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„Fürbitte heißt teilhaben an der Weltregierung Gottes.“ Rees Howells entstammt einer armen Familie in einem walisischen Bergarbeiterdorf. Dort hat er das Geheimnis des Gebetes kennengelernt. Seine Geschichte nimmt den Leser mit auf eine bewegte Reise. Howells erfährt zwischen den Abgründen des Lebens und gerade auch im Angesicht des Todes das Gebet als einen Schatz zum Leben. Die Erfahrung der Vollmacht des Gebets lässt ihn eine vertiefte Berufung als Fürbitter annehmen. Sein Weg in die Stille wird fruchtbar für viele, als er beginnt andere das Beten zu lehren. Sein Wirkungskreis reicht bis nach Afrika, wo er zum Türöffner einer Erweckung wird. - Erstmals vollständig auf Deutsch, inklusive 13 zusätzlichen Kapiteln, u. a. über Rees Howells' Fürbitte während der Pandemie um 1920 (Spanische Grippe) und im Zweiten Weltkrieg. - Mit einem Vorwort von Hans-Peter Nüesch.
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Seitenzahl: 452
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Norman P. Grubb
REESHOWELLS
Leben eines Fürbitters
© Copyright 1952 by Norman Grubb, published by James Clarke & Co Ltd., trading as The Lutterworth Press, 50–52 Kingston Street, Cambridge, CB1 2NU, England. All rights reserved.
© Copyright der deutschen Ausgabe 2020 by Asaph-Verlag
2. Auflage 2020
Titel der englischen Originalausgabe: Rees Howells Intercessor Teilweise bearbeitet und teilweise aus dem Englischen übersetzt von Michelle Hindahl
This translation is published by arrangement with The Lutterworth Press.
Die vorliegende Übersetzung wird in Absprache mit The Lutterworth Press veröffentlicht.
Bibelzitate wurden im Allgemeinen der Übersetzung Luther21 © La Buona Novella Inc., Bible Publishing House, CH-8832 Wollerau, oder der Übersetzung Hoffnung für alle © 1983, 1996, 2002, 2015 Biblica, Inc.®, hrsg. von Fontis – Brunnen Basel, entnommen.
Umschlaggestaltung: Fontis Media, René Graf
Satz: Samuel Ryba
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH
ISBN 978-3-95459-611-9
Bestellnummer 148044
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Er zweifelte nicht, sondern vertraute Gottes Zusage.
Ja, sein Glaube wurde nur noch stärker.
Er gab Gott die Ehre.
Römer 4,20
Cover
Titel
Impressum
Vorwort von Hanspeter Nüesch zur 2. deutschen Auflage
Vorwort
Kapitel 1:
Jugendjahre
Kapitel 2:
Die „Wolke von Zeugen“ und die Frage der Wiedergeburt
Kapitel 3:
Die Begegnung mit dem auferstandenen Herrn
Kapitel 4:
Die Erweckung in Wales
Kapitel 5:
Der Heilige Geist nimmt von ihm Besitz
Kapitel 6:
Die Liebe zu einem Ausgestoßenen
Kapitel 7:
Ein Dorf, das von der Erweckung unberührt geblieben war
Kapitel 8:
Die Landstreicher
Kapitel 9:
Das Binden des Starken
Kapitel 10:
Eine Rebe am Weinstock
Kapitel 11:
Die tuberkulosekranke Frau
Kapitel 12:
Was ist ein Fürbitter?
Kapitel 13:
Den Tod herausfordern
Kapitel 14:
Ein Vater für die Waisen
Kapitel 15:
Lord Radstock
Kapitel 16:
Der Ruf in ein verborgenes Leben
Kapitel 17:
Die hutlose Brigade
Kapitel 18:
Das Gelübde eines Nasiräers
Kapitel 19:
Onkel Dicks Heilung
Kapitel 20:
Der Ruf, das Geldverdienen aufzugeben
Kapitel 21:
Madeira
Kapitel 22:
Heirat und Ruf in die Äußere Mission
Kapitel 23:
Der Platz in der Schlange
Kapitel 24:
Erweckungen in Afrika
Kapitel 25:
Das erste Anwesen in Wales
Kapitel 26:
Das Bible College of Wales
Kapitel 27:
Das zweite Anwesen in Wales
Kapitel 28:
Das dritte Anwesen und die Gründung des Kinderheims
Kapitel 29:
Das Book of Common Prayer und König Edward VIII.
Kapitel 30:
Der Auftrag „Der ganzen Schöpfung“
Kapitel 31:
Äthiopien
Kapitel 32:
Das Kommen des Heiligen Geistes
Kapitel 33:
Das vierte Anwesen und Fürbitte für die Juden
Kapitel 34:
Fürbitte für Dünkirchen
Kapitel 35:
Die Luftschlacht um England
Kapitel 36:
Russland, Nordafrika, Italien, D-Day
Kapitel 37:
Heimgang
„Das vorliegende Buch ist brandgefährlich.“
Zum ersten Mal liegt nun das Buch „Rees Howells – Intercessor“ in deutscher Übersetzung in voller Länge vor. Es beinhaltet nun auch den Teil, der die Rolle von Rees Howells, seiner Frau Elizabeth und des Bible College of Wales im Zweiten Weltkrieg und bei der Gründung des Staates Israel beschrieb. Zuvor gab es nur die stark gekürzte Version „Fürbitte ändert die Welt”, die den Dienst in der Fürbitte für die Nationen wegließ.
Als ich das englische Original bei der Lancierung der Aktion Neues Leben Schweiz 1978 in die Hände bekam, hat es bei mir wie eine Bombe eingeschlagen. Unglaublich, was vertrauensvolles Gebet vermag! Unglaublich, wie Gott zu den Verheißungen in seinem Wort steht! Unglaublich, was der Heilige Geist zu tun vermag, wenn wir ihn über alle Bereiche unseres Lebens Herr sein lassen! Unglaublich, was glaubensvolle, geistgeleitete Fürbitte vermag, sodass dadurch selbst Weltgeschichte geschrieben werden kann!
Auch wenn ich meine persönlichen Erfahrungen in keiner Weise mit denjenigen eines Rees Howells vergleichen möchte, so bestätigten seine Erfahrungen mit dem Geist Gottes das, was ich einige Jahre zuvor persönlich erlebt hatte. Gleichzeitig waren sie eine große Ermutigung, Gott in Zukunft noch mehr zu vertrauen und ihn in meinem Dienst noch bedingungsloser Herr sein zu lassen. Ich möchte an meinem eigenen persönlichen Beispiel erklären, warum ich die Lektüre des vorliegenden Buches allen Menschen wärmstens empfehlen kann, die eine Sehnsucht haben, Gott noch mehr zu erfahren und ein Segen für die Welt zu sein.
Einige Jahre bevor ich die fast unglaubliche Geschichte von Rees Howells und des Bible College of Wales zum ersten Mal las, hatte mir Gott bei einem Sprachaufenthalt in England gezeigt, wie er mein Leben sieht, nämlich als halbvolle Cola-Flasche. Er machte mir deutlich, dass er mich nicht mit dem Heiligen Geist erfüllen kann, solange ich nicht bereit bin, meine eigenen Pläne auf den Altar zu legen und ihm alle Bereiche meines Lebens anzuvertrauen. Nach mehreren Wochen inneren Kampfes war ich dazu bereit und gab ihm volles Recht, fortan über mein Leben zu bestimmen. Was dann geschah, hat mein Leben auf den Kopf gestellt und eine glückliche Ehe mit meiner Frau Vreni erst möglich gemacht. Ich habe nicht nur persönliche Veränderung, sondern auch ein erweckliches Wirken in unserer Sprachschule erlebt, indem Menschen um mich herum das überführende Wirken des Heiligen Geistes erlebt haben. Ich habe darüber im kürzlich neu aufgelegten Magazin „Erweckung – Merkmale und Voraussetzungen“ geschrieben, das neben meiner persönlichen kleinen Erweckung vor allem die zwei größten europäischen Erweckungen im 20. Jahrhundert, diejenige in Wales (1904–1906) und auf den schottischen Hebriden (1949–1952), beschreibt.
