Rembrandts Geliebte - Simone van der Vlugt - E-Book

Rembrandts Geliebte E-Book

Simone van der Vlugt

0,0
9,99 €

Beschreibung

Verlassen, verraten, vergessen: Rembrandts Geliebte

Aus heiterem Himmel wird Geertje Dircx verhaftet. Die Anklage: Diebstahl, Betrug, Hurerei. Schnell stellt sich heraus, dass der Maler Rembrandt van Rijn hinter den Vorwürfen steckt. Den bejubelten Künstler und die wissbegierige Frau aus einfachen Verhältnissen verband lange eine Liebesbeziehung – bis Rembrandt sich einer jüngeren Frau zuwandte und Geertje, die sich trotz zahlreicher Schicksalsschläge stets treu geblieben ist, ihr Leben neu aufbauen musste. Doch auf Drängen des Malers wird sie in einem Schauprozess zu einer unverhältnismäßig hohen Strafe verurteilt: Zwölf Jahre Zuchthaus lautet das Urteil … Der Roman über die Geliebte Rembrandts erzählt das bewegende Schicksal einer Frau, die erst Jahrhunderte nach ihrem Tod langsam rehabilitiert wird.

»Eine tragische Geschichte, lebendig erzählt. «
De Telegraaf

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 323

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem TitelSchilderslief bei Ambo | Anthos, Amsterdam. Die Veröffentlichung wurde vom Dutch Foundation for Literature gefördert. Der Verlag dankt für die freundliche Unterstützung.

© 2019 by Simone van der Vlugt Deutsche Erstausgabe © 2021 für die deutschsprachige Ausgabe by HarperCollins in der HarperCollins Germany GmbH

Covergestaltung: Hafen Werbeagentur, Hamburg Coverabbildung: Mr. and Mrs. Martin A. Ryerson Collection / Bridgeman Images E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN E-Book 9783749950225

www.harpercollins.de

1

5. Juli 1650

Die Kutsche rast in voller Fahrt über die ungepflasterten Straßen. Ich werde in einem fort hin und her geschleudert. An Händen und Füßen gebunden, kann ich nicht verhindern, dass ich ständig gegen die Wand pralle. Bald habe ich das Gefühl, voller blauer Flecken zu sein. Das Dorf liegt längst hinter uns, aber noch immer kann ich nicht fassen, was mir geschehen ist.

Eben ging ich mit einem Korb am Arm den sandigen Feldweg entlang, da erklang plötzlich hinter mir Hufgetrappel. Ich blickte mich um und gewahrte eine Kutsche, die sich rasch näherte. Mit einem Sprung zur Seite brachte ich mich in Sicherheit. Der Kutscher nahm das Tempo zurück und hielt an.

Zornig raffte ich meine Röcke zusammen und ging hin, um ihm gründlich die Meinung zu sagen. Aber ehe ich dazu kam, flogen zu beiden Seiten die Türen auf, und zwei Männer sprangen heraus. An den Farben ihrer Kleidung und den Federn am Hut, schwarz und rot, erkannte ich sie als Gerichtsdiener aus Amsterdam.

»Geertje Dircx?«, fragte einer der beiden.

Da begriff ich, dass Gefahr im Verzug war. Ich rannte los, doch schnell hatten die Männer mich eingeholt, sie ergriffen mich und zerrten mich mit sich.

»Ihr seid festgenommen, im Namen des Amsterdamer Magistrats. Unser Auftrag ist es, Euch ins Zuchthaus von Gouda zu bringen.«

Ich wehrte mich nach Kräften, kam aber nicht gegen sie an. Sie fesselten meine Hände und schubsten mich in die Kutsche, um danach selbst einzusteigen. Ich schrie und trat um mich.

Die Kutsche setzte sich in Bewegung, und als sie scharf wendete, stieß ich mir den Kopf an. Während ich noch wie betäubt an der Wand lehnte, wurden mir auch die Füße gebunden, und ich konnte nichts mehr tun außer schreien. Kaum tat ich das, stopfte mir auch schon einer der Männer ein Stück Tuch in den Mund.

Mir gegenüber saß eine grau gekleidete Frau mit weißer Haube. Sie hielt die Hände im Schoß gefaltet und schien sich nicht zu wundern, dass man mich so grob in die Kutsche befördert hatte.

Erst versuchte ich noch, mich von den Fesseln zu befreien, doch dabei tat ich mir nur weh, sodass ich schließlich aufgab. Fragen, was um Himmels willen los war, konnte ich mit dem Knebel im Mund nicht. Ihn ausspucken ebenso wenig.

Jetzt sitze ich da wie erstarrt und kämpfe gegen die Angst an, die mehr und mehr Besitz von mir ergreift.

Die Frau lässt mich nicht aus den Augen. Bisher hat sie noch nichts gesagt, nun aber richtet sie das Wort an mich: »Wenn Ihr ruhig bleibt, nehmen wir Euch das Tuch aus dem Mund. Aber sobald Ihr schreit, ist es wieder drin.«

Ich nicke. Zwar bin ich alles andere als ruhig, aber bereit, mich zusammenzunehmen.

Die Frau bedeutet einem der Männer, mich von dem Knebel zu befreien. Er tut es, und ich hole erleichtert Luft.

»Mein Name ist Cornelia Jans«, fährt die Frau fort. »Ich arbeite für das Gericht und soll Euch ins Zuchthaus von Gouda begleiten.«

»Warum?«, stoße ich hervor, den Mund noch voller Fusseln.

»Wisst Ihr das denn nicht?«

Eine Vermutung habe ich natürlich, aber ich will es von ihr hören. Es gibt nur einen Menschen, der mir so etwas antun könnte, aber auch wenn ich weiß, wie er über mich denkt, habe ich doch nicht damit gerechnet, dass es so weit kommen würde.

»Ich will es von Euch hören«, sage ich heiser.

