Red Rising - Pierce Brown - E-Book

Red Rising E-Book

Pierce Brown

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Beschreibung

Wenn du Gerechtigkeit willst, musst du dafür kämpfen!

Der junge Darrow lebt in einer Welt, in der die Menschheit die Erde verlassen und die Planeten erobert hat. Bei der Besiedlung des Mars kommt ihm eine wichtige Aufgabe zu, das jedenfalls glaubt Darrow, der in den Minen im Untergrund schuftet, um eines Tages die Oberfläche des Mars bewohnbar zu machen. Doch dann erkennt er, dass er und seine Leidensgenossen von einer herrschenden Klasse ausgebeutet werden. Denn der Mars ist längst erschlossen, und die Oberschicht lebt in luxuriösen Städten inmitten üppiger Parklandschaften. Sein tief verwurzelter Gerechtigkeitssinn lässt Darrow nur eine Wahl: sich gegen die Unterdrücker aufzulehnen. Dabei führt ihn sein Weg zunächst ins Zentrum der Macht. Der unerschrockene Darrow schleust sich in ihr sagenumwobenes Institut ein, in dem die Elite herangezogen wird. Denn um sie vernichtend schlagen zu können, muss er einer von ihnen werden …

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Seitenzahl: 715

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Das Buch

»Die Story ist Hollywood pur: jede Menge Action und Spannung!«     Publishers Weekly

Darrow lebt in einer Welt, in der die Menschheit die Erde verlassen und die Planeten erobert hat. Bei der Besiedlung des Mars kommt ihm eine wichtige Aufgabe zu, das jedenfalls glaubt Darrow, der in den Minen im Untergrund schuftet, um eines Tages die Oberfläche des Mars bewohnbar zu machen. Doch dann erkennt er, dass sie alle, die Roten, von einer mächtigen Elite ausgebeutet werden. Der Mars ist längst erschlossen, und die Oberschicht lebt in luxuriösen Städten inmitten üppiger Parklandschaften. Sein tief verwurzelter Gerechtigkeitssinn lässt Darrow nur eine Wahl: sich gegen die Unterdrücker aufzulehnen. Dabei führt ihn sein Weg ins Zentrum der Macht, hinein in das legendäre Institut der Goldenen, in dem die Elite herangezogen wird. Denn um sie vernichtend zu schlagen, muss er einer von ihnen werden. Das ist er sich selbst schuldig – und Eo, der Liebe seines Lebens, die er nicht retten konnte …

Der Autor

Nach dem Collegeabschluss hätte Pierce Brown eigentlich nichts dagegen gehabt, seine Studien in Hogwarts fortzusetzen. Da es ihm dafür leider an der nötigen magischen Gabe fehlte, versuchte er es mit verschiedenen Jobs in der Medienbranche. Sein Debütroman Red Rising wurde ein so sensationeller Erfolg, dass Pierce Brown sich jetzt ganz dem Schreiben widmen kann. Der Autor lebt in L.A.

PIERCE

BROWN

RED

RISING

ROMAN

Aus dem Amerikanischen

von Bernhard Kempen

Die Originalausgabe erscheint unter dem Titel Red Rising

bei Del Rey, an imprint of Random House, New York

Copyright © 2014 by Pierce Brown

Copyright © 2014 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Das Illustrat, München,

nach dem Originalumschlag von Faceout Studio/Charles BrockIllustration: © Sail, uselessarm.com

Redaktion: Christine Schlitt

Karte: Andreas Hancock

Satz: Leingärtner, Nabburg

ePub-ISBN: 978-3-641-14741-9

www.heyne-fliegt.de

Für meinen Vater,

der mir das Gehen beibrachte

Ich hätte in Frieden leben können. Aber meine Feinde brachten mir den Krieg.

Ich betrachte zwölfhundert ihrer stärksten Söhne und Töchter. Ich höre den Worten eines unbarmherzigen Goldenen zu, der zwischen großen Marmorsäulen spricht. Ich höre der Bestie zu, die die Flamme brachte, die an meinem Herzen nagt.

»Alle Menschen sind nicht gleich geschaffen«, verkündet er, groß, gebieterisch, ein Mann wie ein Adler. »Die Schwachen haben euch betrogen. Sie sagen, dass die Sanftmütigen die Erde besitzen sollen. Dass die Starken die Demütigen unterstützen sollen. Das ist die vornehme Lüge der Demokratie. Das Krebsgeschwür, das die Menschheit zerstört.«

Sein Blick durchdringt die versammelten Studenten. »Ihr und ich, wir sind Goldene. Wir sind das Ende und der Höhepunkt der Evolution. Wir überragen den Fleischhaufen der Menschheit und beschützen die geringeren Farben. Ihr habt dieses Vermächtnis geerbt.«

Er hält inne, um die Gesichter der Versammelten zu mustern. »Aber das alles gibt es nicht umsonst. Macht muss beansprucht, Reichtum verdient werden. Herrschaft und Regierung müssen mit Blut erkauft werden. Ihr narbenlosen Kinder habt euch noch gar nichts verdient. Ihr kennt keinen Schmerz. Ihr wisst nicht, was eure Vorväter geopfert haben, um euch in diesen hohen Stand zu versetzen. Aber bald werdet ihr es euch verdient haben. Bald werden wir euch lehren, warum Gold die Menschheit regiert. Und ich verspreche euch, dass von euch nur jene überleben werden, die für die Macht tauglich sind.«

Aber ich bin kein Goldener. Ich bin ein Roter.

Er glaubt, Menschen wie ich wären schwach. Er hält mich für dumm, kraftlos, einen minderwertigen Menschen. Ich bin nicht in Palästen aufgewachsen. Ich bin nicht auf Pferden über Wiesen geritten, ich habe keine Mahlzeiten aus Kolibrizungen zu mir genommen. Ich wurde in den Eingeweiden dieser harten Welt geschmiedet. Vom Hass geschärft. Von der Liebe gestärkt.

Er irrt sich.

Keiner von ihnen wird überleben.

ERSTER TEIL

Sklave

Auf dem Mars wächst eine Blume.

Sie ist rot und zäh und für unseren Boden geeignet.

Sie heißt Haemanthus. Das bedeutet »Blutblume«.

1    Höllentaucher

Das Erste, was ihr über mich wissen solltet, ist, dass ich der Sohn meines Vaters bin. Und als sie ihn holten, tat ich, worum er mich gebeten hatte. Ich habe nicht geweint. Nicht als die Weltengesellschaft die Nachricht seiner Verhaftung senden ließ. Nicht als die Goldenen ihn vor Gericht stellten. Nicht als die Grauen ihn hängten. Dafür bekam ich Prügel von Mutter. Eigentlich war mein Bruder Kieran der stoische von uns. Er war der Ältere, ich der Jüngere. Eigentlich hätte ich weinen sollen. Stattdessen heulte Kieran wie ein Mädchen, als die kleine Eo eine Haemanthus-Blüte in Vaters linken Arbeitsstiefel steckte und an die Seite ihres eigenen Vaters zurückrannte. Meine Schwester Leanna murmelte neben mir eine Wehklage. Ich schaute nur zu und dachte, dass es eine Schande war, dass er tanzend, aber ohne seine Tanzschuhe starb.

Auf dem Mars ist die Schwerkraft nicht sehr groß. Also muss man an den Füßen des Gehängten ziehen, um ihm das Genick zu brechen. Diese Aufgabe überlassen sie den Angehörigen.

*

In meinem Kochanzug rieche ich meinen eigenen Gestank. Der Anzug besteht aus Nanoplastik und ist so heiß, wie der Name vermuten lässt. Er isoliert mich vom Scheitel bis zur Sohle. Nichts kommt rein. Nichts geht raus. Und schon gar nicht die Wärme. Das Schlimmste ist, dass man sich nicht den Schweiß aus den Augen wischen kann. Er juckt drecksverdammt, wenn er durch das Stirnband läuft und sich rund um die Füße sammelt. Ganz zu schweigen vom Gestank, wenn man pisst. Was man ständig tut. Man muss eine Menge Wasser durch das Trinkröhrchen aufnehmen. Wahrscheinlich könnte man sich auch einen Katheter legen lassen. Wir haben uns für den Gestank entschieden.

Das Bohrteam meines Clans tauscht über den Kom in meinem Ohr Tratsch aus, während ich auf dem Greifbohrer sitze. Ich bin ganz allein in diesem tiefen Tunnel auf einer Maschine, die wie eine riesige Metallhand konstruiert ist und sich in den Untergrund krallt. Ich steuere die steinschmelzenden Finger vom Holstersitz aus, genau dort, wo sich das Ellbogengelenk befindet. Meine Finger stecken in Kontrollhandschuhen, mit denen ich die vielen tentakelähnlichen Bohrer bewege, die sich etwa neunzig Meter unterhalb meines Sitzes befinden. Es heißt, um ein Höllentaucher sein zu können, muss man Finger haben, die schnell wie flackernde Flammenzungen sind. Meine flackern schneller.

