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Jenny Behnisch, die Leiterin der gleichnamigen Klinik, kann einfach nicht mehr. Sie weiß, dass nur einer berufen ist, die Klinik in Zukunft mit seinem umfassenden, exzellenten Wissen zu lenken: Dr. Daniel Norden! So kommt eine neue große Herausforderung auf den sympathischen, begnadeten Mediziner zu. Das Gute an dieser neuen Entwicklung: Dr. Nordens eigene, bestens etablierte Praxis kann ab sofort Sohn Dr. Danny Norden in Eigenregie weiterführen. Die Familie Norden startet in eine neue Epoche! »Hmm, das sieht ja lecker aus!« Janni Norden lief das Wasser im Mund zusammen, als er die Leckereien betrachtete, die seine Mutter mit Lennis tatkräftiger Unterstützung zubereitet hatte. »Komm bloß nicht auf dumme Gedanken«, warnte die ehemalige Haushälterin und schob ihn zur Seite, um eine Schüssel mit Kartoffelkäse auf den Tresen zu stellen. »Wenn auch nur ein Radieschen fehlt, ziehe ich dir höchstpersönlich die Ohren lang. »Die mag ich eh nicht. Da nehme ich lieber eine Rohrnudel.« Ehe Lenni es verhindern konnte, rupfte er ein Stück aus der Schüssel und floh damit aus der Küche. Ein Rumpeln und Krachen übertönte Lennis Schimpfen. »Kannst du nicht aufpassen? Jetzt wäre ich um ein Haar von der Leiter gefallen.« Ihr Lebensgefährte Oskar presste die Hand auf das Herz. »Ich habe doch gesagt, dass du mich das machen lassen sollst.« Fee trug einen Wäschekorb durch den Flur und sah zu Oskar hinauf, der auf der Leiter stand. »Mit einem Oberschenkelhalsbruch in eurem Alter ist nicht zu scherzen.« Kopfschüttelnd machte sie sich auf den Weg ins obere Stockwerk. In der Küche rumorte es. Lenni klapperte mit Schranktüren. Gleich darauf röhrte der Mixer. »Und was ist mit mir?«
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Seitenzahl: 104
Veröffentlichungsjahr: 2018
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»Hmm, das sieht ja lecker aus!« Janni Norden lief das Wasser im Mund zusammen, als er die Leckereien betrachtete, die seine Mutter mit Lennis tatkräftiger Unterstützung zubereitet hatte.
»Komm bloß nicht auf dumme Gedanken«, warnte die ehemalige Haushälterin und schob ihn zur Seite, um eine Schüssel mit Kartoffelkäse auf den Tresen zu stellen. »Wenn auch nur ein Radieschen fehlt, ziehe ich dir höchstpersönlich die Ohren lang.
»Die mag ich eh nicht. Da nehme ich lieber eine Rohrnudel.« Ehe Lenni es verhindern konnte, rupfte er ein Stück aus der Schüssel und floh damit aus der Küche.
Ein Rumpeln und Krachen übertönte Lennis Schimpfen.
»Kannst du nicht aufpassen? Jetzt wäre ich um ein Haar von der Leiter gefallen.« Ihr Lebensgefährte Oskar presste die Hand auf das Herz.
»Ich habe doch gesagt, dass du mich das machen lassen sollst.« Fee trug einen Wäschekorb durch den Flur und sah zu Oskar hinauf, der auf der Leiter stand. »Mit einem Oberschenkelhalsbruch in eurem Alter ist nicht zu scherzen.« Kopfschüttelnd machte sie sich auf den Weg ins obere Stockwerk. In der Küche rumorte es. Lenni klapperte mit Schranktüren. Gleich darauf röhrte der Mixer.
»Und was ist mit mir?«, verlangte Jan zu wissen. »Ein Schock in meinem Alter kann traumatisierend wirken. Mit jedem Ereignis steigt das Risiko, eine Folgestörung zu entwickeln, wie zum Beispiel Depressionen, Angststörungen und Verhaltensuaffälligkeiten«, rief er seiner Mutter nach.
»Dann kann ja nicht mehr viel bei dir passieren«, bemerkte Lenni aus der Küche. »Statt die ganze Zeit kluges Zeug zu schwätzen, könntest du dich lieber mal nützlich machen und Oskar mit der Girlande helfen.«
Janni rollte mit den Augen und steckte den letzten Rest Rohrnudel in den Mund.
»Besonders gravierende Folgen haben anhaltende, seelische Grausamkeiten von Familienangehörigen und nahestehenden Personen«, nuschelte er. »Außerdem ist Oskar eh schon fertig.«
»Aber die Girlande hängt schief«, sagte eine weibliche Stimme.