Ich meine, einen Anflug von Mitleid auf dem Gesicht der Frau wahrzunehmen, doch dann antwortet sie mit gleichgültigem Tonfall: »Ihr seid des Vertragsbruchs, des Diebstahls und der Hurerei für schuldig befunden worden. Euer Fall wurde den Bürgermeistern Cornelis Bicker, Nicolaes Corver und Anthony Oetgens van Waveren vorgetragen, und sie haben das Urteil gesprochen. Der vierte Bürgermeister, Wouter Valckenier, war nicht dabei, weil er im Sterben liegt. Die drei Herren jedoch waren sich einig.«

Ins Zuchthaus muss ich also … Darüber habe ich mehr als genug Geschichten gehört, und allein der Gedanke, wochenlang eingesperrt zu sein, versetzt mich in Angst und Schrecken. Aber ich bemühe mich, Ruhe zu bewahren.

»Ihr sprecht von Hurerei, das verstehe ich nicht …«

»Wirklich nicht? Man hat Erkundigungen über Euch eingezogen, und mehrere Zeugen haben ausgesagt, dass Ihr ein lasterhaftes Leben führt.«

»Wer behauptet das?«

»Unter anderem der Besitzer eines reichlich zwielichtigen Gasthauses. Wie heißt es doch gleich wieder?« Sie nimmt ein paar Blatt Papier aus ihrer Tasche. »Het Swartte Bottje, genau. Ein berüchtigter Ort, an dem Herren mit Dirnen zusammenkommen. Ihr wart dort wochenlang ansässig.«

»Aber doch nicht als Dirne! Ich hatte lediglich ein Zimmer gemietet.«

Die Frau hebt die Hand. »Es ist nicht an mir, darüber zu urteilen. Ich nenne nur die Tatsachen.«

Mit Bestürzung wird mir klar, wie die Dinge zusammenhängen. Er hat es wirklich getan. Hat mich festnehmen lassen wie eine x-beliebige Verbrecherin. Ich schaue der Frau ins Gesicht: »Zu wie vielen Wochen bin ich verurteilt worden?«

»Wochen? Man hat Euch zu zwölf Jahren verurteilt.«

Kaum fange ich an zu schreien, habe ich auch schon wieder den Knebel im Mund.

Die Kutsche hält bei einer Herberge. Es dunkelt bereits, Gouda werden wir vor Toresschluss nicht mehr erreichen. Dass wir auf halbem Weg übernachten, lässt neue Hoffnung in mir keimen. Vielleicht kann ich ja entkommen. Aber daran ist nicht zu denken. Zwar wird mir das Tuch aus dem Mund genommen, nicht aber die Fesseln von Händen und Füßen.

Es folgt eine lange, schlaflose Nacht. Fast bin ich erleichtert, als das Licht der Morgendämmerung durch die Fensterläden sickert und man mir befiehlt aufzustehen. Nach einem kargen Frühstück, das man mir Bissen um Bissen in den Mund steckt, geht es weiter.

Unterwegs ist es keinen Augenblick still in der Kutsche. Die beiden Männer und Cornelia Jans reden in einem fort, von mir nehmen sie kaum Notiz.

Ich schaue aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Wiesen, Wassergräben und Dörfer. Zwölf Jahre! Das muss ein Irrtum sein, nicht einmal notorische Diebe werden so hart bestraft. Aber wenn wir erst einmal in Gouda sind, wird die Sache sich bestimmt klären. Vermutlich geht es in Wirklichkeit doch nur um zwölf Wochen. Was schon übel genug ist. Wie soll ich die Zeit bloß überstehen?

Kurz nach Mittag kommt die Stadtmauer von Gouda in Sicht, und eine halbe Stunde später durchfahren wir das Stadttor.

Bedrückt starre ich nach draußen. Die Straßen, die Grachten, ein Markt, die Menschen … alles wirkt so alltäglich. Und ich werde demnächst von alledem ausgeschlossen sein. Muss zwölf Wochen unter Dieben und Huren leben … ein einziges Grauen, es kann gar nicht anders sein.

Als die Kutsche anhält, erfasst mich eine namenlose Furcht. Rechts sehe ich ein großes weißes Gebäude, offenbar ein Kloster. Ist darin das Zuchthaus untergebracht? Wohl schon, denn Cornelia Jans steigt aus.

Die Männer lösen die Fesseln um meine Füße und helfen mir aus der Kutsche. Mir zittern die Knie so sehr, dass ich mich kaum aufrecht halten kann.

Mehrere Leute sind stehen geblieben. Ein etwa Vierzehnjähriger ruft: »Da kommt wieder eine!« Und ein älterer Mann meint: »Eine Hure ist das nicht. Vermutlich hat sie gestohlen.«

Ein paar Jungen rufen Schimpfworte und bewerfen mich mit Unrat, doch als einer der Gerichtsdiener eine Drohgebärde macht, rennen sie davon.

Über dem imposanten eisenbeschlagenen Tor des Zuchthauses prangt ein Giebelstein mit drei Frauen, die spinnen, nähen und stricken, sowie drei Männern, die Holz sägen.

Cornelia hat bereits angeklopft. Das Tor geht auf, ein Mann in strengem Schwarz begrüßt sie und wirft einen kurzen Blick auf mich.

»Die Vorsteherinnen haben gerade eine Unterredung«, sagt er. »Bringt die Frau so lange in einer Arrestzelle unter.«

Ich werde durch einen Vorraum in einen Gang geführt, dann über einen lang gestreckten Innenhof, durch eine Tür und schließlich eine Treppe hinab. Erdiger Geruch schlägt mir entgegen. Unsere Schritte hallen unter dem Gewölbe.

Ein Wärter mit einem Schlüsselbund in der Hand tritt vor und winkt uns in einen weiteren Gang. Auf halber Strecke bleibt er stehen und schließt eine Zellentür auf. »Hier ist frei.«

Die Gerichtsdiener führen mich hinein und binden meine Hände los. Dann verlassen sie grußlos die Zelle. Nur Cornelia Jans steht noch bei mir. »Auf Wiedersehen, Geertje«, sagt sie. »Alles Gute.«

Dann ist auch sie fort, und die schwere Holztür wird verschlossen.

