Rette mich vor dir - Tahereh Mafi - E-Book

Rette mich vor dir E-Book

Tahereh Mafi

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Beschreibung

Wenn die Liebe Fluch und Erlösung zugleich ist ...

Juliette ist die Flucht gelungen. Sie und Adam sind den Fängen des grausamen Regimes entkommen und haben Zuflucht gefunden im Omega Point, dem geheimen Stützpunkt der Rebellen. Hier gibt es andere wie sie mit übernatürlichen Kräften, und zum ersten Mal fühlt Juliette sich nicht mehr als Außgestoßene, als Monster. Doch der Fluch ihrer tödlichen Berührung verfolgt sie auch hier – zumal Adam nicht länger völlig immun dagegen ist. Während ihre Liebe zueinander immer unmöglicher scheint, rückt der Krieg mit dem Reestablishment unaufhaltsam näher. Und mit ihm das Wiedersehen mit dem dunklen und geheimnisvollen Warner, hinter dessen scheinbar gefühlloser Fassade sich so viel mehr verbirgt, als es den Anschein hat ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 486




Über dieses Buch

In einer spektakulären Aktion ist Juliette und Adam die Flucht aus der Gewalt des Reestablishment in die Sicherheit des Omega Point gelungen: eine geheime Zufluchtsstätte, in der der charismatische Anführer Castle viele Gegner des korrupten und grausamen Regimes um sich gesammelt hat und nun eine Revolte plant. Viele von den Bewohnern Omegas sind dabei, ähnlich wie Juliette und Adam, mit besonderen Fähigkeiten und Kräften ausgestattet – und zum ersten Mal in ihrem Leben fühlt sich Juliette als Teil einer Gemeinschaft, zum ersten Mal keimt die Hoffnung in ihr auf, kein abartiges Monster zu sein, sondern eine Bestimmung zu haben.

Doch der Fluch ihrer tödlichen Berührung verfolgt sie auch hier – zumal Adam nicht länger völlig immun dagegen ist. Während ihre Liebe zueinander immer unmöglicher scheint, rückt der Krieg mit dem Reestablishment unaufhaltsam näher. Und mit ihm das Wiedersehen mit dem dunklen und geheimnisvollen Warner, hinter dessen scheinbar gefühlloser Fassade sich so viel mehr verbirgt, als es den Anschein hat …

Tahereh Mafi

Rette mich vor dir

ROMAN

Deutsch von Mara Henke

Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel »Unravel me« bei Harper, an imprint of HarperCollins Publishers, New York.

Das Zitat aus William Shakespeares »Der Sturm« entstammt der deutschen Übersetzung von August Wilhelm Schlegel, Erstdruck in: Shakespeare’s dramatische Werke. Übersetzt von August Wilhelm Schlegel, Bd. 3, Berlin 1798.

1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2013 by Tahereh Mafi

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Published by arrangement with Tahereh Mafi

Dieses Werk wurde vermittelt durch die

Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: Yolande de Kort/ARCANGEL IMAGES; FinePic®, München

Lektorat: Vera Thielenhaus

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-09306-8

www.goldmann-verlag.deBesuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

Für meine Mutter. Den besten Menschen, den ich kenne.

1

Vielleicht ist die Welt heute ein pralles Spiegelei.

Vielleicht tropft der große gelbe Ball in die Wolken, verläuft am leuchtend blauen Himmel, der kalte Hoffnung verheißt und heuchlerische Versprechen von schönen Erinnerungen macht, von wahren Familien, herzhaftem Frühstück, Bergen von Pancakes, triefend vor Ahornsirup, in einer Welt, die es nicht mehr gibt.

Doch vielleicht ist es auch ganz anders.

Vielleicht ist es heute düster und nasskalt, vielleicht weht ein scharfer Wind, der erwachsenen Männern die Haut von den Knöcheln schneidet. Vielleicht schneit es. Oder es regnet. Ich weiß nicht, ob das Wasser gefriert, ob es hagelt, ob ein Hurrikan zu einem Tornado wird und die Erde bebt und aufbricht, um Platz zu schaffen für all unsere Vergehen.

Ich habe nicht die geringste Ahnung.

Ich kann durch kein Fenster mehr blicken. Ich kann nicht nach draußen schauen. Mein Blut ist so kalt wie Eis, und ich bin 15 Meter tief unter der Erde begraben, in einem Trainingsraum, der seit einiger Zeit mein zweites Zuhause ist. Tagtäglich starre ich auf diese 4 Wände und sage mir Ich bin nicht gefangen Ich bin nicht gefangen Ich bin nicht gefangen. Doch manchmal zerkratzen die alten Ängste meine Haut, und ich werde das Grauen nicht los, das mir an die Gurgel geht.

Ich habe so viel versprochen, als ich hier eintraf.

Jetzt bin ich nicht mehr so sicher. Jetzt bin ich voller Unruhe. Jetzt ist mein Geist ein Verräter, denn meine Gedanken erwachen jeden Morgen mit panischem Blick und schweißnassen Händen und nervösem Kichern, das in meiner Brust hockt, das hervorbrechen will, und der Druck wird schlimmer und schlimmer und schlimmer

Das Leben hier ist nicht, wie ich es erwartet hatte.

