewaltsamen Tod finden würden?

Mit einem Seufzen wandte sie sich ihrem Computerbildschirm zu und öffnete das Dokument, in dem alle Todesopfer festgehalten waren, die sie täglich aus den zugänglichen Quellen der Strafverfolgungsbehörden zusammentrug und auflistete. Gestern hatte sie drei Einträge hinzugefügt. Einem gerade veröffentlichten Polizeibericht konnte sie entnehmen, dass eine einunddreißigjährige Frau kurz nach Mitternacht von einer unbekannten Person durch mehrere Messerstiche lebensbedrohlich verletzt worden und nur wenige Stunden später im Christ Medical Center verstorben war. Sie war so alt wie Anna. Sobald die morgendliche Redaktionskonferenz hinter ihr lag, würde Anna recherchieren, wie weit die Polizei inzwischen mit den Ermittlungen vorangeschritten war. Als Investigativjournalistin, die regelmäßig mit Enthüllungsartikeln über Verbrechen, Korruption und Betrugsfälle auf sich aufmerksam machte, wollte sie mit ihren Artikeln dabei helfen, die Täter ausfindig zu machen.

Ihr blieb noch etwas Zeit, die Vermisstenanzeigen durchzugehen. Erfahrungsgemäß landeten ein Drittel der dort genannten Personen letztendlich in der Datenbank der Mordopfer. Den neuesten Eintragungen würde sie heute ebenfalls nachgehen. Sie notierte sich gerade die Adressen der verschwundenen Personen, als Zane ohne anzuklopfen zur Tür hereinwirbelte.

»Guten Morgen.« Er hielt ihren privaten Laptop in die Höhe.

Anna streckte die Hände aus. »Bitte sag mir, dass du ihn wieder hinbekommen hast.«

»Habe ich. Das BIOS ist auf dem neuesten Stand, die Updates sind eingespielt und die Viren entfernt.«

Sie nahm den Laptop entgegen. »Vielen Dank. Vielleicht kann ich mich irgendwann revanchieren.«

Zane setzte sich seitlich auf die Tischkante und strich sich die Stirnfransen aus den Augen. »Du hast doch gute Connections zum Chef. Wie wäre es, wenn du eine Gehaltserhöhung für mich klarmachst?«

»Wieso führst du ihm deine Unentbehrlichkeit nicht selbst vor Augen? Schick ihm ein Dokument mit Makros. Und wenn er es nicht öffnen kann, wirst du zum Retter in der Not.«

»Bisher hielt ich dich für ein braves Mädchen, aber du hast es faustdick hinter den Ohren.«

Sie schmunzelte, scheuchte ihn mit einer Handbewegung vom Tisch und widmete sich wieder ihrem Bildschirm.

»Sehen wir uns nachher in der Mittagspause?«, fragte Zane und schlenderte zur Tür.

»Mal schauen, wie ich vorankomme.« Sie sah ihm nach, bis er durch die Tür verschwunden war.

Gestern hatte sie nur kurz in der Redaktion vorbeigeschaut, um Zane ihren abgestürzten Laptop zu bringen. Danach war sie zu Recherchezwecken in der Stadt unterwegs gewesen, die gestrige Post lag noch immer ungeöffnet auf ihrem Schreibtisch. Anna nahm die Briefe zur Hand, sah sie durch und bemerkte, dass auf einem der Umschläge der Absender fehlte. Sie warf die übrigen zurück auf den Tisch und betrachtete die mit einer sonderbar bräunlichen Farbe geschriebene Adresse mit dem Vermerk Persönlich. Die krakelige Schrift wirkte kindlich. Das Papier war fleckig und fühlte sich leicht klebrig an. Mit spitzen Fingern hob sie den Umschlag hoch und hielt ihn vor ihre Nase. Er roch nach ranzigem Fett.

Sie runzelte die Stirn, öffnete die Schreibtischschublade und ergriff den mit Messing überzogenen Brieföffner, der beim Aufschlitzen des Kuverts schwer in ihrer Hand lag. Zum Vorschein kam ein zerknittertes Stück Papier. Die Worte waren wie auf dem Umschlag nur schlecht lesbar. An manchen Stellen war der Patrone offenbar die Tinte ausgegangen, zwischen den Zeilen waren Flecken sichtbar. War das Kaffee? Als Anna zu lesen begann, kroch ihr ein kalter Schauer über den Rücken. Sie erstarrte und hielt unwillkürlich den Atem an.

Ich vermisse das Gefühl deiner glatten Haut, den Geschmack deines Blutes, den schabenden Klang des Messers, wenn ich dich damit streichle.

Ich sehe dich. Bald siehst du mich auch.

Der Brief glitt aus Annas zitternden Fingern. Die Panik packte sie mit eisigen Krallen und ließ sie angestrengt nach Luft schnappen.

Ruckartig stand sie auf und begann, im Zimmer umherzugehen. Ihr Blick fiel immer wieder auf das Stück Papier, das unter ihren Schreibtisch gefallen war.

Konnte das möglich sein? War es Harris? Sie hoffte inständig, dass das Schreiben nur ein übler Scherz war. Ihr Fall war durch die Medien gegangen, und erst vor Kurzem hatte ein Fernsehsender, der in einer Dokureihe Profile von Mördern erstellte, wieder an Edward Harris erinnert. Vielleicht war irgendein kranker Typ dadurch auf die makabre Idee gekommen, ihr mit dem Brief einen Schreck einzujagen.

Harris war vor drei Jahren, direkt nach Natalies und ihrer Entführung, geflohen und seither nicht gefunden worden. Was, wenn er zurückgekehrt war? Aber warum jetzt? Wieso ging er dieses Risiko ein?

Ihre Gedanken fuhren Achterbahn.

Der Detective, der in ihrem Fall ermittelt hatte, war seit ein paar Monaten im Ruhestand, und zu den anderen Cops, die Teil der Ermittlungen gewesen waren, hatte sie keinen Bezug. Ihr fiel nur einer ein, der ihr jetzt helfen konnte. Nick. Er war FBI-Agent und arbeitete normalerweise in Washington, D. C., flog aber ständig für diverse Fälle quer durchs Land. Bei seiner Erfahrung konnte er vielleicht sofort Entwarnung geben. Der Brief stammte von einem Trittbrettfahrer, ganz bestimmt! Nick konnte das Kuvert im Labor auf Fingerabdrücke und DNA-Spuren untersuchen lassen, weshalb sie kurz entschlossen ihr Smartphone aus der Tasche zog und seine Nummer wählte.

»Anna?«, meldete er sich nach dem dritten Klingelzeichen zu Wort. »Ich muss gleich in eine Besprechung. Kann ich dich später zurückrufen?«

»Warte! Ich habe ein Problem.« Sie stockte.

»Was ist los?« Nun klang er besorgt.

Sie atmete tief durch und nestelte am Stoff ihres Businesskleides. »In der Redaktion ist ein Brief eingegangen.«

Er wartete einen Moment. »Ein Brief?«, fragte er nach, als sie nicht weitersprach.

»Ich glaube, er ist von ihm.«

Nick war einer der wenigen, der wusste, was damals geschehen war.

Sie sah zu ihrem Schreibtisch, unter dem das Schriftstück auf dem Boden lag. Mit den Zähnen fuhr sie sich über die Unterlippe und bückte sich langsam. Den Brief aufzuheben, kostete sie einige Überwindung.

Mit stockender Stimme las sie Nick die Worte vor. »Vielleicht ist es ja nur ein kranker Scherz«, flüsterte sie schließlich.

Sein Schweigen wog schwerer als alle Worte dieser Welt.