Die Erweckung in Wales war im Leben von Rees Howells von zentraler Bedeutung. Er wurde von dieser Erweckung persönlich tief ergriff en, als er 1906 an einer Konferenz in Llandrindod Wells den Heiligen Geist als göttliche Person kennenlernte und ihm die Leitung seines Lebens anvertraute. Der Heilige Geist sollte fortan für sein Leben und seinen Dienst bestimmend sein. Und diesen Geist der Erweckung in Wales brachten er und seine Frau Elizabeth 1915 in den südlichen Teil von Afrika, wo ihr Dienst in den folgenden sechs Jahren in mehreren Ländern eine tiefe Erweckung auslöste. Im Umfeld ihres Dienstes erhielten Tausende von Menschen als Folge einer tiefen Buße Vergebung ihrer Sünden und ein neues Leben in Jesus Christus. Selbst die Königin von Swasiland wurde vom Wirken des Heiligen Geistes ergriff en. Der Erweckungshistoriker J. Edwin Orr schreibt in „Evangelical Awakenings in Africa“ Folgendes über diese Erweckung: „Rees Howells segelte nach Afrika. Von der Erweckung in Wales kommend, betonte er die Notwendigkeit des Bekennens aller Sünden und der totalen Hingabe an Gott, wie Evan Roberts es 1904 getan hatte. Am 10. Oktober 1915 wurde Rusitu [im heutigen Simbabwe] von einem tiefen geistlichen Erwachen erfasst. Von dieser Erweckung in Rusitu hieß es, dass nicht eine Seele in ein Treffen kommt, ohne dass sie von ihrer Sünde überführt wird. Im Mai und Juni erfasste das geistliche Erwachen ein weites Feld und erfasste 1916 während eines ganzen Jahres Stammesleute in Rhodesien [heute: Simbabwe] und Mosambik – welches weitere Erweckungen auslöste an anderen Orten.“ Aufschlussreich ist auch Edwin Orrs Bericht vom Geisteswirken 1918 in Ezulwini, Swasiland: „Während zwei Tagen und Nächten konnten viele nicht essen oder schlafen, entweder weil sie von Sünden überführt wurden oder wegen der großen Freude, die ihre Herzen durchflutete, nachdem sie Vergebung ihrer Sünden erhalten haben.“
Rees Howells’ Dienst in Afrika fiel in die Zeit, als die Spanische Grippe weltweit und auch in Afrika wütete und die Pandemie Abertausende von Menschenleben forderte. Rees Howells wurde geführt zu beten, dass auf seiner Missionsstation als Zeichen Gottes niemand an der Spanischen Grippe sterben würde. Bald wurde bekannt, dass im Umfeld von Rees Howells und seiner Leute niemand an der Spanischen Grippe starb, sodass die Menschen kamen, um diesen Wunder wirkenden, vom Tod bewahrenden Gott kennenzulernen. Viele, die deshalb auf die Missionsstation kamen, wurden sich ihrer Sünden bewusst und fanden dort ihren Erlöser. Rees Howells’ Antwort darauf: „Oh wie wunderbar bist du doch, du heiliger, guter Gottesgeist! Du hast hier durch dieses Geschehen mehr zu den Afrikanern gepredigt, als ich es mit allen meinen Worten hätte tun können.“
Mich hat dieses vom Tod bewahrende Wirken Gottes neu berührt, schreibe ich doch dieses Vorwort anfangs Juni 2020 mitten in der weltweiten Corona-Pandemie.
Lesen Sie den eindrücklichen Bericht darüber wie auch das ganze Kapitel über die Erweckung im südlichen Teil Afrikas aus der Sicht von Rees Howells.
Sechs Jahre blieben Rees und Elizabeth Howells auf dem afrikanischen Missionsfeld. Diese Jahre beschrieben sie später als die sechs glücklichsten Jahre ihres Lebens – außer, dass sie zu ihrem großen Schmerz ihren kleinen Sohn Samuel in Wales zurücklassen mussten, da befürchtet wurde, dass er in Afrika bald an Malaria sterben würde. Später bezeichnete das Ehepaar das als das größte Opfer in ihrem Leben. Es habe ihr Herz gebrochen, als sie den kleinen Samuel in Wales zurücklassen und der Obhut von Freunden übergeben mussten. Dadurch sei ihnen neu bewusst geworden, was es für Gott Vater bedeutet haben muss, seinen Sohn für die Vergebung der Sünden von Menschen hinzugeben.
Bei mir selber hat die Beschäftigung mit dieser und anderen geistlichen Aufbrüchen und den damit verbundenen Voraussetzungen tiefe Spuren hinterlassen. Der Wunsch nach einer tiefgreifenden Erweckung hat seither mein Leben und meinen Dienst maßgebend bestimmt. Die Beschäftigung mit dem Thema Gebet und Erweckung fand nicht zuletzt im Gebetshandbuch „Wenn mein Volk betet“ und in der Tonbildschau „Wirkungen des Gebets in der Vergangenheit“ als Teil der Gebetsseminare der Aktion Neues Leben seinen Ausfluss. Ältere Geschwister mögen sich an die in über 800 (Kirch-) Gemeinden stattfindenden Gebetsseminare erinnern, deren Inhalt maßgeblich geprägt wurde durch das Lebenszeugnis von Rees Howells und anderen Fürbittern und Fürbitterinnen.
Die Beschäftigung mit Rees Howells und anderen politischen Fürbittern veranlasste mich schließlich, die erste Themennummer des Campus-Magazins „Christliches Zeugnis heute“ dem Thema „Gebet und Weltverantwortung“ zu widmen. In diesem Heft berichtete ich über mehrere Personen, die mit ihrer Fürbitte Weltgeschichte geschrieben haben, so neben Rees Howells auch Samuel Unger, Adolf Hintermann, Jean Schwab und Derek Prince. Das im NZZ-Verlag herausgekommene Buch über Hitlers Aktionspläne „Die Schweiz muss noch geschluckt werden“ bestätigt von unabhängiger Seite, wie geistgeleitet die Gebete der Fürbitter gewesen sind. Wie dankbar können wir sein, wenn politische Verantwortungsträger wie der Schweizer General Henri Guisan nach gewonnener Schlacht Gott die Ehre geben! Mitten in den heißesten Momenten im Juni 1940 hat General Guisan die Menschen in der Schweiz zum Gebet aufgerufen: „Unsere Väter haben vor jeder Schlacht vor dem Allmächtigen die Knie gebeugt … Das Gebet des Soldaten muss sich mit demjenigen seiner Frau, seiner Eltern, seiner Kinder vereinigen.“ Und anlässlich des Waffenstillstands im Mai 1945 hat er Gott die Ehre für die Bewahrung gegeben: „Wir wollen nun vor allem Gott, dem Allmächtigen danken, dass unser Land von den Schrecken des Krieges verschont blieb. Eine wunderbare göttliche Führung hat unser Land verschont.“ Beim Studium von Fürbittern wie Rees Howells und anderen erkennen wir, welche große Rolle glaubensvolle geistgeleitete Fürbitte bei den erwähnten „göttlichen Führungen“ bei politischen Konflikten gespielt hat.
Rees und Elizabeth Howells wie auch später ihr Sohn Samuel wurden vom Heiligen Geist angewiesen, für die Deckung ihrer materiellen Bedürfnisse, und die wurden mit dem Wachstum ihres Dienstes immer größer, völlig auf Gott zu vertrauen und niemandem davon zu erzählen. Lesen Sie die erstaunlichen Berichte, wie sie oft im allerletzten Moment mit den nötigen Finanzen versorgt wurden. Oft geschah das erst dann, wenn nach menschlicher Erfahrung kaum noch eine Chance bestand, dass ihnen noch jemand das nötige Geld zustecken würde. Das hat die Studierenden des Bible College für ihr ganzes Leben geprägt.