Ich lasse mich auf die Bank sinken, immer noch unfähig zu begreifen, was mir widerfahren ist. Dass der Mann, den ich so sehr geliebt habe und der – dessen bin ich mir gewiss – mich auch geliebt hat, mir das antut …

Meine Bestürzung weicht nicht. Sie ist noch da, als ich aus meiner Zelle geholt werde und die Aufseherin mich in das Zimmer der Vorsteherinnen bringt, wo man mir die Anstaltsregeln vorliest. Sie ist noch da, als ich stammelnd frage, ob meine Strafe in Wirklichkeit nicht zwölf Wochen beträgt. Ob das mit den zwölf Jahren vielleicht ein Irrtum sein könnte. Dem ist nicht so, bescheidet man mir.

Ich meine, so etwas wie Mitleid auf den Gesichtern der Vorsteherinnen zu lesen, doch was hilft mir das? Zwölf Jahre sind zwölf Jahre. Ich bekomme ein gerichtliches Dokument gezeigt, in dem steht, dass ich in Abwesenheit verurteilt wurde.

Ich weine und schreie nicht, als man mich in den Arbeitssaal führt, stattdessen verharre ich in stiller Verzweiflung, kann nur mehr vor mich hin starren und zurückblicken in eine andere Welt, ein anderes Leben, in dem ich das nie und nimmer für möglich gehalten hätte.

2

Hoorn, 1632

In der brechend vollen Schankstube war es so laut, dass ich die Bestellungen kaum verstehen konnte. Im dichten Tabaksqualm musste ich mich immer wieder zu den Gästen hinabbeugen, um besser zu hören. Und mehr als einmal warf ich einen wütenden Blick über die Schulter, weil jemand mir an den Hintern fasste.

Das Morriaenshooft war kein vornehmes Gasthaus, aber dank seiner Lage nahe dem Stadttor stets gut besucht. Obwohl ich es immer wieder mit schwieriger Kundschaft und Zudringlichkeiten zu tun bekam, fühlte ich mich dort rundum wohl. Immer war etwas los, kein Tag verlief wie der andere. Die Arbeit hingegen war schon immer gleich – sie hörte nie auf und erschöpfte mich bisweilen. Sonntags, wenn ich freihatte, war ich oft so müde, dass ich im Gottesdienst halb schlief.

Aber es war allemal besser als mein Leben in Edam, wo ich jahrelang den ganzen Tag Fische sortiert und geputzt hatte. Mein Arbeitsplatz war der Hafen gewesen, in dessen niedrigem Wasser modriges Holz, Algen und tote Fische trieben und einen scheußlichen Gestank verbreiteten.

Zu Hause, bei der Schiffszimmerei, wo mein Vater arbeitete und wir auch wohnten, roch es so stark nach frisch gehobeltem Holz, als wäre man mitten im Wald.

Ich selbst war noch nie in einem Wald gewesen, aber mein Vater sagte, genauso rieche es dort. Er behauptete, am Geruch des Holzes erkennen zu können, von was für einem Baum die Bretter stammten. Als Kind glaubte ich ihm, bis mein Bruder Pieter mir verriet, dass die Holzart in den Frachtbriefen angegeben war.

Zum Glück war die Arbeit im Edamer Hafen immer kurzweilig. Beim Fischesortieren bot sich stets Gelegenheit, mit den anderen Mädchen und Frauen zu plaudern und zu scherzen. Mit Trijn Jacobs zum Beispiel. Sie war ein paar Jahre älter als ich. Gleich an meinem ersten Arbeitstag hatte sie sich meiner angenommen und wurde mir eine gute Freundin. Auch meine Cousine Lobberich arbeitete im Hafen. Wir drei machten uns einen Spaß daraus, die Männer mit Fischen zu vergleichen. Die Schneidigen nannten wir Hechte oder Kabeljaue, die anderen waren Klieschen oder Heringe.

Ich war fünfzehn, als die Mannsleute sich nach mir umzublicken begannen. Einer der jungen Fischer, Coenraad, kam immer wieder vorbei, um mir Muscheln zu schenken, die in sein Netz geraten waren, oder um einen besonderen Fang vorzuzeigen.

»Ich glaube, der hat was für dich übrig«, meinte Trijn. »Die ganze Zeit guckt er zu dir herüber.«

»Er ist ein Hering.«

»Meinst du wirklich? Ich finde, eher ein silbriger Flussbarsch, so schlank und rank, wie er ist.«

»Ich will keinen schlanken Fisch, sondern einen kräftigen. Am liebsten einen Hecht.«

»Sei bloß vorsichtig mit deinen Wünschen«, sagte Trijn. »Hechte sind Raubfische. Und Coenraad ist, wenn ich’s recht bedenke, doch eher eine Makrele. Gut gebaut und wendig. Und mit einem ansehnlichen Schwanz, das vor allem!«

Wir brachen in Gelächter aus und wagten nicht, einander anzusehen, als Coenraad vorüberging.

Wäre ich in Edam geblieben, hätte ich Coenraad vielleicht geheiratet. Oder einen wie ihn. Eine seltsame Vorstellung, weil mein Leben dann ganz anders verlaufen wäre. Ich hätte Kinder bekommen und wäre wohl nie aus meinem Heimatort herausgekommen. Aber vermutlich wäre ich zufrieden gewesen. So lief es üblicherweise; solch ein Leben, überschaubar und vorhersagbar, erwartete fast alle Edamer Mädchen.

Jedenfalls deutete nichts darauf hin, dass meines sich anders entwickeln könnte, doch als die Möglichkeit sich bot, griff ich zu.

Eines Tages berichtete Lobberich, sie habe gehört, in einem Gasthaus in Hoorn werde eine Bedienung gesucht. Hätte ihre Hochzeit nicht kurz bevorgestanden, hätte sie sich womöglich selbst um die Stellung bemüht.

»Wäre das nicht was für dich, Geertje?«, fragte sie. »Man muss hart arbeiten, aber dafür stinkt man nicht nach Fisch.«

An jenem Vormittag dachte ich zum ersten Mal über meine Zukunft nach. Die Vorstellung fortzugehen war aufregend, machte mir aber zugleich Angst. Mein ganzes bisheriges Leben hatte ich in Edam gewohnt, war nie in einer anderen Stadt gewesen. Hoorn war um einiges größer, wie würde es dort wohl sein? Und je länger ich überlegte, desto neugieriger wurde ich.

