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Predigen ist Real Talk! Also kein inhaltleeres Gerede, sondern eine ehrliche, persönliche und authentische Art, von Gott und seiner Beziehung zu uns Menschen zu sprechen. Dieses Buch bietet nicht nur eine Reflexion über homiletische Fragen für Jugendliche, sondern geht einen Schritt weiter: Es setzt auf Partizipation und zeigt, wie Jugendliche selbst zu Verkündiger:innen werden können. Dabei werden entwicklungspsychologische und lebensweltliche Besonderheiten berücksichtigt, um Verkündigungsformen zu schaffen, die den Ansprüchen der jungen Generation gerecht werden. Mit grundlegenden Überlegungen und praxiserprobtem Handwerkszeug für eine zeitgemäße Jugend-Homiletik begleitet es durch den Prozess der Themenfindung und Predigtvorbereitung bis hin zur Verkündigung. Die zahlreichen Praxisbeispiele, Materialhinweise und Tipps unterstützen die erfolgreiche Umsetzung in der Gemeinde- und Jugendarbeit. Besonderes Highlight: ein vollständig vorgeplanter Workshop-Entwurf, um Jugendliche zum Predigen zu befähigen. Das Buch ist Band 6 aus der Reihe Beiträge zur Missionarischen Jugendarbeit (BMJ).
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Seitenzahl: 383
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Felix Eiffler | Katharina Haubold | Florian Karcher
Real Talk TMit Jugendlichen predigen
Die Beiträge zur missionarischen Jugendarbeit (BMJ) werden herausgegeben vom Institut für missionarische Jugendarbeit der CVJM-Hochschule in Kassel.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.
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© 2024 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn
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Umschlaggestaltung: Umschlaggestaltung: Grafikbüro Sonnhüter, www.grafikbuero-sonnhueter.de, unter Verwendung eines Bildes © brad-neathery (unsplash.com)
DTP: dtp studio eckart | Jörg Eckart, Frankfurt am Main
Verwendete Schrift: Scala Pro
eBook: PPP Pre Print Partner GmbH & Co. KG, Köln, www.ppp.eu
Printed in Germany
ISBN 978-3-7615-7005-0 Print
ISBN 978-3-7615-7006-7 E-Book
www.neukirchener-verlage.de
Einleitung
Ist das Thema Predigt für Jugendliche und Jugendarbeit überhaupt noch relevant? Ist eine Form der Evangeliumskommunikation, die schwerpunktmäßig auf Reden und Hören setzt, ein verstaubtes Image hat und mit der Attraktivität und Zugänglichkeit zahlreicher digitaler Angebote nicht mithalten kann, nicht überholt? Diese Fragen haben sich die Autor:innen dieses Buches gestellt, als die Idee dazu aufkam. Zumindest der Blick in die Praxis der Jugendarbeit und das Gespräch mit vielen Menschen, die in diesem Bereich aktiv sind, haben deutlich gemacht, dass das Predigen oder vielleicht allgemeiner gesagt, Wortverkündigung, nach wie vor ein wichtiger Bestandteil verschiedener Angebote in der christlichen Arbeit mit Jugendlichen ist. Die Frage ist also nicht, ob es noch Predigt braucht, sondern wie Predigt so gestaltet werden kann, dass sie für Jugendliche relevant und attraktiv ist. In zahlreichen Jugendgottesdiensten, bei Jugendwochen oder Jugendevangelisationen, auf Jugendfreizeiten und in den Jugendgruppen findet solche Verkündigung statt. In diesem Buch soll die Frage nach der Predigt in diesen Situationen beleuchtet werden.
Mehr als Predigen
Der Fokus dieses Buches liegt auf dem Predigen und der Begriff Predigt oder das Verb „predigen“ werden durchgängig verwendet. Als Predigt wird dabei vor allem eine Verkündigung verstanden, die auf gesprochenen Worten basiert und bei der in aller Regel ein:e Prediger:in und eine Gruppe von Jugendlichen als Hörer:innen beteiligt sind. Die Predigt zeichnet sich außerdem dadurch aus, dass es sich um eine etwas umfangreichere Form der Verkündigung handelt, die in der Regel mehrere Minuten dauert. Dabei muss die Predigt auch nicht Predigt heißen, manchmal ist in der Arbeit mit Jugendlichen auch von Input, Impuls oder Message die Rede. In der Praxis der Jugendarbeit gibt es daneben vergleichbare Formate wie z. B. die Andacht. Auch wenn dieses Buch eher für Predigten konzipiert wurde, ist an vielen Stellen die kleine Schwester der Predigt, die Andacht mitgedacht und Inhalte lassen sich auch auf diese Verkündigungsform übertragen. Und natürlich wird Predigt heute auch so verstanden, dass sie kurz und kompakt sein kann, dass sie neben dem gesprochenen Wort Anschauungsmöglichkeiten und Interaktion bietet. Und an vielen Stellen geht es dabei auch um eine Grundhaltung, die allen Verkündigungsformen zugrunde liegen kann.
Mit Jugendlichen predigen
Im Titel des Buches und auch in den Texten sprechen wir davon, „mit Jugendlichen“ zu predigen. Das „mit“ steht dabei für eine bestimmte Grundhaltung in der Predigtarbeit. Es geht um die Überzeugung, dass relevante Predigten für Jugendliche die Jugendlichen selbst konsequent einbeziehen sollten. Dieser Einbezug kann ganz unterschiedlich aussehen. Er kann eher theoretisch sein, indem man die Sichtweisen von Jugendlichen in der Predigtarbeit konsequent mitbedenkt und berücksichtigt. Es kann ein Einbeziehen der Jugendlichen im Prozess der Predigtvorbereitung sein, um jugendliche Perspektiven stärker darin zu berücksichtigen. Und der Einbezug kann auch so aussehen, dass Predigten gemeinsam mit Jugendlichen gestaltet werden oder Jugendliche befähigt werden, selbst zu Prediger:innen zu werden. Das Buch ist also sowohl dafür entstanden, Predigten für Jugendliche vorzubereiten (und sie dabei einzubeziehen), als auch erste Möglichkeiten zu finden, Jugendliche selbst zum Predigen zu befähigen. In allen Fällen geht es aber nicht darum, dass erwachsene Menschen sich darüber Gedanken machen, was der Jugend von heute denn gut mitzuteilen sei, sondern darum, Jugendliche in der Predigt mitzunehmen, also „mit Jugendlichen zu predigen“. Egal ob eine Predigt von Erwachsenen für Jugendliche gehalten wird, Jugendliche an der Vorbereitung beteiligt sind oder selbst zu Predigenden werden, in jedem Fall sollten Predigende Predigten als Dialog verstehen und diese auch so gestalten. Deshalb wird in diesem Buch konsequent von „mit Jugendlichen predigen“ und „Predigten mit Jugendlichen“ die Rede sein.