Ein Student des Bible College of Wales, durch dessen Verkündigung in späteren Jahren Millionen von Menschen in Afrika zum Glauben an Jesus Christus fanden, war Reinhard Bonnke. Er lernte in Swansea nach eigenen Worten das ABC des Glaubens. In seiner Autobiografie „Im Feuer Gottes“ schreibt er darüber: „Das Herrliche an der Bibelschule in Swansea war, dass sie uns zwang, aus dem Glauben heraus zu leben. Wir beteten um alles. Um den gewaltigen Kohlevorrat, der für die Wintermonate zum Heizen gebraucht wurde, bis hin zum Geld für die Busfahrkarten, die wir brauchten, um an den Wochenenden auf den Straßen zu predigen.“ Während seiner Bibelschulzeit wuchs in ihm das Gebet: „Herr, ich will auch ein Mann des Glaubens werden. Ich möchte erleben, wie du für die Bedürfnisse sorgst.“ Aus Afrika schrieb er später an Samuel Howells: „Ich habe nie beabsichtigt, für die Kranken zu beten. Es war Gottes Geist, der völlig die Initiative dazu ergriff. Mein Gebet ist, dass sein Geist auf alles Fleisch ausgegossen wird.“ Und in einem weiteren Brief: „Ich habe nur noch eine Leidenschaft in meinem Herzen, dass mein ganzes Wesen zu einem Kanal wird, durch den die heilenden Ströme des Erlösers ungehindert zu den Menschen fließen können, die in solch großer Not leben.” Und noch etwas lernte der in einer Pfingstgemeinde großgewordene Reinhard Bonnke an der Bibelschule in Wales: die Weite des Leibes Christi, da die Studierenden aus den unterschiedlichsten Denominationen stammten. Reinhard Bonnke: „Ich lernte Methodisten, Anglikaner, Presbyterianer und Baptisten kennen, die offensichtlich Jesus lieben und ernsthaft ihr ganzes Leben für ihn leben. Der Dienst des Heiligen Geistes unter ihnen war lebendig und echt. Ich empfand die herzliche brüderliche Verbundenheit unter uns, trotz der durch unsere Denominationen bedingten Unterschiede, und dies sollte später in Afrika sehr bedeutsam werden.“ Reinhard Bonnke war bei Weitem nicht der einzige Absolvent der Bibelschule, der später einen internationalen missionarischen Dienst ausübte, aber sicher der bekannteste.
Für mich war Rees Howells zusammen mit Georg Müller eine große Ermutigung, Gott zu vertrauen, dass er uns immer mit den nötigen Ressourcen versorgt. Wenn Gott uns einen Auftrag gibt, dann gibt er uns auch alles, damit wir diesen Auftrag ausführen können. Ich kann dankbar bezeugen, dass Gott uns nie im Stich gelassen hat und in mehr als 40 Jahren jeder Lohn ausbezahlt und jede Rechnung beglichen werden konnte. Allerdings kam das nötige Geld nicht selten erst am letzten Tag. Und Gott bügelte auch unsere Fehler aus, so zum Beispiel, als wir bei der internationalen Explo 2000 einen riesigen Betrag auf die falsche Seite buchten und das dadurch ausgelöste Konferenzdefizit von mehreren hunderttausend Franken erst im Nachhinein bemerkten. Aber unser Vater im Himmel hatte vorgesorgt, indem der Überschuss aus dem Verkauf unserer vielfach nachgedruckten Esoterik-Aufklärungsnummer in wenigen Monaten das Konferenz-Defizit deckte.
Allerdings ist das Zeugnis der übernatürlichen Versorgung bei Vater und Sohn Howells noch eindrücklicher, wurden sie doch geführt, ihre Bedürfnisse niemandem anzuvertrauen. Mich hat das zuweilen umgetrieben. Darf ich um Finanzen bitten oder lebe ich im Unglauben, wenn ich die finanziellen Bedürfnisse offen erwähne? Solche Glaubenshelden, denen scheinbar alles gelang, können auch deprimierend wirken. Ich finde es deshalb befreiend, dass Rees Howells auch ehrlich zu Niederlagen und Fehlern stand. Auch betonte er, „dass wir nicht sagen können, eine Sache sei für andere falsch, nur weil wir selbst gerufen werden, sie aufzugeben“. Schon bei seiner Berufung hörte er den Heiligen Geist in Bezug auf die Erwähnung finanzieller Bedürfnisse zu ihm sagen: „Was für einen Durchschnittschristen zulässig ist, wird dir nicht erlaubt sein.“
Wir können vom Gottvertrauen eines Rees Howells und dessen Vorbildes, des Waisenhausvaters Georg Müller, viel lernen. Es ist meines Erachtens aber gefährlich, wenn wir Rees Howells oder Georg Müller kopieren wollen, sind doch unsere persönlichen Berufungen sehr verschieden.
Das Buch ist in mehrfacher Weise brandgefährlich. Einerseits im positiven Sinne, indem es uns in Brand setzt für Gottes Sache und wir feurig im Geiste werden. Unser wachsendes Vertrauen in Gottes biblische Verheißungen revolutioniert dann nicht nur unser Gebetsleben, sondern macht uns auch mutig, im Dienst Gottes Wunder zu erwarten. Es ist aber auch im negativen Sinne gefährlich, nämlich dann, wenn wir unsere eigenen Pläne und Ideen mangels Hören auf Gottes Willen in eigener Regie vorantreiben und das biblische Wort außer Acht lassen: „Es soll nicht durch Heer und Kraft geschehen sondern durch meinen Geist, spricht der Herr“ (Sach. 4,6). Wir stehen dann in Gefahr, Dinge anzupacken, zu denen uns Gott nie den Auftrag gegeben hat. Ganz schlimm ist es, wenn wir dann auch noch Gott die Schuld geben für unsere mangelnde Bereitschaft, seinen Willen in Erfahrung zu bringen, bevor wir eine Sache in Angriff nehmen.
Die Lektüre dieses außergewöhnlichen Buches kann auch dazu führen, dass wir uns entmutigen lassen und uns selbst verurteilen, weil wir erkennen, dass wir glaubensmäßig noch weit vom Vorbild eines Rees Howells und seiner Familie entfernt sind. Dann ist es wichtig, uns in Erinnerung zu rufen, dass wir niemanden kopieren müssen, sondern täglich aus der Vergebung Gottes in Jesus Christus leben dürfen. Möge der heillose Krampf, der so manche Christen prägt, die die bedingungslose Vaterliebe Gottes aus den Augen verloren haben, der Freude an der Tatsache weichen, dass wir alle Lasten täglich Gott anvertrauen können und er uns wunderbar zur Seite steht!
Die Kernbotschaft des vorliegenden Buches besteht darin, dass wir alle Last Gott ablegen dürfen im Vertrauen, dass Gott für uns sorgt. Wir müssen einfach in Gott bleiben, wie eine Rebe am Weinstock bleibt, um Frucht zu bringen. Das Resultat dieses Bleibens ist nicht zuletzt auch bei uns selber die Erfahrung von tiefem Frieden, ja von einer Freude, die uns oft überraschend ergreift. Diese überschäumende Freude leuchtet immer wieder auf in der Geschichte von Rees Howells und des Bible College of Wales. Dann wird uns bewusst: „Ich muss mich nicht länger sorgen, ein anderer sorgt für mich. Es ist nicht mehr länger meine Verantwortung.“ Die Geschichte rund um Rees Howells lehrt uns, dass Gott die Last der Verantwortung trägt, wenn wir ihm diese einmal anvertraut haben. Ist das nicht befreiend und ein Halleluja wert?
Was das Thema Fürbitte anbetrifft, kenne ich kein besseres Buch. Der Titel des englischen Originals heißt „Rees Howells – Intercessor“. Der englische Begriff „Intercession“ stammt vom Lateinischen ab und meint Dazwischentreten. Der „Intercessor“ ist dementsprechend ein Dazwischentreter, ein in die Bresche Springender. Bei der Fürbitte im biblischen Sinne geht es um das Dazwischengehen für eine Sache, damit Gott sein Urteil nicht vollziehen muss. „Im ganzen Volk suchte ich nach jemandem, der in die Bresche springen und die Mauer um das Land wieder aufbauen würde, damit ich es nicht zerstören muss. Doch ich fand niemanden“ (Hes. 22,30). Rees Howells ist zusammen mit seiner Familie und seinen Studierenden vor Gott in die Bresche getreten, im Gebet, dass ganze Länder verschont bleiben vor Gottes Gericht und dass Gottes Heilsplan zum Durchbruch kommt. Oft ging es darum, dass sie sich mit den in Not befindlichen Menschen identifizieren mussten. Das war zum Teil mit großen Opfern verbunden, die im vorliegenden Buch im Detail beschrieben werden.
Ein großes Gebetsanliegen war für sie die Errichtung eines israelischen Staates in Palästina. Schon einige Jahre vor der Errichtung des Staates Israel schenkte Gott ihnen die Gewissheit, dass er ihre diesbezüglichen Gebete erhört hatte.
