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Es sind die frühen 1990er Jahre und Ruby "Red" McCoy träumt davon, eines Tages ihr Holzhaus an der Central Coast von New South Wales zu verlassen, wo ihre beste Freundin Stevie es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt und ihr Vater Sid immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt gerät. Aber die wilde, blitzgescheite Red kann sich nicht aus Schwierigkeiten heraushalten, um ihr Leben zu retten, und Sids neuester Streich ist noch hirnrissiger als sonst. Unterdessen scheint Sergeant Trevor Healy eine Fehde gegen jede Generation der McCoys zu führen. RED, erzählt in Rubys lebendiger, unnachahmlicher Stimme, ist teils True Grit, teils Blue Murder. Es ist eine Geschichte von polizeilicher Verfolgung. Von zwielichtigen Geschäften und noch zwielichtigeren Autos. Eine Familiengeschichte, die sich wehrt, in der Vergangenheit zu bleiben. Ein scharfsinniger, provokanter und ungemein komischer Roman.
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Seitenzahl: 337
Veröffentlichungsjahr: 2025
DARK PLACES
Felicity McLean
Aus dem australischen Englisch von Kathrin Bielfeldt Herausgegeben von Jürgen Ruckh
Polar Verlag
Originaltitel: Red
Copyright: © 2022 by Felicity McLean
By arrangement with the author. All rights reserved
Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2025
Aus dem australischen Englisch von Kathrin Bielfeldt
Mit einem Nachwort von Günther Grosser © 2025
© 2025 Polar Verlag e.K.
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Lektorat: Peter Hammans
Korrektorat: Andreas März
Umschlaggestaltung: Britta Kuhlmann
Coverfoto: © Alex / Adobe Stock
Autorenfoto: © A. Hollingworth-Hired Gun
Satz/Layout: Martina Stolzmann
Gesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesign
Druck und Bindung: Nørhaven, Agerlandsvej 3, DK 8800 Viborg, [email protected]
Printed in Denmark 2025
ISBN: 978-3-910918-33-7
eISBN: 978-3-910918-35-1
Manche Dinge sind erfunden, geografische Gegebenheiten abgeändert worden. Die Freiheit habe ich mir genommen.
Für Dad.
Vorwort
von Felicity McLean
So seltsam es sich anhören mag, ist ausgerechnet ein Verbrecher Australiens beliebtester Nationalheld: Ned Kelly. Als Bushranger*, Bankräuber und Mörder wurde Kelly zu einer ungewöhnlichen Ikone der Arbeiterklasse Australiens, bevor er 1880 gehängt wurde. Und sein Vermächtnis besteht fort.
Derzeit gibt es mehr Bücher, Songs und Internetseiten über Ned Kelly und seine Bande Gesetzloser, als über jede andere Gruppe historischer Gestalten Australiens. Mick Jagger hat in Tony Richardsons Film 1970 bekanntermaßen den Kelly gespielt. Peter Carey gewann 2002 mit seinem postmodernen Roman »Die wahre Geschichte von Ned Kelly und seiner Gang« den Booker-Preis** Sieht man sich die Ned Kelly-Serie von Australiens Künstler Sidney Nolan an – eine der großartigsten australischen Bilderserien des zwanzigsten Jahrhunderts –, erkennt man die schwarzen Briefkasten-Augenschlitze von Kellys Rüstung, die in diesem Buch als geschwärzte Stellen im Text auftauchen.
Diese schwarzen Balken sind nicht nur eine Hommage an Ned, sondern ein bewusstes Stilelement unserer Erzählerin, Ruby »Red« McCoy, als eine Form der Selbstzensur, sodass nichts – nicht malihre eigenen Kraftausdrücke – verhindern, dass ihre Geschichte Gehör findet. (Diese schwarzen Balken, liebe Leserinnen und Leser, sind also keine Zensur des großartigen Polar Verlags.)
Mein Roman »Red« ist eine Neuinterpretation von Ned Kellys Geschichte, in der Kelly von einer heutigen Jugendlichen mit dem Spitznamen Red verkörpert wird. Trotz aller Kelly-Neuerzählungen hat meines Wissens niemand je eine weibliche Version von Ned Kelly erschaffen. Ich wollte Australiens berühmten Sohn als Tochter darstellen, um zu sehen, ob wir von Kelly – diesem Außenseiter, diesem Gesetzlosen – immer noch so fasziniert wären, wenn Er eine Sie ist. Ich habe mich gefragt, ob die Leserinnen und Leser wohl Mitgefühl mit einer zornigen Frau hätten. Was, wenn sie aggressiv ist? Unweiblich? Wie weit könnte ich gehen? Würden wir sie schärfer verurteilen als diesen Rowdy Ned?
Außerdem wollte ich die Geschichten erforschen, die wir über uns selbst erzählen. Welche Familiengeschichten reden wir uns ein? An welche nationalen Geschichten klammern wir uns (oder scheuen sie)? Was an Ned Kellys Geschichte beflügelt Australiens kollektive Fantasie, und was sagt das über uns?
Wir wissen, was Ned Kelly sagen würde, denn er hat es uns erzählt. Nachdem er 1879 die Bank von New South Wales in Jerilderie in seine Gewalt gebracht hatte, schrieb Kelly sein Manifesto: Den Jerilderie-Brief.
Leidenschaftlich, poetisch, politisch; der Jerilderie-Brief ist eines der unglaublichsten Dokumente der australischen Geschichte. Und er war mein Ausgangspunkt für »Red«.
»Red« ist das Manifest einer Frau. Ihrer kriegerischen Polemik. Es ist Reds Chance, ihre Seite der Geschichte zu erzählen, und sie macht keine Atempausen. Genau wie bei Ned Kelly ist Reds Geschichte im Kern eine Geschichte über ungewöhnliche Freundschaften und Kleinstadt-Loyalitäten. Und über Familiengeschichten, die sich weigern, in der Vergangenheit zu verbleiben.
