Remember, Remember - Denn keine Tat ist je vergessen - Stefanie Hasse - E-Book

Remember, Remember - Denn keine Tat ist je vergessen E-Book

Stefanie Hasse

0,0
4,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein Klassentreffen in einem Luxuszug wird zum Albtraum – denn ein Mörder ist an Bord …
+++Jetzt zum Einführungspreis sichern! (Befristete Preisaktion des Verlages)+++


Das Klassentreffen des Elite-Internats Rosenberg findet im Luxuszug Mireille statt, doch Lara Thomas ist nur ungern da: Nicht nur weil sie den Schlafwagen ausgerechnet mit ihrem ehemaligen Schul-Rivalen Aaròn Juez teilen muss, sondern auch weil auf der Fahrt alte Streitereien hochkochen. Und Erinnerungen. Und Gefühle. Doch dann wird das Event durch eine schockierende anonyme Beichte unterbrochen: »Ich habe getötet«. Ein Mörder ist im Zug! Lara und Aaròn tun sich zusammen, um der Wahrheit auf den Grund zu kommen. Doch sie wissen nicht einmal, ob sie einander trauen können …

Knisternde Gefühle treffen auf explosiven Thrill – mit den Tropes Forced Proximity, Only One Bed und Rivals-to-Lovers!
Enthaltene Tropes: One Bed, Rivals to Lovers, Forced Proximity
Spice-Level: 3 von 5

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 651

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Buch

Das Klassentreffen des Elite-Internats Rosenberg findet im Luxuszug Mireille statt, doch Lara Thomas ist nur ungern da: Nicht nur weil sie den Schlafwagen ausgerechnet mit ihrem ehemaligen Schul-Rivalen Aarón Juez teilen muss, sondern auch weil auf der Fahrt alte Streitereien hochkochen. Und Erinnerungen. Und Gefühle. Doch dann wird das Event durch eine schockierende anonyme Beichte unterbrochen: »Ich habe getötet.« Ein Mörder ist im Zug! Lara und Aarón tun sich zusammen, um der Wahrheit auf den Grund zu kommen. Doch sie wissen nicht einmal, ob sie einander trauen können …

Autorin

Stefanie Hasse lebt mit ihrem Mann, ihren Kindern und ihrem Chihuahua Loki in Süddeutschland. Die SPIEGEL-Bestsellerautorin schreibt romantische Geschichten mit unvorhersehbaren Wendungen, die ihre Leser*innen immer wieder begeistern. In ihrem Roman »Remember, Remember – Denn keine Tat ist je vergessen« vereint sie ihre Genre-Vorlieben Romance und Spannung gekonnt. Wenn Stefanie Hasse nicht gerade schreibt, ist sie auch als gut vernetzte Bloggerin tätig und tobt sich in den sozialen Medien kreativ aus.

Weitere Informationen unter: www.stefaniehasse.de

Stefanie Hasse

REMEMBER, REMEMBER

Denn keine Tat ist je vergessen

Roman

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung des urheberrechtlich geschützten Inhalts dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Dieses Buch enthält Themen, die belastend sein können. Die Trigger findest du [hier].

Copyright © 2025 by Stefanie Hasse

Copyright Deutsche Erstausgabe © 2025 by Blanvalet Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München.

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich

Pflichtinformationen nach GPSR.)

Redaktion: Lisa Wolf

Umschlaggestaltung: Alexander Kopainski

Umschlagmotiv: Shutterstock.com (Anastasia Design, CeltStudio, Golubovy, ivan_kislitsin, Kitichan, Nadya So, Nerthuz, Vector_Leart, yuutsu)

Innengestaltung unter Verwendung der Bilder von:

© Adobe Stock (sergio34)

DK/JS · Herstellung: DiMo

Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg

ISBN 978-3-641-32697-5V002

www.blanvalet.de

Für Stella Tack und Jennifer Benkau, die ich hiermit zwinge, auch die finale Version zu lesen.

Ich bin froh, euch als Freundinnen zu haben.

Tausend Küsse!

Prolog

»Wir unterbrechen die laufende Radiosendung für eine Eilmeldung. Der vergangene Woche als vermisst gemeldete Schüler des privaten Luxus-Internats Rosenberg wurde heute von einer Gruppe Wanderern tot aufgefunden. Wie ein Polizeisprecher mitteilte, weist die Leiche starke Verletzungen und zahlreiche Prellungen auf, die mutmaßlich zum Tod des Siebzehnjährigen führten. Der Schüler verschwand vergangenen Donnerstagabend von einer Party auf dem Gelände der Jugendherberge nahe Oberammergau und wurde noch in der dazugehörigen Nacht als vermisst gemeldet.

Die Polizei geht von einem tragischen Unglück aus.«

1Lara

Ich lasse mich in meinen Stuhl zurückfallen und blinzele den Bildschirm an. Kaum zu glauben, dass ich ernsthaft darüber nachdenke, den guten Ruf der Agentur für eine solche Firma aufs Spiel zu setzen. Aber leider lassen die Krisen der vergangenen Jahre, die auch vor 1NFLUENCED nicht Halt gemacht haben, kaum eine andere Wahl. Dazu schossen andere Influencer-Agenturen aus dem Boden wie Pilze nach dem Regen, und wir können es uns einfach nicht mehr leisten, auch nur einen einzigen gut zahlenden Kunden abzulehnen. Selbst wenn deren Geschäftsmodell wie bei dem aktuellen Angebot eines Sportbekleidungsherstellers einzig und allein auf Online-Marketing beruht und die angebotenen Artikel auch nach den beworbenen hohen Rabattcodes immer noch völlig überteuerter Ramsch sind. Durch die immens hohe Gewinnspanne trotz Rabatten, die schon fast als Betrug durchgehen, sind solche Firmen allen ein Dorn im Auge, ignorieren kann man sie trotzdem nicht. Denn solche Firmen können uns als Agentur, aber auch unseren Talenten für ein paar Monate das Einkommen sichern.

Während ich auf die im Schnelldurchlauf vorbeiziehenden Billigkleidungsstücke im Produktvideo schaue, ärgere ich mich über die Krisen, die Menschheit und Leute, die Profit damit machen, andere zu verarschen. Ich wollte nie so jemand sein oder eine solche unehrliche Firma an meine Talente vermitteln, die möglicherweise ihren guten Ruf ruinieren. Niemals!

Ich lasse all meinen Unmut in einem frustrierten Stöhnen aus mir herausfließen und massiere mir die Schläfen. Jenseits des Bildschirms erhebt sich vom Schreibtisch gegenüber ein platinblonder Pixiecut, der ein schmales feengleiches Gesicht umrahmt. Tatjana sieht mich aus ihren großen grünen Augen voller Mitgefühl an.

»Schon wieder?«

Ich nicke.

»Challenge?« Ihr breites Grinsen ist ansteckend.

»Okay. Auf drei«, stimme ich zu und zähle mit den Fingern mit. »Eins, zwei … Schrottkleidung.« Ich bekomme das Wort Sportkleidung leider nicht über die Lippen.

»Penispumpen«, sagt sie bei drei.

Wir lachen beide. Schließlich haben wir uns geschworen, für jeden Kunden dankbar zu sein, nachdem wir die Agentur im zweiten Studienjahr gegründet haben. In einer Zeit, in der noch enormes Potenzial im Influencer-Marketing schlummerte, wir geniale Kampagnen managten und nicht jede zweite Anfrage Schrott, semi-legal oder richtiger Scam war.

Die Zeiten haben sich geändert. Früher haben wir bei dieser Challenge mindestens einmal am Tag den genialsten potenziellen Kunden ausgerufen – und heute? Das Gegenteil. Wie ich die alte Zeit vermisse.

»Hör sofort auf!«, unterbricht mich Tatjana beim Denken.

Ich fühle mich ertappt, frage aber dennoch: »Womit?«

»Mit diesem schrecklichen Gedankenkreisel. Du bist schon wieder kurz davor zu googeln, ob die Midlife-Crisis bereits Ende zwanzig beginnen kann, oder?«

Ich muss ihr gar nicht bestätigen, dass sie richtigliegt. Sie grinst schon triumphierend.

»Ich bin älter als du und stelle mich auch nicht so an.«

»Du bist auf den Tag genau drei Monate älter«, werfe ich ihr über unsere Bildschirme hinweg vor.

»Was mich zur weisesten Person in diesem Büro macht.« Ihre strahlend weißen Zähne blitzen mir entgegen. Ich verdrehe die Augen und sehe von ihr zurück auf meinen Bildschirm, der inzwischen in den Schlafmodus gefallen ist und ein leicht unscharfes Spiegelbild von mir zeigt.

Mein Messybun, die Frisur der Wahl, wenn keine Kundentermine anstehen, hat sich bereits halb aufgelöst, sodass zig dunkle Strähnen mein Gesicht umrahmen, in dem meine blauen Augen dank Bürobeleuchtung unnatürlich grell leuchten.

Tatjana und ich hatten immer geplant, mit dreißig den Gipfel unserer Karriere zu erreichen, die wenigen handverlesenen Kunden, die wir vertreten, nur aus den elitärsten Kreisen auswählen zu können. Ich werde dieses Jahr achtundzwanzig, aber war nie weiter davon entfernt, dieses lang gesteckte Ziel zu erreichen wie dieser Tage.

Es vergehen ein paar Minuten, in denen ich mich in meinem Elend suhle und ernsthaft frage, ob die Midlife-Crisis schon früher starten könnte, bis ich bemerke, dass Tatjana mich anstarrt. Ich hebe eine Braue und warte, ob sie von selbst damit rausrückt, was auch immer ihr auf der Seele brennt.

»Es gäbe vielleicht einen Ausweg ohne Scam-Firmen.«

Ich setze mich aufrechter hin und warte auf das große Aber, denn wenn sie irgendeinen großen Kunden an der Angel hätte, würde sie nicht so herumdrucksen.