Nachdem ihnen Gott auf eindrückliche Weise den Auftrag zur Weltevangelisation gegeben hatte, sahen sie zunehmend ihren Auftrag in der Fürbitte für Nationen. Sie erkannten in ihrer Bibelschule ein Gebetshaus für die Nationen und widmeten ihre Aufmerksamkeit nun fast ausschließlich der Fürbitte für einzelne Länder, insbesondere im Umfeld von kriegerischen Auseinandersetzungen. Es ging ihnen dabei nicht um die Bewertung von Ideologien an sich. Böse war für sie jede Aktivität, die der Evangeliumsverbreitung im Wege stand. Das konnten auch einmal die Briten und Amerikaner sein. So beteten sie gegen einen drohenden Atomschlag der Amerikaner. Vor allem aber sahen sie im Kommunismus und im Nationalsozialismus/Faschismus Gottes Feind am Wirken. Sie beteten gegen diese politischen Systeme und Mächte, weil sie erkannten, dass der Feind Gottes durch diese Regierungssysteme die freie Glaubensausübung und die Evangeliumsverkündigung zu verhindern suchte. Das konnten auch einmal Kirchen oder religiöse Systeme sein. So fühlten sie sich mehrmals geführt, gegen die römisch-katholische Kirche zu beten, mit der sie im Clinch waren, als es um die Erwerbung von einzelnen Liegenschaften ging. Sie waren der Überzeugung, dass die römische Kirche das Heil in Christus verdunkelte. Aus dem historischen Kontext der Kirchenkämpfe auf den Britischen Inseln kann man das besser einordnen. Auch heute noch steht die offizielle Kirche der evangelistischen Verkündigung oft im Weg, wie ich es im Umfeld der Christustage in vielen Ländern selber erlebte. Ich habe aber auch immer wieder erlebt, dass der Heilige Geist sein erweckliches Werk auch in alten Volkskirchen getan hat. Ich habe gerade im Umfeld von nationalen Christustagen zahlreiche Personen aus allen Kirchen kennengelernt, die Jesus Christus liebten und mit dem Heiligen Geist erfüllt, zu feurigen Evangelisten wurden.
Selbst Rees Howells hat zu seiner großen Überraschung erlebt, dass aus einer vermeintlichen Niederlage in Äthiopien durch die Einnahme des katholischen Italiens eine Erweckungsbewegung resultierte.
Das Buch kann uns zum großen Segen werden, wenn wir uns einiger Dinge bewusst sind. Zum einen kann es unser Leben und unseren Dienst positiv revolutionieren, indem wir unser eigenes krampfhaftes Bemühen, Gott zu gefallen, aufgeben und täglich in Gottes Gegenwart verbleiben und dabei den Beistand des Heiligen Geistes erleben. Das Resultat des Bleibens in Gottes Gegenwart ist, dass wir immer mehr zu einem Werkzeug und Kanal von Gottes befreiendem Wirken werden. Dabei geben wir Gott die Ehre im Bewusstsein, dass alle bleibende geistliche Frucht sein Verdienst ist. Auch bin ich überzeugt, dass viele Leserinnen und Leser in ihrem Auftrag der Fürbitte gestärkt werden und Anleitung bekommen, wie sie ihren Dienst der Fürbitte noch segensreicher gestalten können.
Rees und Elizabeth Howells haben die Leitung des Bible College und der damit verbundenen vielfältigen Dienste noch vor seinem Heimgang 1950 ihrem Sohn Samuel übertragen, der zuvor viele Jahre als Stellvertreter seines Vater gewirkt hatte. Bei diesem Entscheid wurden sie durch ihre Belegschaft gestützt. Bis zu seinem Tode 2003 ist Samuel Howells über 50 Jahre lang zusammen mit seinen Mitarbeitern und Studenten für Nationen und kriegerische Auseinandersetzungen fürbittend eingestanden. So geschah das im Rahmen der Kubakrise; beim Sechstage- und dem Yom Kippur-Krieg; im Eintreten für die Befreiung Osteuropas vom Kommunismus, in der Fürbitte für den Fall der Berliner Mauer; beim Kampf gegen das Apartheidsystem in Südafrika; im Umfeld des Golfkrieges und immer wieder im Gebet für Erweckung in China. Das alles ist im Detail beschrieben im Werk „Samuel Rees Howells – A Life of Intercession“ von Richard Maton, das leider nur auf Englisch vorliegt. Heute ist das Bible College in Swansea im Besitz der Cornerstone-Gemeinde, die ihre Basis in Singapur hat. Cornerstone möchte das Vermächtnis von Rees und Samuel Howells weiterführen, indem Fürbitter/innen für Nationen und Mitarbeiter/innen für die Weltmission ausgebildet werden.
Hanspeter Nüesch
CH-Boppelsen
Ich halte es für eines der größten Vorrechte meines Lebens, dass ich bei der Biografie von Rees Howells mit Hand anlegen durfte. Erstmals begegnete ich Rees im Jahre 1928. Ich war zu der Zeit Missionar auf Urlaub und verbrachte einige Tage mit ihm am Bible College of Wales, das damals noch in seinen Anfängen steckte. Meine Seele gewann so manch tiefe Erkenntnis, als er sich die Zeit nahm und mir erzählte, wie der Herr sich mit ihm beschäftigte und ihn Schritt für Schritt weitergeführt hatte. Es war eine der wesentlichsten Erfahrungen meines Lebens. Ich lernte Geheimnisse des Geistes kennen – des Geistes, der auf die Erde kam, um sein gewaltiges Werk durch menschliche Werkzeuge zu tun –, die meinen gesamten zukünftigen Dienst von Grund aus umgestalteten.
In den Jahren, die darauf folgten, hatte ich mehrfach enge Gemeinschaft mit Rees Howells, auch wenn ich mich oft wunderte, wieso gerade ich dieses Vorrecht genoss. Bei vielen solchen Gelegenheiten drängte sich mir der Gedanke auf, wie schön es doch wäre, wenn diese Zeugnisse und besonderen Erkenntnisse, die Gott seinem Diener schenkte, und seine wunderbaren Erfahrungen mit dem Heiligen Geist gedruckt und der Welt zugänglich gemacht werden könnten. Es erscheint mir heute wie eine unbewusste Vorbereitung auf das, was später wirklich eintrat. Nie dachte ich daran, dass der Herr ihn so plötzlich heimholen würde. Aber sobald ich davon hörte, fielen mir diese früheren Gedanken wieder ein. Das war dann auch der Grund, weshalb mir Samuel Howells, sein einziger Sohn, wie auch die Ehefrau von Rees Howells anboten, sein Leben niederzuschreiben, was ich als eine große Ehre erachte.
Möge Gott vielen beim Lesen dieses Buches so begegnen, wie er mir beim Schreiben desselben begegnet ist!
Norman P. Grubb
Früherer Leiter des „Weltweiten
Evangelisations-Kreuzzuges“
Kapitel 1
Rees Howells wurde am 10. Oktober 1879 als sechstes von elf Kindern geboren. Noch heute steht im Bergmannsdorf Brynamman in Südwales das kleine weiße Häuschen, in dem Thomas und Margaret Howells ihre drei Mädchen und acht Jungen aufzogen. Es ist erstaunlich, dass dieses kleine Haus für eine so große Familie ausreichte.
Die Eltern hatten in den ersten Jahren große Schwierigkeiten zu überwinden. Rees’ Vater arbeitete zuerst in einem Stahlwerk und später im Kohlebergwerk. Sein Tagesverdienst betrug durchschnittlich nur etwa zweieinhalb Schilling. Davon musste die Familie leben. Immer, wenn es beispielsweise durch einen Streik zum Ausfall von Schichten kam, fehlte jede Einnahme, denn Arbeitslosenunterstützung gab es damals noch nicht. Später, als der Vater im Dorf ein Schuhgeschäft mit Reparaturwerkstatt betrieb und außerdem die älteren Kinder die Schule beendet hatten und mitverdienten, wurde es etwas leichter.
