Regelrecht verrückt - Anton Zuber - E-Book

Regelrecht verrückt E-Book

Anton Zuber

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Beschreibung

Muss man nicht ziemlich verrückt sein, wenn man sich heute mit einer uralten und verstaubten Ordensregel befasst? Doch wer hätte gedacht, dass sich Benedikt von Nursia in seiner Regel schon vor 1500 Jahren mit Lebensfragen beschäftigt hat, die noch heute aktuell sind? Ob Balance oder Lebenslust, Sinnfülle, Arbeit oder Gelassenheit - was die Benediktsregel zu diesen Themen zu sagen hat, ist auch heute hilfreich. Mit leichter Feder und tiefgründig zugleich erschließt Anton Zuber die alten Texte für Menschen von heute und zeigt: Benedikts Regel ist attraktiv und wer auf sie hört, ist nicht verrückt!

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Seitenzahl: 155

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Impressum

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Anton Zuber

Regelrecht verrückt

Die Benediktsregel für Optimisten

Mit Zeichnungen von Ulrich Wörner

Patmos Verlag

Inhalt

Prolog »Regel-recht ver-rückt«

Verrückt … nach Lebenslust

Zeit

Arbeit

Freiheit

Begeisterung

Kreativität

Bodenhaftung

Verrückt … nach Balance

Achtsamkeit

Demut

Unterscheidung

Heitere Gelassenheit

Verrückt … nach Spiritualität

Spurensuche

Faszination

Spuren Gottes

Sehnsucht nach Heil

Schweigen und Reden

Verrückt … nach Orientierung

Ökologie und Konsum

Geld

Klausur

Beten

Freude und Humor

Verrückt … nach dem rechten Maß

Notwendiges und Überflüssiges

Festhalten und Loslassen

Geben und Nehmen

Essen und Trinken

Treue und Vertrauen

Verrückt … nach Sinn

Gesunde Einheit

Krise – Gefahr und Chance

Identität

Kraft tanken

Berufung

Epilog

|

Prolog »Regel-recht ver-rückt«

»Zum König reicht Abstammung, zum Narren gehört Talent« – Das mittelalterliche Zitat beschreibt die Stellung des Adels und des Hofnarren. Zu allen Zeiten gab es Menschen, die durch Geburt oder Status eine herausragende Position im Leben erlangten. Diese Chance hatten nur wenige. Beziehungen, Glück oder Talent konnten zwar nützlich sein, sie waren aber kein Garant für eine außergewöhnliche Position.

Es müssen schon echte Narren gewesen sein, die auf Status, Güter und Reichtum bewusst verzichteten, um eines höheren Ideals willen. Man nannte sie die Narren Gottes. Es waren jene »Verrückten«, die ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang wählten, einer inneren Stimme folgend.

Der Apostel Paulus schreibt in seinem ersten Brief an die Korinther, dass er »zu einem Narren um Christi willen geworden sei«. Im zweiten Korintherbrief benutzt er ebenfalls die Sprache und das Bild eines Narren. Ein Narr Gottes, ein Verrückter um Christi willen? Gehört so einer nicht in die Obhut eines Psy­chiaters?

Um das Jahr 500 lebte im umbrischen Nursia ein Mann namens Benedikt. Sein Vater zählte zum gehobenen und angesehenen Landadel. Mit 15 Jahren kam er zum Studium nach Rom mit dem Ziel, Staatsbeamter zu werden. Seine Lehrer erkannten bald sein außergewöhnliches Sprachtalent und Rechtsempfinden. Das dekadente Leben und der moralische Niedergang der Stadt widerten ihn an. Benedikt brach sein Studium ab und zog in die Einsamkeit. Dort schloss er sich kurz einer Asketengemeinschaft an, lebte dann drei Jahre lang in einer Höhle bei Subiaco. Bald fanden Menschen den Weg zu ihm, wollten seine Botschaft hören und sich von ihm führen lassen.

Während sich Benedikt zuvor radikal von der Welt abgewandt hatte, um den Einklang mit sich selbst zu finden, bekam er wohl so eine klare Blickrichtung. Im Gebirge des Monte Cassino sammelte Benedikt immer mehr gleichgesinnte Männer um sich, die nach seinem Beispiel als Mönchsgemeinschaft lebten. Für sie schrieb er die Regel, welche als tragfähige Lebens- und Glaubensgrundlage dienen sollte. Benedikt baute darin auf den Menschen, das Geschöpf Gottes.

