Raw Need - Gegen den Verstand - Cherrie Lynn - E-Book
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Raw Need - Gegen den Verstand E-Book

Cherrie Lynn

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Beschreibung

Ein Rockstar, der immer bekommt, was er will - eine Liebe, die er nicht haben kann

Zane Larson führt ein Leben auf der Überholspur: als Frontman der größten Rockband der USA hat er die Welt bereist, zerbrochenen Herzen mit seiner Musik geheilt und so viele Frauen in seinem Bett gehabt, dass er sie nicht mehr zählen kann. Dieses Leben - und die Musik, die ihn dieser Welt auch ab und an entfliehen lässt - ist alles, was er sich erträumt. Doch als er die hübsche Rowan kennenlernt, ist er sich da nicht mehr so sicher. Das erste Mal in seinem Leben, will er etwas anderes. Er will Rowan. Auch wenn sie die einzige Frau ist, die er niemals haben kann: Denn Zanes Bruder ist schuld am Tod von Rowans Ehemann ...

"Wunderschön! Zane hat mir das Herz gestohlen. Ich bin verrückt nach den Larson-Brüdern!" Wrapped Up in ReadinG

Band 2 der Larson-Brothers-Reihe von New-York-Times- und USA-Today-Bestseller-Autorin Cherrie Lynn

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Seitenzahl: 441

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

TitelZu diesem BuchWidmung12345678910111213141516171819202122EpilogDie AutorinDie Romane von Cherrie Lynn bei LYXImpressum

CHERRIE LYNN

Raw Need

Gegen den Verstand

Roman

Ins Deutsche übertragen von Anja Mehrmann

Zu diesem Buch

Zane Larson führt ein Leben auf der Überholspur: als Frontman der größten Rockband der USA hat er die Welt bereist, zerbrochenen Herzen mit seiner Musik geheilt und so viele Frauen in seinem Bett gehabt, dass er sie nicht mehr zählen kann. Dieses Leben – und die Musik, die ihn dieser Welt auch ab und an entfliehen lässt – ist alles, was er will. Doch als er die hübsche Rowan kennenlernt, ist er sich da nicht mehr so sicher. Das erste Mal in seinem Leben, will er etwas anderes. Er will Rowan. Auch wenn sie die einzige Frau ist, die er niemals haben kann: Denn Zanes Bruder ist schuld am Tod von Rowans Ehemann …

Für Jonathan Davis, eine andere Art von Held.

1

Was zum Teufel sollte man anziehen, wenn man mit einem Rockstar ausging?

Als Rowan Dugas in die Tiefen ihres begehbaren Kleiderschranks starrte, fiel ihr auf, wie selten sie sich diese Frage stellte. Wäre sie ein Hollywood-Starlet, ein Model oder gar ein Pornostar, hätte sie vermutlich einen ganzen Schrank voll mit verführerischen Kleidchen, die zum jeweiligen Anlass passten. Dann wäre die Outfitfrage schnell gelöst. Aber Rowan war nichts dergleichen, sie war einfach nur ein Mädchen aus New Orleans. Eine Witwe. Und eine werdende Mutter in dem peinlichen Stadium, in dem man nicht genau sagen konnte, ob jemand schwanger war oder nur gerade eine riesige Pizza verschlungen hatte.

Abgesehen davon handelte es sich hier ja auch nicht um ein Date. Ehrlich gesagt wusste sie selbst nicht recht, wie sie es nennen sollte, sie wusste nur, dass Zane Larson angeboten hatte, mit ihr auszugehen, und dass sie in einer Art Schockzustand zugesagt hatte.

Zane war ihr Lieblingssänger. Absolut. Seine Musik, die Musik seiner Band August on Fire, hatte ihr über die schlimmsten Zeiten ihres Lebens hinweggeholfen, und durch eine unglaubliche Fügung des Schicksals waren sie Freunde geworden.

Allerdings hatte diese schicksalhafte Fügung mit dem Tod ihres Ehemannes begonnen.

Rowan wollte nicht hinsehen, konnte es aber nicht verhindern. Jedes Mal, wenn sie dieses Zimmer betrat, wurde sie mit Tommys Seite des Schranks konfrontiert, die exakt so aussah, wie er sie vor vier Monaten zurückgelassen hatte, nachdem er seine Sachen gepackt hatte, zu einem Kampf gefahren und niemals zurückgekehrt war. Der Anblick seiner achtlos auf einen Haufen geworfenen Schuhe wirkte immer noch wie ein Schlag in die Magengrube auf sie. Eines seiner Hemden hing nur halb auf dem Kleiderbügel. Tommy hatte das Hemd daneben einfach herausgezogen und sich nicht weiter um die Unordnung gekümmert. Der Drang, es richtig aufzuhängen, war so groß, dass Rowan die Zähne zusammenbiss, und dennoch brachte sie es nicht über sich.

Savannah hatte angeboten, vorbeizukommen und ihr zu helfen, sein Leben wegzuräumen, wenn Rowan bereit dazu war, aber sie wollte das ihrer Schwägerin nicht zumuten. Immerhin hatte Savannah mit Tommy ihren Bruder verloren.

Bald, sagte Rowan zu sich selbst. Bald ist es so weit. Allerdings wusste sie nicht, was mit den Sachen passieren sollte, denn sie könnte niemals irgendetwas davon wegwerfen. Aber alles auf dem Speicher einzulagern, damit es Staub und Spinnweben ansetzte, fühlte sich auch nicht richtig an. Vielleicht würde sie irgendwann gegen den Anblick immun werden, aber sie hätte keine größere Summe darauf verwettet, dass das in absehbarer Zeit der Fall sein würde.

Rowan riss sich von dem Anblick los und konzentrierte sich auf ihre Schrankseite, die entschieden aufgeräumter war. Sie hatte die Kleidung nach Jahreszeiten geordnet, und die Schuhe standen in Reih und Glied in den Regalen, die Tommy für sie gebaut hatte. Eigentlich besaß sie genug anzuziehen – nur waren ihr zurzeit dank des kleinen Überraschungsgastes, der sich in ihrem Bauch bemerkbar gemacht hatte, ihre schicken Klamotten ein bis zwei Größen zu klein.

Also gut, einfach herumzustehen und in den Schrank zu glotzen, hatte wenig Sinn. Ihr blieben noch mehrere Stunden, bis Zane kam, aber die würde sie auch brauchen. In den vergangenen Tagen hatte sie über die Kleiderfrage nicht weiter nachgedacht, denn offen gesagt hatte sie die ganze Zeit damit gerechnet, dass er anrufen und absagen würde. Und das konnte ja auch immer noch passieren. Wer wusste schon, was sonst noch auf seinem Terminplan stand?

Aus dem Schlafzimmer meldete sich ihr Telefon mit dem Klingelton, den sie Savannah zugewiesen hatte. Ein paar Momente der Ablenkung von dem vor ihr liegenden Dilemma.

»Ich weiß nicht, was ich anziehen soll«, sagte Rowan anstelle einer Begrüßung. »Hilfe.«

»Aha, du weißt nicht, was du anziehen sollst«, erwiderte Savannah. Es war keine Frage, eher eine ungläubige Feststellung.

»Ich habe mir noch nichts Passendes für meine neue Figur gekauft. In letzter Zeit habe ich nur Yogahosen getragen, aber aus denen wachse ich auch schon heraus.«

»Darum kümmern wir uns demnächst,« versprach Savannah. Ihre gemeinsamen Shoppingzeiten hatten sich drastisch reduziert, seit Savannah mit Mike Larson, dem MMA-Weltmeister im Schwergewicht, zusammen war. Er war Zanes Halbbruder und Tommys Gegner bei dem Kampf gewesen, bei dem er auf tragische Weise ums Leben kam. Es war nicht Mikes Fehler gewesen. Rowan hatte sich langsam – sehr langsam – damit abgefunden, obwohl es an manchen Tagen immer noch sehr schwer für sie war. Aber Savannah war so glücklich. Jemand, der ihr ein solches Lächeln ins Gesicht zauberte, konnte kein schlechter Mensch sein. Und natürlich hätte sie ohne Mike auch niemals Zane kennengelernt, und es würde keine Verabredung mit ihm geben. Mike hatte sich sehr bemüht, etwas Nettes für Rowan und Savannah in ihrer Trauer zu tun, deshalb hatte er einen Ausflug nach Houston organisiert, damit sie eines von Zanes Konzerten besuchen konnten, mit Backstagepässen und allem Drum und Dran. Es war ein fantastischer Abend gewesen, den sie niemals vergessen würde.