Trotz der äußerst bescheidenen Verhältnisse war die Familie glücklich, denn es herrschten Gottgefälligkeit und Liebe im Haus. Zu den tiefsten Eindrücken im Leben des jungen Rees gehörte die Liebe seiner Mutter, desto mehr, weil er miterlebte, wie sie eines der drei Geschwister unermüdlich pflegte, die jung aus ihrer Mitte genommen wurden. Als eines Tages ein Gast beim Anblick der Kinderschar zu dem stolzen Vater sagte: „Wie reich Sie sind!“, verstand das der kleine Rees natürlich nicht. „Wie konnte er sagen, dass wir reich sind?“, fragte er seinen Vater später. „Das will ich dir erklären. Was denkst du, für wie viel ich dich verkaufen würde? Etwa für tausend Pfund? Oder meinst du, ich würde John, David oder Dick für tausend Pfund hergeben? Daran kannst du sehen, wie reich ich bin!“
Ihre Bildung erhielten die Kinder zunächst ausschließlich in der Dorfschule. Nach der Schulentlassung arbeiteten fast alle Kinder in einer Zinnhütte im Tal unterhalb des Dorfes. Eigentlich durften sie dort erst mit dreizehn Jahren beschäftigt werden. Als Rees jedoch eines Tages seinen Brüdern das Essen brachte, fragte ihn der Werkleiter, ob er nicht auch ein wenig helfen wolle. Sein Name würde nicht auf der Lohnliste erscheinen, er wolle ihm aber doch einen Lohn geben, nur würde er eben auf den Namen seines Bruders Moses eingetragen werden. So endete Rees’ Schulzeit schon mit zwölf, und die nächsten zehn Jahre verbrachte er in der Zinnhütte, wo seine Leistungen sehr geschätzt wurden. Sein Arbeitstag zählte damals zwölf Stunden. Um sechs Uhr morgens stand er auf, und vor sechs Uhr abends kehrte er nicht nach Hause zurück.
Rees’ Schulzeit endete mit zwölf und die nächsten zehn Jahre verbrachte er in der Zinnhütte.
Um sich weiterzubilden, besuchten Rees und seine Brüder die wöchentliche Abendschule im Dorf. So etwas wie eine Bücherei gab es dort damals noch nicht. Das einzige Lesezentrum bildete ein Zeitungsladen, wo man für einen Penny monatlich die Zeitung lesen oder sich ein Buch ausleihen konnte. Auf diesem Wege bestanden zwei seiner Brüder mehrere Prüfungen. John, der älteste, ging zur Eisenbahngesellschaft und Dick wurde ein leitender Angestellter im Bergwerk. Rees selbst legte sich auf keine bestimmte Ausbildung fest. Er zeigte jedoch schon früh Organisationstalent. Wenn seine Mutter den Jungen beispielsweise einmal eine Arbeit auftrug, wurde sie von seinen Brüdern selbst ausgeführt. Rees aber fand stets ein halbes Dutzend Freunde, die ihm halfen – und ließ seine Mutter dann für alle Abendessen kochen! Sie wird sich sicher manchmal gefragt haben, ob es sich überhaupt lohnte, ihm eine Arbeit aufzutragen!
Die Großzügigkeit, die ihn später so sehr auszeichnete, machte sich schon in seinen Jugendjahren bemerkbar. Er verschenkte alles, was er hatte. Anders als seine Brüder konnte er nicht widerstehen, wenn Kunden im Schuhgeschäft einen Preis herunterhandeln wollten.
Rees entwickelte sich zu einem kräftigen jungen Mann und er liebte es, sich sportlich zu betätigen. Ebenso gesund wie sein Körper war aber auch sein Appetit. An manchen Abenden kamen Dick und Rees zu unterschiedlichen Zeiten spät heim. Wenn Dick zuerst kam, so erzählt man in der Familie, rief die Mutter von oben: „Dick, bist du’s? Nimm dir ein Stück Kuchen.“ War aber Rees früher als Dick, dann rief sie: „Bist du’s, Rees? Auf dem Tisch steht Kuchen. Lass aber ein Stück für Dick übrig!“
Besonders auffallend in Rees’ jungen Jahren war sein Bewusstsein von Gott. Es schien, als stünde er von Geburt an in der unsichtbaren Gegenwart dessen, von dem Paulus sagte, er habe ihn „in seiner Gnade schon vor meiner Geburt dazu bestimmt, ihm einmal zu dienen“ (Gal. 1,15). In dieser Hinsicht ging in seiner Jugend der stärkste Einfluss von seinen Großeltern aus. Auch sie wohnten in einem weißgetünchten kleinen Haus in unmittelbarer Nähe der Black Mountains. Wenn man dessen Türschwelle überschritt, war es, wie Rees später erzählte, als ob man den Himmel beträte. Die Großeltern hatten sich während der Erweckungsbewegung 1859 bekehrt. Rees glaubte stets, dass er ihnen geistlich viel verdanke. In dem kleinen Haus war etwas, was ihn mächtig anzog. Man spürte die Nähe Gottes darin, pflegte er zu sagen. Er liebte den Weg von seinem Elternhaus im Amman-Tal hinauf durch die Felder. Ein Haus nach dem anderen ließ er hinter sich, bis ein eisernes Tor hinter ihm zuschlug und er die weite Stille der Berghänge atmete. Oft sollte dies in späteren Jahren der Ort seiner Gespräche mit Gott werden. Nur der Gesang der Lerche, das gelegentliche Blöken eines Schafs und das Rauschen des Bergbachs unterbrachen die Einsamkeit.
Sobald er die Höhe des Bergkammes erreichte, sah er das grüne Waliser Tal vor sich ausgebreitet. Das Haus seiner Großeltern lag an einem der steilen Abhänge, dort, wo das Ödland wieder Feldern und Hecken Platz machte. Wenn er dann das Haus betrat, hörte er meist schon an der Türschwelle die Stimme seiner Großmutter, die seinem kranken Onkel Dick aus der Bibel vorlas.
Dies erinnert an einen anderen jungen Mann, der vor langer Zeit vermutlich ebenfalls manche Stunden auf einem anderen „Black Mountain“, nämlich dem Kara Dagh bei Lystra, zubrachte – den jungen Timotheus, der dort unter dem Einfluss zweier gottesfürchtiger Frauen, seiner Mutter Eunike und der Großmutter Lois, aufwuchs.
Und wirklich übten junge Männer aus der Bibel, wie Joseph und David, die Gott von Jugend an ehrfürchtig dienten, großen Einfluss auf Rees aus. Sein weiser Vater ließ bei der Erziehung der Kinder die biblischen Geschichten auf sie wirken. Das von frühester Kindheit an geübte allabendliche Bibellesen und seine Wirkung auf ihn blieben Rees stets in lebendiger Erinnerung. Am liebsten hörte er die Geschichten von der Geburt Jesu und von seinem Leben und Sterben. Diese Geschichten bewahrten ihn davor, jemals den Namen Gottes zu missbrauchen oder mutwillig gegen ihn zu sündigen.
Sogar aus den üblichen weltlichen Vergnügungen machte er sich nichts. Er konnte viele Meilen zurücklegen, wenn es irgendwo einen Prediger zu hören galt, der ihn „Gott näherbrachte“. Aber für ein Konzert wollte er „nicht einmal über die Straße gehen“. Selbst einem Fußballspiel sah er nur einmal zu. Als die Menge um ihn herum schrie und grölte, wurde ihm klar, dass dies nicht der richtige Platz für ihn war, und er stand auf und ging davon. Damals gelobte er, nie wieder einem Fußballspiel beizuwohnen. Und dabei blieb es.
Aus den üblichen Vergnügungen der Welt machte er sich nichts.
Der Apostel Paulus sprach einmal davon, dass er dem Gott seiner Väter diene und sich bemühe, „allezeit ein unverletztes Gewissen vor Gott und den Menschen zu haben“ (Apg. 24,16). Rees eiferte diesem Beispiel nach. „Ich rannte nicht blindlings in die Sünde hinein“, sagte er Jahre später. „Irgendetwas hielt mich immer zurück. Es scheint, dass manche Menschen viel empfindsamer sind als andere, sogar schon vor ihrer Bekehrung. Einmal handelte ich gegen mein Gewissen. Als mein Vater mich zu einem Kunden schickte, um Schuhe abzuliefern, verlangte ich einen Schilling und zehn Pence, während der richtige Preis einen Schilling und neun Pence betrug. Für den einen Penny kaufte ich mir Äpfel. Obwohl ich meinem Vater sogleich meine Sünde bekannte, konnte ich es nie vergessen. Besonders, wenn ich Äpfel sah, fiel es mir immer ein! Ich hatte mein Gewissen befleckt. Aber gerade weil dieses Erlebnis mir so sehr nachging, hielt es mich in Zukunft vor größeren Sünden zurück.“ Es hatte jedoch auch noch eine andere Wirkung auf ihn, die ihm erst später zum Bewusstsein kam und von der er sich frei machen musste. Er sagt darüber: „Ich glaubte damals, dass ich wahrscheinlich mit einer guten Natur auf die Welt gekommen sei.“
Mit dreizehn Jahren wurde er Mitglied der Gemeinde seines Heimatortes. Es war nach seiner damaligen Erkenntnis seine Überzeugung, dass er „genau nach der Lehre des Heilandes leben“ müsse. Zu dieser Folgerung war er durch das Lesen des Buches „In Seinen Fußstapfen“ von Charles M. Sheldon gelangt. Er musste jedoch bald einsehen, dass er dem nicht voll entsprechen konnte.