Real Talk
Ein zentrales Anliegen dieses Buches ist es, dass Predigten „Real Talk“ sind, also ein Gespräch auf Augenhöhe, bei dem offen und ehrlich kommuniziert wird und das Gegenüber ernst genommen wird. Bei Real Talk geht es um existenzielle Dinge, um Fragen des Lebens und des Glaubens. Deshalb wird im Real Talk wahrhaftig und echt gesprochen. Bei Real Talk geht es nicht darum, jemanden mit rhetorischen Mitteln zu beeinflussen, und es geht nicht darum, sich über Nichtigkeiten und Nebensächlichkeiten auszutauschen, sondern Themen und Kommunikationswege so zu gestalten, dass sie von Bedeutung sind. Damit sind zwei Ebenen angesprochen: Auf der inhaltlichen Ebene soll der Begriff Real Talk in diesem Buch beschreiben, dass es um relevante Lebensthemen und eine gute Botschaft, ein Evangelium geht, das mitten ins Leben hineinspricht und den Anspruch hat, real zu sein. Kommunikativ geht es bei Real Talk um Augenhöhe, um Ehrlichkeit und Echtheit. Wenn Jugendliche Predigten als Real Talk wahrnehmen, hat diese Verkündigung die Chance, wahr- und ernstgenommen zu werden und im besten Fall eine lebensverändernde Wirkung zu entfalten. Diese Wirkungen und Haltungen können in vielen verschiedenen Predigtmodellen und auf unterschiedliche Art und Weise entstehen. In diesem Buch stellen wir aber auch ein Modell vor, das wir Real-Talk-Modell nennen, weil wir es als hilfreich dafür erachten, in einen solchen Real Talk mit Jugendlichen zu kommen. Damit soll nicht gesagt sein, dass dies nicht auch in anderen Predigtschemata gelingen kann.
Birgit Mattausch drückt in ihrem, vom Lyriker Mátyás Dunajcsik inspirierten, am 17. März 2024 auf Facebook veröffentlichten Text aus, was wir mit Real Talk meinen:
„Ich will Predigten, die ohne Jacke durch den Regen gehen.
Solche mit nassen Füßen
denen die Mascara verläuft.
Ich will Predigten, die auf Besen reiten können
Fliegende Predigten
Ich will welche, die verwandt sind mit Krähen, mit Tauben, mit Rotmilanen
Gefiederte Predigten
die sich zusammentun in Schwärmen, in Rudeln, in Gangs
Ich will Predigten, die ganz leise sind.
aus lauter Stille gemacht
Die mehr hören als sagen.
Ich will Predigten ohne Prüfung ohne Amt ohne Talar
Predigten in Tüllkleidern in Pyjamas in Jogginganzügen mit gefälschtem Guccilogo
Predigten, die wissen, wie man Klos putzt, wie man Kinder in den Schlaf wiegt, wie man Toten die Hände faltet.
Ich will Predigten, die über den See fahren und eine Spur hinterlassen
Predigten, die immer ein Stück Brot in der Tasche haben, ein Feuerzeug, ein Taschenmesser, einen Apfel
Die das Brot mit dir teilen und den Apfel in Stücke schneiden.
Die dich nach einer Zigarette fragen
Ich will Predigten, die vergessen haben, dass sie Predigten sind.“
Theorie und Praxis
Dieses Buch ist für die Praxis geschrieben und basiert auf umfangreichen theoretischen Überlegungen zum Predigen. Beides gehört zusammen. Es gibt hunderte, ja tausende Jahre Erfahrung und Tradition mit dem Predigen und auch aktuell wird rund um das Predigen geforscht und nachgedacht. Diese Erkenntnisse aus der Homiletik, also der Theologie des Predigens, Kommunikationstheorie und Sozialwissenschaft fließen in diesem Buch immer wieder in die Überlegungen ein und sollen helfen, über zentrale Fragen des Predigens nachzudenken. Der Fokus liegt dabei immer auf der Praxisrelevanz, und es werden ganz konkrete Methoden und Hilfestellungen gegeben, wie in der Praxis der Jugendarbeit gepredigt werden kann, wie eine Predigt vorbereitet wird und was für die Predigt-Performance wichtig ist. Alle Leser:innen sind eingeladen und aufgefordert, sich sowohl dem theoretischen Nachdenken mit dem Ziel, eine Haltung für das Predigen zu entwickeln, als auch dem praktischen Durchführen und Ausprobieren gleichermaßen zu stellen.
Aufbau des Buches
Dieser Theorie-Praxis-Transfer wird auch im Aufbau des Buches deutlich. In den Kapiteln 1 bis 3 wird der Schwerpunkt auf den theoretischen Überlegungen und Reflexionen liegen. Dabei geht es im Kapitel 1 (Felix Eiffler) darum, wie das Predigen theologisch zu begründen ist, und warum Predigt immer noch eine relevante Form der Kommunikation des Evangeliums ist. Im Kapitel 2 (Florian Karcher) liegt der Fokus auf jugendlichen Lebenswelten und es wird danach gefragt, was die Besonderheit der Predigt für diese Altersgruppe ist. Danach wird im Kapitel 3 (Felix Eiffler) der Frage nachgegangen, was der Inhalt der Predigt ist und welche Themen und Inhalte im Fokus der Verkündigung stehen können.
In den Kapiteln 4 bis 7 wird dann die Praxisperspektive stärker und das Buch bietet eine durchgängige Anleitung und Hilfestellung für den Predigtprozess. Es begleitet Menschen, die mit Jugendlichen predigen, von der Vorbereitung in Kapitel 4 (Florian Karcher) über die Entwicklung und das Schreiben der Predigt im Kapitel 5 (Katharina Haubold) bis hin im Kapitel 6 (Katharina Haubold) zu dem Moment, in dem die Predigt gehalten wird. Im 7. Kapitel (Katharina Haubold) wird dann der Fokus noch einmal darauf gerichtet, wie Jugendliche selbst zum Predigen befähigt werden können. Dazu findet sich dort ein Konzept für einen Workshop, der dabei unterstützen kann.
Praktisch ist das Buch auch dadurch, dass im gesamten Buch kleine Ausschnitte aus echten Predigten verwendet werden, um bestimmte Aspekte aufzuzeigen und deutlich zu machen. Es handelt sich um Ausschnitte aus Predigten, die die Autor:innen selbst gehalten haben oder andere Menschen, die Erfahrung in der Arbeit mit Jugendlichen haben. Diese Beispiele sind nicht immer perfekt, genauso wie Real Talk nicht immer perfekt ist, aber sie dienen in diesem Buch dazu, bestimmte theoretische Aspekte oder bestimmte Techniken der Predigt deutlich zu machen und zu veranschaulichen.
Außerdem gibt es in jedem Kapitel unter der Überschrift „Do it!“ Praxishinweise. Diese können ganz unterschiedlich sein. In manchen Fällen sind es Reflexionsfragen, die die eigene Predigtpraxis oder die Haltung zur Predigt hinterfragen sollen, und an anderer Stelle sind es ganz konkrete praktische Tipps, Methoden oder Materialhinweise.
Hinweise zum Text
Englische Zitate haben wir mit Hilfe von DeepL übersetzt. Die Quellenangaben beziehen sich demzufolge bei englischen Zitaten auf die englische Veröffentlichung.Wenn nicht anders angegeben, entstammen Bibelzitate der BasisBibel.Für die unterschiedlichen Kapitel haben die drei Autor:innen des Buches jeweils schwerpunktmäßig Verantwortung übernommen (namentliche Nennung in Klammern) und den größten Teil der Texte verfasst. Auch wenn die Inhalte und Stile angeglichen und aufeinander abgestimmt wurden, können an einigen Stellen die unterschiedlichen Stile zu erkennen sein.Danke
Wir danken allen herzlich, die uns bei der Entstehung dieses Buches unterstützt haben – durch Austausch über das Predigen mit Jugendlichen, durch das Teilgeben an Erfahrungen, Ideen und Überlegungen, durch das Herzblut, das sie in der Arbeit mit Jugendlichen in die Verkündigung stecken.
Wir danken Mirja Wagner für die großartige Unterstützung durch das Lektorat, Jason Liesendahl für das Umsetzen von Ideen in Grafiken, Esther Hermann für die Formatierung und Ruth Atkinson für die Ermöglichung, Ermutigung und Geduld vonseiten des Verlags.
Ein großes Danke geht auch an Andrea, Dina, Felicia, Julia, Kai, Regina, Simon, Felix und Tim für die Erlaubnis, ihre Predigtbeispiele abzudrucken.
