Rainbow Butterfly - Lilian Hintermeyer - E-Book

Rainbow Butterfly E-Book

Lilian Hintermeyer

0,0

Beschreibung

Mein Name ist Marlon. Einfach nur Marlon, sonst nichts. Ich lebte mit fünf weiteren Kids in einem Camp mitten im Nirgendwo. Wir wussten nicht wie und warum wir hierkamen. Wir waren einfach da. Keiner von uns konnte sich an die Zeit VOR dem Camp erinnern. Es war ein merkwürdiger Ort, dieses Camp. Ein Ort der uns versorgte und Schutz bot. Im Laufe der Zeit schufen wir uns dort ein einzigartiges Zuhause. Das einzige Zuhause, dass wir kannten. Wir waren die verlorenen Kinder und akzeptierten dies ohne nachzufragen. So lange bis der erste von uns verschwand. Einfach so. Und dann verschwand der nächste. Auch einfach so. Als wir übrigen Vier uns entschlossen, diesen seltsamen Ort zu verlassen, stellten wir fest, egal wohin oder wie lange wir liefen, alle Wege endeten an unserem Camp. Als ob es nichts, absolut nichts außerhalb dieses Camps geben würde. Eine schillernde Seifenblase, die uns umhüllte. Was war dies für ein Ort? Warum ließ er uns nicht gehen? Wohin waren unsere Freunde verschwunden? Und wer war der nächste? Würde es denn noch Weitere geben, die verschwinden? Ja. So lange bis am Ende nur noch ich übrig bin. Ich bin der Letzte. Und wie alle anderen, die einmal hier gewesen waren, verharre ich und warte. Hier, an diesem Ort ohne Zeit. In dieser schillernden Seifenblase, die nun nur noch mich umhüllt. Es ist die Heimat meiner Regenbogenschmetterlinge. Ein Aufenthaltsraum inmitten der Natur, der nur für meine Freunde und mich und für die Vergänglichkeit geschaffen wurde.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 308

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Es handelt sich in diesem Roman um sechs erfunden Schicksale.

Etwaige Namensgleichheiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Gewidmet ist dieses Buch zwei Sternenkindern, deren Lächeln nur einen Traum entfernt ist.

Der erste Stern heißt Luna. Sie ist fest in unseren liebevollen Gedanken verwurzelt und wäre in diesem Jahr volljährig geworden.

Der zweite Stern geriet fast in Vergessenheit. Doch ein kleiner Satz, möglicherweise unwissentlich weitergereicht, entfachte die beinahe erloschene Glut der Erinnerung wieder.

Heute bekommt sie auch einen Namen geschenkt: Leonie

Glaubt nicht, ich wäre verloren.

Ich bin das Licht in Euren Herzen.

Ich bin das Funkeln Eurer Sterne.

Vorwort

Jeden Tag geschehen schreckliche Dinge auf der Welt.

Viele davon bekommen wir nicht mit, da sie, verborgen vor unseren Blicken, geschehen. Es sind Schicksale, die uns nicht berühren, da wir sie nicht sehen. Doch in stinknormalen Kliniken können wir fündig werden und über einige dieser unsichtbaren Schicksale stolpern.

Suchen wir uns willkürlich ein Jahr aus.

Hmm…wie wäre es mit 1971.

Und dann noch einen Monat und einen Tag.

Greifen wir ins Blaue und zupfen einfach mal den 21. März heraus. Warum so weit in der Vergangenheit zurückgehen, fragst du?

Nun, manchmal braucht es die Vergangenheit, um die Gegenwart zu begreifen.

Orte sind unwichtig. Wichtig ist nur, was wir an eben jenem Tag dort beobachten…

Da wäre, zum Beispiel die weinende Frau, eingehüllt in einen grünen Morgenmantel, knieend in der Krankenhauskapelle im Parterre. Wenn du sie siehst, fragst du dich zwar, warum sie hier sitzt und weint, doch du würdest nie fragen.

Ihr spürbarer Schmerz ist wie ein Mauer, an die du nicht unbedingt anklopfen möchtest. Stattdessen stellst du möglicherweise nur Vermutungen an.

Ist sie krank? Ist jemand krank, der ihr nahesteht? Trauert sie um jemanden oder betet sie vielleicht um ein Wunder?

Du hast keine Ahnung.

Aber vielleicht siehst du sie und ihre Tränen noch nicht einmal. Dennoch ist es ein Schicksal.

Ein anderes Krankenhaus. Hier auf der vierten Station, liegt eine Frau mit wachsbleichem Gesicht in ihrem Bett, starrt blicklos aus dem Fenster und ihre Gedanken kreisen nur um eine Frage:

Warum ich? Und die keine Tränen mehr hat, die sie ihrem aufwühlenden Schmerz opfern könnte. Sie liegt verborgen hinter der Zimmertür. Verborgen vor deinem Blick. Doch selbst, wenn du sie sehen würdest, könntest du ihr helfen? Wohl kaum.

Rutschen wir an einen anderen Ort, aber zur selben Zeit.

Piepsende Geräte. Sicherheitsschleusen.

Eine sterile Stätte, die nur Wenige betreten dürfen.

Die Intensivstation. Dort liegt sie.

Angeschlossen an Monitore, sämtliche Gliedmaßen mit irgendeiner Maschine verkabelt, eingehüllt in das ständige rhythmische Zischen einer Beatmungsmaschine. Ihre frisch erscheinenden, schweren Verbrennungen glänzen unter einer dicken Salbenschicht. Ihre Augen sind geschlossen.

Natürlich sind sie geschlossen. Die Schmerzen wären so unerträglich, dass die Ärzte sie in ein künstliches Koma gelegt haben. Doch was mag hinter diesen geschlossenen Lidern vorgehen?

Neben ihr, am Bettpfosten baumelt ein silbernes Armbändchen. Zwei kleine Herzen hängen daran.

Wie kommt es dahin? Gehört es IHR? Und ist ihr in diesem Augenblick überhaupt bewusst, was gerade mit ihr geschieht?

Keine Ahnung.

Verweilen wir nicht, sondern suchen eine andere Örtlichkeit an diesem Tag auf. Ebenfalls eine Klinik.

Doch hier besuchen wir die gynäkologische Abteilung, die meist von Gebärenden bevölkert wird.

Hier liegt eine junge Mutter, die ihr Neugeborenes stillt.