Auch der Kontakt mit den anderen jungen Männern in der Zinnhütte änderte seine Einstellung nicht. Die Stadt Swansea war zwar nur zwanzig Meilen entfernt, aber „das oberflächliche Treiben in den Städten hat mich nie angesprochen“, sagte er. „Es fiel mir nicht schwer, auf Theaterbesuche zu verzichten. Solche Dinge zogen mich nicht an. Ich war in den Gemeinden und Gebetsversammlungen zu Hause. Auch die Natur, Berge und Täler und die rauschenden Bäche übten großen Reiz auf mich aus. Die Stunden der Sonntagsfrühe waren jedes Mal eine wunderbare Zeit für mich. Welche Stille und welcher Friede lagen über allem! Ich war überzeugt, dass ich Gott jeden Abend ins Angesicht sehen konnte, weil ich ein so sauberes, reines Leben führte, und Hunderte in Wales lebten damals so.“
Ein stilles, gutes Leben mit viel Arbeit: Es gab nicht viel, das die Aufmerksamkeit auf diesen jungen Waliser gelenkt oder Anlass zu Prophezeiungen für die Zukunft gegeben hätte, abgesehen von einer ungewöhnlichen Frömmigkeit, die vielleicht den Engländern, nicht aber den Walisern merkwürdig erscheinen mochte. Aber kann Gott nicht Alltägliches in Außergewöhnliches verwandeln, wenn wir ihm die Möglichkeit dazu einräumen?
Kapitel 2
Bis zu seinem zweiundzwanzigsten Lebensjahr ereignete sich nichts, was den ruhigen Gang seines Lebens geändert hätte. Rees war zu einem gutaussehenden, breitschultrigen jungen Mann herangewachsen, hatte zarte Hände, eine kantig geschnittene Stirn, wie man sie des Öfteren bei Menschen aus Wales sieht, und vor allem ungewöhnliche Augen: klar und durchdringend – die Augen eines Sehers. Doch hinter dem ruhigen Äußeren verbarg sich ein starker innerer Trieb: Ehrgeiz. Er wollte die Welt sehen. Er wollte Geld verdienen. Amerika war der Magnet, der ihn anzog. Verschiedene junge Männer aus dem Dorf waren in die USA ausgewandert. Sie schickten begeisterte Berichte nach Hause. An einem Tag verdienten sie dort so viel Geld, wie man in Südwales kaum in einer Woche erarbeiten konnte. Als Rees das hörte, konnte ihn nichts mehr zurückhalten, nicht einmal die Liebe zu seinen Eltern. Er wog die Vor- und Nachteile ab, und jedes Mal fiel dieser Vergleich zugunsten Amerikas aus. Seine Brüder studierten, um Karriere zu machen. Er aber wollte reich werden und sich dann früh zur Ruhe setzen. Evan Lewis, einer seiner Cousins, war ausgewandert und arbeitete nun in New Castle, in der Stahlregion um Pittsburgh. Dorthin ging auch Rees. Er fand Arbeit in einer Zinnhütte. Kurz bevor er Brynamman verließ, sprach Gott jedoch in besonderer Weise zu seinem Herzen. Rees nannte dies die größte innere Segnung, die er vor seiner Bekehrung empfing. In einem Gottesdienst, bei dem er zu spät kam und wegen des großen Andrangs nur noch im Vorraum einen Stehplatz bekommen konnte, wurde der Text aus Hebräer 12,1 vorgelesen: „Darum lasst auch uns, weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben (…).“ „Diese Zeugen“, sagte der Pastor, „sind die Männer des Glaubens, die im vorhergehenden Kapitel erwähnt sind, und wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass sie auch uns heute umgeben. Wir wissen, dass sie wirklich da sind, denn auf dem Berg der Verklärung sprachen Mose und Elia mit dem Herrn und die Jünger sahen sie.“ Dann rief der Pastor, als wüsste er, dass Rees unter den Zuhörern war: „Junger Mann, du verlässt vielleicht nun deine Heimat. Du gehst an einen Ort, wo deine Eltern dich nicht mehr unter den Augen haben. Aber denk daran, dass die Wolke von Zeugen und Gott selbst dich überall sehen.“ Diese Worte schlugen bei Rees ein. Sie waren ihm neu und bewirkten, dass er einen starken Eindruck von der anderen Welt bekam. „Ich sah den in Hebräer 12,22 erwähnten Berg“, sagte er, „die Stadt des lebendigen Gottes, die Myriaden von Engeln und die Versammlung der Erstgeborenen“, und er sah sie nicht als Spione, die ihn beobachten sollten, sondern empfand, dass ihr Anblick ihn ermutigen und stärken sollte. Es war wiederum Gottes überschattende Hand, die das erwählte Gefäß in besondere Obhut nahm, bis er ihm seinen Sohn offenbaren würde. Diese Wolke von Zeugen blieb bis zu seiner Bekehrung die stärkste Realität seines Lebens.
„Wiedergeboren“: Diesen Ausdruck hatte Rees noch nie gehört.
Nach seiner Ankunft in Amerika führte er dort das gleiche gottesfürchtige Leben weiter wie zu Hause. Er wurde Mitglied einer christlichen Gemeinde und fehlte bei keiner Gebetsversammlung. Nur einmal erlag er beinahe der Versuchung weltlicher Vergnügungen, als ein Freund ihn zu einem Boxkampf einlud. Zweifellos zog ihn sein früheres Interesse am Boxen dorthin. Aber die bewahrende Hand Gottes war nicht umsonst über ihm. Am Tag vor dem Boxkampf kam ihm auf einmal der Gedanke: „Wenn dein Vater oder dein Onkel hier wäre, würdest du dann auch hingehen? Und wie ist es mit der Wolke von Zeugen?“ Er sagte seinem Freund, dass er ihn nicht für alles Geld der Welt begleiten würde!
Wie konnte ihn Gott bei einem so aufrechten Leben dann aber zu der Erkenntnis bringen, dass er in Sünde geboren war und Erlösung brauchte? Sogar sein Pastor dachte von ihm, dass er „der beste junge Mann in der Gemeinde“ sei – ein Hinweis darauf, dass der Pastor das, was Rees fehlte, wahrscheinlich auch nicht hatte. Rees’ Fall war dem des Apostel Paulus nicht unähnlich: „Was die Gerechtigkeit betrifft, untadelig im Gesetz“ (Phil. 3,6). Wenn man sich keines Mangels bewusst ist, kann auch nicht der Wunsch nach einer Veränderung da sein. Aber Gott hat seine Wege.
Zunächst sprach er zu ihm durch seinen Cousin Evan Lewis. Dieser beunruhigte ihn eines Abends durch die Frage, ob er „wiedergeboren“ sei. Rees hatte diesen Ausdruck noch nie gehört. Er war in dieser Hinsicht genauso unwissend wie Nikodemus. Er fühlte sich jedoch angegriffen und wollte sich verteidigen. „Was meinst du damit? Mein Leben ist ebenso gut wie deines.“ – „Darum geht es nicht. Man kann es auch so ausdrücken: Weißt du, ob du gerettet bist?“ – „Ich bin ein Christ, und das genügt mir.“ Obwohl er danach vorgab, nicht überzeugt worden zu sein, war jedoch von da an immerhin seine Selbstzufriedenheit erschüttert. Sein Cousin war treu und ließ die Angelegenheit trotz der stets fruchtlos endenden Unterhaltung nie fallen. Eines Tages hatte der Pfeil aber doch getroffen. Lewis erzählte ihm, dass seine Schwester ihm auf ihrem Sterbebett ans Herz gelegt habe, dass auch er einen persönlichen Heiland brauche, und er habe damals bei ihren Worten „Golgatha gesehen“. Wieder wusste Rees nicht, was sein Cousin meinte. Aber er fühlte instinktiv, dass er sich auf heiligem Boden befand, und eine innere Stimme schien ihn davor zu warnen, länger über diesen Gegenstand herumzustreiten. Der Eindruck war so stark, dass er sich sogar entschloss, den Ort zu verlassen und anderswo Arbeit zu suchen, damit er bloß nicht an das „Verbotene“ rührte.