Trotz der Stimmen in meinem Ohr bin ich allein in dem tiefen Tunnel. Meine Welt besteht nur noch aus Vibration, dem Echo meines eigenen Atems und einer so drückenden und widerlichen Hitze, dass es sich anfühlt, als wäre ich in eine schwere Bettdecke aus heißer Pisse eingehüllt.

Ein neuer Strom von Schweiß bricht durch das scharlachrote Stirnband, das ich mir um den Kopf gebunden habe, und läuft mir brennend in die Augen, bis sie so rot wie mein rostrotes Haar sind. Früher hatte ich immer wieder versucht, mir den Schweiß mit der Hand abzuwischen, nur um völlig vergeblich an der Helmscheibe meines Kochanzugs zu kratzen. Ich will es immer noch tun. Selbst nach drei Jahren ist das Jucken und Brennen des Schweißes eine einzige Qual.

Die Tunnelwände rund um meinen Holstersitz werden von zahlreichen Lampen in schwefeliges Gelb getaucht. Die Reichweite des Lichts ist begrenzt, wenn ich den dünnen vertikalen Schacht hinaufblicke, den ich heute gegraben habe. Über mir schimmert kostbares Helium-3 wie flüssiges Silber, aber ich blicke in die Schatten, halte Ausschau nach den Grubenottern, die sich durch die Dunkelheit winden und die Wärme meines Bohrers suchen. Sie würden sich durch meinen Anzug fressen und sich dann an der wärmsten Stelle verkriechen, die sie finden können, normalerweise im Bauch, um darin ihre Eier abzulegen. Ich bin schon einmal gebissen worden. Ich träume immer noch von dem Tier – schwarz und wie eine dicke Ranke aus Öl. Sie können so dick wie ein Oberschenkel und so lang wie drei Männer werden, aber es sind die Babys, die wir am meisten fürchten. Sie haben noch nicht gelernt, ihr Gift einzuteilen. Genauso wie ich kamen ihre Vorfahren von der Erde, aber der Mars und die tiefen Tunnel haben sie verändert.

Es ist unheimlich in den tiefen Tunneln. Einsam. Neben dem Lärm des Bohrers höre ich die Stimmen meiner Freunde, die alle älter sind. Aber ich kann sie einen halben Kilometer über mir in der Dunkelheit nicht sehen. Sie bohren weit oben, in der Nähe der Mündung des Tunnels, den ich gegraben habe, steigen mit Seilen und Haken ab und hängen an den Tunnelwänden, um an die kleinen Helium-3-Adern heranzukommen. Sie arbeiten mit meterlangen Bohrern und sammeln die Krümel auf. Auch diese Arbeit erfordert geschickte Hände und Füße, aber ich bin der Spitzenverdiener dieses Teams. Ich bin der Höllentaucher. Dazu muss man aus einem besonderen Holz geschnitzt sein – und ich bin der jüngste, der jemals diesen Job gemacht hat.

Ich bin schon seit drei Jahren in den Minen. Man fängt mit dreizehn an. Wer rammeln kann, kann auch rackern. Zumindest behauptet Onkel Narol das. Allerdings habe ich erst vor sechs Monaten geheiratet. Deshalb weiß ich nicht, warum er das gesagt hat.

Eo tanzt durch meine Gedanken, während ich auf meine Kontrollanzeigen blicke und die Finger des Greifbohrers um eine frische Ader schließe. Eo. Manchmal fällt es mir schwer, sie anders zu nennen als so, wie wir sie als Kinder genannt haben.

Kleine Eo – ein winziges Mädchen, das sich unter einer roten Mähne versteckt. Rot wie der Fels um mich herum, kein echtes Rot, sondern Rostrot. Rot wie unsere Heimat, wie der Mars. Auch Eo ist jetzt sechzehn. Und sie könnte wie ich sein – aus einem Clan von Rotstein-Bergleuten, einem Clan der Musik, des Tanzes und des Bodens – aber sie könnte auch aus Luft gemacht sein, aus dem Äther, der die Sterne zusammenhält. Nicht dass ich jemals Sterne gesehen hätte. Kein Roter aus den Bergbaukolonien sieht jemals die Sterne.

Kleine Eo. Man wollte sie verheiraten, als sie vierzehn geworden war, wie alle Mädchen des Clans. Aber sie entschied sich für die knappen Rationen und wartete, bis ich sechzehn geworden war, das Heiratsalter für Männer, bevor sie sich das Band über den Finger schob. Sie sagte, sie hätte gewusst, dass wir heiraten werden, seit wir Kinder waren. Ich nicht.

»Halt. Halt. Halt!«, blafft Onkel Narol über den Kom-Kanal. »Darrow, halt an, Junge!« Meine Finger erstarren. Er ist hoch über mir bei den anderen und beobachtet meine Aktionen über sein Display.

»Wo brennt’s?«, frage ich verärgert. Ich mag keine Unterbrechungen.

»Wo es brennt, fragt der kleine Höllentaucher«, sagt der Alte Barlow glucksend.

»Da ist eine Gasblase, verdammt«, gibt Narol zurück. Er ist der Teamsprecher unserer etwas über zweihundert Leute. »Halt. Ich fordere ein Scanteam an, das die Einzelheiten checken soll, bevor du uns alle in die Hölle sprengst.«

»Diese Gasblase? Sie ist winzig«, erwidere ich. »Mehr ein Gasbläschen. Damit komme ich klar.«

»Ein Jahr auf dem Bohrer, und schon glaubt er, dass er seinen Kopf von seinem Loch unterscheiden kann. Armer kleiner Trottel«, fügt der Alte Barlow trocken hinzu. »Vergiss nicht die Worte unseres goldenen Herrschers. Geduld und Gehorsam, mein junger Bursche. Geduld ist besser als Wagemut. Und Gehorsam ist besser als Menschlichkeit. Hör auf das, was die Älteren sagen.«

Ich verdrehe nur die Augen, als ich den Spruch höre. Wenn die Älteren tun könnten, was ich tun kann, würde es sich vielleicht lohnen, auf sie zu hören. Aber sie denken und bewegen sich sehr langsam. Manchmal habe ich den Eindruck, sie wünschen sich, ich wäre genauso, insbesondere mein Onkel.

»Ich bin topfit«, sage ich. »Wenn ihr glaubt, dass es hier eine Gasblase gibt, kann ich einfach runterhüpfen und sie handscannen. Kein Problem. Geht schnell.«

Sie werden mich ermahnen, vorsichtig zu sein. Als hätte Vorsicht ihnen jemals weitergeholfen. Wir haben seit Ewigkeiten keinen Lorbeer mehr gewonnen.

»Willst du Eo zur Witwe machen?« Barlow lacht und seine Stimme kommt mit einem Rauschen durch den Kom-Kanal. »Meinetwegen. Sie ist ein hübsches kleines Ding. Bohr in die Blase und überlass sie mir. Ich mag alt und fett sein, aber mein Bohrer bohrt immer noch prächtig.«

Ein Chor aus Gelächter kommt von den zweihundert Arbeitern über mir. Ich packe die Steuerung so fest, dass meine Fingerknöchel weiß werden.

»Hör auf Onkel Narol, Darrow. Es ist besser, sich zurückzuhalten, bis wir klare Werte haben«, setzt mein Bruder Kieran hinzu. Er ist drei Jahre älter als ich. Deshalb glaubt er, ein Weiser zu sein und sich viel besser auszukennen. Aber er kennt sich nur mit Vorsicht aus. »Wir haben noch genug Zeit.«

»Zeit? Verdammt, das wird Stunden dauern«, gebe ich zurück. In diesem Punkt sind alle gegen mich. Aber sie liegen alle falsch, sie sind viel zu langsam und verstehen nicht, dass der Lorbeer nur noch einen mutigen Schritt entfernt ist. Und vor allem haben sie Zweifel an mir. »Du bist einfach nur ein Feigling, Narol.«

Stille am anderen Ende der Verbindung.

Jemanden als Feigling zu bezeichnen, ist keine gute Methode, um ihn zur Zusammenarbeit zu bewegen. Das hätte ich lieber nicht sagen sollen.

»Ich sage, mach den Scan selber«, quäkt Loran, mein Cousin und Narols Sohn. »Kommt mir jetzt nicht mit Gamma ist so gut wie Gold – sie werden den Lorbeer zum, ich weiß nicht, hundertsten Mal bekommen.«

Der Lorbeer. Vierundzwanzig Clans in der unterirdischen Bergbaukolonie Lykos, ein Lorbeer pro Quartal. Das bedeutet mehr Lebensmittel, als man essen kann. Das bedeutet mehr Burner, die man rauchen kann. Von der Erde importierte Bettdecken. Bernsteingelber Fusel mit dem Qualitätsabzeichen der Weltengesellschaft. Das bedeutet den Sieg. Der Gamma-Clan bekommt den Preis seit Ewigkeiten. Also geht es für uns, die geringeren Clans, immer nur um die Quote, um gerade so über die Runden zu kommen. Eo sagt, der Lorbeer sei die Karotte, die die Weltengesellschaft vor unserer Nase baumeln lässt, gerade so weit entfernt, dass sie außerhalb unserer Reichweite ist. Gerade so, dass wir wissen, wie klein wir wirklich sind und wie wenig wir dagegen tun können. Angeblich sind wir Pioniere. Eo bezeichnet uns als Sklaven. Ich glaube, dass wir uns nur nicht genug anstrengen. Wegen der alten Männer gehen wir niemals große Risiken ein.