»Spuck es schon aus, sonst sterbe ich an einem frühen Herzinfarkt, und das war’s dann mit der Midlife-Crisis.«

Sie verdreht ihre großen Feen-Augen. »Du warst doch auf dem Rosenberg-Internat.«

Ich schüttele so schnell den Kopf, dass mir schwindelig wird. »Ich bin nicht im Guten von dort abgegangen und habe keinerlei Kontakt mehr zu irgendwem von dort.« Beinahe hätte ich über meine Worte gelacht. Nicht im Guten von dort abgegangen war die Untertreibung des Jahrtausends. Die Erinnerung an mein Abschlussjahr trifft mich mit der Wucht eines Faustschlags in den Magen und macht mir das Atmen schwer.

»Das könnte sich ändern.«

»Garantiert nicht. Meine Mitschüler haben sicher ebenso wenig Interesse an mir wie ich an ihnen. Und es ist ja nicht so, dass sie alle hier in der Nähe wohnen und man ihnen zufällig über den Weg laufen könnte. Rosenberg ist ein internationales Elite-Internat. Außer mir wohnt kaum noch jemand in Deutschland.«

»Ich weiß«, erwidert Tatjana und greift nach ihrem Kaffee neben dem Bildschirm.

Ich will schon erwidern, dass sie es eben nicht weiß, nicht wirklich begreifen kann, wie das Abschlussjahr für mich war.

»Aber darum geht es auch gar nicht«, fährt sie schneller fort, als ich widersprechen kann. »Es gibt nämlich einen Ort, wo sich in drei Monaten ganz viele deiner Mitschüler aka potenzielle Mega-Kunden aufhalten werden.« Ich bereue immer wieder, ihr von Rosenberg erzählt zu haben. Für andere mag das deutsche Elite-Internat die Brutstätte der europäischen High Society sein, in dem sich die Reichen und Berühmten der Zukunft von klein auf vernetzen können. Für mich galt das jedoch nicht. Mein Leben dort verlief anders.

Ich habe den Mund bereits geöffnet, klappe ihn nun aber wieder zu und runzele die Stirn. »Wovon redest du?«

»Schau mal in die E-Mail im Agenturpostfach, die vor wenigen Minuten eingegangen ist«, sagt sie selbstzufrieden und nimmt einen Schluck aus ihrer Tasse, während sie mich nicht aus den Augen lässt.

Ich senke den Blick auf meinen Bildschirm, verlasse die Seite mit den Produktvideos und den gefakten Kundenrezensionen und wechsle zu meinem Postfach, wo mir direkt über der nächsten dämlichen Anfrage der Betreff 10 Jahre seit Rosenberg! entgegenleuchtet. Als ich die Mail öffne, finde ich eine Begrüßungsfloskel und darunter die enthusiastischen Worte unserer damaligen Klassensprecherin Cecily Clarkson:

Kannst du dir vorstellen, dass unser Abschluss bereits zehn Jahre zurückliegt? Lasst uns gemeinsam die Zeit zurückdrehen.

Sofort fluten zahlreiche Bilder meine Gedanken, und das Kopfkino beginnt. Ich sehe meine Ankunft auf Rosenberg im letzten Schuljahr, die wenigen Freundschaften, die dort irgendwann entstanden, aber so oberflächlich waren, dass sie nicht bis zum Ende hielten. Anstatt aber Bilder vom Internat selbst vor meinem inneren Auge zu sehen, dem imposanten ehemaligen Adelssitz auf einem einsamen Berg im Süden Deutschlands, dem namensgebenden Rosenberg, sehe ich die weitläufigen Wiesen und Täler inmitten der Allgäuer Alpen während eines Schulausflugs vor mir. Gefolgt von den Schlagzeilen, die sich in meine Netzhaut gebrannt haben.

Teenager vermisst.

Leiche von vermisstem Teenager gefunden.

Mikas Verschwinden änderte alles. Wortwörtlich. Danach war in Rosenberg nichts mehr wie zuvor. Mein Leben wurde zu meiner persönlichen Hölle. Und nun meint Cecily, ich würde all die Menschen, die mich damals wie eine Aussätzige behandelt, gemieden und aktiv gemobbt haben, wiedersehen wollen? Freiwillig? Es gibt nicht eine Person von ihnen, die mich nicht enttäuscht hat und mit der ich freiwillig je wieder etwas zu tun haben will. Denn sie alle haben mich am Ende im Stich gelassen, so sehr ich es auch anders wollte. Der Verlust von Viola und Claudine schmerzt, wann immer ich an sie denke, auch wenn ich daran selbst schuld bin.

»Ich kann da nicht hingehen«, sage ich zu mir selbst und zu Tatjana gleichermaßen, während ich die Mail in den Papierkorb schiebe. Dabei fällt mir auf, wie stark meine Hände zittern.

»Wirklich? Das lässt du dir entgehen?«

»Sehr gerne sogar.« Ich blinzele mehrmals, schlucke gegen die Galle an, die bei der Erinnerung an die Zeit nach Mika meine Speiseröhre hochklettert.

»Hast du überhaupt gelesen, was ihr unternehmen werdet?«

»Nein«, sage ich barsch. »Weil ich diese Leute nicht sehen will und lieber eine endlose Liste potenzieller Kunden abtelefoniere, als mich mit meiner alten Klasse zu treffen und zu feiern, als wäre nie etwas passiert.«

In dem Moment, in dem ich Tatjanas schockiertes Gesicht sehe, wird mir klar, dass ich sie gerade angebrüllt habe.

»Tut mir leid«, sage ich ruhiger. »Allein der Gedanke an diese Schule, diese Mauern. Ich will nicht dorthin zurück.« Ich streife die Gänsehaut von meinen Armen. Mir ist trotz Spätfrühlings und strahlendem Sonnenschein eiskalt.

»Das musst du gar nicht.« Sie klingt direkt wieder motivierter, während ich sie nur verwirrt ansehe.

Sie senkt den Blick und liest mir vor:

»Wir feiern hundert Stunden lang quer durch Europa, um möglichst viele Heimatländer unseres Jahrgangs zu passieren. Schließlich müssen wir doch den Vorteil ausnutzen, dass Étienne Miroit einer von uns ist. Für alle, die in den vergangenen zehn Jahren auf einer einsamen Insel gelebt und keine Nachrichten verfolgt haben: Étienne ist der Erfinder und Entwickler des Mireille. Was der Mireille ist? Der luxuriöseste Zug der Welt, der selbst den neuaufgelegten Orientexpress alt aussehen lässt. Und das nicht in gutem antiquarischen Sinne. Mehr Infos zum Mireille findet ihr hier unter diesem Link.« Tatjana sieht vom Bildschirm auf und verdreht die Augen. »Man muss wirklich hinterm Mond leben, um den Mireille nicht zu kennen.«

Da hatte sie recht. Ich erinnere mich noch an die Schlagzeile, dass mein ehemaliger Mitschüler das »gewagteste Projekt seit dem Eurotunnel« plante. Vor Kurzem wurde dann berichtet, dass seine ehrgeizige Unternehmung kurz vor der Vollendung stand.

»Oh! Hier steht sogar die Reiseroute!«, fiept Tatjana, ehe sie ein verträumtes Seufzen von sich gibt. »Wir starten unsere Reise in die Vergangenheit in München und nutzen größtenteils das Mireille-eigene Schienennetz auf unserer Route durch Europa.« Sie macht immer wieder Pausen und überfliegt den Text, ehe sie ihn weitergibt. »Venedig, Florenz, Rom, Adriaküste, Südfrankreich, Barcelona, Andorra, Lyon und zurück«, fasst sie mir offenbar die Strecke zusammen. »Wir planen keinen Halt ein, um die Sicherheit von euch allen garantieren zu können.

Da es aufgrund unserer besonderen Location in diesem Jahr keine Benefizgala im Rahmen des Klassentreffens geben wird, wie es Tradition ist, könnt ihr eure Ehemaligen-Spende bereits während der Fahrt in den Topf werfen, um den künftigen Rosenberg-Stipendiaten einen guten Start in eine erfolgreiche Zukunft zu ermöglichen.

Bitte teilt mir schnellstmöglich mit, ob ich euch einplanen kann und mit wem ihr einen Schlafwaggon teilen wollt.

Ich freue mich auf euch alle! Falls ihr noch Fragen oder Sicherheitsbedenken habt, meldet euch bei mir oder Étienne. Wir sind uns sicher, dass wir alles klären können. Bis bald. Cecily Clarkson«, beendet Tatjana die Vorlesestunde. »Sie klingt gar nicht so böse.«

Ich reagiere nicht, weshalb Tatjana fortfährt.

»Ich habe von dem Zug gelesen und Konzeptzeichnungen gesehen, es ist ja alles streng geheim und er ist bei Testfahrten beklebt wie ein Erlkönig. Aber an Bord gibt es einfach alles: vom Casino, über ein Kino bis zum Spa. In einem Zug!«

»Ich habe kein Interesse«, sage ich und meine es auch so. »Ein Zug, der hundert Stunden ohne Halt durchfährt mit den ehemaligen Rosenbergern an Bord, ist der letzte Ort, wo ich sein will. Im Vergleich dazu klingt das Internat selbst ja wieder geradezu einladend.«

Tatjana hat bereits das Gossip-Fieber gepackt. »Dass Étienne Miroit, der Étienne Miroit, mit dir auf der Schule war, ist der pure Wahnsinn. Du hast ja immer mal wieder Namen fallen lassen, aber außer dem Hottie ist niemand hängen geblieben.«

Ich schnaube. »Warum nur war mir klar, dass du dich ausgerechnet an Aarón erinnern würdest?«

»Er ist auf der Liste der zehn heißesten Junggesellen Europas!«

»Spaniens!«, korrigiere ich sie. »Und mit hot verbinde ich ihn definitiv nicht. Nur mit anstrengend besserwisserisch und illoyal.«

Tatjana schenkt mir einen Blick, der irgendwo zwischen vorwurfsvoll und angriffslustig liegt. »Du hängst noch viel zu sehr an den alten Geschichten. Ich an deiner Stelle würde den Erben von Gente Importante wahnsinnig gerne mal live sehen. Er hat sich in den letzten Jahren entwickelt.«

»Glaub nicht immer alles, was die Presse schreibt.« Ich verdränge die Bilder einschlägiger Boulevardseiten, unscharfe Paparazzi-Aufnahmen von Aarón, die mir immer wieder bei meiner Arbeit begegnen.