»Dumme Bemerkungen sind das Letzte, was ich jetzt brauchen kann«, schimpfte Oskar aus luftiger Höhe. Er hatte noch nicht ausgesprochen, als ihm klar wurde, wer ihm da geantwortet hatte.
Janni drehte sich um. Sein Ersatzopa hörte auf, an der Girlande zu zupfen. Sogar Lenni kam aus der Küche herbei geeilt.
»Menschenskinder, Anneka! Was machst du denn schon hier?«, rief sie und schlug die Hände vor der Brust zusammen.
»Ich kann auch wieder gehen, if I’m not welcome … wenn ich nicht willkommen bin«, verbesserte sie sich schnell.
»Warum redet die ganze Familie eigentlich so viel Unsinn?«, schimpfte Lenni. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab und breitete die Arme aus. »Komm her, meine Kleine, lass dich umarmen.«
Janni schnalzte mit der Zunge.
»Wer redet hier Unsinn? Von wegen Kleine! Das neuseeländische Essen scheint wachstumsfördernd zu sein. Du bist eindeutig größer als vor einem Jahr. Obwohl du damals schon ausgewachsen warst.«
Ein Schrei aus dem oberen Stockwerk, gefolgt von einem Rumpeln, übertönte Annekas Antwort.
»Anneka! Was machst du denn schon hier?« Felicitas stürzte die Treppe hinunter und tanzte kurz darauf mit ihrer ältesten Tochter durch den Flur. »Ich hatte noch gar nicht mit dir gerechnet.«
»Hat Dad dir nicht erzählt, dass ich einen flight … wie sagt man … Flug früher genommen habe?« Der Jetlag forderte seinen Tribut. Selbst die einfachsten deutschen Wörter wollten ihr nicht einfallen.
»Kein Wort. Das ist aber kein Wunder, so viel, wie er um die Ohren hat.« Fee blieb stehen und strich Anneka eine Strähne aus der Stirn. Ihr Blick streichelten ihr Gesicht.
»Oh, deshalb ist Dad gleich wieder in die Klinik gefahren. Ich dachte, er bleibt ein bisschen hier.«
Janni grinste.
»Typisch Frau. Reichst du ihr den kleinen Finger, will sie die ganze Hand.«
»Ist das alles, was du im vergangenen Jahr gelernt hast?«, scherzte Anneka und ließ sich von Oskar in die Küche ziehen.
»Solange er nur redet, ist er harmlos«, versprach er und führte Anneka zum Tresen. »Schau mal, was wir dir zu Ehren hergerichtet haben.«
»Bavarian food! Bayerisches Essen. O Gott, ihr seid so lieb! Wisst ihr eigentlich, wie ich mich auf deutsches Essen gefreut habe?« Mit Schaudern dachte Anneka an die vielen Lebensmittel in Neuseeland, die, ganz nach amerikanischem oder englischem Vorbild, viel stärker vorbehandelt wurden als in ihrer Heimat. Übermäßig viel Zucker und Fett in Milchprodukten und Backwaren mit einer schier endlosen Liste an Zusatzstoffen hatten Anneka den Spaß am Einkaufen und Essen verdorben. Es knackte, als sie in ein Radieschen biss.
»Dann setz dich gleich hin und lass es dir schmecken.« Ohne viel Federlesen drückte Lenni die verlorene Enkeltochter auf den Stuhl.
»Und mir hat sie vorhin noch unter Androhung der Todesstrafe verboten, ein Radieschen zu klauen«, maulte Janni.
Anneka prustete los.
»Seit wann isst du denn Radieschen? Du stehst doch auf junk food, dieses ganze ungesunde Zeug wie Chips und Burger und so.«
»Das frage ich mich auch«, erwiderte er und setzte sich zu ihr an den Tisch. Wie gut, dass seine große Schwester wieder da war!
*
Die Kabel, die vom Körper des jungen Mannes hinüber zum Geräteturm führten, ließen ihn wie eine komplizierte Maschine aussehen, die zum Leben erwacht war.
Dr. Sophie Petzold stand an den Geräten. Für jeden anderen wären die Geräusche, die sie machten, nervtötend gewesen. Doch die junge Assistenzärztin wusste, was sie bedeuteten, und begrüßte jedes einzelne Piepen und Schnaufen.
»Was ist passiert?«, fragte der junge Mann im Bett.
»Sie sind in der Kletterhalle abgestürzt«, klärte sie Florian Herbst auf.
Eine Weile suchte er nach einer Erinnerung, Bildern, irgendetwas.