Inzwischen war ich zweiundzwanzig, und wenn ich wegwollte, dann jetzt. Wahrscheinlich war dies die einzige Gelegenheit. Mir war bewusst, dass ich keine besondere Begabung hatte, es sei denn die, immer wieder anzuecken, wie meine Mutter zu sagen pflegte. Aber eine nützliche Eigenschaft hatte ich: Ich fürchtete mich vor nichts und niemandem, nicht einmal vor dem Teufel.

Weil meine Eltern nicht sonderlich streng waren, rechnete ich nicht mit viel Widerstand. Am Abendbrottisch bei Bohnen und Fisch erzählte ich von der Stellung in dem Gasthaus.

»Ich möchte nach Hoorn gehen«, sagte ich. »Und wenn man mich nimmt, bleibe ich gleich dort.«

»Und falls es nicht klappt?«, fragte mein Vater.

»Warum sollte es nicht klappen?«

»Vielleicht ist die Stellung schon vergeben.«

»Dann suche ich mir eben eine andere Arbeit. Ich komme auf keinen Fall wieder, das Fischesortieren habe ich satt.«

Pieter musterte mich über den Tisch hinweg. »Soso, die Dame hat das Fischesortieren satt.«

Meine Mutter äußerte sich zunächst nicht, dann meinte sie: »Im Gasthaus hast du auch kein Zuckerschlecken. Da wirst du bis spätabends arbeiten müssen.«

»Das macht mir nichts aus.« Zwischen zwei Bissen sah ich meinen Vater an, der den Löffel sinken ließ.

»Wie hoch ist der Lohn?«, fragte er.

»Sechzig Gulden im Jahr, sagt Lobberich.«

Das verschlug ihm erst einmal die Sprache.

»Mehr, als du im Hafen je verdienen kannst«, stellte er dann fest. »Nun gut, Geertje: Geh nach Hoorn. Und wenn du die Stellung bekommst, schickst du ein Viertel deines Lohns nach Hause.«

So einfach war das.

Obwohl ich mächtig gespannt auf mein neues Leben war, fiel der Abschied nicht leicht. Ich umarmte meine Eltern lange, und als ich Pieter um den Hals fiel, hob er mich ein Stück vom Boden hoch.

»Ich komme dich besuchen«, sagte er.

Trijn begleitete mich zum Schepenmakersdijk. Dort übergab sie mir einen Beutel mit Geschenken, die ich mir erst in Hoorn ansehen durfte. »Damit du mich nicht vergisst«, sagte sie.

»Als könnte ich das jemals«, erwiderte ich. »Und du kommst mich doch sicherlich auch einmal besuchen, oder?«

Das versprach sie. Ebenso, dass sie schreiben würde. Und mir nahm sie das Versprechen ab, auch ja zu antworten, denn sie wusste, dass ich mit dem Alphabet auf Kriegsfuß stand. Aber um Trijns willen war ich bereit, mich damit abzuplagen.

Von Edam nach Hoorn war es ein Fußmarsch von vier Stunden. Zum Glück nahm Lobberichs Vater, Onkel Jacob, mich auf seinem Pferdefuhrwerk mit.

Linker Hand erstreckte sich die sattgrüne Polderlandschaft, rechter Hand brachen sich die grauen Wellen der Zuiderzee am Deich. Hinter Scharwoude sah man in der Ferne die Mauern und Türme von Hoorn, und mein Herzschlag beschleunigte sich. Vor uns lag mein neuer Wohnort. So wie Edam unmittelbar am Wasser, aber größer und gewiss spannender. Dass es noch weitaus größere Städte gab, zum Beispiel Haarlem und Amsterdam, wusste ich, aber für mich war Hoorn schon ein Riesenschritt.

Durch die Westerpoort rumpelten wir in die Stadt hinein und befanden uns sogleich in einem Getümmel aus Wagen, Fußgängern, rennenden Kindern, rufenden Händlern und Vieh, das durch die schmalen Straßen getrieben wurde.

»Wo musst du hin?«, fragte Onkel Jacob.

»Ich weiß es nicht, weil ich noch nie hier war. Das Gasthaus heißt Het Morriaenshooft.«

»Das kenne ich.« Onkel Jacob ließ die Zügel auf den Rücken des Pferds klatschen, und es trabte schneller.

Wir fuhren eine breite Straße entlang, die vermutlich deshalb »Breed« hieß, und bogen dann nach rechts in die Oude Noort. Etwa in deren Mitte befand sich das Gasthaus. Ich erkannte es an zwei hochkant stehenden Bierfässern neben dem Eingang, und darüber prangte ein Aushängeschild, das einen dunkelhäutigen Mann zeigte.

»In einer Stunde bin ich wieder da«, sagte Onkel Jacob. »Wenn es nichts wird, kannst du mit mir zurückfahren.«

»Dann suche ich mir eine andere Arbeit«, erwiderte ich und rutschte vom Bock. »Zurück gehe ich ganz bestimmt nicht.«

»Wie du willst.« Onkel Jacob reichte mir das Bündel mit meiner Kleidung und ein paar anderen Habseligkeiten, stieg dann ebenfalls ab und umarmte mich kurz. »Mach das Beste draus, Mädchen!«

Lächelnd tippte er sich an die Mütze und bestieg wieder sein Fuhrwerk.

Ich wandte mich der Eingangstür zu, holte tief Luft und betrat das Gasthaus.

Der Wirt war eine Frau und hieß Aecht Carstens. An der Art, wie sie mich scharf und prüfend musterte, merkte ich, dass sie eine Respektsperson war, auch für Männer. Später erwies sich, dass sie viel stärker war, als man es ihr auf den ersten Blick zutraute. Das wussten sämtliche Stammgäste, und wer es noch nicht wusste, der merkte es rasch. Gab es dann immer noch Schwierigkeiten, griff der Knecht Simon ein.

Als ich mich vorstellte, hatte Aecht wenig Zeit und machte einen gehetzten Eindruck, denn die Schankstube war berstend voll.

»Geertje heißt du also? Dann zeig mir doch gleich, was du kannst. Wenn ich zufrieden bin, darfst du bleiben.« Sie reichte mir eine Schürze, und ich machte mich ans Werk, indem ich mir bei ihr abschaute, was zu tun war.

