Rebeccas Lebenslüge - Patricia Vandenberg - E-Book

Rebeccas Lebenslüge E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Stocksteif, nur bekleidet mit einem Spitzenhemdchen über dem schlichten schwarzen Rock, stand Rebecca von Liebing vor dem raumhohen Spiegel ihres Ankleidezimmers und konnte nicht fassen, was sie eben entdeckt hatte. Immer und immer wieder fühlte sie nach dem erbsengroßen Knoten in der rechten Brust, auf den sie eben durch Zufall gestoßen war. Ihr Herz raste vor Angst, Schweißperlen standen auf ihrer blassen Stirn, hinter der die Gedanken tobten. Wie lange schon? Warum ausgerechnet sie, die doch so gesund lebte? Eine späte Rache ihres ungeliebten und jetzt verstorbenen Schwiegervaters? Fragen, auf die es keine Antwort gab, die sich tonnenschwer auf ihre Seele legten. Rebecca seufzte tief, als sie von einem leisen Klopfen an der Tür abgelenkt wurde. »Bist du fertig, Rebecca? Die Trauergäste warten schon.« Es war die Stimme ihres Mannes Marcus, der seine Ungeduld nur schwer zügeln konnte. »Natürlich, Marc, ich komme sofort.« »Gut, ich gehe schon mal runter.« Sie lauschte auf seine schwerfälligen Schritte, ehe sie langsam die schwarze Bluse über den Kopf zog und in den Bund des engen Rockes steckte. Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel, in ihr blasses Gesicht, gezeichnet von dem Schock des eben Entdeckten. Doch keiner der Gäste würde sich wundern. Schließlich war es ihr Schwiegervater, der an diesem eisigkalten Januarmorgen zu Grabe getragen wurde. Da es kein Geheimnis war, daß Rebecca und Friedrich von Liebing kein gutes Verhältnis gepflegt hatten, würden die Anwesenden ihre Leidensmiene als späte Reue deuten. Wenigstens blieb ihr damit eine Erklärung erspart. Minuten später gesellte sie sich zu den Trauergästen, die sich in der Halle des Anwesens der Familie von Liebing eingefunden hatten, um Friedrich auf seinem letzten Weg zu begleiten.

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Seitenzahl: 134

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Dr. Norden Extra – 144 –Rebeccas Lebenslüge

Patricia Vandenberg

Stocksteif, nur bekleidet mit einem Spitzenhemdchen über dem schlichten schwarzen Rock, stand Rebecca von Liebing vor dem raumhohen Spiegel ihres Ankleidezimmers und konnte nicht fassen, was sie eben entdeckt hatte. Immer und immer wieder fühlte sie nach dem erbsengroßen Knoten in der rechten Brust, auf den sie eben durch Zufall gestoßen war.

Ihr Herz raste vor Angst, Schweißperlen standen auf ihrer blassen Stirn, hinter der die Gedanken tobten. Wie lange schon? Warum ausgerechnet sie, die doch so gesund lebte? Eine späte Rache ihres ungeliebten und jetzt verstorbenen Schwiegervaters? Fragen, auf die es keine Antwort gab, die sich tonnenschwer auf ihre Seele legten. Rebecca seufzte tief, als sie von einem leisen Klopfen an der Tür abgelenkt wurde.

»Bist du fertig, Rebecca? Die Trauergäste warten schon.« Es war die Stimme ihres Mannes Marcus, der seine Ungeduld nur schwer zügeln konnte.

»Natürlich, Marc, ich komme sofort.«

»Gut, ich gehe schon mal runter.«

Sie lauschte auf seine schwerfälligen Schritte, ehe sie langsam die schwarze Bluse über den Kopf zog und in den Bund des engen Rockes steckte. Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel, in ihr blasses Gesicht, gezeichnet von dem Schock des eben Entdeckten. Doch keiner der Gäste würde sich wundern. Schließlich war es ihr Schwiegervater, der an diesem eisigkalten Januarmorgen zu Grabe getragen wurde. Da es kein Geheimnis war, daß Rebecca und Friedrich von Liebing kein gutes Verhältnis gepflegt hatten, würden die Anwesenden ihre Leidensmiene als späte Reue deuten. Wenigstens blieb ihr damit eine Erklärung erspart.