Und wir danken allen, die sich in die Arbeit mit Jugendlichen einbringen und mit ihnen die Ideen Gottes für diese Welt entdecken, erkunden, sie diskutieren und in Predigten mit den Jugendlichen erlebbar machen.
1. Warum predigen wir überhaupt (noch)?
Was dich erwartet
Dieses Kapitel widmet sich der Predigt, indem es sich mit den theologischen und lebensweltlichen Begründungen für diese Form der Wortverkündigung auseinandersetzt und ihr Potenzial für die Jugendarbeit aufzeigt. Gleichzeitig wird es um die Frage gehen, inwiefern diese Form christlicher Kommunikation für Jugendliche relevant ist. Darüber hinaus werden wir einen Blick auf die Herausforderungen werfen, die durch eine Kultur der Digitalität entstehen, und uns fragen, wie wir darauf reagieren können.
Wieso eigentlich predigen?
Warum sollten wir uns eigentlich mit dem Thema Predigt beschäftigen? Was ist so besonders daran, dass jemand eine Rede vorbereitet und diese dann vor einer meist kleineren Gruppe von mehr oder weniger interessierten Menschen hält? Ist nicht gerade mit Blick auf Jugendliche dieses Format längst überholt? Wäre es heutzutage nicht deutlich sinnvoller, ein Buch darüber zu schreiben, wie man das Evangelium mithilfe der sozialen Medien kommunizieren kann? Man könnte auch einen Podcast zum Thema „Was glauben Jugendliche?“ (oder so ähnlich) produzieren. Wäre das nicht hilfreicher? Warum hängt die Kirche so an dieser Form der Kommunikation?
Die Kurzversion der Antwortet lautet: weil Predigt etwas kann, nämlich Menschen mit Gott verbinden. Oder anders gesagt: Gott kann Menschen durch eine Predigt ansprechen. Zumindest haben Menschen das immer wieder erlebt, häufig sogar ohne dass sie es erwartet haben.
Aber eins nach dem anderen: Das erste Kapitel dieses Buches geht der Frage nach, was das Besondere an der Kommunikationsform Predigt ist. Dabei soll es nicht nur um die theologischen Argumente gehen, sondern auch um die praktischen. Und ja, auch die Herausforderungen sollen nicht verschwiegen werden.
Do it!
Such und sammle Argumente:
Was spricht aus deiner Sicht für das Format Predigt?Was spricht aus deiner Sicht gegen das Format Predigt?Wieso wir (immer noch) predigen: Die theologischen Gründe
Um das Potenzial der Predigt zu beschreiben, müssen wir einen kleinen Ausflug in die Dogmatik, also das Nachdenken über unseren Glauben, und in die Schweiz machen. Der Schweizer Theologe und Dogmatiker Karl Barth (1886–1968) hat das Wort Gottes in drei verschiedenen Gestalten entdeckt:
das offenbarte, das geschriebene unddas verkündigte Wort Gottes (vgl. Barth 1952: 89–128).Die grundlegende Größe ist das in und durch Jesus Christus offenbarte Wort Gottes. Am Beginn des Johannesevangeliums heißt es:
„Von Anfang an gab es den, der das Wort ist. Er, das Wort, gehörte zu Gott. Und er, das Wort, war Gott in allem gleich. Dieses Wort gehörte von Anfang an zu Gott. Alles wurde durch dieses Wort geschaffen. Und nichts, das geschaffen ist, ist ohne dieses Wort entstanden. […] Er, das Wort, wurde ein Mensch. Er lebte bei uns, und wir sahen seine Herrlichkeit. Es war die Herrlichkeit, die ihm der Vater gegeben hat – ihm, seinem einzigen Sohn. Er war ganz erfüllt von Gottes Gnade und Wahrheit.“ (Johannes 1,1–3 und 14)
Ganz am Anfang war – Gottes Wort. Der hier im Griechischen verwendete Begriff kann aber nicht nur mit ‚Wort‘ übersetzt werden, sondern auch mit Sache, Logik und Sinn. Das bedeutet, dass in diesem Wort der Sinn bzw. die Logik der Welt zum Vorschein kommt. Aber mehr noch: Dieses Wort Gottes ist Gott in allem gleich. Man könnte auch sagen, dieses Wort Gottes ist Gott selbst. Alles, was Gott geschaffen hat, hat er durch dieses Wort geschaffen. Und dann passiert das Unglaubliche: Gottes Wort wird Mensch. Gott zeigt sich, offenbart sich. Er zeigt sein Gesicht und wird Mensch. Dieser Mensch heißt Jesus von Nazareth und er ist Gottes Wort an die Menschen. Gottes Einladung an uns. Gottes Weg, mit uns Kontakt aufzunehmen. In Jesus begegnet uns Gottes Wort in seiner reinsten und klarsten Form. Er verkörpert Gottes Wesen und Gottes Willen. Der Hebräerbrief beginnt mit dieser Feststellung:
„Viele Male und auf vielfältige Weise hat Gott einst durch die Propheten zu den Vorfahren gesprochen. Jetzt, am Ende dieser Zeit, hat er durch seinen Sohn zu uns gesprochen. Ihn hat er zum Erben von allem eingesetzt. Durch ihn hat er auch die Welt geschaffen.“ (Hebräer 1,1–2)
Jesus von Nazareth ist also die erste Gestalt des Wortes Gottes und von genau diesem Wort wiederum spricht die Bibel. Sie stellt uns Gottes Wort vor und zeigt uns Jesus, den Sohn Gottes. Dabei läuft alles, was wir im Alten Testament lesen, auf diese Menschwerdung Gottes hinaus.
Werfen wir einmal einen kurzen Blick in die verschiedenen Bücher der Bibel: Schauen wir in die Geschichtsbücher des Alten Testaments, dann begegnet uns Gott dort als Schöpfer und Bündnispartner. Wir lesen von einem liebenden und eifersüchtigen Gott, der einzelne Menschen erwählt und beruft. Aus Einzelnen wird eine Bewegung und schließlich ein ganzes Volk. Die Psalmen zeugen von einem intensiven und das ganze Leben umfassenden Gespräch zwischen Gott und Menschen. Die Bücher der Propheten wiederum zeugen von Gottes Versuchen, mit seinem Volk Kontakt aufzunehmen, sowie Gottes Protest gegen gesellschaftliche Missstände und soziale Ungerechtigkeit. Immer wieder taucht dabei eine besondere Figur auf: ein von Gott Gesandter und Beauftragter. Einer, der Gottes Willen zeigt und durchsetzt. Im Neuen Testament stellen uns die vier Evangelien dann das Leben und die Botschaft von Jesus vor. Weihnachten und Ostern sind nicht ohne Grund die wichtigsten Feste der Christenheit. Die Apostelgeschichte zeichnet anschließend die Entstehung der ersten Gemeinden nach und die Briefe an die Gemeinden reflektieren das Wunder von Weihnachten und Ostern und ziehen praktische Konsequenzen daraus. Das letzte Buch des Neuen Testamentes zeichnet das Bild einer erneuerten Erde und eines erneuerten Himmels in der Nähe Gottes. Die Bibel – dieses geschriebene Wort – ist die zweite Gestalt des Wortes Gottes an uns Menschen.