Der Himmel war ihm auf der Spur …
Er zog nach Martins Ferry, das etwa hundert Meilen entfernt lag. Als sein Cousin ihn zum Bahnhof brachte, trieben auch dort noch seine letzten Worte den Pfeil tiefer: „Dein Fortgehen würde mir nichts ausmachen, wenn du wiedergeboren wärst. Aber es macht mir Sorgen, dich so gehen zu lassen, ohne dass du vorher mit Gott ins Reine gekommen bist.“ Rees konnte diese Worte nicht vergessen. Der Himmel war ihm auf der Spur …
Die Erkenntnis begann ihm erst wirklich zu dämmern, als er eines Tages ein bedeutendes Buch jener Zeit las: Professor Henry Drummonds „Natürliches Gesetz in der geistlichen Welt“. Drummond erzählt darin, dass es ihm unmöglich gewesen sei, das Wesen des Lebens zu definieren, bis er in den Werken von Herbert Spencer eine solche Definition fand. Spencer sagt: Leben ist „Austausch mit der Umwelt“. Ein Kind wird mit fünf Sinnen und verschiedenen Körperorganen geboren, die alle mit der Umwelt korrespondieren und auf sie reagieren. Das Auge sieht Bilder, das Ohr hört Töne, die Lunge atmet Luft usw. „Solange zwischen meiner Umwelt und mir ein solcher Austausch besteht, habe ich Leben“, sagt Spencer. „Wenn mir etwas zustößt, das mich an diesem Austausch hindert, dann muss ich sterben. Wo kein Austausch ist, da ist Tod.“
Drummond wandte diese Definition auch in Bezug auf Adam und den Sündenfall an. Gott hatte zu Adam gesagt, dass er an dem Tag, da er ungehorsam wäre, sterben müsse. Starb er denn wirklich? Nach Spencers Definition starb er geistlich: Während er das natürliche Leben behielt, verlor er doch seinen nahen Umgang mit Gott. Diese Verbindung konnte er nur auf dem Wege des Opfers zurückgewinnen, nur dadurch, dass ein anderes Leben an seiner Stelle geopfert wurde.
Als Rees dies las, war sein erster Gedanke: „Habe ich Umgang mit Gott?“ Konnte er sagen, dass der Heiland für ihn ebenso wirklich sei wie beispielsweise seine Mutter? Kannte er Gott als eine tägliche Gegenwart in seinem Leben oder dachte er nur während der Gebetstreffen an ihn? Und wenn er jetzt sterben würde, würde er dann mit einer anderen Umwelt in Verbindung treten? Er fühlte sich seinen Eltern nahe verbunden. Die Entfernung beeinträchtigte seine Gemeinschaft mit ihnen nicht. Mit Gott aber hatte er solche Gemeinschaft nicht. Wieder erinnerte er sich an die Worte, die sein Cousin mehrmals zu ihm gesagt hatte: „Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen“ (Joh. 3,3).
„Jetzt verstand ich das auf einmal“, sagte Rees. „Und ich glaubte an den Heiland, aber ich wusste zugleich, dass ich noch nicht wiedergeboren war. Was meine Beziehung zu dem geistlichen Reich betraf, in dem der Heiland lebte, war ich ein toter Mensch. Ich war außerhalb seines Reiches; mein anständiges Leben und meine ganze Religion konnten mir dort keinen Eintritt verschaffen. Ich war vielleicht kein Trinker oder Dieb, aber trotzdem war ich außerhalb des Reiches, weil ich keine lebendige Verbindung mit Gott hatte.“
Seine religiöse Selbstzufriedenheit war erschüttert. Zwar hatte er keine große Sündenerkenntnis, aber er wusste jetzt, dass eine Kluft zwischen ihm und Gott bestand. Eine tiefe Sorge um sein ewiges Heil beschäftigte ihn von nun an viel mehr als die Sorge um die Dinge dieser Welt.
Kapitel 3
Die Hand Gottes streckte sich immer mehr nach Rees aus. Worüber Rees bisher nur nachgedacht hatte, das sollte ihm nun bald in Wirklichkeit begegnen. Er erkrankte plötzlich an Typhus, der zwar auch heute noch eine gefährliche Krankheit darstellt, damals aber sehr oft zum Tod führte. Er war also nun gezwungen, dem Tod ins Angesicht zu sehen. Dass er sich in diesen schweren Stunden fern von der Heimat in einem einsamen Zimmer befand, war eine besondere Fügung Gottes. Rees sagte später: „Zum ersten Mal im Leben fühlte ich so etwas wie Furcht in mir. Nie zuvor hatte ich eine solche qualvolle Angst erlebt wie damals, als ich meinte, unmittelbar vor dem Abscheiden aus dieser Welt zu stehen und in ein mir unbekanntes Reich hinübergehen zu müssen. Dank Gottes weiser Führung waren meine Eltern nicht bei mir, um diese Angst von mir zu nehmen. Ich danke Gott, dass mich kein menschliches Mitgefühl blind für die Ewigkeit machte. Man kann wohl in der Masse leben, Gott und der Ewigkeit aber steht jeder für sich allein gegenüber.“
Er schrie zu Gott, ihn doch nicht sterben zu lassen. Die Freude, die er am Geldverdienen und Reisen gehabt hatte, war vergessen. Jetzt flehte er Gott an, ihm ewiges Leben zu schenken: „Wenn du mich von dieser Krankheit heilst, will ich dir mein Leben geben!“
Dieses Gebet schloss ein Versprechen ein. Darum kümmerte sich Gott, bevor er das Gebet erhörte. Noch während des Gebets empfing Rees die innere Gewissheit, dass er nicht sterben würde. Von diesem Augenblick an erholte er sich zusehends, war aber nun ein anderer Mensch. „Als ich vor der Möglichkeit stand, alles zu verlieren, kam ich zum ersten Mal mit dem wirklichen Leben in Berührung“, sagte er. „Ich hatte erlebt, wie die Welt mit ihren Verlockungen ihr Bestes gab, damit ich auf ewig verloren ging. Jetzt aber wusste ich, dass ich mein ganzes Sein Gott schuldete, der mich gerettet hatte.“ Von dieser Zeit an dachte er nie mehr leichtfertig an die Ewigkeit, denn er hatte die Wirklichkeit der Hölle – die ewige Trennung von Gott – vor sich gesehen.
Die Tiefe dieses Erlebnisses ließ ihn, als er wieder gesund war, seine Lage mit ganz neuem Ernst betrachten. Auch wenn er vom Tod bewahrt worden war, so war er nicht von der Todesangst befreit worden. Zwar hatte er schon immer an die Menschwerdung Christi, an die Versöhnung durch sein Blut und an seine Auferstehung geglaubt. Dies waren sogar die kostbarsten Wahrheiten in seinem Leben. Warum aber waren sie keine Realität für ihn? Wenn Jesus doch den Tod besiegt hatte, warum hatte er dann noch Furcht vor dem Tod? Wer ihn später von diesem Abschnitt seines Lebens sprechen hörte, wird nie vergessen, wie er als Antwort auf diese Frage ausrief: „Ich entdeckte damals, dass ich nur an einen historischen Christus glaubte, aber keinen persönlichen Retter hatte, der mir das ewige Leben schenken konnte.“
Fünf Monate lang forschte er nun täglich nach dem Weg zu Gott. Wie er sagte, hätte er gerne sein ganzes Geld dafür hergegeben und wäre bereitwillig von einem Ende des Landes zum anderen gezogen, wenn er nur einen einzigen Menschen hätte finden können, der ihm den Weg zum ewigen Leben zeigen konnte. Schließlich ging er zu dem einzigen, von dem er dies annahm. Er fuhr die hundert Meilen nach New Castle wieder zurück, um seinen Cousin danach zu befragen. Doch obwohl dieser den Weg für sich selbst gefunden hatte, schien er nicht in der Lage, ihn Rees zu erklären.
„Ich hatte oft Predigten über Golgatha gehört, aber erst an diesem Abend habe ich Golgatha wirklich erkannt.“
In dieser Zeit siedelte er nach Connellsville in Pennsylvania über. Hier endlich kam der Himmel, der ihm auf der Spur war, zum Ziel. Rees erkannte später: „Es schien, als wäre meine Dunkelheit nur der Schatten seiner Hand gewesen, die sich liebevoll nach mir ausstreckte.“ Nach Gottes wunderbarer Führung war das ruhelose Hin und Her dann nur ein Abschnitt auf dem Weg, und schließlich erreichte der Himmel sein Ziel mit ihm.