Minuten später gesellte sie sich zu den Trauergästen, die sich in der Halle des Anwesens der Familie von Liebing eingefunden hatten, um Friedrich auf seinem letzten Weg zu begleiten.

»Da bist du ja endlich«, funkelte ihr Marcus leise aber zornig zu. »Wenigstens an seinem Begräbnis könntest du dir ein wenig Mühe geben.«

»Bitte, Marcus, mach mir jetzt keine Szene. Wo sind die Kinder?«

»Drüben bei Dominic. Sieh dir das an. In all den Jahren hat er sich nicht geändert. Noch nicht mal heute zeigt er einen Funken Anstand.« Er deutete mit dem Kopf in Richtung seines Bruders, der sich angeregt mit seinem Neffen Nils und seiner Nichte Svenja unterhielt. Die beiden Kinder von Rebecca und Marcus kannten den Onkel nur aus Erzählungen, aber die Tatsache, daß er ein berühmter Regisseur und obendrein offen und sympathisch war, ließ sie schnell jede Scheu vergessen. Rebecca folgte der Bewegung ihres Mannes mit den Blicken und lächelte unwillkürlich über den tröstlichen Anblick an diesem düsteren Tag. Dominic schien ihren Blick instinktiv zu spüren und hob den Kopf, zwinkerte ihr verschworen zu, um sich gleich wieder den beiden Jugendlichen zu widmen. Marcus beobachtete seine Frau sichtlich angespannt.

»Und? Was empfindest du?«

»Wie bitte?« Befremdet starrte sie Marc an.

»Na, ich will wissen, ob du ihn immer noch liebst«, zischte er leise. Um sie herum war leises Stimmengewirr, so daß keiner der Gäste den ehelichen Zwist bemerkte. »Glaub nur nicht, ich hätte nicht bemerkt, wie du aufgelebt hast, seit er sich zur Beerdigung angesagt hat.«

»Aber, Marc, das ist doch lächerlich. Dominic und ich haben uns beinahe zwanzig Jahre nicht gesehen. Übrigens scheinst du zu vergessen, daß ich ihn für dich verlassen habe«, erwiderte Rebecca flüsternd, angestrengt darauf bedacht, die Fassung nicht zu verlieren. Denn es stimmte. Seit sie erfahren hatte, daß ihre Jugendliebe Dominic nach Hause kommen würde, war ihre Gefühlswelt in Aufruhr geraten. Aber sie hatte nicht die leiseste Ahnung gehabt, wie genau sie von ihrem Mann beobachtet wurde. In Zukunft würde sie noch vorsichtiger sein müssen.

»Darüber reden wir ein andermal. Heute ist sicher nicht der geeignete Zeitpunkt dazu.« Plötzlich schien Marcus in sich zusammenzusacken. Mit einem Mal war er nichts anderes als ein vorzeitig gealterter Mann, aufgefressen von seiner anstrengenden Arbeit als Unternehmer, von der Verantwortung für ein riesiges Imperium, das der Patriarch Friedrich von Liebing ihm mit seinem Tod endgültig vermacht hatte. Rebecca fühlte einen Hauch von Mitgefühl für ihren Ehemann und legte die Hand tröstend auf seinen Arm. Einen Augenblick suchte er in ihren Augen nach einem Funken Liebe, fand jedoch nichts als Mitleid. Verächtlich schob er ihre Hand beiseite. »Wir sollten uns jetzt an unsere Pflichten erinnern«, erklärte er entschieden und rief die Trauergemeinde auf, ihm nach draußen in den grauen, trostlosen und bitterkalten Morgen zu folgen, wo schon der Wagen mit dem Sarg seines Vaters bereitstand.

Nach einem prüfenden Blick auf die Patientin, die immer noch im Narkoseschlaf lag, nickte die Ärztin Angelina Hochmuth zufrieden.

»Geschafft. Operation geglückt, Patientin wohlauf«, lächelte sie ihrem Assistenten zu und streifte die Handschuhe von den Händen, während sie den Operationssaal verließ. »Verlegen Sie Frau Künzel in den Wachraum. Ich sehe nach ihr, sobald ich Zeit dazu habe.«

»In Ordnung.« Der junge Assistenzarzt nickte eifrig, sichtlich eingeschüchtert von der bestimmten Stimme seiner Kollegin und warf ihr einen still bewundernden Blick nach. In der Tat war Angelina Hochmuth ein beeindruckender Anblick, nachdem sie sich aus der grünen Operationskleidung geschält hatte. Die langen, schlanken Beine steckten in schmalen weißen Hosen, der Kittel wehte ebenso wie ihre langen blonden Haare hinter ihr her, wenn sie energisch den Gang entlangschritt. Ihre ganze Erscheinung strahlte aus, wer sie war: eine erfolgreiche, ehrgeizige Frau, die wußte, was sie sich vom Leben versprach. So wartete sie denn auch nicht auf Wunder, sondern nahm ihr Glück entschieden selbst in die Hand. Ganz anders als ihre Schwester Rebecca, die weit fort von München im hohen Norden lebte und es vorgezogen hatte, eine gute Partie, wie Angelina ihren Schwager Marcus von Liebing verächtlich nannte, zu heiraten und sich fortan mit der Erziehung von Kindern und dem Kontrollieren von Dienstboten beschäftigte. Wie nicht anders zu erwarten war, pflegten die ungleichen Schwestern keinen guten Kontakt, Angelina legte auch keinen gesteigerten Wert darauf. Sie hatte ihre eigenen Ziele vor Augen. Da konnte eine langweilige, unentschlossene Schwester nur hinderlich sein.

Mit weit ausgreifenden Schritten hastete sie nun den Gang entlang, auf dem Weg zur Kaffeeküche, um sich eine kleine Verschnaufpause von der anstrengenden Operation zu gönnen. Mit deutlichem Respekt wurde sie dort von den anwesenden Kollegen begrüßt. Nur einer, der Oberarzt Arnold Pecher, machte eine Ausnahme.

»Hallo, Engelchen, guten Start in den Tag gehabt?« erkundigte er sich breit grinsend. Trotz ihrer besonderen Beziehung war dieser Tonfall eine Spur zu salopp in Ginas Augen.

»Danke, Herr Pecher. Ich kann nicht klagen«, gab sie deshalb streng zurück, und die anwesenden Kollegen verzogen amüsiert das Gesicht, belustigt darüber, daß der als Charmeur bekannte Dr. Pecher eine so herbe Abfuhr erhielt. Niemand ahnte etwas von dem Verhältnis, das die beiden seit einigen Monaten im Verborgenen unterhielten. Arnold lächelte säuerlich, ließ sich seine Niederlage jedoch nicht anmerken.

»Das freut mich. Kann ich Sie bitte mal unter vier Augen sprechen? Es geht um den Fall Künzel, den Sie gerade operiert haben.«

Verwundert zog Angelina die sorgfältig gezupften Augenbrauen hoch, nickte dann aber bereitwillig. Kurze Zeit später stand sie Arnold Pecher in einem leerstehenden Behandlungszimmer gegenüber und musterte ihn mit funkelnden blauen Augen. Er lachte.

»Na, hat mein kleines Engelchen heute die Teufelshörnchen aufgesetzt?«

»Was soll das, Arnie?« zischte Gina verärgert. »Du weißt genau, daß ich solche Anspielungen vor dem Team nicht leiden kann.«

»Aber, Angelina, ich bitte dich. Das war doch nicht böse gemeint.«

»Trotzdem!«

»Schon gut, Frau Oberärztin. Wie lange wollen wir eigentlich noch Versteck spielen? Ich verstehe gar nicht, warum unsere Beziehung geheimbleiben soll.«

»Du mußt nicht alles verstehen, Arnie. Ich will es eben so und damit basta«, erklärte Gina kühl. Sie war verärgert, das bekam ihr Freund deutlich zu spüren. Gerade noch rechtzeitig erkannte sie, daß sie dabei war, den Bogen zu überspannen. Arnolds Miene sprach eine deutliche Sprache. »Der richtige Zeitpunkt wird schon noch kommen. Nur ein bißchen Geduld noch.« Versöhnlich lehnte sie sich an ihn und gab ihm einen zärtlichen Kuß, der ihn ein wenig versöhnte.

»Also gut. Aber lange lasse ich mich nicht mehr hinhalten. An dieser Klinik gibt es genügend hübsche Schwestern, die nur darauf warten, mit mir auszugehen«, stellte er überheblich grinsend fest. »A propos ausgehen. Wie sieht es denn heute abend bei dir aus?«

Entschuldigend zuckte Gina mit den Schultern. »Tut mir leid, Arnie, heute abend geht es nicht. Ich muß einen Vortrag für die Uni vorbereiten und möchte noch einen Artikel fertig schreiben.«

»Warum haben wir überhaupt eine Beziehung, wenn du sowieso nie Zeit hast für mich?« brummelte Arnold Pecher verstimmt. Nichts erinnerte mehr an den souveränen Oberarzt, den er nach außenhin mimte. Er machte eher den Eindruck eines beleidigten kleinen Jungen, stellte Gina ungeduldig fest.

»Ich habe dir von Anfang an gesagt, wie wichtig mir meine Karriere ist. Damit warst du voll und ganz einverstanden, mein Lieber.«

»Aber ich konnte doch nicht wissen, welchen Verzicht das bedeutet. Je länger ich dich kenne, desto mehr möchte ich von dir haben.« Mit einem verliebten Blick zog Arnold sie in seine Arme. Um ihn nicht noch mehr zu verstimmen, ließ Angelina ihn kurz gewähren. Dann befreite sie sich sanft.

»Es tut mir leid, Arnie, aber ich muß jetzt gehen. Die Pflicht ruft. Ich melde mich heute abend. Dann weiß ich auch, wann wir mal wieder einen ungestörten Abend verbringen können.«

»Noch diese Woche?« Ein Hoffnungsschimmer glomm in Pechers Augen auf.

»Versprochen.« Gina gab ihm einen halbherzigen Kuß, ordnete ihr Haar und verließ dann das Zimmer, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Die Gedanken bereits bei der nächsten Operation, hatte sie ihn schon vergessen. Der Oberarzt Dr. Arnold Pecher blieb allein zurück. Warum hatte er sich ausgerechnet unsterblich in diese unabhängige, starke Frau verlieben müssen? fragte er sich zum wiederholten Male. Aber er wußte schon, daß er auch heute keine Antwort auf diese Frage finden würde.

Die Trauerfeierlichkeiten anläßlich des Todes von Friedrich von Liebing waren vorübergegangen. Man hatte angesichts seines stolzen Alters angemessen am Grab getrauert, um sich dann einem opulenten Leichenschmaus zuzuwenden, bei dem die Erinnerungen an den alten Patriarchen die Hauptrolle spielten. Dominic von Liebing verabscheute solche verlorenen Zeremonien zutiefst, war doch sein Vater zu Lebzeiten von Angestellten und Geschäftspartnern gleichermaßen als hart und unnachgiebig gefürchtet worden.

So hatte er wie auch Rebecca die Trauerfeierlichkeiten mit Anstand und Würde hinter sich gebracht, ohne jedoch seine große Jugendliebe Becky und deren Mann Marcus aus den Augen zu lassen. Er bewohnte bis zur Testamentseröffnung ein Zimmer in dem großzügigen Anwesen seines Bruders. So kam Marcus nicht umhin, das schwarze Schaf der Familie, wie er seinen Bruder gern nannte, am Abend hin und wieder auf einen Drink einzuladen. Dieses Spielchen wiederum liebte Dominic, ergab sich doch Gelegenheit zu manch einem Gespräch mit Rebecca, die ihm sonst aus dem Weg ging.

»Herrlich habt ihr es hier«, eröffnete er eines Abends das Gespräch, als sie wieder einmal zu dritt am heimelig prasselnden Kaminfeuer saßen, Rebecca in einigem Abstand neben ihrem Mann, Dominic den beiden gegenüber. »Du fühlst dich sicher sehr wohl hier, nicht wahr, Becky?«

Unwillkürlich zuckte Rebecca zusammen. Niemand außer Dominic hatte sie je Becky genannt, und dieser Name weckte Erinnerungen in ihr, die sie lieber vergessen wollte.

»Natürlich. Es ist herrlich. Der Park, das schöne Haus mit den kostbaren Möbeln, die Diener, die sich um all das hier kümmern. Ja, ich fühle mich sehr wohl hier«, erklärte sie entschieden und griff hilfe­suchend nach der Hand ihres Mannes.

Dominic mochte ihrer enthusiastischen Erklärung keinen rechten Glauben schenken. Beckys Äußeres, das schmale, eingefallene Gesicht, die tiefen Schatten unter den Augen sagten etwas anderes.

»Was machst du denn hier die ganze Zeit, wenn dein Göttergatte das familiäre Unternehmen traktiert?« fragte er bissig, mit einem hämischen Blick auf seinen Bruder Marcus.

»Ich verbitte mir diese Anspielungen, Nic«, wehrte der sich auch sofort entschieden. »Immerhin erhalte ich das Lebenswerk unseres Vaters für unsere Nachkommen. Und wer weiß, vielleicht hat dein Sohn einmal mehr Interesse an der Familie als du. Du kannst Adrian übrigens ausrichten, daß er jederzeit willkommen ist hier. Rebecca wird es eine Freude sein, sich um das arme Kind zu kümmern.«

»Du hast einen Sohn?« platzte Becky überrascht von dieser Neuigkeit heraus. »Das wußte ich ja gar nicht.«

»Du hast es ihr nicht gesagt?«

»Warum sollte ich das tun?« wehrte Marc lässig ab. »Ich dachte, ihr beide interessiert euch ohnehin nicht mehr füreinander«, fügte er sarkastisch hinzu.

»Fang doch nicht schon wieder mit den alten Geschichten an.« Gequält verzog Rebecca den Mund. Sie hatte im Moment ganz andere Sorgen, als sich über die Eifersucht ihres Mannes Gedanken machen zu wollen. »Das ist ein für allemal vorbei, nicht wahr, Nic?« Sie warf ihrem Schwager einen inständigen Blick zu, suchte nach der Bestätigung in seinen Augen. Doch was sie fand, stürzte sie in tiefe Verzweiflung.

»Für dich vielleicht«, gab er trocken zurück, äußerlich scheinbar unbewegt. Dann wandte er sich an Marcus. »Und was Adrian angeht, so werde ich es zu verhindern wissen, daß er von so einem kalten Menschen beeinflußt wird, wie du einer bist. So leid es mir tut, aber du erinnerst mich immer mehr an Vater. Du siehst noch nicht mal, wie sehr die Frau an deiner Seite leidet.« Er leerte sein Glas mit einem Zug und erhob sich abrupt. Er hatte das Gefühl, in der angespannten Atmosphäre des Raumes zu ersticken. »Vielen Dank für den Drink. Ich gehe nach oben.«

Betroffen blieben Marcus und Rebecca im Kaminzimmer zurück.