Regelrecht verrückt muss er gewesen sein, dieser Benedikt von Nursia, der ehemalige wohlhabende Spross einer einflussreichen Familie, der sich selbst zum Narren machte, zum Ausgestoßenen. Er wählte einen Lebensstil, der selbst das Dasein der Armen übertraf. Benedikt setzte sich den Launen der Natur aus, blieb mittellos und ohne Status.

So ein Leben zu führen klingt aus heutiger Sicht chaotisch und durchgedreht. Es als beispielhaft zu bezeichnen, wäre geradezu grotesk. Und doch liegt im geistigen Fundament des Benedikt von Nursia eine nachahmenswerte Faszination, die Menschen begeistert. Fragen tauchen auf, welches Geheimnis wohl das benediktinische Leben so attraktiv macht.

Wer sich mit der Regel befasst, ist erstaunt über deren schlichte Sprache. In einfachen und verständlichen Worten beschreibt Benedikt das tragfähige Konzept einer klösterlichen Lebensgemeinschaft. Seine Aussagen sind schnörkellos und direkt. Strenge Passagen wechseln sich ab mit Kapiteln von großer Güte und Nachsicht. Seine Ausführungen beschäftigen sich mit allen Ausprägungen und Besonderheiten menschlichen Zusammenlebens, lassen aber auch der individuellen Lebensgestaltung des Einzelnen genügend Freiraum. Trotz ihres Alters von 1500 Jahren hat sie nichts an Aktualität verloren.

Es geht darum, die tiefe Weisheit der Regel Benedikts immer wieder in den jeweiligen Lebenskreis der Menschen einzuordnen. Was würde Benedikt zu aktuellen gesellschaftlichen Situationen sagen? Wie kann die Regel in unsere Zeit umgesetzt und transparent werden? Bekommen Menschen von heute in Beruf und Familie von ihr die Wegweisung für ihr Leben?

Über Jahrhunderte hinweg wurde die Benediktsregel ausschließlich als Richtschnur für Mönche und Nonnen gesehen. Zweifellos war dies auch Benedikts Intention. Doch nur wenige Kapitel betreffen explizit das Kloster selbst. Der überwiegende Teil ist auch außerhalb von Klostermauern eine faszinierende und praktikable Anleitung für ein sinnvolles und erfülltes Leben. Sie gibt Menschen Anregungen und Übungen zum Finden der eigenen Kraft, Impulse für den Alltag und konkrete Hinweise zur Lebensgestaltung.

Es steht außer Frage, auch im Mikrokosmos Kloster »menschelt« es. Dort sind Tugenden und Untugenden ebenso gegenwärtig wie außerhalb der Klausur. Ordensleute wollen keine besseren Menschen oder gar Übermenschen sein. Ihnen wurde, wie jedem Mensch, eine besondere Berufung gegeben. Aber sie sind keine heiligen Spinner oder frustrierte Flüchtende aus der globalen Welt.

In der Benediktsregel geht es um Ordnung im menschlichen Leben. Um die tägliche Versorgung, den Tagesablauf, die Zeiten der Ruhe und der Arbeit. Benedikt plädiert für regelmäßige Mahlzeiten, die Verwendung regionaler Produkte und Speisen, die zur Jahreszeit passen. Es geht um das rechte Maß. Ein Konzept, das auch heutige Ernährungswissenschaftler vertreten.Die Regel ordnet Reden und Schweigen. Worte sollen mit Bedacht gewählt werden. Schweigen muss nicht passiv, sondern kann konstruktiv sein. Im heutigen medialen Überangebot an Information und Reizüberflutung gewinnt Stille und Schweigen einen besonderen Wert.Die Grundhaltungen von Demut und Gehorsam bezeichnet Benedikt als Werkzeuge geistlicher Kunst. In der Wettbewerbs- und Konkurrenzsituation bekommen Tugenden wie bewusste Genügsamkeit und Verzicht eine neue Dimension.Die Benediktsregel steht für Ordnung im gemeinschaftlichen Leben. Im Umgang der Generationen: Wie können sich Alte und Junge austauschen, gegenseitig motivieren und von ihren spezifischen Fertigkeiten und Erfahrungen profitieren? Welche elementaren Verhaltensregeln gelten für den Umgang mit kranken und alten Menschen in einer von Überalterung und Einsamkeit bedrohten Gesellschaft?Wo haben Gentechnik, Fortpflanzungsmedizin und humanes Sterben im göttlichen Heilsplan ihren Platz? Wie gehen wir mit der Natur, mit Integration und Migration um?Ein wichtiges Thema der Regel sind die menschlichen Schwächen. Benedikt widmet sich intensiv den Verfehlungen und ­Strafen. Wie damit umzugehen ist, beschäftigt Gesellschaft und Justiz immer wieder neu.Benedikt nimmt sich auch der Führungsaufgaben an. Er beschreibt detailliert die Aufgaben und Pflichten von Vorgesetzten. Hierarchien, Motivation und Honorierung sind hochaktuelle Themen in Unternehmen und Behörden.Persönlicher und gemeinsamer Besitz gehören zu den wesentlichen Aspekten der Regel: Was darf der Einzelne haben, was gehört der Allgemeinheit? Geben und Nehmen, Teilen und Verzichten, Sparen und Raffen. In Anbetracht der neuen Armut und der Verteilung von Gütern sind dies brennende Fragen, die Antworten verlangen.