»Hast du ihn dir mal genau angesehen?« Tatjanas Stimme überschlägt sich fast.

»Eine hübsche Verpackung ist nicht alles«, grummele ich und denke an den Typen zurück, der mich stets bis aufs Äußerste getriezt hat, nur weil er nicht einsehen konnte, dass jemand auch nur einen halben Punkt besser war als er. Und der mich trotz unserer Frenemy-Beziehung, die ich fast für so etwas wie Freundschaft gehalten hätte, nach jener Nacht gemieden hat wie alle anderen. »Außerdem hast du mir von seinen … Vorlieben erzählt.«

Nun rümpft Tatjana die Nase. »Ich denke, das war nur üble Nachrede.«

»Von mehreren Frauen?«

»Ja! Schließlich behaupten alle, Verschwiegenheitserklärungen unterschrieben zu haben. Wie können sie dann gleichzeitig die Wahrheit sagen?«

»Indem sie das verdammte Formular und die Konsequenzen nicht beachten und stattdessen lieber andere Frauen davor warnen, auf was sie sich bei Aarón Juez einlassen?«

Tatjana zögert, sagt dann jedoch: »Es klang nie so, als würden sie warnen, sondern eher, als würden sie schwärmen.«

»Davon, dass Aaróns Bodyguard am Bildschirm zusieht, während sie Sex haben? Nein, danke!« Wie exhibitionistisch veranlagt kann man denn sein?

Tatjana atmet tief durch. Es macht wohl keinen Sinn, weiter mit ihr zu diskutieren. Sie war weder mit Aarón noch mit all den anderen High-Society-Kids an der Schule. Sie weiß nicht, wie es ist, unter diesen Haien zu leben, die jede Schwäche aus kilometerweiter Entfernung wittern. Die eine wahre Hetzkampagne starteten, nur weil ich nach dem von ihnen forcierten Rauswurf meiner Mutter weiter dort unterrichtet werden durfte. Ich hole tief Luft und schiebe die Gedanken so weit weg wie möglich.

»Ich klappere jetzt die Kunden der letzten Kampagnen ab und frage, ob sie Interesse an einer neuen Zusammenarbeit haben«, beende ich das Gespräch über mein Klassentreffen. Ich werde einen Ausweg aus unserer derzeitigen Lage finden. Und dafür brauche ich meine Abschlussklasse nicht.

2Aarón

»Aarón Tomás Frederico Juez!«

Ich hätte den Anruf nicht annehmen sollen, dios mío! Inés klingt wie meine Abuela, dabei ist sie nur ein Drittel so alt.

»Wo. Zur. Hölle. Steckst. Du?«, dringt Inés’ Stimme viel zu laut aus dem Handy – selbst ohne Lautsprecher.

Ich halte mein Telefon auf Armlänge entfernt, damit es nicht ganz so stark hinter meinen Schläfen hämmert. Ich hatte nur drei Drinks, war nicht mal wirklich betrunken. Ich betrinke mich niemals. Jetzt fällt mir aber wieder ein, warum ich diese verdammten Zucker-Alkohol-Gemische nicht mag. Mit klarem Whisky wäre ich jetzt topfit. Stattdessen fühle ich mich wie ein Teenager nach seiner ersten Party und bin nur zu einem Grummeln in der Lage, während sich der Nebel langsam lichtet, der über meinen Erinnerungen zur vergangenen Nacht hängt. Dieser Club in Barcelona …

»Ich bin in Barcelona«, gebe ich an Inés weiter und bete, dass sie jetzt Ruhe gibt. »Warum hast du nicht die Security gefragt?«

Sie ist meine Assistentin, sie sollte mir Dinge abnehmen, statt mit mir zu reden, als wäre sie meine Großmutter!

»In Barcelona?« Sie klingt nicht sehr zufrieden und schon gar nicht ruhig. »Was zur Hölle tust du in Barcelona, wenn in rund zwei Stunden das Board Meeting beginnt? In Madrid, nicht in Barcelona!«, fügt sie mit Nachdruck hinzu.

Weitere Bilder der vergangenen Nacht tauchen aus dem Dunkel meines Halbschlafs auf, während ich mir die Augen reibe und mich im Bett aufsetze. Ich bin in einem der von unserer örtlichen Zweigstelle dauerreservierten Gästezimmer im Le Méridien, in das ich kurzfristig eingecheckt habe. Es ist nicht die Präsidentensuite, die ich normalerweise hier bewohne, aber auch die Alternative ist großzügig und hell dekoriert, der Fernseher an der Wand gegenüber zeigt noch immer den Nachrichtenkanal, den ich in der Nacht angewählt habe. Ich rekapituliere den Vorabend, während ich die in weiser Voraussicht auf dem Nachttisch platzierte Aspirin schlucke und mit einem halben Liter Wasser nachspüle. Ich war in dieser angesagten Bar in Madrid, nicht weit von meinem Penthouse entfernt. Und dann diese Frau, die meinte, sie wäre Barkeeperin … Ein kurzer Flug mit dem Privatjet später haben wir ihren Club in Barcelona besucht, und ich musste ihre widerlich süßen Kreationen kosten. Aber schließlich habe ich allen Grund zum Feiern – denn heute bekomme ich offiziell den Schlüssel zum Familienimperium überreicht. Meine Probezeit als CEO von Gente Importante, dem Mutterkonzern des weltweit florierenden Luxuslabels G.I., endet endlich. Es war ein harter Kampf. Einige der älteren Vorstandsmitglieder sehen nicht gerne jemanden unter dreißig auf dem Chefsessel als Nachfolger meiner Großmutter, aber ich konnte mit meiner raketenmäßigen Umsatzsteigerung in Teilbereichen des Verkaufs auch die eingestaubtesten Anzugträger überzeugen. Noch heute Abend wird es Abuela bei der Firmenfeier offiziell machen. Ich habe Inés bereits beauftragt, meine erste Pressemitteilung als CEO von Gente Importante vorzubereiten.

»Es ist eine Firmenfeier«, grummle ich zusammenhanglos.

»Wie bitte?«, ruft sie, und ich zucke erneut zusammen.

Ich schnaufe angestrengt. »Es ist kein Board Meeting, es ist eine Party.«

»Willst du mich verarschen?«

Ich jaule beinahe auf vor Schmerzen, weil ihre Lautstärke denselben Effekt hat wie zig Hammerschläge auf meinen Schädel.

»Sorry«, entschuldige ich mich. »Ich bin noch am Aufwachen.« Und warte, dass die verfluchte Aspirin wirkt.

»Es ist zwei Uhr nachmittags. Mach dich fertig. Jemand holt dich in dreißig Minuten ab.«

»Woher weißt du, wo ich bin?«

»Ortungsfunktion. Denkst du ernsthaft, nach allem, was passiert ist, tracke ich dich nicht?«

»Wieso fragst du mich dann, wo ich bin, wenn du es doch genau weißt?«

»Ich wollte schon immer jemanden anbrüllen, wo er steckt.« Die breiten Vokale lassen mich ihr Grinsen erahnen. »Und weil ich in meinem Job keine Zeit für eine Lebensgefährtin habe, musstest du dran glauben«, informiert sie mich in sachlichem Ton weiter.

»Du bist ein schrecklicher Mensch.« Ich strecke mich ausgiebig, dehne einen Muskel nach dem anderen. »Warum habe ich dich noch gleich zu meiner persönlichen Assistentin gemacht, wenn du so fies zu mir bist?«

»Weil ich die Allerbeste bin!« Sie singt die Antwort so fröhlich, als wäre sie eine verdammte Disneyprinzessin.

Ich kommentiere ihre Selbstüberzeugung nur mit einem Schnauben, denn sie hat recht. Sie ist die beste Assistentin, die ich mir vorstellen kann.

»Der Portier wird dir gleich einen Smoking samt Hemd bringen. Wehe du tauchst hier mit auch nur einem geöffneten Knopf auf.«

Ich verdrehe die Augen. »Sí, Abuela.«

»Awwww! Das ist wohl das netteste Kompliment, das ich je aus deinem Mund gehört habe. Gracias!«

Ich stoße mehr schnaubend als sprechend ein De nada aus, das sie nicht mehr hört, weil sie das Gespräch bereits beendet hat.

Mit einem tiefen Atemzug schiebe ich mich an den Rand der Matratze und stehe auf. Auf dem Weg zum Badezimmer wird mir mit jedem Sauerstoffmolekül bewusster, dass sich heute mein Traum erfüllen wird. Das gesamte letzte Jahr lang habe ich mich gegen meine firmeninternen Konkurrenten um den CEO-Posten durchgesetzt, allesamt vielversprechende, erfolgreiche Mitarbeiter auf verschiedenen weltweiten Positionen im Unternehmen.

Meine Großmutter ist der Meinung, dass ich kein größeres Recht auf ihre Nachfolge habe als alle anderen, nur weil ihre Großeltern Gente Importante gegründet haben und sie die letzten Dekaden auf dem Firmenthron saß. Also habe ich mir den Arsch aufgerissen, gefühlt achtundvierzig Stunden pro Tag gearbeitet und eine Konkurrenz nach der anderen ausgeknockt.