Meine neue Welt ist in Waffenstahl geritzt, mit Silber versiegelt, durchtränkt vom Geruch nach Stein und Metall. Die Luft ist eisig, die Matten am Boden sind orangefarben; die Lichter und Schalter piepsen und flackern, elektronisch und elektrisch, neongrell. Hier herrscht immer Unruhe – viele Körper, Flüstern und Schreie in den Fluren, hastige Schritte, nachdenkliche Schritte. Wenn ich angestrengt lausche, dann höre ich, wie Gehirne arbeiten, wie Stirnen sich in Falten legen, wie Finger an Kinne und Lippen und Nasen tippen. Ideen werden herumgetragen in Taschen, Gedanken auf jeder Zungenspitze präsentiert; Augen verengen sich konzentriert, man macht Pläne, die mich interessieren sollten.

Doch nichts funktioniert, meine Einzelteile sind kaputt.

Ich soll meine Energie aktivieren, sagte Castle. Unser beider Gabe ist Energie. Die Materie wird niemals geschaffen oder zerstört, sagte er zu mir, und wenn sich die Welt wandelt, wandelt sich auch die Energie. Unsere Fähigkeiten entstammen dem Universum, anderer Materie, anderer Energie. Wir sind nicht abnormal. Wir sind unvermeidliche Ergebnisse der perversen Manipulationen unserer Erde. Unsere Energie hat einen Ursprung, sagte er. Und ist auch in dem Chaos um uns her enthalten.

Das leuchtet ein. Ich weiß noch, wie die Welt aussah, als ich sie hinter mir ließ.

Ich erinnere mich an den wütenden Himmel und die Sonne, die allabendlich unter dem Mond zusammenbrach. Ich erinnere mich an die aufgeplatzte Erde und die struppigen Sträucher und das einstige Grün, das zu Braun geworden war. Ich denke an das Wasser, das wir nicht mehr trinken können, und die Vögel, die nicht mehr fliegen, und unsere Kultur, die nur noch aus ein paar Baracken auf verwüstetem Land besteht.

Der Planet ist ein gebrochener Knochen, der nicht mehr heilen kann, zersplittert in tausend Bruchstücke, die man verklebt hat. Wir sind zerstört und rekonstruiert worden, bekommen tagtäglich zu hören, dass wir so funktionieren sollen wie früher. Doch das ist eine Lüge, alles ist eine Lüge; jeder Mensch jeder Ort jedes Ding jede Idee ist eine Lüge.

Ich funktioniere nicht richtig.

Ich bin nur das Ergebnis einer Katastrophe.

2 Wochen sind am Straßenrand kollabiert, verlassen und schon vergessen worden. 2 Wochen bin ich hier, und seit 2 Wochen kampiere ich auf einem Bett aus Eierschalen und frage mich, wann etwas zerbrechen wird, wann ich etwas zerbrechen werde, wann alles auseinanderbrechen wird. Nach 2 Wochen hätte ich glücklicher und gesünder sein sollen, hätte ich besser und tiefer schlafen sollen in dieser sicheren Umgebung. Doch ich frage mich voller Sorge, was geschehen wird, wenn falls ich versage, falls ich nicht richtig trainiere, falls ich absichtlich versehentlich jemanden verletze.

Wir bereiten uns auf einen verfluchten Krieg vor.

Deshalb trainiere ich. Wir bereiten uns alle darauf vor, Warner und seine Truppen zu besiegen. Eine Schlacht nach der nächsten zu schlagen. Den Bürgern unserer Welt zu zeigen, dass es noch Hoffnung gibt – dass sie sich den Forderungen des Reestablishment nicht unterwerfen und Sklaven eines Regimes werden müssen, das sie ausbeuten will, um immer mehr Macht zu bekommen. Und ich habe eingewilligt zu kämpfen. Eine Kriegerin zu sein. Meine Kräfte einzusetzen, wider besseres Wissen. Doch der Gedanke, jemanden zu berühren, bringt eine Flut von Erinnerungen zurück, von Gefühlen, auch etwas von dem Kraftschub, den ich nur empfinde, wenn ich Haut berühre, die gegen meine nicht gewappnet ist. Es ist ein Gefühl von Unbesiegbarkeit; eine qualvolle Form von Euphorie; eine intensive Lebendigkeit, die jede Pore meines Körpers durchdringt. Ich weiß nicht, was mir das antun wird. Ich weiß nicht, ob ich darauf vertrauen kann, dass ich Kraft schöpfen werde aus den Leiden anderer.

Ich weiß nur, dass Warners letzte Worte in meiner Brust gefangen sind. Und dass ich die Kälte und die Wahrheit, die mich im Hals würgen, nicht aushusten kann.

Adam ahnt nicht, dass Warner mich berühren kann.

Niemand ahnt es.