Die Vielfalt des Lebens bildet sich in den zahlreichen menschlichen Lebensentwürfen ab. Was Benedikt seinen Mitbrüdern und Mitschwestern sagt, ist weder orts- noch zeitgebunden. In seiner Regel gibt er Denkanstöße und Vorschläge, die über den Tag hinaus Bedeutung haben. Sie zeugen von großer Menschenkenntnis. Deshalb bleibt Benedikts Regel zeitlos aktuell.

Benedikt ist alles andere als ein »Spinner«, auch kein heiliger Narr und erst recht kein Verrückter. Doch er hat mit seiner Regel das Leben verrückt, auf den Weg zu Gott hin. Er hat ein Muster geschaffen, wie Leben gelingen kann. Gleichzeitig betont er die Individualität des Menschen und stemmt sich gegen die uniformierte Gleichheit. Immer wird es Menschen geben, die nicht in eine Norm passen. Sie rücken von Konventionen ab, geben Denkanstöße, sind bisweilen unbequem, aber besitzen das Privileg, unverblümt die Wahrheit sagen zu dürfen. Verrückte sind sie, im positiven Sinne. Frauen und Männer gehören dazu, die Hinweise geben, dass Gott auf vielfältige Weise in ihr Leben eingreift und so scheinbar fest Gefügtes plötzlich verrückt und in eine andere Richtung gelenkt wird. Auf den zweiten Blick kann diese Art der Verrücktheit dabei helfen, dem eigenen Alltag gelassener zu begegnen.

Verrückt … nach Lebenslust

Zeit

Noch ist Zeit, noch sind wir in diesem Leib,

noch lässt das Licht des Lebens uns Zeit, all das zu erfüllen.

Benediktsregel Prolog 43 f

Immer weiter, immer schneller, immer hektischer – man hat weder Ruhe noch Gelegenheit, um in sich hineinzuhören. Der Alltag ist laut und hektisch. Die innere Stimme wahrzunehmen, gelassen zu werden, nicht auf die Uhr schauen zu müssen – danach sehnen sich viele Zeitgenossen.

Wo aber findet der Mensch Orte, an denen er zu Ruhe kommen und sich dem Zeitdruck entziehen kann? Für stressgeplagte, termingehetzte Frauen und Männer scheint es geradezu unvorstellbar, sich für einige Tage in ein Kloster zurückzuziehen, um intensiv zu spüren: lebe ich oder werde ich gelebt? Die Annahme, dass hinter Klostermauern generell Leute hausen, die allem Weltlichen entsagt haben und völlig vergeistigt sind, schreckt manchen von einem solchen Schritt ab.

Wer sich jedoch auf das Abenteuer Kloster einlässt, ist keinesfalls verrückt, sondern rückt vielmehr in eine besondere Atmosphäre ein. Vielleicht rümpfen manche die Nase: Ist ein solcher Ausstieg nicht gefährlich? Kann er möglicherweise der Karriere schaden? Tage ohne Terminkalender, ohne Handy, ohne Computer und Internet, Stunden ohne das Diktat der Zeit? Im Kloster scheinen die Uhren anders zu ticken. Für manchen klösterlichen Gast fällt es plötzlich wie Schuppen von seinen Augen: Mönche und Nonnen verschenken Zeit an andere, wenn sie stundenlang singen und beten. Sie teilen Zeit, wenn sie mit Gästen reden, ihnen zuhören, offen sind für ihre Anliegen.

