Real - Nur für dich - Katy Evans - E-Book

Real - Nur für dich E-Book

Katy Evans

4,4
8,99 €

Beschreibung

Eine intensive Liebesgeschichte voller Leidenschaft, Sehnsucht und Verlangen: Die junge Physiotherapeutin Brooke wird von ihrer besten Freundin zu einem Boxkampf mitgenommen. Dort begegnet sie dem Boxer Remington Tate - und ist augenblicklich von ihm fasziniert. Doch Remy ist wie Feuer und Eis: mal unnahbar, unberechenbar, gefährlich, mal leidenschaftlich, fürsorglich, romantisch. Er überwältigt Brooke, stellt ihre Welt auf den Kopf. Sie will Remy, nur Remy, für immer. Doch der verbirgt ein dunkles Geheimnis - ein Geheimnis, das ihre Liebe zerstören könnte ... "Wunderbar, gefühlvoll, mitreißend, stark - ganz einfach außerordentlich." (Sinfully Sexy Book Reviews)

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Seitenzahl: 479

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

EPILOG

Danksagung

Über die Autorin

Die Romane von Katy Evans bei LYX

Impressum

KATY EVANS

Real

Nur für dich

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Beate Bauer

Zu diesem Buch

Die junge Physiotherapeutin Brooke Dumas wird von ihrer besten Freundin zu einem Boxkampf geschleppt. Eigentlich kann sie mit solchen Veranstaltungen überhaupt nichts anfangen, findet sie sogar ein bisschen peinlich. Doch dann fällt ihr Blick auf den Boxer im Ring – und von einer Sekunde auf die andere steht ihre Welt Kopf. Remington Riptide Tate, der Star der Untergrund-Szene, wird von Hunderten Frauen im Publikum verehrt und bejubelt. Aber mit seinen unergründlichen blauen Augen fixiert er nur eine Einzige – Brooke. Als diese nach dem Kampf auf sein Hotelzimmer eingeladen wird, ist sie auf alles vorbereitet … nur nicht darauf, dass Remington ihr einen Job als seine Physiotherapeutin anbietet. Obwohl Brooke spürt, dass sie sich lieber von ihm fernhalten sollte, nimmt sie das Angebot an. Sie weiß, dass die Beziehung zwischen ihnen rein professioneller Natur sein sollte. Und doch fällt es ihr mit jedem Moment in seiner Gegenwart, jeder Berührung seines Körpers schwerer, die Funken, die zwischen ihnen sprühen, zu ignorieren. Aber Remy ist wie Feuer und Eis: mal unnahbar, unberechenbar, gefährlich, mal leidenschaftlich, fürsorglich, romantisch. Je näher Brooke ihm kommt, desto mehr bestätigt sich ihr Verdacht: Remy verbirgt ein Geheimnis. Doch sie ahnt nicht, dass dieses Geheimnis nicht nur ihre Liebe, sondern auch sie selbst zerstören könnte …

Für das Leben, die Liebe und die Musik

REAL Playlist

Hier sind ein paar der Songs, die ich beim Schreiben von Real gehört habe. Besonders wichtig für die Geschichte sind die ersten beiden – vielleicht möchtest du sie zur gleichen Zeit wie Brooke und Remington hören.

Iris von Goo Goo Dolls

I Love You von Avril Lavigne

That’s When I Knew von Alicia Keys

Love Bites von Def Leppard

High on You von Survivor

Love Song von Sara Bareilles

In Your Eyes von Peter Gabriel

Kiss Me von Ed Sheeran

Come Away With Me von Norah Jones

All I Wanna Do Is Make Love To You von Heart

Anyway You Want It von Journey

Pull Me Down von Mikky Ekko

I Love You Like A Love Song von Selena Gomez

My Life Would Suck Without You von Kelly Clarkson

Flaws and All von Beyoncé

The Fighter von Gym Class Heroes

EINS

»ICH BIN REMINGTON«

Brooke

Melanie schreit mir schon seit einer halben Stunde ins Ohr, und bei dem, was hier los ist, bin ich so durcheinander, dass ich allmählich kaum noch etwas hören kann. Bis auf mein Herz. Das wie verrückt in meinen Schläfen pocht, während die beiden Kämpfer in dem Underground-Boxring aufeinander einschlagen, beide gleich schwer und gleich groß, beide extrem muskulös, beide zerschmettern sie dem anderen das Gesicht.

Jedes Mal, wenn einer einen Treffer landet, gibt es Jubelrufe und Applaus im Saal, in dem sich mindestens dreihundert Zuschauer drängen und nach Blut dürsten. Aber das Schlimmste daran ist, dass ich das grässliche Geräusch von Knochen, die gegen Fleisch krachen, tatsächlich hören kann – vor lauter Angst habe ich eine Gänsehaut auf den Armen. Jeden Moment erwarte ich nun, dass einer der beiden zu Boden geht und niemals wieder aufsteht.

»Brooke!«, kreischt meine beste Freundin und umarmt mich. »Du siehst aus, als wolltest du dich gleich übergeben – du bist für das hier echt nicht geschaffen!«

Ich bringe sie um, ernsthaft.

Sobald ich den Blick von diesen Männern abwenden und sicher sein kann, dass sie am Ende der Runde noch atmen, werde ich meine beste Freundin gnadenlos umbringen. Und hinterher mich selbst dafür, dass ich hierher mitgekommen bin.

Doch meine arme liebe Melanie hat einen neuen Schwarm, und sobald sie herausgefunden hatte, dass das Objekt ihrer nächtlichen Fantasien in der Stadt ist, um an diesen »privaten« und sehr »gefährlichen« Underground-Wettkämpfen teilzunehmen, hat sie mich gebeten, mitzukommen, um ihn mir anzuschauen. Es ist einfach schwer, Melanie etwas abzuschlagen. Sie ist überschwänglich und hartnäckig, und jetzt springt sie vor Entzücken im Quadrat.

»Er ist als Nächster dran«, ruft sie, und es kümmert sie kein bisschen, wer die letzte Runde gewonnen hat oder ob die beiden überhaupt überlebt haben. Was offensichtlich, Gott sei Dank, der Fall ist. »Mach dich auf eine echte Augenweide gefasst, Brookey!«

Das Publikum verstummt, und der Ansager ruft: »Meine Damen und Herren, und jeeeeetzt … der Augenblick, auf den Sie alle gewartet haben, der Mann, wegen dem Sie hier sind. Ein wirklich böser Junge, hier kommt der unvergleichliche Remington ›Riptide‹ Tate!«

Ein Schauer läuft mir über den Rücken, als die Menge allein bei dem Namen verrücktspielt, vor allem die Frauen, und ihre erwartungsvollen Rufe durcheinanderschallen.

»Remy! Ich liebe dich, Remy!«

»Ich mach’s dir mit dem Mund, Remy!«

»REMY, BESORG’S MIR, REMY!«

»Remington, mach mich nass!«

Alle Köpfe drehen sich, als eine Gestalt im roten Umhang mit Kapuze auf den Ring zugeht. Scheinbar tragen die Kämpfer an diesem Abend keine Boxhandschuhe, und ich sehe, wie er die Finger streckt und wieder zur Faust ballt, und seine Hände sind riesig und gebräunt, die Finger lang.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Rings schwenkt eine Frau stolz ein Plakat, auf dem »Remys geilstes Luder« steht, und sie schreit aus vollem Halse in Remys Richtung – wahrscheinlich für den Fall, dass er nicht lesen kann oder das Neonpink oder den Glitzer übersieht.

Ich bin völlig überrascht, und mir wird gerade klar, dass meine beste Freundin nicht die Einzige in Seattle ist, die wegen dem Kerl anscheinend den Verstand verloren hat, als sie meinen Arm drückt. »Wetten, du kannst ihn nicht anschauen und dann noch behaupten, dass du nicht alles für diesen Mann tun würdest.«

»Ich würde nicht alles für diesen Mann tun«, wiederhole ich augenblicklich, nur um zu gewinnen.

»Du schaust ja gar nicht hin!«, kreischt sie. »Schau ihn dir an. Schau doch.«

Sie packt mein Gesicht und dreht es in Richtung Ring, doch ich fange stattdessen an zu lachen. Melanie liebt Männer. Liebt es, mit ihnen zu schlafen, ihnen nachzulaufen, sie anzuschmachten, doch wenn sie sich einen geangelt hat, kann sie ihn nicht lange festhalten. Ich hingegen bin nicht daran interessiert, mich mit irgendjemandem einzulassen.

Nicht solange meine romantische kleine Schwester Nora Freunde und Drama für uns beide hat.

Ich starre zur Bühne hinauf, als der Typ den roten Satinumhang mit dem Wort RIPTIDE auf dem Rücken abstreift und die Zuschauer johlen und jubeln, während er sich langsam umdreht, um sie zu begrüßen. Plötzlich ist sein Gesicht, das von den Lampen angestrahlt wird, direkt vor mir, und ich starre ihn wie eine Idiotin von meinem Platz aus an. Mein Gott.