Jetzt bin ich Großmutters ganzer Stolz, zumindest behauptet sie das. Ein Seitenhieb gegen meinen Vater, der nie die Ambition hatte, mehr mit Gente Importante zu tun zu haben als die jährlichen Ausschüttungen aus seinen Anteilen am Familienimperium einzustreichen. Im Gegenteil. Nach Mamás Tod wurde er zum schwarzen Schaf der Familie. Abuelas Assistent ist fast ausschließlich damit beschäftigt, Papás Aktionen aus der Presse herauszuhalten. Zwischen stark alkoholisierten Eskapaden auf der Rennbahn über illegales Glücksspiel bis zu nebulösen Geschäften, um seine Verluste auszugleichen, gibt es genug zu tun, wann immer ein Reporter ihn auf meine Mutter anspricht. Abuela sagte mir schon sehr früh, dass seine Abweisung mir und allen anderen gegenüber nicht an mir läge, sondern dass er nie über seine große Liebe Lucía hinwegkam und sich selbst so sehr hasst, dass er sich jeden Tag seines Lebens dafür bestraft.

Es klopft an der Tür und ich öffne sie mit einer der im Badezimmer bereitgestellten Zahnbürsten im Mund. Wie versprochen steht ein Hotelangestellter mit einem Kleidersack über dem Arm vor der Tür. Ich will ihm meine Kleidung mit der freien Hand abnehmen, doch der Mann weicht zurück und sieht mich zögernd an. Ich verenge die Augen und gestikuliere ihm mit der freien Hand zu sprechen. Mit Zahnbürste im Mund bleibt mir kaum eine andere Wahl. Der Typ druckst noch eine elendig lange Minute herum, ehe er endlich den Mund aufmacht.

»Die Strecke zum Flughafen ist aufgrund einer Demonstration stellenweise gesperrt. Sie werden mehr Zeit benötigen.«

»Fuck!«, stoße ich mit Zahnpasta aus, und der Mann erbleicht. Er sieht mich entschuldigend an, als wäre er persönlich für die Demonstration verantwortlich. Sicherheitshalber weicht er einen Schritt zurück.

»Ihr Wagen steht auf Wunsch bereit.«

So wird es tatsächlich schwierig, rechtzeitig in Madrid zu sein. Ich reiße dem Mann meinen Smoking aus der Hand und rufe ihm auf dem Weg zum Badezimmer zu, er soll den Wagen direkt vorfahren lassen. Er murmelt sein Einverständnis, während ich meinen Mund ausspüle, dabei mein Hemd von gestern aufknöpfe und mich innerhalb weniger Minuten in einen Vorzeige-CEO verwandle. Anstatt den Fahrstuhl zu nehmen, sprinte ich die Treppe daneben hinab und wähle Inés’ Nummer.

»Was ist passiert?«, fragt sie statt einer Begrüßung.

»Auf der Strecke zum Flughafen gibt es anscheinend Probleme. Ich versuche trotzdem, pünktlich zu sein. Gib bitte dem Piloten Bescheid und halte Abuela hin.«

Sie stößt ein paar Flüche aus. »Wieso bist du auch am Abend vor dem wichtigsten Termin deines Lebens nach Barcelona geflogen! Ich habe zig Google Alerts von dir mit dieser Barkeeperin beim Feiern. Ihr Club wird nun den Umsatz des Jahrhunderts machen, und der Vorstand scharrt schon mit den Hufen, dich nachher zusammenzustauchen.«

»Bist du fertig mit Vorwürfen?«

»Ja. Aber was, wenn sie …«

»Ich bin bestätigt. Was wollen sie denn tun? Ist ja nicht so, dass ich mich danebenbenommen hätte. Ich halte mich an all ihre Regeln.« Mein Ton lässt keinen Raum für Erwiderung. Ich kenne die alte Leier. »Aarón, alles, was du tust, bildet nicht nur eine Meinung über dich, sondern auch über das Unternehmen.« »Diese Frauengeschichten, Aarón. Du solltest dafür sorgen, dass sie schweigen. Hier ist ein Formular, das unsere Anwälte aufgesetzt haben und das die Frauen zwingt, Stillschweigen über deine … Vorlieben zu bewahren.«

Wenn die nur alle wüssten. Ich hätte gestern dennoch eine Ausnahme machen sollen und einfach mit einem guten Buch und einem teuren Whisky in meinem Penthouse das Ende meiner Probezeit feiern sollen. Fuck my life!

»Ich hole dich vom Flughafen ab und gebe deiner Großmutter Bescheid, damit sie den Vorstand noch etwas hinhält.«

»Gracias!«

Rund neunzig Minuten später steige ich nach dem schnellsten Flug des Jahrtausends neben ihr in die schwarze Limousine. Kaum dass wir die Türen geschlossen haben, gibt der Fahrer Vollgas.

»Ich mache mir in letzter Zeit Sorgen um dich«, sagt Inés und tippt nervös mit dem Fingernagel auf das ausgeschaltete Handy auf ihrem Schoß.

»Es ist alles gut«, versuche ich sie erneut zum Schweigen zu bringen, doch sie lässt sich nicht so leicht beruhigen.

»Nein, das ist es nicht, verdammt! Aarón, ich merke, dass du kurz vorm Durchdrehen bist. Der Run um den Job, deine privaten Eskalationen …«

Ich begegne ihrem vorwurfsvollen Blick voller gespielter Gelassenheit. »Ich dachte immer, du urteilst nicht wie sie.« Sie weiß, dass ich den Vorstand und meine Abuela meine.

»Das tue ich nicht. Aber je mehr Druck sie dir machen, desto mehr scheinst du zu rebellieren. Wie ein bockiger Teenager.«

»Soll ich mich etwa zu Hause einsperren?«, presse ich hervor. »Es würde mich schwach aussehen lassen und der Vorstand hasst so was genauso.«

»Willkommen zum heutigen Beitrag über toxische Männlichkeit und unserem Stargast Aarón Juez«, sagt Inés mit ihrer besten Imitation einer Reporterin und entlockt mir damit ein Grunzen.

»Nach dem heutigen Abend kann mir der Vorstand nichts mehr vorschreiben«, beschließe ich, lehne mich zurück und starre stur aus dem Fenster. »Ich habe jetzt den CEO-Posten und muss nicht mehr um ihre Stimmen betteln.«

»Das ist keine Lösung, das weißt du, oder?«

Ich zucke mit den Schultern, aber meine Zähne geben ein mahlendes Geräusch von sich, das in meinen Ohren so laut klingt, dass auch Inés es hören muss. Doch ich lasse nicht zu, dass mich die Erinnerungen an damals einholen. Oder die Zeit mit Anastacia. Und wenn ich dafür einen Krampf in meiner Kiefermuskulatur bekomme, ertrage ich ihn gerne.

Nur der Ignoranz unseres Fahrers sämtlichen Verkehrsregeln gegenüber ist es zu verdanken, dass wir mit nur zehn Minuten Verspätung vor einem Torbogen mit aufwendig gestaltetem Metalltor in der Calle de Alcalá anhalten. Für das prunkvolle Firmenevent wurde natürlich einer der elitärsten Orte der spanischen Hauptstadt gebucht: das Casino de Madrid. Durch die verschiedenen architektonischen Stile, darunter Neo-Barock und Neo-Renaissance sieht das Bauwerk älter aus, als seine Erbauung im 19. Jahrhundert vermuten lassen würde. Dennoch gehört das Gebäude mit seiner eindrucksvollen Fassade und dem noch beeindruckenderen Inneren zu meinen liebsten Locations der Stadt.

»Ich fühle mich jedes Mal, als würde ich in ein Wurmloch fallen«, bemerkt Inés beim Betreten der imposanten Empfangshalle aus Marmor, Gold und weitläufigen Treppen mit rotem Teppich. Von weit über unseren Köpfen aus leuchten funkelnde Kronleuchter auf die zahlreichen Gäste hinab.

»Niemand fällt in Wurmlöcher«, erwidere ich. »Sollte die Wissenschaft wirklich eines Tages eine Einstein-Rosen-Brücke erschaffen, dann wird das sicher in einem Labor passieren und nirgendwo, wo du zufällig hineinfallen könntest.«

Inés erdolcht mich mit ihrem Blick. »Hat dir deine Großmutter nie gesagt, dass niemand Klugscheißer mag?«

»Weil es nicht stimmt«, beharre ich.

»Wenn du das sagst.« Sie verdreht die Augen. »Jetzt misch dich unter das gemeine nicht besserwisserische Volk und lass dich feiern. Ich bespreche mit Sergio den weiteren Ablauf.«

Ich empfinde tiefes Mitleid für Inés. Abuelas Assistenten kenne ich seit Kindertagen, habe den Mann aber noch kein einziges Mal lachen sehen. Früher war ich überzeugt davon, dass er ein Roboter sein muss, und wahnsinnig enttäuscht, als ich Zeuge davon wurde, wie er nach einem Messerschnitt plötzlich blutete.

»Schade, dass du es doch noch geschafft hast«, erklingt hinter mir eine schleppende Stimme, kaum dass Inés außer Sicht ist. Am liebsten würde ich ihn ignorieren und Jorge Dominges einfach stehen lassen, aber er würde mich sofort bei Abuela verpetzen. Er ist zwar vier Jahre älter als ich, benimmt sich aber immer noch wie der verzogene Teenager, der er als Adelssprössling einmal war.