Am Ende des Tages nickte sie wohlwollend. »An dir habe ich eine gute Hilfe.«

Hoorn war größer als mein Heimatort, dennoch fühlte ich mich dort rasch zu Hause. Mit ein Grund mochte sein, dass die Stadt ebenfalls an der Zuiderzee lag, sodass mir die Atmosphäre gleich vertraut war. Wie in Edam herrschte viel Betrieb in den Straßen, und beständig erklang das Klopfen und Hämmern von Küfern und Schiffszimmerleuten. Auch hier gingen Seiler und Segeltuchweber ihrem Handwerk nach. Im Hafen, wo die Fleuten, Lichter und Karavellen dicht an dicht lagen, traf man viele Fischer und Seeleute an.

In den Gasthäusern um den Roode Steen versammelte sich junges Volk zum Tanzen und um Hahnenkämpfen zuzusehen. An meinen freien Tagen schloss ich mich zumeist Elisabeth an, der anderen Bedienung, die aus Hoorn stammte und mich gern ins Schlepptau nahm. Durch sie lernte ich viele Leute meines Alters kennen, und es mangelte mir nicht an Verehrern, aber keiner von ihnen wollte mir gefallen.

Mein Arbeitstag begann mit dem Schüren des Herdfeuers in Küche und Schankstube. Danach holte ich an der Pumpe im Hof Wasser und schleppte die Eimer in die Küche, wo der Koch bereits das Frühstück herrichtete. Wir vom Gesinde aßen nur rasch nebenbei einen Happen. Dann fegte ich in der Gaststube den Sand zusammen, der am Vorabend verschüttetes Bier und Suppe aufgesogen hatte, und streute frischen aus. War ich damit fertig, so kamen auch schon die ersten Übernachtungsgäste die Treppe herab. Ich servierte ihnen Hering, Brot und Käse und eilte nach oben. In den Räumen, in denen mehrere Personen geschlafen hatten, roch es morgens immer schlecht. Ich stieß die Fenster weit auf, um den Schlafmuff und den beißenden Uringestank entweichen zu lassen. Anschließend trug ich die Nachttöpfe nach unten, entleerte sie in die Gracht, säuberte sie unter der Pumpe und kippte auch noch den Pisskübel an der Hintertür aus. Damit hatte ich die unangenehmsten Aufgaben hinter mir und konnte mich dem Geschirr zuwenden, das sich im Spültrog stapelte.

An einem frischen, sonnigen Mittag im Frühling betraten ganz unvermutet mein Vater und mein Bruder das Gasthaus.

Ich stürzte auf die beiden zu. »So eine Überraschung! Was führt euch hierher?«

»Wir wollen dich besuchen.« Mein Vater zog mich fest in seine Arme, dann fiel ich Pieter um den Hals.

Weil gerade nicht viel Betrieb war, meinte Aecht, ich könnte mir ruhig ein Stündchen freinehmen.

Kaum hatten wir an einem Ecktisch Platz genommen, überschüttete ich meinen Vater mit Fragen. Mutter habe nicht mitkommen können, weil sie krank sei, erzählte er, aber zum Glück nicht ernsthaft. Ansonsten gehe es allen Verwandten gut, auch meiner Freundin Trijn, die ihm einen Brief für mich mitgegeben habe.

»Wir machen neuerdings Geschäfte mit einem Hoorner Holzhändler«, sagte Pieter. »Auch aus dem Grund sind wir hier. In Zukunft werden wir öfter kommen, das heißt, zumindest einer von uns.«

Das waren ja großartige Aussichten! Ich nahm ihnen das Versprechen ab, meine Mutter mitzubringen, sobald es ihr wieder besser ging.

Nachdem sie sich mit Essen und Trinken gestärkt hatten, mussten mein Vater und Pieter wieder aufbrechen, und auch auf mich wartete Arbeit. Wir verabschiedeten uns, diesmal aber leichten Herzens, da wir uns bald wiedersehen würden.

In der Folgezeit traf ich die beiden des Öfteren, immer nur kurz, aber regelmäßig. Hin und wieder brachten sie an meinen freien Tagen meine Mutter mit, ebenso Trijn und Lobberich. Ich genoss das Zusammensein mit ihnen.

»Ich bin jetzt mit Albert verlobt«, berichtete Trijn bei einem der Besuche. »Hast du denn noch keinen Verehrer, Geertje?« Als ich verneinte, setzte sie hinzu: »Wirklich nicht?«

»Unsere Geertje ist eben wählerisch«, meinte Aecht, die gerade durch die Gaststube ging, mit einem Augenzwinkern. »Die Männer umschwärmen sie, aber bisher hat sie keinen erhört.«

Ich lächelte in mich hinein. Denn es gab durchaus einen, den ich erhören würde, aber das wollte ich vorerst lieber für mich behalten.

3

Er hieß Abraham und war Stammgast bei uns. Gleich zu Anfang war er mir aufgefallen: ein hochgewachsener Mann, der zudem blendend aussah. Unsere Blicke trafen sich öfter, und wenn ich mit dem Rücken zum Schanktisch stand, sah ich im blanken Bierkessel, dass er zu mir herschaute.

Ich hielt ihn für einen Seemann. Die wettergegerbte Haut und der Ohrring deuteten darauf hin, außerdem war er braun gebrannt, wie von weiten Reisen. Die letzte Reise musste sehr weit gewesen sein, denn ich hatte ihn schon etliche Wochen nicht mehr gesehen, als er auf einmal wieder da war. Während ich ihn und seine Freunde bediente, versuchte ich, etwas von ihrem Gespräch zu erlauschen, und erfuhr so, dass sie vor Kurzem nach Hoorn zurückgekehrt waren. Wo genau sie gewesen waren, wusste ich nicht, denn die Namen der Länder und Städte, die sie nannten, sagten mir nichts.

Betont langsam stellte ich die Krüge auf den Tisch und blickte dabei aus dem Augenwinkel zu Abraham. Weil er ebenfalls herschaute, mit den blauesten Augen, die ich je gesehen hatte, stieß ich vor Schreck fast den letzten Krug um.

»Hoppla!« Er griff danach, und dabei berührten sich unsere Hände. Ein angenehmes Kribbeln durchlief mich. So etwas hatte ich noch bei keinem Mann erlebt. Ich lächelte, und er zwinkerte mir zu.