2. KAPITEL

Nick ging in seinem Büro auf und ab. »Beruhige dich, ich kümmere mich darum«, sagte er in sein Smartphone. »Schick mir ein Foto von dem Brief. Und steck ihn in eine Tüte. Nicht mehr berühren! Du solltest in der Redaktion bleiben, ich melde mich wieder.«

»Alles klar«, erwiderte sie.

Die Verbindung wurde beendet.

Mit einem Klacken landete sein Smartphone auf dem Schreibtisch. Während vor seinem Büro, das eher einem Schuhkarton als einem Arbeitszimmer glich, emsiger Betrieb herrschte, schien die Zeit hier drinnen stillzustehen. Nick erinnerte sich daran, wie nah Anna und er sich einst gestanden hatten. Händchenhalten in der Highschool, ihr erster Kuss auf einer Picknickdecke unter dem Sternenhimmel, gemeinsame Erlebnisse mit Freunden. Das war vor der Zeit gewesen, als sie beide ihre Karrieren begonnen hatten – Nick als Agent beim FBI in Washington, D. C., und Anna als Reporterin bei der Chicago Tribune. Erst vor einem halben Jahr hatten sie sich bei einer Geburtstagsfeier wiedergetroffen, und er hatte sofort gemerkt, wie verändert sie war und dass es ihr nicht gut ging. Anfänglich hatte sie auf seine Fragen ausweichend reagiert. Doch als sie in einem entspannten Moment das Halstuch abgenommen und er sie daraufhin auf die Narbe an ihrem Schlüsselbein angesprochen hatte, hatte sie ihm zögernd von ihrem Martyrium berichtet, und er hatte danach weitere Nachforschungen angestellt.

Die ganze Wahrheit hatte er erst in den Tiefen der FBI-Datenbanken ausgegraben. Ihre Entführung, die Folter, die Flucht. Mit seinen einunddreißig Jahren war er ausgebildeter Agent und bereits mehrfach mit ähnlichen Straftaten konfrontiert worden. Annas Fall ging ihm verständlicherweise jedoch besonders nah.

Noch heute fragte er sich, wie sie das alles überlebt hatte. Die Bilder in den Akten hatten ihm sämtliche grauenvollen Details enthüllt. Da war dieses Foto von Anna im Krankenhausbett gewesen. Ihr Körper bedeckt von blauen Flecken, Hämatomen und Schnittwunden. Ihr Anblick hatte ihn zutiefst erschüttert.

Nick lockerte den Knoten seiner Krawatte, zerrte sie sich über den Kopf und warf sie auf den Tisch.

Konnte es tatsächlich ihr ehemaliger Peiniger sein?

Ein Klopfen ließ ihn aufschrecken. »Du weißt schon, dass die Konferenz seit zehn Minuten läuft?« Mikes Grinsen entgleiste, als er Nick ansah. »Was ist denn mit dir los? Du siehst aus, als hättest du seit Tagen Kaffeeentzug.«

»Anna hat angerufen.« Nicks Gedanken rasten.

»Deine Reporter-Freundin?« Fahrig strich sich Mike durch sein struppiges rotes Haar.

»Sie hat einen anonymen Brief bekommen.« Nick schloss die Augen. »Diese Worte, diese Ausdrucksweise. Gut möglich, dass sie es mit einem flüchtigen Psychopathen zu tun hat, der wiederaufgetaucht ist.«

Sein Smartphone vibrierte. Anna hatte Bilder des Briefes geschickt. Das erste Foto war eine Aufnahme, die das Kuvert zeigte. Das zweite den Brief selber. Die krakelige Schrift, das fleckige Papier … »Ich brauche Einsicht in Annas Akte. Sofort!«

Bei einem gemeinsamen Feierabendbier hatte Nick seinem Kollegen und Freund vor einiger Zeit angedeutet, was geschehen war.

»Die Akte ist bestimmt noch bei den ungelösten Fällen im Keller und nicht digitalisiert«, erwiderte Mike. »Du weißt doch, was für Berge da noch abgearbeitet werden müssen. Das dauert garantiert Jahre.«

Nick konnte ihm da nur zustimmen. Die komplette Digitalisierung und Zentralisierung der Verwaltung kostete nicht nur viel Geld und ein Umdenken bei allen Beteiligten, sondern auch Zeit. Wenn dann auch noch verschiedene Behörden involviert waren, die unterschiedliche Systeme verwendeten, herrschte schnell Chaos.

Mit zügigen Schritten verließ Nick sein Büro, durchquerte das geschäftige Großraumbüro und betrat das Treppenhaus. Seine Schuhsohlen klackten auf den Stufen zum Keller. Der damalige Ermittler war ein Detective der alten Schule gewesen, ein Gegner der Digitalisierung. Ein Teil der Informationen war dem Datenbankeintrag von Anna zugeordnet, ein anderer steckte in der braunen Kiste, die Nick vor einem halben Jahr schon einmal durchgesehen hatte.

Die Akten waren erst hierhergeschickt worden, nachdem die landesweite Fahndung begonnen hatte. Zuvor war die Polizei von Chicago allein zuständig gewesen.

Am Ende der Treppe versperrte eine Stahltür den Weg. Nick zog seine Keycard hervor und schob sie durch das Lesegerät. Es klickte, das Schloss entriegelte. Kalte Luft empfing ihn. Eine Klimaanlage sorgte für die optimale Raumtemperatur, um die Akten zu schützen. Der Speicherchip in der Türverriegelung registrierte jeden Besucher. Falls er etwas entnahm, musste er sich in die Liste eintragen, die neben der Tür auf einem Pult lag.

Der lang gezogene, fensterlose Raum war unterbrochen von schmalen Gängen, angefüllt mit Eisenregalen. In ihnen stapelten sich dicht an dicht Kartons. Das flackernde Neonlicht warf einen kalten Schein auf den Betonboden.

Im hinteren Teil führte eine Tür zu weiteren Räumen.

Die Indexierung war simpel. Jeder Karton verfügte über einen aufgeklebten Barcode, unter dem die Jahreszahl, der Tag des Ermittlungsbeginns und eine Fallnummer notiert waren. In ihnen verbargen sich jede Menge trauriger Schicksale. Die Mörder und Vergewaltiger dieser armen Seelen waren niemals gefasst worden. Möglicherweise trieben sie noch immer ihr Unwesen, vielleicht saßen sie auch für eine andere Tat in einer Zelle. Für die Angehörigen jedoch blieben die Taten ungesühnt.

Nick fand den gesuchten Karton und zog ihn heraus. Er legte den Deckel beiseite.

Die Akte lag obenauf. Eine schlichte Mappe, die so dick wie ein prall gefüllter Ordner war. Darunter fanden sich Fotografien, das psychologische Profil von Annas Entführer Edward Harris und seine Korrespondenz. Die Beweisstücke lagen in der Asservatenkammer. Doch die Akte genügte.

Nick blätterte hastig durch die Protokolle und Dokumente, bis er die Stelle fand, die er gesucht hatte. Es war ein Brief, den Harris damals zurückgelassen hatte. Nick öffnete das Foto, das Anna ihm geschickt hatte, und hielt es neben den Brief.

Die gleiche unbeholfene kindliche Schrift, die gleichen Aussetzer, die fehlenden T-Striche … Man musste kein Grafologe sein, um zu erkennen, dass die Briefe von ein und demselben Verfasser stammten.

»Verdammt«, entfuhr es ihm.

Nick schob den Karton wieder ins Regal. Ohne Rücksprache konnte er den Fall nicht erneut öffnen, das musste erst von oben abgesegnet werden. Reine Formsache, wenn man bedachte, dass Anna als Reporterin ein potenzielles Opfer war, dessen Sicherheit höchste Priorität hatte. Wurde ein Pressevertreter bedroht, geriet die zuständige Polizeibehörde schnell unter Beschuss, wenn sie nicht alles in ihrer Macht Stehende getan hatte, um die Bedrohung abzuwenden und eine Straftat zu verhindern. Politisch betrachtet ein heißes Eisen.