Aber selbst in Klöstern gibt es Uhren. Der Faktor Zeit gehört für deren Bewohner ebenso zum normalen Lebensrhythmus wie für jeden anderen Menschen auch. Entscheidend ist, man lebt im Kloster nicht in den Tag hinein, sondern nützt die Zeit. Der strukturierte Tagesplan steht für einen ganz bestimmten Umgang mit dem Geschenk an Sekunden, Minuten und Stunden: Sie wird nicht vertrödelt, nicht totgeschlagen, sondern diszipliniert und verantwortungsvoll genutzt.

Der Umgang und die Einteilung der Zeit ist in der Benediktsregel ein wichtiger Bestandteil. Zeit bewegt sich für Benedikt im Pendelschlag des Jahreslaufs und folgt den kosmisch-natürlichen Rhythmen der Gezeiten. Der Tag beginnt mit dem Sonnenaufgang und endet mit dem Sonnenuntergang. Diesen Rhythmus hat die Erfindung der Uhr verändert. Seitdem fühlt sich der Mensch ihrem Diktat unterworfen, von der Geburt bis zum Tod. Oft bestimmen Akkord und Termindruck den Ablauf oder auch das Gefühl der Sinnlosigkeit, etwa in Krankheit oder Arbeitslosigkeit. Die Zeiger der Uhr drehen sich unaufhaltsam vorwärts, in guten und in weniger guten Tagen.

Wer ein Leben in Fülle sucht, empfindet die Zeit als Geschenk, sie ist Gabe und Aufgabe. Wer ständig unter Zeitmangel leidet, fühlt sich fremdbestimmt. Wer keine Zeit für andere erübrigen kann, wird Mitmenschen nicht begegnen. Er verzichtet auf das Glück, den Puls des Lebens zu spüren.

Der Geist, welcher die gesamte Benediktsregel durchzieht, macht in vielen Passagen deutlich: Das lineare Zeitgefühl mit seiner unwiederbringlich ablaufenden Zeit bietet dem Dasein keinen Ankerpunkt. Ein Gefühl des Ausgeliefertseins und der Angst macht sich breit. Im sich unaufhörlich drehenden Hamsterrad des Daseins gefangen, erlebt der Mensch einen Mechanismus, dem er offenbar nicht entrinnen kann.

Die Regel Benedikts weiß um dieses Gefühl des Getriebenseins. Darum rät sie, den Tag zu unterbrechen und die Stunden zu gliedern. Wiederkehrende Rituale sollen dem Menschen Geborgenheit schenken. Das Zeitmaß für Mönche und Nonnen ist darum der Rhythmus von Gebet, Arbeit und Lesung. Dazwischen gibt es die Einschnitte der persönlichen Meditation, der Mahlzeiten und des gemeinschaftlichen Gesprächs.

Menschen, die nach der Benediktsregel leben, gönnen sich ­einen besonderen Luxus: Sie nehmen sich Zeit. Zeit für Gemeinschaft, Zeit für das Gespräch mit Gott, Zeit für die Suche nach ihm. Sich Zeit nehmen, sich Zeit lassen, sich Zeit schenken ist der Gegenpol von Hektik, Stress und Überforderung. Arbeit ist wichtig, ohne Frage. Aber kann Arbeit allein der Sinn des Lebens sein?

Arbeitsprozesse werden rationalisiert, Jobs abgebaut, Profitcenter gebildet. In der Benediktsregel geht es nicht um Gewinnmaximierung oder »shareholder value«. Das Zeitmanagement Benedikts besteht nicht in der minutiösen Einteilung von Stunden, sondern in der festen Struktur des Tages. Im Mittelpunkt steht der Mensch in seiner Verbundenheit mit Gott. Dazu gehören die Kommunikation und die regelmäßige Aussprache mit ihm in allen Situationen des Lebens. Wenn die Benediktsregel sagt: »Dem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden«, so ist genau diese Haltung gemeint. Sie befreit den Menschen von unnötigem Ballast und lässt ihn die wahren Werte seines Menschseins erkennen: Das Einssein in Gott. Dadurch gewinnt er Abstand vom Diktat der Zeit. Das ist es, was Mönche und Nonnen von Hektik und Burn-out befreit.