»Loran, hör auf mit dem Lorbeer. Wenn wir das Gas treffen, können wir die Hoffnung auf den drecksverdammten Lorbeer bis in alle Ewigkeit vergessen«, knurrt Onkel Narol.

Er spricht schleppend. Ich kann den Fusel praktisch über den Kom riechen. Er will ein Sensorteam anfordern, um seinen Arsch abzusichern. Oder er hat Angst. Der Säufer hat sich schon immer aus Angst vollgepisst. Angst wovor? Vor unseren Oberherrschern, den Goldenen? Ihren Ergebenen, den Grauen? Wer weiß das schon? Kaum jemand. Wen interessiert es? Erst recht niemanden. Nur ein einziger Mann hat sich je um meinen Onkel gesorgt, und er starb, als mein Onkel an seinen Füßen zog.

Mein Onkel ist schwach. Er ist vorsichtig, aber maßlos, wenn es ums Trinken geht. Nur ein blasser Schatten meines Vaters. Sein Lidschlag ist lang und schwer, als würde es ihm wehtun, jedes Mal aufs Neue die Augen zu öffnen und die Welt wiederzusehen. Ich vertraue ihm hier unten in den Minen nicht, und anderswo auch nicht. Trotzdem erzählt meine Mutter mir ständig, dass ich auf ihn hören soll. Sie ermahnt mich immer wieder, dass ich den Älteren Respekt entgegenbringen soll. Obwohl ich verheiratet bin, obwohl ich der Höllentaucher meines Clans bin, sagt sie, dass meine »Blasen noch nicht zu Schwielen geworden sind«. Ich werde gehorchen, auch wenn es mich genauso verrückt macht wie der Schweiß, der mir über das Gesicht läuft.

»Gut«, murmele ich.

Ich balle den Bohrer zur Faust und warte, während mein Onkel von der sicheren Kammer über dem tiefen Tunnel aus das Team ruft. Das wird Stunden dauern. Ich rechne nach. Noch acht Stunden bis Feierabend. Um Gamma zu schlagen, müsste ich weiter 156,5 Kilo pro Stunde schaffen. Es wird zweieinhalb Stunden dauern, bis das Scanteam hier eintrifft und sich an die Arbeit macht – bestenfalls. Also müsste ich danach 227,6 Kilo pro Stunde rausholen. Unmöglich. Aber wenn ich weitermache und auf die langwierige Messung pfeife, gehört der Lorbeer uns.

Ich frage mich, ob Onkel Narol und Barlow klar ist, wie nah wir dran sind. Wahrscheinlich. Wahrscheinlich glauben sie einfach nur, dass es sich niemals lohnt, ein Risiko einzugehen. Wahrscheinlich denken sie, dass eine göttliche Intervention uns einen Strich durch die Rechnung machen wird. Gamma bekommt den Lorbeer. So war es schon immer, und so wird es für immer sein. Wir vom Lambda-Clan müssen uns mit den wenigen Lebensmitteln und Annehmlichkeiten zufriedengeben, die wir zusammenkratzen können. Kein Aufstieg. Kein Abstieg. Nichts rechtfertigt das Risiko, irgendetwas an der Hierarchie zu ändern. Das musste schließlich auch mein Vater am Ende eines Stricks feststellen.

Nichts rechtfertigt das Risiko des Todes. Auf meiner Brust spüre ich das Hochzeitsband aus Haar und Seide, das an der Schnur um meinen Hals hängt, und ich denke an Eos Rippen.

Ich werde in diesem Monat noch mehr von ihren schlanken Knochen unter der Haut sehen. Sie wird die Gamma-Familien hinter meinem Rücken um ein paar Lebensmittelreste bitten. Ich werde so tun, als wüsste ich nichts davon. Aber wir werden trotzdem hungern. Ich esse zu viel, weil ich sechzehn bin und immer noch wachse. Eo lügt, wenn sie sagt, sie hätte noch nie allzu großen Appetit gehabt. Manche Frauen verkaufen sich für Essen oder Luxusgüter an die Blechbüchsen (die Grauen, um die korrekte Bezeichnung zu gebrauchen), die Garnisonstruppen der Weltengesellschaft, die für unsere kleine Bergbaukolonie zuständig sind. Sie würde ihren Körper nicht verkaufen, damit ich zu essen habe. Oder? Ich denke darüber nach. Ich würde alles tun, damit sie genug zu essen hat …

Ich blicke über den Rand meines Bohrers nach unten. Es ist ein langer Weg bis zum Boden des Lochs, das ich gegraben habe. Nichts außer geschmolzenem Gestein und zischenden Bohrern. Aber bevor es mir richtig bewusst wird, bin ich aus den Gurten raus, habe den Scanner in der Hand und stürze mich hundert Meter zu den Fingern des Bohrers hinunter. Ich springe zwischen den senkrechten Wänden des Schachts und dem langen, vibrierenden Körper des Bohrers hin und her, um meinen Sturz abzufangen. Ich achte darauf, dass kein Grubenotternest in der Nähe ist, als ich einen Arm ausstrecke, um mich an einem Maschinenteil knapp oberhalb der Bohrfinger aufzufangen. Die zehn Bohrer glühen vor Hitze. Die Luft flimmert und verzerrt alles. Ich spüre die Hitze auf dem Gesicht, spüre, wie sie mir in die Augen sticht, spüre, wie sie in meinem Bauch und meinen Eiern schmerzt. Diese Bohrer können einem die Knochen schmelzen, wenn man nicht vorsichtig ist. Und ich bin keineswegs vorsichtig. Nur schnell.

Ich hangele mich hinunter, schiebe mich mit den Füßen voran zwischen die Bohrfinger, um den Scanner möglichst tief halten zu können, nahe genug an der Gasblase, um Messwerte zu bekommen. Die Hitze ist unerträglich. Das war ein Fehler. Stimmen brüllen mich über den Kom an. Ich hätte fast einen der Bohrer gestreift, als ich mich schließlich tief zur Gasblase hinunterbeuge. Der Scanner flackert in meiner Hand, während er misst. Mein Anzug blubbert, und ich rieche etwas Süßliches und Strenges, wie verbrannten Sirup. Für einen Höllentaucher ist das der Geruch des Todes.

2    Die Siedlung

Mein Anzug kann die Hitze da unten nicht mehr bewältigen. Die äußere Schicht ist fast völlig geschmolzen. Bald wird die zweite Schicht hin sein. Dann blinkt der Scanner silbern, und ich habe das, weswegen ich hierhergekommen bin. Fast hätte ich es nicht bemerkt. Benommen und etwas beklommen ziehe ich mich von den Bohrern zurück. Stück für Stück hangele ich mich hoch, schnell weg von der schrecklichen Hitze. Dann klemmt etwas. Mein Fuß steckt knapp unterhalb des Getriebes nicht weit von einem Bohrfinger fest. Panisch schnappe ich nach Luft. Jetzt bekomme ich richtig Angst. Ich sehe, wie mein Stiefelabsatz schmilzt. Die erste Schicht ist weg. Die zweite brodelt. Die nächste Schicht wird meine Haut sein.

Ich zwinge mich, tief zu atmen, und ersticke die Schreie, die in meiner Kehle aufsteigen. Dann erinnere ich mich an die Klinge. Ich ziehe meinen aufklappbaren Schlagsäbel aus dem Rückenholster. Es ist eine grausam gekrümmte Schneideklinge, so lang wie mein Bein, für Situationen wie diese gedacht, wenn Gliedmaßen, die in Maschinenteilen festklemmen, abgetrennt und kauterisiert werden müssen. Die meisten Leute geraten in Panik, wenn sie eingeklemmt sind, also ist die Waffe ein fieser Halbmond, der auch von unbeholfenen Händen benutzt werden kann. Trotz meiner Angst sind meine Hände nicht unbeholfen. Ich schneide dreimal mit dem Säbel und schlitze Nanoplastik statt Haut auf. Nach dem dritten Hieb greife ich nach unten und reiße mein Bein heraus. Dabei streifen meine Fingerknöchel den Rand eines Bohrers. Glühend heißer Schmerz schießt durch meine Hand. Ich rieche versengtes Fleisch, aber ich bin frei und steige hinauf, fort von der Höllenhitze. Während ich wieder nach oben klettere, zurück zu meinem Holstersitz, lache ich. Obwohl mir nach Weinen zumute ist.