Im Gehen wählte Nick die Nummer von Lynette. Die Stahltür hinter ihm fiel klickend ins Schloss.

»Guten Morgen«, erklang ihre Stimme aus dem Hörer. »Ein Anruf zu dieser Zeit kann nichts Gutes bedeuten.«

Normalerweise liebte er es, ein wenig Small Talk mit ihr zu halten. Lynette war fast dreißig Jahre älter als er, besaß einen messerscharfen Verstand und dazu noch einen ausgeprägten Sinn für Humor. Heute musste es jedoch schnell gehen. Innerlich hatte er längst in den Krisenmodus umgeschaltet. »Ich brauche dich in Chicago.«

Ihre Stimme nahm sofort einen professionellen Klang an. »Was ist passiert?«

»Edward Harris. Ein Stalker, der vor drei Jahren in Chicago zwei junge Frauen entführt hat. Jetzt scheint er zurückgekehrt zu sein.«

»Verstanden. Weiß die zuständige Polizeibehörde Bescheid?« Als Profilerin stellte Lynette nur die wichtigsten Fragen. Sie hatten bereits bei zahlreichen Fällen zusammengearbeitet.

»Bisher nicht«, gestand er. »Ich kläre das und fliege auch gleich los. In drei Stunden bin ich dort.«

»Falls du recht hast, müssen wir schnell handeln«, entgegnete Lynette. »Ich bin mit der Akte nicht vertraut. Ich muss mir das alles genauer anschauen. Aber wenn ein Bluthund Fährte gewittert hat, lässt er nicht mehr davon ab.«

»Du machst mir Mut.«

»Das ist mein Job. Ich schreibe gerade meinen Abschlussbericht in einem Dreifachmordfall.«

»Wo steckst du denn gerade?«

»Derzeit im schönen St. Louis. Ich stürze mich auf die Unterlagen, sobald ich eintreffe.«

»Ich kündige dich beim Chicago Police Department an und verschaffe dir Zugriff auf die Datenbank mit der Akte. Was wir hier an zusätzlichen Dingen haben, lasse ich per Kurier schicken.«

»Bin auf dem Weg.« Sie legte auf.

Als externe Psychologin mit dem Spezialgebiet Profiling benötigte Lynette einen temporären Zugang und alle notwendigen Freigaben.

Nick hastete nach oben, füllte in seinem Büro das entsprechende Formular aus und knallte es auf Mikes Tisch. »Kümmerst du dich darum?«

»Lynette? Klar, wird erledigt. Aber du erklärst das dem Chef.«

Was zu einer ewigen Diskussion führen würde, für die Nick keine Zeit hatte. Er tippte hastig eine E-Mail und ärgerte sich über die Bürokratie. Innerlich stellte er sich auf das Gebrüll seines Chefs ein, denn wenn Lynette und er nach Chicago flogen, war der Fall genau genommen schon am Rollen.

Nachdem Nick alles Notwendige in die Wege geleitet hatte, nahm er sein Jackett von der Stuhllehne und verließ das Büro. Draußen sprang er in seinen Dienstwagen. Der morgendliche Berufsverkehr war vorbei, mit größeren Staus war also nicht zu rechnen. Er fuhr auf direktem Weg zum Flughafen.

Der Check-in war für Nick Routine, so oft, wie er durch das Land jettete. Das Flugzeug startete pünktlich, und zwei Stunden später setzte es in Chicago auf.

Eine weitere halbe Stunde später lenkte er seinen Mietwagen auf den Highway und ließ seinen Blick an den vertrauten Häuserfassaden aus stuckverziertem Sand- oder Kalkstein entlanggleiten, die sich mit modernen Glaskomplexen abwechselten. Von Weitem lugten Dachterrassen zwischen den kerzengerade hochgezogenen Kästen hervor. Die Gehsteige waren hier sauber und frei von jedwedem Wurzeldurchbruch oder Riss. Straßenlaternen aus dunklem Metall mit verschnörkelten Ornamenten ragten in regelmäßigen Abständen in die Höhe.

Ganz in der Nähe war er aufgewachsen. Ein Gedanke, den er sofort verdrängte. Längst hatte er keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern oder früheren Freunden.

Ein wütendes Hupen brachte ihn zurück in die Gegenwart. Vertieft in seine Gedanken, hatte er, ohne zu blinken, die Spur gewechselt. Er bog in die Michigan Avenue ein und fuhr kurze Zeit später in das Parkhaus des Tribune Towers.

Im Foyer ging Nick direkt zu den Aufzügen und wartete, bis sich die Türen mit einem hellen Glockenton öffneten. Die Redaktion befand sich im fünfundzwanzigsten Stockwerk des Wolkenkratzers. In jeder zweiten Etage hielt die verdammte Kabine, aber schließlich erreichte er sein Ziel. Nick betrat die Redaktionsräume der Chicago Tribune.

Die Empfangsdame begrüßte ihn mit dem typisch künstlichen Lächeln absoluter Professionalität.

»Nick Coleman.« Er zeigte seinen Ausweis. »Ich habe einen Termin bei Miss Jones.«

Manikürte Fingernägel flogen über die Tastatur, ihr Blick huschte die Zeilen auf dem Monitor entlang. »Gerne doch, Agent Coleman. Miss Jones hat sie schon angekündigt.« Sie reichte ihm einen Besucherausweis. »Bitte tragen Sie diesen sichtbar an ihrem Jackett. Er öffnet die Zugangstür, alle anderen jedoch nicht.«

Es war bereits vorgekommen, dass sich bewaffnete Attentäter Zutritt zu den Büros von Zeitungen verschafft hatten. Bleiche Körper, abgedeckt von Planen, und Nachrufe auf namhafte Journalisten waren das Ergebnis gewesen. Die Zeitungsredaktionen hatten deshalb ihre Sicherheitsvorkehrungen massiv verschärft. Schon im Aufzug gab es Überwachungskameras, ein Team aus Sicherheitskräften registrierte, wohin jemand fuhr, und gab die Information an den Empfang weiter. Die Türen waren aus Panzerglas, und ohne Keycard wäre Nick nicht in die Redaktionsräume gelangt.

So aber öffnete er die Tür und betrat das Großraumbüro. Sofort war er umgeben von Stimmengewirr, Tastaturenklackern und dem schrillen Klingeln von Telefonen.

An den Wänden hingen mehrere Fernsehmonitore, auf denen unterschiedliche Nachrichtensender liefen. Gerade war eine Frau zu sehen, die ein schreiendes Kind auf dem Arm trug. Offenbar war gestern in der Mittagshitze ein Ausflugsdampfer auf dem Michigansee havariert. Erst nach drei Stunden war es gelungen, das Schiff abzuschleppen. Die Mutter bot mit Tränen in den Augen einen herzzerreißenden Anblick. Vermutlich würde sie nach dem Interview direkt zum nächsten Anwaltsbüro hetzen, um die Schifffahrtsgesellschaft zu verklagen. Ihr schreiendes Kind blieb weiterhin unbeachtet. Nick seufzte, schüttelte den Kopf und setzte seinen Weg fort.

Er sah Anna bereits von Weitem. Sie saß in ihrem Büro, dessen Front vollständig verglast war. Ein unbedarfter Beobachter hätte ihr wohl nichts angesehen, ihn jedoch konnte sie nicht täuschen. Die Schatten unter den Augen deuteten auf ihr Schlafdefizit hin. Die fahrige Bewegung, mit der sie sich eine verirrte Strähne ihres schulterlangen braunen Haares hinters Ohr strich, der gehetzte Blick. Sie hatte Angst. Eine Angst, die seit drei Jahren von der Ungewissheit über den Verbleib von Edward Harris genährt worden war.