Ich atme tief durch und setze ein Lächeln auf, das mir beim Gedanken, dass ich ihn im Kampf um den CEO-Posten besiegt habe, sogar recht gut gelingt. Dann drehe ich mich um. »Als CEO hat man zahlreiche Verpflichtungen, wie du dir sicher vorstellen kannst.«

Sein falsches Lächeln fällt sofort in sich zusammen, während meins wächst. Ich sehe, dass er Mühe hat, den Blick auf mich zu fokussieren. Das leere Glas in der Hand war wohl nicht sein erster Champagner heute Abend. »Noch bist du nicht CEO, Juez.«

»Aber so gut wie.« Ich sehe demonstrativ auf meine Patek Philippe am Handgelenk. »Innerhalb der nächsten halben Stunde wird meine Großmutter dort oben stehen und es der ganzen Belegschaft verkünden.« Ich deute auf den kleinen Balkon zwischen den unteren Stockwerken, auf die man über die breiten geschwungenen Treppen gelangt.

Wäre Jorge ein Drache, würde jetzt vermutlich Rauch aus seiner Nase quellen. Er wirft mir einen letzten mörderischen Blick zu, ehe er in die Menge eintaucht. Der finale Schlag gegen meinen größten Kontrahenten sorgt noch immer für tiefe Zufriedenheit in meinem Inneren. Jorge ist der größte Arsch, den man sich vorstellen kann. Er geht über Leichen, um sich einen Vorteil zu verschaffen, und scheint das Wort Nein nicht zu kennen, als hätte man dem armen kleinen Nachwuchs des Marqués von Irgendwo einfach alles durchgehen lassen. Solche Personen haben bei Gente Importante eigentlich keinen Platz, aber er schaffte es in der Vergangenheit immer, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen und andere in das schlechte Licht zu rücken, für das er gesorgt hat. Er ist ein doppelzüngiges Aas. Im betrunkenen Zustand gibt er nicht einmal vor, der nette Typ zu sein, den er sonst zur Schau stellt. Ich würde ihm zutrauen, dass er die Demonstration in Barcelona selbst angezettelt hat, nur damit ich zu spät komme.

Ich schüttle den Kopf, sowohl zum Verneinen wie auch, um die negativen Gedanken zu vertreiben. Einmal tief durchatmen, ein Lächeln aufgesetzt, und ab ins Getümmel. Dies ist der letzte Abend, an dem ich mich bei anderen einschleimen muss.

Ein Kellner bietet mir ein Glas Champagner an, und ich nehme es dankbar an, bevor ich von einer Gruppe zur nächsten wandere und wie von Inés gefordert Small Talk halte. Neben der gesamten Belegschaft des lokalen Mutterkonzerns sind auch die Führungskräfte der anderen weltweiten Häuser von Gente Importante, die wichtigsten unserer Partner, solche, die es werden sollen, und natürlich der Vorstand anwesend. Plus all die VIPs: Kunden und deren Familien, die sich durch ihre hohen Umsätze ein Ticket für diese Gala gesichert haben. Was bedeutet: Niemand, der irgendwie Rang und Namen hat, lässt sich dieses jährliche Event entgehen, und auch wenn ich Networking hasse, nutze ich meine Chance und schüttle wichtige Hände, lächle, bis die Wangen schmerzen, und lache über schlechte Witze.

Ich komme pünktlich am Fuß der geschwungenen Treppe an, die zu beiden Seiten des großen Saals auf den Zwischenbalkon führt. Am oberen Ende der Stufen plaudert meine Großmutter mit zwei Vorstandsmitgliedern – den beiden größten Anteilseignern jenseits der Familie. In wenigen Sekunden wird sie an ihrer Seite den Führungswechsel bekannt geben und mich offiziell zum neuen CEO des Fortune 500 Unternehmens Gente Importante ernennen. Genau so sollte es Inés in der vorbereiteten Pressemitteilung schreiben.

Als hätte ich sie mit dem Gedanken heraufbeschworen, erklingt Inés’ Stimme aus einer von einem dekorativen Vorhang halb verdeckten Nische neben dem Aufgang, in der die Technik für die Lautsprecheranlage steckt. Vermutlich bereitet sie die Mikrofone für meinen großen Moment vor. Ich habe Inés vorhin hinter den Vorhang schlüpfen sehen.

»Lass verdammt noch mal deine dreckigen Finger bei dir, Jorge!« Eiseskälte überkommt mich, und meine Brust schnürt sich zu. »Du hast hier nichts zu suchen. Verschwinde!«

Der Raum um mich dreht sich, die Gäste verschwimmen zu einem überwiegend schwarz-weißen Aquarell, während mich die Erinnerungen überfluten. Ich bin wieder der Neunjährige, dem man die Ohren zuhält, damit er die grausamen Details über Mamás Tod nicht mitbekommt, und mit dem dann die Fantasie durchgeht. Eine dunkle Gasse, eine Frau, deren Schreie ungehört bleiben, das Blut. So viel Blut.

Ich handle, ohne nachzudenken. Sehe meine Mutter vor mir statt Inés – und meine Chance, die Geschehnisse zu verändern. Mit fünf langen Schritten bin ich bei Jorge angekommen, der Inés in die Nische gedrängt haben muss. Ich packe ihn am Stoff seines maßgeschneiderten Jacketts und reiße ihn von ihr weg.

»Was verflucht noch mal soll das, Juez?«, wagt er, sich zu beschweren, und zupft seinen Anzug zurecht. Er hat dem Atem nach seit unserer letzten Begegnung wohl noch ein paar Gläser mehr geleert.

Aber nicht nur deshalb hat er keine Antwort verdient. Ich baue mich mit zuckenden Fingern vor ihm auf, was in der Regel schon genügt, dass mein Gegenüber die Flucht ergreift. Doch Jorge ist nicht so klug.

»Es war doch nur Spaß und ihr Hintern in dem kurzen Rock. Mmmmh. Sich in dem Teil zu bücken, kam einer Einladung glei…«

Noch während Inés »Nein, er ist es nicht wert« schreit und auf mich zustürmt, ramme ich ihm die Faust ins Gesicht. Das Knacken seines Nasenbeins hallt im gesamten Festsaal wider. Doch es reicht nicht. Ich schlage noch einmal zu. Meine Wut auf ihn mischt sich mit der Wut auf alle Typen wie ihn, die ein Nein nicht akzeptieren und sich von Frauen nehmen, was sie wollen. Ich denke an meine Mutter, an das, was ihr angetan wurde und dass ihr niemand beigestanden, ihr geholfen hat. Bis es zu spät war. Ich schlage weiter. Spüre die Feuchtigkeit an meinen Händen, als mich jemand von Jorge wegzerrt. Blut. Überall Blut. Wie damals.

Die Erinnerung lässt mich zurücktaumeln. Ich stolpere gegen die Person, die mich von Jorge fernhalten will. Im Saal sind alle wie erstarrt. Nach einem kurzen Moment absoluter Stille, in der die Zeit reglos zu verharren scheint, erreichen mich die ersten schockierten Ausrufe und das Rascheln von Menschen, die ihren Kindern die Augen zuhalten, die garantiert groß genug sind, um auf Handys im Pausenhof schon Schlimmeres gesehen zu haben. Es folgt ersticktes Aufkeuchen, ehe sich das Zischen von Geflüster mit dem tiefen Brummen von leisen Antworten zu einem Crescendo aufbaut, das den gesamten Raum bis zur hohen Decke füllt.

Ich sehe von Jorge, dem Blut aus der Nase auf die Lippe tropft, zu Inés, die noch immer ihren Arm ausgestreckt hat, um mich aufzuhalten. Dann weiter den roten Teppich der Marmortreppe hinauf bis zu Abuela, deren eben noch strahlend glücklichen Gesichtszüge nun zu einem missbilligenden Ausdruck zusammengefallen sind. Mehr und mehr wird mir klar, dass alles, wofür ich mein Leben lang gearbeitet habe, dahin ist. Die beiden Vorstände neben meiner Großmutter reden wild gestikulierend auf sie ein. Es ist eindeutig, dass sie Abuela nicht gerade zur Verwandtschaft mit mir beglückwünschen. Irgendwann sieht die amtierende CEO von Gente Importante kurz zu mir und schüttelt kaum merklich den Kopf und mein Traum zerplatzt endgültig. Jorge lächelt breiter als jemals zuvor und zeigt mir dabei seine vom Blut roten Zähne. Am liebsten würde ich ihm dafür direkt noch einmal eine verpassen.

3Lara

»Hast du gelesen, was gestern bei dieser Party von Gente Importante abging?« Tatjana stürmt in unsere kleine Büroküche und ich erschrecke so sehr, dass ich beinahe meine fliederfarbene Kaffeetasse mit dem 1NFLUENCED-Logo fallen lasse. Stattdessen verschütte ich das Getränk nur über meine weiße Bluse. Perfekt. Endlich die passende Kleidung zu meiner angeschlagenen Stimmung.

Seit der Einladung zum Klassentreffen scheint es, als hätte es die vergangenen zehn Jahre nach meinem Abschluss nicht gegeben, als hätte ich mich nicht von allem distanziert, damit abgeschlossen und wäre weitergewandert. All ihre Worte, die üblen Nachreden und wildesten Anschuldigungen habe ich so präsent im Kopf. Sie tauchen immer wieder plötzlich auf wie der Ohrwurm eines schlechten Songs.

Schlampe.

Betrügerin.

Mörderin.

Die Anschuldigungen schwirren ganz weit hinten in meinem Kopf umher und wann immer es zu still ist und meine Gedanken kreisen, kann ich sie hören. Am schlimmsten ist es in den Nächten, ganz gleich, wie todmüde ich bin. Letzte Nacht war es wieder schlimmer, weil gestern eine Erinnerungsmail von Cecily kam, die mich mit dem Anhang unseres alten Klassenfotos erneut mit allem konfrontiert hat, das ich zu verdrängen versucht habe. Ich habe kaum geschlafen, sondern mich stattdessen nur endlos herumgewälzt.