In der Predigt bzw. der kirchlichen Verkündigung ist von genau diesem Wort Gottes die Rede, denn eine Predigt legt in der Regel biblische Texte aus. Sie kommuniziert das Wort Gottes, und zwar auf Grundlage und im Austausch mit der Bibel und ihren Geschichten. So verbinden sich in der Predigt die drei genannten Gestalten des Wortes Gottes miteinander: Das verkündigte Wort legt das geschriebene Wort aus und tut dies in der Erwartung, dass das geoffenbarte Wort Gottes – der Auferstandene Jesus Christus – die Menschen anspricht. Somit gehören die drei Gestalten eng zusammen: Die Offenbarung Gottes wird durch die Auslegung der Bibel immer wieder neu erfahren. Das Spannende ist, dass Gott sich eines schlichten Vorgangs bedient: Ein Mensch bereitet einen Vortrag vor, hält diesen vor anderen und mitten in diesem Geschehen spricht Gott die Hörenden an. Das ist das besondere Potenzial der Predigt.
In allen drei Gestalten des Wortes Gottes kann man einen Wesenszug Gottes entdecken: Bescheidenheit und Unaufdringlichkeit. Gott ist sich nicht zu schade, durch einfache, irdisch-menschliche Dinge zu wirken. Er wird Mensch und das mit allen Aspekten und Herausforderungen, die das mit sich bringt. Er spricht durch ein Buch, das Menschen (im Rahmen ihrer Möglichkeiten) geschrieben haben und das tief im Kontext seiner Zeit und Kultur verankert ist. Und schließlich spricht Gott durch Predigten, also durch die Worte von normalen Menschen mit all ihren Grenzen, Vorurteilen, Kurzschlüssen und Irrtümern. Interessant ist nun, dass Gott auch an anderen Orte so handelt: Wenn ein Mensch in einen See steigt oder vor einen Taufstein tritt (bzw. getragen wird). Wenn ein Mensch im Abendmahl Brot isst und Wein oder Saft trinkt. Dann nimmt Gott etwas sehr Konkretes und Einfaches und handelt dadurch an uns Menschen.
Do it!
Überleg mal für dich selbst:
Auf welche Weise hat Gott dich bisher angesprochen?Welche Gestalt des Wortes Gottes ist dir am meisten vertraut?Was macht eine Predigt zur Predigt?
Eine Predigt geschieht in einem bestimmten Setting, bei dem drei Dinge zusammenkommen:
die Bibel als Text, der ausgelegt wird,die Person, die predigt und die Menschen, die die Predigt hören und sich damit auseinandersetzen.Michael Giebel (vgl. Giebel 2009: 313–319) spannt dieses Dreieck zu einer Pyramide auf, indem er eine vierte Dimension berücksichtigt: Gottes Wirken in dem Prozess des Predigens, und so wird aus dem Dreieck eine Pyramide (vgl. Abb. 1). Natürlich kann das Handeln Gottes weder herbeigeführt noch vorhergesagt werden. Aber es kann erbeten, erhofft und erwartet werden. In diesem Raum, der sich zwischen den vier genannten Größen aufspannt, ereignet sich eine Predigt. Man kann auch von einem Predigtprozess sprechen.
Der Text für eine Predigt stammt aus der Bibel, also aus den Büchern des Alten und Neuen Testaments. Diese Sammlung von Büchern gilt nach evangelischem Verständnis als das geschriebene Wort Gottes, welches sich durch seinen Bezug zum dreieinen Gott, durch seine historische Qualität und seine Wirkung im Leben der Menschen auszeichnet. Eine Kenntnis dieser Texte (Sprache, historisch-kultureller Kontext etc.) ist Voraussetzung für eine gelingende Predigt. Nicht jede Person, die predigt, muss Theologie studiert haben. Eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Text ist auch ohne theologische Qualifikation möglich und in jedem Fall wichtig. Dazu gibt es viele Hilfsmittel, die nicht nur für theologisch ausgebildete Menschen hilfreich sind. Eine Liste mit (digitalen) Hilfsmitteln und Tipps zur Anwendung findest du in Kapitel 4.Die Person, die predigt, spielt ebenfalls eine wichtige Rolle, denn jeder Mensch ist durch einen bestimmten sozialen und kulturellen Kontext geprägt. Diese Prägung kann man nicht einfach ablegen, sondern sie wirkt sich auf eine Predigt aus. Das eröffnet Chancen, kann aber auch ein Hindernis darstellen, wenn man sich z. B. (nicht) so gut mit den Hörenden identifizieren kann. Umso bewusster man sich dessen ist, desto besser, denn letztlich legt niemand die Bibel „neutral“ aus. Vielmehr trägt man sich selbst immer in die Auslegung mit hinein.Auch die Menschen, die eine Predigt hören, spielen im Predigtprozess eine Rolle. Sie bringen ihre persönliche Prägung, Sprache, Bildung und Kultur mit. All das hat einen Einfluss auf ihr Verständnis der Predigt. Sie eignen sich die Predigt an, nehmen dabei das Gehörte selektiv wahr und interpretieren dies vor dem Hintergrund ihrer eigenen Geschichte. Damit eine Predigt kommunikativ gelingt, ist es wichtig, dass man die Menschen kennt, die an dem Predigtprozess teilnehmen. Umso besser man weiß, wer vor einem sitzt/steht, desto höher die Chance, dass das Gesagte die Menschen und deren Leben berührt und für sie relevant wird.Schließlich öffnet sich das Dreieck zur Pyramide, wenn man die göttliche Dimension berücksichtigt. Diese Perspektive ist entscheidend, denn: Eine Predigt ohne Gottes Wirken bleibt letztlich eine gewöhnliche menschliche Rede. Erst wenn der Geist Gottes die Worte und Wahrheiten, Zusagen und Zumutungen sowie Träume und Tröstungen der Bibel in das Herz der Hörenden hineinspricht, kommt eine Predigt an ihr Ziel – und dieses kann kein Mensch bewirken. Doch die Tatsache, dass eine Predigt immer wieder Menschen in ihrem Innersten berührt, zeigt, dass nach wie vor großes Potenzial in ihr steckt.Abb. 1: Die homiletische Pyramide (eigene Grafik nach Giebel 2009: 317)
Die Predigt ist ein Prozess, der Beziehungen zwischen den skizzierten Elementen der Pyramide aufbaut. Dass das Gelingen des Predigtprozesses dabei letztlich von Gott abhängt, ist eine gute Nachricht. Denn dies bewahrt die Predigt vor Manipulation oder Übergriffigkeit. Eine gelingende Predigt lebt davon, dass die vier Dimensionen der Pyramide berücksichtigt und respektiert werden. Jede hat ihren Platz und nur zusammen bilden sie das Geschehen einer Predigt. Man kann die Predigt auch als eine spannungsvolle Kommunikation verstehen bzw. als Kommunikation in Spannungen z. B. zwischen Gottes Wort und Menschenwort oder zwischen Intention und Rezeption (vgl. Eiffler / Herbst / Schneider 2022: 9–32). Dazu schreibt der Schweizer Theologe Rudolf Bohren: „Die Spannung zwischen dem Machbaren der Predigt und dem nicht herzustellenden Wunder ist nicht aufzulösen“ (Bohren 1971: 32).
Predigt und die Kommunikation des Evangeliums
Der Berliner Theologe Ernst Lange (1927–1974) hat vor rund 50 Jahren folgende Sätze geschrieben und damit eine nachhaltige Debatte angestoßen:
„Wir sprechen von Kommunikation des Evangeliums und nicht von ‚Verkündigung‘ oder gar ‚Predigt‘, weil der Begriff das prinzipiell Dialogische des gemeinsamen Vorgangs akzentuiert und außerdem alle Funktionen der Gemeinde, in der es um die Interpretation des biblischen Zeugnisses geht – von der Predigt bis zur Seelsorge und zum Konfirmandenunterricht – als Phasen und Aspekte ein und desselben Prozesses sichtbar macht.“ (Lange 1981: 101)
Die Formulierung „Kommunikation des Evangeliums“ hat sich seitdem etabliert und wird auch gebraucht, um den Predigtprozess zu beschreiben. Die Predigt stellt gewissermaßen eine Unterkategorie bzw. spezifische Form der Kommunikation des Evangeliums dar.