»Schön. Ich weiß aber immer noch nicht, was ich heute Abend anziehen soll.«

»Etwas Lockeres, Leichtes und Kurzes. Es ist warm.«

»Ja.« Rowan schwitzte jetzt schon. Sie zupfte am Kragen ihres Bademantels herum und betrachtete sich in dem großen Spiegel am anderen Ende des Raumes. Sie war sich nicht sicher, ob ihr gefiel, was sie da sah. Ihre grünen Augen blickten traurig, und jeden Tag schien sie eine neue Falte in ihrem einstmals glatten Gesicht zu finden. Die Trauer war ihr deutlich anzusehen an den hängenden Mundwinkeln und den dunklen Schatten unter ihren Augen. Jedermann versicherte ihr, dass ihr die Schwangerschaft guttat und dass sie wunderschön und gesund aussah, aber sie fühlte sich nicht so. »Glaubst du, dass es in Ordnung ist, wenn ich das mache?«

»Du hast es verdient, mal auszugehen, Ro. Amüsier dich. Das ist völlig in Ordnung.«

»Wetten, deine Mutter würde das anders sehen?«

»Dann sag’s ihr einfach nicht.«

»Ja, aber das ist irgendwie … so unehrlich.«

»Ist es nicht. Wo steht geschrieben, dass sie alles wissen muss, was du tust?«

Nirgendwo natürlich. Aber Regina Dugas hatte sich ihr gegenüber wunderbar verhalten. Ohne Tommys Familie hätte Rowan die größte Tragödie ihres Lebens nicht überstanden. Es wäre für sie unerträglich, wenn sie ihr Missfallen erregen würde, aber wie Savannah bereits gesagt hatte: Was war so schlimm an einem netten Abend? Sie würde sich weder betrinken noch Drogen nehmen noch Sex haben. Allein der Gedanke daran kam ihr lächerlich vor – Zane ging vermutlich aus purem Mitleid mit ihr aus. Wahrscheinlich hatten Mike oder Savannah ihn dazu angestiftet. Komm schon, Mann, opfere dich und muntere die traurige schwangere Witwe ein bisschen auf!

Vielleicht sollte sie das Ganze einfach absagen.

»Wenn dir wirklich nicht danach ist, dann lass es«, sagte Savannah, und Rowan fragte sich nicht zum ersten Mal, ob Savvy Gedanken lesen konnte. »Aber wenn es nur darum geht, was Mom oder Tommy von dir denken würden, dann geh hin. Mom ist manchmal ein Kontrollfreak, und das hätte Tommy dir bestimmt nicht gewünscht.«

Savannah wusste wahrscheinlich nicht, wie eifersüchtig ihr älterer Bruder gewesen war. Nicht auf bedrohliche Weise – jedenfalls nicht für Rowan –, aber er hatte es nie leiden können, wenn ihr ein anderer Mann Aufmerksamkeit schenkte.

»Oder willst du kneifen?«, neckte Savannah sie.

»Willst du mich etwa herausfordern?«, fragte Rowan grinsend.

»Wenn du es so sehen willst, bitte. Dann fordere ich dich eben heraus, heute Abend auszugehen. Ich fordere dich heraus, dich zu amüsieren.«

Auf einmal, wie aus dem Nichts, musste sie an das Kleid denken, das sie in Houston nach dem Konzert von August on Fire gekauft hatte. Ein Etuikleid mit hoher Taille, das um den Bauch herum weit genug war, um ihr noch zu passen. An jenem Tag hatte sie sich eigentlich recht gut gefühlt, doch dann hatte sie plötzlich den schlimmsten Zusammenbruch seit Tommys Tod erlitten. Es hatte Wochen gedauert, aus diesem Loch wieder herauszukommen, und an manchen Tagen rutschte sie immer noch ein Stück weit hinein. »Ich glaube, ich weiß, was ich anziehen werde.«

»Gut.«

»Danke, dass du das alles so locker siehst.«

»Alles, was dich glücklich macht, ist für mich in Ordnung. Und bald gehen wir shoppen, versprochen.«

Nachdem sie aufgelegt hatte, ging Rowan in das noch unfertige Kinderzimmer und fing an aufzuräumen, obwohl es dort überhaupt nicht unordentlich war. Die Einsamkeit lag wie eine schwere Decke über ihrem Kopf, und ihr gefiel der Gedanke, dass die Stille nicht mehr so betäubend sein würde, wenn das Baby erst da war. Sie brauchte diesen Abend wirklich … sie brauchte ihn sehr. Angesichts einer solchen Gelegenheit hätte sie eigentlich überwältigt sein sollen vor Freude. Vielleicht war sie das auch, irgendwo tief in ihrem Herzen, wo Trauer und Gefühllosigkeit jedoch so stark waren, dass sie alles andere unterdrückten. An der Oberfläche schien dieser Abend aber nur eine weitere Aufgabe zu sein, die sie hinter sich bringen musste und bei der die Gefahr groß war, dass sie in einer Katastrophe endete. Sie würde Zane Larson zu Tode langweilen. Es gab nichts, worüber sie mit ihm reden konnte.

Zugegeben, bei ihrer ersten Begegnung war dies nicht der Fall gewesen. Zane war erstaunlich charismatisch gewesen, gleichzeitig aber absolut zugänglich. Anfangs fühlte sie sich ein wenig überwältigt, aber dann sprudelten die Worte nur so aus ihr heraus, und sie hatte das Gefühl, dass er ihr nicht nur wirklich zugehört hatte, sondern dass er ihre Unterhaltung auch genossen hatte. Seitdem hatten sie ein paarmal telefoniert, aber nun hatte er zum ersten Mal vorgeschlagen, sich noch einmal zu treffen. Nur wegen ihr kam er nach New Orleans.

Er war ihr absoluter Lieblingssänger. Rowan hatte eigentlich nie für irgendwelche Berühmtheiten geschwärmt … außer für ihn. Sie hatte erwartet – wegen ihres schlechten Timings sogar beinahe gehofft –, dass er sich als egoistisches Arschloch entpuppen würde, aber bisher hatte sich in ihren Gesprächen nichts dergleichen abgezeichnet. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, wenn er sich als zu perfekt herausstellte und weiterhin dieses bizarre Interesse an ihr zeigte. Wahrscheinlich würde sie weglaufen oder die Faszination einfach unter Schwärmerei für einen Star verbuchen.

Groß, schlank und schwarzhaarig, mit der Stimme eines Engels oder eines Dämons, je nachdem, was der Text von ihm verlangte. Musikalisch zog Zane sie schon seit Jahren in seinen Bann. Sie wusste nicht, ob die Vorstellung, den Mann hinter dieser göttlichen Stimme zu treffen, sie mit Furcht oder Freude erfüllte … aber sie war überzeugt, dass sie das innerhalb der ersten fünf Minuten herausfände und dann auch wüsste, welchen Verlauf der weitere Abend nehmen würde.

Die ersten fünf Minuten. Sie würden entscheidend sein.

Zane Larson lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, faltete die Hände vor dem Bauch und sah zu, wie die Frau in der Gesangskabine sich die Seele aus dem Leib sang.

Ava Marks war zurzeit eine seiner Lieblingssängerinnen und außerdem die Frontfrau von Decider, und er konnte kaum glauben, dass sie gerade bei ihm zu Hause im Studio war und eine Gesangsspur für einen neuen Song von August on Fire aufnahm. Sie hätte das überall machen können, aber sie hatte unbedingt nach Houston kommen und eng mit der Band zusammenarbeiten wollen, damit alles perfekt wurde. Obwohl er schon so lange im Geschäft war, war selbst er manchmal noch fasziniert und beeindruckt.