Ein herzerwärmender Anblick, nicht wahr?

Das kleine Baby, so sanft, so zart, wie ein junges Butterblümchen ist höchstens einen Tag alt. Die Hand der jungen Mutter streicht sachte und unendlich liebevoll über den empfindlichen Kopf des Kindes. Sie spürt den zarten Flaum unter ihren Fingerspitzen und aus ihrem verschleierten Blick schimmert unendliche Liebe.

Dennoch weint sie. Warum? Vor Rührung?

Keine Ahnung.

Nächste Station. Nächster Ort. Gleiche Zeit.

Wir begeben uns in die Chirurgie. Dort hockt eine Frau im Aufenthaltsraum. Ihr Alter ist schwer zu schätzen.

Vielleicht so um die 30? Sie raucht mit zittrigen Fingern eine Zigarette nach der anderen. Ihre herzförmigen Lippen wirken im Augenblick verkniffen, wenn nicht sogar verbittert. Zarte, filigrane Sommersprossen überziehen das ganze Gesicht. Im Augenblick sehen sie jedoch wie ungesunder Ausschlag aus, da diese wunderschöne Frau unnatürlich blass ist.

Unwillkürlich kräuselst du die Nase und fragst dich, ob sie möglicherweise an Lungenkrebs erkrankt ist.

Das ist sie nicht.

Sie trägt einen Gipsverband am rechten Bein. Doch ist DAS ein Grund, so abgrundtief unglücklich zu wirken?

Ich werde es nicht erfahren, da ich sie nicht frage.

Lassen wir unseren Blick zu guter Letzt in einen düsteren Bereich gleiten. Begeben wir uns jetzt ganz nach unten in den Keller eines weiteren Krankenhauses.

Dort, wo eigentlich niemand von uns hinmöchte, möglicherweise aber dennoch landet. Die Kühlkammer.

DER Ort, an dem Verstorbene zwischengelagert werden, bis ein Bestattungsunternehmer sich den letzten Resten unseres Daseins, dem Leichnam, annimmt.

Hier wird gerade eine junge, sehr junge Frau auf eine Metallbahre gelegt. Bläuliche Flecken übersäen den ausgemergelten Körper. Leichenflecken.

Doch ich sehe auch viele Narben und Einstiche.

Vor allem an den Armen und Knöcheln.

Ein unmissverständlicher Hinweis auf Drogenkonsum.

Was ist geschehen?

Hat sie sich den goldenen Schuss gesetzt? Ist sie möglicherweise versehentlich an einer Überdosis gestorben? Was ist mit der Mutter dieser armen Kreatur?

Muss sie sich die schauerlichen Überreste ihrer einst so lebhaften Tochter anschauen?

Wird sie möglicherweise daran zerbrechen?

Wir wissen es nicht.

Gottlob wird gerade ein weißes Leinentuch über den nackten, geschunden Körper gestreift.

Sie verschwindet in einem Metallfach und entzieht sich so unserem mitleidigen Blick.

All dies sind Dinge, wie sie überall auf der Welt geschehen. Dinge, die unser Mitgefühl wecken.

Dinge, von denen wir hoffen, dass sie UNS niemals zustoßen werden.

Schreckliche Dinge.

Und jetzt stell dir vor, all diese Frauen wären schwanger gewesen…

Behalte diese Vorstellung bei und erinnere dich an diese Schicksale, wenn du nun weiterblätterst und eintauchst in eine, der vielen zur Verfügung stehenden Antworten, die sich ein schmerzendes Herz zusammenstricken könnte.

Diese Seiten führen dich weiter…

Weiter, zu einem Ort, jenseits unserer Vorstellungskraft.

Weiter zu einem Ort, der einmalig ist und SO nie wieder entstehen wird.

Weiter zu einem Ort, an dem Sterne sich versammeln und verharren.

Weiter zu dem Ort, wo Regenbogenschmetterlinge etwas ganz Normales sind, Feuer mehr als nur ein Feuer sein kann, die Liebe Brücken baut, der höchste Sprung in die Glückseligkeit führt, größte Verzweiflung sich in Nebel auflöst und gebrochene Herzen zueinanderfinden…

Inhaltsverzeichnis

Ich, Marlon

Die Anderen

Mogli

Das Lager

Matteo

Träume und Erinnerungen

Dorian

Duncan

Emma

Die letzten Zwei

Ich, Marlon

Zeitungsausschnitte vom 18.04.1971

Dazugehörige Traueranzeige vom 18.04.1971

04.07.1980

19/20.03.1991

12.02.1993

06.05.1998

21.03.2000

Nachwort

Nachdenklich starre ich ins Lagerfeuer. Ich bin alleine. Aber das war ich nicht immer gewesen.

Der Beweis reiht sich auf, in fünf weiteren Sitzplätzen, in Form von Baumstämmen, um diese Feuerstelle.

Sie waren nicht immer verwaist.

Auf jedem dieser Plätze lümmelte vor nicht allzu langer Zeit jemand.

Jemand, der war wie ich.

Jemand, der mein Schicksal teilte.

Jemand, der mir im Laufe der Zeit ans Herz wuchs.

Jemand, der nun nicht mehr da war.

Wer ich bin?

Mein Name ist Marlon. Der Name bedeutet ‚Kleiner Falke‘. Und irgendwie bin ich auch wie ein kleiner Falke. Ein kleiner tapferer Falke.

Der letzte Falke.

Ich dürfte vom Aussehen her, dreizehn oder vielleicht vierzehn Jahre sein...vielleicht auch sechzehn.

Oder doch erst neun oder zwölf?

Es kommt ganz darauf an, wie ich mich fühle.

Gerade jetzt, fühle ich mich wie Hundert.

Es gibt viele, sehr viele Orte wie diesen, das weiß ich jetzt und doch ist genau DIESER Ort einmalig und wird es SO nie wiedergeben.

Dessen bin ich mir absolut sicher.

Hättet ihr mich früher gefragt, wer ich bin, wo ich bin und was ich hier mache, dann hätte ich wohl nur mit den Schultern gezuckt.

Denn als ich hier ankam, wusste ich nichts.

Am wenigsten, warum ich hier landete.

Doch mittlerweile?

Mittlerweile weiß ich es.

Für mich ist es die Heimat der Regenbogenschmetterlinge.