Etwa zwei Wochen später ging ich mit einem Brett voller Krüge durch die Gaststube und verteilte sie. Langsam näherte ich mich dem Tisch, an dem Abraham saß. Zu meiner Enttäuschung war er in ein Gespräch vertieft und nahm mich gar nicht wahr.

»He, Jungfer! Hast du für mich was Feuchtes?« Ein älterer Mann hatte sich mir zugewandt.

»Gern.« Ich stellte einen Krug Bier auf das umgedrehte Weinfass, das als Tisch diente.

Der Mann musterte mich von Kopf bis Fuß und legte mir dann breit grinsend seine Hand auf den Hintern. »Danke, Schätzchen. Aber was Feuchtes von dir selber wär mir lieber.«

»Bitte sehr!« Ich spuckte in seinen Krug.

Schallendes Gelächter ringsum. Das Gesicht des Mannes verzerrte sich vor Wut. Er packte mich am Arm und zog mich zu sich heran, sodass ich das Gleichgewicht verlor und die restlichen Krüge vom Brett auf den Boden krachten. Dann griff er mir in die Haare und riss meinen Kopf nach hinten.

»Was fällt dir ein, du Dreckstück!«, herrschte er mich an.

Um seinem stinkenden Bieratem zu entgehen, wollte ich das Gesicht wegdrehen, doch er beugte sich nur noch weiter über mich. »Küss mich!«, brüllte er, aufgestachelt vom Gelächter der anderen Zecher.

»Nun mach mal halblang, Krijn. Lass das Mädchen los, dann holt sie dir einen frischen Krug.« Abraham war hinter ihm aufgetaucht, legte ihm die Hand auf die Schulter und nickte mir beruhigend zu.

Einen Moment noch hielt Krijn mich fest, dann stieß er mich weg. Ich landete auf dem Fußboden. Abraham half mir auf und schob mich sanft zum Schanktisch.

In jener Nacht träumte ich von ihm.

Einige Tage darauf kam er am späten Vormittag ins Gasthaus und bestellte Dünnbier und drei Heringe mit Brot. Ich beeilte mich, alles zu holen, und hatte Herzflattern, als ich den Becher und den Teller vor ihn hinstellte. Ohne ein Wort begann er zu essen. Ich stand unschlüssig am Tisch.

»Vielen Dank noch für neulich«, sagte ich schließlich.

Er blickte auf. »Wofür? Ach so, du meinst die Sache mit Krijn.«

Ich nickte.

»Gern geschehen«, sagte er und aß weiter. Ich wollte mich gerade entfernen, da fragte er: »Wie heißt du eigentlich?«

»Geertje Dircx. Und Ihr?«

»Abraham Claeszoon Outgers. Wie lange arbeitest du schon hier?«

»Seit ein paar Monaten. Ich stamme aus Edam.«

»Bist du ganz allein hergekommen?«

»Nein, mein Onkel hat mich gebracht.«

»Aber hier bist du allein. Ich nehme an, du hast Logis bei Aecht. Wie alt bist du, Geertje Dircx?«

»Zweiundzwanzig.«

»Zweiundzwanzig …«, wiederholte er und schob sich ein Stück Hering in den Mund. »Und was hat dich nach Hoorn geführt, Geertje Dircx?«

»Ihr wart wohl noch nie in Edam, sonst würdet Ihr das nicht fragen.«

Er lachte und trank einen Schluck Bier. »Sag ruhig Du zu mir. So viel älter bin ich auch wieder nicht.«

»Wie alt bist du denn?« Seinem etwas verwitterten Gesicht nach schätzte ich ihn auf knapp vierzig.

»Dreißig«, sagte er. »Das wundert dich, was?«

»Ich dachte vierzig«, sagte ich, und er musste lachen.

»Du hattest also genug von Edam«, fuhr er fort. »Was erwartest du dir vom Leben, Geertje Dircx?«

Wahrscheinlich rechnete er damit, dass ich »einen Mann und Kinder« sagen würde, aber ich antwortete: »Freiheit.«

Abraham wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und sagte nachdenklich: »Tja …«

»Bist du denn verheiratet?«, wagte ich zu fragen.

Er schüttelte den Kopf. »Die Frauen sind nicht erpicht auf einen Mann, der sein halbes Leben auf See verbringt.«

»Du fährst zur See?«

»Ich bin Schiffstrompeter. Komm, setz dich ein wenig zu mir. Aecht ist fort, und es sind keine anderen Gäste da.«

»Auf mich wartet Arbeit«, wandte ich ein, machte jedoch keine Anstalten wegzugehen.

»Nur einen Augenblick.«

Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und setzte mich auf den Stuhl, den er für mich zurechtrückte.

»Bist du gern hier?«, wollte er wissen.

»Ja, Aecht ist eine gute Dienstherrin, und im Gasthaus gibt es viel Abwechslung.«

»Aber die Arbeit ist hart, nicht wahr? Ich sehe dich immerzu rennen.«

Leicht verwundert sah ich ihn an. Ein jeder musste für sein Brot hart arbeiten, daran war doch nichts Besonderes.

Abraham stopfte seine langstielige Tonpfeife, zündete sie an und stieß den Rauch aus, ohne mich dabei aus den Augen zu lassen. »Wenn du drei Wünsche frei hättest, was würdest du dir aussuchen?«

Ich hatte keine Ahnung. Wo ich herkam, äußerten die Leute kaum je einen Wunsch und schon gar keine drei. Ja, man wünschte sich, dass der Regen aufhörte, damit der Matsch auf den Straßen trocknete oder die Ernte eingebracht werden konnte. Oder dass Schnupfen und Halsschmerzen vergingen. Von Größerem hatte ich nie zu träumen gewagt. Obwohl – so ganz stimmte das nicht. Ich hatte ja aus Edam weggewollt, und dieser Wunsch war tatsächlich in Erfüllung gegangen. Nun hoffte ich im Grunde nur noch auf einen netten Mann, um mit ihm eine Familie zu gründen. Und der Mann mir gegenüber kam dafür sehr wohl in Betracht.