*wobei der Begriff Bushranger weniger etwas mit dem uns geläufigen Ranger, also dem Wildhüter zu tun hat, sondern es sich dabei um Gesetzlose handelt, die sich im australischen Buschland versteckt hielten. Anm.d.Ü.
**2019 verfilmt und hier vielleicht besser bekannt: Outlaws – Die wahre Geschichte der Kelly Gang, mit Russel Crowe und Charles Hunan. Anm.d.Ü.
ERSTENS
DANN
UND DANN
JETZT WISST IHR ES
Sid hatte versprochen dass der Datsun golden war aber um ehrlich zu sein war er noch nicht mal bronzen aber an dem Tag an dem wir Sids Wagen aus Wyoming abgeholt haben war mir das schnuppe. Ich muss erst vier oder fünf Jahre alt gewesen sein und wir sind den langen Weg nach Hause gefahren nur wir beide Sid und ich in der prallen Sommersonne und die ganze Zeit hat Sid gesungen »Hi-Yo-Silver« obwohl der Datsun ja eigentlich golden sein sollte und yeah wir fuhren im Sonnenschein nach Hause während wir »Hi-Yo-Silver« gesungen haben und das ist die früheste Erinnerung an meinen Dad die ich habe.
Sid ließ mich Sozius sein und hat das sogar auf diese altmodische Weise gesagt wie er immer Was geht Partner und Sattel die Pferde und Sozius sagte obwohl ich gar nicht wusste was ein Sozius war es nicht gewusst hätte selbst wenn er mich in den Hintern gebissen hätte weiß es immer noch nicht wenn ihr die Wahrheit wissen wollt yeah trotz allem was sie über mich sagen.
Und wenn Sid mich auf dem Beifahrersitz mitfahren ließ obwohl es vermutlich Regeln gegen solche Sachen gibt egal ich also trotzdem neben ihm gesessen habe wie eine Königin auf seiner zusammengeknüllten Jacke dann konnte ich übers Armaturenbrett gucken und durch die Windschutzscheibe auf die Motorhaube auf der der Dotter der Sonne dick und fett glänzte als läge uns die ganze Welt zu Füßen.
Dieser Datsun war ein zweifarbiges weiß-braunes Ding als würde man in einem Riegel Cadbury’s Top-Deck-Schokolade durch die Gegend fahren. Yeah der 180B war Sids erstes Auto und man sagt sein erstes Auto vergisst man nie aber klar es gab vor dem Datsun noch andere Autos wie den Sandman um den Sid sich nur für einen Freund gekümmert hat und später den Toyota der auftauchte und dann so schnell wieder verschwand dass man als Kind von der Geschwindigkeit ein Schleudertrauma bekam aber dieser Datsun war der erste Wagen den Sid für gutes Geld gekauft hatte und vermutlich auch der einzige wenn ich ehrlich mit euch bin und wen scherte es dass er gebraucht war nach Zigarettenqualm roch und obendrein auf den Sportsitzen Brandflecken waren denn dieser Datsun gehörte nur uns Sid und mir.
Sid freute sich wie ein Schneekönig über das scheißfarbene Ding.
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Als wir an jenem Tag nach Hause fuhren sang Sid genauso war’s er hi-yo-silver-sang sich sein schäbiges Herz aus der Seele und ignorierte die Tatsache dass das Auto gar nicht silbern war und noch nicht mal kupferfarben und eigentlich auch gar nicht metallic. Eine Meeresbrise rauschte durch die offenen Fenster und der Datsun galoppierte dazu und das Lied dieser Fahrt bestand aus surrenden Reifen und pfeifendem Wind yeah plus den Klängen von Sids Song.
Doch gerade als Sid zu dem hi-yo-silver-Teil kam yeah sowie er zu dem Teil kam von dem ich wusste dass es als Nächstes kam tauchten die Cops hinter uns auf blaue Lichter und Fernlicht blitzen auf und ihre Sirene übertönte Sids Gesang. Sie befahlen uns rechts ranzufahren also bog Sid vom Highway ab und in eine Nothaltebucht und wir saßen schweigend auf dem Randstreifen des Pacific Highway yeah und warteten darauf zu erfahren welche Straftat wir begangen hatten.
Und die Cops ließen sich mächtig Zeit an diesem Tag um aus ihrem Streifenwagen auszusteigen. Ich vermute dass ich selbst in dem Alter Sid schon gefragt haben musste was wir falsch gemacht haben doch falls er geantwortet hatte ich weiß es nicht oder erinnere ich mich nicht an seine Antwort. Angst hatte sich breitgemacht und Sids Stimme gestohlen oder vielleicht war es Wut schwer zu sagen.
Ich erinnere mich noch an diese Cops es waren zwei da an Sids Fenster ganz lässig und grinsend yeah und höhnisch. Wollten Sids Führerschein sehen und sind Sie das Mr. McCoy als könnte Sid jemand anders sein und wo haben Sie diesen Wagen her Mr. McCoy und können wir bitte Ihre Zulassungspapiere sehen Mr. McCoy wir müssen uns vergewissern dass alles in Ordnung ist und Sie the real McCoy sind als wären sie die ersten die Witze über unseren Namen machten yeah als hätten sie den Gag erfunden.
Vermutlich waren sie nur jung vermutlich waren sie nur junge Polizisten die die Drecksarbeit machten aber wenn man nicht alt genug ist um ohne ein Kissen über das Armaturenbrett zu gucken wirken alle auf einen wie Monster besonders die in Uniform. Der eine war dürr während der andere ein Riese war der aussah als hätte er seine eigenen Monde echt jetzt man dachte es seien Comic-Cops wenn man nicht wusste wie gefährlich sie sein konnten.