Tage, an denen der Mensch inaktiv geworden ist, können zum persönlichen Gewinn werden. Vielleicht wirkt es sich auf das spätere Handeln aus, als Nachklang der Ruhe und inneren Einkehr. Wichtig ist, Müßigsein nicht als verschwendete Zeit zu werten, sondern als kreativen Impuls.

Nimm dir Zeit zu arbeiten –

das ist die Perle des Erfolgs.

Nimm dir Zeit zu spielen –

das ist das Geheimnis der Jugend.

Nimm dir Zeit zu lachen –

das ist die Musik der Seele.

Irischer Segensspruch

Arbeit

Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage

zu sehen wünscht?

Benediktsregel 15

Jede Epoche hat ihre Modeworte und Begriffe, welche das Lebensgefühl der Menschen widerspiegeln sollen. »Work-Life-Balance« ist so ein Begriff, der den Wunsch nach einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Arbeit im Pendelschlag von Anspannung und Entspannung umschreibt.

Was gibt dem Leben Sinn? Wo findet der Mensch Perspektiven für den Alltag, Impulse für eine humane Arbeitswelt, Motiva­tion zum Engagement? Eine Antwort auf diese Frage findet man in der Benediktsregel, auch wenn es sich total verrückt anhört. Die Benediktsregel. – Eine Regel, die 1500 Jahre alt ist, für Menschen unserer Zeit? Was Benedikt von Nursia für seine Mönche aufgeschrieben hat, ist tatsächlich so lebens- und zeitnah, dass sie zum Kompass des Lebens werden kann. Der Arbeitsalltag des Menschen erfordert nämlich die hohe Kunst, Arbeit und Freizeit in Einklang zu bringen und einen Sinn für die Höhen und Tiefen des Berufslebens mit seinen Chancen und Risiken zu bekommen.

Es gehört schon ein Stück Offenheit dazu, sich mit der Botschaft Benedikts auseinanderzusetzen. Doch wer erkannt hat, welche Schätze in den Kapiteln stecken, wird mit ihr ein inte­ressantes Konzept für eine ganzheitliche Lebensgestaltung finden. Die Regel ist weit weg von esoterischem Friede-Freude-Glücklichsein. Ihre Spiritualität basiert auf der Bibel und orientiert sich am Menschen in all seinen Vorzügen und Schwächen. Auf ihre besondere Art ist sie darum so genial, weil der nötige Freiraum des Menschen darin berücksichtigt und nicht eingeschränkt wird. Benedikt legt Wert darauf, den humanen Konsens des Menschen zu erweitern und den Glauben zu vertiefen. In seinen Worten ist Weisheit, Lebenserfahrung und Urteilsfähigkeit gegenüber menschlichen Schwächen zu spüren. Benedikt hat die Regel für Mönche seiner Zeit geschrieben. Ob er dabei die nachfolgenden Generationen im Blick hatte? Das Faszinierende an der Benediktsregel ist zweifellos ihre einfache Sprache. Darum konnte sie vermutlich auch 15 Jahrhunderte überdauern.

Eine immer wieder gestellte Frage ist so alt wie die Menschheit: Gehört körperliche Arbeit zur Erblast oder bekommt das Leben erst durch sie einen Sinn? Vielfach sehen arbeitende Menschen in der Arbeit lediglich ein notwendiges Übel, einen Zwang, dass etwas getan werden muss, um den Lebensunterhalt zu sichern. Selten wird bewusst, dass Beruf auch eine Berufung ist, geschenktes Talent zum Wohle anderer. Wie aber kann stupide Fließbandarbeit in einem Autowerk oder die eintönige Anstrengung bei der Müllabfuhr mit dem Charisma eines Menschen in Einklang gebracht werden? Vermeintlich findet sich das wirkliche Leben nur in freien Stunden, an Wochenenden oder im Urlaub. Alles andere sei Maloche und Stress. Doch gerade im Unbedeutenden, im Nebensächlichen oder sogar Unwürdigen kann eine besondere Chance liegen.