»Ich habe alles, was ich brauche«, erwiderte ich. »Ein Dach über dem Kopf. Und gute Arbeit. Eine bessere jedenfalls, als den ganzen Tag Fische zu sortieren und zu putzen und nachts im Bett noch voller Schuppen zu sein.«

Er schaute drein, als könnte er mich verstehen. »Aber du willst doch sicherlich auch mal dein Vergnügen haben, Geertje Dircx. Oder?«

»Natürlich. Nächste Woche ist Jahrmarkt.«

»Richtig. Hättest du Lust, mit mir zusammen hinzugehen?«

Ich jubelte innerlich, tat aber so, als müsste ich erst einmal darüber nachdenken. Als Abraham eine bedauernde Miene machte und etwas sagen wollte, wohl eine Entschuldigung, stimmte ich rasch zu. Mit einem Lächeln ging ich wieder an die Arbeit.

Leider konnte Aecht mich nicht entbehren. Jahrmarkt – das bedeutete nicht nur Trubel in den Straßen, sondern auch eine Wirtschaft voller Gäste, sodass jede helfende Hand gebraucht wurde.

Ich hatte damit gerechnet, dass Abraham im Morriaenshooft vorbeischauen würde. Wenn ich mit Bierkrügen durch die Schankstube ging, hielt ich fortwährend nach ihm Ausschau, ängstlich und hoffnungsvoll zugleich. Aber er ließ sich die ganze Woche nicht blicken. Bestimmt hat er ein anderes Mädchen gefragt, dachte ich, und in dem Fall ist es ohnehin besser, ich sehe ihn nicht mehr.

Ein paar Tage nach dem Jahrmarkt tauchte er wieder auf, jedoch nur, um mitzuteilen, er sei nun für eine Weile fort, diesmal gehe die Fahrt nach Elmina.

»Elmina?« Ich kam mir ein wenig dumm vor, weil ich mit dem Namen nichts anfangen konnte. Abraham schien das aber nicht zu wundern. »Elmina ist eine holländische Festung an der afrikanischen Goldküste. Wir, also die Westindien-Kompanie, machen dort Geschäfte. Mit Sklaven. Und mit Gold, daher hat die Küste ihren Namen«, erklärte er.

»Gold …«, staunte ich.

»Davon bekomme ich allerdings nicht viel zu sehen«, sagte er. »Ich bin nur ein einfacher Schiffstrompeter.«

»Aber das ist doch eine wichtige Arbeit, oder?«

»So ist es. Wenn die Mannschaft nicht rechtzeitig die richtigen Signale erhält, kann alles Mögliche passieren. Dann läuft das Schiff auf eine Sandbank oder wird beschossen, von Spaniern oder Portugiesen.«

»Wann geht es los?«

»In drei Tagen.«

Eine kurze Stille, in der ich eifrig den Tisch abwischte, um mich zu sammeln. »Und wie lange wird die Reise dauern?«, fragte ich in bemüht lockerem Tonfall.

»Ungefähr ein halbes Jahr. Kann kürzer oder auch länger werden.«

Ich schwieg.

»Du wirst eine Zeit lang ohne meine Gesellschaft auskommen müssen, Geertje Dircx. Meinst du, das gelingt dir?« Er zwinkerte mir zu.

»Gewiss. Und ich hoffe, du kehrst wohlbehalten zurück.«

Er wies auf seinen silbernen Ohrring und sagte, einen solchen trage jeder Seemann für den Fall, dass er über Bord gehe. Daran könne der Meeresgott Neptun ihn leicht aus dem Wasser fischen. »Du brauchst dir also keine Sorgen zu machen«, schloss er.

»Und du selbst? Machst du dir nie Sorgen? Ich würde Todesängste ausstehen, mit dem vielen Wasser um mich herum.«

»Angst habe ich mitunter auch, vor allem, wenn es stürmt. Aber bei ruhiger See hat man keinen Anlass dazu, da ist die Seefahrt im Grunde genommen fast schon langweilig.«

»Warum machst du es dann?«

»Es hat sich so ergeben. Und anfangs hat es mir ja auch gut gefallen.«

»Jetzt nicht mehr?«

»Doch, man sieht etwas von der Welt, das reizt mich. Nur dauern die Reisen so lange, und es ist nicht leicht, immer wieder weit weg von allen vertrauten Menschen zu sein.«

Ich wagte kaum, die Frage zu stellen, die mir auf den Lippen lag. Ein wenig unbeholfen stand ich da, den leeren Weinkrug in der Hand.

»In den fernen Ländern gibt es bestimmt hübsche Mädchen, die dich trösten«, sagte ich schließlich.

»Schon …« Er nickte bedächtig. »Aber es geht darum, dass zu Hause jemand auf einen wartet. Nicht jede Frau hält es aus, mit einem Seemann verheiratet zu sein.«

»Ich würde warten.« Es war mir herausgerutscht, ehe ich michs versah. Ich spürte, dass meine Wangen glühten, bereute die Worte aber nicht. Gespannt wartete ich, was er sagen würde.

Er hob den Blick, und ein Lächeln glitt über seine Züge, dann schob er den Stuhl zurück. War ich zu aufdringlich gewesen? Ich traute mich nichts mehr zu sagen, stand einfach da, den Krug an meine Brust gepresst.

Abraham zwinkerte mir zu, legte ein paar Münzen auf den Tisch und verließ das Gasthaus.

Am nächsten Tag musste er aufs Schiff. In der langen Zeit seiner Abwesenheit machte ich mir nicht nur Sorgen um ihn, mir fehlten auch seine Geschichten, Scherze und die blitzblauen Zwinkeraugen. Hin und wieder bekundete ein anderer Mann Interesse an mir, aber keiner war wie Abraham. Keiner sah mich so an wie er, keiner fragte nach meinen Wünschen, keiner widmete mir so viel Aufmerksamkeit. Ohne ihn kam mir die volle Schankstube leer vor, und die Tage erschienen lang und eintönig. Selbst die Arbeit, die mir bisher gut gefallen hatte, tat ich nicht mehr gern. Mir wurde klar, dass ich mich vor allem Abrahams wegen im Morriaenshooft so wohlgefühlt hatte. Ohne ihn verlor alles seinen Glanz.