»Erde an Lara.« Tatjana schnippt mit den Fingern vor meinem Gesicht und ich wache aus dem üblen Tagtraum auf, in dem ich schon den ganzen Vormittag versunken war.

»Ich habe gesagt, es tut mir leid«, sagt Tatjana, deutet auf die Sauerei auf meiner Brust und beginnt, mich mit einem Stück Papiertuch abzutupfen.

Zum Glück haben wir heute keinen Kundentermin. Es hat auch Vorteile, auf dem absteigenden Ast zu sitzen.

Heute wollen Tatjana und ich ein kleines Luxus-Wochenende der Extraklasse planen, um unsere besten Influencer bei Laune zu halten und mit anderen Agenturen mitzuhalten. Hierfür haben wir letzte Woche das stark verbesserte Angebot des Schrottkleidungshändlers weitergeleitet, um zu fragen, ob jemand – trotz Vorbehalten – Interesse an schnellen Einnahmen hätte. Ein paar der Microinfluencer, die wir vertreten, haben bereits zugesagt und die Provision ist schon auf unserem Firmenkonto.

»Ich wollte dich nicht erschrecken.« Tatjana sieht mich zerknirscht an und gähnt dann. Sie ist vor Mittag nur selten richtig wach, weshalb ich die Frühschicht in der Agentur übernehme, sie die Spätschicht.

»Na, das hoffe ich doch«, gebe ich mit dem Versuch eines Lächelns zurück. Dann schaue ich mir meine beste Freundin genauer an. Sie trägt noch dieselben Klamotten wie gestern, nur etwas zerknitterter. Ein sehr messy Messybun und schlecht abgeschminkte Mascara vervollständigen den Look, was heißt: »Die Afterworkparty ging offenbar ziemlich lange! Her mit den Details!«

Tatjana schließt genießerisch die Augen. »Eine Lady genießt und schweigt.«

Ich warte ein paar Sekunden ab, bis sie herausplatzt: »Malte ist der Barkeeper, von dem ich gestern erzählt habe. Schon letzte Woche hat er deutlich gemacht, dass er mir gerne noch mehr als Cocktails anbieten würde. Ich hab dir sein Profil gezeigt, weißt du noch?«

Sie wartet mein Nicken nicht mal ab.

»Du glaubst gar nicht, wie gut sein Bizeps erst aussieht, wenn er meine Hüfte auf sich bewegt und nicht den Shaker schüttelt.« Sie zuckt mit den Augenbrauen und grinst.

»Erzähl mir mehr!«, verlange ich.

»Das hättest du wohl gerne.«

»Und ob! Ich bin seit Ewigkeiten Single, dein Sex ist mein Sex.«

Tatjana rümpft die Nase und ich verdrehe die Augen.

»Du weißt schon, wie in den Liebesromanen. Die arme beste Freundin der Heldin, die niemand will.«

»Als hättest du keinen Sex, wenn du irgendwann mal ausgehen würdest! Lass uns doch feiern, dass endlich mal wieder Geld auf dem Firmenkonto eingegangen ist. Dann hätte auch deine sexlose Zeit ein Ende.«

Darauf antworte ich nur mit einem Seufzen.

Tatjana gähnt erneut so ausgiebig, dass sie mich damit ansteckt. Ich fische eine Kaffeetasse aus dem Schrank, stelle sie unter den Vollautomaten und drücke den Startknopf. Verträumt schaut sie zu, wie die dunkle Flüssigkeit in die Tasse rinnt.

Nach dem ersten Schluck dreht sie sich um und fängt meinen Blick ein. »Es tut mir leid wegen gestern. Diesem Reminder an die Reunion. Ich wollte dich nicht drängen, es dir noch einmal zu überlegen. Beste Freundinnen?« Sie streckt mir ihren Zeigefinger hin.

Nachdem wir uns auf der Uni angefreundet hatten, saßen wir in einem Café, wo zwei junge Mädchen einen heftigen Streit hatten. Nachdem sie sich versöhnten, besiegelten sie ihre ewige Freundschaft mit dem Ineinanderhaken der Zeigefinger. Wir fanden die Geste süß und haben sie adaptiert. Meine Mundwinkel bemühen sich um eine zarte kleine Krümmung nach oben.

»Schon gut.« Ich reiche ihr meinen Finger und sie schlingt ihren um meinen, sieht mich dabei forschend an. Irgendwann nickt sie zufrieden und akzeptiert wortlos, dass ich nicht weiter darüber reden will.

»Gab es weitere Rückmeldungen zur Schrottkampagne?«, fragt sie auf dem Weg in unser gemeinsames Büro. Zwei der größeren Talente haben vorgestern ebenfalls trotz aller Warnungen vor solchen Kampagnen noch am selben Tag zugegriffen, das schnelle Geld war wohl zu verlockend. Die Produkte sind schon auf dem Weg zu ihnen.

»Bisher nicht. Vermutlich wägen alle anderen die sichere Einnahme ebenso gegen den Verlust ihrer Glaubhaftigkeit ab wie wir.«

»Und wir wollen das Wellnesswochenende trotzdem durchziehen?« Tatjana schaltet ihren Computer an, bleibt aber stehen, damit wir uns über die Bildschirme hinweg besser unterhalten können, während sie ihren Kaffee trinkt.

»Wir müssen«, erwidere ich mit so fester Stimme wie möglich.

»Die Mädels – und Max – erwarten Luxus und Glitzer pur.«

»Ich weiß.« Ich seufze und lege nach. »Aber wir werden es schaffen.«

»Ich hoffe es.« Tränen schimmern in Tatjanas Augen. Sie liebt unsere Agentur genauso wie ich. Sowohl die gemeinsame Arbeit als auch die kreativen Menschen, mit denen wir zu tun haben. Sollten wir die Agentur verlieren, könnte ich mir nicht einmal die Miete meiner Wohnung in der Münchener Innenstadt leisten, um mir einen anderen Job zu suchen. Tatjana könnte weiter in der Eigentumswohnung ihrer Eltern leben.

»Aber jetzt Schluss mit Jammern. Wir denken positiv und warten die weiteren Rückmeldungen der Talente ab. Daher zurück zum Gossip. Hast du mitbekommen, was gestern in Madrid los war?« Tatjana schubst mit nur wenigen Worten die dunkle Wolke über meinem Kopf zur Seite und bringt mich sogar zum Lächeln.

»Ähm … nein.« Ich überlege fieberhaft, was sie genau gesagt hat, als sie in die Küche gestürmt ist, aber ich kann mich nicht erinnern.

»Gente Importante«, hilft sie mir auf die Sprünge.

Ich blinzele noch immer ahnungslos. Über Gente Importante, kurz G.I. weiß ich genau Bescheid: Die Firma ist das europäische Luxuslabel in Sachen Mode, Parfüm und Accessoires und gehört der Familie des besserwisserischeren »Hottie« Aarón Juez. Aaróns Großmutter regiert das Luxuskönigreich seit über fünfzig Jahren.

»Das heißt wohl Nein«, schlussfolgert Tatjana.

Ich zucke mit den Schultern, habe das Gefühl, mich für meine Unwissenheit entschuldigen zu müssen. Tatjana ist immer, wirklich immer über alles informiert. Schon zu Unizeiten hat sie jeden Gossip in sich aufgesaugt wie ein Schwamm.

»Gestern fand im Casino de Madrid die Gala zur Ernennung des neuen CEOs von Gente Importante statt«, beginnt sie enthusiastisch, und ich bereite mich innerlich schon auf einen ausführlichen Bericht vor. Doch sie runzelt die Stirn. »Du weißt, dass Gente Importante Aarón Juez’ Fami…«

»Ich interessiere mich nicht für Gossip, lebe aber nicht hinterm Mond«, werfe ich ein, und sie nickt eifrig, ehe sie fortfährt.

»Er hätte als Nachfolger seiner Großmutter als CEO bestätigt werden sollen, stattdessen hat er seinem ehemals stärksten Konkurrenten nicht nur die Nase gebrochen, sondern wild auf ihn eingeprügelt. Der Skandal schlägt noch immer Wellen, das ganze Netz ist voll davon. Ich meine, es waren einfach alle da. Alle! Und der Hottie prügelt sich in seinem maßgeschneiderten Smoking.« Ihre Mimik spricht von ehrlicher Fassungslosigkeit. »Ich meine, falls die Eltern von reichen Kindern es versäumen, hat man euch sicher auf dem Internat beigebracht, die ›Contenance zu bewahren‹.« Sie imitiert einen vage italienischen Akzent und klingt dabei tatsächlich wie unsere Benimmlehrerin Signora Visconti, von der ich ihr erzählt habe – inklusive nasalem Unterton.

»Vergiss nicht die Anweisung, ›nie schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit zu waschen‹«, erwidere ich, was Tatjana tierisch freut.

»Offenbar hat der Hottie diese Lektionen geschwänzt.« Sie seufzt, als hätte Aarón sie damit persönlich beleidigt.

»Im Gegenteil. Er war wie in fast allem anderen der Beste.«

»Du solltest dir die Berichte ansehen. So etwas derangiert – und von der Presse vor Ort direkt hochauflösend eingefangen – sieht er noch heißer aus als auf den Bildern sonst.«

»Igitt!« Ich rümpfe die Nase und verziehe den Mund. »Der einzig sinnvolle Satz, der sowohl heiß als auch Aarón enthält, lautet: Aarón ist in seinem Zuhause verbrannt.«

Ich bemerke meinen Fehler, ehe Tatjanas Braue nach oben schießt. »Du weißt, was ich meine. Teufel, Hölle, Hitze …«

»Ich hoffe, deine Schlagfertigkeit war früher überzeugender.« Tatjana schmunzelt in ihre Kaffeetasse.

Ich würdige die Aussage nur mit einem vorwurfsvollen Blick, dem meine beste Freundin ausweicht, indem sie sich auf ihren Stuhl setzt.