Mein Onkel hatte recht. Es war falsch. Aber ich werde es vor ihm auf gar keinen Fall zugeben.

»Idiot« ist noch sein freundlichster Kommentar.

»Irrer! Drecksverdammter Irrer!«, grölt Loran.

»Minimale Gasmenge«, sage ich. »Ich bohre jetzt weiter, Onkel.«

Die Rückschlepper packen mich, als das Feierabendsignal ertönt. Ich stemme mich aus dem Bohrer und lasse ihn für die Nachtschicht im Tunnel zurück, dann hake ich eine müde Hand in das Seil, das die anderen in den kilometerlangen Schacht hinuntergelassen haben, um mir nach oben zu helfen. Trotz der nässenden Brandwunde auf meinem Handrücken gleite ich an dem Seil aufwärts, bis ich aus dem Schacht raus bin. Kieran und Loran begleiten mich zu den anderen am nächsten Gravlift. Gelbe Lampen hängen wie Spinnen von der Decke.

Mein Clan und die dreihundert Männer von Gamma haben ihre Zehen bereits unter die Metallstangen geklemmt, als wir den rechteckigen Gravlift erreichen. Ich halte mich von meinem Onkel fern – er ist stinksauer auf mich – und bekomme ein paar Dutzend Schulterklopfer für meine gewagte Nummer. Die Jüngeren wie ich denken, dass wir den Lorbeer gewonnen haben. Sie kennen meine Rohausbeute an Helium-3 für diesen Monat, und sie ist besser als die von Gamma. Die alten Säcke murren nur und sagen, dass wir Dummköpfe sind. Ich verstecke meine Hand und klemme mich mit den Füßen ein.

Die Schwerkraft ändert sich, und wir schießen nach oben. Ein Gamma-Blödmann mit weniger als einer Wochenration Rost unter den Fingernägeln hat vergessen, sich zu sichern. Also hängt er nun in der Luft, als der Lift sechs Kilometer senkrecht nach oben rast. Es knackt in den Ohren.

»Wir haben hier einen schwebenden Gamma-Trottel«, sagt Barlow lachend zu den Lambdas.

Mag es noch so belanglos sein, es macht immer wieder Spaß zu sehen, wie ein Gamma etwas vermasselt. Sie bekommen mehr Essen, mehr Burner, mehr von allem, und nur wegen des Lorbeers. Wir müssen sie verachten. Aber wahrscheinlich sollen wir das sogar, überlege ich. Ich frage mich, ob sie jetzt uns verachten werden.

Genug ist genug. Ich packe den rostroten Nanoplastik-Kochanzug des Jungen und ziehe ihn herunter. Junge! Dass ich nicht lache! Er ist kaum zwei Jahre jünger als ich.

Er ist todmüde, aber als er meinen blutroten Kochanzug bemerkt, erstarrt er und weicht meinem Blick aus. Nun ist er der Einzige, der meine verbrannte Hand gesehen hat. Ich zwinkere ihm zu, und ich glaube, dass er sich in den Anzug scheißt. Wir alle tun das hin und wieder. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich zum ersten Mal einem Höllentaucher begegnet bin. Ich hatte ihn für einen Gott gehalten.

Jetzt ist er tot.

Ganz oben in der Eingangshalle, einer großen grauen Höhle aus Beton und Metall, klappen wir die Helme auf und atmen die frische, kühle Luft einer Welt, die weit von der Hölle der Schmelzbohrer entfernt ist. Unser Schweiß und Gestank machen die Luft feucht und stickig. Lichter flackern in der Ferne und signalisieren uns, dass wir von den magnetischen Gleisen der HorizonTram auf der anderen Seite der Halle Abstand halten sollen.

Wir bleiben den Gammas fern, als wir uns in unseren rostroten Anzügen im Gänsemarsch auf den Weg zur HorizonTram machen. Die eine Hälfte mit Lambda-Winkeln, die andere Hälfte mit Gamma-Haken in dunkelroter Farbe auf dem Rücken. Außerdem zwei scharlachrote Teamsprecher und zwei blutrote Höllentaucher.

Ein Kader Blechbüchsen beobachtet uns, als wir über den abgenutzten Betonboden an ihnen vorbeistapfen. Die Durorüstung der Grauen ist einfach und langweilig und so ungepflegt wie ihr Haar. Sie hält eine einfache Klinge ab, vielleicht auch eine Ionenklinge, aber eine Impulsklinge oder ein Razor würden wie Papier hindurchgehen. So etwas kennen wir allerdings nur aus der HoloBox. Die Grauen geben sich nicht einmal die Mühe, ihre Macht zu demonstrieren. Ihre Schlagstöcke baumeln an den Gürteln. Sie wissen genau, dass sie sie gar nicht benutzen müssen.

Gehorsam ist die höchste Tugend.

Der Hauptmann der Grauen, Ugly Dan, ein schmieriger Drecksack, wirft einen kleinen Stein nach mir. Obwohl seine Haut von der Sonne dunkel getönt wurde, ist sein Haar so grau wie bei allen anderen von seiner Farbe. Es hängt ihm dünn und krautig über die Augen, die aussehen wie zwei Eiswürfel, die mit Asche bestäubt wurden. Die Siegel seiner Farbe, ein klobiges Symbol in Form einer Vier mit mehreren Balken daneben, trägt er auf beiden Handgelenken. Derb und schlicht, wie alle Grauen.

Ich habe gehört, dass Ugly Dan von der Front in Eurasien abgezogen wurde, was auch immer das sein mag, nachdem er zum Krüppel geworden war und man ihm keinen neuen Arm kaufen wollte. Jetzt trägt er ein altes Ersatzmodell. Er schämt sich deswegen, also achte ich darauf, dass er sieht, wie ich einen Blick auf seinen Arm werfe.

»Hab gesehen, dass du einen aufregenden Tag hattest, Schätzchen.« Seine Stimme ist so abgestanden und schwer wie die Luft in meinem Kochanzug. »Jetzt bist du ein tapferer Held, was, Darrow? Ich habe schon immer gedacht, dass du ein tapferer Held bist.«

»Du bist der Held«, sage ich und deute mit einem Nicken auf seinen Arm.

»Und du denkst, dass du besonders schlau bist, was?«

»Nur dass ich ein Roter bin.«

Er zwinkert mir zu. »Grüß dein kleines Vögelchen von mir. Ein echter Leckerbissen.« Er leckt sich über die Zähne. »Selbst für eine Rostnase.«

»Hab noch nie einen Vogel gesehen.« Außer in der HB.

»Was du nicht sagst«, gluckst er. »Warte, wo willst du hin?«, fragt er, als ich mich umdrehe. »Eine Verbeugung vor einer Respektperson kann nicht schaden, oder was meinst du?« Kichernd blickt er sich zu seinen Kameraden um. Ohne auf sein Gespött einzugehen, mache ich eine tiefe Verbeugung. Mein Onkel sieht es und wendet sich angewidert ab.

Wir gehen an den Grauen vorbei. Es macht mir nichts aus, mich zu verbeugen, aber wahrscheinlich werde ich Ugly Dan die Kehle aufschlitzen, sollte ich jemals die Gelegenheit dazu erhalten. Aber das ist ungefähr so, als würde ich sagen, dass ich in einem Fackelschiff zur Venus düsen werde, sollte mir irgendwann der Sinn danach stehen.

»He, Dago. Dago!«, ruft Loran dem Höllentaucher der Gammas zu. Der Mann ist eine lebende Legende, während alle anderen nicht mehr als Eintagsfliegen sind. Nur ich bin vielleicht besser als er. »Wie viel hast du gefördert?«

Dago, ein blasser Streifen aus altem Leder mit einem Dauergrinsen als Gesicht, zündet sich einen langen Burner an und stößt eine Wolke aus.

»Weiß nicht«, sagt er schleppend.

»Na los!«

»Mir egal. Die Rohmenge spielt überhaupt keine Rolle, Lambda.«

»Aber hallo! Wie viel hat er diese Woche gemacht?«, ruft Loran, als wir die Tram besteigen. Alle zünden sich Burner an und ziehen Fusel aus den Taschen. Und alle hören aufmerksam zu.

»Neuntausendachthunderteinundzwanzig Kilo«, prahlt ein Gamma. Ich lehne mich lächelnd zurück, während die jüngeren Lambdas jubeln. Die alten Hasen reagieren nicht. Ich überlege mir, was Eo diesen Monat mit Zucker anfangen könnte. Wir haben uns noch nie zuvor Zucker verdient, höchstens ein wenig beim Kartenspiel gewonnen. Und Obst. Ich habe gehört, dass man mit dem Lorbeer Obst bekommt. Wahrscheinlich wird Eo alles an hungrige Kinder verteilen, nur um der Weltengesellschaft zu beweisen, dass sie ihre Almosen nicht braucht. Und ich? Ich würde das Obst essen und mit vollen Bauch Reden schwingen. Aber sie hat die Leidenschaft für neue Ideen, während ich nur für sie Leidenschaft aufbringen kann.