Er schüttelte den Kopf und blickte hinüber zu Deke, dem Leadgitarristen, der links von ihm saß, mit seiner glänzenden schwarzen Gibson auf dem Schoß. »Das wird der absolute Wahnsinn.«

Deke fuhr sich mit der Hand über seinen bunt gefärbten Irokesenschnitt. »Ja, das ist eine ganz andere Liga.«

Neben Deke saß Maddox Hamilton am Mischpult, ihr Produzent; das Kinn hatte er in die Hand gestützt, den Ellbogen auf die Sessellehne. Zane fand, dass Deke und Mad beide schon völlig verknallt aussahen. Verdammt, er selbst war es wahrscheinlich auch. Avas Stimme klang wie von einem anderen Stern. Zane hatte seinen Teil schon aufgenommen, und ihre Stimmen ergänzten sich auf spektakuläre Weise – die perfekte Mischung aus hell und dunkel.

Schließlich war der Song zu Ende, aber die Magie der Musik klang noch nach.

Ava kam grinsend aus der Gesangskabine. Sie wusste genau, dass die letzte Aufnahme genau auf den Punkt gewesen war. Ihre Bühnenpräsenz war wild, sexy und unbändig, aber die Frau, die jetzt vor ihnen stand, wirkte cool und entspannt. Die zerrissenen Jeans gewährten einen Blick auf ihren gebräunten, tätowierten Schenkel. Ein Knoten aus weißblondem Haar krönte ein hübsches Gesicht, das nicht mal das leichte Make-up gebraucht hätte, das sie an diesem Tag trug.

Deke umarmte sie, und sie lachte. Nachdem Deke sie losgelassen hatte, schüttelte Zane ihr die Hand. »Ava, vielen Dank für alles. Es war mir eine Ehre, dir bei der Arbeit zuzusehen. Ehrlich.«

Sie lächelte ihn an. Ihre blassgrauen Augen bildeten einen merkwürdigen Kontrast zu den kräftigen Farben ihrer Kleidung und ihrer Haut. »Ich denke, das sollten wir feiern. Ihr Jungs könntet mich ausführen und mir das Nachtleben von Houston zeigen.«

Verdammt. »Leider ohne mich«, sagte Zane. »In ein paar Stunden muss ich ins Flugzeug steigen.« Er checkte sein Handy und zog eine Grimasse. »Um genau zu sein, in etwas über einer Stunde. Ich glaube, ich verschwinde jetzt mal.«

»Wohin soll’s denn gehen?«, fragte Ava, und für einen Augenblick ging ihm der irrwitzige Gedanke durch den Kopf, sie würde mit ihm flirten. Ava Marks. Flirtet mit Zane Larson. Für die Öffentlichkeit mochte er in der gleichen Liga spielen wie sie, aber in ihrer Gegenwart fühlte er sich immer noch wie der Trottel, der auf dem Schulhof herumgeschubst wurde, wenn sein Bruder Mike nicht in der Nähe war.

»New Orleans«, sagte er. »Ich habe ein Date.«

»Wow. Und du fliegst extra für sie nach New Orleans? Die Glückliche.«

Er zuckte mit den Achseln und dachte, dass er den letzten Teil nicht hätte erwähnen sollen. Ein falsches Wort zur falschen Person, und Rowans Leben würde kopfstehen. Das war das Letzte, was sie gebrauchen konnte. In den letzten Monaten hatte sie weiß Gott genug Aufregung gehabt. »Wir sind nur Freunde.«

Natürlich glaubte ihm das niemand.

Er bat die anderen, sich an seine Haushälterin zu wenden, falls sie etwas brauchten, und verließ das Studio. In seinem Haus ging es ohnehin zu wie in der Grand Central Station. Es kam nur selten vor, dass niemand in seinem Studio abhing, ihm den Alkohol wegsoff oder es sich in einem der vielen Schlafzimmer gemütlich machte. Mike regte sich tierisch darüber auf, aber Mike regte sich sowieso ständig über alles und jeden auf. Zane war daran gewöhnt.

Nachdem er es sich in seinem Sitz in der ersten Klasse bequem gemacht hatte, zog er sich seine Basecap über die Augen und tat so, als schliefe er. Ein hervorragender Trick, um Gespräche zu vermeiden und möglichst nicht erkannt zu werden. Abgesehen davon schirmte Jase ihn hervorragend gegen die restlichen Passagiere ab. Jase war sein Bodyguard und einer seiner engsten Vertrauten – Zane scherzte oft, dass er ihn würde umbringen müssen, um seine Geheimnisse zu schützen, sollte Jase jemals kündigen wollen.

Es kam nicht oft vor, dass Zane in der Öffentlichkeit geschützt werden musste, aber es hatte ein paar unangenehme Vorfälle gegeben, bei denen er für die Unterstützung dankbar gewesen war. Vor ein paar Monaten hatte er im Klub seines Bruders Damien für Aufruhr gesorgt, aber die Stammgäste waren nun mal ein verrückter Haufen. Jase hatte darauf bestanden, mit nach New Orleans zu reisen, aber Zane würde versuchen, den riesigen Kerl im Hotel zurückzulassen, wenn er sich zu Rowan aufmachte. Der Gedanke, dass die kleine süße Rowan eine Bedrohung darstellen könnte, war einfach lächerlich.

»Kenne ich das Mädchen?«, fragte Jase, als das Flugzeug über New Orleans zur Landung ansetzte.

Zane stellte seinen Sitz gerade und schob die Cap aus der Stirn. »Ich glaube nicht. Aber vielleicht hast du sie schon mal gesehen. Mein Bruder hat sie zu unserer letzten Show in Houston mitgebracht, erinnerst du dich?«

»Ach ja, die Witwe.«

Genau. Die schwangere Witwe. Mike hatte sich so schuldig gefühlt, so verantwortlich für den Tod von Rowans Ehemann im Käfig, dass er ein privates Treffen zwischen ihnen arrangiert hatte, als er erfuhr, dass sie ein großer Fan von Zane war. Zane hatte mit Vergnügen zugestimmt. Jedes Mal, wenn Rowan in seiner Nähe gewesen war – zuerst bei der Beerdigung ihres Mannes und dann bei der Show vor ein paar Monaten –, hatte sie ihn verzaubert.

Trotzdem, sie war ein Fan, und das versetzte ihn immer in Alarmbereitschaft. Er liebte und schätzte jeden einzelnen Fan, musste aber dennoch auf der Hut vor ihnen sein. Meistens besaßen sie gute Absichten, manchmal aber auch nicht. Manchmal waren die Leute von der Musik fasziniert und stellten ihn auf irgendein verdammtes Podest und stellten Ansprüche, denen er niemals genügen konnte. Und manchmal musste er sich einfach nur vor ihnen verstecken. In der Nähe von Fans zu sein, das war, als stolpere man mit verbundenen Augen durch einen Raum voller Fremder. Man wusste, einer von ihnen hatte ein Messer dabei, aber wer es war, das wusste man nicht.

Rowan schien okay zu sein. Sie trauerte, und offenbar fiel es ihr leichter, mit jemandem darüber zu sprechen, der praktisch ein Fremder für sie war, als mit den Menschen aus ihrem Umfeld. Mit jemandem, der sie weder verachten noch verurteilen würde. Das hatte sie ihm einmal gesagt. Und sie wusste, dass er ihren Schmerz verstand … wegen seiner Texte natürlich. Sie hatten Stunden am Telefon verbracht, über alles und nichts geredet, und inzwischen war er ein bisschen süchtig nach ihrer süßen, traurigen Stimme.

Ihre erste Begegnung, ausgerechnet bei der Beerdigung ihres Mannes, hatte natürlich unter keinem guten Stern gestanden. Zane hatte versucht, Mike die Teilnahme an der Beerdigung auszureden – Mike fühlte sich verantwortlich dafür, dass es diese Beerdigung überhaupt gab –, aber da sein großer Bruder darauf bestanden hatte, ließ Zane ihn nicht allein hingehen. Rowan hatte auf Mikes Anwesenheit reagiert wie erwartet, und Zane musste sich mit aller Macht davon abhalten, ihr hinterherzurennen, nachdem sie davongestürmt war. Am liebsten hätte er sich im Namen seines idiotischen Bruders entschuldigt und sie getröstet. Die abgrundtiefe Verzweiflung in ihrem schönen Gesicht hatte ihn umgehauen. Diese Frau sollte eigentlich lachend in der Sonne liegen und die Welt erobern. Verdammt, sie sollte knutschend unterm Eiffelturm stehen, an der französischen Riviera am Strand liegen oder so. Sie verdiente es, angebetet zu werden und ihr Leben zu leben, anstatt ihren jungen Ehemann zu Grabe tragen zu müssen.