Der Dürre hatte eine schrille Stimme und einen Adamsapfel der beim Reden an seinem Hals schwabbelte und er lehnte sich auf die Fensterkante von Sids neuem Datsun und schob sein Gesicht so weit in den Wagen rein dass Sid zurückweichen musste damit er keine eklige Spucke abbekam. Der Riese stand hinter ihm und sah sich von Zeit zu Zeit um ich weiß nicht als müsste er Wache stehen oder was aber so wie sein Bauch über seinen Gürtel quoll hätte er Schwierigkeiten gehabt schnell an sein Holster zu kommen yeah man konnte ihn wohl kaum einen Quick Draw McGraw nennen.
Los aussteigen sagte der Dürre und seine Stimme triefte vor falschem Widerwillen als würde er die Rolle hassen in die Sid ihn brachte oh wie er es hasste das zu tun.
Bleib sitzen Red befahl Sid.
Und ich wusste er meint es ernst weil er mich Red genannt hatte. Red bedeutete hör jetzt genau zu Mädel. Red bedeutete jetzt. Sid sagte immer Red wenn er keine Zeit hatte wenn er mich Ruby gerufen hatte und ich so tat als hätte ich ihn nicht gehört. Aber weil man einem Kind zwar einen Namen geben aber sie nicht zum Trinken zwingen kann schnallte Sid sich argwöhnisch ab. Er wollte die Tür öffnen doch der dürre Cop bewegte sich nicht also berührten sie sich fast an der Stirn und Sid war gezwungen um Erlaubnis zu bitten nur um die Tür seines eigenen Autos zu öffnen und es sind die kleinen Ungerechtigkeiten die am meisten wehtun. Und ich war ja selbst erst klein und meine Plastiksandalen reichten kaum an die Fußmatten ran aber ich hasste diese Cops mit meiner fünfjährigen Wut bereits abgrundtief.
Draußen vor dem Wagen stand Sid wie befohlen Richtung Datsun Arme weit ausgebreitet Handflächen zum Himmel erhoben an einem glühend heißen Tag Anfang Dezember yeah bei bestimmt fünfunddreißig Grad im Schatten. Und ich kann ihr Gespräch nicht genau wiedergeben weil es schon zehn Jahre her ist aber glaubt mir diese Cops waren an diesem Tag geschwätzig und Sid hat kaum ein Wort gesagt schwer zu glauben ich weiß aber diese Bullen haben die ganze Zeit geredet so viel ist sicher.
Dann haben diese Bullen Sid gegen das Auto gedrückt seinen Kopf und die Schultern auf das heiße Blechdach. Ich konnte das Rechteck seines Zitronen-Hemdes vor dem Fenster sehen und unter jedem Ärmel blühte ein dunkler Fleck auf und dann ein dumpfer Knall als seine Wange auf das Dach gerammt wurde.
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Als Sid hinterher wieder ins Auto stieg ließ er einen Teil von sich zurück. Klar als schlaksiger Motherfucker yeah hatte Sid ausreichend Länge übrig. Aber bevor die Cops uns angehalten hatten fuhr Sid mit dem Kopf schräg geneigt damit er nicht die Dachbespannung berührte aber dann als er sich wieder auf den Fahrersitz setzte war Sid kleiner als zuvor. Irgendwie passte er einfacher ins Auto die Schultern hingen herab genau wie sein Mund und irgendwas in seiner Brust war geschrumpelt weil Sid an diesem Tag an dem er von den Cops angehalten wurde ein paar Zentimeter verlor als sie uns auf der F3 Richtung Süden zurückließen ich schwör’s.
Da wo er das Autodach geküsst hatte war seine Wange rot und der Fleck erstreckte sich von seiner Augenhöhle bis zum Kiefer als würde das Blut zu dicht unter der Oberfläche kochen oder eher die Scham. Sid hat nie erzählt ob sie ihm an diesem Tag etwas vorgeworfen haben aber wer weiß vielleicht haben sie ihn wegen eines Kindes auf dem Beifahrersitz drangekriegt obwohl ich schon Schlimmeres gehört habe aber es ging nicht darum uns anzuklagen sondern uns das Leben mies zu machen als ob das ihr eigenes wiedergutmachte.
Und so geht es tagein tagaus und ständig auch am Sonntag yeah da gibt’s keine Ruhe für die Gottlosen von ihrer Sisyphos-Mission. Ich hab alles über Sisyphos gelesen und weiß das genau wie ich über diese Cops Bescheid weiß oh die uns tyrannisiert haben bis hin zur Unterwürfigkeit also haben wir nichts gesagt also tyrannisieren die Cops uns wieder. Und als diese Cops mit ihrem Wagen an diesem Tag am Autohof in Wyoming vorbeifuhren und Sid sahen der mit dem Händler ein Schwätzchen hielt na ja da haben sie gewartet bis wir in Sids nagelneuem-aber-eigentlich-gebrauchten gold-angepinselten-aber-eigentlich-beigefarbenen Datsun wegfuhren und dann sind diese Bastarde hinter uns her.
Und dann nachdem sie den alten Sid aus der Fassung gebracht haben wie sie’s haben sind sie fort und haben uns in der Mittagshitze in der Parkbucht am Straßenrand zurückgelassen. Kein Ton nichts von Sids »Hi-Yo-Silver« nur das traurige Möwengekreische von Metall auf Metall als der fette Cop mit dem Schlüssel an Sids Auto entlangschrammte während sie wegschlenderten.
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Jeder weiß wie es endet aber was die Leute weniger interessiert ist wie es angefangen hat. Niemanden kümmert es dass wir nie um irgendetwas gebeten haben schon gar nicht um Ärger und wir haben nicht hier geschrien damit die Polizei uns verfolgt aber sie haben es trotzdem getan.
Und die Zeitungen haben nie erwähnt dass meine Mum gestorben ist als ich erst drei Wochen alt war dass sie verblutet ist nach Komplikationen die bei Reichen nie vorkommen yeah sondern die nur die treffen die stempeln gehen.