Ein Ort ohne Zeit.

Ein hübscher Aufenthaltsraum inmitten der Natur, geschaffen für die Vergänglichkeit.

Und wie alle anderen, die einmal hier gewesen waren, verharre ich und warte…

Ich, Marlon

Als ich die Augen aufschlug, wusste ich nicht wo ich mich befand, geschweige denn, wie ich hierhergekommen war. Mir tat alles weh und ich wusste nicht warum. Außerdem war es dunkel. Ein Zustand der mir mehr als missfiel. Warum? Das konnte ich nicht sagen. Ich spürte eher instinktiv, dass ich Dunkelheit nicht mochte. Zumindest diese Dunkelheit.

Dann überkam mich ein fürchterliches Gefühl. So als ob ich irgendetwas verloren oder als ob man mir gerade etwas entrissen hätte. Als ob ich nicht vollständig wäre.

Mit pochendem Herzen rappelte ich mich mühsam hoch und strich vorsichtig über meine Beine und Arme.

Mal abgesehen davon, dass sie nackt waren, schien alles vorhanden und auch heil zu sein. Halbwegs beruhigt verdrängte ich diese merkwürdige Verlust-Empfindung und widmete ich mich also wieder meiner Umgebung.

Meiner unbekannten Umgebung.

Wo war ich?

Mein Geruchssinn registrierte feuchte, dumpfe Luft und mein Tastsinn fühlte unter den kühlen Fußsohlen irgendwas Feuchtes, Glitschiges. Ganz automatisch bückte ich mich, griff zu und bohrte meine leicht verkrampften Finger in den Boden. Im nächsten Moment erschien in meinem Kopf das Bild eines Waldes.

Zugegeben...ein einsamer Wald.

Aber eben NUR ein Wald.

Woher ich wusste, was ein Wald war?

Auch hier hatte ich keine Ahnung.

Ich wusste es eben.

Dann fiel mir auf, wie still es war und dass ich doch etwas fror. Der Grund dafür lag klar auf der Hand.

Fehlende Kleidung.

Ich entschied mich also, zumindest diesen Zustand schnellstens zu ändern. Irgendwie.

Also setzte ich erst einmal ein Fuß vor den anderen und tastete mich vorsichtig vorwärts. Der Wald konnte schließlich nicht unendlich sein, oder?

Wie lange ich durch dunkles Gestrüpp torkelte, konnte ich nicht beurteilen.

Doch mein Gefühl sagte mir, dass Zeit wohl mein kleinstes Problem wäre.

Als ich jedoch plötzlich mit voller Wucht in einen Dornenbusch rannte, konnte ich mir ein lautes, unflätiges Fluchen nur schwer verkneifen. Warum wusste ich einfach nicht, wie ich hier gelandet war?

Die Wut über meinen ausgelieferten Zustand verlieh mir neue Kräfte. Ich ignorierte die brennenden Kratzer an den Unterarmen und meiner Wange und stampfte wie ein kleiner schnaubender Stier weiter. Urplötzlich schob sich eine witzige Zeichnung in meinen Kopf. Das Bild eines verträumten Stieres kam mir unverhofft in den Sinn.

Eine gehörnte Kinderzeichnung, die genüsslich an einer Blume schnupperte. Ein Stier namens Ferdinand.

Verwirrt blieb ich stehen.

Wo kam denn jetzt dieser bescheuerte Gedanke her?

Es war doch ganz offensichtlich, dass ich mich hier mit ganz anderen Problemen herumschlagen musste.

Wirklich existentielle Probleme.

Erbost kickte ich den dämlichen Comic-Stier in meinem Kopf weit nach hinten.

Plötzlich kam mir ein anderer, diesmal ein hoffentlich hilfreicher und nützlicher Gedanke.

Warum krabbelte ich nicht einfach mal auf einer der hohen Bäume um mich herum und überblickte vom Baumwipfel aus, meine Lage?

Mit weit aufgerissenen Augen schaute ich mich um und verfluchte erneut die mangelnde Helligkeit. Warum war ich nicht am lichten Tag hier angekommen? Einem warmen Tag, an dem die Sonne schien. Woher ich wusste, was eine Sonne war, konnte ich ebenfalls nicht beantworten. Ich wusste jedoch, dass ich noch nie eine gesehen hatte. Daran würde ich mich erinnern.

Aber ich WUSSTE, die Sonne schien hell.

Dann müsste ich zumindest nicht wie eine blinde, flügellahme Fledermaus hier herumtappen.

Plötzlich ertönte ein Geräusch vor mir.

In der Dunkelheit eines fremden Waldes hatte ich keine andere Wahl, als das mir das Blut in den Adern gefror.

Ein Geräusch hieße, ich war nicht alleine.

Irgendjemand oder irgendetwas lebte noch hier und ich hoffte inbrünstig, dass es friedlich und vor allem satt war und hoffentlich genauso viel Angst hatte, wie ich gerade.

Ein erneutes Rascheln gab dem Ausbruch meines Angstschweißes den Startschuss.

Innerhalb weniger Sekunden rannen Bäche an meinem Rücken, meiner Brust und meiner Kopfhaut herab.

Schweiß tropfte in meine weit aufgerissenen Augen und brannte wie die Hölle. Hektisch blinzelte ich und versuchte meine tränenden Augen mit dem schmutzigen Handrücken trocken zu wischen.

Keine gute Idee.

Nun verteilte sich auch Dreck auf meiner Linse, was die Augen noch mehr reizte und ich erst recht wie ein Schlosshund heulte.

In diesem Moment erhellte sich meine Umgebung unverhofft. Die Sonne?

Verdutzt klimperte ich hektisch mit den Augenlidern und blickte halb ängstlich, halb hoffnungsvoll nach oben in den Himmel. Erstaunt schaute ich auf eine helle Scheibe, die sich gerade hinter einer dicken Wolke hervorschob.

Dies war bestimmt nicht die Sonne.

Es war…na…ach ja, der Mond. Und zwar in seiner vollen, runden weißsilbrigen Pracht.

Erneut schossen mir Tränen in die Augen. Doch diesmal waren es Tränen der Erleichterung. Ich konnte sehen.

Dem Himmel sei Dank.