Das bedeutet, dass sich die Predigt – so wie jede Form der Kommunikation des Evangeliums – um die Verbindung zweier Welten bemüht: die Welt des Textes und die Welt derjenigen, die eine Predigt hören. Lange schreibt dazu:
„Predigen heißt: Ich rede mit dem Hörer über sein Leben. Ich rede mit ihm über seine Erfahrungen und Anschauungen, seine Hoffnungen und Enttäuschungen, seine Erfolge und sein Versagen, seine Aufgaben und sein Schicksal. Ich rede mit ihm über seine Welt und seine Verantwortung in dieser Welt, über die Bedrohungen und Chancen seines Daseins. Er, der Hörer, ist mein Thema, nichts anderes; freilich: er, der Hörer vor Gott. Aber das fügt nichts hinzu zur Wirklichkeit seines Lebens, die mein Thema ist, es deckt vielmehr die eigentliche Wahrheit dieser Wirklichkeit auf.“ (Lange 1982: 57f.)
Die Predigt nimmt beide Welten sowohl je für sich als auch in Beziehung zueinander ernst. Man darf hier keine Abkürzung nehmen, sondern sollte sich intensiv sowohl um die Wahrnehmung des Textes als auch der Lebenswelt sowie die Verbindung beider Welten bemühen.
Lange schreibt weiter
„Ich rede mit dem Hörer über sein Leben nicht aus dem Fundus meiner Lebenserfahrung, meiner größeren Bildung, meiner tieferen Weisheit, meiner religiösen Inspiration. Ich rede mit ihm über sein Leben im Licht der Christusverheißung, wie sie in der Heiligen Schrift bezeugt ist. Und d. h. letztlich: Ich rede mit ihm auf Grund von biblischen Texten. Aber es wird genau zu überlegen sein, was das bedeutet und welche Rolle der biblische Text in meiner Bemühung, mich mit meinem Hörer zu verständigen, tatsächlich spielt. Der Hörer soll verstehen, dass der Gott, für den Jesus spricht, der Herr der Situation, der Herr auch seiner spezifischen Lebenssituation ist.“ (Lange 1982: 57f.)
Damit beschreibt Lange die anspruchsvolle und herausfordernde Aufgabe einer Predigt. Damit diese gelingt, müssen Menschen, die predigen, möglichst in beiden Welten zu Hause sein und eine kommunikative Brücke zwischen beiden bauen. Michael Herbst schreibt dazu:
„Die Predigt soll Verheißung und Wirklichkeit miteinander „versprechen“, also bei einander halten und füreinander beanspruchen. Wenn das geschieht, und nur dann, wenn es geschieht, kann wirklich von der Kommunikation des Evangeliums die Rede sein. Die Situation an sich predigt nicht, sondern erst das auf diese Situation hin ausgelegte Evangelium.“ (Eiffler / Herbst / Schneider 2022: 123)
Lange spricht diesbezüglich von einer „Verständigungsbemühung“, welche die Relevanz des Evangeliums aufzeigen möchte:
„Die Verheißung dieser Verständigungsbemühung ist das Einverständnis und die Einwilligung des Glaubens in das Bekenntnis der christlichen Kirche, dass Jesus Christus der Herr sei, und zwar in der zugespitzten Form, dass er sei mein Herr in je meiner Situation.“ (Lange 2006: 157f.)
Der Predigtprozess an sich kann dieses Ziel nicht herstellen, aber die verkündigende Person kann dessen Erreichung fördern, indem sie sich um die Verständigung mit den Hörenden kümmert. Die Verständigung liegt also in der Verantwortung der predigenden Person. Herbst schreibt dazu:
„Lange nimmt damit eine wichtige Unterscheidung vor. Er sagt: Die Verständigung liegt in der Verantwortung des Predigers und der Predigerin; das ist seine / ihre Pflicht. Das Ziel ist aber Einverständnis durch Verständigung. Und doch ist uns selbst nur die Verständigung durch unser […] Arbeiten zugänglich. Einverständnis oder Einwilligung sind nicht machbar, sie sind Gottes Tat.“ (Eiffler / Herbst / Schneider 2022: 125)
Hier berühren wir erneut die Grenze der Predigt, denn:
„Sie ist eine „Mitteilung an den Hörer, die auf sein Einverständnis und seine Einwilligung zielt. Sind Einverständnis und Einwilligung dabei als Akte persönlicher Entscheidung letztlich unverfügbar, so setzen sie doch allemal Verständigung voraus. Für das Gelingen solcher Verständigung sind die Kommunizierenden voll verantwortlich. Verständlichkeit der Predigt ist daher unabdingbares Kriterium ihrer Auftragsgemäßheit.““ (Lange 1982: 49)
Der Predigtprozess ist die Kunst, diese Spannung auszuhalten und einerseits die skizzierte Grenze zu erkennen und zu respektieren und anderseits die eigene Verantwortung und Aufgabe wahrzunehmen und zu gestalten. Timothy Keller unterscheidet hier zwischen einer guten und einer großartigen Predigt. Dass eine Predigt gut (und z. B. nicht langweilig) ist, liegt in der Hand derjenigen Person, die predigt. Dass eine Predigt großartig (also Real Talk) ist, d. h., dass die Hörenden berührt werden und mit Glauben antworten, liegt in Gottes Hand:
„Während jedoch der Unterschied zwischen einer schlechten und einer guten Predigt hauptsächlich in der Verantwortung des Predigers liegt, liegt der Unterschied zwischen einer guten und einer großartigen Predigt hauptsächlich im Wirken des Heiligen Geistes sowohl im Herzen des Zuhörers als auch des Predigers.“ (Keller 2015: Pos 157)
Wieso wir (immer noch) predigen – praktische Gründe
Die Predigt ist also eine spezifische – bereits biblisch bezeugte – Form der Kommunikation des Evangeliums. Als diese spezifische Form zeichnet sie im Besonderen sowohl ihr Ort (Gottesdienst) als auch ihre Form (Rede) aus. Als Variante der Kommunikation des Evangeliums zeichnet sie im Allgemeinen zudem ihre dialogische Kommunikationsform aus, d. h., die predigende Person bemüht sich um Verständnis mit dem Wunsch, dass Menschen die Relevanz des Evangeliums entdecken und mit ihrem Glauben und Leben einstimmen. Nach der Darstellung theologischer Gründe für die Predigt als eine Form der Kommunikation des Evangeliums sollen nun weitere – eher praktische – Gründe für diese Kommunikationsform genannt werden.