Sie war zierlich und blond und hatte große, unschuldige grüne Augen … Normalerweise bevorzugte Zane größere Frauen mit brünettem Haar, die … äh … möglichst nicht schwanger waren. Er hatte absolut nichts gegen Kinder oder dagegen, irgendwann selbst welche zu haben. Aber dass sie schwanger war, stand im Moment wie eine Mauer zwischen ihnen. Dennoch freute er sich auf das Wiedersehen. Darauf, sie zum Lächeln zu bringen und ihr vielleicht sogar ein Lachen zu entlocken. Rein freundschaftlich.

Aber der Himmel wusste, dass sie recht hatte: Auch Zane hatte einen schrecklichen Verlust erlitten und wusste genau, was sie durchmachte. So was hatte kein Mensch verdient. Keiner. Und wenn er es ihr ein bisschen leichter machen konnte, und sei es nur einen Abend lang, dann würde er das tun.

Er blickte aus dem Fenster, beobachtete den Landeanflug des Flugzeugs und dachte, dass sie jetzt irgendwo da draußen auf ihn wartete. Ob sie nervös war? Verdammt, er war nervös, warum auch immer. Er, der regelmäßig vor Zehntausenden stand und sang, der Angebote von einigen der schönsten Frauen der Welt bekam (vielleicht sogar irgendwann von Ava Marks), er hatte feuchte Hände bei dem Gedanken an die hübsche, einsame Frau, die er heute Abend treffen würde. Geistesabwesend rieb er mit den Handflächen über seine Jeans.

»Und du bist wirklich sicher, dass du das hier willst?«, fragte Jase. Zane musterte den kahlköpfigen, bärtigen, Furcht einflößenden Teufelskerl und zuckte mit den Schultern.

»Bin ich, warum auch immer.«

»Sieht aber so aus, als könntest du dir damit ein paar Probleme einhandeln.«

»Es ist nur ein Abend. Wir werden uns amüsieren, und danach sehe ich sie wahrscheinlich nie wieder. Ich weiß nicht. Sie kann momentan keine Komplikationen gebrauchen, also werde ich sie ihr ersparen.«

»Okay, ich bleibe im Hintergrund und lasse euch ein bisschen Privatsphäre.«

»Du kommst überhaupt nicht mit.«

»Das wollen wir doch mal sehen.«

»Jase, es wird schon gutgehen.«

»Mir gefällt das aber nicht.«

»Das muss es auch nicht.« Manchmal stritten sie sich wie ein altes Ehepaar, und sie stritten sich auch noch, als sie schon gelandet waren und sich direkt zum Ausgang begaben, wo ein schwarzer SUV darauf wartete, sie ins Hotel zu bringen. Zane hatte nur eine Stunde, um sich zu duschen und fertig zu machen. Als er den Dampf vom Badezimmerspiegel wischte, dachte er, dass er sich für Rowan etwas ganz Spezielles hätte einfallen lassen sollen. Vielleicht ein kurzer Trip irgendwohin, wo sie noch nie gewesen war. Ein Dinner an einem abgelegenen Strand oder so was, nur sie beide. Aber wie ein Volltrottel hatte er überhaupt nichts geplant … Außerdem konnte sie das auf falsche Gedanken bringen. Er mochte sie, er mochte sie mehr, als ihm lieb war, aber solche Signale zu senden, das konnte er sich nicht leisten. Diese Sache hier würde zu nichts führen.

Als er sein langes schwarzes Haar zu einem Knoten zusammenband, klopfte Jase an die Tür. »Ich hab den Wagen«, brummte er. »Und die Sache gefällt mir immer noch nicht.«

»Je auffälliger ich auftrete, Jase, desto wahrscheinlicher ist es, dass ich dich brauche, und das wollen wir doch beide nicht. Also bleibe ich schön unauffällig. Entspann dich.«

Sogar durch die geschlossene Tür hörte er Jase beim Weggehen seufzen.

Sein Bodyguard war genauso schlimm wie sein Bruder. Eigentlich fehlte jetzt nur noch Mike, der ihn ermahnte, sich Rowan gegenüber vorbildlich zu benehmen. Mike befürchtete, dass Zane irgendwie ihre Gefühle verletzen könnte, und das wäre ein weiterer Kratzer auf Mikes angeschlagenem Gewissen. Er musste sich keine Sorgen machen. Zanes Gewissen war ebenfalls angeschlagen genug.

2

Als es an der Tür klingelte, wusste sie nicht, was sie erwartete. Zu dem ersten Treffen mit Zane in Houston hatte Savannah sie begleitet, und er hatte sie in einer Limousine vom Flughafen abholen lassen. Würde er das heute Abend auch tun? Sie war sich nicht sicher, was sie davon halten sollte. Wie eine VIP behandelt zu werden, hatte ihr damals viel Spaß gemacht, aber sie wusste nicht, ob sie heute dafür in der richtigen Stimmung war.

Als sie durch den Türspion blickte, musste sie lächeln. Auf der anderen Seite der Tür stand Zane höchstpersönlich, kein Fahrer oder sonst jemand aus seiner Gefolgschaft.

Zane Larson. Klingelt. An ihrer Haustür.

Ach, du Scheiße.

Die Schmetterlinge in ihrem Bauch verwandelten sich in einen Schwarm Kolibris. Sie atmet tief aus, schloss die Augen zu einem kurzen Kraft spendenden Gebet und öffnete die Tür.

Als sie vor zwei Monaten die Garderobe betreten hatte, in der Zane für die Show seine Stimme aufwärmte, wäre sie bei seinem Anblick beinahe in Ohnmacht gefallen. Für einen kurzen, schrecklichen Moment schien sich auch diesmal alles um sie herum zu drehen, und sie glaubte, es würde gleich wieder passieren. Zane war nicht das, was man üblicherweise unter einem gut aussehenden Mann verstand, aber er war faszinierend, und seine Ausstrahlung ließ sich nicht leugnen, egal, ob er vor Tausenden von kreischenden Fans auf der Bühne oder … auf ihrer Türschwelle stand und sie anlächelte. Die Luft um ihn herum knisterte vor Spannung.

Sie fand ihn wunderschön.

»Rowan«, sagte er, und seine melodische Stimme ließ ihre Nervenenden vibrieren. Sie konnte sich nicht erinnern, dass er schon einmal ihren Namen ausgesprochen hatte. »Du siehst großartig aus.«

»Danke schön«, brachte sie leise heraus, während sie sich fragte, was sie im Gegenzug sagen sollte. Bevor sie sich für eine Antwort entscheiden konnte, die ihn nicht dazu bringen würde, alles abzusagen, streckte er die linke Hand aus und hielt ihr eine einzelne perfekte rote Rose hin, deren intensiven Duft sie aus fast einem Meter Entfernung noch wahrnahm.

Mühsam gelang es Rowan, wieder zu atmen, und sie nahm die Blume entgegen. »Das ist aber lieb von dir! Warte einen Augenblick, ich stelle sie in eine Vase.«

»Ja, klar.«

Sie fühlte sich wie ein Schulmädchen bei ihrem ersten Date, als sie sich umdrehte und zurück ins Haus ging. »Komm doch rein, wenn du magst«, rief sie über die Schulter und fragte sich dann, ob sie besser einmal Staub gewischt hätte. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er ihr Haus betreten würde. Aber da war er. Grundgütiger. Er war in ihrem Haus.

Ihr Zuhause war hübsch und ordentlich, aber wahrscheinlich nicht das, was er sonst gewöhnt war. Andererseits … Savannah zufolge waren die Larson-Brüder auch nicht gerade im Wohlstand aufgewachsen. Sie wusste nur wenig über seine Familiengeschichte, und wenn sie es richtig verstanden hatte, dann gab es einen Grund dafür, dass er und seine Brüder sich so bedeckt hielten.

Mit zitternden Händen füllte sie Wasser in eine Vase und steckte die langstielige Rose hinein. Plötzlich, während sie auf die samtigen roten Blütenblätter starrte, überkam sie ein unerklärliches Gefühl. Eine beunruhigende Hitze stieg ihr in den Kopf und brannte hinter ihren Augen. Oh Gott, nein. Sie konnte doch jetzt keinen ihrer unvorhersehbaren Zusammenbrüche erleiden. Nicht jetzt. Nein, auf keinen Fall jetzt.