Zwar handelte es sich um keinen Tausend-Watt-Strahler aber immerhin Licht. Licht, dass mir das raschelnde Etwas, dass mich eben erschreckte (mitsamt seinen möglicherweise fürchterlichen spitzen Zähnen), zeigen würde. Sofort senkte ich den Blick und musterte den verdächtigen dichten Busch vor mir.

Sein Anblick überraschte mich. Er war übersät mit hellen, pastellfarbenen Blüten. Blüten, die im sanften Nachtwind leicht auf und ab wippten. Diese unverhoffte Erscheinung brachte mich zum Lächeln. Bis dieses Lächeln gefror, denn ich spürte keinen einzigen Windhauch auf meiner verschwitzten Haut. Wie konnten dann die Blüten wackeln? Ich schaute genauer. Vorsichtig streckte ich die Hand aus und als ich eine dieser ominösen Blüten berührte, explodierte der Busch. Zumindest wirkte es aus meiner geschrumpften Warte so. Ein unheimliches Geräusch begleitete diese unverhoffte Eruption.

Erschrocken und zutiefst verängstigt hüpfte ich zurück.

Natürlich hatte ich Angst.

Ich war ein kleines Kind. Die hatten Angst, wenn sie alleine, irgendwo in der Fremde aufwachten. Fatalerweise blieb ich bei meinem ängstlichen Rückwärts-Hopser mit der Ferse an einer heimtückischen Wurzel hängen und landete ziemlich unsanft auf meinem Allerwertesten, der sich diesem Augenblick wahnsinnig über eine Hose gefreut hätte. Die würde zumindest die kleinen Ästchen abfedern, die sich nun ungebremst in meine bloßen Pobacken bohrten. Ich schrie laut auf. Ob vor Schmerz oder Überraschung, wusste ich in diesem Moment selbst nicht. Der Busch und die Luft vor mir rauschten. Die vermeintlichen Blüten stürzten sich gierig auf mich, so dass ich im ersten Reflex die Arme nach oben riss, um wenigstens mein panisch verzerrtes Gesicht schützen zu können. In der nächsten Sekunde spürte ich Berührungen.

Ich erwartete peinigende Stiche, bohrende Bisse oder schürfendes Kratzen, doch es war überraschenderweise eine erstaunlich sanfte Kontaktaufnahme.

Eigentlich fühlte es sich eher wie ein kühles, hauchdünnes Seidentuch an, dass leicht über meine heiße, verschwitzte Haut rutschte.

Ein ungewöhnlich angenehmes Gefühl.

So angenehm, dass ich langsam meine Arme sinken ließ, den Schmerz an meinen ramponierten Arschbacken ignorierte und mir die Blüten, die nun auf meinen Armen und Beinen klebten, einmal genauer betrachtete. Überrascht keuchte ich auf.

Bei den Blüten handelte es sich keineswegs um einfaches, blühendes Grünzeug, sondern um kleine filigrane Tiere.

Feingliedrige und friedliche Schmetterlinge.

Kleine und mittelgroße Schmetterlinge in allen möglichen Farben und Formen.

Wunderschöne, geflügelte Geschöpfe.

Wie winzige Elfen. Friedliche Gesellen, die mich offensichtlich mochten. Spontan gab ich ihnen den Namen ‚Regenbogenschmetterlinge‘.

Ich würde in Zukunft noch öfter auf diese kleinen bunten Flattermänner treffen und das aus gutem Grund.

Jedoch wusste ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

In diesem erstaunlichen Moment, als ich das erste Mal auf diese possierlichen Tierchen traf, fand ich sie einfach nur wunderschön und erfreute mich an ihrem neckischen Spiel auf meiner Haut.

Ein paar Minuten später wurde ich jedoch das Gefühl nicht los, als ob es sich nicht wirklich nur um ein Spiel oder unkontrolliertes herumflattern handelte. Eine Hälfte der farbenfrohen Schmetterlinge klebte weiter an mir und flatterte wild, die andere Hälfte flog ein Stück weg, kam wieder zurück und entfernte sich wieder. Fast schien es, als wollten sie, dass ich aufstehe und ihnen folgte. Wie in Trance, richtete ich mich dann auch auf.

Sofort stoben die an mir klebenden Tiere nach oben und flatterten (aufgeregt?) um meinen Kopf.

Wie eine buntschillernde Korona.

Völlig fasziniert betrachtete ich den flirrenden Kreis über mir und ohne dass es mir bewusst war, setzte ich einen Fuß vor den anderen.

Die Schmetterlinge vor mir hüpften erregt und entfernten sich ein Stück. Ich folgte ihnen.

Die leuchtende Korona über mir, folgte ebenfalls. Wohin?

Keine Ahnung.

Doch ich war unglaublich dankbar, dass sich jemand (oder Etwas) meiner Winzigkeit annahm. Diese Schmetterlinge waren das einzige, an das ich mich im Augenblick festkrallen konnte.

Vielleicht wussten sie mehr als ich?

Vielleicht führten sie mich dorthin, wo ich hinsollte?

Ich hoffte es und allein diese Hoffnung brachte mich dazu, mich dieser Horde winziger Tiere anzuvertrauen.

Ohne die munteren Schmetterlinge aus dem Auge zu lassen, schob und zwängte ich mich durch Gestrüpp und dichtes Unterholz. Hin und wieder hob ich den Blick und schaute zum Himmel, hinauf zum leuchtenden Mond.

Er schien sich fest an meine Fersen geheftet zu haben.

Vielleicht um mir den Weg zu leuchten? Möglich.

Irritierend, aber sehr nützlich.

Und plötzlich fand ich mich auf einer Anhöhe wieder. Meine erstaunt aufgerissenen Augen schauten in eine flache Senke, die auf den ersten Blick wie ein Lager wirkte. Sieben Blockhäuser formten einen Kreis.

In der Mitte brannte ein großes Lagerfeuer.

Ein zutiefst zufriedenes Grunzen drang aus meiner verschwitzten und schmutzigen Brust.

Feuer hieß Wärme.

Feuer hieß andere Menschen.

Ich war also doch nicht alleine. Obwohl ich pudelnackt wie ein glitschiger Regenwurm war, setzte ich zum Spurt an. In DEM Augenblick, als ich den Hang hinunterstürmen wollte, flatterten meine kleinen, hilfreichen Freunde hoch in den Himmel, ballten sich kurz zu einer bunten herzförmigen Wolke zusammen und verschwanden schlagartig und für mich völlig überraschend, zurück in den dunklen Wald hinter mir.