Bei ihrem Anblick fühlte er einen Stich. In einer einzigen Sekunde tauchten Bilder vor seinem geistigen Auge auf. Die gemeinsamen Stunden, die Nähe, ihr herzliches Lachen. Er trieb die Erinnerungen zurück, fokussierte sich auf das Hier und Jetzt.

Anna joggte allmorgendlich, das wusste Nick. Das taillierte Businesskleid betonte ihre schlanke Figur, und obgleich ihre Mimik die Machtlosigkeit der Situation widerspiegelte, lag darunter doch eine Stärke verborgen, die sie durchhalten ließ.

Sie bemerkte seinen Blick und sah auf. Kurz hellte sich ihr Gesicht auf, und sie lächelte ihn an. Er erwiderte das Lächeln und legte die kurze Distanz zu ihrem Büro zurück. Die Glastür stand offen.

»Hey.« Sie erhob sich, kam zögerlich näher. »Ich würde ja sagen, es ist schön, dich zu sehen, aber …«

»Hey.« Er umarmte sie kurz. »Schon klar.«

Als Nick spürte, dass Anna sich verkrampfte, löste er die Umarmung sofort.

»Hattest du einen guten Flug? Du warst schnell hier.«

»Die Verbindungen nach Chicago sind gut. Zeigst du mir den Brief?«

Sie öffnete die Schreibtischschublade und entnahm zwei Klarsichtbeutel. In einem steckte das Kuvert, in dem anderen das Blatt Papier mit der unheilvollen Nachricht.

»Hatte den Umschlag außer dir noch jemand in den Händen?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Vermutlich ein oder zwei Mitarbeiter in der Poststelle hier im Gebäude. Und der Briefträger natürlich.«

Das Labor würde Freudensprünge machen. Aber immerhin betraf das lediglich das Kuvert. Der eigentliche Brief war nur von Anna berührt worden.

»Wenn die Nachricht von Harris stammt, dürfte es ihm ziemlich egal sein, ob er Fingerabdrücke hinterlassen hat«, sagte Nick nachdenklich, während sein Blick über die Zeilen glitt. »Ich habe das Schriftbild verglichen, und es scheint zu Harris zu passen. Wenn wir DNA-Rückstände finden, können wir seine Identität eindeutig zuordnen. In jedem Fall werden wir die Ermittlungen wiederaufnehmen.«

»Drei Jahre«, flüsterte Anna. »Drei verdammte Jahre ist dieser Mistkerl schon auf der Flucht.« Sie atmete tief durch und setzte sich wieder auf ihren Bürostuhl, während Nick am Besuchertisch Platz nahm.

»Nachdem Harris geflohen ist und in der Nähe eines Diners in Ohio gesehen wurde, haben sie eine landesweite Fahndung ausgerufen. Dadurch lag die Zuständigkeit für den Fall nicht länger beim Chicago Police Department, sondern beim FBI, weil eine Ländergrenze überschritten wurde. Die Akten sind zu uns gewandert.«

Anna rieb sich die müden Augen. »Ich habe selbst recherchiert, versucht, ihn zu finden. Tausend Spuren bin ich hinterhergejagt, aber alle führten ins Leere.«

»Dein Anwalt hat erfolgreich Einsicht in die Unterlagen erkämpft«, erwiderte er. »Ich kann es mir also vorstellen.«

»Ich konnte das nicht einfach auf sich beruhen lassen.« Anna schaute aus dem Fenster über die Skyline von Chicago. »Aber er war fort. Als hätte ihn jemand mit einem Fingerschnippen verschwinden lassen.«

»Eine unserer besten Psychologinnen ist bereits dabei, das Profil zu aktualisieren. Wenn Harris nach Chicago zurückgekommen ist, muss er Spuren hinterlassen haben. Die IT-Abteilung hat seine biometrischen Daten erfasst, wir werden sie an die anderen Dienststellen weiterleiten.« Er lächelte sanft.

»Ich sollte wohl besser meinen Vorrat an Pfefferspray auffüllen«, versuchte sich Anna an einem Witz.

»Ich kümmere mich heute noch um Personenschutz für dich. Bleib erst mal in der Redaktion, ich werde tagsüber einen Kollegen im Empfangsbereich positionieren, das bekomme ich durch. Das Sicherheitsnetz hier ist ziemlich gut, daher sehe ich da keine Bedenken. Vermutlich kann ich eine Woche heimischen Schutz herausschlagen.«

In Gedanken vertieft legte Nick die Tüte mit dem Brief beiseite und nahm jene mit dem Kuvert auf. Möglicherweise hatte Harris die Verschlussnaht angeleckt und der DNA-Abgleich mittels der Speichelrückstände war nur Formsache. Darüber hinaus …

Nicks Gedanken stockten.

»Was ist los?«, fragte Anna. Vermutlich sah sie ihm sein Unbehagen an.

Sie hatte es nicht bemerkt, was wohl an dem Schock lag, den der Brief ausgelöst hatte.

»Verdammt«, flüsterte er.

»Nick, sag mir sofort, was los ist.«

Er hätte es ihr gerne verheimlicht, doch das war sinnlos. Was jetzt kam, würde jeden hier im Büro aufschrecken. »Die Briefmarke fehlt.«

Anna trat neben ihn und blickte geschockt auf das Kuvert. Sie hatte dieses Detail gar nicht bemerkt.

»Der Brief muss persönlich abgegeben worden sein. Entweder durch einen bezahlten Boten oder …«

»Harris war hier«, vollendete Anna den Satz.

Ihre Worte hallten in der einsetzenden Stille wider.

3. KAPITEL

Anna saß auf ihrem Schreibtischstuhl und beobachtete Nick.

»Es besteht akute Gefahr.« Nick lief unruhig auf und ab, wobei er mit einem Detective des Chicago Police Department telefonierte. »Personenschutz ist unumgänglich, und wir brauchen ihn sofort.«

Während er seinem Gesprächspartner lauschte, sah er immer wieder in ihre Richtung. Deshalb bemühte sie sich, ihre Panik so gut wie möglich vor ihm zu verbergen.

»Vergessen Sie nicht, dass es sich bei Anna Jones um eine angesehene Journalistin handelt«, brach es aus Nick heraus. Sein barscher Tonfall irritierte und beeindruckte Anna gleichermaßen. »Und schicken Sie einen Deputy, er muss ein Beweisstück abholen und umgehend ins Labor bringen. Geben Sie dort Bescheid, dass der Brief oberste Priorität hat.«

Nick war ein Mann, der sich durchzusetzen wusste und der allein durch sein Erscheinungsbild einschüchternd wirkte. Er war überdurchschnittlich groß, und die breiten Schultern ließen auf den regelmäßigen Besuch eines Fitnessstudios schließen. Und dann war da noch sein durchdringender Blick, der jetzt allerdings einem aufmunternden für Anna wich, bevor er fortfuhr.

»Ich komme zu Ihnen aufs Revier, sobald ich hier fertig bin. Danke!« Er beendete den Anruf und atmete geräuschvoll aus.

Anna rieb mit ihren feuchten Händen über das graue Kleid und stand auf. »Wie geht es jetzt weiter?«

Er kratzte sich am Kopf und brachte sein widerspenstiges braunes Haar noch mehr durcheinander. »In der Redaktion wird ein Officer im Empfangsbereich positioniert, und deine Wohnung werden zwei zusätzliche Wachmänner im Auge behalten.«

Abermals tippte er eine Nummer ein und nahm das Smartphone ans Ohr. »Hey, Mike. Hast du schon Rückmeldung vom Chef?« Er hörte zu und kappte schließlich ohne ein weiteres Wort die Verbindung.