Mein.

Gott.

Grübchen.

Dunkles, struppiges Kinn.

Jungenhaftes Lächeln. Männlicher Körper.

Fantastische Bräune.

Ein Schauer jagt mir über den Rücken, während ich ohnmächtig den Anblick in mich aufsauge und wie alle anderen auf diese Gestalt starre.

Er hat einen sexy schwarzen Wuschelkopf, als hätten ein paar Frauen gerade ihre Finger dringehabt. Wangenknochen so ausgeprägt wie Kinn und Stirn. Rot geküsste und volle Lippen, und als Souvenir von seinem Weg zum Ring Lippenstift auf der Wange. Ich lasse den Blick über seinen großen, schlanken Körper gleiten, und etwas Heißes und Wildes bricht sich in meinem Innern Bahn.

Er ist auf faszinierende Weise perfekt und unglaublich kompakt. Alles, von seinen traumhaft schlanken Hüften und seiner schmalen Taille bis zu seinen breiten Schultern ist fest. Und dieses Sixpack. Nein. Es ist eigentlich ein Eightpack. Die sexy V-Form seines Oberkörpers verschwindet in seinen marineblauen Satinshorts, die sanft seine muskelbepackten Beine umspielen. Ich kann seine Oberschenkel-, Trapez- und Brustmuskeln und Bizepse sehen, die straff und wohlgeformt sind. Keltische Tattoos schlingen sich genau dort um beide Arme, wo seine hervortretenden Bizepse und die straffen rechteckigen Deltamuskeln seiner Schultern zusammentreffen.

»Remy! Remy!«, ruft Mel durch den Trichter ihrer Hände hysterisch neben mir. »Du bist so verdammt heiß, Remy!«

Er dreht sich nach den Rufen um, und ein Grübchen kommt zum Vorschein, während er uns lächelnd anblickt. Ein Schwall Energie schießt durch mich hindurch, nicht weil er aus diesem Blickwinkel besonders hinreißend ist – was er wirklich ist, du meine Güte, wirklich – sondern weil er mich direkt anschaut.

Er zieht eine Braue hoch, und in seinen hinreißenden blauen Augen ist ein belustigtes Schimmern. Auch etwas … Erhitztes in seinem Blick. Als würde er denken, ich sei es gewesen, die gerufen hat. Oh Mist.

Er zwinkert mir zu, und ich bin fassungslos, während sich sein Lächeln langsam in etwas unerträglich Intimes verwandelt.

Mein Blut köchelt.

Ich spüre ein Ziehen zwischen den Beinen, und ich hasse den Gedanken, dass er es zu wissen scheint.

Ich kann sehen, dass er sich für die ultimative Schöpfung hält, und er scheint zu glauben, dass jede Frau hier seine Eva ist, zu seinem Vergnügen aus seiner Rippe erschaffen. Ich bin sowohl erregt als auch wütend, und das ist das Verwirrendste, was ich jemals empfunden habe.

Seine Lippen kräuseln sich, und er dreht sich um, als sein Gegner mit den Worten angekündigt wird: »Kirk Dirkwood, der ›Hammer‹, hier für euch heute Abend!«

»Mel, du kleine Schlampe!«, rufe ich, als ich mich erholt habe, und schubse sie zum Spaß. »Warum hast du nur so laut gerufen? Jetzt denkt er, ich bin das verrückte Huhn!«

»Ohmeingott! Er hat dir gerade zugezwinkert«, sagt Melanie fassungslos.

Oh mein Gott, das hat er. Oder nicht? Er hat.

Ich bin genauso überrascht, und ich werde Melanie foltern, weil sie das verdient, das Flittchen.

»Das hat er«, gebe ich schließlich zu, während ich sie finster anblicke. »Wir haben telepathisch kommuniziert, und er sagt, er will mir ein Nest bauen, damit ich die sexy Mutter seiner Babys werde.«

»Als ob jemand wie du Sex mit ihm haben wollte. Du und deine Zwangsstörung«, sagt sie und lacht sich kaputt. Inzwischen zieht sich Remingtons Gegner seinen Umhang aus. Der Mann besteht nur aus Muskeln, doch nicht ein Gramm kann es mit der knackigen Männlichkeit von Riptide aufnehmen.

Remington beugt seine Arme, streckt die Finger und macht Fäuste, während er kleine Lockerungssprünge macht. Er ist ein großer, muskulöser Mann, dabei aber erstaunlich leichtfüßig, was bedeutet – ich weiß es, weil ich Leichtathletik gemacht habe –, dass er unglaubliche Kräfte hat, wenn er seinen Körper mit so kleinen Bewegungen vom Boden abheben kann.

Hammer macht den ersten Schlag. Remington duckt sich geschickt weg, kommt mit einem Schwinger wieder hoch und trifft Hammer damit seitlich im Gesicht. Angesichts der Wucht des Schlages zucke ich innerlich zusammen; mein Körper verkrampft sich beim Anblick seiner Muskeln, die sich bei jedem Schlag, den er austeilt, anspannen und wieder lockern.

Die Menge sieht wie gebannt zu, während der Kampf weitergeht, und wieder bekomme ich von den scheußlich krachenden Geräuschen Gänsehaut. Und noch etwas anderes nervt gewaltig: Auf meiner Stirn und in meinem Ausschnitt bilden sich Schweißtropfen, und im Verlauf des Kampfes werden meine Brustwarzen hart und zeichnen sich unter der Seide meines Oberteils ab.

Remington Tate dabei zu beobachten, wie er einen Mann, den man Hammer nennt, prügelt, bringt mich dazu, mich auf eine Weise zu winden, die mir gar nicht gefällt und die ich noch viel weniger erwartet habe.

Die Art, wie er ausholt, sich bewegt, knurrt …

Plötzlich beginnt ein Sprechchor: »Remy … Remy … Remy.«

Ich drehe mich und sehe Melanie auf- und abspringen und sagen: »Ohmeingott, Remy! Mach ihn fertig, du sexy Kerl!« Sie schreit, als sein Gegner mit einem dumpfen Schlag zu Boden geht. Mein Slip ist nass, und mein Puls rast. Ich habe Gewalt nie gebilligt. Das bin nicht ich, und ich blinzle benommen angesichts der Gefühle, die durch meinen Körper peitschen. Lust, reine glühende Lust zuckt durch meine Nervenenden.

Der Ringrichter hebt Remingtons Arm zum Zeichen des Siegs, und sobald er sich nach dem K.-o.-Schlag, den er eben ausgeteilt hat, aufrichtet, wandert sein Blick in meine Richtung. Durchdringende blaue Augen begegnen meinen, und etwas in meinem Unterleib zieht sich zusammen. Seine schweißnasse Brust hebt und senkt sich schwer, und in einem Mundwinkel hat er einen Tropfen Blut. Und die ganze Zeit sind seine Augen unverwandt auf mich gerichtet.

Hitze breitet sich in mir aus, meine Haut scheint in Flammen zu stehen. Ich werde das Melanie gegenüber niemals eingestehen, nicht einmal mir selbst gegenüber mit lauten Worten, aber ich glaube nicht, dass ich je einen so heißen Mann in meinem Leben gesehen habe. Die Art, in der er mich anstarrt, ist heiß. Und absolut heiß ist auch die Art, wie er dasteht, einen Arm in der Luft, die Muskeln tropfnass vom Schweiß, mit einer Ausstrahlung von Autorität, die Mel bereits im Taxi erwähnte.

Sein Starren ist unverblümt. Die Art, wie er alle anderen ignoriert, die seinen Namen rufen, und mich so begehrlich anschaut, gibt mir das Gefühl, als würde er mich an Ort und Stelle nehmen. Mit einem Mal wird mir bewusst, wie ich ihn anschaue.

Mein langes Haar, mahagonibraun, fällt mir auf die Schultern. Die weiße Bluse ist ärmellos, hat aber einen hochgeschlossenen Spitzenkragen, und der Saum steckt ordentlich in einem Paar schwarzer Hosen, die zwar im High-Waist-Schnitt, ansonsten aber absolut unauffällig sind. Ein Paar kleiner goldener Kreolen ergänzen meine whiskeybraunen Augen. Trotz meiner dezenten Kleiderwahl fühle ich mich völlig nackt.

Meine Beine zittern, und ich habe das deutliche Gefühl, dass der nächste Angriff dieses Mannes mir gelten wird. Mit seinem Schwanz. Bitte, oh Gott, das habe ich nicht wirklich gedacht; so was denkt vielleicht Melanie. Wieder spüre ich ein Ziehen in meinem Unterleib.

»REMY! REMY! REMY! REMY!«, skandieren die Leute immer lauter.