»Ihr werdet trotzdem nicht gewinnen«, erwidert Dago lässig, als sich die Tram in Bewegung setzt. »Darrow ist ein junges Küken, aber er ist klug genug, um das zu wissen. Nicht wahr, Darrow?«

»Ob ich nun jung bin oder nicht, ich werde deinen runzligen Arsch übertreffen.«

»Bist du dir da ganz sicher?«

»Todsicher.« Ich zwinkere und hauche ihm einen Kuss zu. »Der Lorbeer gehört uns. Diesmal kannst du deine Schwestern in unsere Siedlung schicken, um Zucker zu holen.« Meine Freunde lachen und schlagen sich mit den Kappen ihrer Kochanzüge auf die Schenkel.

Dago beobachtet mich. Nach einer Weile nimmt er einen tiefen Zug von seinem Burner. Die Spitze glüht hell und brennt schnell runter. »Das bist du«, sagt er zu mir. Nach einer halben Minute ist der Burner nur noch ein Stummel.

*

Nachdem wir aus der HorizonTram ausgestiegen sind, ströme ich mit den übrigen Teams in den Flush. Dort ist es kalt und muffig, und es riecht genauso wie das, was es ist: eine enge Blechbaracke, in der Tausende Männer ihre Kochanzüge ausziehen, nachdem sie sie stundenlang vollgepisst und vollgeschwitzt haben, um eine Luftdusche zu nehmen.

Ich streife meinen Anzug ab, setze eine Duschhaube auf und gehe nackt zu einer der durchsichtigen Röhren. Davon sind Dutzende im Flush aufgereiht. Hier gibt es keine Sticheleien. Alle sind erschöpft und nur das leise Klatschen von Händen auf Schenkeln und das Rauschen der Duschen ist zu hören.

Die Tür zu meiner Röhre schließt sich zischend hinter mir und dämpft die Musik. Ein vertrautes Summen kommt vom Motor. Dann ein heftiger Luftschwall und ein saugendes Geräusch, als mit antibakteriellen Molekülen versetzte Druckluft schreiend aus der Maschine über meine Haut schießt, um abgestorbene Hautreste und Dreck in den Gully am Boden der Röhre zu spülen. Es tut weh.

Anschließend trenne ich mich von Loran und Kieran, die zum Marktplatz gehen, um in den Kneipen zu trinken und zu tanzen, bevor der Lorbeerzeit-Tanz offiziell beginnt. Die Blechbüchsen werden um Mitternacht die Lebensmittel austeilen und den Lorbeer bekanntgeben. Wir von der Tagschicht werden davor und danach tanzen.

In den alten Sagen heißt es, der Gott Mars sei der Vater der Tränen gewesen, der Feind von Tanz und fröhlichen Liedern. Was Ersteres betrifft, stimme ich zu. Aber wir aus der Kolonie Lykos, einer der ersten Kolonien unter der Oberfläche des Mars, sind ein Volk, das Tanz, Musik und Familie liebt. Wir spucken auf diese Sage und schaffen uns unsere eigenen Traditionen. Das ist der einzige Widerstand, den wir der Weltengesellschaft, die uns beherrscht, entgegenbringen können. Das macht uns ein wenig stolz. Es ist ihnen egal, ob wir tanzen oder singen, solange wir gehorsam graben. Solange wir den Planeten für die anderen bewohnbar machen. Doch um uns an unsere Stellung zu erinnern, haben sie für ein Lied und einen Tanz die Todesstrafe verhängt.

Mein Vater hat diesen Tanz zu seinem letzten gemacht. Ich habe ihn nur einmal gesehen, und ich habe auch das Lied nur dieses eine Mal gehört. Ich habe es nicht verstanden, als ich klein war, ein Lied über ferne Täler, Nebel, einsame Liebende und einen Schnitter, der uns zu unserer unsichtbaren Heimat führen soll. Ich war jung und hörte neugierig zu, als die Frau es sang, während ihr Sohn gehängt wurde, weil er Lebensmittel geklaut hatte. Aus ihm hätte ein großer Junge werden können, aber er bekam nie genug zu essen, um genug Fleisch auf den Knochen zu haben. Seine Mutter starb kurz danach. Die Leute von Lykos stimmten das Klagelied des Vergehens für sie an. Dabei schlugen sie sich in einem langsamen Rhythmus mit der Faust auf die Brust und ließen das Lied dann langsam verklingen, ganz langsam, bis die Fäuste nicht mehr schlugen, wie ihr Herz, und sich alle zerstreuten.

Der Rhythmus ließ mich die ganze Nacht nicht los. Ich weinte allein in unserer kleinen Küche und fragte mich, warum ich jetzt weinte, aber nicht um meinen Vater geweint hatte. Als ich auf dem kalten Boden lag, hörte ich ein leises Kratzen an unserer Wohnungstür. Ich öffnete die Tür und fand eine kleine Haemanthus-Knospe, die in dem roten Boden steckte. Es war keine Menschenseele zu sehen, nur Eos winzige Fußabdrücke im Sand. Das war das zweite Mal, dass sie Blumen brachte, nachdem jemand gestorben war.

Da uns Musik und Tanz im Blut liegen, ist es vermutlich nicht überraschend, dass ich bei beidem erstmals feststellte, dass ich Eo liebe. Nicht die kleine Eo. Nicht, wie sie war. Sondern Eo, wie sie ist. Sie sagt, sie hätte mich schon geliebt, bevor mein Vater gehängt wurde. Aber mir wurde es in einer verrauchten Kneipe klar, als ihr rostrotes Haar flog und sich ihre Füße zur Zither und ihre Hüften zu den Trommeln bewegten. Mein Herz schlug schneller. Es waren nicht ihre Saltos oder wie sie ein Rad nach dem anderen schlug. Keine der Albernheiten, mit denen die Jüngeren bei ihren Tänzen angeben wollen. Ihre Bewegungen waren anmutig und stolz. Ohne mich wollte sie nicht essen. Ohne sie wollte ich nicht leben.

Sie zieht mich auf, wenn ich das sage, aber sie ist die Seele unseres Volkes. Das Leben hat uns schlechte Karten in die Hand gegeben. Wir sollen uns für das Wohl von Männern und Frauen opfern, die wir nicht kennen. Wir sollen graben, um den Mars für andere bewohnbar zu machen. Das macht aus vielen von uns widerwärtige Persönlichkeiten. Aber Eos Freundlichkeit, ihr Lachen und ihr starker Wille sind das Beste, was sich in einer Heimat wie unserer entwickeln kann.

Ich gehe in den Teil der Siedlung, wo meine Familie wohnt, nur eine halbe Meile nördlich vom Marktplatz. Die Siedlung ist eine von zwei Dutzend Siedlungen, die den Marktplatz umgeben. Es ist eine bienenstockartige Ansammlung von Wohnungen, die in die Felswände der alten Minen getrieben wurden. Aus Stein und Erde sind unsere Decken, unsere Fußböden, unser Zuhause. Der Clan ist eine riesige Familie. Eo ist weniger als einen Steinwurf von meiner Wohnung entfernt aufgewachsen. Ihre Brüder sind für mich wie meine eigenen, ihr Vater ist für mich zu dem Vater geworden, den ich nicht mehr habe. Ein Durcheinander aus elektrischen Kabeln windet sich an der Höhlendecke entlang wie ein Dickicht aus schwarzen und roten Ranken. Lampen baumeln von diesem Dschungel herab und schwanken leicht in der Luft, die von der zentralen Sauerstoffversorgung auf dem Marktplatz herüberströmt. Mitten über der Siedlung hängt eine schwere HoloBox, ein würfelförmiger Kasten mit Bildschirmen auf allen Seiten. Einzelne Pixel sind schwarz geworden, und das Bild ist unscharf, aber das Ding hat noch nie versagt. Es läuft ständig und taucht dabei unsere Häuser in ein blasses Licht. Videos von der Weltengesellschaft.

Die Wohnung meiner Familie wurde hundert Meter über dem Bodenniveau der Siedlung in den Fels gehauen. Ein steiler Pfad führt hinauf, obwohl man auch mit Seilen und Flaschenzügen zu den höher gelegenen Bereichen der Siedlung hinaufbefördert werden kann. Nur die Alten und Behinderten nutzen diese Möglichkeit. Und von beiden haben wir nicht viele.

Unser Haus hat wenige Zimmer. Eo und ich konnten uns erst vor Kurzem ein eigenes Zimmer nehmen. Kieran wohnt mit seiner Familie in zwei Zimmern, und meine Mutter und meine Schwester teilen sich das andere.