Meine Kinnlade sackte abrupt auf das Brustbein herab.

Die Enttäuschung schlug jedoch erst mit voller Wucht zu, als der letzte Schmetterling sich meinem Sichtfeld entzog.

Warum flogen sie weg?

Warum ließen sie mich jetzt alleine? Hallo?

Unsicher wanderten meine Augen zurück zum Lager. War ich etwa am Ziel? Sollte ich dorthin?

Noch einmal warf ich einen unsicheren Blick über die Schulter, zurück in den Wald.

Sollte ich nicht doch lieber auch dorthin und meine geflügelten Freunde suchen?

Dann schielte ich wieder zum verlockenden Lagerfeuer.

Sogar das Knacken der glühenden Holzscheite konnte ich nun vernehmen. Obwohl ich mich unglaublich nach Wärme und auch nach Gesellschaft sehnte, zögerte ich.

Doch dann wurde mir klar, dass ich überhaupt keine andere Wahl hatte. Ich war nackt, fror und langsam kündigte sich auch ein kleiner Hunger an. Die Antwort auf all diese Probleme befand sich definitiv nicht im Wald, sondern unten in diesem seltsamen Camp.

Mit fragendem Blick musterte ich erneut die Lichtung. Von jeder Holzhütte führte ein gepflasterter Weg zur Mitte, was von meiner erhöhten Warte aus, den Eindruck eines Sternes erweckte.

Ein großer Stern dessen Mittelpunkt das mächtige Lagerfeuer darstellte. Sieben riesige Tannen füllten die Lücken zwischen den Blockhäusern auf.

Ich schaute genauer.

Waren das etwa Gemüsebeete vor den Hütten?

Dieser Anblick verwirrte mich ungemein, auch wenn er sehr wohnlich und einladend wirkte.

Doch weder die Hütten, noch die Gemüsebeete fällten die Entscheidung zu meinem Abstieg.

Es war das Lagerfeuer.

Mittlerweile bibberte ich, wie eine verlassene, halb verhungerte Kirchenmaus.

Ich wollte, nein, ich musste mich dringend aufwärmen.

Vielleicht würde ich ja sogar so etwas Ähnliches wie eine Hose und/oder einen Pulli finden.

Dicke Socken würde ich auch nicht verschmähen.

Entschlossen atmete ich tief ein und kletterte den Hang hinab. Als ich die erste Tanne erreichte, hielt ich zögernd inne. Was, wenn sich hier noch jemand aufhielt?

Was, wenn diese Person NICHT nett war?

Was, wenn sie mich als Eindringling betrachtete und wieder fortjagte? Was, wenn…

Ich schnaufte frustriert, war aber nicht gewillt, ohne einen Versuch, klein beizugeben. Vorsichtig schob ich mich unter den nadelbespickten Zweigen hindurch, schlich an einer groben Hüttenwand entlang und spähte behutsam um die Ecke. Das Prasseln des einladenden Feuers lockte.

Sein flackerndes Licht beschien fünf, nein sechs dicke Holzpflöcke, die als Sitzgelegenheiten um das Lagerfeuer arrangiert waren.

Ich schluckte aufgeregt. Blitzschnell folgerte ich.

Sechs Sitze gleich sechs Personen. Plötzlich stutzte ich.

Es waren aber SIEBEN Hütten. Da war ich mir ganz sicher. Wofür oder für wen war die siebte Hütte?

Noch einmal schwenkte mein prüfender Blick über den gepflegten Mittelplatz. Keine Menschenseele war zu sehen oder zu hören.

Wo waren denn die Leute, die hier lebten?

Ehrlich gesagt, wirkte das Lager irgendwie verlassen und doch wieder nicht verlassen.

Ich betrachtete den sandigen Boden rund um das Feuer.

Keine einzige Fußspur war zu erkennen. Noch nicht eine.

Nachdenklich musterte ich nun die munter zuckenden Flammen. Aber irgendjemand musste doch für dieses Feuer verantwortlich sein. So ein Feuer entzündete sich doch nicht von alleine. Diese Feststellung schürte erneut meine Aufregung und schlug sich prompt auf meine Blase nieder. Der plötzliche Druck bewegte mich zu einer raschen Entscheidung.

Ich kratzte meinen ganzen (kläglichen) Mut zusammen und betrat entschlossen die Lichtung.

„Hallo?“

Unsicher drehte ich mich im Kreis. Nichts.

Kein Pieps. Ich probierte es erneut. Etwas lauter.

„HALLO? IST DA WER?“

Langsam näherte ich mich den lodernden Flammen und spürte mit jedem Schritt die ansteigende Wärme, die von ihnen ausging. Vorsichtig umrundete ich die Feuerstelle.

Plötzlich blieb ich jedoch wie angewurzelt stehen.

Mein Blick klebte an einer der Hütten.

Ich registrierte, was meine Augen sahen, doch diese Information sackte einfach nicht in mein Gehirn.

Das war doch nicht möglich.

Ungläubig blinzelte ich und rieb mir zusätzlich über die erstarrten Lider. Vielleicht spielte mir die Aufregung ja einen visuellen Streich?

Als ich jedoch erneut hinschaute, hatte sich das Bild nicht verändert. Zögernd tat ich einen Schritt nach dem anderen…hin zu der Hütte.

Meine Augen hingen wie gebannt über der kleinen Veranda. Dort baumelte ein quadratisches, hölzernes Schild mit einer geschwärzten Gravur.

Ein Stern. Und IN dem Stern stand geschrieben:

MARLON.

Das war ja MEIN Name.

Japsend griff ich an meine Brust. Meine Augäpfel quollen fast aus ihren Höhlen.

Wieso stand MEIN Name an dieser Hütte?

Hölzern wand ich mich automatisch zur nächsten Hütte um. Auch dort hing über der Veranda ein quadratisches Schild mit einem Stern.

Und auch in diesem Stern prangte ein Name:

DORIAN.

Verdutzt zuckte ich zusammen. Wer war Dorian?

Ich kannte keinen Dorian.

(Wenn ich ehrlich war, kannte ich eigentlich niemanden so richtig.)

Ohne dass ich es spürte, trugen meine Beine mich ein Stück weiter, bis sie vor der dritten Hütte stehenblieben.

Hier das gleiche Bild.