»Ihr wollt mehr Remy?«, fragt der Mann mit dem Mikrofon die Menge, und der Lärm um uns herum nimmt zu. »In Ordnung, Leute! Dann wollen wir Remington Riptide Tate mal einen richtigen Gegner bieten!«

Ein weiterer Mann tritt in den Ring, und ich halte es nicht mehr aus. Mein System ist überlastet. Es ist vielleicht doch keine so gute Idee, jahrelang auf Sex zu verzichten. Ich bin so erregt, dass ich kaum ein Wort herausbringe und meine Beine nur mit Mühe bewegen kann, als ich mich umdrehe, um Mel zu sagen, dass ich auf die Toilette gehe.

Eine Stimme plärrt durch die Lautsprecher, während ich den breiten Gang zwischen den Ständen entlangstürme. »Und jetzt, meine Damen und Herren, wird Parker, der ›Schreckensdrache‹, unseren Champion herausfordern!«

Die Menge erwacht zum Leben, und plötzlich höre ich einen lauten Rumms.

Ich widerstehe dem Drang, mich nach der Ursache für den Aufruhr umzuschauen, biege um die Ecke und steuere schnurstracks auf die Toilettenräume zu, als die Lautsprecher wieder tönen: »Heiliger Bimbam, das ging schnell! Wir haben einen K.o.! Ja, meine Damen und Herren! Einen K.o.! Und das in Rekordzeit, unser Sieger ist erneut Riptide! Riptide, der jetzt aus dem Ring springt und – wo zum Teufel willst du hin?«

Die Menge dreht durch und skandiert: »Riptide! Riptide!«, verstummt jedoch schlagartig, als würde etwas völlig Unerwartetes geschehen.

Ich wundere mich noch über die gespenstische Stille, als Schritte hinter mir hallen. Eine warme Hand umfasst meine; die Berührung durchfährt mich wie ein elektrischer Schlag, und mit unglaublicher Kraft werde ich herumgewirbelt.

»Was zum …?«, keuche ich verwirrt und starre auf eine schweißnasse Männerbrust und darüber in schimmernde blaue Augen. Meine Sinne geraten außer Kontrolle. Er ist so nah, dass mich sein Geruch wie ein Schuss Adrenalin trifft.

»Dein Name«, knurrt er keuchend und hat seine Augen dabei auf meine gerichtet.

»Äh, Brooke.«

»Brooke was?«, stößt er mit geblähten Nüstern hervor.

Seine animalische Anziehungskraft ist so stark, dass es mir beinahe die Stimme verschlägt. Er ist mir viel zu nahe gekommen, nimmt mir die Luft zum Atmen, zieht mich völlig in seinen Bann, und ich kann nicht verstehen, warum mein Herz wie verrückt schlägt, warum ich hier stehe, zitternd vor Erregung, und mein gesamter Körper auf die Stelle konzentriert ist, wo seine Hand meine festhält.

Mit äußerster Mühe befreie ich meine bebende Hand, panisch halte ich nach Mel Ausschau, die ihm gefolgt ist und uns mit aufgerissenen Augen anstarrt. »Sie heißt Brooke Dumas«, sagt sie und rattert dann meine Mobilfunknummer herunter. Zu meinem Leidwesen.

Seine Lippen kräuseln sich, und er begegnet meinem Blick. »Brooke Dumas.«

Mit seiner tiefen Stimme scheint er sich meinen Namen auf der Zunge zergehen zu lassen, ihn ganz und gar auszukosten, und die quälende Lust zwischen meinen Beinen wird stärker. Sein brennender Blick trifft mich in einer Weise, als würde ich ihm bereits gehören. Niemals zuvor bin ich so angestarrt worden.

Er tritt näher und legt seine feuchte Hand um meinen Nacken. Mein Puls jagt, als er seinen dunklen Kopf senkt, um mir einen flüchtigen Kuss auf die Lippen zu geben. Es fühlt sich an, als würde er mich markieren. Als würde er mich auf etwas Gewaltiges vorbereiten, etwas, das mein Leben verändern und auch ruinieren könnte.

»Brooke«, brummt er leise und bedeutungsvoll an meinen Lippen, bevor er sich mit einem Lächeln aufrichtet.

»Ich bin Remington.«

Noch auf der Heimfahrt spüre ich seine Hände, spüre ich seine Lippen auf meinen. Den sanften Kuss. Gott, ich kann nicht einmal richtig atmen, und ich habe mich wie eine Kobra auf dem Rücksitz eines Taxis zusammengerollt, starre blind aus dem Fenster auf die vorbeigleitenden Lichter der Stadt, verzweifelt bemüht, die Empfindungen loszuwerden, die durch meinen Körper wirbeln. Unglücklicherweise habe ich niemanden außer Mel, um meinen Gefühlen Luft zu machen.

»Das war wirklich heftig«, haucht Mel neben mir.

Ich schüttle den Kopf. »Was zum Teufel ist nur passiert, Mel? Der Kerl hat mich in aller Öffentlichkeit geküsst! Hast du bemerkt, dass Leute ihre Handys auf uns gerichtet haben?«

»Brooke, er ist so heiß. Jeder will ein Bild von ihm. Sogar ich bebe innerlich wegen der Art, wie er dir hinterhergerannt ist, und ich bin nicht einmal diejenige, die er geküsst hat. Noch nie habe ich gesehen, dass ein Mann so hinter einer Frau her ist. Heilige Scheiße, es ist wie ein romantischer Porno.«

»Halt den Mund, Mel«, knurre ich. »Es gibt einen Grund, warum man ihn aus seiner Sportart ausgeschlossen hat. Er ist eindeutig gefährlich oder verrückt oder beides.«

Mein Körper könnte nicht erregter sein. Seine Augen, ich kann sie auf mir fühlen, so zügellos und hungrig. Ich fühle mich verrucht, geradezu dreckig. Mein Nacken prickelt an der Stelle, wo er mich mit seiner verschwitzten Hand berührt hat. Ich reibe ihn, doch es will nicht aufhören, entspannt meinen Körper nicht, entspannt mich nicht.

»Okay, ernsthaft, du musst öfter ausgehen. Remington Tate mag einen schlechten Ruf haben, aber er ist verführerisch wie die Sünde, Brooke. Ja, er wurde wegen Fehlverhaltens ausgeschlossen, weil er ein schlimmer Junge ist. Wer weiß, was er im Privatleben für einen Mist erlebt hat. Ich weiß nur, dass es wirklich übel war und für ein paar Schlagzeilen gesorgt hat, und jetzt kümmert es keinen mehr. In der Underground-Liga ist er der Favorit, und die Fightclubs fahren voll auf ihn ab. Die Mädchen rennen denen die Bude ein, wenn er da ist.«

Ein Teil von mir kann noch immer nicht glauben, wie mich der Kerl angestarrt hat, sich ganz auf mich konzentriert hat, eine Horde kreischender Frauen, und er hat ausgerechnet mich angeschaut, und es bringt mich nur noch mehr auf, wenn ich daran denke. Er hat mich mit diesem wahnsinnig erhitzten Blick angeschaut, und ich will keinen wahnsinnig erhitzten Blick. Ich will weder ihn noch sonst einen Mann, Punkt. Ich will einen Job. Ich habe gerade mein Referendariat bei einer der hiesigen Mittelschulen beendet, und ich hatte bei der besten Sport-Rehaklinik der Stadt ein Vorstellungsgespräch. Doch das ist schon zwei Wochen her, und ich habe noch nichts von ihr gehört.

Ich bin langsam fest davon überzeugt, dass niemals irgendjemand anrufen wird.

Ich bin wahnsinnig frustriert.

»Melanie, schau mich an«, verlange ich. »Findest du, ich sehe wie ein Flittchen aus?«

»Nein, Schätzchen. Du warst ganz der klassische Typ.«

»Wenn ich mich zu einem solchen Event so brav anziehe, dann eben genau aus dem Grund, damit ein übler Kerl wie der erst gar nicht auf mich aufmerksam wird.«

»Vielleicht solltest du dich mehr wie eine Schlampe anziehen und dich optisch angleichen?« Sie grinst, und ich blicke finster drein.

»Ich hasse dich. Ich gehe nie wieder mit dir zu so einem Event.«

»Du hasst mich nicht. Komm, lass dich umarmen.« Ich lasse mich in ihre Arme sinken und umarme sie leicht, bevor mir ihr Verrat wieder einfällt.

»Wie konntest du ihm nur meine Nummer geben? Was wissen wir überhaupt über diesen Mann, Mel? Willst du, dass ich in irgendeiner finsteren Gasse ermordet werde und meine Körperteile in einer Mülltonne landen?«

»Jemandem, der so viele Stunden Selbstverteidigung genommen hat wie du, wird das nicht passieren.«

Ich seufze und schüttle den Kopf, doch sie schenkt mir ein bezauberndes Lächeln. Ich kann nie lange böse sein.