Rees war noch nicht lange an seinem neuen Wohnort, als er erfuhr, dass ein bekehrter Jude, Maurice Reuben aus Pittsburgh, in die Stadt gekommen sei, um zu evangelisieren. Am ersten Abend, als Rees ihn hörte, sprach der Evangelist über seine eigene Bekehrung. Er schilderte, wie der Heilige Geist ihm Golgatha offenbart hatte. „Ich hatte oft Predigten über Golgatha gehört und glaubte auch daran“, sagte Rees, „aber erst an diesem Abend habe ich Golgatha wirklich erkannt.“ Damit war er zu demselben Punkt zurückgeführt worden, der ihn damals bei dem Zeugnis seines Cousins so sehr getroffen hatte.
Maurice Reuben erzählte, dass er einer wohlhabenden Familie entstamme und dass ihm alles, was die Welt bieten konnte, zur Verfügung gestanden habe. Das Geldverdienen war die Hauptsache seines Lebens gewesen. Er war Direktor der Firma Salomon & Reuben, eines der größten Warenhäuser Pittsburghs. Aber das Leben eines seiner Kunden machte einen so tiefen Eindruck auf ihn, dass er eines Tages zu ihm sagte: „Sie müssen schon als glücklicher Mensch auf die Welt gekommen sein.“ – „Ja“, antwortete der Kunde, „bei meiner zweiten Geburt. Ich nahm Jesus Christus als meinen Erlöser an, und dadurch wurde ich zum zweiten Mal geboren: nämlich aus Gott. Vor dieser zweiten Geburt war ich nicht glücklicher als Sie!“ Reuben war von diesem Zeugnis so bewegt, dass er ein Neues Testament kaufte. Beim Lesen beeindruckte ihn dann besonders die Tatsache, dass alle, die Jesus nachfolgten, Juden waren: Johannes der Täufer, der auf Jesus als das Lamm Gottes hinwies; Petrus, Jakobus und Johannes, die führenden Jünger; und zu einem Juden hatte der Erlöser gesagt: „Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen.“ Dann kam er zu der Geschichte vom reichen Jüngling. Es war ein dramatisches Zusammentreffen: Ein junger Jude des zwanzigsten Jahrhunderts, voll religiöser Unruhe, las von der Begegnung Jesu mit einem reichen Juden des ersten Jahrhunderts! Reuben sah die Begebenheit so: Jesus hatte zu dem reichen Jüngling gesagt, er solle all seine Habe verkaufen, um das ewige Leben zu erhalten. Wie konnte er, Reuben, dann die Gabe des ewigen Lebens bekommen, ohne die gleiche Bedingung zu erfüllen? Dies war für ihn der kritische Punkt. Wenn er Jesus nachfolgen wollte, musste er bereit sein, alles aufzugeben. Er konnte nicht mehr zurück, dafür war es zu spät. Er hatte es erkannt und er musste folgen. Als Reuben diese Worte aussprach, stimmte Rees im Herzen zu. Auch für ihn war es zu spät, auch er konnte nicht mehr zurück.
Reuben setzte sich mit dieser Forderung gründlich auseinander und überschlug die Kosten. Vielleicht würde seine Frau ihn verlassen, sein Bruder ihn aus dem Geschäft weisen und kein einziger Jude ihn verstehen. Sein Entschluss stand dennoch fest: Er wollte dabei bleiben, selbst wenn er alles verlieren würde. Dann geschah es eines Tages, auf dem Weg zu seinem Geschäft, dass er eine Stimme die Worte aus Johannes 14,6 zu ihm sagen hörte: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ Blitzartig ging ihm die Wahrheit auf. Er nahm Jesus als seinen Erlöser an und wurde im selben Augenblick mit dem ewigen Leben beschenkt. Nach diesem Erlebnis konnte er nicht anders: Er musste seinem Bruder und anderen davon erzählen. Nach dem Willen seines Vaters sollte er, falls er seine Religion wechselte, sein ganzes Erbe verlieren. Aber sein Bruder bot ihm siebzigtausend Pfund an – nämlich seinen Anteil am Geschäft –, wenn er wegziehen und sich im Westen Amerikas, in Montana, niederlassen würde. Reuben erwiderte jedoch: „Ich habe das Heil in Pittsburgh gefunden und ich will auch in Pittsburgh davon Zeugnis ablegen.“
Spät abends an diesem Samstag kamen Polizisten und brachten ihn zur Wache. Am Montag darauf besuchten ihn zwei Ärzte in seiner Zelle und befragten ihn über die Stimme, die er gehört hatte. „Zweifeln die etwa an meinem Verstand?“, fragte er sich.
Zwei Stunden später führten ihn zwei Wärter in einen Raum, in dem sich bereits neunundzwanzig geisteskranke Personen befanden. Die Bitterkeit seiner Lage übermannte ihn. Bis dahin hatte er noch den inneren Sieg behalten, dies aber schien mehr, als er ertragen konnte. Er fiel vor seinem Bett auf die Knie und schüttete Gott sein Herz aus. Wie lange er so betete, wusste er später nicht mehr. Er vergaß sich selbst dabei völlig und hatte eine Vision von Golgatha. Er wurde Zeuge jeder Einzelheit der Kreuzigung. Über dem Leiden Jesu vergaß er seine eigenen Leiden, und während er so auf das Kreuz blickte, sagte Gott zu ihm: „Muss ich das Kreuz allein tragen, und alle Welt geht frei aus?“ Mit gebrochenem Herzen antwortete Reuben da: „Nein, es gibt ein Kreuz für jeden und es gibt auch ein Kreuz für mich.“
Von dieser Stunde an war er ein neuer Mensch. Anstatt sich über seinen Aufenthalt an diesem Ort länger zu beschweren, begann er nun für die anderen neunundzwanzig Insassen zu beten, und zu Gott sagte er: „Lass mich leiden für dich. Was du auch immer für mich an Leiden zulassen wirst – nie wieder will ich klagen.“
Zwei Wochen später besuchte ihn sein Bruder und machte ihm Vorwürfe wegen seiner Torheit, sich an einen solchen Ort gebracht zu haben. „Willst du nicht endlich Vernunft annehmen?“, sagte er. „Sieh zu, dass du hier herauskommst, und geh nach Montana.“ –„Gilt dieses Angebot denn noch immer? Dann ist nicht mein Gesundheitszustand, sondern irgendetwas anderes die Ursache, dass ich hier eingesperrt bin!“, mutmaßte Reuben daraufhin scharfsinnig.
Ein paar christliche Freunde, mit denen er in Verbindung stand, veranlassten sodann, dass die Angelegenheit untersucht wurde. Nach sechs Wochen wurde er schließlich entlassen. Die Sache kam anschließend vor Gericht. Der Richter befragte den Arzt, warum dieser Mann als geisteskrank eingewiesen worden war. „Weil er eine Stimme gehört hat“, erklärte der Arzt. „Hat nicht auch der Apostel Paulus eine Stimme gehört?“, entgegnete der Richter, der ein Christ war. „Dies ist eine Schande für die amerikanische Flagge“, rief er und legte Reuben nahe, alle diejenigen zu belangen, die etwas mit dem Fall zu tun hatten. „Ich werde nie jemanden verklagen“, erwiderte Reuben. „Etwas anderes werde ich aber tun: Ich werde für sie alle beten.“ Daraufhin ging er durch den Gerichtssaal und bot seinem Bruder die Hand. Dieser wandte ihm jedoch den Rücken zu. Er trat auf seine Frau zu, aber auch sie tat dasselbe. Welch einen Frieden aber hatte er in seiner Seele!
Er mietete dann einen kleinen Raum in Chicago, wo er allein mit Gott lebte und viele Menschen für ihn gewann. Dort blieb er zwei Jahre. Während dieser ganzen Zeit konnte er sich oft noch nicht einmal eine ordentliche Mahlzeit leisten. Ein Jahr später kam seine Frau, um ihn in einer Zeltlager-Versammlung zu hören, und bekehrte sich. Damals sah er zum ersten Mal seinen kleinen Jungen, der nach der Trennung von seiner Frau geboren war. Seine Frau war nun dazu bereit, wieder mit ihm zusammenleben, wenn er nur wie andere Christen seinen Unterhalt auf normale Weise verdienen wollte. Sein Herz schlug für den kleinen Jungen und diese Prüfung war noch größer als die erste. Die Forderung seiner Frau erschien so vernünftig, aber er wusste, dass der Herr ihn aus der Welt heraus in dieses besondere Glaubensleben gerufen hatte. Er schrie zu Gott, aber die einzige Antwort, die er erhielt, war: „Zurück nach Ägypten.“