Tommy hatte von Blumen nie viel gehalten. Gelegentlich hatte sie welche zu ihrem Jahrestag bekommen, manchmal auch zum Geburtstag. Er führte sie lieber aus oder machte ihr ein bleibendes Geschenk. Trotzdem hatte sie sich manchmal nach dieser Geste gesehnt. Blumen, einfach so. Aber sie hatte es ihm nie gesagt, es kam ihr einfach zu zickig vor, sich darüber zu beschweren. Vielen Dank für das Diamantarmband, aber hey, warum schenkst du mir eigentlich nie Blumen?

Nach seiner Beerdigung hingegen war sie mit Blumen überschüttet worden. Es waren so viele gewesen, dass sie nicht mal alle hatte versorgen können. Sie langsam verwelken zu sehen, hatte wehgetan, und dennoch war sie unfähig gewesen, etwas dagegen zu tun.

Rowan nahm sich und all ihren Mut zusammen, ließ die Vase mit der Rose auf der Arbeitsplatte stehen und ging zu Zane ins Wohnzimmer. Er stand vor dem Familienporträt, das an der Wand hing, und betrachtete den gesamten Dugas-Clan: Tommy, seine Eltern, Rowan und Savannah.

Er drehte sich nicht sofort zu ihr um, deshalb hatte sie einen Augenblick Zeit, ihn genauer zu betrachten. Er war groß, mindesten 1,87 m, vielleicht sogar 1,90 m. Er hatte nicht das physische Erscheinungsbild seines Bruders, des MMA-Kämpfers, aber dennoch strahlten seine Haltung und seine breiten Schultern Stärke aus. Seine Kraft und Eleganz waren in der Art sichtbar, wie er sich auf der Bühne bewegte, und auch jetzt, als er nur regungslos dastand, war beides zu spüren. Seine Augenbrauen ähnelten zwei geraden, tief angesetzten Pinselstrichen. Eine von ihnen war mit einem einzelnen Ring gepierct. Sein Mund war so sinnlich, dass es immer ein bisschen so aussah, als schmolle er, und er wurde von einem Bart eingerahmt, den er anscheinend wild wachsen ließ. Das lange schwarze Haar hatte er zurückgekämmt, und obwohl es ihr besser gefiel, wenn er es offen trug, kamen seine Gesichtszüge auf diese Art besser zur Geltung.

»Das ist ein hübsches Bild«, sagte er, und sie zuckte zusammen. Er drehte sich zu ihr um, und in seinen dunklen Augen lag Mitgefühl. Das wollte sie nicht, jedenfalls nicht heute Abend.

»Danke«, sagte sie und wünschte sich, ihr fiele noch mehr ein. Aber nach dem Warnzeichen vorhin in der Küche hatte sie Angst, tiefer in diesen Wunden zu wühlen. Er hatte sie schon einmal in denkbar schlechter Verfassung erlebt: Damals, als er mit Mike unerwartet bei Tommys Beerdigung aufgetaucht war. Sie konnte sich nicht erinnern, was sie in ihrer Wut zu seinem Bruder gesagt hatte, sie wusste nur, dass sie tränenüberströmt davongestürmt war. Mittlerweile hatte sie sich bei Mike dafür entschuldigt. Das war ein gutes Gefühl gewesen, so als hätte sie wieder ein wenig Kontrolle über sich und ihre Gefühle erlangt.

»Geht es dir gut?«

Oh Gott, da war sie wieder, diese schreckliche Frage, die sie in den letzten Monaten viel zu oft gehört hatte. Normalerweise hasste sie den Fragesteller dafür, weil sie seinetwegen lügen und behaupten musste, es ginge ihr gut. Denn das war es, was die Leute hören wollten.

Aber aus irgendeinem Grund konnte sie Zane nicht anlügen.

»Nein, eigentlich nicht, aber es wird schon wieder.«

»Bist du sicher, dass du hierfür bereit bist?«

»Ich brauche es sogar«, gab sie zu. »Ich muss endlich mal wieder was Normales machen. Ich meine, normal im Sinne von … ähm … na ja … ich meine … mit dir auszugehen ist natürlich auch nicht normal, aber … Ach, Scheiße, verdammt!« Sie legte sich eine Hand an die Stirn.

Er lachte leise. »Schon verstanden.«

»Ich brauche es aber nicht nur. Ich will es auch.«

»Geht es dir denn gut? Mit dem Baby und so?«

»Manchmal ist mir morgens schlecht. Ich ekle mich vor manchen Gerüchen. Aber abgesehen davon geht es mir gut.«

Erneut warf Zane einen Blick auf das Bild an der Wand. »Das alles muss sehr schwer sein. Es tut mir leid, dass du das durchmachen musst.«

Da war sie wieder, diese quälende Hitze hinter ihren Augen. »Nein, nicht … ich meine, könnten wir …?«

»Entschuldige«, sagte er rasch und hielt ihr seinen Arm hin. »Bist du fertig? Wozu hast du Lust?«

Sie hatte einen Tisch in ihrem Lieblingsrestaurant reserviert. Jetzt aber löste der Gedanke, ihm in aller Öffentlichkeit zwei Stunden lang gegenüberzusitzen, Panik in ihr aus. Was sollten sie tun, wenn jemand ihn erkannte? Zum Teufel, was sollte sie tun, wenn jemand sie erkannte? Tommy war zwar kein A-Promi gewesen, aber seit Mike wieder kämpfte, war Rowans Name als Tommys schwangere Witwe ein- oder zweimal in der Presse aufgetaucht. Und die Paparazzi waren gnadenlos – um das zu wissen, musste man kein Prominenter sein. Wenn einer von ihnen Zane erkannte, der gerade eine landesweite Tournee in ausverkauften Hallen hinter sich hatte, dann würde es nicht lange dauern, bis sie auch ihre Identität herausgefunden hatten.

»Ich kenne da ein nettes Restaurant«, sagte sie. »Aber wäre das okay für dich? Ich will dich in nichts hineinziehen. Du könntest womöglich erkannt werden oder …«

»Ich mache mir weniger Sorgen um mich als um dich. Wir können tun, was immer du willst.«

»Okay.« Sie atmete tief durch. Gott, das hier lief schlechter, als sie gedacht hätte. Ihre Verlegenheit hing fast greifbar zwischen ihnen in der Luft.

»Wenn dir das irgendwie unangenehm ist, Rowan … wir müssen das nicht tun.«

»Nein, ich will ja«, bekräftigte sie erneut und versuchte zu lächeln. »Also, gehen wir.«

Ein glänzender schwarzer SUV parkte in ihrer Auffahrt, und sofort begannen die Kolibris in ihrem Bauch wieder zu flattern. Sie würde mit ihm allein sein. Zane hielt ihr die Tür auf, und sie machte es sich auf dem Ledersitz bequem. Die schwüle Sommerhitze brachte sie schon zum Schwitzen, während er noch zur Fahrerseite ging.

Geschah all dies wirklich? Es kam ihr vor wie ein Traum.

»Du musst mir sagen, wo ich langfahren soll«, sagte er und ließ den Motor an. Sofort erklang ein Song von August on Fire im Radio, und sie mussten beide lachen, als er ihn schnell leiser stellte.

»Ich schwöre bei Gott, das war nicht geplant.«

»Es muss komisch sein, sich ständig selbst im Radio zu hören«, sagte sie und wäre am liebsten im Erdboden versunken, weil es sich so banal anhörte.