»Müßiggang ist der Seele Feind. Deshalb sollen die Brüder zu bestimmten Zeiten mit Handarbeit, zu bestimmten Zeiten mit heiliger Lesung beschäftigt sein.« (Regula Benedicti 48,1, im Folgenden RB). Welch ein Gegenprogramm. Arbeit gegen Müßiggang? Lesung gegen Vakuum? Den aufgeklärten Zeitgenossen werden solche Worte kaum überzeugen. Dazu müsste er zuerst die Benediktsregel lesen und verstehen: Arbeit und Leben lassen sich nicht trennen. Sie sind eine Einheit. Es wäre zu gering, die täglichen Aufgaben auf das Verdienen des Lebensunterhalts zu reduzieren. Die Tätigkeit im Haushalt, die zeitintensive Erziehung, der ehrenamtliche Einsatz oder, wie bei den Mönchen, die Gebets- und Arbeitsstunden sind unverzichtbare Dienste für das Privat- und Gemeinwohl.

Benedikt kennt zu Recht keine Unterschiede zwischen Arbeit, Gebet und Leben. Für ihn ist die gesamte Lebenszeit des Menschen ein Geschenk Gottes. Diese Gabe als Aufgabe zu sehen und die geschenkte Zeit zu nutzen, geben dem Menschen die Be­geisterung für sein Tun. Bei Benedikt ist darin etwas durchaus Pragmatisches zu entdecken: Dem Sinn der Benediktsregel nach sind darin zwei Grundelemente enthalten: »Nutze die Zeit« und »Lebe im Heute«.

Diese Haltung kann sich durch alle Lebensbereiche des Menschen ziehen. Ob im täglichen Tun, im Umgang miteinander, im Reden mit Gott – immer geht es um das Wachstum des Menschen auf eine bestimmte Perspektive hin. Selbst in den Tagesstunden, welche Benedikt als Frei-Zeiten benennt, tritt diese Haltung in den Vordergrund: Der Mensch soll frei sein und unabhängig werden, um eine innere Ausrichtung zu gewinnen auf das personale Ziel des Lebens.

Das menschliche Leben ist für Benedikt eine Symbiose, die von dieser fundamentalen Einheit von Gott und Mensch geprägt ist. Menschen, die nach der Benediktsregel leben, finden genau darin ihre Berufung: ihr Leben in voller Ganzheit zu erfahren und in all seinen Bereichen lustvoll gestalten zu können. Da gruppieren sich nicht mehr Arbeit, Familie, Freizeit und vielleicht noch der Glaube als Lebenssäulen nebeneinander. Vielmehr kombinieren sich die einzelnen Teilbereiche wie eine gelungene Komposition von Höhen und Tiefen, Spannung und Entspannung, gemeinschaftlichem Leben oder entschiedenem Singledasein. Diese Einheit erfahrbar zu machen heißt das Leben intensiv zu gestalten mit all seinem Facettenreichtum und seinen geschenkten Möglichkeiten. Wer sein Leben intensiv gestaltet, kann sich dadurch weiterentwickeln und im positiven Sinne wachsen. Vielleicht führt genau dieser benediktinische Akzent zu einer Ausgeglichenheit, welche jeder Mensch nötig braucht, um den Alltag bestehen und bereitwillig annehmen zu können.

Der Herr bestimmt den Rhythmus meiner Arbeit.

Ich muss nicht rastlos schuften.

Er schenkt mir Zeiten der Ruhe,

Atempausen für meine Seele und kreative Stille.

Er macht mein Leben bunt, indem er meinen Blick weitet,

für die schönen Dinge um mich,

lässt mich still werden und gelassen.

Kreative Impulse strömen in mein Leben und er

überrascht mich durch innovatives Gelingen.

Das macht kräftigt und macht stark.

Ich spüre: Wer auf ihn vertraut,

findet Ruhe im Herzen und Stille in seiner Seele.

Auch wenn die Arbeit mich bisweilen überfordert,

verliere ich nicht mein inneres Gleichgewicht.

Ich halte Frieden mit mir und meinen Mitmenschen,

stelle mich in Einklang von Zeit und Aufgaben

und schärfe den Blick für das Wesentliche.

Oft – mitten im Gedränge – spüre ich, wie Gottes Hand mich hält.

Als ob er mir eine Erfrischung reichte,

mich mit neuer Vitalität und Stärke beschenkte.

Ich fühle, wie sein Frieden mich umgibt

und eine tiefe Geborgenheit in mir an Raum gewinnt.

Nicht mehr Hetze und Leistungsdruck

bestimmen meine Tage,

sondern in mir wächst eine Kraft, die mich leben lässt.

Im Ausgleich von Tagwerk und Freizeit

entdecke ich die wahren Werte meines Daseins

und die Spuren, auf denen ich dem Herrn folgen kann.