Ich dachte oft an Abraham, wusste aber nicht, wann mit seiner Rückkehr zu rechnen war. Ungefähr ein halbes Jahr sollte die Reise dauern, hatte er gesagt, aber sie konnte auch Wochen oder gar Monate länger werden. Jedenfalls kaum kürzer.

Als er eines Tages plötzlich vor mir stand, war ich nicht darauf vorbereitet und erschrak, als wäre er eine Geistererscheinung.

»Grüß dich, Geertje«, sagte er.

Seine Stimme hatte einen ungewohnten Klang, und auch sein Blick war anders als sonst. Forschend, so als sähe er mich zum ersten Mal, als suchte er nach etwas …

Plötzlich nahm er meine Hand und umschloss sie fest mit der seinen. Die Augen darauf gerichtet, sagte ich mir: Er hat meine Hand genommen. Er ist mehr als sieben Jahre älter als ich, ein richtiger Mann. Er hätte die Hand eines jeden anderen Mädchens nehmen können, aber es ist meine, die er festhält. Meine.

Als ich ihn anlächelte, beugte er sich zu mir und küsste mich. Ein paar atemlose Herzschläge lang spürte ich seine warmen Lippen, und mit einem Mal schien die Welt um uns zu versinken. Ich schloss die Augen, und als ich sie wieder aufschlug, sah ich nichts außer dem Blau der seinen.

Wie von weit her erklangen Rufe und Beifall, und als Abraham mich noch einmal küsste, hatte ich die Gewissheit, dass er mein Mann werden würde.

Am 26. November 1634 gelobten wir einander in der reformierten Kirche von Zwaag ewige Treue. Dort kam das Heiraten nicht so teuer wie in Hoorn, und Abraham, wenngleich keineswegs arm, fand es nicht nötig, Geld zu verschwenden. Mir war der Ort nicht wichtig, für mich zählte allein, dass ich einen ebenso netten wie gut aussehenden Mann gefunden hatte. Einen Mann, der mich liebte und dem ich mich mit Freuden hingeben würde.

Die Feier war schlicht und kurz, mit nur wenigen Gästen. Meine Eltern und Pieter kamen, außerdem Trijn, Lobberich und Onkel Jacob. Dazu noch ein paar Bekannte von Abraham aus Hoorn.

Ich hatte einige Ersparnisse, sodass ich mich für die Hochzeit neu einkleiden konnte: mit einem roten Rock, einer kurzen weißen Jacke mit Spitze an den Ärmeln, seidenen Handschuhen und Strümpfen. Mein langes Haar trug ich offen über den Schultern. Wie die Tradition es forderte, überreichte Abraham mir einen Blumenkranz, den ich den ganzen Tag auf dem Kopf hatte.

»Jetzt bist du meine Hausfrau«, sagte er, nachdem er mich vor den versammelten Gästen mehrmals geküsst hatte. »Meine Geertje aus dem Gasthaus. Schon als ich dich dort zum ersten Mal sah, wusste ich, dass es so kommen würde.«

»Das hast du aber gut verborgen«, meinte ich und lachte. »Ich war mir nämlich ganz und gar nicht sicher, ob ich dir gefalle.«

»Nun, du hast immer im Mittelpunkt gestanden, und viele Männer haben dir schöne Augen gemacht. Da dachte ich, solch ein Mädchen will gewiss keinen Schiffstrompeter, der stets aufs Neue ausfährt.«

»Ich werde immer auf dich warten!« Ich legte meine Arme um seinen Hals und küsste ihn wieder.

Abraham wohnte zur Miete in einem Haus am Appelhaven. Als ich zum ersten Mal als seine Ehefrau über die Schwelle trat, hatte ich das Gefühl, dort angelangt zu sein, wo ich schon immer hatte sein wollen. Dieses Haus mit Blick auf den Hafen war von nun an mein Zuhause. Von hier aus würde ich Abraham nachwinken, wenn sein Schiff auslief, hier würde ich ihn willkommen heißen, wenn er zurückkehrte, hier würden unsere Kinder geboren werden und aufwachsen. In diesem Haus würde ich glücklich sein.

Die Gegend gefiel mir. Ich genoss die Betriebsamkeit auf den Kais, das Knarren der Takelagen, das Schwappen des Wassers und die raue Sprache der Seeleute. Diese Welt kannte ich – und mehr noch nicht.

Ein halbes Jahr nach unserer Hochzeit musste Abraham wieder ausfahren, diesmal für vier Monate.

»Es ist so weit«, sagte er am Morgen des Abreisetags mit einem Seufzer. »Ich muss los. Wenn ich wiederkomme, tue ich mich nach Arbeit an Land um. Es behagt mir nicht, dich immer wieder allein zu lassen.«

»Ich komme schon zurecht«, versicherte ich, schmiegte mich an ihn und genoss seine feste Umarmung. »Vier Monate vergehen schnell. Andere Männer bleiben jahrelang weg.«

»Stimmt, ich bin ja bald wieder da. Lebwohl, meine Liebste, ich bringe dir auch etwas Schönes mit.« Noch einmal küsste er mich, dann trat er durch die Tür.

Wie abgemacht hatten wir uns zu Hause verabschiedet und nicht im Hafen, weil es eine ganze Weile dauern konnte, ehe die Schiffe ausliefen. Vom Fenster aus schaute ich hinüber, und als die Trossen losgeworfen wurden, hielt es mich nicht mehr im Haus. Ich lief los und hastete den langen Holzsteg entlang, um – so hoffte ich – noch einen Blick auf Abraham zu erhaschen. Zu sehen war er nicht mehr, dafür hörte ich ihn auf seiner Trompete das Signal zum Auslaufen der Flotte blasen.

Noch den ganzen Tag und die darauffolgende Nacht hallten die Töne in meinem Kopf.

Im Wissen, dass Abraham mich liebte, konnte ich diesmal ein wenig besser mit seiner Abwesenheit umgehen. Natürlich sehnte ich mich nach ihm, aber vor allem setzte mir zu, dass die Tage so lang und still waren. Das Nichtstun lag mir einfach nicht, darum nahm ich meine alte Arbeit im Gasthaus vorübergehend wieder auf. Dort ging es immer lebhaft zu, und die Stunden verflogen.