Gottesdienst als (hilfreicher) Kontext der Predigt
Zu den Besonderheiten der Predigt als einer Form der Kommunikation des Evangeliums zählt ihr Ort: In der Regel begegnet sie uns als Auslegung eines biblischen Textes in Form einer Rede in einem Gottesdienst. Nach dem Evangelischem Gottesdienstbuch ist sie in einem evangelischen Gottesdienst in Teil B „Verkündigung und Bekenntnis“ platziert:
„Die Predigt ist eingebettet in das Gesamte des Gottesdienstes und der Gottesdienst als Ganzer kommuniziert das Evangelium – dies ist keineswegs auf die Predigt beschränkt, sondern findet auch in der Kirchenmusik, in Lesungen und Gebeten sowie Gebetsrufen statt. Im besten Fall ergänzen Predigt und Liturgie einander und weisen gemeinsam auf dieselbe Person: Jesus Christus.“ (Eiffler / Herbst / Schneider 2022: 27)
Der Gottesdienst bietet sich somit als passender Ort für die Predigt als besondere Redeform an, weil er Menschen ins Gebet führt – also in die Gegenwart Gottes und in das Gespräch mit ihm. Dabei folgt ein evangelischer Gottesdienst in seiner Grundform folgender Logik: ankommen, beten, Schuld bekennen, Gottes Vergebung zugesprochen bekommen, Gott anbeten und beten, Gottes Wort hören und den Glauben bekennen, für andere beten, gesandt und gesegnet werden. Der Gottesdienst ist folglich als solcher bereits Gebet bzw. „Anrufung“ Gottes (vgl. Meyer-Blanck 2020: 114–129; 409). Diese Grundform kann sehr unterschiedlich gestaltet werden und wird im Rahmen von Gottesdiensten mit Jugendlichen ganz eigene Formen finden. Dabei ist es jedoch sinnvoll, der Logik treu zu bleiben, damit Menschen durch den Gottesdienst ihren Weg ins Gebet und in die Gegenwart Gottes finden.
Der Weg, den ein Mensch im Rahmen eines Gottesdienstes geht, bietet somit einen geeigneten Kontext für die Predigt, in der die predigende Person in der Regel über das menschliche Leben im Licht der Verheißung Gottes spricht. Eingebettet in Gesang, Gebet, Fürbitte, Textlesung und Stille kann die Predigt zu einer persönlichen, reflexiv-kognitiven Auseinandersetzung mit dem Evangelium anregen, welche durch andere – eher affektive – Formen ergänzt wird. Das wiederum eröffnet den Raum für eine ganzheitliche Beschäftigung mit der Bibel, dem Evangelium und der Einladung Gottes.
Dieser Kontext, der verschiedene Sinne und Ebenen des Menschseins anspricht, eignet sich gut, damit sich Menschen grundsätzlich und umfassend mit Gottes Zuspruch und Anspruch an das eigene Leben beschäftigen. Der Gottesdienst bietet Gelegenheit, um auf das Gehörte zu reagieren, mit Gott zu sprechen und für andere zu beten. Zudem ermöglicht die Gemeinschaft mit anderen Menschen, sich mit ihnen über den Inhalt der Predigt sowie die eigene Betroffenheit, mögliche Anfragen, Widerstände etc. zu unterhalten und andere Perspektiven zu erhalten. Schließlich dient die Predigt als ein Teil des Gottesdienstes dem Ziel des gesamten Gottesdienstes: nämlich dass Menschen die Möglichkeit bekommen, Gott zu begegnen und mit ihm ins Gespräch zu kommen. Der Bonner Theologe Michael Meyer-Blanck geht sogar so weit zu sagen, dass „Predigt und Liturgie nur zusammen als Gestalt des Evangeliums (bzw. des Wortes Gottes)“ (Meyer-Blanck 2020: 2) gelten können.
Menschen, die einen Gottesdienst besuchen, tun dies in der Regel freiwillig und absichtsvoll, d. h. die meisten Menschen, die eine Predigt hören, sind in irgendeiner Form bereit, sich mit dem Inhalt auseinanderzusetzen. Diese anzunehmende Situation zeigt das Potenzial für die Kommunikationsform Predigt, da man zumeist nicht erst um die Aufmerksamkeit werben muss, sondern diese voraussetzen und an sie anknüpfen kann. Bei Konfirmand:innen und Jugendlichen ist dies vermutlich nicht immer der Fall. Deshalb sollte sich eine Predigt mit Jugendlichen intensiv um ihre Aufmerksamkeit und ihr Interesse bemühen und es nicht einfach voraussetzen. Wenn es gut läuft, dann trägt der gesamte Gottesdienst zu einer Verständigung bei und fördert somit die Möglichkeit eines Einverständnisses und einer Einwilligung der Menschen, die Gottesdienst feiern.
Jeder Gottesdienst ist ein dialogisches Geschehen zwischen Gott und seiner Gemeinde: Im Vorlesen biblischer Texte und in Predigten spricht Gott die Gemeinde an und in Gesang und Gebet antwortet die Gemeinde Gott. Somit dient jeder Gottesdienst „der Gestaltwerdung der Beziehung zu dem in seinem Wort gegenwärtigen Christus und seiner Gemeinde“ (Eiffler / Herbst / Schneider 2022: 30).
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Überleg mal für dich selbst: Wie hast du Gottesdienste bisher erlebt?
Boten/bieten Sie einen hilfreichen Rahmen, um von Gott angesprochen zu werden?Wenn ja: Was hat dazu beigetragen? Wenn nein: Was war das Problem?Sprechen als der eindeutigste Modus der Kommunikation
Zu den Besonderheiten der Predigt als einer Form der Kommunikation des Evangeliums zählt neben ihrem Ort auch ihr Modus. Predigen heißt sprechen und nicht tanzen, singen oder gestikulieren. Der Vorteil des Sprechens lieg darin, dass es – im Vergleich zu anderen Formen der Kommunikation – ziemlich eindeutig ist.
Die Einschränkung mit ‚ziemlich‘ ist bewusst gewählt, da natürlich nicht jedes Sprechen eindeutig ist und nicht alle intendierten Wirkungen einer Rede auch so eintreffen, wie erhofft. Wie für alle Kommunikationsformen gilt auch für die Predigt, dass sie falsch oder missverstanden werden kann. Ihr Inhalt und ihre Absicht kann anders wahrgenommen werden, als es die sprechende Person beabsichtigt hat. Jeder Kommunikation wohnt eine Offenheit ihrer Rezeption inne. Das gilt auch für die Predigt.
Dennoch gilt: Sprechen ist eindeutiger als z. B. Tanzen oder Gestikulieren. Es ist auch eindeutiger als Singen, denn beim Singen können Worte aufgrund der Intonation gelegentlich schlechter verstanden werden. Das Sprechen ist somit derjenige Modus der Kommunikation, der dem Evangelium am angemessensten ist, denn die Botschaft des Evangeliums zielt darauf, verstanden sowie erfahren zu werden und das Leben von Menschen zu verändern (vgl. u. a. Apostelgeschichte 1,8; 2,14–41; 4,23–31; 8,26–40; 9,1–18; 10,1–47; 17,24–31 und 26,24–29).
Die Predigt als Rede ist Ausdruck der Bemühung einer sprechenden Person, möglichst verstanden zu werden und auf Resonanz zu treffen. Eine predigende Person hat immer die Intention, mit Worten etwas zu bewirken und dass diese nicht einfach ungehört verhallen. Predigt will etwas und deshalb ist die Form der Rede angemessen, da dies die eindeutigste Form menschlicher Kommunikation ist. Dies führt zum dritten Aspekt: Predigt ist menschliche Rede.
Predigen als menschliche Form der Kommunikation
Neben dem Ort und dem Modus der Predigt besteht ihr Potenzial in der Tatsache, dass es sich bei einer Predigt um eine Form menschlicher Kommunikation handelt. Darin drückt sich zweierlei aus: Beziehung und Zugänglichkeit.
Dass im Rahmen einer Predigt Menschen mit Menschen kommunizieren, weist auf die soziale Dimension hin, die dem christlichen Glauben innewohnt und nicht zuletzt Ausdruck der Beziehungsdynamik der Trinität ist. Glaube ist Beziehung – Beziehung zwischen Gott und Mensch. Glaube ereignet sich häufig im Kontext menschlicher Beziehungen und Gemeinschaft. Er entsteht durch Gottes Wort und Gottes Anrede und diese Anrede ist meist die Anrede durch einen Menschen. Letztlich sind die biblischen Texte als Texte von Menschen für Menschen ebenfalls eine Form menschlicher Kommunikation.