»Komisch. Ich kann mich nicht erinnern.«
Seit sie schwanger war, wurde Sophie vom Geruch der Desinfektionsmittel schlecht. Anmerken lassen wollte sie sich aber nichts. Nicht die Schwangerschaft. Und auch nicht die gesundheitlichen Probleme, die sie mit sich brachte. Noch immer hatte sie keine Entscheidung getroffen. Sollte sie sich von einem Pillenfehler das ganze Leben verderben lassen? Oder doch lieber ihre ursprünglichen Pläne verfolgen und ihren Facharzt in Chirurgie machen, um Menschen wie Florian Herbst zu helfen? Sie holte tief Luft, um die Übelkeit zu verdrängen, und lächelte.
»Sie haben eine retrograde Amnesie. Das ist ganz normal bei Stürzen auf den Kopf.«
Florian versuchte, einen Blick auf seinen Körper zu erhaschen. Der Erfolg war mäßig. Stöhnend sank er zurück in die Kissen.
»Werde ich wieder gesund?«
»Sie haben ein Polytrauma erlitten. Das bedeutet, dass mehrere Körperregionen und Organe zu Schaden gekommen sind.« Sie überprüfte den Fluss der Infusion. »Die Reha wird eine Weile dauern. Aber ja. Sie werden wieder gesund.« Sophie griff nach der Krankenakte und notierte die Werte der Überwachungsgeräte. »Soll ich jemanden informieren?«
»Meine Frau. Ina.« Wieder dachte Florian nach. Schade, dass das Gehirn keine Hängeregistratur war, in der die Informationen fein säuberlich abgelegt waren. Oder doch? Zum Glück fiel ihm wenigstens Inas Handynummer wieder ein. Sophie notierte sie und verließ das Zimmer mit dem Versprechen, sie sofort zu informieren. Die automatische Tür der Intensivstation schloss sich rumpelnd hinter ihr. Im Gehen zog sie das Handy aus der Tasche und wählte die Nummer, die sie nicht nur in der Akte, sondern auch auf ihrem Handrücken notiert hatte.
Dr. Matthias Weigand bog um die Ecke. Sofort wusste er, wer da vor ihm ging. Wie jedes Mal traf ihn Sophies Anblick wie ein Blitzschlag. Er hätte Sophie unter Tausenden wiedererkannt. Und wenn ihm jemand die Augen verbunden hätte, wäre ihr Parfum der Verräter gewesen. ›Sunny‹, ein Duft wie ein Sommertag am Meer. Vor seinen Augen verwandelte sich der Klinikflur in einen Sandstrand. Wie in der alten Werbung für ein Duschbad lief Sophie in Zeitlupe über den blendend weißen Sand. Ihr Kimono umspielte ihre Figur, ihr Haar flatterte hinter ihr her. Er streckte die Hand danach aus, um die feine Seide zu spüren. Im nächsten Moment stolperte er über einen Wischmob, der an der Wand lehnte. Schlagartig fand er sich in der rauen Wirklichkeit wieder, die nichts, aber auch gar nichts mit seinem Traum gemein hatte. Die Assistenzärztin vor ihm drückte das Telefon ans Ohr.
»Petzold! Können Sie Ihre Privatgespräche nicht auf später verschieben? Ich habe Arbeit für Sie!«
Sophie fuhr zu ihm herum. Sie dachte nicht daran, den Apparat vom Ohr zu nehmen. Plötzlich verzog sich ihr Mund zu einem Lächeln. Matthias‘ Herz machte einen Satz.
»Hallo, hier ist die Behnisch-Klinik, Frau Dr. Petzold am Apparat. Spreche ich mit Ina Herbst?« Sie drehte dem Kollegen eine Nase und wandte sich ab.
Zum Glück zerriss ein schrilles Piepen in diesem Augenblick die Luft. Selten war Matthias dankbarer dafür, zu einem Notfall gerufen zu werden.
*
»Ich bin wirklich froh und dankbar dafür, dass Sie die Stellvertretung unseres Kollegen Lammers übernommen haben.« Daniel Nordens Hand ruhte auf dem Rücken der Kollegin May. An der Tür blieben sie stehen, sie drehte sich zu ihm um.
»Leider ist Volker, ich meine Dr. Lammers, anderer Meinung als Sie.« Noch immer verfluchte sie den Tag, an dem sich damals auf eine kurzen Affäre mit dem Kinderchirurgen eingelassen hatte. Heute wusste sie es besser. Aber es nützte nichts. Die Zeit ließ sich nicht zurückdrehen. »Mindestens ein Mal am Tag taucht er auf, um mir ins Handwerk zu pfuschen. Ich kann fast die Uhr danach stellen.«
»Das nächste Mal schicken Sie ihn direkt zu mir.« Dr. Norden hätte sich denken können, dass ein Mittelfußbruch den Kollegen nicht davon abhalten konnte, sein Unwesen in der Klinik zu treiben.