Und obwohl sie auf der Hauptstraße gestorben ist wo sie gerade etwas für eine Freundin abholte wird man das Gefühl nicht los dass kein Gemeinderat oder Vermögensverwalter und auch kein verfickter Richter angerannt kam um ihr zu helfen yeah und ich wette dass diese Leute nie kurz vor der Mittagszeit auf der Mann Street Plaza verbluten.
Das ist also die erste Lücke in der Geschichte eine eklatante Leerstelle als wäre sie zensiert ein Loch wo meine Mutter hätte sein sollen doch niemand zieht das in Betracht wenn sie an meiner Stelle meine Geschichte erzählen.
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Ich hatte natürlich Sid und er war wohl kaum ein Loch obwohl man Sid vieles vorwerfen konnte was viele Leute machten aber genau das konnte man ihm nicht zum Vorwurf machen. Mein Dad war das Gegenteil von einem Loch er war eine große dünne Bohnenstange von Mensch voller Leben und voller Bohnen ein dürrer Strich kinetischer Energie der ein kleines Blechboot fahren oder einen Zaun reparieren oder einen Baum fällen oder ein Türschloss knacken konnte und der sprichwörtlich auf seinen Händen sitzen musste um sie ruhig zu halten.
Sids Familie kam aus diesem Ort also wuchs er hier auf und kannte die Central Coast so gut wie den Rücken seiner flinken Finger. Er wusste dass man die Angelschnur durchhängen lassen musste wenn man am Juno Point nach Umberfischen angelte und Forresters am besten für Weißfische war während man den schwarzen Nagebarsch am flachen Ufer unten in Terrigal fing. Er wusste dass sich Lippfische und Shelly und Putty und Killcare durchgehend anfüttern ließen. Er wusste dass man in Davistown die besten Sandmuscheln fand und in Bateaux Bay Riesenlippfische und in Veteran Hall Warf mit Sicherheit Flatheads und Feilenfische. Er wusste dass im The Point in Avoca bei Ost-Südost viel los war während man am Copa keine üblen Left-Hander-Wellen zum Surfen fand. Damals als er wusste wie man im Royal Hotel bedient wurde obwohl man noch zu jung war um Haare am Sack zu haben und wo man im Autokino in Erina jeden Abend über den Zaun klettern konnte. Er wusste wie man ohne Karte in die Strandkinos am Avoca Beach kam um die Sonntagsmatinee zu sehen aber am Sonntag sollte man das nicht versuchen weil sie dann im Kino eine katholische Messe abhalten den Fehler hat Sid nur einmal gemacht das kann ich euch sagen. Yeah Sid meinte er wüsste so ziemlich alles Wissenswerte über diesen Küstenabschnitt der Sid formte und der Sid zu dem machte der er war und er war so yeah weil dieser Ort einen Menschen geografisch wirklich formen kann also wenn man Sid alles anlastet tut mir leid aber dann sollte man sich erst mal umsehen.
Sid sagte immer dass sie ihn in einer Kiste hinaustragen müssten warnte er würde nicht freiwillig gehen das Problem wäre auch nicht Sergeant Healy der stecke an diesem Ort genauso fest wie Sid wie zwei Krebse auf demselben Scheißfelsen. Nicht dass man es den öffentlichen Akten entnehmen könnte nicht wahr die Rolle des Sergeant ist kaum der Rede wert sein Name taucht in den Gerichtsprotokollen kaum auf und man hört in den Abendnachrichten nie von Sergeant Healys Sünden aber das ist ein Versehen vom Allerfeinsten yeah genau da liegt der Fehler denn seine Rolle ist nicht marginal überhaupt nicht das was man unbedeutend nennen würde und dass das Gericht davon nichts erfährt ist so als hätte das Verfahren ein Riesenloch so groß dass man mit einem Lastzug durchfahren könnte yeah und nur wegen ihm bin ich jetzt hier drin.
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Unser erstes Vergehen war dass wir zu schlau für diese Healys waren das kann ich euch sagen von nichts kommt nichts und den Rat kriegt ihr umsonst: Bescheuerte Arschlöcher wie Healys hassen es daran erinnert zu werden wie dumm sie sind besonders von Proleten wie uns und es war Sids Dad – mein Großvater – der die Sache ins Rollen brachte. Sids Dad war vom selben Schlag wie Sid oder besser andersherum. Sie glichen sich wie ein Ei dem anderen (waren beide ständig in Bewegung) yeah sie sagen mein Großvater war so zappelig wie Sid. In meiner Erinnerung war er natürlich ruhiger er ging auf die sechzig zu als ich geboren wurde doch wir nannten ihn immer noch Pep statt Opa yeah weil der Typ ein Perpetuum mobile war.
Peps Familie kam aus Broke wenn ihr’s wirklich wissen wollt. Das ist westlich von hier mehr als eine Stunde mit dem Auto entfernt und noch länger wenn dieses Auto ein Datsun ist also sitzt Pep eines Tages in der Schule und zieht den Kopf ein als der Schulinspektor eintrifft und spontan entscheidet eine Unterrichtsstunde abzuhalten. Warum lernen wir in der Schule Geschichte will der Inspektor wissen aber niemand in Peps Klasse kann ihm das sagen. In Ordnung sagt der Schulinspektor ich sage euch warum wir in der Schule Geschichte lernen damit wir nicht dazu verdammt sind die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen und das gefiel Pep yeah die Antwort hat es ihm angetan also schreibt er die Worte des Schulinspektors hinten auf den Innendeckel seines Buches wisst ihr für schlechte Zeiten. Und ihr glaubt’s nicht aber zwei Wochen später zog Peps Familie um und verließ Broke um näher an die Küste zu ziehen und sie ließen sich in einem weißen holzverschalten Haus in Wyoming nieder und ehrlich das denke ich mir jetzt nicht aus aber in Peps erster Woche in seiner neuen Schule wer kommt da anderes herein als der Schulinspektor um spontan eine Unterrichtsstunde zu geben. Warum lernen wir Geschichte in der Schule will der Inspektor wissen und die Jungs starren aus dem Fenster yeah sie beobachten die Kleinen die auf dem Spielplatzzaun hocken und zählen die Löcher auf dem Cricketfeld bis Pep Mitleid bekommt und er sein Buch öffnet und laut vorliest was er erst vor zwei Wochen hinten auf den Innendeckel geschrieben hat – damit wir nicht dazu verdammt sind die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen.