Ein hölzernes Schild, mit eingraviertem Stern.

In DIESEM Stern las ich den Namen: EMMA.

Meine Verwirrung wuchs ins Unermessliche. Ich vergaß meine Scheu und auch meine Angst (nackt) entdeckt zu werden. Mit weit aufgerissenen Augen und aufgeklapptem Mund schlurfte ich zur nächsten Behausung. DIE gehörte, wie das Schild über der Veranda mir verriet, einem gewissen MATTEO.

Doch auch dieser Name sagte mir rein gar nichts. Die fünfte Hütte, etwas größer als die anderen, überraschte mich noch mehr (sofern dies überhaupt möglich war).

Hier waren über der breiten Veranda lediglich sechs Sterne eingraviert und ein Datum.

20.03.1971

Bevor ich mir über das ominöse Datum und die Sterne jedoch Gedanken machen konnte, trugen meine Beine mich unermüdlich weiter…

Zur sechsten Hütte.

Diese gehörte, laut Schild, einem DUNCAN.

Komischer Name.

Doch auch IHN kannte ich nicht.

Blieb nur noch eine Hütte. Als ich davorstand, wusste ich nicht, ob ich weinen oder einfach nur verblüfft sein sollte.

Mir war bei diesem Anblick jedoch irgendwie eher nach Weinen zumute. Dabei wusste ich noch nicht einmal wieso. Auch an dieser, letzten Blockhütte hing ein quadratisches, hölzernes Schild.

Und auch hier war ein großer Stern eingraviert.

Doch dieser Stern war leer…

Was hatte das zu bedeuten? Warum trugen alle Hütten irgendwie eine Bezeichnung, nur diese EINE nicht?

Diese Tatsache löste eine gewisse Betroffenheit, wenn nicht sogar Trauer in mir aus. Eine Hütte ohne Namen.

Ich schniefte und wischte mir hastig über die feuchtgewordenen Augen.

Das wäre es noch. Nicht nur ohne Klamotten erwischt zu werden, sondern obendrein auch noch heulend wie ein Baby. DAS musste ja nicht unbedingt sein.

Deshalb wand ich hastig meine Augen von diesem deprimierenden Anblick ab und schaute zur Hütte daneben. DIES war wieder Marlon`s Hütte.

Also meine.

Ich hatte den sternförmigen Platz umrundet.

Obwohl das kleine Blockhaus meinen Namen trug, zögerte ich. Aber nur kurz.

Allein die Tatsache, dass ich endlich eine Hose anziehen wollte (UND weil mein Name auf dem Schild stand), trieb mich voran. Entschlossen drückte ich den Rücken durch und stampfte selbst-, und zielsicher auf die (meine) kunstvoll gezimmerte Veranda.

Ohne anzuklopfen (warum auch) riss ich die Tür auf und trat ein. Hatte ich eigentlich Dunkelheit erwartet, so wurde ich angenehm überrascht. In der Hütte war es keineswegs dunkel. Noch nicht einmal düster.

Vielleicht war der Grund dafür, eine altmodische Petroleumlampe, die auf einem Beistelltisch neben einem sauber bezogenen Bett stand. Ihr warmes Licht tauchte den ganzen Raum in eine dezente Helligkeit. Eine äußerts angenehme Helligkeit. Diese Helligkeit hatte etwas Heimeliges. Ich fühlte mich sofort wohl und entspannte mich. Sogar ein kleines Lächeln konnte ich mir nicht verkneifen. Als ich jedoch den zweitürigen Kleiderschrank in der hintersten Ecke öffnete, verschwand das Lächeln und machte einem breiten, unglaublich breiten Grinsen Platz.

Klamotten! Hosen, Shirts, Unterwäsche. Endlich!

Freudig zerrte ich ungestüm ein paar Jeans hervor und warf sie achtlos hinter mich, auf das Bett.

Ihr folgte, eine Unterhose, ein weißes T-Shirt und ein paar weiße Socken und auf dem Boden des Schrankes entdeckte ich schneeweiße Turnschuhe.

Zwar fand ich die Farbe in dieser Einöde etwas unglücklich, doch warum sollte ich mich darum scheren.

Es war keiner da, der meckerte, auch wenn ich damit im Schlamm herumsuhlen würde. Mit leicht grimmiger Miene warf ich auch die Schuhe auf das Bett.

Dann knallte ich die Schranktüren wieder zu und drehte mich, zufrieden grunzend um. Dabei fiel mein Blick auf einen kleinen Wandspiegel mir gegenüber.

Obwohl ich mich nicht für eitel hielt, erschrak ich.

Ein völlig verwilderter Junge starrte mir mit großen Augen entgegen. Das schwarze Haar stand wild und störrisch in alle Richtungen, war gespickt mit Blättern und kleinen abgebrochenen Aststückchen und man konnte ganz deutlich verwischte Tränenspuren auf meinen Wangen erkennen. Helle unregelmäßige Linien auf staubbedeckter schmutziger Haut.

Herrje. Wie sah ich denn aus?

In diesem Moment nahm ich auch den sauren Schweißgeruch wahr, den meine Achseln verströmten.

Also, wenn jemand eine Dusche benötigte, dann wohl ich.

Suchend schaute ich mich um und erkannte neben dem Kleiderschrank eine weitere Tür. Ich hoffte, dass sich dort eine Art Badezimmer verbarg und stampfte mit geballten Fäusten entschlossen hin. Die Tür bekam einen unfreundlichen Tritt und schwang auf. Hier die nächste Überraschung. Ein winziges, aber vollausgestattetes Badezimmer. Klo. Waschbecken und Duschzelle. Auf einem schmalen Regal, neben dem Waschbecken lag, fein säuberlich gefaltet ein Stapel weißer, flauschiger Handtücher. Im unteren Fach befand sich ein Becher mit Zahnbürste, Zahnpasta, Seife, Shampoo und eine Rolle Klopapier. Wer immer dies alles vorbereitete, er hatte wirklich an all das gedacht, was ich gerade benötigte.

Sofort hüpfte ich unter die Dusche und erwartete eigentlich eiskaltes Regenwasser, wurde jedoch von herrlichem, warmem Nass empfangen, unter dem ich mich ordentlich einseifte und schnurrend, wie ein zufriedenes Kätzchen aalte.