»Mein Chef will, dass ich bei ihm vorstellig werde und mich dafür rechtfertige, warum ich die Ermittlungen ohne seine schriftliche Genehmigung wieder aufgenommen habe. Als hätte ich gerade nichts Besseres zu tun. Typischer Bürokrat.«

»Bekommst du jetzt Ärger?«, hakte Anna nach.

Nick seufzte und tat die Frage mit einem Schulterzucken ab. »An wen kann ich mich wenden, um die Aufnahmen der Überwachungskameras des Gebäudes einsehen zu können?« Er schob den eingetüteten Brief in die Innentasche seines Jacketts und wandte sich zum Gehen.

Anna eilte ihm nach. »Keine Ahnung. Aber Zane Newton, mein IT-Kollege, kann uns da sicherlich weiterhelfen.«

Sie wies ihm den Weg zur IT-Abteilung und betrat vor ihm Zanes Büro.

»Hältst du es keine halbe Stunde ohne mich aus? Bis zur Mittagspause dauert es noch«, sagte Zane, als er von seinem Bildschirm aufsah und sie angrinste.

»Wir brauchen deine Hilfe, Zane. Weißt du, wo wir die Überwachungsaufnahmen der Redaktion finden können?«

»Besser noch vom gesamten Gebäude«, meinte Nick. »Agent Coleman, FBI«, stellte er sich vor und zückte seine Dienstmarke. »Anna hat einen Brief erhalten, in dem sie bedroht wird. Deshalb benötigen wir die Videos.«

Zane sah von ihm zu ihr. »Bedroht?« Er strich sich die blonden Stirnfransen aus den Augen. »Inwiefern?«

»Darüber darf ich Ihnen keine Auskunft geben«, antwortete Nick, bevor Anna es tun konnte.

»Der Serverraum befindet sich im Erdgeschoss«, sagte Zane nach kurzem Zögern. »Ich kann mich von hier aus einloggen. Dann geht es schneller, und Sie können sich den Weg sparen.«

»Ist das ein offizieller Log-in, inklusive Zeitstempel und Protokollierung?«, erkundigte sich Nick, während Zane die Finger bereits auf der Tastatur hatte.

Er hielt inne. »Äh, nein. Brauchen Sie die?«

»Ich fürchte, ja. Wir benötigen die Daten vom Quellserver mit einem offiziellen Log-in. Sonst erkennt das Gericht die Aufzeichnungen nicht als Beweismittel an.«

Zane seufzte. »Warum einfach, wenn es auch umständlich geht?« Er stand auf, drängte sich an Anna und Nick vorbei und ging voran. »Immer mir nach.«

Als sie die Redaktionsräume verließen, Zane seine Keycard durch das Lesegerät der Panzerglastür zog und sie am Empfangstresen vorbeikamen, sah Anna sich hektisch um. Bis hierher konnte Harris gelangt sein, um den Brief für sie abzugeben. Sie spürte, wie ihr eine Gänsehaut in den Nacken kroch. Anna fröstelte. Ohne dass sie es geahnt hatte, war er ihr beängstigend nah gewesen. Womöglich hatte er aber auch bloß einen Boten geschickt, versuchte sie sich zu beruhigen. Es war wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren. Doch der Hinweis aus dem Brief, dass er sie sah und sie ihn ebenfalls bald zu Gesicht bekommen würde, machte ihr zu schaffen. Die Angst vor ihm hatte sie die letzten Jahre unterschwellig begleitet. Nun brach sie wieder an die Oberfläche, und Anna musste aufpassen, sich nicht von ihr beherrschen zu lassen.

Zu dritt betraten sie den Fahrstuhl. Instinktiv suchte Anna mit ihrem Blick nach der verborgenen Überwachungskamera. Ihre Anspannung nahm weiter zu. Einzig Nicks Anwesenheit beruhigte sie ein wenig.

»Erzählst du mir, was los ist?«, fragte Zane. Er lehnte mit dem Rücken an der Kabinenwand und musterte sie.

Was sollte sie ihm bloß sagen? Durfte sie ihm überhaupt etwas sagen? Er wusste, dass sie einst Opfer eines Gewaltverbrechens gewesen war, aber Genaueres hatte sie ihm nie erzählt. Zane war für sie nicht nur ein Arbeitskollege, sondern auch ein guter Freund. Sie verbrachten die Mittagspausen gemeinsam und trafen sich auch mal in ihrer Freizeit in einem Café oder im Kino. Da er schwul war, ging von ihm nie die Gefahr einer körperlichen Annäherung aus, und die Leichtigkeit, mit der sie miteinander umgingen, hatte ihr immer gutgetan. Zudem war er gut zehn Jahre jünger als sie und kam ihr manchmal wie ihr kleiner Bruder vor. Wenn er von ihrem Martyrium wüsste, würde er sie vielleicht anders behandeln, sie mit mitleidigen Blicken ansehen. Sie war froh, dass er es nicht wusste, denn wenn sie eins nicht wollte, dann Mitleid.

»Es ist wohl ein Stalker«, erwiderte sie schließlich zögernd.

»Das ist eine Sonderfahrt«, sagte Nick, als der Fahrstuhl stoppte und Fahrgäste zusteigen wollten. Er hielt die Leute mit ausgestreckter Hand zurück, bis sich die Tür wieder schloss. Gedämpft drang lautstarkes Schimpfen der Zurückgewiesenen in die Kabine.

Anna spürte nach wie vor Zanes Blick. Er war zu schlau, um nicht zu merken, dass sie ihm etwas verschwieg. Umso dankbarer war sie, dass er nicht weiter nachhakte.

Im Erdgeschoss angekommen ging er wieder voraus. Nick berührte Anna sanft am Oberarm und hielt sie dadurch nah an seiner Seite. Immer wieder sah er sich um, sondierte das Terrain genauestens.

Sie durchquerten das Foyer und steuerten auf den Empfangstresen zu, hinter dem zwei Männer in der blauen Uniform des Sicherheitsdienstes saßen.

»Hi, Bob«, begrüßte Zane den Glatzköpfigen. »Wir müssten mal in euren Serverraum.«

Bob lachte und strich über seinen ausladenden Bauch. »Klar. Und ich müsste mal zu dir nach Hause, um mir ein Bad einzulassen.«

Zane blies sich eine Haarsträhne aus den Augen. »Für deine blöden Sprüche habe ich keine Zeit. Das hier ist Agent Coleman vom FBI. Er braucht Zugang zu den Aufzeichnungen der Überwachungskameras.«

Bob sah zu Nick, der ihm nun seine Marke vor die Nase hielt. »So einfach ist das nicht«, ließ er ihn wissen. »Ich darf Ihnen das Videomaterial nur mit schriftlicher Genehmigung aushändigen.«

»Die Herausgabe ist beantragt«, entgegnete Nick. »Vorerst reicht es, wenn sie mich mal einen Blick darauf werfen lassen.«

Bob sah verunsichert zu seinem Kollegen, der nur unbeteiligt mit den Schultern zuckte.

»Komm schon«, sagte Zane. »Ich habe sowieso noch etwas gut bei dir. Ansonsten kannst du dich zukünftig allein um deine Probleme mit der Alarmanlage kümmern.«

Der Wachmann erhob sich schwerfällig. »Du machst mich fertig, Junge.«

Zane grinste und ging neben ihm her, Anna und Nick folgten ihnen.

Vor einer Stahltür blieb Bob stehen, steckte den Schlüssel ins Schloss und öffnete sie.

Sie betraten einen klimatisierten, fensterlosen Raum, und Bob nickte den zwei Kollegen, die an einem langen Pult vor allerlei Monitoren und Computern saßen, zu. »Der Agent hier ist vom FBI und muss an die gestrigen Aufnahmen«, informierte er sie, woraufhin Nick abermals seine Marke in die Höhe hielt.