Da hat der Schulinspektor aber dumm aus der Wäsche geguckt yeah als hätte man ihm einen nassen Fisch um die Ohren gehauen.
Geh runter ins Schulbüro mein Sohn und warte da auf mich oh er war schwer beeindruckt von Pep. Und als er fertig damit war den Rest der Klasse zu unterrichten (der zu weiteren fünfunddreißig Minuten Geschichtsunterricht mit dem Schulinspektor verdammt war) ging er selbst hinunter ins Schulbüro und da informierte er Pep dass er ein kluges Kind mit einer großen Zukunft sei und die Wyoming State School kein Ort wäre für ein Kind wie Pep und dass er Pep auf eine Schule in der Stadt schicken würde. Und da war Pep dran dumm aus der Wäsche zu gucken wo doch seine Familie gerade erst nach Wyoming gezogen war yeah und Pep war das erste Mal im Leben in Spuckweite des Ozeans und jetzt wollte der Schulinspektor ihn wegschicken? Das sah Pep aber anders.
Doch als Pep das alles dem Schulinspektor erklärte dass sie gerade erst aus dem Westen nach Wyoming gezogen waren yeah aus Broke und wie der Schulinspektor bei allem Respekt vor zwei Wochen exakt die gleiche Stunde abgehalten hatte und wie Pep die Antwort des Schulinspektors Wort für Wort aufgeschrieben hatte yeah und das das gar nicht seine Idee gewesen sei aber das machte die Sache nur noch schlimmer.
Ein Kind das lernen wollte und Qualitätsunterricht erkannte wenn es ihn sah? Der Schulinspektor hatte sich entschieden und Peps Schicksal war besiegelt und daran sieht man wie wir uns im Leben immer nach den Launen der Mächtigen richten müssen und Pep wurde noch in derselben Woche in eine Schule in Sydney verfrachtet und lebte nie in dem weißen Holzhaus in Wyoming und wurde schlimmer noch von seiner Familie getrennt.
Doch wer meint dass dies das Ende von Peps Problemen war sollte sich gut anschnallen wie Sid immer sagte denn Peps Kampf ging damit erst richtig los.
Howard Sergeant Healys alter Herr war an dem Tag als der Schulinspektor eintraf auch in der Klasse wisst ihr und es war ein Besuch den Howard Healy geahnt hatte yeah auf den er monatelang gewartet hatte er hatte gewartet dass der Schulinspektor kam. Howard Healy hatte große Pläne und ein Auge auf eine Karriere im Rechtswesen geworfen die mit einer besseren Ausbildung unten in der Stadt begann. Das stimmte er wollte unbedingt aus Wyoming weg wollte auf eine Schule in Sydney gehen und dann einen Abschluss an einer Sandstein-Universität machen bevor er Anwalt wurde und die Zulassung erhielt und Partner wurde und ein verfluchter Richter wurde woher zum Teufel soll ich das denn wissen? Alles was ich weiß ist dass Sid sagte Pep sagte Healy Senior hätte über seine Anwaltskarriere geredet als sei sie verfickt vorherbestimmt als hätte er seinen Abschluss quasi schon in der Tasche so super sicher war er yeah Howard Healymachte so einen auf dicke Hose dass sie ihm fast runterrutschte der spukte so große Töne dass er sich fast daran verschluckte. Aber was er nicht geahnt hatte war dass Pep auf die Schule kam und ihm direkt unter seiner Scheißnase seine Zukunft stahl nein damit hatte Howard Healy nicht gerechnet. Er hatte nicht mit uns McCoys gerechnet yeah und Peps Intelligenz oh die war der Fluch unserer ganzen Familie.
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Und vielleicht wäre alles gut gegangen wenn es da aufgehört hätte damit dass Pep in die Schule in der Stadt ging und so weiter. Aber sobald Pep seine Zeit in Sydney abgesessen hatte bestieg er den ersten Zug zurück nach Wyoming wo er am Narara-Bahnhof abgefangen und zurück nach Sydney geschickt wurde denn es war der Zweite Weltkrieg und Pep hatte seinen Marschbefehl erhalten. Genau so war es Pep wurde in die Australian Military Forces eingezogen nachdem er gerade erst all die Jahre damit zugebracht hatte seinen Kopf mit Schule zu füllen und jetzt wollten sie dass er ihm weggeblasen wurde und er diente zwei Jahre in Sydney bis ihm 1944 gesagt wurde dass er nach Neuguinea geschickt würde um gegen die Japaner zu kämpfen. Pep hatte keinen Streit mit den Japanern er hatte überhaupt keinen Streit mit irgendwem und er wollte ganz bestimmt nicht mit einem Gewehr schießen also holte er sich ein Kleid und wurde zu Bernice yeah und sie kamen nie auf die Idee Bernie eine Waffe zu geben.
Wollt ihr mir etwa sagen ihr hättet nicht dasselbe getan? Die Welt wäre ein besserer Ort wenn es weniger Kriege und mehr Transvestismus gäbe aber so haben die Militärbehörden das nicht gesehen nein sie waren ganz anderer Ansicht. Sie nennen Leute wie Pep Deserteure und Kriminelle und sie dürfen dich einen unpatriotischen Hund nennen und Pep wurde wegen Fehlverhalten in Abwesenheit entlassen weil er sich illegal entfernt hatte.