»Ich hasse es, falls du die Wahrheit wissen willst. Es fällt mir schwer, meine eigene Stimme zu hören. Ich bin mein schlimmster Kritiker. Immer habe ich das Gefühl, ich hätte es besser machen können.«

Rowan hob eine Augenbraue, dann beugte sie sich vor, um den Song wieder etwas lauter zu stellen. Es war die letzte Single vom neuesten Album der Band, das inzwischen schon ein paar Jahre alt war. Aber der Song »God Complex« war einer von Rowans Lieblingstiteln und wahrscheinlich auch einer der meistgespielten und bekanntesten Songs der Band. Irgendwie beruhigte es in diesem Augenblick ihre angespannten Nerven, den Song zu hören, und die Ironie der Situation entging ihr auch nicht. Der Grund für ihre angespannten Nerven – der Sänger dieses Songs – saß direkt neben ihr. »Weißt du, was ich höre? Ich höre absolute Perfektion.«

Er wirkte ein bisschen verlegen und nervös, und sie fand es hinreißend. »Da werde ich ja glatt rot.«

Das fiel ihr schwer zu glauben. Dieser Mann war vermutlich in seinem ganzen Leben noch kein einziges Mal errötet. »Das wage ich zu bezweifeln.«

»Ich glaube, wir sollten es heute Abend ruhig angehen lassen«, sagte er, offenbar bemüht, das Thema zu wechseln. »Hoffentlich hast du nicht mehr erwartet.«

»Nein, geht schon in Ordnung. So ist es großartig.« Auf diese Art bestand weniger Gefahr, dass sie irgendwo erkannt wurden. Aber all ihren Vorbehalten zum Trotz machte es sie auch ein bisschen traurig. Wie cool wäre es gewesen, dieses Treffen in die Welt hinauszuposaunen? Sie ging mit ihrem Lieblingsrockstar aus! In den Fantasien, denen sie sich als Teenager hingegeben hatte, war nie vorgekommen, dass sie keiner Menschenseele etwas davon erzählen durfte. In diesen Fantasien ging es immer um Blitzlichter, um Menschen, die um einen Platz in ihrer Nähe wetteiferten, um Zeitungsartikel, in denen Mutmaßungen über ihre Beziehung zu XY angestellt wurden, und es ging darum, wie sie stolz von der Bühnenseite aus seinen Auftritten zusah, während Frauen auf der ganzen Welt sie darum beneideten.

Dann starben ihre Eltern, ihr Leben geriet aus den Fugen, und derartige Fantasien wurden belanglos. Die Realität war eine grausame Bestie, die alles verschlang und der man nicht entkommen konnte.

»Okay, Wegweiser, dann weise mir also den Weg«, sagte er, als er aus der Einfahrt fuhr und sie aus ihren Gedanken riss.

»Nach links. Bist du tatsächlich ein Mann, der Anweisungen entgegennehmen kann?«

»Das werden wir gleich herausfinden.«

Zane sang für sie im Radio, und gleichzeitig saß er weniger als einen Meter von ihr entfernt und sprach mit ihr. Geradezu surreal. »Es ist unglaublich«, brach es aus ihr heraus.

»Was denn?«

»Na ja, das hier. Du. Hier. Mit mir. Das ist doch verrückt. Du hättest das nicht tun müssen.«

»Ich tue grundsätzlich nichts, was ich nicht tun will, Rowan.«

»Schon möglich, aber ich weiß es trotzdem zu schätzen. In letzter Zeit bin ich nicht oft aus dem Haus gekommen. Regina – meine Schwiegermutter – versucht mich ab und zu vor die Tür zu locken. Und Savannah natürlich, wenn sie nicht gerade bei Mike ist.« Nervös drehte sie den Ehering, den sie immer noch trug, an ihrem Finger hin und her. »Ich habe hier nicht viele Freunde.«

»Nein? Ich dachte, du stammst aus dieser Gegend?«

»Ja, aber … es ist nur … ich habe nun mal nicht viele Freunde. Hatte ich noch nie, es sei denn, durch Tommy. Aber ich glaube inzwischen, dass sie niemals echte Freunde waren, denn seit er von uns gegangen ist, habe ich nichts mehr von ihnen gehört.«

»Man muss den Kreis klein halten«, sagte er mit ernster Stimme. »Glaub mir, es ist besser so.«

»Das kann ich mir so lange vormachen, bis ich einsam und gelangweilt bin.«

»Ach, du hast doch immer noch mich.« Er grinste kurz, und ihr Herz setzte einen Schlag aus. Nicht weinen, auf keinen Fall weinen … Als sie ihm die nächsten Anweisungen gab, war das Zittern in ihrer Stimme nicht zu überhören. »Das ist mein Ernst, weißt du«, sagte er nach einem Moment des Schweigens. »Du kannst mich immer anrufen, wenn du jemanden zum Reden brauchst. Ich weiß, du hast die Familie deines Mannes, aber manchmal machen sie alles nur noch schlimmer, obwohl sie das gar nicht wollen. So war es jedenfalls bei mir, als … äh … also, für mich war es jedenfalls immer so. Manchmal musste ich einfach abhauen und mich unter Leute mischen, die nicht das Gleiche durchmachten wie ich.«

Rowan fragte sich, was er eigentlich hatte sagen wollen. »Ja, aber dann empfinde ich eine andere Art von Schmerz. Wenn ich mit solchen Leuten zusammen bin, fühle ich mich … ich weiß nicht … ich glaube, ich bin neidisch, weil sie nicht so leiden müssen wie ich.«

»Klingt logisch«, sagte er. »Die Leute, zu denen ich geflohen bin, besaßen Mittel und Wege, mich zu betäuben.«

Es war kein Geheimnis, dass Zane in der Vergangenheit Probleme mit Alkohol und Drogen gehabt hatte. Dazu hatte er sich offen in der Presse bekannt. Aber nach seinen eigenen Aussagen und denen seiner Band war er seit Jahren clean und nüchtern, genauer gesagt, seit AoFs erstem großen Hit. Er sagte, er habe es für die Fans getan, weil die ein Vorbild in ihm sehen würden.

»Ich habe schon mal darüber nachgedacht«, gab sie zu, »mich so zu betrinken, dass ich nichts mehr spüre.«

»Lass es lieber. Wenn du aufwachst, fühlst du dich nur noch schlechter. Dann trinkst du noch mehr, und irgendwann stürzt du total ab.«

»Ich weiß. Darum habe ich es auch nicht gemacht.«

»Kluges Mädchen. Ich dagegen war ein Idiot.«

»Nein, warst du nicht. Du hast gelitten, und niemand hier verurteilt dich deswegen.« Rowan war überzeugt, dass ihm das anderswo oft genug passiert war.

Der Sonnenuntergang tauchte seine Haut in bronzefarbenes Licht und ließ sein schwarzes Haar glänzen. Gegen ihren Willen war sie von seiner Schönheit fasziniert. Selbst die Art, wie er lässig auf dem Fahrersitz saß, einen tätowierten Arm Richtung Lenkrad ausgestreckt, während der andere auf der Mittelkonsole ruhte, strahlte eine Art rohen Sexappeals aus. War er mit dieser Ausstrahlung geboren worden, oder hatten ihn die Jahre auf der Bühne und im Rampenlicht geformt? Vielleicht lag es aber auch nur an ihren Hormonen, die wegen der Schwangerschaft und all der Entbehrungen außer Kontrolle waren. Sie musste sich zusammenreißen. Er hatte die Hauptrolle in einigen ihrer Fantasien gespielt, sogar als sie schon verheiratet gewesen war. Damals war ihr das albern, aber harmlos vorgekommen. Jetzt war es gefährlich. Nie im Leben hätte sie damit gerechnet, dass sie sich einmal mit ihm treffen würde, und noch viel weniger hätte sie es für möglich gehalten, dass er so viel Zeit mit ihr verbringen würde.

»Deine Musik hat mir über manches hinweggeholfen«, sagte sie. Diesen Satz hatte er wahrscheinlich schon eine Million Mal gehört, aber er stimmte für sie trotzdem. Der Song seiner Band im Radio war schon lange vorbei, und sie merkte, dass ihr der beruhigende Sound fehlte.

»Mir auch«, sagte er. »Die Musik hat mich gerettet. Keine Ahnung, wo ich ohne die Band heute wäre.«

»Eure erste CD kam kurz nach dem Tod meiner Mutter heraus, und dann starb auch mein Vater. Ich war noch auf der Highschool und hab mich einfach … verkrochen. Ich wohnte bei einer Tante, die ich zuvor kaum gekannt hatte, und sie hat sich wirklich große Mühe gegeben. Aber wir kamen einfach nicht gut miteinander aus. Ich hatte zwar eine professionelle Trauerbegleitung, aber wirklich besser fühlte ich mich nur, wenn ich eure Musik hörte. Das war meine Therapie. Kurze Zeit später begegnete ich Tommy. Er hat mir auch sehr geholfen.«

»Es ist gut, dass du jemanden gefunden hast.«

Und jetzt ist er weg, wie alle anderen auch. »Ja, aber …« Sie verstummte, erschrocken von dem, was sie gerade zugeben wollte. Niemals könnte sie diesen Gedanken Savannah oder Regina oder sonst jemandem gegenüber aussprechen. Aber aus irgendeinem Grund wollte sie, dass Zane es wusste.

»Was aber?«, fragte er leise und blickte zu ihr hinüber. »Sag’s ruhig. Ich verurteile dich ebenso wenig.«

»Es gibt Momente, da wünschte ich mir fast, ich hätte ihn nie kennengelernt, denn dann wäre mir der Schmerz erspart geblieben, ihn zu verlieren.«

»Dann gäbe es aber auch keine Erinnerungen an die schönen Zeiten. Ist das nicht viel mehr wert?«

»Da bin ich mir im Augenblick nicht so sicher.«

»Ich glaube, wenn noch etwas mehr Zeit vergangen ist, wirst du es so sehen. Jetzt ist alles noch ziemlich frisch. Ich war nicht dabei, weißt du. Bei diesem Kampf. Normalerweise versuche ich, zu allen Kämpfen meines Bruders zu gehen, aber damals waren wir gerade in Frankreich. Das hat ihn völlig fertiggemacht, Rowan.«

»Ja, ich weiß«, sagte sie. »Ich muss zugeben, dass ich ihm eine Zeit lang die Schuld gegeben habe. Ich hätte Savannah erwürgen können, als sie sich in ihn verliebte. Ich habe immer noch ein schlechtes Gewissen, weil ich schreckliche Dinge zu ihr gesagt habe, die ich nie mehr zurücknehmen kann.«

»Sie versteht das, da bin ich mir sicher.«

Rowan hatte großes Glück, dass es so verständnisvolle Menschen in ihrem Leben gab, und einen Moment lang überwältigte sie die Dankbarkeit. Sie war sogar dankbar für Mike, der alles tat, um es wiedergutzumachen, und der so gut für Savannah war. Und für Zane, der sich ganz sicher nicht für dieses Mitleidsdate hätte opfern müssen. Es war wirklich erstaunlich, dass sie trotz all der Schrecken, die sie durchgemacht hatte, so viel Glück mit den Menschen hatte, die noch zu ihrem Leben gehörten. Sie durfte sich nicht von düsteren Gedanken überwältigen lassen, auch wenn es manchmal wie der leichtere Weg wirkte. Wenn sie Tommy nie begegnet wäre, würde sie jetzt auch kein Kind erwarten.

An manchen Tagen schien das Leben, das in ihr heranwuchs, nicht real zu sein. An anderen Tagen konnte sie an nichts anderes denken. Ihre Hand glitt hinunter zu ihrem gerundeten Bauch, und im Augenwinkel bemerkte sie, dass Zane sie beobachtete.

»Wann ist es so weit?«, fragte er.

Sie lächelte. »An Helloween. Kaum zu glauben, oder?«

»Großartig!«

Da musste Rowan lachen. »War mir klar, dass du das denkst.«

»Verdammt, ja. Du nicht?«

»Ich mache mir nicht allzu viele Sorgen deswegen, weil die meisten Frauen nicht zum errechneten Datum gebären. Ich möchte nur nicht, dass mein Kind an einem Feiertag Geburtstag hat. Ich möchte, dass es ein ganz besonderer Tag für ihn ist. Oder für sie.«

»Du weißt noch nicht, was es wird?«

»Nein, noch nicht. Bei der nächsten Untersuchung hoffentlich.«

»Du willst es also wissen?«

»Ja, unbedingt. Bald ist die nächste Ultraschalluntersuchung fällig. Zuerst wollte es niemand aus der Familie wissen, aber jetzt haben sie es sich anders überlegt. Ich habe dem Arzt gesagt, dass ich es wissen möchte und dass ich das Geheimnis auf keinen Fall bis zum Ende der Schwangerschaft wahren kann. Nimm diese Ausfahrt hier. Ich kann überhaupt keine Geheimnisse für mich behalten.«

Besonders nicht ihrer Schwiegermutter gegenüber. Die Frau brauchte Rowan nur anzusehen, und schon sprudelten all ihre Geheimnisse aus ihr heraus. Außer diesem hier: dieser Abend mit Zane. Sie hatte keinerlei Bedürfnis verspürt, Regina zu verraten, dass sie den Abend mit Mikes jüngerem Bruder, dem Rockstar, verbringen würde.

»Ich will’s auch wissen«, sagte Zane. Er folgte den Anweisungen, die Rowan ihm zwischen ihren nervösen Erzählungen gab, und sie wunderte sich über die Wärme, die sich bei seinen Worten in ihrer Brust ausbreitete.

»Tatsächlich?«

»Aber ja.«

»Warum denn?«

»Weil ich den Eindruck habe, dass du jemanden zum Reden brauchst und weil ich gerne diese Person wäre.«

Eigentlich eine simple Aussage, doch Rowan bedeutete sie sehr viel. »Das ist lieb von dir«, brachte sie heraus und krümmte sich innerlich, weil ihre Antwort so lahm klang.

»Glaub bloß nicht, dass ich frage, weil ich so ein netter Kerl bin«, sagte er. Seine Lippen verzogen sich zu einem amüsierten Lächeln. Sie musterte ihn einen Moment lang: sein markantes Profil, die Augen, die hinter seiner Sonnenbrille versteckt lagen. Seitdem sie ihn kannte, deutete alles genau darauf hin … auf einen netten Kerl, für den es nach vielen entbehrungsreichen Jahren endlich gut lief.

»Dann hast du mich wohl erfolgreich in die Irre geführt«, sagte sie leichthin.

Er antwortete nicht.

Beim Essen herrschte eine unwirkliche Stimmung. Rowan fand es verwirrend, mit einem so außergewöhnlichen Menschen einen vollkommen gewöhnlichen Ort aufzusuchen, und sie sah ihre Umgebung mit völlig neuen Augen. Zane war ein echter Gentleman … damit hatte sie nicht gerechnet, obwohl sie es eigentlich besser hätte wissen müssen. Seit sie sich das erste Mal getroffen hatten, behandelte er sie stets liebenswürdig, aber sie fand es immer noch aufregend, wenn er ihr die Tür aufhielt, ihr die Hand beim Gehen leicht auf den Rücken legte oder ihr den Stuhl zurechtrückte. Tommy hatte solche Dinge anfangs auch für sie getan, aber durch die Vertrautheit in der Ehe hatten sich seine früheren Gewohnheiten allmählich in Luft aufgelöst.

Und dann bestand schließlich immer die Gefahr, dass ihn jemand erkennen würde. Während sie aßen, behielt sie die ganze Zeit den Raum im Auge, um zu überprüfen, ob sie jemand auffällig musterte – es gelang ihr einfach nicht, diesen Verfolgungswahn abzuschütteln. Zane hingegen war die Ruhe selbst, er konzentrierte sich ganz auf sie – noch etwas, das sie verwirrend fand. Ihre Nerven waren so angespannt, dass sie kaum etwas herunterbekam, obwohl sie für zwei essen musste. Ein Problem, dass sie normalerweise nicht kannte.

Irgendwann kam sie zu dem Schluss, dass Zane nur in bestimmten Kreisen populär war, sie hatte sich also vermutlich umsonst so große Sorgen gemacht. Um diese frühe Abendstunde waren sie hauptsächlich von Familien mit Kindern umgeben, von Pärchen mittleren Alters und von ein paar älteren Leuten, die ihre Drinks genossen und sich ausgelassener benahmen als manche Kinder. Keiner von ihnen vermutete, dass ein waschechter Rockstar entspannt in ihrer Mitte saß.

Vor Kurzem hatte Zane in einem Nachtklub in Houston einen kleinen Aufstand verursacht. In diesen speziellen Kreisen wären ihre Befürchtungen also eher berechtigt gewesen. Als das Gespräch kurz ins Stocken geriet – seit ihrer Ankunft hatten sie sich eigentlich recht angeregt unterhalten –, beschloss sie, ihn nach diesem Vorfall zu fragen.

»Ein Aufstand war es nicht gerade, aber trotzdem tauchte es überall im Netz auf. Das war im Klub von meinem Bruder Damien«, sagte er. »Ich wollte ein bisschen mit ihm abhängen. Ich habe nichts gemacht, aber die Freundin von irgend so einem Kerl ist ausgerastet, weil sie mich erkannt hat, und der Typ wurde sauer und wollte mir eine verpassen. Jase hat ihn aber davon abgehalten.«

»Jase?«

Er grinste. »Irgendwie komme ich mir blöd vor, wenn ich sage, er ist mein Bodyguard, aber so ist es nun mal.«

»Was ist daran blöd? Offensichtlich brauchst du ihn. Allein würde schließlich niemand mit so einer Meute fertig werden.« Sie blickte sich um, aber in den dunklen Ecken des Restaurants konnte sie niemanden ausmachen, der wie ein Bodyguard aussah. »Wo ist er jetzt?«

»Er ist nicht hier. Heute Abend erwarte ich eigentlich keinen Ärger, und ich wollte ihn nicht mitschleppen. Aber es würde mich nicht wundern, wenn er uns gefolgt ist und sich irgendwo hier herumtreibt.«

»Oh Gott. Das muss ja ein komisches Gefühl sein.«

Zane zuckte mit den Schultern und drehte gedankenverloren sein Wasserglas. »Das gehört nun mal dazu. Trotzdem werde ich mich nie daran gewöhnen.«

»Hat Damien keinen Eingang für VIPs oder so, damit du ungesehen seinen Club besuchen kannst?«

»Ich hätte durch die Hintertür reingehen können, ja, aber manchmal will ich einfach stinknormal sein, verstehst du? Einfach in einen Club gehen, wenn ich Lust dazu habe. Unter Leuten sein.«

»Verstehe«, sagte sie leise und stocherte mit der Gabel in ihren Scampi herum. Sie hätte sich zu gern ein Glas Wein bestellt, aber das ging natürlich nicht. Stattdessen trank sie Tee. Zane hatte Wasser geordert, und es machte sie glücklich, das zu sehen. Die Gerüchte, dass er clean und nüchtern war, entsprachen offenbar der Wahrheit. Möglicherweise zeigte er ihr seine Schokoladenseite, aber alles an ihm deutete darauf hin, dass er tatsächlich keine Drogen mehr nahm. Sie hatte gedacht, es müsse schwierig für ihn sein, mit Leuten zusammen zu sein, die tranken und feierten, aber andererseits war er ein berühmter Musiker. Wahrscheinlich gab es in seiner Nähe ständig alle Arten von Rauschmitteln, und er schaffte es trotzdem, dem Zeug zu widerstehen.

Er musste eine unglaubliche Willenskraft besitzen. Rowans Respekt für Zane wuchs, als sie sich vorstellte, wie er sich durch die Tage kämpfte. Während sie bei ihrer Tante gewohnt hatte, war sie Zeugin der Abhängigkeit ihres Cousins geworden, und sein Kampf dagegen war nicht annähernd so erfolgreich gewesen wie Zanes. Rowan nahm an, dass dies einer der Gründe war, warum sie und ihre Tante Maureen im Grunde keine Chance gehabt hatten, zueinanderzufinden. Tante Mo war wegen ihres Sohnes viel zu besorgt gewesen, um auch noch für ihre trauernde Nichte Zeit und Energie aufzubringen. Rowan hatte das verstanden und versucht, ihr so wenig Probleme wie möglich zu bereiten.

Zögerlich erzählte sie Zane all dies nach dem Essen. Dabei sucht sie die ganze Zeit nach Anzeichen dafür, dass er über dieses Thema nicht reden wollte, aber er sollte wissen, wie sehr sie ihn dafür bewunderte, dass er diesen speziellen Dämon besiegt hatte.

»Rowan«, sagt er ernst, legte seine Unterarme auf den Tisch und beugte sich leicht nach vorn. »Wenn ich das mit der Musik nicht geschafft hätte, wüsste ich nicht, wo zur Hölle ich heute wäre. Es gab immer Leute, die sich um mich kümmerten. Also ist es ganz sicher nicht allein mein Verdienst.«

»Trotzdem, du bist deinen Träumen treu geblieben. Nur wenige Menschen haben den Mut dazu.«

»Ich konnte singen. Mit dieser Fähigkeit bin ich gesegnet, ich musste sie mir nicht hart erarbeiten, das ist ein Privileg – und das ist mir völlig bewusst. Ich war nur ein Idiot, der den richtigen Haufen anderer Idioten gefunden hat und der es durch irgendeine göttliche Fügung geschafft hat, mit ihnen Musik zu machen, die andere Leute tatsächlich hören wollen. Mir ist vollkommen klar, dass morgen alles vorbei sein kann und dass die Leute sich in zehn Jahren vielleicht fragen, was aus diesen Typen von damals eigentlich geworden ist.«

»Das kenne ich«, sagte sie und erinnerte sich an Tommys Zweifel bezüglich seiner Kämpferkarriere. Dinge, die nur sie gehört hatte, Sorgen, die in der Stille schlafloser Nächte ausgesprochen wurden. »Wenn du nur die geringste Ähnlichkeit mit meinem Mann hast, dann halten dich diese Gedanken manchmal nachts wach.«

»Sehr oft sogar«, gab er zu und hielt ihrem Blick stand. »Sie hindern mich verdammt oft am Schlafen.«

Rowan rutschte auf ihrem Stuhl herum, gebannt von diesen dunklen Augen, aber sie war weder willens noch in der Lage, den Blick abzuwenden. Sie hatte noch nie Augen gesehen, die eine solche Qual verrieten – nicht einmal, wenn sie den Spiegel blickte.

Sie hatte sein Gesicht schon tausendmal durch den Filter einer Kameralinse gesehen, aber ihn auf einem Computermonitor oder Fernsehbildschirm anzustarren, war nichts im Vergleich dazu, ihn aus der Nähe zu betrachten – die Reflexionen des gedämpften Lichts auf seinem dunklen Haar zu sehen, die Krümmung seiner Wimpern, die Tiefe und Größe seiner Augen, die Schatten auf seinen Gesichtszügen. Sein Gesicht wirkte hagerer, irgendwie schärfer und dadurch noch faszinierender. Das hätte sie nicht für möglich gehalten. Er hatte tatsächlich dieses entspannte Auftreten, das sie schon in Interviews beobachtet hatte, als wäre er dafür geboren, vor der Kamera zu stehen. Es war erfrischend, mit ihm zu reden, und er gab ihr einfach ein gutes Gefühl, obwohl sie gerade so viel Schlimmes durchmachte, so viel Schmerz. Wie leicht könnte sie sich an dieses Gefühl gewöhnen! Rowan musste zugeben, dass sie ihn immer faszinierender fand, je näher sie ihm kam. Such nach etwas Negativem.Niemand kann so perfekt sein. Niemand.

Rowan atmete tief durch, griff mit zitternder Hand nach ihrem Glas Tee und schaffte es, den Blick von ihm abzuwenden. Noch immer schien er sie schweigend zu taxieren, sie spürte seinen Blick bis in die Zehenspitzen, als sie das Glas an die Lippen führte. Ihr Mund war so trocken, dass sie den Weg des heißen Getränks bis in den Magen spüren konnte …

»Du bist wahnsinnig hübsch, Rowan.«

… und sich fast verschluckt hätte. Rasch hielt sie sich eine Hand vors Gesicht, falls der Tee durch ihre Nase wieder hinauswollte.

»Nun«, stieß sie mit erstickter Stimme hervor und stellte das Glas vorsichtig wieder auf den Tisch. »Vielen Dank. Obwohl du darüber vielleicht noch einmal nachdenken solltest.« Sie hustete in ihre Faust und versuchte, so damenhaft wie möglich zu wirken, aber sie klang wie ein achtzigjähriger Kettenraucher.

Mit einem schiefen Grinsen, das irgendwo zwischen süß und ganz schön dreist lag, reichte er ihr eine Serviette. »Nein, überhaupt nicht.«

Sie wischte sich die Lippen mit der Serviette ab, bedauerte den Verlust ihres Lippenstifts, der das Essen nicht überstanden hatte, und hoffte, dass sie sich nicht die ganze Farbe übers Kinn geschmiert hatte. Das Herz schlug wild in ihrer Brust. Zane Larson hatte ihr gesagt, dass sie hübsch sei. Wahnsinnig hübsch. Oh Gott, was passierte hier?

»Du bist nicht …« Sie holte tief Luft, um ihre Worte mutig hervorzubringen. »Du bist mit niemandem zusammen?«

»Nein.«