Alle Lambdas in Lykos wohnen in unserer Siedlung. Omega und Ypsilon sind unsere direkten Nachbarn zu beiden Seiten, nur eine Minute durch den breiten Tunnel. Wir sind alle miteinander verbunden. Außer Gamma. Sie leben rund um den Marktplatz, über den Kneipen, Werkstätten und Geschäften. Die Blechbüchsen wohnen noch weiter oben in einer Festung, nahe der öden Oberfläche unserer rauen Welt. Dort sind auch die Häfen, zu denen die Lebensmittel von der Erde an die gestrandeten Gefangenen des Mars geliefert werden.

Über mir zeigt die HoloBox Szenen aus den Kämpfen der Menschheit und die Triumphe der Weltengesellschaft. Dazu spielt erhebende Musik. Das Siegel der Weltengesellschaft, eine goldene Pyramide in einem Kreis mit drei Balken, die parallel zu den Seiten der Pyramide verlaufen, brennt sich auf den Schirm. Die Stimme von Octavia au Lune, dem gealterten Oberhaupt der Weltengesellschaft, erzählt von den Mühen, denen die Menschen bei der Kolonisierung der Planeten und Monde des Systems ausgesetzt waren.

»Seit Beginn der Menschheitsgeschichte war die Saga unserer Spezies eine Abfolge von Stammeskriegen. Es ist eine Geschichte der Prüfungen, der Opfer, des Wagemuts, um den natürlichen Grenzen der Welt zu trotzen. Nun sind wir durch Pflicht und Gehorsam vereint, aber es hat sich nichts an unserem Kampf geändert. Söhne und Töchter aller Farben, es ist unsere Aufgabe, uns erneut zu opfern. In unserer größten Stunde säen wir die Saat unserer Besten zu den Sternen aus. Wo werden wir zuerst gedeihen? Auf der Venus? Dem Merkur? Dem Mars? Den Monden des Neptun, des Jupiter?«

Ihre Stimme nimmt einen feierlichen Tonfall an, als ihr altersloses Gesicht mit den aristokratischen Zügen von der HB herabblickt. Auf ihren Handrücken schimmert das Symbol der Goldenen – ein Punkt im Zentrum eines geflügelten Kreises –, und goldene Flügel zieren seitlich ihre Unterarme. Nur ein Makel stört in ihrem perfekten goldenen Gesicht – eine lange mondsichelförmige Narbe auf ihrer rechten Wange. Ihre Schönheit gleicht der eines grausamen Raubvogels.

»Ihr tapferen Roten Pioniere des Mars – die Stärksten des Menschengeschlechts – opfert euch für den Fortschritt, um den Weg in die Zukunft zu ebnen. Euer Leben, euer Blut sind Anzahlungen für die Unsterblichkeit der Menschheit, die die Erde und den Mond hinter sich gelassen hat. Ihr geht dorthin, wohin wir nicht gehen könnten. Ihr leidet, damit andere nicht mehr leiden müssen.

Ich grüße euch. Ich liebe euch. Das Helium-3, das ihr abbaut, ist der Lebensnerv des Terraformingprozesses. Bald wird der Rote Planet Luft zum Atmen und fruchtbaren Boden haben. Und bald, wenn der Mars bewohnbar ist, wenn ihr tapferen Pioniere den Roten Planeten für die zarteren Farben vorbereitet habt, werden wir zu euch kommen und euch unter dem Himmel, den eure Mühe geschaffen hat, in größten Ehren halten. Euer Schweiß und Blut ist der Treibstoff des Terraformings!

Tapfere Pioniere, erinnert euch stets daran, dass Gehorsam die höchste Tugend ist. Das Wichtigste ist Gehorsam, Respekt, Opferbereitschaft, Hierarchie …«

Ich sehe niemanden in der Küche unserer Wohnung, aber ich höre Eo im Schlafzimmer.

»Bleib, wo du bist!«, befiehlt sie durch die Tür. »Schau auf gar keinen Fall in dieses Zimmer!«

»Okay.« Ich bleibe stehen.

Eine Minute später kommt sie aufgeregt und errötet heraus. Ihr Haar ist voller Staub und Spinnweben. Ich fahre mit der Hand durch das Gewirr. Sie ist gerade aus der Weberei gekommen, wo die Bioseide angebaut wird.

»Du warst nicht in der Dusche«, sage ich lächelnd.

»Keine Zeit. Musste schnell die Weberei verlassen, um noch etwas zu besorgen.«

»Was hast du besorgt?«

Sie lächelt süß. »Vergiss nicht, dass du mich nicht geheiratet hast, weil ich dir alles sage. Und geh nicht in dieses Zimmer.«

Ich mache einen großen Schritt auf die Tür zu. Sie versperrt mir den Weg und zieht mir das Stirnband über die Augen. Ihr Kopf stößt gegen meine Brust. Ich schiebe lachend das Band hoch und packe ihre Schultern, um sie so weit von mir zu halten, dass ich ihr in die Augen blicken kann.

»Was sonst?«, frage ich mit hochgezogenen Augenbrauen.

Sie lächelt nur und legt den Kopf schief. Ich ziehe mich von der Metalltür zurück. Ich tauche ohne mit der Wimper zu zucken in Bergbauschächte voll mit geschmolzenem Gestein. Aber es gibt Warnungen, die man in den Wind schlagen kann, und andere, bei denen das nicht geht.

Sie reckt sich auf Zehenspitzen hoch und gibt mir einen Kuss auf die Nase. »Gut so. Ich wusste, dass du leicht zu erziehen bist«, sagt sie. Dann rümpft sie die Nase, als sie meine Verbrennung riecht. Sie bedauert mich nicht, sie beschimpft mich nicht, sie sagt überhaupt nichts dazu, außer »Ich liebe dich« in leicht besorgtem Tonfall.

Sie zupft die geschmolzenen Reste meines Kochanzugs aus der Wunde, die von den Fingerknöcheln bis zum Handgelenk reicht, und legt mir einen Verband mit Antibiotika und Neuronuklein an.

»Woher hast du das?«, frage ich.

»Ich halte dir keine Standpauke, und du fragst mich nicht aus.«

Ich küsse sie auf die Nase und spiele mit dem dünnen Band aus geflochtenem Haar, das sie um den Ringfinger trägt. Ihr Hochzeitsband besteht aus meinem Haar, das mit ein wenig Seide verwoben wurde.

»Ich habe heute Abend eine Überraschung für dich«, erklärt sie mir.

»Und ich habe eine für dich«, sage ich und denke an den Lorbeer. Ich lege ihr mein Schweißband wie eine Krone um den Kopf. Sie rümpft die Nase, als sie bemerkt, wie feucht es ist.

»Ach, ich habe sogar zwei für dich, Darrow. Schade, dass du nicht vorausgedacht hast. Du hättest mir einen Zuckerwürfel mitbringen können oder ein Satinlaken oder … oder vielleicht sogar Kaffee, passend zum ersten Geschenk.«

»Kaffee?« Ich lache. »Was glaubst du, welche Farbe du geheiratet hast?«

Sie seufzt. »Keine Prämien für einen Taucher, gar keine. Verrückter, störrischer, unbesonnener …«

»Geschickter?«, sage ich mit einem verschmitzten Lächeln, während ich mit der Hand an ihrem Rock hinaufgleite.

»Das könnte seine Vorteile haben.« Sie lächelt und schlägt meine Hand weg, als wäre sie eine Spinne. »Und jetzt zieh dir Handschuhe an, wenn du nicht möchtest, dass die Frauen dich beschwatzen. Deine Mutter ist schon vorgegangen.«

3    Der Lorbeer

Zusammen mit den anderen gehen wir Hand in Hand von unserer Siedlung durch die Tunnelstraße zum Marktplatz. Hoch oben, wie es sich für die Goldenen gehört, plappert Lune in der HB weiter. Sie zeigen die Schrecken eines terroristischen Bombenanschlags, durch den ein Bergbauteam der Roten und eine Technikergruppe der Orangenen ums Leben gekommen sind. Die Schuld daran wird den Söhnen des Ares gegeben. Das eigenartige Zeichen des Ares, ein derber Helm mit gezackten Sonnenstrahlen, die aus dem Scheitel explodieren, brennt sich auf den Schirm. Blut tropft von den Zacken. Zerfleischte Kinder werden gezeigt. Die Söhne des Ares werden als Stammesmörder bezeichnet, die das Chaos bringen. Sie werden verdammt. Graue Polizisten der Weltengesellschaft und Soldaten räumen Trümmer weg. Zwei Soldaten der Obsidian-Farbe, riesige Männer und Frauen, die fast doppelt so groß sind wie ich, bewegen sich zwischen flinken Ärzten der Gelben, die mehrere Opfer vom Schauplatz des Bombenanschlags wegbringen.

In Lykos gibt es keine Söhne des Ares. Ihr sinnloser Krieg betrifft uns nicht. Trotzdem ist eine Belohnung für Informationen über Ares ausgesetzt, den Terroristenkönig. Wir haben diese Sendung schon tausendmal gesehen, und sie kommt mir immer noch unwirklich vor. Die Söhne des Ares glauben, dass wir schlecht behandelt werden, also sprengen sie Sachen in die Luft. Eine sinnlose Trotzreaktion. Jeder Schaden, den sie anrichten, verzögert den Fortschritt bei den Vorbereitungen des Mars für die anderen Farben. Damit schaden sie der Menschheit.