Mit großem Bedauern stellte ich nach dem Abbrausen des Schaumes das Wasser jedoch wieder ab. Ich wusste ja nicht wie groß der Wasservorrat war und wollte natürlich nicht gleich alles auf einmal verbrauchen.

Mit einem der flauschigen weißen Handtücher rubbelte ich mich trocken, ließ es achtlos auf den Boden fallen, schielte kurz nach der Zahnbürste (entschied mich jedoch dagegen) und flitzte zurück zum Bett, wo ich mit einem zutiefst erleichterten Seufzer in die sauberen Klamotten schlüpfte. So ausgestattet (und nach Lavendel duftend) fühlte ich mich allen weiteren Begebenheiten gewachsen.

Mit hochaufgerichtetem Kopf stolzierte ich aus meiner Hütte und blieb dann jedoch etwas ratlos auf der Veranda stehen. Nichts hatte sich verändert…außer meinen Fußspuren im sandigen Boden. Was sollte ich jetzt tun?

Vielleicht die anderen Hütten inspizieren?

Diesen Gedanken verwarf ich allerdings sofort. Diese Hütten gehörten anderen Leuten. Die gingen mich nichts an. Doch dann fiel mir die größere Hütte wieder ein.

DIE mit den sechs Sternen und dem ominösen Datum.

DORT hatte KEIN Name gestanden.

Entschlossen machte ich mich auf den Weg und umrundete das noch immer prasselnde Lagerfeuer, dass nichts von seiner Größe einzubüßen schien. Als ich ankam, zögerte ich kurz. Aber wirklich nur kurz. Dann betrat ich die Veranda, räusperte mich und klopfte höflich an, „Hallihallo? Ist da wer?“

Natürlich erhielt ich keine Antwort. Hatte ich auch irgendwie nicht erwartet. Deshalb trat ich ein und blieb eine Sekunde später verdutzt im Türrahmen stehen. Der Raum war definitiv größer als mein Zimmer. Klar, wie auch nicht. Die Hütte war ja auch schließlich größer als meine. Doch hier stand kein Bett und auch kein Kleiderschrank. Hier stand ein großer, runder urig aussehender Holztisch, an dem sechs bequem aussehende gepolsterte Stühle standen.

Dahinter eine Art langgezogenes Buffet, das den Blick auf eine großzügige Küchenzeile freigab. Und genau von dort wehte mir ein angenehm würziger Duft entgegen.

Ein Duft, der meinen Magen in spontanen Aufruhr versetzte. Dies äußerte er auch auf der Stelle mit lautem, gefährlichem Knurren.

Ohne Nachzudenken stürzte ich ums Buffet herum.

Dahinter befand sich ein Herd. Auf ihm standen zwei dampfende Töpfe. Und aus diesen drang der verlockende Duft, der mich magisch (und auch äußerst hungrig) anzog. Sofort lupfte ich neugierig beide Deckel und linste hinein. Helles sämiges Hähnchenragout in dem einen Topf, ein Bottich voller Spätzle in dem anderen.

Sorry…aber ich konnte mich nicht zurückhalten.

Gierig riss ich die Schränke auf, suchte mir einen Teller und Besteck zusammen und türmte mir einen Berg dieser Köstlichkeit auf. Damit setzte ich mich an den sauberen Tisch und begann zu essen.

Halt! Stopp! Nein, ich mampfte…

Ich stopfte mir die Backen bis zum Anschlag voll und verschlang innerhalb kürzester Zeit diese riesige Portion.

Danach folgte noch eine Zweite.

Quasi als Nachspeise.

Was soll ich sagen? Ich war echt hungrig gewesen.

Als auch der zweite Teller leergeputzt war, rieb ich mir über den vollen Bauch, öffnete vorsichtshalber den Knopf meiner Jeans und rülpste laut.

Dann erhob ich mich leise ächzend, schlenderte vollgefressen und zufrieden zum Kühlschrank, inspizierte gelangweilt (da satt) den Inhalt und genehmigte mir eine eiskalte Cola. Mit der angelaufenen Flasche in der Hand schleppte ich meine mittlerweile bleiernen Glieder wieder nach draußen und setzte mich auf einen der Holzpflöcke am Lagerfeuer, dass noch immer munter vor sich hin prasselte. Hier hockte ich nun eine ganze Weile und lauschte dem Knacken der Scheite und dem Grummeln meines Bauches.

Vielleicht waren es doch ein bisschen viel Nudeln auf einmal gewesen.

Doch nicht um die verspeisten Nudeln kreisten meine Gedanken. Ich dachte über all dies nach. Das Lager. Die Hütten mit ihren Namensschildern. Die Klamotten.

Das gekochte Essen und die Abwesenheit desjenigen, der dies alles arrangiert hatte. Mein Blick glitt über die anderen Holzhäuser. Würden diese Leute, Dorian, Emma, Matteo und Duncan auch noch erscheinen.

Und wenn ja, wer waren sie? Und was war mit der namenlosen Hütte? Wem gehörte die?

War es das Essen oder die vielen unbeantworteten Gedanken oder vielleicht die gesamte unbefriedigende Situation, die mir das letzte Quäntchen Energie aussaugten? Ich wusste es nicht. Aber ich konnte mir ein herzhaftes Gähnen nicht verkneifen. Dabei rieb ich erschöpft über meine Augenlider, die sich anfühlten, als ob ein Sack Mehl dranhängen würde.

Etwas unschlüssig musterte ich die Flammen. Könnte ich mich schlafen legen und das Feuer einfach weiterbrennen lassen? Doch dann zuckte ich mit den Schultern.

Das Feuer würde ja einfach runterbrennen und irgendwann von alleine verlöschen. Dazu brauchte es ganz sicher keine Gesellschaft. Meine zumindest nicht.

Noch einmal gähnte ich ausgiebig, schlürfte dann meine Cola leer, stellte die Flasche achtlos neben den hölzernen Hocker und verkrümelte mich mit hängendem Kopf in meine Hütte. Dort strippte ich lediglich die Turnschuhe von den Füssen, ließ sie mitten im Raum liegen und fiel anschließend wie ein gefällter Baum auf das Bett.