Ich tue es ihr nach und öffne meine Notizen für das Wellness-Wochenende, um sie mit Tatjana zu besprechen.

Weniger als eine Minute später hustet sie los und ringt nach Luft, weil sie sich verschluckt hat.

»Du solltest langsamer trinken, egal wie sehr du das Koffein brauchst«, empfehle ich.

Sie atmet hektisch, presst ein »E-Mail« heraus.

Stirnrunzelnd wechsle ich zum Agenturpostfach und erstarre beim Überfliegen der Betreffzeilen. Die dritte lautet: Kündigung des Agenturvertrags.

Meine Augen huschen zum Absender, eine kryptische Buchstaben-Zahlenkombination, die ich als private Adresse von Valentina Conti erkenne, unserem Top-Talent. Meine Finger zittern so sehr, dass ich die Mail kaum öffnen kann.

»Hast du sie gesehen?«, höre ich Tatjanas Stimme von weit her. Mein Herz setzt gefühlt mehrere Schläge aus, während ich die Zeilen lese.

Hey ihr beiden,

ihr wisst, dass ihr für mich die ultimativen Vorbilder seid, oder? Zwei Freundinnen, die für mich wie Schwestern sind?

Leider bekomme ich in letzter Zeit vermehrt zu hören, dass meine/eure Kunden zu anderen Agenturen abwandern. Ich hielt es immer für natürliche Fluktuation und habe bis zuletzt gehofft, dass ihr weitere Großkunden an Land zieht. Umso größer war der Schock, als ich die E-Mail mit dem Angebot einer Instagram-Brand mit eurem Absender gesehen habe. Habt ihr mir vor ein paar Jahren, ganz am Anfang meiner Karriere nicht geraten, meine Glaubwürdigkeit keinesfalls für schnelles Geld aufs Spiel zu setzen?

Ich will nicht, dass ihr jetzt denkt, dass ich mich direkt von euch trennen will, das ist es nicht. Ich weiß, was ich euch zu verdanken habe. Dennoch muss ich auch an meine Zukunft und meine Follower denken und möchte daher mit euch über die Möglichkeiten einer Kündigung und die geltenden Fristen hierfür sprechen.

Schickt mir bitte einen Meeting-Link.

Val

Mein Hals ist wie ausgedörrt, der Rest meines Körpers ist erstarrt und unfähig, auch nur ein Wort von sich zu geben.

Ich starre auf den Bildschirm und sehe dennoch die Klippe am Ende der Straße, auf der wir uns befinden, immer schneller auf uns zurasen. Ohne Val verlieren wir unseren zahlungskräftigsten Kunden: Fortissimo, ein italienisches Modelabel, für das Valentina inzwischen das vierte Jahr in Folge das weibliche Kampagnengesicht darstellt. In der nächsten Saison sogar gemeinsam mit ihrem Freund und unserem einzigen männlichen Talent Max, den wir extra wegen ihr aufgenommen haben. Max und Val führen eine komplett öffentliche Beziehung. Sie haben sich schon etliche Male – sehr präsent auf Social Media – getrennt und versöhnt, was das Interesse an beiden immer wieder anheizt. Doch leider bedeutet das auch, dass wir Max verlieren könnten, wenn Val uns verlässt.

»Fuck!«, fasst Tatjana unsere Misere treffend in Worte und rollt mit dem Schreibtischstuhl zur Seite, um mich sehen zu können.

»Vergiss die Planung für das Wellness-Wochenende«, sage ich. »Wir müssen uns auf das Gespräch mit Valentina vorbereiten!« Im Kopf erstelle ich bereits eine Liste, verzweifelt auf der Suche nach einem Ausweg, einer Abzweigung, um der Klippe zu entgehen. »Wir müssen neue Kunden in der Pipeline haben, wir …«

»Welche Kunden?«, unterbreche ich sie. Mein Blick huscht von Tatjanas besorgtem Gesicht zurück zu Valentinas E-Mail, dann nach links zu den Mails im Posteingang. Mein Blick bleibt an einer hängen, als hätte sie Widerhaken, die es mir unmöglich machen, weiterzulesen: Vergesst nicht, euch für das Klassentreffen anzumelden! Meine Atmung beschleunigt sich, und ich würge die Worte beinahe hervor. »Ich weiß, wo nächste Woche die Crème de la Crème der europäischen Unternehmer versammelt sein wird.«

Es dauert ein wenig, bis Tatjana versteht, worauf ich hinauswill. Dann schüttelt sie den Kopf. »Nein, das musst du nicht tun.«

Noch während sie es sagt, erkläre ich: »Sogar eine echte Prinzessin wird dabei sein.«

Mein Magen macht einen Rückwärtssalto und ich habe das Gefühl, mich übergeben zu müssen.

Tatjana steht auf, umrundet die Schreibtische und setzt sich auf die Tischplatte vor mir. »Ich gebe zu, das war auch mein erster Gedanke. Aber du musst da nicht hin. Wir schaffen das auch so. Ich setze Amy drauf an.«

Amy ist eigentlich unsere Assistentin, über die Jahre ist sie aber zu einer engen Freundin geworden. So eng, dass wir ihr eine Partnerschaft anbieten wollten, weil wir unseren Erfolg auch ihr zu verdanken haben. Doch dann ging es mit der Agentur bergab und wir haben das Angebot vertagt. Amy ist genial im Aufspüren potenzieller Kunden – aber selbst sie kommt irgendwann an ihre Grenzen.

Weil ich Tatjana dankbar für den Aufmunterungsversuch bin, probiere ich mich an einem Lächeln. Wenn es so traurig ankommt, wie es sich anfühlt, bleibt es wohl bei dem Versuch.

»Wir wissen beide, dass wir so kurzfristig keine Kunden an Land ziehen werden – und wenn uns die Talente weglaufen, erst recht nicht.« Ich hole tief Luft, muss unseren einzig möglichen Ausweg ansprechen, egal wie ungern ich es tue. Für 1NFLUENCED, für unsere Zukunft. »Ich werde Cecily direkt fragen, ob ich mich noch zum Klassentreffen anmelden kann.«

Tatjanas Ausdruck ist nicht zu deuten. Sie scheint gleichzeitig erleichtert und besorgt. Gerade als sie zu einer Erwiderung ansetzen will, klingelt mein Handy.

»Ist etwas passiert?«, frage ich meine Mutter statt einer Begrüßung.

»Kann ich nicht einfach so anrufen?«

»Doch, natürlich«, erwidere ich, bleibe jedoch skeptisch. Sie schreibt tagsüber normalerweise, wenn sie etwas von mir will, weil sie weiß, dass ich im Büro bin und arbeite. »Was gibt’s?«

»Martin und ich wollen mal wieder ein Wochenende am Bodensee verbringen. Das Ferienhaus ist schon gebucht. Wir würden gerne wieder einen Zwischenstopp bei dir in München einlegen.« Keine Frage. Keine Aufforderung. Nur eine Tatsache. Wie immer. Schon in ihrem Unterricht mussten alle sehr viel zwischen den Zeilen lesen. Dass sich diese Unart wieder manifestiert hat, hat mir bewiesen, dass die Reha erfolgreich war und es ihr wieder besser geht. Davor hat sie immer zu viel geredet, ihren wahren Zustand in hunderte Wörter gepackt, mit denen sie mich ablenken wollte.

Martin ist seit zwei Jahren ihr Lebensgefährte und hat ihr den noch fehlenden Teil eines glücklichen Lebens zurückgeschenkt, das sie damals nach jener verhängnisvollen Nacht im Allgäu verloren zu haben glaubte und ich freue mich jeden Tag für sie.

»Wollt ihr bei mir im Gästezimmer übernachten?«, biete ich an, weil ich davon ausgehe, dass sie mich deshalb anruft.

»Das wäre großartig, Schatz.« Nach einer kurzen Pause fragt sie: »Geht es dir gut?«

Ist das dieser geheime Mutter-Radar, von dem man immer hört?

»Ja, klar. Warum?«

»Du klingst … angespannt. Hast du Stress in der Agentur?«

Auch wenn ich kaum andere Themen habe, bricht irgendein Damm bei mir und ich stoße ein schon fast hysterisches Lachen aus.

»Schatz!«, ruft sie sofort alarmiert. »Was ist los?«

Tränen brennen mir in den Augen, weil ich nicht möchte, dass sie mit mir leidet. Ich schniefe leise, aber offenbar nicht leise genug. »Ich habe eine Einladung zum Klassentreffen bekommen. Es sind zehn Jahre seit Rosenberg«, füge ich düster hinzu.

»Niemand zwingt dich, dorthin zu gehen«, erwidert sie in ihrer Professorenstimme.

»Das weiß ich.« Zum Glück kann sie mein Augenverdrehen nicht sehen. »Ich hatte es auch nicht vor, aber jetzt …«

Ich schlucke und meine Mutter nutzt direkt die entstandene Pause. »Was hat sich geändert?«

»Der Agentur geht es schlecht, wir brauchen neue Kunden und du kennst meinen Jahrgang.«

»Du willst auf Vitamin B setzen?«

»Ich will nicht. Aber wir haben keine andere Wahl.« Schnell bringe ich sie auf den neuesten Stand.

»Ich fände es gut, wenn du fährst«, sagt sie schließlich.