Das war der erste Zusammenstoß unserer Familie mit dem Gesetz und alles nur weil Pep nicht killen und morden mochte so sieht’s aus nehmt euch vor uns wilden McCoys in acht vor uns Pazifisten mit unserer gefährlichen friedliebenden Art und erst 1948 wurde eine Amnestie für Deserteure verkündet und Pep wurde begnadigt oder wie das heißt doch der Schaden war angerichtet (und nicht nur weil Pep nie seine Armeeausrüstung zurückgab die er geklaut hatte die gesamten fünfzehn Pfund). Yeah Gott hilf einem Mann der sich weigert beim Australian and New Zealand Army Corps mitzumachen und doppelt wenn er das in einem Kleid tut.
Yeah was für eine Bedrohung musste Pep für die Behörden damals gewesen sein er unbewaffnet und die mit ihren Glock-Pistolen und ihren Knüppeln kein Wunder dass sie gezwungen waren ihn so zu verprügeln dass er einen Monat ins Krankenhaus musste als sie es herausgefunden hatten yeah sie hatten keine andere Wahl als ihn zu vermöbeln. Klar Pep hat vielleicht die Gewalt im Dschungel von Neuguinea vermieden er mochte den Kugeln der Bougainville-Kampagne ausgewichen sein aber Pep hat seinen Teil an Hass und Feindseligkeit gesehen yeah Pep hat die falsche Seite von vielen blutigen Schlagstöcken gesehen ohne den Feind auch nur zu erblicken.
Und wer weiß vielleicht war es dieses Trauma das Pep an Sid weitergegeben hat die Art an Kriegsneurose die man bekommt ohne einen einzigen Krieg zu sehen. Die Art von Schmerz die in ein rosa Blumenkleid gehüllt kommt also kein Wunder dass wir das Gesetz nicht mögen.
Als Pep nach Wyoming zurückkehrte nach seiner Zeit als Bernice war er stiller und langsamer als zuvor. Ihm war der Pep aus dem Leib geprügelt worden erkannte die Familie aber eins war sicher Howard Healy stand schon bereit um Pep zu Hause in Wyoming willkommen zu heißen. Frisch von der Front in Milne Bay trug Howard Healy immer noch seine Militärstiefel und wusste genau wie man Deserteure behandelte also erlitt Pep all das was er in der Stadt erlitten hatte in Wyoming erneut dank Howard Healy so viel dazu verdammt zu sein die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen.
Wie man also sieht war es von Beginn dieser ganzen Saga an persönlich der Groll der Healys war persönlich und ihr Hass auf unsere Familie war verfickt persönlich aber macht euch nicht eine Sekunde was vor das war nicht alles nein es war so viel mehr als das. Ihr glaubt vielleicht dass die Healys die McCoys seit drei Generationen gehasst haben weil Pep im Unterricht die richtige Antwort wusste glaubt vielleicht all diese Jahre der Schikane all die Brutalität waren nur weil Pep zu Hause blieb statt in den Krieg zu ziehen. Nein Tatsache ist dass diese Healys Mittelsmänner sind sie sind korrupt wie nur was verbiegen sich wie eine Klobrille und sind auch genauso dreckig. Als er kein Anwalt werden konnte (wegen des Krieges und wegen tausend anderer Dinge aber überhaupt nicht wegen Pep) nun da wurde Howard Healy ein desillusionierter Cop und brachte seinem Sohn bei genauso zu werden. Schmiergelder anzunehmen Dokumente zu fälschen Zeugen zu verprügeln Verdächtige niederzumachen Beweise zu unterschlagen oder falsche Beweise unterzujubeln ohne Anklage zu verhaften interne Untersuchungen abzuwenden nichts war zu viel der Mühe nein nichts war je tabu und klar sie würden behaupteten sie würden sogenannte opferlose Straftaten begehen aber das bedeutet nur: In ihren Augen zählen die Opfer nicht.
Vor dem Gesetz waren die McCoys und die Healys nie gleich und mit dem Gesetz meine ich das dumme Arschloch Sergeant Healy. Die Healys hassten uns dafür was Pep getan hatte und auch dafür was sie nicht getan hatten doch noch mehr hassten sie uns für das wofür wir standen yeah sie schauten auf uns herab wie auf eine Wasserleiche in einem öffentlichen Schwimmbad. Für die Healys waren wir Sozialschmarotzer Mietnomaden wir waren proletarischer Gewerkschaftsdreck wir waren Kettenraucher Flanellträger genau das waren wir. Benzinschnüffler Kiffer Meth-Abhängige und noch schlimmer als das: Wir waren arm. Wir waren all das was die Healys dieser Welt hassten und es spielte keine Rolle dass noch nicht mal die Hälfte dieser Dinge auf Sid und mich zutraf yeah wir waren die meiste Zeit gesetzestreu und hatten keine richtige Straftat begangen bis die Cops uns dazu trieben und an dem Punkt ließen sie uns keine Wahl mehr. Aber das spielte für Sergeant Healy keine Rolle und auch nicht für seine Bullenkollegen alles was eine Rolle spielte war dass es anfing und ich wette sie hätten nie gedacht dass ich sie fertigmachen würde.
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Es war nicht immer so Sid und ich lebten in diesen ersten Datsun-Jahren glücklich genug und ich denke gerne an sie zurück weil sie in meiner Erinnerung um die Zeit anfingen als wir damals in diesem Datsun 180B zum ersten Mal nach Hause fuhren und diese Jahre goldener waren als alles auf der Erde und goldener als Sids Auto je war.
Wir lebten in diesem holzverschalten Haus das mal weiß gewesen sein musste (wie das in dem Pep nie wohnte drüben in Wyoming) nur dass unser Haus inzwischen schmutzig-grau war vor Alter und wegen der Brise die aus der Bucht hochwehte.
Unser Haus lag auf halber Höhe auf einem Hügel und man hatte den Blick über Brisbane Water und auf halber Höhe bedeutete dass man optimistisch vorn im Garten mit dessen gemauertem Briefkasten stehen konnte wo ein Gartenzwerg zuversichtlich in einem trockenen Betonteich angelte und abhängig davon in welche Richtung man guckte konnte man über die glitzernde Weite der Bucht blicken oder ein Stück Bergstraße erhaschen.