Gott ist Beziehung, Gott sucht Beziehung und Gott stiftet Beziehung. Somit sollte es kaum überraschen, dass Gott zwischenmenschliche Kommunikation nutzt, um uns Menschen anzusprechen und einzuladen. So spricht z. B. der Mensch Paulus mit den Frauen am Fluss und Gott öffnet Lydia das Herz (vgl. Apostelgeschichte 16,11–15), sodass sie glaubt und sich taufen lässt. Anschließend lädt sie die Reisenden in ihr Haus ein und dort entsteht vermutlich die erste christliche Gemeinde Europas. Die Predigt des Paulus am Flussufer an einem Sabbat im Rahmen eines Gottesdienstes unter freiem Himmel stiftet mehrere Beziehungen und inmitten des Geschehens handelt Gott.
Predigen hat somit auch etwas Egalitäres, denn predigen kann jeder Mensch, der von Gott berufen ist. Die Berufung wiederum hängt nicht von äußeren Eigenschaften wie formaler Bildung oder das Bekleiden eines Amtes ab. Die biblischen Berichte sind voll davon, dass Gott gewöhnliche Menschen beruft, damit sie das Evangelium zu den Menschen predigen und Zeugnis geben. Simon Petrus, der die berühmte erste Pfingstpredigt (Apostelgeschichte 2) gehalten hat, war ein einfacher Fischer (mit offensichtlichen Charakterschwächen) – was den religiösen Eliten durchaus aufgefallen ist (vgl. Apostelgeschichte 4,13).
Somit wird deutlich, dass Menschen nicht nur im Gottesdienst das Evangelium verkünden, wenngleich er, wie bereits erwähnt, ein geeigneter Ort ist. Und so verweist auch Christian Grethlein im Anschluss an Ernst Lange darauf, dass die Kommunikation des Evangeliums eben nicht nur in der Gemeinde und der Predigt stattfindet, sondern u. a. auch in der Familie, der Diakonie und der Schule ihren Ort hat. Die Menschen, die an diesen Orten das Evangelium kommunizieren, sind häufig keine Pfarrer:innen oder anderweitig ausgebildete bzw. beauftragte Personen (vgl. Grethlein 2016: 331–459; 460–507).
Predigen als Ausdruck göttlicher Gnade
Obwohl die Predigt also menschlich ist in dem Sinne, dass es nun mal Menschen sind, die zu anderen Menschen sprechen, so ist sie gleichzeitig Ausdruck von Gottes Wunsch, uns auf Augenhöhe zu begegnen und uns einen menschlichen Zugang zu ihm selbst zu eröffnen. Gott beugt sich zu uns hinab – in seiner Schöpfung, in seinem Sohn, in seinem Wort, in der Predigt. Er kommt zu uns.
Der australische Franko-Romanist Christopher Watkin spricht von einem u-förmigen Geschehen göttlichen Handelns (vgl. Watkin 2022: 191–193; 241–255). Er beschreibt damit den Umstand, dass in den biblischen Erzählungen Gott stets die Initiative ergreift und handelt – sei es bei der Berufung Noahs, beim Bund mit Abraham oder dem Exodus des Volkes Gottes aus Ägypten. Gott handelt und Menschen reagieren darauf. Dies ist das Gegenteil einer n-förmigen-Logik vieler Religionen, wo zunächst der Mensch handelt (z. B. indem er ein Opfer bringt), um eine erhoffte göttliche Reaktion auszulösen (Schutz oder Segen). Die biblischen Erzählungen stellen diese Logik auf den Kopf.
Watkin hebt zwei biblische Erzählungen hervor, um dies zu veranschaulichen: In 1. Mose 15 schließt Gott einen Bund mit dem schlafenden Abram. Allein Gott verpflichtet sich zur Einhaltung des Bundes. Dies ist kein Bund zwischen zwei gleichwertigen Partnern, sondern eine einseitige Zusage: „Diese radikale Asymmetrie zwischen Abram und dem Herrn durchbricht die übliche Forderung nach Gegenseitigkeit“ (Watkin 2022: 242). In 1. Mose 22 entdeckt Watkin in der Antwort Abrahams auf die Frage Isaaks, wo denn das Opfer sei, das revolutionäre Neue, das die Bibel offenbart: „Gott wählt sich das Opferlamm aus, mein Sohn.“ (1. Mose 22,8) Konkret bedeutete dies laut Watkin, dass Gott nicht nur das Opfertier auswählte, er stellte es sogar zur Verfügung (vgl. V. 13). „Die Botschaft, die Abraham aus diesen Ereignissen mitnehmen kann, ist glasklar: Der Herr selbst wird das Opfer bringen“ (Watkin 2022: 253). Das Anstößige an dieser Geschichte besteht – für antike Ohren anders als für uns – nicht in der Opferung eines Kindes (wenngleich dies für Menschen jüdischen Glaubens keine Option war). Der Anstoß liegt woanders:
„Der zweite Schock, besonders für den antiken Leser, der in einer n-geprägten Kultur aufgewachsen ist, findet sich in den Versen 12 und 13. Erstens hat Gott selbst das Opfer abgesagt, und zweitens (hier liegt der eigentliche Skandal!) hat Gott selbst das Lamm bereitgestellt. Bei kultischen Opfern zwischen Göttern und ihren Völkern in der antiken Welt wurden die Opfer den Göttern in der Hoffnung auf eine Gegenleistung dargebracht; sie wurden nicht von den Göttern bereitgestellt. Der Gedanke, dass ‚Gott selbst das Lamm zur Verfügung stellen wird‘, hätte in dieser Art von Kultur überhaupt keinen Sinn ergeben, und er mag auch für Abraham und seine Nachkommen wenig Sinn gehabt haben. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als Johannes der Täufer 2000 Jahre später in der Wüste von Judäa ausruft: ‚Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt‘ (Johannes 1,29). Daraus folgt, dass diese Passage keineswegs eine Kultur der Menschenopfer gutheißt, sondern sie aktiv und unwiderruflich untergräbt, eben weil ‚Gott selbst das Lamm zur Verfügung stellen wird‘. Damit wird das n-förmige Paradigma des ‚Du kratzt mir den Rücken und ich kratze dir den Rücken‘ durch eine u-förmige Dynamik ersetzt, in der Gott aus freien Stücken eine Beziehung zu einem Menschen aufnimmt, der daraufhin in einer Haltung der Dankbarkeit antwortet.“ (Watkin 2022: 254)
In Jesus findet die u-förmige Logik der Gnade ihren Höhepunkt und ihre Vollendung. Predigt als menschliche Rede ist Ausdruck des göttlichen Willens, den ersten Schritt zu tun und uns dort zu begegnen, wo wir sind.
Abb. 2: n-förmige und u-förmige Logik (eigene Grafik nach Watkin 2022: 185–193)
Do it!
Formuliere mal für dich:
Wie würdest du einem:r Freund:in die n-förmige Logik erklären? Wie würdest du einem:r Freund:in die u-förmige Logik erklären?Predigen als Eröffnung der Bibel für die Gegenwart
Predigen bedarf verschiedener Kompetenzen
Eine Person, die mit Jugendlichen predigen möchte, braucht bestimmte Kompetenzen. Dazu bedarf es keines Theologiestudiums, aber ein paar grundlegende Fertigkeiten sind nötig, um der durchaus anspruchsvollen Aufgabe des Predigens gerecht zu werden.