»Hatte einer von Ihnen gestern zufällig Dienst und wenn ja, ist Ihnen dabei etwas Ungewöhnliches aufgefallen?«, fragte er an die beiden Männer gewandt.

Beide schüttelten den Kopf.

»Könnten Sie mir die Namen der Kollegen aufschreiben, die Dienst hatten?«

»Das erledige ich«, erwiderte Bob.

»Wo ist die Poststelle?«, erkundigte sich Nick.

»Die Briefe landen in den Postfächern an der Wand neben dem Eingang. Pakete werden am Empfangstresen abgegeben. Die Mitarbeiter der hier ansässigen Firmen kommen dann und holen alles ab.«

Nick sah zu Zane. »Ich brauche eine Liste von den im Gebäude befindlichen Unternehmen.«

»Können Sie haben.« Zane hatte bereits an einem der freien Arbeitsplätze an dem langen Pult Platz genommen. »Kann ich den Computer nutzen?«, fragte er mit Blick auf Bob, holte ihn zeitgleich aber schon aus dem Schlafmodus.

Bob nickte und wandte sich an Nick. »Welche Kameras und welchen Zeitabschnitt sollen wir aufrufen?«

»Wir konzentrieren uns zuerst auf die Eingangstüren und den Empfangstresen gestern Morgen.« Nick griff zu seinem Smartphone, tippte mehrmals auf das Display und legte es vor Zane ab. »Können Sie gezielt nach einem bestimmten Gesicht suchen?«

»Wenn ich es mir auf mein Smartphone schicken darf, geht es ganz schnell«, erwiderte dieser. Ohne eine Antwort abzuwarten, griff er sich das Gerät, gab seine Nummer ein und drückte auf Senden. Es war eine seiner Eigenheiten, dass er etwas fragte, im selben Moment aber schon handelte.

Nick musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen. Gerade als er sein Smartphone in die Tasche seines Jacketts stecken wollte, erwachte es zum Leben. Der laute Klingelton ließ Anna unwillkürlich zusammenzucken.

»Coleman«, meldete sich Nick zu Wort und lauschte. »Ich habe den Umschlag bei mir und komme zu Ihnen.« Er beendete das Telefonat und ging zur Tür. »Bin gleich wieder da. Ein Bote vom Chicago Police Department steht am Empfang. Er bringt den Brief ins Labor.«

Anna sah ihm nach, wollte etwas sagen, aber da fiel die Tür bereits ins Schloss.

Zane überspielte das Foto von Nicks Smartphone auf den Computer und sah es sich im Vollbildmodus an. »Moment mal. Den Typ habe ich doch schon mal im Fernsehen gesehen. Ist das nicht …?« Er stockte.

Als Anna das Foto ihres alten Peinigers erblickte, erstarrte sie. Harris hatte bei der Aufnahme direkt in die Kamera geblickt und schien ihr nun in die Augen zu schauen. Anna kannte das Foto aus seiner Akte. Es zeigte einen Mann Anfang dreißig mit bereits schütterem Haar und eng stehenden Augen, dessen verhaltenes Lächeln schüchtern wirkte, als könnte er keiner Fliege etwas zuleide tun. Was für ein grausamer Irrtum!

Anna spürte das Pulsieren ihrer Halsschlagader. Ihr Herzschlag rauschte in den Ohren, sodass sie Zanes Stimme nur noch gedämpft wahrnahm. Er sagte etwas, doch sie konnte ihm nichts erwidern. Zu sehr hatte Harris’ Foto sie in den Bann gezogen. Sie bildete sich plötzlich ein, seinen Schweiß und ihr eigenes Blut zu riechen. Sie meinte, den Klang seiner Stimme zu hören, die ihren Namen flüsterte. Ihr Körper begann zu zittern. Während sie mit aufgerissenen Augen weiter auf das Foto starrte, verformte sich Harris’ Gesicht in ihrem Geist zu einer gehässig grinsenden Fratze.

»Anna.«

Nick trat zu ihr, umfasste ihre Oberarme und riss sie sanft aus ihrer Trance. Sie hatte nicht mitbekommen, dass er wieder ins Zimmer gekommen war. Zane stand ebenfalls neben ihr und berührte sie an der Schulter – strich dabei unwissentlich über die Narbe –, eine Berührung, die sie bis ins Mark spürte.

Anna wich hastig zurück, stolperte. »Ich muss zur Toilette«, brachte sie gepresst hervor, darum bemüht, die aufkommende Übelkeit im Zaum zu halten.

Bob deutete stirnrunzelnd mit dem Finger zu einer angrenzenden Tür, zu der Nick sie schweigend begleitete. Erst als er sich versichert hatte, dass der Sanitärraum nur von diesem Zimmer aus begehbar war, ließ er sie allein und schloss die Tür hinter ihr. Anna schaffte es in letzter Sekunde zur Toilette und erbrach sich.

Ihre Leidensgeschichte lag drei Jahre zurück. Doch nun war Harris keine Vergangenheit mehr, sondern Gegenwart. Allein sein Foto zu sehen und zu mutmaßen, dass er zurück war, machte sie wieder zum Opfer.

Sie war ihm entkommen, fragte sich jedoch gelegentlich, ob sie nicht besser hätte sterben sollen. Erlöst von der Erinnerung, dem Wissen, der Schuld. Harris hatte es auf sie allein abgesehen, hatte ihr schon wochenlang unbemerkt nachgestellt. Natalie war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.

Anna strich sich das Haar hinter die Ohren, atmete tief durch und schloss die Augen. Die Dunkelheit und Kälte, der modrige Geruch, die grauen, teils gerissenen Fliesen. Jede Nacht sah sie den Keller in ihren Träumen. Spürte wieder die löchrige Matratze, auf der Natalie und sie gelegen hatten, angekettet an den Füßen und gefesselt an den Händen.

Sie spuckte ein letztes Mal aus, erhob sich und lief zum Waschbecken, um sich den bitteren Geschmack aus dem Mund zu spülen. Ihr Spiegelbild sah erbärmlich aus. Ihre Haut war blass, die Augenringe deutlich erkennbar. Der müde Ausdruck in den tränenverhangenen grünen Augen machte den Anblick nicht besser.

»Reiß dich zusammen«, sagte sie zu sich selbst. Sie benetzte ihre Wangen mit kaltem Wasser, tupfte die verschmierte Wimperntusche mit einem Papiertuch von der Haut und kämmte mit den Fingern durch ihre Haare. Wenn schon nicht für sich, dann musste sie wenigstens für Natalie stark sein. Das war sie ihr verdammt noch mal schuldig. Harris gehörte hinter Gitter. Wenn er wirklich ihretwegen zurückgekehrt war, kam es jetzt auf sie an.

Und sie würde bis zum letzten Atemzug dafür kämpfen, dass der Mistkerl endlich gefasst wurde und seine verdiente Strafe erhielt.

Es klopfte sacht an der Tür. Sie atmete tief durch, straffte die Schultern und griff nach der Klinke.

»Alles gut bei dir?«, fragte Zane, der so dicht vor der Tür stand, dass sie sich an ihm vorbeiquetschen musste.

»Ja, mir geht’s besser. Ich habe wahrscheinlich etwas Verdorbenes gegessen.«

Er folgte ihr wieder in den Überwachungsraum. »Hör auf, mich zum Narren zu halten, und sag mir endlich, was hier gespielt wird. Schluss mit den vagen Andeutungen!«

»Stoppen Sie das Video«, sagte Nick in dem Moment, als sie neben ihm auf dem freien Stuhl Platz nahm. »Können Sie näher heranzoomen?«

»Dann wird es noch unschärfer«, antwortete Bob.

Nick sah zu Zane, der neben Anna und ihm stand, die Hände in die Hüften stemmte und besorgt auf sie herabsah.