Carola May lachte.
»Sie sind ja noch optimistischer, als ich dachte. Hoffentlich können Sie gut mit Enttäuschungen umgehen.«
»Das wird nicht nötig sein.« Daniel zwinkerte ihr zu. »Bitte zögern Sie nicht, sich an meine Frau oder mich zu wenden, falls Sie Hilfe brauchen.«
»Danke.«
Er sah Dr. May kurz nach, ehe seine Assistentin Andrea Sander ihn in Beschlag nahm.
Carola dagegen machte sich auf den Rückweg in ihre Abteilung. Dschungeltrommeln ließen sie aufhorchen. Sie suchte und fand ihr Mobiltelefon in der Kitteltasche.
»May hier.« Ohne ihren Marsch zu unterbrechen, lauschte sie in den Hörer. Die Stimme in ihrem Ohr verschwamm.
Plötzlich schwankte der Boden unter ihren Füßen. »Ich bin sofort da!«, hörte sie sich sagen und überlegte noch, wie sie das anstellen sollte mit Gummi in den Beinen, als sie auch schon loslief. Ihre Augen schalteten auf Tunnelblick. Der Flur, der ihr so oft endlos lang erschien, flog an ihr vorbei. Schwestern und Ärzte, Patienten, die am Handlauf Gehübungen machten oder mit ihren Besuchern den Gang entlang schlenderten, all das nahm sie nur am Rande wahr.
Völlig außer Atem erreichte sie die Notaufnahme.
»Du solltest den Leistungssport den Leuten überlassen, die darin geübt sind«, kam eine Stimme von irgendwoher.
Um ein Haar wäre Carola über die Krücken gestolpert, die ein Stück auf den Flur hinausragten.
»Volker!« Sie presste die Hände auf das Herz. »Bist du völlig verrückt geworden?«
»Aber, aber, wer wird denn gleich ausfallend werden.« Er griff nach den Gehhilfen und stemmte sich vom Stuhl hoch, wo er gesessen und gewartet hatte. »Ein bisschen Adrenalin in den Adern hat noch niemandem geschadet.«
»Ich habe jetzt keine Zeit für deine zweifelhaften Scherze. Meine Nichte wird gerade eingeliefert.«
»Das ist noch lange kein Grund, so unfreundlich zu sein.« Volker wollte zu ihr hinüber humpeln.
Doch Carola dachte nicht daran, auf ihn zu warten, und stürzte weiter in die Notaufnahme. Sie kam gerade rechtzeitig zur Übergabe mit dem Rettungsarzt Erwin Huber.
»Die Patientin ist sechs Jahre alt und leidet an starken Bauchschmerzen mit hohem Fieber. Eine Appendizitis können wir so gut wie sicher ausschließen.«
»Leonie hat keinen Blinddarm mehr.« Carola May gesellte sich zu den Kollegen. »Schon seit zwei Jahren nicht.« Ihre Stimme zitterte.
Erwin Huber zog eine Augenbraue hoch.
»Sie kennen die Kleine?«
»Sie ist meine Nichte.«
»Gut.« Er reichte ihr die Unterlagen. »Die Mutter – Ihre Schwester?«
»Meine Schwägerin Romana.«
»Also gut, Ihre Schwägerin kommt in die Klinik nach. Sie muss zuerst noch Leonies Bruder unterbringen.«
Carola öffnete den Mund, um all ihr Leid in die Welt zu schreien. Dass sie bei Leonies Geburt dabei gewesen war.
Dass sie sie in den Kindergarten gebracht und zum ersten Schultag begleitet hatte. Dass dieses Kind ihr wie die Tochter war, die sie niemals haben würde. Doch kein Ton kam über ihre Lippen. Stattdessen beugte sie sich über Leonie und streichelte über die schweißnasse Stirn.
»Hey, mein Hase, was machst du denn für Sachen?«, fragte sie zärtlich.
Als ob er plötzlich fröstelte, rieb sich Erwin über den Oberarm. Carola bemerkte es nicht. Sie hatte nur Augen für ihre Nichte.
Leonies Lider flatterten.
»Mein Bauch tut so weh. Mir ist so heiß.«
»Bleib ganz ruhig liegen. Ich helfe dir. Versprochen.« Carola nickte Erwin Huber zu zum Zeichen, dass sie ihn nicht mehr brauchte.