Mein Kopf berührte noch nicht einmal das Kissen, da war ich auch schon weg…

Die Anderen

Was mich letztendlich aus dem friedlichen Schlummer schreckte, konnte ich gar nicht genau sagen. Wahrscheinlich war es die Stille, die mich so abrupt aus meinem Traum zerrte. Einen Traum, der sofort in der Senke der Vergessenheit verschwand, als ich die Augen aufschlug. Zurück blieb ein leises Bedauern, dass ich mir nicht erklären konnte und deswegen auch ignorierte. Ich überlegte, ob ich aufstehen sollte, entschied mich jedoch dagegen. Was sollte ich auch draußen?

Ich war eh alleine. Deshalb konnte ich Frühstücken, wann immer ich wollte. Sofern es ein Frühstück gab.

Doch irgendwie war ich mir, tief im Innern, sicher, das ein Frühstück auf mich warten würde.

Woher ich das wusste? Keine Ahnung.

Gerade als ich die Augen wieder schloss um eine zweite Schlummerrunde einzuläuten, hörte ich eine Tür zuschnappen. Zuerst klappten meine Augenlider erschrocken nach oben, dann schnellte ich, wie von einer Tarantel gestochen im Bett hoch. Eine weitere Tür klappte (oder war es die gleiche Tür gewesen?)

Mein Herz raste und ich konnte noch nicht einmal sagen, dass meine Gedanken sich überschlugen, denn mein Kopf war leer. So leer wie eine ausgehöhlte Kokosnuss.

Zuschnappende Türen?

Ähm…hallo?

Keine Tür schnappte von alleine zu. Vorsichtig schob ich mich vom Bett, schaute mich um und musterte zum Schluss kurz die Turnschuhe, die fein säuberlich neben der Tür parkten.

Gerade als ich mich weiter umschauen wollte, fiel mir siedendheiß ein, dass ich sie letzte Nacht einfach mitten im Raum ausgezogen und stehengelassen hatte. Nun warteten sie friedlich, als ob nichts geschehen wäre, neben der Tür. Doch bevor ich mich fragen konnte, wie das möglich war, klappte es ein drittes Mal. Sofort schwenkte mein Blick zur Hüttentür. Langsam streckte sich mein rechter Arm aus. Im gleichen Augenblick schrillten sämtliche Alarmglocken in meinem Kopf:

Hast du sie noch alle? Bleib drin. Wer weiß, was da draußen kreucht und fleucht. Vielleicht sind es Augäpfelaussaugende Monster, die nur darauf warten, dass du Dummkopf die Tür öffnest. Verkriech dich wieder in dein Bett und halte einfach die Schnauze! Capito!

Doch der Alarm schien nicht bei meinen Beinen anzukommen, denn diese bewegten sich stetig auf die Tür zu. Wie im Film, sah ich meine ausgestreckte Hand, die sich um den Knauf schloss, ihn drehte und dann die Tür langsam aufzog. Augenblicklich trugen mich meine Beine auf die Veranda.

Hier blieb ich mit großen Augen stehen und schaute mich mit laut pochendem Herzen um…

Und ich war nicht der einzige, der blöd mit kugelrunden Kulleraugen gaffte. Da das Feuer in der Tat verloschen war, konnte ich auch die anderen Hütten sehen und auf vier Veranden standen Menschen.

Junge Menschen. Sehr junge Menschen, also Kinder.

Kinder, die in meinem Alter zu sein schienen.

Kinder, deren Gesichter die gleiche Ratlosigkeit zur Schau trug, wie mein eigenes.

Überrumpelt von diesem Anblick stampfte ich die zwei Stufen nach unten und bewegte mich, wie in Zeitlupe in die Mitte des Platzes.

Genau dies taten auch die anderen.

Die anderen, das hieß, drei Jungen und ein Mädchen.

Oder waren es zwei Jungen und zwei Mädchen?

Ich war mir nicht ganz sicher, denn es waren zwei Personen mit schulterlangem Haar. Erst als wir uns in der Mitte des Platztes langsam näherkamen, korrigierte ich mich gedanklich auf meine ursprüngliche Vermutung.

Es waren drei Jungen und ein Mädchen.

Als wir fünf um das erloschene Lagerfeuer standen und uns gegenseitig musterten, fiel mir die Stille auf.

Es ging kein Wind und es sang auch kein Vogel.

Da war einfach nichts.

Es war schon ein bisschen gruselig. Noch immer sagte niemand ein Wort. Wie stumme Fische glotzte einer zum anderen. Also entschloss ich mich, den ersten Schritt zu wagen. Schließlich konnten wir ja nicht ewig hier herumgammeln und uns einfach nur schweigend anstarren.

Ich räusperte mich etwas umständlich und schlug mir dann sachte auf die Brust, „Ich bin Marlon!“

Erwartungsvoll schaute ich in die Runde.

Der Junge neben mir, er war lang und dünn wie eine Salzstange, scharrte verlegen mit dem rechten Fuß im Sand und druckste dann leise, „Ich bin der Dorian!“

„Ich bin Emma!“

„Matteo. Hi Leute! Was geht ab?“

Alle Augen richteten sich nun auf den letzten in der Runde. Der Junge formte lässig ein Victory-Zeichen mit seinem Zeige-, und Mittelfinger und zwinkerte belustigt, „Und ich bin Duncan. Hat noch jemand Hunger?“

Grinsend musterte ich den Jungen zu meiner Linken, den ich aufgrund seiner doch recht femininen Frisur im ersten (Schreck-) Moment für ein Mädchen hielt. Dieser Duncan gefiel mir. Schien eine coole Socke zu sein. Ich nickte (noch immer grinsend), „Klar, man. Wie ein Bär!“

Das Thema Essen löste nun auch die Anspannung bei den anderen. Plötzlich nickten alle und lächelten ebenfalls (wenn auch vorsichtig verhalten).

Erleichtert schnaufte ich innerlich durch.

Offensichtlich hatte sich hier eine ganz passable Truppe eingefunden. Doch warum?

Woher kamen die anderen? Keine Ahnung.

Wie auf ein unsichtbares Kommando, strebten wir alle gleichzeitig zur Blockhütte mit den sechs Sternen. Emma zögerte kurz und schaute nachdenklich hinter sich, „Und was ist mit DER Hütte?“

Sie starrte leicht verunsichert das Blockhaus ohne Namen an. Wir starrten auch. Emma drehte sich nun wieder zu uns herum, „Jeder scheint eine Hütte bekommen zu haben. Also müsste DIESE Hütte doch auch für jemanden sein. Findet ihr nicht?“