»Mach mal Platz«, forderte er Bob auf, schob diesen auf dem Stuhl zur Seite und gab im Stehen ein paar schnelle Befehle auf der Tastatur ein. Die Aufnahme auf dem Bildschirm zoomte heran, war aber grob verpixelt. Daraufhin drehte Zane an ein paar Reglern, und das Bild nahm langsam wieder Konturen an.

Anna kniff die Augen zusammen, um die Gestalt klarer erkennen zu können. »Wer trägt denn bei der Hitze, die gerade herrscht, einen Mantel?«, stieß sie aus.

»Das ist kein Mantel, sondern ein Regencape«, sagte Nick so leise, dass sie ihn kaum verstand. Er stützte die Unterarme auf den Tisch und kam dem Bildschirm so nah, dass er ihn beinahe mit der Nasenspitze berührte.

»Gestern hat es geregnet«, bemerkte einer von Bobs Kollegen.

»Geschickt ausgewählt. Man kann nicht viel von ihm erkennen«, schaltete Zane sich ein.

Nick stand auf und stemmte die Hände auf den Tisch. »Größe und Statur würden zu Harris passen.«

»Ich versuche es mal mit einer der anderen Kameras«, sagte Zane und haute in die Tasten. Doch keine der Aufnahmen hatte das Gesicht der Person eingefangen.

»Der Dreckskerl weiß, was er tut«, knurrte Nick.

Zane lehnte sich zurück. »Durch die Kapuze liegt sein Gesicht vollständig im Schatten. Die Technik kommt hier an ihre Grenzen. Ich kann es nicht kenntlicher machen.«

Auf dem Monitor lief die Szene weiter. Der Unbekannte trat an die Postfächer und schob ein Kuvert in einen Schlitz.

Nick rieb sich über den Dreitagebart, hielt das Video erneut an und wandte sich Anna zu. »Kannst du sagen, welches Fach zur Redaktion gehört?«

Sie betrachtete das Standbild eingehend. Doch die Vielzahl aller Firmenbriefkästen befand sich über- und nebeneinander an einer langen Wand. »Wir holen die Post nie selbst. Ich weiß nicht, welcher unserer ist.«

»Ich kann es auch nicht sagen.« Zane hob die Schultern. »Aber das lässt sich herausfinden.« Er stand auf und tippte mit dem Finger auf den Bildschirm, um die Reihen der Postfächer zu zählen.

Nick notierte sich die Zeitspanne, in der der Mann im Regencape von den Kameras erfasst wurde. »Ich brauche die Namen der Sicherheitsmänner, die gestern Morgen am Empfangstresen saßen. Es ist kurz vor sechs Uhr, als Mister Regencape den Tribune Tower betritt. Da kann noch nicht allzu viel los gewesen sein.«

Anna holte tief Luft. »Ich komme immer pünktlich sechs Uhr im Büro an.«

Alle Köpfe drehten sich in ihre Richtung.

»Suchen Sie Anna auf den Überwachungsvideos«, wies Nick Zane an und unterbrach damit die kurzzeitige Stille.

Sofort machte Zane sich ans Werk, und es dauerte nicht lange, bis er »Hab sie« rief.

Alle starrten auf den Bildschirm, wo Anna dabei zu sehen war, wie sie den Tower betrat. Gestern hatte sie ihren cremefarbenen Hosenanzug getragen, hatte einen Ordner unter den Arm geklemmt und suchte beim Gehen in ihrer Tasche nach der Keycard. Zane verfolgte sie über verschiedene Kameras bis zum Aufzug, wobei der Mann im Regencape beruhigenderweise nirgendwo zu sehen war. Als die Anna auf dem Bildschirm im Fahrstuhl verschwand, stieß die Anna vor dem Monitor erleichtert die Luft aus, die sie bis dahin unbewusst angehalten hatte.

Im nächsten Moment entfuhr ihr jedoch ein dumpfes Keuchen. Die Fahrstuhltüren schlossen sich hinter ihr, und in dem polierten Metall spiegelte sich die Gestalt eines Mannes, der ein Regencape trug.

4. KAPITEL

Nick lenkte den SUV in Richtung des Hauptquartiers des Chicago Police Departments. Er hatte kaum einen Blick für die vorbeifahrenden und kreuzenden Autos, die Glasfassaden, das vertraute Antlitz seiner Heimatstadt. Einzig die schreckgeweiteten Augen von Anna, ihr verkrampfter Körper, das leicht verschwommene Spiegelbild in den Aufzugtüren, all das spulte sich während der Autofahrt zum Polizeirevier in Nicks Gedanken in Endlosschleife ab. Nick war sicher, dass es sich um Harris handelte, auch wenn er es noch nicht beweisen konnte. Mit etwas Glück waren die Indizien allerdings ausreichend, seinen Chef zur Wiederaufnahme des Falls zu bewegen.

Anna war in der Redaktion zurückgeblieben und hatte ihm das Versprechen abgenommen, sie auf dem Laufenden zu halten.

Im Empfangsbereich des Reviers begrüßte ihn ein junger Deputy mit schwarzem Haar, gab ihm seine temporäre Keycard und brachte ihn in einen kleinen Raum mit Schreibtisch und Computer, den er als Büro nutzen konnte. Noch während der Rechner hochfuhr, erkundigte sich Nick bei Deputy Clarence nach dem aktuellen Stand der Untersuchung.

»Die Kollegen vom Labor arbeiten auf Hochtouren«, verkündete dieser. »Die Auswertung des Briefes dürfte in ein bis zwei Stunden erledigt sein.« Er deutete ans Ende des Ganges. »Miss McKenzie sitzt im Archiv. Ein Bote hat einen ganzen Stapel Unterlagen aus Washington gebracht.« Er wandte sich schon zum Gehen, als ihm noch etwas einfiel. »Ach ja, der Captain möchte Sie sprechen.«

»Danke.« Nachdem der Deputy gegangen war, stand Nick auf und eilte den Gang entlang bis zur letzten Tür. Er klopfte, wartete kurz und betrat den Raum.

Das Büro war winzig und offensichtlich externen Helfern vorbehalten, die hier nur vorübergehend arbeiten mussten. Das Schild mit der Aufschrift Denkfabrik, das neben der Tür stand, war im Hinblick auf die Enge und karge Ausstattung des Raumes eindeutig ironisch zu verstehen. Mit Sicherheit freute sich jeder, wenn er das Büro wieder verlassen konnte.

Sofort stieg Nick der muffige Geruch alter Akten in die Nase. Die Schränke, die jede freie Stelle der linken Wand bedeckten, waren voll damit. Durch das gegenüberliegende Fenster fiel das Licht auf den schmalen Schreibtisch, der direkt darunter stand und an dem Lynette saß.

Sie trug eine Jeans und eine locker geschnittene schwarze Bluse, die ihrer molligen Figur schmeichelte. Bei seinem Eintreten nahm sie die Lesebrille ab, warf diese auf den ausgebreiteten Stapel mit den Ermittlungsunterlagen und erhob sich lächelnd.

Nick deutete auf die Akten. »Wer war schneller, der Bote oder du?«

»Ich«, sagte sie. »Aber nur mit ein paar Minuten Vorsprung. Ich nehme an, dass hier in Kürze Hektik ausbricht. Bisher weiß auf dem Revier noch niemand von der Sache.«

Er bestätigte ihre Vermutung mit einem Nicken. »Wie kommst du voran?«

Lynette lehnte sich an den Schreibtisch und nahm die Lesebrille wieder auf. Aus ihrer Hochsteckfrisur hatten sich kupferfarbene Strähnen gelöst und umrahmten ihr Gesicht. »Hängt davon ab, wie du ›vorankommen‹ definierst. Du kennst das Spiel, Nick. Ich habe mir einen ersten Überblick verschafft und mich in den Fall eingelesen. Gibt es bei dir schon was Neues?«

Er hielt ihr sein Smartphone vor die Nase, zeigte ihr die Fotografien des Briefes und das Bild von dem Mann im Regencape, das er vom Überwachungsmonitor abfotografiert hatte.

»In diesem Augenblick ziehen die Techniker eine Kopie des Videos«, ließ Nick sie wissen. »Der USB-Stick wird dann in einer versiegelten Box zu uns gebracht. Lückenlose Beweiskette.«

So war das Prozedere. Gab es irgendwo in der Beweisführung einen offenen Punkt oder eine Schwachstelle, schlugen die gegnerischen Anwälte im Falle eines Gerichtsprozesses gnadenlos in diese Kerbe. Dann wurde das entscheidende Beweisstück womöglich nicht zugelassen, was schon so manchem Verbrecher zu einem Freispruch verholfen hatte. Nick hatte sich geschworen, dass ihm so ein Fehler niemals unterlaufen würde.

Lynette musterte das Foto eingehend, nahm dann eine Mappe von ihrem Schreibtisch und blätterte durch die Seiten. »Folgendes kann ich dir zum Profil von Edward Harris bereits mit Sicherheit sagen: Er hat massive Minderwertigkeitskomplexe. Laut seiner Akte wurde er von der Mutter alleine aufgezogen, nachdem der alkoholkranke Vater die Familie verlassen hat. Als junger Erwachsener lebte er zurückgezogen. Er war unscheinbar, vollkommen unauffällig, wurde von jedem übersehen. Mit dreißig nahm er schließlich die Putzstelle am Columbia College an. Dort kam es zu dem fatalen Zusammentreffen mit Anna. Den Rest kennst du.«

Nick atmete tief durch. »Er war drei Jahre komplett von der Bildfläche verschwunden! Der Haftbefehl gegen ihn ist noch aktiv, das FBI und sogar Interpol fahnden nach ihm. Wie hat er das gemacht?«

»Das herauszufinden, ist eure Aufgabe, nicht meine. Aber ich würde vermuten, er hat einfach sein unauffälliges Leben weitergeführt. Ein nichtssagender Typ, den niemand beachtet. Er hat früh gelernt, in der Menge zu verschwinden.« Gedankenverloren tippte Lynette mit dem Bügel der Lesebrille gegen ihre Lippen. »Aber Obsessionen verschwinden nicht ohne professionelle Hilfe. Der Drang, zurückzukehren, muss immens gewesen sein, und jetzt hat er ihm nachgegeben. Er will Anna.«

»Grundgütiger.« Nick schloss die Augen.

»Ich kann nur analysieren und Vermutungen anstellen, das weißt du«, sagte Lynette sanft. »Die Hürden für Harris sind höher geworden, dadurch wird er sein Verhalten anpassen müssen. Aber mit Sicherheit will er Anna nicht nur beobachten und in ihrer Nähe sein. Er will sie erneut besitzen, sie brechen, ihr gesamtes Leben einnehmen. Hat sie einen Freund?«

»Nicht dass ich wüsste.«

»Frag sie«, forderte Lynette ihn auf. »Falls es jemanden gibt, befindet er sich in äußerster Gefahr. Harris mag mit Anna Katz und Maus spielen, aber wenn ein anderer Mann ihr zu nahe kommt, wird das sofort gewalttätige Folgen haben.«

Nick konnte sich kaum vorstellen, dass Anna in den letzten drei Jahren irgendjemanden näher an sich herangelassen hatte. Sie hatte eine Mauer aus Professionalität errichtet, hinter der sie agierte, kämpfte, ihr Leben lebte. Körperliche Nähe ließen Opfer eines solchen Verbrechens oft lange Zeit nicht zu.

»Soll ich mal mit ihr reden?«, bot Lynette an.

»Nein!« Nick hob die Hand. »Entschuldige, das sollte nicht so patzig rüberkommen. Wir sind für Harris zuständig, nicht für Annas Privatleben. Ich frage sie im Zuge der Ermittlungen, ob es jemanden gibt, den wir schützen müssen.«

»In Ordnung.« Lynettes Blick veränderte sich. Sie musterte Nick von oben bis unten. »Und wie steht es mit dir?«

»Mir?«

»Ich kenne deine Personalakte, mein Lieber. Nicht umsonst arbeite ich so oft für euren Laden, ich habe eine Freigabe. Du bist eine Art Bluthund, wenn auch der guten Sorte. Außerdem hat Mike mir verraten, dass du mal was mit Anna hattest. Harris ist für dich etwas Persönliches, hab ich recht?«

»Anna und ich, das ist ewig her. Wir waren Teenager. Unsere Verbindung hat nichts mit diesem Fall zu tun.«

Sie schenkte ihm ihr berühmtes Sprich-weiter-ich-höre-Lächeln.

»Du hast die Bilder gesehen.« Nick deutete mit dem Kinn auf die Akten. »Was er den Frauen angetan, wie er sie zugerichtet hat. Ich muss ihn kriegen.«

»Nick«, sagte Lynette mit sanfter Stimme, und er konnte sich bereits denken, was jetzt kam. »Du wärst nicht der erste Agent, der eine Ermittlung so nah an sich heranlässt, dass er dadurch kaputtgeht. Du kennst die Regeln. Es ist eine Akte, ein Fall. Rational betrachten, lösen, den Täter schnappen, und den Rest erledigt die Staatsanwaltschaft.«

»Und du weißt, dass ich keine Maschine bin.«

»Dein analytisches Denken macht dich zu einem guten Agenten, aber deine Emotionen bringen dich in Gefahr.«

»Das ist mir alles bewusst. Mach dir keine Sorgen.«

Lynette seufzte. Fürs Erste schien das Thema damit für sie abgehakt zu sein. »Was sagt Noriss? Dein geliebter Chef hat doch bestimmt eine ganz eigene Meinung zu dem Fall? Hat er das notwendige Budget lockergemacht?«

»Ich zögere das Gespräch noch hinaus, bis die Ergebnisse des Labors vorliegen«, erklärte Nick. »Mehr Munition für die Diskussion.«

»Meinst du, er wird sich querstellen?« 

»Wir werden sehen.«

Bis jetzt war Noriss hauptsächlich wütend, weil Nick ihn übergangen hatte. Mit den hoffentlich bald vorliegenden Beweisen würde er sich nicht gegen die Wiedereröffnung des ungelösten Falls aussprechen können, aber dann ging der schwierige Verhandlungsteil erst richtig los. Nick benötigte eine Sondereinheit mit vollem Budget, in die er Lynette und Mike integrieren konnte. Wie er Noriss dazu überreden sollte, war ihm noch nicht klar.

»Etwas Bestimmtes, auf das ich meine Aufmerksamkeit lenken sollte?«, unterbrach Lynette seine Gedanken.

Sie verschob ein paar der Blätter, die sie auf dem Tisch ausgebreitet hatte. »Es gibt eine alte Zeugenaussage der Mutter, die nur so vor Anspielungen wimmelt. Sie hat sogar während der Vernehmung getrunken und geraucht. Immer wieder hat sie erwähnt, dass Harris ein unartiger Junge war.«

Was einen Serienkiller ausmachte, wurde oft in frühester Jugend definiert. Er hatte in Harris’ Akte keinerlei Informationen vom Jugendamt gefunden. Es war also davon auszugehen, dass die Attacken der Mutter auf ihren Sohn verbaler Natur oder unbemerkt geblieben waren.

»Sie ist vor einigen Jahren gestorben«, sprach Lynette weiter. »Ich habe die Akte aktualisiert, denn das hatte wohl niemand auf dem Schirm. Später scannt ein Deputy alles ein und legt eine elektronische Kopie an, dann hast du auch digital Zugriff darauf.«