Wenn man dann den Hügel runter zur Bucht ging verkrüppelte einem die Achillessehne die Zehen die sich in das Gummi deiner Flipflops krallten und dann kam man zu einem gigantischen ausladenden Angophora der die Straße wie einen Pfirsich in zwei Teile spaltete. Dieser Baum war so riesig und so uralt dass selbst die Ratsversammlung wusste wann sie verloren hatte und statt ihn zu entfernen die Straße einfach umleitete sodass sie an beiden Seiten des Baumes vorbeifloss und man konnte die Touristen einfach erkennen weil sie diejenigen waren die an der Gabelung stockten als hätten sie tatsächlich die Wahl. Doch der Rest von uns wusste dass die Straße hinter dem Baum wieder zusammenlief und auch dass sie scharf nach links abknickte yeah und man die letzte Kurve nicht zu eng nehmen sollte weil man entweder scharf bremsen musste oder in der Bucht landete.
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Sid hat mir auf dem Hügel das Fahrradfahren beigebracht während meine Lungen platzten und mein Haar wehte und ich hatte so viel Angst dass ich weder schreien noch bremsen noch sonst was tun konnte nur fahren. Auf der Jabiru Avenue lernt ein Kind schnell so viel steht fest yeah angesichts des Gefälles ist man begabt und talentiert und all das ohne Helm und Stützräder und eindeutig ohne Perlen die an den Speichen klimperten wie bei den anderen Kindern aber andererseits hatte ich Sid an meiner Seite der wie ein Verrückter jubelte und er hatte ein Herz wie Phar Lap das berühmte Rennpferd yeah und Sid feuerte mich jedes Mal an wenn ich auf dem Sattel saß und jubelte als sei es die verdammte Tour de France.
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An der Jabiru Avenue brachte Sid mir auch das Krabbenfischen bei unten am Fuß des Hügels im sanften Bauch der Bucht wo wir nach Rundkrabben oder Blauen Schwimmkrabben suchten obwohl wir von Letzteren nie genug erspähten und für meinen Geschmack auch nie genug von Ersteren. Das Problem waren Sid und sein blutendes Herz.
Es spielte keine Rolle wie viele Körbe oder Netze oder Angelschnüre wir den Hügel runterschleppten oder wie viele Haken ich mit Ködern bestückte wir kehrten immer mit einem leeren Eimer zurück der zwischen uns baumelte und ich mit einem Gesicht wie ein runtergefallenes Stück Torte. Jede Krabbe war zu klein oder zu groß oder zu blau oder zu nass nein Sid sah nie eine Krabbe die wir behalten konnten. Schmecken im Laden sowieso besser tröstete er sich als wären die Krabben die auf Eis in dem Fischladen lagen nicht auch mal in einer Bucht herumgeschwommen bis jemand anderer sie herausgefischt hatte aber Sid mochte noch nie derjenige sein der die Drecksarbeit erledigte.
Sid hat mir auch noch andere Dinge beigebracht nicht nur das Fahrradfahren oder Krabbenfangen beziehungsweise keine Krabben zu fangen. Er hat mir auch beigebracht dass Familie etwas bedeutet und Loyalität das Wichtigste ist yeah und er hat mir schon als Kind beigebracht zu meinem Wort zu stehen. Aber das waren die Datsun-Jahre die jetzt in meiner Erinnerung so golden sind und das ist die dritte Lücke in dieser Geschichte die euch serviert wurde. Ein großes himmelschreiendes Versäumnis genau wie all die anderen Lügen. Das ist die Lücke die behauptet dass es natürlich für uns McCoys schon immer so kommen würde weil das böse Ende eben unser Schicksal war. Das ist die Lücke die behauptet der Anfang sei das Ende die sagt Herkunft sei Schicksal und das ist das Loch das sagt dass wir alle bekommen was wir verdienen. Yeah wir hätten es die ganze Zeit verdient sagt diese Lücke wir wären von Anfang an niederträchtig gewesen.
Denn sowie man den Teil der Geschichte erzählt in dem wir glücklich waren yeah sowie man sagt dass Sid und ich gut klarkamen bis Sergeant Healy und die New South Wales Police sich reinhängten dann ist man gezwungen zuzugeben dass der Fehler nicht bei uns lag nein mein Leben war nicht immer so dass es so enden würde.
Aber so sind wir jetzt stimmt’s die (un)heiligen McCoys die eher Sünder als Heilige sind aber voller Lücken oder genauer: unsere Geschichte ist es.
Diese Geschichte so wie das Gericht und die Medien sie erzählen hatschi-hatschi-hatschi ist gerammelt voll mit Lücken zählt nach. Hatschi eine Lücke wo meine Mutter hätte sein sollen. Hatschi eine Lücke wo Sergeant Healys Rolle in all dem hier nie erwähnt wird. Hatschi hatschi hatschi die große klaffende Lücke der Vorherbestimmung durch die der New South Wales Police Service vom Haken kommt. Wie es aussieht ist unsere Geschichte gerammelt voll mit Lücken und jeder Idiot kann euch sagen dass die Geschichte von den Gewinnern geschrieben wird yeah wer immer die Macht hat hat auch den Kuli in der Hand.
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Aber ich bin noch nicht tot und ich werde nicht leise gehen und ich bin hier um die Dinge ins rechte Licht zu rücken solange ich es noch kann yeah ich bin hier um ein paar Lücken in meiner Geschichte zu schließen ein paar Löcher zu stopfen nicht wahr?
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Das Kind das wahrscheinlich mit einer Lupe Ameisen verbrannt hat so hat die Zeitung mich beschrieben. Ich habe nie irgendwelche Ameisen mit einer Lupe verbrannt und auch mit sonst nichts aber nur fürs Protokoll ich kann mich mit einem Starren durch eine Person brennen nur damit ihr Bescheid wisst.