In der Tunnelstraße strömen die Menschen aus der Siedlung fröhlich dem Lorbeerzeit-Tanz entgegen. Jungs wetteifern darum, wer es schafft, die Decke zu berühren. Unterwegs singen wir das Lorbeerzeit-Lied – eine mitreißende Melodie über einen Mann, der seine Braut in einem goldenen Feld findet. Wir lachen über die kleineren Jungen, die versuchen, an den Wänden entlangzurennen oder mehrere Saltos zu machen, nur um auf die Nase zu fallen oder von einem Mädchen übertroffen zu werden.

Eine Reihe von Lampen zieht sich durch den langen Korridor. In der Ferne sehe ich Onkel Narol. Er ist betrunken und mit fünfunddreißig schon recht alt. Er spielt auf der Zither für die Kinder, die um unsere Füße herumtanzen. Nicht einmal er kann ständig eine finstere Miene ziehen. Er trägt das Instrument an Schulterriemen aufgehängt vor dem Bauch, sodass der Schallboden aus Plastik und die vielen straff gespannten Metallsaiten der Decke zugewandt sind. Sein rechter Daumen schlägt die Saiten, während er mit der linken Hand die Bassbegleitung spielt. Manchmal dämpft er die Saiten mit dem Zeigefinger oder zupft einzelne Saiten mit dem Daumen. Es ist verdammt schwierig, aus der Zither etwas herauszuholen, das nicht traurig klingt. Onkel Narols Finger sind dieser Aufgabe gewachsen, doch meine bringen nur traurige Musik hervor.

Früher hat er mir vorgespielt und mir die Bewegungen der Tänze beigebracht, die ich von meinem Vater nicht mehr lernen konnte. Er zeigte mir sogar den verbotenen Tanz, für den man getötet werden kann. Dazu hatten wir uns in die alten Minen zurückgezogen. Er schlug mir mit einer Rute gegen die Fußknöchel, bis sich meine Drehungen nahtlos in die schwungvollen Bewegungen einfügten. Dabei hielt ich ein langes Stück Metall wie ein Schwert in der Hand. Und als ich es richtig machte, küsste er mich auf die Stirn und sagte mir, dass ich der Sohn meines Vaters sei. Von ihm lernte ich, mich zu bewegen, sodass ich immer besser als die anderen Kinder war, wenn wir Geister-Fangen in den alten Tunneln spielten.

»Die Goldenen tanzen paarweise, die Obsidianen zu dritt, die Grauen zu Dutzenden«, erklärte er mir. »Wir tanzen allein, denn Höllentaucher graben auch allein. Ein Junge kann nur allein zu einem Mann werden.«

Manchmal sehne ich mich nach dieser Zeit zurück, als ich noch zu jung war, um ihn zu verurteilen, weil sein Atem nach Fusel stank. Damals war ich elf. Das war erst vor fünf Jahren. Aber es kommt mir wie ein ganzes Leben vor.

Die Lambdas klopfen mir auf die Schulter, und selbst Varlo, der Bäcker, nickt mir anerkennend zu und wirft Eo eine Handvoll Brot zu. Zweifellos haben sie vom Lorbeer gehört. Eo steckt sich das Brot für später unter den Rock und wirft mir einen verwunderten Blick zu.

»Du grinst wie ein Idiot«, sagt sie zu mir und kneift mich in die Seite. »Was hast du gemacht?«

Ich zucke mit den Schultern und versuche nicht mehr zu grinsen. Aber es gelingt mir nicht.

»Du bist auf irgendetwas stolz«, sagt sie misstrauisch.

Der Sohn und die Tochter von Kieran, mein Neffe und meine Nichte, trippeln vorbei. Mit drei Jahren sind die Zwillinge schon so schnell, dass sie sowohl Kierans Frau als auch meine Mutter überholen können.

Meine Mutter lächelt wie eine Frau, die gesehen hat, was das Leben zu bieten hat, und sich bestenfalls darüber amüsiert. »Wie es aussieht, hast du dich verbrannt, mein Lieber«, sagt sie, als sie meine Handschuhe sieht. Sie spricht langsam und in ironischem Tonfall.

»Eine Blase«, nimmt Eo mir die Antwort ab. »Sieht ziemlich übel aus.«

Mutter zuckt mit den Schultern. »Sein Vater kam mit schlimmeren Verletzungen nach Hause.«

Ich lege meinen Arm um ihre Schultern. Sie sind schmaler als zu der Zeit, als sie mir die Lieder unseres Volkes beibrachte, wie es alle Frauen mit ihren Söhnen machen.

»Höre ich da einen Hauch von Sorge heraus, Mutter?«, frage ich.

»Sorge? Ich? Dummes Kind!« Mutter seufzt mit einem zögernden Lächeln. Ich küsse sie auf die Wange.

Die Hälfte der Clans ist bereits betrunken, als wir auf dem Marktplatz eintreffen. Wir sind nicht nur ein tanzendes Volk, sondern obendrein ein betrunkenes Volk. Die Blechbüchsen lassen uns damit in Ruhe. Wenn sie jemanden ohne triftigen Grund hängen, ruft das in den Siedlungen vielleicht ein wenig Gemurre hervor. Doch wenn man uns zwingen würde, ständig nüchtern zu sein, würde es mindestens einen Monat dauern, bis wieder Normalität einkehrt. Eo ist der Meinung, dass der Grendel, der Pilz, den wir destillieren, ursprünglich nicht auf dem Mars heimisch war, sondern hier angepflanzt wurde, um uns vom Fusel abhängig zu machen. Das sagt sie jedes Mal, wenn meine Mutter neuen Alkohol gemacht hat. Daraufhin nimmt meine Mutter jedes Mal einen Schluck und sagt: »Ich lasse mich lieber von einem Getränk beherrschen als von einem Menschen. Diese Ketten schmecken lecker.«

Sie werden mit dem Aromasirup aus den Lorbeerkisten noch viel besser schmecken. Es gibt ihn in verschiedenen Geschmacksrichtungen, zum Beispiel Beere und etwas, das Zimt heißt. Vielleicht bekomme ich sogar eine neue Zither aus Holz statt Metall. Manchmal verteilen sie welche. Meine ist ein altes, abgenutztes Ding. Ich habe schon zu lange darauf gespielt. Aber sie hat meinem Vater gehört.

Vor uns wird die Musik auf dem Marktplatz lauter – derbe Lieder mit improvisierten Schlagzeugrhythmen und klagenden Zithermelodien. Die Omegas und Ypsilons stoßen zu uns und drängen sich gut gelaunt in die Kneipen. Alle Türen wurden aufgerissen, damit der Rauch und der Lärm auf den Marktplatz hinausquellen können. Tische stehen im Kreis auf dem Platz. Um den Galgen in der Mitte wurde eine Fläche zum Tanzen freigelassen.

Auf den nächsthöheren Ebenen befinden sich die Wohnungen der Gammas. Dann folgen Vorratslager, eine steile Wand und dann, hoch oben in der Decke, eine hohle Metallkuppel mit Sichtfenstern aus Nanoglas. Wir nennen es den Pott. Das ist die Festung, in der unsere Wächter leben. Darüber befindet sich die unbewohnbare Oberfläche unseres Planeten – eine öde Wüste, die ich bisher nur in der HB gesehen habe. Das Helium-3, das wir abbauen, soll das angeblich ändern.

Die Tänzer, Jongleure und Sänger haben bereits angefangen. Eo sieht Loran und Kieran und ruft ihnen zu. Sie sitzen an einem langen, überladenen Tisch nicht weit vom Soggy Drop, einer Kneipe, in der der älteste unseres Clans, der Alte Schlitzer, Hof hält und seinen betrunkenen Gästen Geschichten erzählt. Doch heute Abend ist er bereits aus den Latschen gekippt und pennt auf dem Tisch. Schade. Ich hatte mich darauf gefreut, dass er sieht, wie wir endlich den Lorbeer gewinnen.

Bei unseren Festen gibt es kaum genug Essen, dass sich jeder ein Stückchen zwischen die Zähne schieben kann. Also stehen Trinken und Tanzen im Mittelpunkt. Loran gießt mir einen Becher Fusel ein, noch bevor ich mich gesetzt habe. Er versucht jedes Mal, andere betrunken zu machen, um ihnen dann alberne Bänder ins Haar zu knoten. Er macht Platz, damit sich Eo neben seine Frau Dio setzen kann. Die beiden sind Schwestern und sehen sich so ähnlich, als ob sie Zwillinge wären.