Teil 1: Theologische Kompetenz
Ernst Lange beschreibt Predigen als ein Reden mit dem Hörer „über sein Leben im Licht der Christusverheißung, wie sie in der Heiligen Schrift bezeugt ist.“ Das bedeutet letztlich, dass eine predigende Person „auf Grund von biblischen Texten“ (Lange 1982: 57f.) predigt. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, muss sie die biblischen Texte kennen und einen geschulten Umgang mit ihnen haben. Die biblischen Texte zu kennen, heißt idealerweise, um die zeitgeschichtlichen Kontexte und Bedingungen ihrer Entstehung sowie ihrer kulturellen Verwurzelung zu wissen und die in ihnen verwandten Motive, Bilder, Anspielungen und Abgrenzungen zu verstehen.
Ohne eine grundlegende Kenntnis dieser Dinge kann man die Bibel falsch oder nur teilweise angemessen verstehen, da man leichter Dinge hineinlesen oder falsche Schlüsse ziehen kann. Um diese Buchsammlung, die ungefähr zwischen 2000 und 3000 Jahre alt ist, für die Gegenwart zu öffnen, bedarf es exegetischer und hermeneutischer Kompetenzen.
Das bedeutet nicht, dass Menschen ohne eine entsprechende Ausbildung keinen Nutzen aus dem Lesen der Bibel ziehen können – ganz im Gegenteil! Es heißt auch nicht, dass nur jemand (öffentlich) über die Bibel sprechen darf, der eine angemessene Bildung empfangen hat. Wir sollten hier nicht hinter die Wiederentdeckung des allgemeinen Priestertums der Reformation zurückgehen.
Aber: Die Tatsache, dass die Bibel aus einem anderen kulturellen Setting, einer anderen Zeit und vor dem Hintergrund anderer Denkvoraussetzungen verfasst worden ist, verlangt nach einer fachlich kompetenten Auslegung der biblischen Texte für die Gegenwart. Zudem gilt: Wenn die Bibel öffentlich in Form einer Predigt ausgelegt wird, ist die Wahrung einer bestimmten Qualität unbedingt notwendig. Eine fachkompetente Auslegung der Bibel erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen die Relevanz ihrer Botschaft für das eigene Leben entdecken. Dies stiftet keinen Glauben und folglich kann sich die Relevanz auch ohne fremde Hilfe erschließen. Aber eine exegetisch-hermeneutische Kompetenz – welche die Grenzen der eigenen Möglichkeiten kennt und wahrt – ist Ausdruck einer „Verständigungsbemühung“ (Lange) zwischen dem Text und den gegenwärtig Hörenden. Dass die biblische Botschaft letzten Endes die Herzen der Menschen berührt, liegt natürlich allein in der Hand des Geistes Gottes. Jedoch: Analog zu Taufe und Abendmahl bedient er sich auch hier menschlichen Handelns und wirkt in, mit und unter menschlichen Worten.
Die hier beschriebene Kompetenz besteht keineswegs in einem abgeschlossenen Theologiestudium. Es gibt auch kleinere, eher grundlegende Formate biblisch- bzw. hermeneutisch-theologischer Aus,-, Fort- und Weiterbildung, die helfen, einen kompetenten Umgang mit der Bibel zu erlernen und der homiletischen Aufgabe gerecht zu werden. Zudem gibt es zahlreiche Hilfsmittel, die auch für nicht theologisch gebildete Menschen verfüg- und anwendbar sind (siehe unten Kapitel 6 und vgl. dazu auch Eiffler / Herbst / Schneider 2022: 106–118). Die Veröffentlichungen zur Bibel, die z. B. von dem Germanisten Gerhard Kaiser (Kaiser 2011) oder dem Franko-Romanisten Christopher Watkin (Watkin 2022) vorgelegt wurden, zeigen eindrücklich, dass auch Menschen anderer Fachrichtungen und Professionen Substanzielles und Hilfreiches zum Verständnis der Bibel für die Gegenwart beitragen können.
Teil 2: Kulturell-kontextuelle Kompetenz
Wenn Predigen heißt, mit Menschen über ihr Leben zu reden, dann bedarf ein predigender Mensch neben theologisch-hermeneutischer auch kulturell-kontextueller Kompetenz. Wer predigen möchte, muss eine Brücke in zwei Richtungen bauen – zum biblischen Text und seiner Welt und zu den Hörenden und ihrer Welt (vgl. Stott 1994: 137–144). Dazu bedarf es z. B. eines Wissens um die Kultur der Menschen, die Fragen der Zeit, die Grundströmungen der Gegenwart. Dies umfasst sowohl eine globale und gesellschaftliche als auch eine lokale und persönliche Ebene.
Die Wahrnehmung eines Kontextes und die Kenntnis einer Kultur ist auch eine Form von Hermeneutik – eben eine Kunst des Verstehens. Die Kontexte können sowohl sozialräumlich als auch kulturell oder digital sein. Um diese Kontexte „lesen“ und verstehen zu können, gibt es zahlreiche Methoden (vgl. u. a. Spatscheck / Wolf-Ostermann 2016: besonders 37–127, Faix / Reimer 2012 und Eiffler 2023) sowie Hilfsmittel und (digitale) Tools, wie z. B. die digitale Toolbox-Sozialraumanalyse von midi, welche speziell für die Nutzung im Rahmen kirchlich-diakonischer Praxis entwickelt worden ist.1
Eine Predigt entsteht erst dann, wenn die verkündigende Person es schafft, biblische Einsichten und Wahrheiten mit der je aktuellen Kultur ins Gespräch zu bringen und wechselseitige Anknüpfung herzustellen. Oder anders ausgedrückt: Predigt entfaltet dann ihr Potenzial, wenn sie ausgehend von konkreten „Lebensfragen und im Dialog mit der Bibel ‚hart an der Realität‘ bleibt“ (Cornehl / Grünberg 2004: 289). Diese Bemühung ist kein sekundärer Schritt, der zur eigentlichen homiletischen Aufgabe hinzutritt – im Gegenteil: In der homiletischen Besinnung liegt das Herzstück homiletischer Arbeit (vgl. Grözinger 2008: 9–44; Engemann 2020: 455–486 und Eiffler et al. 2022: 119–156). Christopher Watkin benutzt das Bild des dreidimensionalen Sehens und schreibt:
„Christsein in der Endzeit erfordert ein binokulares Sehen. Das menschliche Sehvermögen kann Objekte aufgrund des Prinzips der Parallaxe dreidimensional sehen: jedes unserer Augen sendet leicht unterschiedliche Bilder an das Gehirn, die dann zu einer dreidimensionalen Wahrnehmung kombiniert werden. Die Vision der Kirche folgt demselben Prinzip: ein Auge sieht durch die Kultur der Zeit – in unserem Fall die Spätmoderne – und das andere ist in Bezug auf diese Perspektive verschoben und blickt durch die Linse der Verheißungen Gottes auf die zukünftige Erfüllung des Reiches Gottes. Ein Auge ist auf dieses Zeitalter gerichtet, das, was Augustinus das saeculum zwischen dem Sündenfall und dem zweiten Kommen Christi nennt, und das andere auf den neuen Himmel und die neue Erde.“ (Watkin 2022: 478)
Um die Relevanz des Evangeliums zu entdecken, müssen die Hörenden zunächst verstehen, was die Botschaft des Evangeliums ist und was sie nicht ist. Hier gilt es, Annahmen und Vorurteile kritisch zu prüfen und um ein gemeinsames Verständnis zu ringen. In einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft und Kultur sollte dieses Anliegen also entsprechend Aufmerksamkeit erfahren und Abkürzungen vermieden werden. Es geht letztlich um eine angemessene Kontextualisierung des Evangeliums, die sowohl der Botschaft des Evangeliums als auch dem zeitgenössischen Kontext gerecht wird. Timothy Keller schreibt dazu:
