Beschreibung

Sehr geehrte Damen und Herren, Bewohner der Gönnerstraße 18! Mein Name ist Nora Bossong, ich bin Schriftstellerin und arbeite an einem neuen Roman. Gerne würde ich Sie zu den tragischen Vorfällen am 23.2. dieses Jahres befragen. Ich erlaube mir, bei Ihnen zu klingeln und danke Ihnen schon im Voraus für Ihre Zeit. N. B. Die Recherche beginnt.

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Seitenzahl: 21

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Inhaltsverzeichnis

Impressum

Die Autorin

Recherche

Verlag Voland & Quist OHG, Dresden und Leipzig, 2015

© by Verlag Voland & Quist OHG

Covergestaltung: Reimar Limmer

E-Book-Produktion: eScriptum, Berlin

ISBN 978-3-86391-127-0

www.voland-quist.de

Nora Gomringer hat mehrere Lyrikbände vorgelegt und schreibt für Rundfunk und Feuilleton. Zuletzt veröffentlichte sie die illustrierten Gedichtbände „Monster Poems“ und „Morbus“ sowie den Sammelband „Mein Gedicht fragt nicht lange reloaded“ bei Voland & Quist. Sie wurde für ihre Arbeit vielfach ausgezeichnet, u.a. wurde ihr 2012 der Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik zuerkannt. 2015 erhielt sie den Weilheimer Literaturpreis und den Ingeborg-Bachmann-Preis, den sie mit diesem Text gewann.

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Recherche

Ist das Mikro an? Test, Test.

Ist das Mikro an? Ok, also ich hoffe, so geht’s.

Hallo. Hallo. Erster Tag.

Mein Name ist Nora Bossong, ich schreibe einen Text, beziehungsweise … Shit.

Mein Name ist Nora Bossong, das hier ist die Recherche zum Text „Der Gott der verlorenen Dinge“. Ok.

Erster Tag.

Ausschlag. Ok. Recording läuft. Ok.

Ich besuche Familie Terp. Frau Terp lebt mit ihrer Tochter Evelyn im 5. Stock, Gönnerstraße 18.

Sie trägt einen roten Mantel, als sie an unserer Tür klingelt. Und sie ist so schmal, dass ihr roter Mund wie ein breiter Briefschlitz in ihrem Gesicht aussieht. Sie soll knapp über dreißig sein. Sie sieht aus wie knapp über zwölf. Mama!, rufe ich, ohne dabei mein Gesicht von ihr abzuwenden. Wie ich es in Psychothrillern gesehen habe, lege ich den Kopf etwas schräg und sehe sie an. Intensitäten aufbauen. Intensiv sein. Herr Mack sagt das immer. Hier kann ich das mal üben. Mama!

Eve, musst nicht so schreien, so rufen. Ich bin schon da. Guten Tag, kommen Sie rein, Frau Bossong. Eve, mach mal Platz und lass Frau Bossong hereinkommen. Hier entlang, kommen Sie nur rein. Schuhe können Sie anlassen, ich hab eine Zugehfrau, die kommt einmal die Woche, damit wir die Schuhe anlassen können. Ist alles gut.

Frau Terp, vielen Dank, dass Sie mich empfangen in Ihrer Wohnung. Mit Evelyn, Ihrer Tochter, sitzen wir nun auf dem Sofa und können hinaussehen bei klarem Himmel über die Dächer der Stadt. Sagen Sie mir, wo sein Zimmer war?

Eve, geh doch bitte noch mal schnell die Kaffeesahne holen, die hab ich rechts beim Herd abgestellt. – Moment bitte! Siehst du sie? Bring die im kleinen Krugding, ist so ein Kännchen. Ja, genau. Bring die.