Loran liebt Eo so, wie ihr Bruder Liam sie liebt. Aber ich weiß, dass er früher einmal genauso von ihr angetan war, wie er es schon immer von Dio war. Er ist sogar vor meiner Frau auf die Knie gegangen, als sie vierzehn wurde. Andererseits hätte ungefähr die Hälfte der Jungs gern das Gleiche getan. Kein Grund zur Sorge. Sie hat ihre Wahl getroffen.

Kieran wird von seinen Kindern umschwärmt. Seine Frau küsst ihn auf die Lippen, Eo küsst ihn auf die Stirn und rauft sein rotes Haar. Ich verstehe nicht, wie die Frauen es schaffen, so hübsch auszusehen, nachdem sie den ganzen Tag in der Weberei Spinnenseide geerntet haben. Ich wurde gutaussehend geboren, mit kantigem und schlankem Gesicht, aber die Minen haben mich verändert. Ich bin groß und wachse immer noch. Mein Haar hat immer die Farbe von altem Blut, die Iris ist so rostrot, wie die von Octavia au Lune golden ist. Meine Haut ist straff und hell, aber mit Narben von Verbrennungen und Schnitten übersät. Es wird nicht mehr lange dauern, bis ich so hart wie Dago oder so müde wie Onkel Narol aussehe.

Aber die Frauen übertreffen uns bei Weitem. Sie sind hübsch und lebendig, trotz Arbeit in der Weberei, trotz der Kinder, die sie zur Welt bringen. Sie tragen Röcke bis über die Knie und Blusen in einem halben Dutzend Rottönen. Nie irgendetwas anderes. Immer rot. Sie sind das Herz der Clans. Und wie schön würden sie erst mit den neuen Bändern, Schleifen und Spitzen aussehen, die in den Lorbeerkisten sind.

Ich berühre die Siegel auf meinen Händen, die sich wie Knochen anfühlen. Ein derber roter Kreis mit einem Pfeil und Kreuzschraffur. Bei mir fühlt es sich richtig an. Bei Eo nicht. Auch wenn ihr Haar und ihre Augen wie unsere sind, könnte sie genauso eine der Goldenen sein, die wir in der HoloBox sehen. Sie hätte es verdient. Ich beobachte, wie sie Loran eine Kopfnuss verpasst, als er einen Becher mit Mutters Fusel hinunterkippt. Wenn Gott uns alle gemacht hat, hat er sie besonders gut hingekriegt. Ich lächle. Doch als ich hinter sie schaue, verblasst mein Lächeln. Über den springenden Tänzern, inmitten der hundert wirbelnden Röcke, stampfenden Stiefel und klatschenden Hände schaukelt ein einsames Skelett an dem hohen Galgen. Die anderen beachten es nicht. Für mich ist es ein Schatten, eine Erinnerung an das Schicksal meines Vaters.

Obwohl wir unter der Erde arbeiten, ist es uns nicht erlaubt, unsere Toten zu begraben. Auch das ist eins der Gesetze der Weltengesellschaft. Mein Vater schaukelte zwei Monate lang, bis sie sein Skelett abnahmen und seine Knochen zu Staub zermahlten. Ich war damals sechs, aber ich hatte schon am ersten Tag versucht, ihn herunterzuziehen. Mein Onkel hinderte mich daran. Ich hasste ihn, weil er mich von der Leiche meines Vaters fernhalten wollte. Später hasste ich ihn wieder, weil ich feststellte, dass er schwach ist. Mein Vater starb für etwas, während Onkel Narol soff und sein Leben vergeudete.

»Er ist ein Wahnsinniger, das wirst du eines Tages erkennen. Wahnsinnig und genial und edel. Narol ist der beste von meinen Brüdern«, sagte mein Vater einmal.

Jetzt ist er einfach nur der letzte.

Ich hätte nie gedacht, dass mein Vater den Teufelstanz aufführen würde – so nennen die Alten den Tod durch Erhängen. Er war ein Mann der Worte und des Friedens. Aber er war von der Freiheit überzeugt, von unseren eigenen Gesetzen. Seine Träume waren seine Waffen. Sein Vermächtnis ist der Tänzeraufstand. Er starb mit ihm auf dem Schafott. Neun Männer führten gleichzeitig den Teufelstanz auf, strampelten mit Armen und Beinen, bis nur noch er übrig war.

Es war eigentlich gar kein richtiger Aufstand. Sie glaubten, ein friedlicher Protest könnte die Weltengesellschaft überzeugen, die Nahrungsmittelrationen zu erhöhen. Also führten sie den Erntetanz vor den Gravliften auf und entfernten Maschinenteile aus den Bohrern, damit sie nicht mehr funktionierten. Der Plan schlug fehl. Nur der Lorbeer kann einem mehr zu essen verschaffen.

Es ist fast elf, als mein Onkel sich mit der Zither hinsetzt. Er schaut mich irgendwie böse an, betrunken wie ein Narr zur Julzeit. Wir wechseln keine Worte, obwohl er viel für Eo übrig hat und sie für ihn. Alle lieben Eo.

Dann kommt Eos Mutter herüber, küsst mich auf den Hinterkopf und sagt sehr laut: »Wir haben die Neuigkeiten gehört, du goldener Junge. Der Lorbeer! Du bist der Sohn deines Vaters.« Erst da rührt sich mein Onkel.

»Was ist los, Onkel?«, frage ich. »Hast du Blähungen?«

Seine Nasenflügel beben. »Du kleiner Dreckfresser!«

Er wirft sich über den Tisch, und im nächsten Moment sind wir ein Gewirr aus Fäusten und Ellbogen am Boden. Er ist groß, aber ich stürze mich auf ihn und schlage mit meiner kranken Hand auf seine Nase ein, bis Eos Vater und Kieran mich von ihm herunterziehen. Onkel Narol spuckt mich an. Es ist mehr Blut und Fusel als sonst was. Dann setzen wir uns an die entgegengesetzten Enden des Tisches und trinken weiter. Meine Mutter verdreht die Augen.

»Er ist nur verbittert, weil er nicht den leisesten Furz zum Lorbeer beigetragen hat. Er war nur anwesend, mehr nicht«, sagt Loran über seinen Vater.

»Der drecksverdammte Feigling wüsste nicht mal, wie man den Lorbeer gewinnt, wenn er in seinem Schoß landen würde«, sage ich mit finsterer Miene.

Eos Vater tätschelt meinen Kopf und sieht, wie seine Tochter sich unter dem Tisch um meine verbrannte Hand kümmert. Ich ziehe mir den Handschuh wieder an. Er zwinkert mir zu.

Eo hat die Aufregung über den Lorbeer mitbekommen, als schließlich die Blechbüchsen eintreffen. Aber sie ist nicht so begeistert, wie ich gehofft habe. Mit den Händen wringt sie den Stoff ihres Rocks und lächelt mich an. Aber ihr Lächeln ist eher eine Grimasse. Ich verstehe nicht, warum sie so besorgt ist. Niemand aus den anderen Clans ist besorgt. Viele kommen, um uns zu gratulieren, alle Höllentaucher, ausgenommen Dago. Er sitzt mit ein paar anderen an einem der glänzenden Gamma-Tische – die Einzigen mit mehr Essen als Fusel – und raucht Burner.

»Ich freue mich schon darauf, wenn der Sack wieder normale Rationen essen muss«, sagt Loran glucksend. »Dago musste sich noch nie von einfacher Kost ernähren.«

»Trotzdem ist er irgendwie schlanker als eine Frau«, fügt Kieran hinzu.

Ich lache mit Loran und schiebe ein Stück trockenes Brot zu Eo hinüber.

»Kopf hoch!«, sage ich zu ihr. »Dieser Abend ist zum Feiern da.«

»Ich habe keinen Hunger«, antwortet sie.

»Nicht mal, wenn das Brot mit Zimt gebacken ist?« Bald wird es so sein.

Sie sieht mich mit diesem angedeuteten Lächeln an, als wüsste sie etwas, das ich nicht weiß.

Um zwölf schwebt ein Klüngel Blechbüchsen in Gravstiefeln vom Pott herab. Ihre Rüstungen sind schäbig und schmutzig. Die meisten sind Jungen oder alte Männer, die sich nach den Erdkriegen zur Ruhe gesetzt haben. Aber darum geht es gar nicht. Sie tragen ihre Schlagstöcke und Elektropistolen in umgeschnallten Holstern. Ich habe sie noch nie eine dieser Waffen benutzen sehen. Sie müssen es auch gar nicht tun. Sie haben die Luft, das Essen, den Hafen. Wir haben keine Elektropistole zum Schießen. Was nicht heißt, dass Eo nicht gern eine stehlen würde.

Die Muskeln an ihrem Unterkiefer spannen sich an, als sie beobachtet, wie die Blechbüchsen in ihren Gravstiefeln herabschweben. Zwischen ihnen der Minenmagistrat Timony cu Podginus, ein zierlicher kupferhaariger Mann der Pennys (die Kupfernen, um die korrekte Bezeichnung zu gebrauchen).

ENDE DER LESEPROBE