»Ach wirklich? Ich hätte gedacht, du würdest mir davon abraten.«

»Es hat gedauert, aber mittlerweile konnte ich mit der Sache abschließen.« Sie schluckt hörbar. »Du hast das nie getan. Ich sehe es jedes Mal an deiner Reaktion. Es ist meine Schuld. Ich hätte dich nicht dazu überreden dürfen, zu bleiben, nachdem man mich rausgeworfen hat.«

Ich schlucke hart – Tränen brennen in meinen Augen und weiter in meiner Nase, weil ich versuche, sie zurückzuhalten. Meine Mutter hätte mich wirklich nicht unter den Hyänen lassen sollen, ich habe sie mehrmals angefleht, mich vom Internat zu nehmen. Aber sie hatte zu der Zeit eigene Probleme zu bewältigen. Der Mob an hysterischen Rosenberg-Eltern, die sie am liebsten steinigen wollten. Die Jobsuche nach einem Rauswurf wegen Aufsichtspflichtverletzung. Nicht zuletzt die Mordanschuldigungen, die nur aus Mangel an Beweisen nicht weiter verfolgt wurden.

Tatjana steht plötzlich hinter mir und reibt mir beruhigend über den Rücken. Ich bin ihr so dankbar. Für alles. Sie weiß es zwar nicht, aber sie war diejenige, die mir über all das hinweggeholfen hat. Wir haben uns am Kennenlerntag der Uni getroffen und gleich mit Semesterbeginn angefreundet. Sie war die Freundin, die ich schon in der Zeit nach dem Rauswurf meiner Mutter gebraucht hätte, nachdem ich das mit Viola und Claudine verbockt habe und die anderen ihr wahres Gesicht gezeigt haben.

Meine Mutter räuspert sich, weil ich nicht auf ihren Selbstvorwurf reagiert habe. »Vielleicht hat das Schicksal gewollt, dass du mitfährst, und die nötigen Hebel in Bewegung gesetzt.« Ich will schon widersprechen, aber sie lässt keinen Einwurf zu. Sie hat es in den letzten Jahren mit Esoterik, die eigentlich so gar nicht zu ihrer wissenschaftlich denkenden Professorinnennatur passt. Aber da sie mithilfe dieser dubiosen Kräfte ihren Kampf gegen die Sucht gewonnen hat, nehme ich diesen Wandel zähneknirschend hin.

»Tu es nicht für die Agentur oder jemand anderen, sondern für dich. Damit du dich den Schatten der Vergangenheit stellen und sie hinter dir lassen kannst – wie ich. Bitte, denk darüber nach.«

Ich nicke, was sie nicht sehen kann.

»Versprich es mir«, fordert sie deshalb.

»Ja, Mama.«

»Bis morgen dann.«

»Warum?«

»Ausflug an den Bodensee – reserviertes Ferienhaus – Besuch in München«, hilft sie mir auf die Sprünge.

»Ihr wollt schon morgen vorbeikommen?« Habe ich den Termin verpasst?

»Hab ich das nicht erwähnt?«

»Nein, hast du nicht.«

»Jetzt weißt du es. Unser liebstes Ferienhaus war kurzfristig verfügbar wegen einer Stornierung. Bis morgen.«

Sie beendet den Anruf, bevor ich irgendetwas erwidern kann. Ihre Worte hallen jedoch in meinem Kopf wider und wider. Vielleicht hat sie sogar recht.

4Aarón

»Einen wundervollen guten Morgen, Aarón.« Inés’ Stimme klingt viel zu fröhlich, als sie die Jalousien hochfahren lässt. Ich presse mir mein Kissen über das Gesicht und antworte lediglich mit einem Knurren.

»Deine Auszeit ist jetzt vorbei!«, verkündet sie und zerrt an meinem Kissen wie ein verdammter Terrier an einem Knochen. Na ja, vielleicht eher ein Chihuahua. Ein winziger. Denn das Kissen regt sich kein Stück, egal, wie sehr sie sich abmüht. Ich gebe vermutlich erstickte Laute von mir, um nicht lauthals loszuprusten.

»Lachst du etwa?«, fragt sie empört und kneift mich in den Unterarm.

»Verschwinde!«, rufe ich. Aber natürlich hört sie nicht auf mich. Keine Ahnung, welchen Tag wir heute haben, geschweige denn, welche Tageszeit.

»Mein Gott, Aarón! Am Anfang hatte ich ja noch Mitleid, aber mittlerweile ist es einfach nur noch nervig. Die Trauerphase ist jetzt offiziell vorbei!«

Sie muss gegen das Bett gestemmt am Kissen gezogen haben, denn mit einem Mal entwickelt sie die Kraft von Wonder Woman und mein Schutzschild ist verschwunden. Die Helligkeit sticht selbst durch meine geschlossenen Lider und ich jaule auf, bis ich meinen Arm übers Gesicht lege. Die erneute Dunkelheit ist eine Wohltat.

»Du stinkst wie eine ganze Bar. Hast du in Whisky gebadet, oder was?«

Ich grummle ein »Geht dich nichts an.«

»Und ob es mich was angeht. Du hast dich lange genug im Selbstmitleid gesuhlt. Um elf findet eine Vorstandssitzung statt.«

»Na und? Denkst du, ich will sehen, wie Jorge bestätigt wird?«

»Hast du heute – oder überhaupt seit dem Vorfall – in deine Mails gesehen?«

»Wer hat mir denn mein Handy abgenommen, damit ich ›nicht den nächsten Skandal heraufbeschwöre‹?« Nicht, dass ich mir nicht zu helfen wüsste. Für solche Fälle habe ich ein Ersatztelefon in meiner Nachttischschublade deponiert. Ich kann Inés aber schlecht sagen, dass ich mich vom Balkon stürzen muss, wenn ich noch einmal irgendwo lese, dass Jorge mich buchstäblich wenige Meter von meinem Lebensziel entfernt überholt hat. Durch den Restalkohol der vergangenen Nacht bin ich wohl noch etwas melodramatisch.

»Dann weißt du nicht, worüber in den Sondersitzungen der letzten zwei Tage gesprochen wurde?«

Jetzt hat sie mich tatsächlich auf dem falschen Fuß erwischt. »Nein?« Ich warte, bis sie mehr erzählt, aber es bleibt still.

Bis mich Inés am Arm packt, ihn zur Seite zieht und sich dann daran festkrallt, sodass ich keine Chance habe, meine Augen vor dem verfluchten Licht zu schonen.

»Wenn du nicht sofort die Augen aufmachst, dich ordentlich anziehst und wie ein Erwachsener mit mir sprichst, kündige ich.«

Das wäre mein Todesurteil. Deshalb blinzele ich träge und erhebe mich dann mit aller mir verfügbaren Kraft.

»Hach, ich wusste doch, dass die süßen kleinen Muskeln da keine Dekoration sind.« Sie pikt mich mit ihrem Tablet-Stift in den Bauch und springt so schnell zurück, dass ich sie in meiner momentanen Verfassung nicht zu greifen bekomme.

»Sehr witzig«, grummle ich.

Sie lacht, während ich mich strecke, tief durchatme und am liebsten das pelzige Ding in meinem Mund ausgespuckt hätte, zu dem meine Zunge offenbar mutiert ist. Ich reibe mir das Gesicht. Das letzte Glas Whisky war garantiert schlecht. Mein Magen entscheidet, dass es mir aber nicht schlecht genug geht, um mich übergeben zu müssen, daher frage ich: »Weshalb hast du mich nicht schon zu der Sondersitzung …«

»… ausgenüchtert?«, bietet sie an, und ich reagiere darauf nur mit dem Heben meiner Augenbrauen. »Weil du eh nicht eingeladen warst.«

»Was zur Hölle?«, fluche ich los. »Hat Jorge das entschieden?«

»Warum sollte er?«

»Weil er der neue CEO ist?«

»Himmel, nein! Ich habe deiner Abuela und dem Rest des Vorstands genau geschildert, was mit Jorge passiert ist. Er hat es natürlich dementiert, aber wurde trotzdem wie du auf die Ersatzbank befördert.«

Ich versuche, vorherzusehen, was danach geschehen ist, aber der Whiskynebel hat noch den Großteil meiner Gehirnzellen in Geiselhaft.

»Und wer sitzt jetzt auf dem CEO-Posten?«

»Dieselbe Person wie schon die vergangenen Jahrzehnte: deine Großmutter. Die es auch geschafft hat, den Vorstand zu überzeugen, dich zu bestätigen.«

»Wie bitte?« Mein Puls rast los. Ich kann es nicht glauben. »Wie hat sie das geschafft?«

»Indem sie eine Wette eingegangen ist.«

»Ich verstehe nicht.«

»Ich soll dich vorab daran erinnern, dass du im Gegensatz zu deinem Vater für Gente Importante stehst und dich stets entsprechend verhalten solltest.«

Ich stöhne auf, wofür Inés mich mit ihrem eiskalten Blick regelrecht erdolcht. Ich kenne die verdammten Regeln. Vermutlich besser als alle anderen.

»Deine Abuela hat den Vorstand unter den Tisch geredet. Otíz hat dir vorgeworfen, dass du mit den ganzen Frauengeschichten sowieso immer nur für schlechte Publicity sorgst und es nicht schaffst, auch nur eine Woche ohne Medienskandal oder nicht-förderliche Presse à la Ausschweifung in Barcelona mit deiner Barkeeperin auszukommen.«

Ich will einschieben, dass meine einzige männliche Bezugsperson mir genau das vorlebt, aber ich weiß es besser. Mein Vater steht nicht für Gente Importante und interessiert den Vorstand nicht. Otíz ist ein Arsch.

»Mit dem vor dem Gebäude campierenden Paparazzirudel würdest du es erst recht nicht schaffen. Daraufhin hat deine Großmutter ihnen allen vorgeschlagen, dass sie dich umgehend bestätigen, solltest du allen das Gegenteil beweisen. Zwei Tage hast du schon.«

»Also muss ich mich nur weiter betrinken, um meinen Traumjob zu bekommen?« Ich reibe mir übers Gesicht. »Das klingt machbar.« Und wie eine Wohltat. Wann immer ich nüchtern bin, sehe ich ein blutendes Gesicht vor mir. Allerdings nicht das von Jorge. Am liebsten würde ich sofort wieder einen Schluck nehmen.