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Es war nicht nur mein Starren das mir in der Schule Ärger einbrachte auch mein Mundwerk trug dazu bei und manchmal meine Fäuste wenn es dazu kam obwohl die meisten Lehrerinnen meinen Mund schon lange satthatten bevor sie die Chance bekamen auch genug von meinen Fäusten zu haben. Warum kommst du nicht nach vorn und unterrichtest die Klasse wenn du meinst du kannst es besser sagten sie und ich zögerte keine Sekunde. Miss Unterrichten ist eine Gewerkschaftsarbeit wollen Sie etwa dass ich rumgehe und Gewerkschaftsjobs stehle haben Sie doch etwas Anstand warum sollten sie darüber Witze machen Miss.
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Sachen die ich mich zu essen getraut habe (und gegessen habe):
Kaugummi vom Boden des B55-Busses nach Ettalong Beach
Kupfersulfatkristalle aus dem Chemielaborlager
Siebzehn Kartoffelpuffer aus dem Fish-and-Chips Laden (ein Rekord)
Einen kalten Zigarettenstummel
Ein warmes Pflaster
Einen Mathetest aus der achten Klasse in Zwei-Zentimeter-Quadrate gerissen jedes Mal wenn der Lehrer sich zur Tafel umdrehte
Die Essiggurken von neun McDonalds Junior-Burgern nachdem sie an die Decke geworfen worden waren auf den Boden fielen aufgesammelt und in meinen Burger gepackt wurden
Eine Faustvoll Blumenerde
Einen Liter Orangensirup unverdünnt
Einen Liter roten Sirup unverdünnt
Eine Dollarmünze aber die habe ich nicht heruntergeschluckt sondern sie eine Weile im Mund behalten denn ernsthaft wer kann schon Eure Majestät herunterschlucken und außerdem was für eine Verschwendung eines Dollars.
Yeah ich war vielleicht ein oder drei Kämpfen ausgewichen aber vor einer Mutprobe bin ich nie zurückgeschreckt.
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Als ich klein war entwischte das Kaninchen unserer Nachbarn aus seinem Stall rannte auf die Straße und wurde von einem Auto überfahren. Damals kletterte ich oft über den Zaun in ihren Garten wenn die Moffats nicht zu Hause waren und streichelte das Kaninchen und ich weinte zwei Tage lang als es starb.
Kopf hoch Ruby Tuesday sagte Sid. Ein plattes Kaninchen gibt immer noch einen guten Eintopf.
Und Sid der wusste welcher Dreck aus dem Mund eines kleinen Kindes kommen konnte beharrt darauf dass meine Antwort nicht druckfähig sei.
Das war der Moment an dem ich ihm erklärte ich würde weglaufen.
Und Sid sagte er würde mich vermissen aber ich sei vermutlich alt genug um mich allein in der Welt zurechtzufinden besonders weil ich keinen Sinn für Humor besäße und es sei nicht nötig deswegen plötzlich einen auf Vegetarierin zu machen.
Auf was?
Auf Vegetarierin. Jemand der über Essen das völlig in Ordnung ist die Nase rümpft und dünner und dünner wird bis an ihren Knochen kein Fleisch mehr übrig ist.
Was ausgerechnet aus seinem Mund ein bisschen überheblich klang wenn man bedachte dass er keine Krabben fangen konnte.
Also packte ich meinen Pyjama mein Nachtlicht und eine Orange in einen Karton und zerrte ihn halb die Jabiru Avenue herunter saß dann neben meinem Karton aß meine Orange und schaute zu wie die Sonne über der Bucht unterging während ich versuchte herauszufinden ob ich zu störrisch war umzukehren und nach Hause zu gehen. Das dauerte eine Weile und es wurde langsam dunkel und mir musste langweilig geworden sein oder ich hatte Angst bekommen oder ehrlich wer weiß schon was in meinem winzigen Hirn los war denn ich kletterte mitten auf der Straße in diesen Karton und zog die Papp-Klappen über meinem Kopf zu.
Und das war der Punkt an dem Warren Kenny über den Kamm des Hügels kam in einer Hand eine halb gerauchte Zigarette die andere Hand am Lenkrad seines Mack Granite. Warren Kenny transportierte für gewöhnlich Sandsteine vom Steinbruch in Somersby bevor er arbeitslos wurde doch danach war die Ladefläche des Mack Granite immer leer und wenn ich’s mir recht überlege auch Warren Kenny.
Doch an diesem Tag war Warren nicht leer an diesem Tag war Warren im White Hart eingekehrt und hatte ein oder sechs große Bier getrunken also dachte er er sähe doppelt als er meine braune Kiste da unten mitten auf der Jabiru Avenue stehen sah. Er rumpelte einfach über den Kamm und als er erkannte was er sah legte er den zweiten Gang dieses Mack Granite ein. Ein Karton der vielleicht leer war oder voller alter Zeitungen würde einen schönen Knall geben wenn er unter den 110 Tonnen des Mack Granite zerplatzte also hielt Warren Kenny mit seiner Reifenlinie direkt auf meinen Karton zu und legte den ersten Gang ein um die Motorbremse ihren Job erledigen zu lassen als Warren Kenny aus Zufall oder Glück in letzter Minute nach links ausscherte und an meinem Karton vorbeifuhr und mein Kopf herausgeploppt kam und meine Locken im Rückspiegel dieses Mack Granite wippten und Warren Kenny beinahe einen Herzinfarkt bekam.
Hätte sie beinahe plattgefahren. Hätte sie verdammt noch mal beinahe plattgefahren sagte er hinterher zu Sid. Himmel hätte sie beinahe über die ganze Straße verteilt.
Warren zitterte und sog so kräftig an seiner Zigarette dass das Ding Gefahr lief heruntergeschluckt zu werden.