»Stimmt das, was Nic sagt?« fragte Marc nach einer Weile. Seine Stimme war heiser vor Erregung. »Leidest du an meiner Seite?«

»Aber, Marcus, wie kannst du so was glauben?« wehrt sich Rebecca erschrocken, um jeden Verdacht zu zerstreuen. »Ich habe einen fleißigen Mann, liebe Kinder, ein schönes Haus.« Und Krebs! fügte sie in Gedanken hinzu, wagte es aber nicht auszusprechen. »Was könnte ich mir mehr wünschen?«

Zum ersten Mal seit Monaten musterte Marc seine Frau aufmerksam.

»Aber du bist so blaß. Und die Ringe unter deinen Augen…«

»Wundert dich das?« fragte sie eine Spur zu hastig zurück. »Der Tod deines Vaters, die deprimierende Beerdigung, die Trauerfeierlichkeiten. Und dann auch noch ein Gast im Haus. Für mich ist das auch anstrengend.«

»Du hast recht, Liebes. Wie konnte ich das vergessen?« Milde gestimmt legte Marcus den Arm um Rebecca und küßte sie liebevoll auf die Wange. Selten geworden waren solch vertraute Berührungen zwischen den Eheleuten, und Becky genoß die tröstliche Wärme ihres Mannes. Sie schmiegte sich eng an ihn, einen Augenblick lang erfüllt von der tiefen Überzeugung, daß alles gut werden würde. Schon war sie versucht, Marc von ihrer entsetzlichen Entdeckung, dem Knoten in der Brust, zu erzählen, als er sich auf einmal aufrichtete.

»Ich habe das Gefühl, Nic tut unserer Ehe nicht gut. Ich werde dafür sorgen, daß er bis zur Testamentseröffnung in ein Hotel zieht.«

»Aber das kannst du doch nicht machen!« rief Becky verstört aus. »Was sagen da die Leute?« Glaubte Marc wirklich an das, was er da sagte?

»Hm, wahrscheinlich hast du recht.« Auch Marcus leerte jetzt sein Glas und erhob sich dann schwerfällig. »Vielleicht sehe ich wirklich schon Gespenster.« Müde fuhr er sich mit der Hand über die Augen. »Auch für mich waren die letzten Wochen nervenaufreibend. Wir sollten jetzt schlafen gehen.« Ohne auf seine Frau zu warten, machte er sich auf den Weg nach oben. Doch Rebecca folgte ihm nicht wie sonst. Sie blieb noch lange am Feuer sitzen, allein und nachdenklich, von Angst und Zweifeln erfüllt. Marcus kam nicht wieder. Sein leises Schnarchen, das durch die angelehnte Schlafzimmertür ins Treppenhaus drang, verriet seinen gesunden Schlaf, der nicht so leicht zu stören war.

»Na, Mädchen, kannst du nicht schlafen?« Wie aus tiefem Schlaf kehrte Rebecca zurück in die Wirklichkeit und wußte zuerst nicht, ob sie geträumt hatte. »Becky, was ist mit dir?« Nein, sie war wach, sie hatte sich nicht getäuscht. Überrascht wollte sie sich aus ihrem Sessel aufrappeln, doch Dominic drückte sie sanft zurück. »Bitte, bleib sitzen, lauf nicht gleich wieder davon.«

»Aber ich muß ins Bett… Was wird Marcus sagen, wenn er uns hier findet«, stammelte sie verwirrt.

»Wir hören doch beide, daß er den Schlaf des Gerechten schläft.«

»Warum bist du so bissig zu ihm? Er hat dir doch nichts getan.«

»Nichts getan?« Nic lachte bitter auf. »Er hat mir das Beste genommen, was mir das Leben gegeben hat. Ist das nichts?«

Rebecca wußte sofort, worauf er anspielte.