»Komm schon, Brooke. Du musst dich selbst neu erfinden«, flüstert Mel, die meine Gedanken lesen kann. »Die neue und bessere Brooke muss ab und zu Sex haben. Du hast es doch gemocht, als du noch im Wettkampf gestanden hast.«

Das Bild eines nackten Remington taucht in meinem Kopf auf, und es ist auf so verwirrende Weise erregend, dass ich mich in meinem Sitz winde, während ich wütend aus dem Fenster starre und diesmal noch entschiedener den Kopf schüttle. Am meisten ärgern mich die Gefühle, die allein bei dem Gedanken an ihn in mir aufsteigen. Ich fühle mich … fiebrig.

Nein, ich habe überhaupt nichts gegen Sex, aber Beziehungen sind kompliziert, und ich habe gerade nicht das emotionale Rüstzeug, um damit klarzukommen. Ich habe mich von meinem Absturz noch immer nicht erholt und versuche einen neuen Berufsweg einzuschlagen. Auf Youtube gibt es ein schreckliches Video von mir, mit dem Titel »Dumas – am Ende«. Irgendein Amateur hat das während meiner ersten Qualifikationsversuche für Olympia aufgezeichnet, und es ist ziemlich oft angeklickt worden – wie alle Videos gedemütigter Leute. Es ist der Moment, in dem die Katastrophe meines Lebens passierte, und die ganze Welt kann sich das nun wieder und wieder anschauen und sich daran erfreuen. Es zeigt den Moment, in dem sich meine Quadrizepse verknoten und ich stolpre, und den Augenblick, in dem mein vorderes Kreuzband reißt und mein Knie nachgibt.

Das charmante kleine Video dauert über vier Minuten. Tatsächlich hat mein anonymer Paparazzo die Kamera ausschließlich auf mich und sonst niemanden gerichtet. Man kann im Hintergrund seine Stimme hören: »Scheiße, das war’s, die ist am Ende.« Was offensichtlich zum Titel inspiriert hat.

Da bin ich also, in einem echten Homemovie, wie ich unter schrecklichen Schmerzen von der Laufbahn hüpfe und dabei herzzerreißend weine. Nicht wegen der Schmerzen in meinem Knie, sondern wegen der Schmerzen des eigenen Scheiterns. Ich möchte mich am liebsten in einem Mauseloch verkriechen, und ich will sterben, weil ich sofort weiß, dass das ganze Trainieren umsonst war. Doch anstatt von der Erde verschluckt zu werden, werde ich gefilmt.

Die vielen Kommentare unter dem Video habe ich noch frisch in Erinnerung. Ein paar Leute wünschten mir alles Gute auf anderen Gebieten und meinten, dass es schade sei. Doch andere lachten und machten Scherze darüber, als hätte ich darum gebeten, dass es passiert.

Und diese Kommentare haben dazu geführt, dass ich jahrelang unablässig von Zweifeln geplagt war, beide Tage im Geiste immer wieder durchlebe und mich frage, was schiefgegangen ist. Ich sage beide, weil ich mir das Kreuzband nicht nur einmal, sondern ein zweites Mal gerissen habe, als ich stur erneut bei Qualifizierungswettkämpfen antrat – ich wollte einfach nicht glauben, »dass es das war«. Beide Male weiß ich nicht, was ich falsch gemacht habe, doch ganz offensichtlich ist mein Körper zu keinen weiteren Versuchen in der Lage.

Jetzt versuche ich einfach, mit aller Kraft weiterzumachen, als hätte ich nie vorgehabt, an den Olympischen Spielen teilzunehmen, und das Letzte, was ich brauchen kann, ist ein Mann, der Zeit in Anspruch nimmt – Zeit, die ich darauf verwenden könnte, mir eine Perspektive in dem Beruf zu schaffen, für den ich mich entschieden habe.

Meine Schwester Nora ist die Romantische und Leidenschaftliche von uns beiden. Obwohl sie kaum einundzwanzig und drei Jahre jünger ist als ich, kommt sie bereits in der Welt herum, schickt mir und Mom und Dad Postkarten von allen möglichen Orten und erzählt uns von ihren »Liebhabern«.

Und ich? Ich war diejenige, die ihre gesamte Jugend damit zugebracht hat, im Training alles zu geben und einzig und allein von einer Goldmedaille zu träumen. Doch mein Körper gab auf, lange bevor meine Seele wollte, und ich habe es nicht einmal bis zu einer Weltmeisterschaft geschafft.

Wenn man sich damit abfinden muss, dass der Körper manchmal nicht das tut, was man von ihm erwartet, kann das schmerzhafter sein als der physische Schmerz einer Verletzung. Deshalb mag ich Sport-Reha. Ich wäre vielleicht noch immer depressiv und wütend, wenn ich nicht die Hilfe bekommen hätte, die ich brauchte. Aus diesem Grund möchte ich jungen Athleten helfen, es zu schaffen, auch wenn es mir selbst nicht gelungen ist. Und deshalb suche ich einen Job, damit ich, vielleicht, wenigstens darin erfolgreich sein kann.

Doch seltsamerweise denke ich jetzt, während ich wach liege, nicht an meine Schwester oder meine neue Karriere oder den schrecklichen Tag, an dem die Olympischen Spiele für mich unerreichbar wurden.

Das Einzige, woran ich heute Nacht denken kann, ist der blauäugige Teufel, der seine Lippen auf meine gelegt hat.

Am nächsten Morgen gehen Melanie und ich im schattigen Park unseres Viertels laufen, was wir jeden Tag tun, egal ob es regnet oder die Sonne scheint. Wir tragen beide ein iPod-Armband, doch heute können wir nicht aufhören zu reden.

»Du hast es bis zu Twitter geschafft, du Miststück. Das hätte eigentlich ich sein sollen.« Sie klickt durch ihr Handy, und ich versuche zu erhaschen, was sie da liest.

»Dann hättest du ihm deine Handynummer geben sollen anstatt meiner.«

»Hat er sich gemeldet?«

»›City Hall um elf. Lass die verrückte beste Freundin zu Hause‹ war alles, was er geschrieben hat.«

»Haha!«, sagte sie, schnappt sich mein Telefon, während sie mir ihres gibt, und tippt mein Passwort ein, um an meine Nachrichten zu kommen.

Ich werfe ihr einen bösen Blick zu – das hinterhältige kleine Biest kennt alle meine Passwörter, und ich könnte wahrscheinlich nicht einmal, wenn ich wollte, ein Geheimnis vor ihr haben. Ich bete, dass sie meine Google-Chronik nicht gecheckt hat, sonst weiß sie, dass ich nach ihm gesucht habe. Ich mag gar nicht daran denken, wie oft ich seinen Namen in die Suchleiste eingetippt habe. Zum Glück überprüft Mel lediglich meine verpassten Anrufe, und natürlich ist keiner von ihm dabei.

Nach den Artikeln zu schließen, die ich gestern Abend gelesen habe, ist Remington Tate ein Partygott, Sexgott und vor allem ein Gott. Obendrein ein Stressmacher. In diesem Augenblick hat er wahrscheinlich einen Kater und ist noch immer betrunken, umgeben von sich räkelnden nackten Frauen in seinem Bett, und denkt: »Brooke wer?«

Melanie schnappt sich wieder ihr Telefon, räuspert sich und liest den Twitterfeed. »Okay, es gibt mehrere neue Kommentare, die du dir anhören solltest. ›Nicht zu fassen! Habt ihr je gesehen, dass Riptide eine Zuschauerin küsst? Heilige Scheiße, der hatte es aber eilig! Es gab ein Handgemenge, als er ihr hinterherlief und dabei einen Mann zur Seite stieß! Außerhalb des Rings zu kämpfen, ist illegal, und vielleicht wird RIP ja für den Rest der Saison oder in alle Ewigkeit gesperrt. Oh ja, deshalb ist er bei den Profis ja rausgeflogen! Also ich gehe nicht hin, wenn Rip nicht kämpft.‹ Das sind alle möglichen Twitterer«, erklärt Melanie, während sie ihr Telefon sinken lässt und grinst. »Lustig, dass sie ihn RIP nennen, wie ›Rest in peace‹. Mögen seine Gegner in Frieden ruhen. Wenn er nun überhaupt noch kämpft, er hat nur noch diesen Samstag, bevor die Kämpfe in einer anderen Stadt weitergehen. Gehen wir also hin, oder gehen wir nicht hin?«

»Das wollte er wissen, als er angerufen hat.«

»Brooke! Hat er nun angerufen oder nicht?«

»Was glaubst du, Mel? Wie viele Leute folgen ihm auf Twitter? Eine Million?«

»Es sind zwei Komma drei Millionen.«

»Na also, da haben wir unsere verdammte Antwort.« Ich bin echt wütend, und ich weiß nicht einmal, warum.

»Aber ich bin mir sicher, er war gestern Abend wirklich scharf darauf, mit Brookey ein bisschen zu poppen.«

»Bestimmt hat das schon eine andere erledigt, Mel. So funktioniert das doch mit diesen Typen.«

»Wir müssen trotzdem am Samstag hingehen«, verlangt Melanie mit finsterer Miene, die ihr hübsches Gesicht wie eine Comicfigur aussehen lässt. Sie ist nicht der Typ, der lang auf jemanden sauer sein kann. »Und du musst dich so anziehen, dass ihm die Augen aus dem Kopf fallen und er es bitter bereut, nicht angerufen zu haben. Ihr beide hättet einen hemmungslosen One-Night-Stand haben können. Und ich meine hemmungslos.«

»Miss Dumas?«

Wir sind auf dem Rückweg zu meiner Wohnung, und ich blicke durch das morgendliche Sonnenlicht auf eine große Frau in den Vierzigern mit einem blonden Bob, die auf den Stufen meines Wohnhauses steht. Sie lächelt freundlich und ein wenig verwirrt, als sie mir einen Umschlag mit meinem Namen darauf entgegenstreckt. »Remington Tate wollte, dass ich Ihnen das hier persönlich übergebe.«

Seinen Namen von ihren Lippen zu hören bringt mein Herz aus dem Takt, und plötzlich schlägt es schneller als während des Morgenlaufs. Meine Hand zittert, als ich den Umschlag öffne und einen riesigen blauen und gelben Ausweis herausnehme. Es ist ein Backstage-Ausweis für den Underground mit Tickets für Samstag, die daran festgemacht sind. Es sind Mittelplätze in der ersten Reihe, und es sind vier. In meinem Inneren passieren seltsame Dinge, als ich bemerke, dass mein Name in männlichen, krakeligen Buchstaben, von denen ich vermute, dass er sie geschrieben hat, auf dem Ausweis steht.

Ich bekomme ernstlich keine Luft.

»Wow«, flüstere ich verblüfft. Eine kleine Blase der Erregung bildet sich in meiner Brust, und ich habe das Gefühl, ich muss ein paar Extrameilen laufen, um sie zum Platzen zu bringen.

Das Lächeln der Frau wird breiter. »Soll ich ihm ausrichten, dass Sie Ja gesagt haben?«

»Ja.« Das Wort entschlüpft mir, bevor ich überhaupt darüber nachdenken kann. Bevor ich mir überhaupt Gedanken über die Berichte über ihn machen kann, die ich gestern gelesen habe und in deren Überschriften meistens die Worte »böser Junge«, »betrunken«, »Kneipenschlägerei« und »Prostituierte« hervorgehoben waren.

Okay, es ist ja nur ein Kampf.

Mein Ja bedeutet nichts anderes, als dass ich mir einen Kampf ansehe.

Ungläubig blicke ich erneut auf die Tickets, und Melanie starrt mich von der Seite an, während die Frau auf den Rücksitz eines schwarzen Escalade klettert. Als der Wagen davonbraust, schlägt sie mir scherzhaft auf die Schulter. »Du Miststück. Du willst ihn, nicht wahr? Das war eigentlich meine Fantasie, du blöde Kuh!«

Ich lache, während ich ihr drei Tickets reiche und mich die Tatsache ganz schwindlig macht, dass er so etwas wie einen Kontakt zu mir hergestellt hat. »Ich vermute, wir gehen hin. Hilf mir, die Gang zusammenzutrommeln, ja?«

Melanie packt mich an den Schultern und schubst mich die Stufen zu meinem Wohnhaus hinauf, während sie mir ins Ohr flüstert: »Erzähl mir nicht, dass du davon kein kleines Kribbeln bekommen hast.«

»Ich habe kein kleines Kribbeln davon bekommen«, sage ich automatisch, und bevor ich in meiner Wohnung verschwinde, füge ich hinzu: »Es war ein heftiges Kribbeln.«

Melanie schreit auf und besteht darauf, mit hineinzukommen, um mein Outfit für Samstag auszuwählen, und ich sage ihr, dass ich es sie wissen ließe, wenn ich wie eine Hure aussehen wolle. Mel gibt nach einer kurzen Inspektion meines Schranks schließlich auf, weil nichts darin zu finden ist, was auch nur einen Hauch sexy aussieht, und sie zur Arbeit muss, also lässt sie mich den Rest des Tages allein. Doch das leichte Kribbeln verlässt mich nicht so schnell. Ich spüre es beim Duschen, beim Anziehen und während ich meine Mails nach weiteren Jobangeboten durchgehe.

Ich kann nicht erklären, warum ich bei dem Gedanken, ihn wiederzusehen, so nervös bin.

Er ist tatsächlich das perfekte Material für einen One-Night-Stand. Ich kann kaum glauben, was ich da denke.

Wie könnte es anders sein – als weibliches Wesen mit funktionierendem monatlichem Zyklus bin ich am Samstag an einem völlig anderen Punkt angelangt, und ich habe es schon über ein Dutzend Mal bereut, zugesagt zu haben. Ich tröste mich mit der Tatsache, dass sich zumindest die Clique darüber freut.

Melanie hat Pandora und Kyle eingeladen, uns zu begleiten. Pandora arbeitet mit Melanie bei einem Inneneinrichter. Kyle studiert noch Zahnmedizin, und er ist mein Wohnungsnachbar, langjähriger Freund und auch ein Freund von Mel seit der Mittelschule. Er ist der Bruder, den wir nie hatten, und er ist so lieb und schüchtern gegenüber Frauen, dass er tatsächlich eine Professionelle dafür bezahlen musste, ihm seine Jungfräulichkeit zu nehmen.

»Ich bin so froh, dass du uns fährst, Kyle«, sagte Melanie, die mit mir auf der Rückbank sitzt.

»Das ist wohl alles, wofür ihr mich braucht«, sagte er, doch er ist wirklich begeistert von der Aussicht auf den Kampf.

Die Menge im Underground ist mindestens doppelt so groß wie beim letzten Mal, und wir müssen zwanzig Minuten warten, bis wir den Aufzug besteigen können, der uns zur Arena bringt.

Während Melanie und die anderen nach unseren Plätzen suchen, hänge ich mir den Backstage-Ausweis um und sage zu ihr: »Ich lege ein paar von meinen Visitenkarten aus, wo die Kämpfer sie sehen können.«

Ich wäre verrückt, mir diese Gelegenheit entgehen zu lassen. Diese Athleten sind wahrhafte Muskel- und Organzerstörer, tödliche Waffen, die aufeinander losgehen, und wenn es je eine Gelegenheit für einen Job gab, dann wohl hier.

Während ich in der Schlange darauf warte, Zugang zum Sperrbereich zu bekommen, breitet sich der Geruch von Bier und Schweiß aus. Ich entdecke Kyle, der von unseren mittleren Plätzen auf der rechten Seite des Rings winkt, und ich bin verblüfft, wie nah wir den Kämpfern sein werden. Kyle könnte beinahe den Boden des erhöhten Rings berühren, er müsste lediglich einen Schritt vorwärts machen und den Arm ausstrecken.

Eigentlich kann man den Kampf auch vom anderen Ende der Arena aus beobachten, ohne auch nur einen Cent zu bezahlen, bis auf ein Trinkgeld für den Türsteher vielleicht, doch die Platzkarten gehen von fünfzig Dollar bis fünfhundert, und diejenigen, die uns Remington Tate geschickt hat, kosten fünfhundert. Da ich seit meinem Abschluss vor zwei Wochen ohne Job bin und von den Ersparnissen aus meinen kleinen Werbeverträgen, die ich vor vielen Jahren hatte, lebe, hätte ich mir die Tickets nie leisten können. Genauso wenig wie meine Freunde, die auch gerade erst ihre Abschlüsse gemacht haben. Sie haben schon praktisch jeden Job angenommen, den es auf dem miesen Arbeitsmarkt gibt.

Eingezwängt in der Menge zeige ich schließlich fröhlich lächelnd meinen Backstage-Ausweis und bekomme Zutritt zu einem langen Gang, an dem mehrere offene Räume liegen.

In jedem Raum befinden sich Bänke und Reihen von Spinden, und ich sehe mehrere Kämpfer, die mit ihren Teams sprechen. Ich spähe in den dritten Raum, und da ist er. Mit einem Schlag bin ich supernervös.

Er sitzt vorgebeugt auf einer roten Bank und ist völlig entspannt, während er dabei zusieht, wie ein Mann mit glänzendem, kahlem Schädel eine seiner Hände bandagiert. Die andere ist bereits bis auf die Knöchel mit cremefarbenem Tape bedeckt. Sein Gesicht ist nachdenklich und auffallend jungenhaft, was mich auf die Frage bringt, wie alt er wohl ist. Er hebt seinen dunklen Kopf, als ob er mich spürt, und entdeckt mich augenblicklich. Etwas Seltsames und Kraftvolles flammt in seinen Augen auf und fährt mir wie ein Blitz durch den Körper. Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen und sehe, dass sein Coach mit ihm spricht.

Remington kann die Augen nicht von mir abwenden. Er hält noch immer die Hand ausgestreckt, scheint sie aber vergessen zu haben, während sein Coach ihn bandagiert und ihm Instruktionen erteilt.

»Na sieh an …«

Ich drehe mich zu der Stimme zu meiner Rechten um, und der Schreck fährt mir in die Glieder. Ein riesiger Kämpfer steht keinen halben Meter von mir entfernt und betrachtet mich mit einschüchterndem Blick, als wäre ich ein Dessert, für das er den passenden Löffel hat.

Ich sehe, wie Remington seinem Coach das Tape wegnimmt und es beiseitewirft, bevor er aufsteht und sich neben mir vorbeischiebt. Als er sich rechts hinter mich stellt, dringt mir das Bewusstsein seiner körperlichen Nähe in sämtliche Poren.

Seine Stimme klingt sanft an meinem Ohr, lässt mich erzittern, während er meinen Bewunderer anblickt. »Verschwinde«, sagt er leise zu dem anderen.

Der Mann, den ich als Hammer erkenne, sieht nicht mehr mich an. Stattdessen blickt er leicht seitlich über meinen Kopf hinweg. Ich denke, dass er neben Remington gar nicht mehr so groß aussieht.

»Deine?«, fragt er mit verengten, wachsamen Augen.

Meine Knie werden weich, als seine Stimme samten und zugleich eiskalt über meine Ohrmuschel läuft: »Deine ist sie jedenfalls nicht.«

Hammer geht, und Remington steht da, ein Muskelturm, der mich beinahe berührt und dessen Körperwärme mich einhüllt. Ein »Danke« murmelnd senke ich den Kopf und verschwinde so schnell wie möglich, und ich möchte sterben, denn ich schwöre bei Gott, dass er sich zu mir heruntergebeugt hat, um an mir zu riechen.

ZWEI

ÜBERRASCHUNG

Er wird gleich auf die Bühne kommen, und sein Name hallt bereits aus den Lautsprechern. »Und nun erleben wir noch einmal, meine Damen und Herren, Riptide!« Die Menge tobt.

Ich habe mich noch nicht davon erholt, ihm so nah gewesen zu sein, und in meinem Blutkreislauf schwimmen seltsame, blubbernde kleine Dinger. In dem Moment, als er in diesem schimmernden roten Kapuzenumhang den breiten Gang zwischen den Tribünen entlanggeht, schießt mein Puls nach oben, und mein Unterleib verkrampft sich, und ich habe das dringende Bedürfnis, nach Hause zu flüchten.

Der Kerl ist einfach zu viel. Zu viel Mann. Zu viel Männlichkeit, ein echtes Tier. Zusammengefasst, er ist wie Sex am Stiel, und jedes weibliche Wesen in seiner Nähe schreit sich die Lunge aus dem Hals, weil es ihn vernaschen möchte.

Remington klettert auf die Bühne und geht in seine Ecke. Er zerrt seinen Umhang herunter, wobei er sämtliche Muskeln spielen lässt, und reicht ihn einem jungen blonden Mann, der der Assistent seines kahlen Coachs zu sein scheint.

»Und hier kommt für Sie, der Hammer!«

Hammer klettert ebenfalls auf die Bühne, und Remington lächelt träge. Sein Blick wandert direkt zu mir – und mir wird klar, dass er ganz genau weiß, wo ich an diesem Abend sitze. Noch immer mit diesem All-das-bin-ich-Lächeln zeigt er mit einem Finger auf Hammer und dann auf mich, als wollte er sagen: »Der ist für dich.«

Das Herz rutscht mir in die Hose.

»Scheiße, er macht mich fertig. Warum zum Teufel tut er das? Er ist so verdammt alpha, ich halte das nicht aus!«

»Melanie, reiß dich zusammen!«, fauche ich und lehne mich dann in meinem Stuhl zurück, denn mich macht er ebenfalls fertig. Ich weiß nicht, was er von mir will, doch ich fühle mich, als würde es mich gleich zerreißen. Niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass auch ichihn so unbedingt will.

Ich kann mich gar nicht losreißen von der Erinnerung, wie er erst vor wenigen Minuten neben mir gestanden hat, doch die Kampfglocke lässt mich hochschrecken. Die Kämpfer tänzeln aufeinander zu, und Remy täuscht eine Seitwärtsbewegung an, wobei Hammer dem Manöver folgt und dummerweise ausholt. Sobald Hammer seine Deckung öffnet, kommt Remington von links und schlägt ihm in die Rippen.

Die beiden schnellen auseinander, und Remington trumpft auf, täuscht an und bringt Hammer auf die Palme. Er dreht sich zu mir herum, zeigt erst auf Hammer, dann auf mich und trifft ihn mit solcher Wucht, dass der Kerl von dem Netz hinter ihm abprallt, auf die Knie fällt und den Kopf schüttelt, bevor er wieder aufsteht. Die Muskeln in meinem Unterleib verkrampfen sich jedes Mal, wenn er seinen Gegner trifft, und mein Herz macht einen Satz, wenn der einen Gegenschlag ausführt.

Im weiteren Verlauf des Abends verfährt er mit mehreren Gegnern auf die gleiche Weise. Jedes Mal wenn er zum Sieger erklärt wird, starrt er mich mit diesem selbstgefälligen Lächeln an, wie um noch einmal deutlich zu machen, wer hier das Sagen hat. Mein gesamter Körper zittert beim Anblick seiner geschmeidigen Bewegungen, und ich kann meine Fantasie gar nicht im Zaum halten. Ich stelle mir vor, wie er seine Hüften über mich schiebt, sein Körper auf meinem, wie seine großen Hände mich berühren, Haut an Haut. Seit ein paar Runden ist sein Blick sehr konzentriert und entschlossen, seine Brust hebt und senkt sich vor Anstrengung und glänzt vor Schweiß.

Und auf einmal will ich ihn wie nichts zuvor in meinem Leben.

Ich will etwas Verrücktes tun. Bungeejumping. Wieder rennen, wenn auch nur im übertragenen Sinn. All die Dates, die ich nicht hatte, weil ich für etwas trainiert habe, das nie stattgefunden hat. Fahrten, die ich nicht unternommen habe aus Angst, mir einen Knochen zu brechen. Kein Alkohol. Stets gute Noten, damit ich Leichtathletik machen konnte. Remington Tate ist alles, was ich nie getan habe, und in meiner Tasche steckt ein Kondom, und plötzlich weiß ich genau, warum ich es dort hineingetan habe. Der Typ ist ein Kämpfer. Ich will diese schöne Brust berühren und diese Lippen küssen. Ich will diese Hände auf mir haben. Wenn ich diese Hände auf mir spüre, werde ich wahrscheinlich in dem Moment kommen, in dem er in mich hineinstößt.

Das ist das intensivste Vorspiel, das ich je gespürt habe, und plötzlich will ich, dass es mehr als ein Spiel ist. Ich will, dass es heute Nacht passiert.

Als er zum zehnten und letzten Mal gewinnt, spüre ich erneut seinen Blick auf mir, und ich kann nicht anders, als zurückzublicken; er soll wissen, dass ich ihn will. Er lächelt mich an, schwitzend und triumphierend mit blitzenden Augen und Grübchen. Er packt das obere Seil des Rings, schwingt seinen Körper mühelos darüber und landet elegant vor mir im Durchgang.

Melanie neben mir erstarrt, als sein wohlgeformter und gebräunter Körper näher kommt.

Es gibt keinen Zweifel über sein Ziel.

Ich halte den Atem an, bis meine Lungen beinahe platzen, und stehe mit weichen Knien auf, weil ich nicht weiß, was ich sonst machen soll. Die Menge brüllt, und die Frauen hinter mir rufen laut.

»Los, küss ihn, zeig’s ihm!«

»Du verdienst ihn gar nicht, du Miststück!«

»Schnapp ihn dir, Mädchen!«

Er zeigt seine Grübchen, und ich warte auf seine Hände, als er sich über mich beugt. Ich kann beinahe spüren, wie sich diese Hände beim letzten Mal angefühlt haben, groß, fremd und irgendwie wunderbar, während sie mein Gesicht praktisch umschließen. Ich sterbe. Sterbe vor Lust. Vor Unbesonnenheit. Vor Erwartung.

Stattdessen beugt er seinen dunklen Kopf herunter, um etwas an meiner Schläfe zu flüstern, und er berührt mich allein mit seinem Atem, überzieht meine Haut mit Hitze, während seine raue Stimme in mein Ohr dringt: »Warte hier. Ich schicke dir jemanden.«

Er lächelt und weicht zurück, während die Menge johlt, und er klettert hinauf in den Ring und lässt mich blinzelnd zurück. Die Frau neben mir braucht zitternd und keuchend über eine Minute, bis sie herausbringt: »Ohmeingott, mein Gott, sein Ellbogen hat mich gestreift, sein Ellbogen hat mich gestreift!«

»RIPTIDE, LEUTE!«, ruft der Ansager.

Meine Knie werden weich, weich wie Schlagsahne, ich sinke auf den Stuhl und presse die Hände aneinander, damit sie nicht zittern. Mein Kopf ist so benommen, dass ich noch immer in dem Augenblick verharre, in dem er sich aus dem Ring geschwungen – und mir mit seiner sexy Stimme ins Ohr geflüstert hat, dass er mir jemanden schicken werde. Melanie sitzt mit offenem Mund da, und Pandora und Kyle starren mich an, als wäre ich eine Heilige, die gerade ein wildes Tier in die Knie gezwungen hat.

»Was zum Teufel hat er gesagt?«, fragt Kyle.

»Jesus, Maria und Josef«, sagt Melanie und umarmt mich quietschend. »Der Typ ist scharf auf dich.«

Die Frau neben mir berührt mit zitternder Hand meine Schulter. »Kennst du ihn?«

Ich schüttle den Kopf, weil ich nicht weiß, was ich sagen soll. Ich weiß nur, dass ich seit gestern nicht eine Sekunde lang nicht an ihn gedacht habe. Ich weiß nur, dass ich es hasse und liebe, wie ich mich seinetwegen fühle, und dass ich mich verzehre, wegen der Art, wie er mich ansieht.

»Miss Dumas«, sagt eine Stimme, und ich reiße den Kopf hoch zu den beiden Männern in Schwarz, die zwischen mir und dem Ring stehen. Beide sind groß und schlank; der eine ist blond, und der andere hat braune Locken. »Ich bin Pete, Mr Tates persönlicher Assistent«, sagt Braunlocke. »Und das ist Riley. Er ist der zweite Mann vom Coach. Wenn Sie uns bitte folgen wollen, Mr Tate würde gerne in seinem Hotelzimmer mit Ihnen sprechen.«

Erst einmal kapiere ich überhaupt nicht, wer Mr Tate sein soll. Dann dämmert es mir, und ein roter Blitz fährt durch mich hindurch. Er will dich in seinem Hotelzimmer. Willst du ihn? Willst du das tun? Ein Teil von mir treibt es in Gedanken bereits auf zehn unterschiedliche Weisen mit ihm, während sich ein anderer Teil nicht von diesem dämlichen Stuhl erheben mag.

»Ihre Freunde können mitkommen«, fügt der Blonde locker hinzu und zeigt auf das verdutzte Trio.

Ich bin erleichtert. Glaube ich jedenfalls. Hilfe, ich weiß nicht einmal, was ich fühle.

»Brooke, komm schon, es ist Remington Tate!« Melanie zieht mich gewaltsam hoch und zwingt mich, den Männern zu folgen, und mein Verstand beginnt zu rasen, weil ich nicht weiß, was ich tun werde, wenn ich ihn sehe. Mein Herz pumpt wie verrückt Adrenalin, während wir aus dem Underground zum Hotel auf der gegenüberliegenden Straßenseite geführt werden und dann mit dem Aufzug hinauffahren.

Eine leichte Nervosität durchzuckt mich, als der Aufzug zum obersten Stockwerk hinaufschwirrt, und ich fühle mich genauso wie beim Wettkampf. Es war eine Achterbahnfahrt, mir vorzustellen, wie dieser Mann in mir ist, und plötzlich bin ich so nah dran, dass es wahr werden könnte. Mein Magen verkrampft sich bei dem Gedanken, wie berauschend die Talfahrt sein könnte. One-Night-Stand, ich komme …

»Bitte sag mir, dass du dich nicht mit diesem Kerl einlassen wirst«, sagt Kyle mit sorgenvoller Miene, als die Türen aufgehen. »Das bist nicht du, Brooke. Du bist viel vernünftiger.«

Bin ich das?

Bin ich das wirklich?

Denn heute Abend fühle ich mich verrückt. Verrückt vor Lust und Adrenalin und wegen zwei sexy Grübchen.

»Ich will nur mit ihm reden«, erzähle ich meinem Freund, aber nicht einmal ich bin mir sicher, was ich da tue.

Wir folgen den beiden Männern in den vorderen Bereich der riesigen Suite. »Ihre Freunde können hier warten«, sagt Riley und zeigt auf die riesige Bar aus schwarzem Granit. »Bitte bedienen Sie sich.«

Als meine Freunde auf die glänzenden vollen Flaschen mit Alkoholika zusteuern, entfährt Melanie ein unmissverständliches Quieken, und Pete macht mir Zeichen, ihm zu folgen. Wir durchqueren den Raum und betreten das Hauptschlafzimmer. Ich sehe ihn auf der Bank am Fuß des Bettes sitzen. Sein Haar ist nass, und er drückt sich eine Packung Kühlgel auf die Wange. Der Anblick eines solchen Kraftpakets, wie dieser Mann die eigenen Verletzungen versorgt, nachdem er mit seinen Fäusten einen Gegner nach dem anderen erledigt hat, ist irgendwie unglaublich sexy.

Zwei Asiatinnen knien hinter ihm auf dem Bett und kneten jeweils eine Schulter. Er hat ein Handtuch um die Hüften geschlungen, und Wasser perlt noch immer auf seiner Haut. Drei leere Flaschen Gatorade liegen auf dem Boden, und eine weitere hält er in der Hand. Er wirft die Gelpackung auf den Tisch und trinkt das letzte Gatorade aus. Mit einem Schluck verschwindet die Flüssigkeit, die blau wie seine Augen ist, dann wirft er auch diese Flasche beiseite.

Fasziniert beobachte ich, wie seine Muskeln sich unter den Fingern der Frauen zusammenziehen und wieder entspannen. Ich weiß, dass man nach intensivem Training Massagen bekommt, doch was ich nicht weiß und nicht verstehen kann, ist, dass es mich so berührt, dabei zuzusehen.

Ich kenne mich aus mit dem menschlichen Körper. Ich verehre ihn. Er war sechs Jahre lang meine Kirche, bis ich entschied, dass eine andere Laufbahn für mich in Ordnung war, bis mir klar wurde, dass ich nicht mehr laufen würde. Und jetzt zucken mir die Finger, weil ich seinen Körper gerne berühren würde, jeden einzelnen Muskel fest drücken und wieder loslassen.

»Hat Ihnen der Kampf gefallen?« Er betrachtet mich mit einem übermütigen Lächeln und glitzernden Augen, als wüsste er, dass ich es geliebt habe.

Für mich ist es eine Art Hassliebe, ihn boxen zu sehen. Doch ich kann ihm einfach kein Kompliment machen, nachdem ich fünfhundert Leute habe rufen hören, wie phänomenal er ist, also zucke ich nur die Schultern. »Sie machen es interessant.«

»Ist das alles?«

»Ja.«

Er scheint verärgert zu sein, als er plötzlich die Masseurinnen abschüttelt. Er steht auf, rollt seine breiten Schultern und lässt dann die Halswirbel knacken, indem er den Kopf nach links und rechts neigt. »Lasst mich allein.«

Die beiden Frauen schenken mir ein Lächeln und huschen hinaus, und in dem Augenblick, in dem ich allein mit ihm bin, beschleunigt sich mein Atem.

Die Ungeheuerlichkeit, dass ich hier bin, in diesem Hotelzimmer, wird mir wieder bewusst, und plötzlich habe ich Angst. Er ist gebräunt, seine Arme mit den langfingrigen Händen hängen reglos herab, und Verlangen durchfährt mich, als ich mir vorstelle, wie sie über meine Haut gleiten.

Mein Körper pulsiert, und nur mit Mühe hebe ich meinen Blick zu seinem Gesicht und bemerke, dass er mich stumm anstarrt. Er legt eine Hand auf die andere und lässt die Fingerknöchel krachen, dann das Gleiche noch einmal umgekehrt. Er blickt aufgebracht hoch, als hätte er sich noch nicht genug damit verausgabt, ein halbes Dutzend Männer zu Boden zu schlagen. Als könnte er problemlos noch ein paar Runden absolvieren.

»Der Mann, der bei Ihnen ist«, sagt er und streckt die Finger, als wollte er den Blutfluss in Gang bringen, während er mich anschaut, »ist er Ihr Freund?«

Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was ich hier erwartet habe – aber schon etwas in der Art wie in seinem Bett zu landen. Ich bin verwirrt und ein wenig verängstigt. Was will er von mir? Was will ich von ihm?

»Nein, er ist nur ein Freund«, antworte ich.

Sein Blick schießt zu meinem Ringfinger und dann wieder zurück. »Kein Ehemann?«

Ein seltsames Prickeln schießt mir durch die Adern direkt in den Kopf, und ich denke, mir ist vom Geruch des Massageöls ein wenig schwindlig. »Kein Ehemann weit und breit.«

Er betrachtet mich ziemlich lang, doch er sieht nicht aus, als wäre er von Lust überwältigt, wie ich es peinlicherweise bin. Er taxiert mich lediglich mit einem kleinen Lächeln und lauscht neugierig dem, was ich sage: »Sie haben an einem Privatinstitut die jungen Athleten in der Reha betreut?«

»Sie haben Nachforschungen über mich angestellt?«

»Wir haben das getan«, sagen die Männer, die mich hierher gebracht haben, im Chor. Sie kommen gerade wieder herein, Pete hat einen Umschlag, den er Riley übergibt.

»Miss Dumas.« Wieder ist es Pete, der mit dem lockigen braunen Haar und den sanften braunen Augen, der zu mir spricht. »Sie fragen sich bestimmt, warum Sie hier sind, also kommen wir gleich zum Punkt. Wir verlassen in zwei Tagen die Stadt, und ich fürchte, daran können wir nichts mehr ändern. Mr Tate möchte Sie engagieren.«

Ich starre ihn einen Augenblick lang sprachlos und, ehrlich gesagt, total verwirrt an.

»Was genau soll ich tun?« Ich setze eine finstere Miene auf. »Ich bin keine Hostess.«

Sowohl Pete als auch Riley brechen in schallendes Gelächter aus, doch Remington ist beunruhigend still, während er sich wieder auf der Bank niederlässt.

»Sie haben uns ertappt, Miss Dumas. Ja, ich gebe zu, dass wir es auf Reisen für angemessen halten, ein oder mehrere spezielle Freunde von Mr Tate mitzunehmen, um, sagen wir, seine Bedürfnisse vor und nach dem Kampf zu befriedigen«, erklärt Pete lachend.

Meine linke Braue schießt nach oben. Wirklich, ich weiß genau, wie diese Dinge bei Athleten laufen.

Ich habe selbst bei Wettkämpfen mitgemacht und weiß, dass sowohl nach als auch vor dem Sport Sex eine natürliche und sogar gesunde Art ist, Stress abzubauen und die Leistung zu steigern. Ich habe meine Jungfräulichkeit bei der gleichen Qualifikation für Olympia verloren, bei der auch mein Knie seinen Geist aufgegeben hat, und ich habe sie an einen männlichen Sprinter verloren, der mindestens genauso nervös war wie ich, was Wettkämpfe betraf. Doch die lockere Art, in der diese Jungs über Mr Tates »Bedürfnisse« sprachen, fühlte sich auf einmal so persönlich an, dass mir vor Scham die Wangen brannten.

»Ein Mann wie Remington hat ziemlich spezielle Ansprüche, wie Sie sich vielleicht vorstellen können, Miss Dumas«, sagt Riley, der Blonde von den beiden, der wie ein Surfer aussieht. »Doch er hat ziemlich deutlich gemacht, dass er nicht länger an den Freunden interessiert ist, die wir für die Reise verpflichtet hatten. Er will sich auf das Wesentliche konzentrieren, weshalb er möchte, dass Sie für ihn arbeiten.«

Meine Eingeweide ziehen sich zusammen, während ich erst Riley, dann Pete und dann Remington anschaue, dessen Kinn noch eckiger wirkt, als ich es in Erinnerung habe, so als wäre es aus dem teuersten Granit der Welt gemeißelt.

Seine linke Gesichtshälfte ist leicht geschwollen, und instinktiv möchte ich die Gelpackung nehmen und sie ihm wieder auf die Wange legen. Verdammt, in Gedanken habe ich bereits Salbe auf die rote Stelle in der Mitte seiner Unterlippe aufgetragen. Die Vorstellung beschäftigt mich derart, dass mir klar wird, dass ich mir selbst nicht trauen kann – nicht bei jemandem, der so ungeheuer attraktiv ist wie er. Ich bin tatsächlich noch immer aufgeregt, nur weil ich mit ihm im gleichen Raum bin.

Pete blättert die Mappe durch. »Sie haben bei der Militärakademie von Seattle in der Reha für die mittleren Kader ein Praktikum absolviert, und wir sehen, dass Sie erst vor zwei Wochen Ihren Abschluss gemacht haben. Wir würden gern für die restliche Dauer der Tour, die noch acht Städte umfasst, Ihre Dienste in Anspruch nehmen und auch während des anschließenden Trainings für weitere Wettkämpfe. Ihre Bezahlung wird sehr großzügig ausfallen. Es bringt großes Prestige, einen so gefeierten Athleten zu betreuen, und wird in Ihrem Lebenslauf Eindruck machen. Es sollte Ihnen auch ermöglichen, in Zukunft, wenn Sie uns verlassen sollten, als freier Coach zu arbeiten«, sagt Pete.

Ich merke, wie ich mehrmals blinzle.

Voller Sorge habe ich mich um Jobs beworben, ohne bisher eine Rückmeldung bekommen zu haben. Das Institut, wo ich praktiziert habe, hat mir angeboten, im August zum Unterrichtsbeginn weiterzumachen, also habe ich zumindest diese Option. Allerdings ist es bis dahin noch eine Weile, und das entnervende Gefühl, einen Abschluss zu haben und nichts damit anzufangen, nagt an meinem Selbstvertrauen.

Plötzlich wird mir bewusst, dass alle mich anschauen; vor allem spüre ich Remingtons Blick.

Auf mir.

Bei der Vorstellung, für ihn zu arbeiten, nachdem ich in Gedanken bereits Sex mit ihm hatte, wird mir ganz flau.

»Ich muss darüber nachdenken. Ich will nicht für längere Zeit von Seattle weg.« Ich blicke erst ihn und dann die anderen beiden zögernd an. »Wenn das dann alles ist, was Sie mir sagen wollten, gehe ich jetzt lieber. Ich lege Ihnen eine Visitenkarte auf die Bar.« Ich drehe mich um, doch Remingtons Befehlston bringt mich dazu, stehen zu bleiben.

»Ich will jetzt eine Antwort«, stößt er hervor.

»Was?«

Als ich mich umdrehe, legt er den Kopf schief und hält meinem Blick stand, und das Glitzern in seinen Augen ist nicht mehr amüsiert. »Ich habe Ihnen einen Job angeboten, und ich will eine Antwort.«

Stille senkt sich herab. Wir starren uns gegenseitig an, dieser blauäugige Teufel und ich, und unser Blickwechsel ist kompliziert. Ich kann nicht sagen, ob er mich einfach nur anstarrt, oder ob es mehr ist. Etwas, das sich anfühlt wie ein lebendiges, atmendes Ding in mir, das sich aufbäumt, wenn ich ihn anschaue und diese intensiven Augen sehe.

Na schön. Vergiss die blöde Lust. Ich brauche das hier viel dringender. »Ich arbeite die drei Monate für Sie, solange die Tour noch dauert, wenn Hotelzimmer, Verpflegung und Reisekosten inklusive sind und Sie mir Empfehlungsschreiben für die nächste Bewerbung garantieren und ich bei anderen Klienten damit werben darf, dass ich für Sie gearbeitet habe.«

Als er mich nur anstarrt, drehe ich mich um, in der Annahme, dass er darüber nachdenken will. Doch wieder bringt mich seine Stimme dazu, stehen zu bleiben.

»In Ordnung.« Er nickt zustimmend, und mir ist ganz schwindlig vor Ungläubigkeit.

Er hat mich angeheuert?

Er ist mein erster Job?

Langsam steht Remington auf, wobei er das Handtuch an die Hüfte presst, damit es nicht herunterrutscht, und blickt seine Männer an. »Aber ich will es schwarz auf weiß, dass sie die Tour nicht vor dem Ende verlässt.«

Er befestigt sein Handtuch, wobei seine Muskeln auf eine Weise spielen, die ich kaum ignorieren kann, und wieder sieht er aus wie ein wildes Raubtier auf der Pirsch, wobei sein selbstsicheres Lächeln diesen Eindruck noch verstärkt. Und er weiß, dass mich dieses Lächeln aus der Fassung bringt. Auweia, und wie es mich aus der Fassung bringt. Ich blicke auf einen über einen Meter achtzig großen Muskelberg mit eingeölter glänzender Haut und einem Eightpack, das anatomisch eigentlich unmöglich ist. Aber wie soll ich es leugnen, wenn es da ist? Gott!

Mein Herz macht einen Satz, als er meine Hand mit einer seiner riesigen Pranken umfasst und den Kopf senkt, um mich anzuschauen. Während er sie kräftig drückt und mich die Berührung wie ein Elektroschock durchfährt, flüstert er: »Wir haben einen Deal, Brooke.«

Ich habe das Gefühl, ohnmächtig zu werden.

Er tritt zurück, und sein Lächeln ist wie ein Stromstoß, geladen mit tausend Megawatt, dann dreht er sich zu seinen Männern um. »Machen Sie bis morgen einen Vertrag, und sorgen Sie dann dafür, dass Sie gut nach Hause kommt.«

Als mich Melanie kommen sieht, springt sie vom Tresen, die pure Neugier im Blick. Ich meine zu sehen, wie sie eine Miniflasche in ihrer Clutch-Bag verschwinden lässt. »Was ist? War das ein Quickie? Ich dachte, der Mann hätte mehr Stehvermögen«, sagt sie aufreizend.

»Mann, er hat gerade erst zehn Männer k.