Warner sollte eigentlich tot sein. Warner sollte tot sein, weil ich auf ihn geschossen habe, aber niemand ahnt, dass ich nicht schießen kann, und nun ist er aufgebrochen, um mich zu suchen.

Um zu kämpfen.

Um mich.

2

Ein scharfes Klopfen, die Tür fliegt auf.

»Ah, Ms Ferrars. Ich weiß nicht, was Sie zu erreichen hoffen, indem Sie in der Ecke sitzen.« Castles unbekümmertes Grinsen tanzt vor ihm herein.

Ich hole tief Luft und will mich zwingen, Castle anzuschauen, doch es misslingt. Stattdessen flüstere ich eine Entschuldigung und höre, wie jämmerlich meine Worte klingen in diesem großen Raum. Meine Finger krallen sich in die dicken Matten am Boden, und ich denke, dass ich nicht das Geringste geschafft habe, seit ich hier bin. Es ist demütigend, so demütigend, einen der wenigen Menschen zu enttäuschen, die jemals freundlich zu mir waren.

Castle bleibt vor mir stehen und wartet, bis ich schließlich aufschaue. »Sie müssen sich nicht entschuldigen«, sagt er. Wenn man seine klaren braunen Augen und sein offenes Lächeln sieht, vergisst man leicht, dass er der Führer von Omega Point ist. Der Kopf der gesamten Untergrundbewegung, die gegen das Reestablishment kämpft. Seine Stimme ist so sanft und einfühlsam, und das macht es fast noch schlimmer. Manchmal wünsche ich mir, er würde mich anschreien. »Aber«, fährt er fort, »Sie müssen lernen, Ihre Energie zu aktivieren, Ms Ferrars.«

Er schweigt.

Geht ein paar Schritte.

Legt die Hand auf den Stapel Ziegel, die ich zertrümmert haben sollte. Er reagiert nicht auf meine rotunterlaufenen Augen oder die Metallrohre, die ich quer durch den Raum geworfen habe. Sein Blick verweilt nicht bei den Blutspuren auf den seitlich aufgestapelten Holzplanken; er fragt mich nicht, warum meine Fäuste geballt sind und ob ich mich wieder selbst verletzt habe. Er neigt den Kopf in meine Richtung, starrt aber auf einen Punkt hinter mir, und seine Stimme ist weich, als er spricht. »Ich weiß, wie schwierig das für Sie ist«, sagt er. »Aber Sie müssen lernen. Unter allen Umständen. Ihr Leben hängt davon ab.«

Ich nicke, lehne mich an die Wand, bin froh über die Kälte und den Schmerz, als sich die Kanten der Ziegel in meinen Rücken bohren. Ziehe die Knie an die Brust, presse die Füße in die Matten am Boden. Bin den Tränen so nahe, dass ich fürchte, gleich loszuschreien. »Ich weiß einfach nicht, wie«, sage ich schließlich. »Ich kenne mich mit alldem nicht aus. Ich weiß nicht einmal, was ich eigentlich tun soll.« Ich starre an die Decke und blinzle blinzle blinzle. Meine Augen fühlen sich feucht an. »Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll.«

»Dann müssen Sie nachdenken«, erwidert Castle unbeirrt. Er hebt eines der Rohre auf, betrachtet es. »Sie müssen die Zusammenhänge begreifen. Als Sie in Warners Folterkammer durch die Wand brachen – als Sie die Stahltür zerstörten, um Mr Kent zu retten –, was ist da geschehen? Weshalb waren Sie in diesen beiden Momenten zu dieser außergewöhnlichen Reaktion imstande?« Er setzt sich auf eine der Matten. Schiebt mir das Rohr zu. »Sie müssen Ihre Fähigkeiten analysieren, Ms Ferrars. Sie müssen sich konzentrieren.«

Konzentrieren.

Nur ein einziges Wort, doch mir wird übel davon. Alle scheinen diese Konzentration von mir zu verlangen. Erst Warner und nun Castle.

Und ich fühle mich außerstande dazu.

Castles tiefes betrübtes Seufzen bringt mich in die Gegenwart zurück. Er steht auf. Streicht das dunkelblaue Sakko mit dem silbernen Omega-Zeichen auf dem Rücken glatt, das er ständig zu tragen scheint. Berührt gedankenverloren seine Dreadlocks, die er wie immer im Nacken zusammengebunden hat. »Sie wehren sich gegen sich selbst«, sagt er ruhig. »Vielleicht sollten Sie zur Abwechslung mit jemandem zusammenarbeiten. Vielleicht wird es Ihnen mit einem Partner leichter fallen, die Verbindung zwischen diesen zwei Ereignissen zu erkennen.«

Ich erstarre, verblüfft. »Aber Sie sagten doch, ich müsse allein arbeiten.«

Er blinzelt, schaut wieder an mir vorbei. Kratzt sich am Ohr, steckt eine Hand in die Tasche. »Darum geht es mir eigentlich gar nicht«, sagt er. »Aber es gab niemanden, der sich freiwillig angeboten hat.«

Ich weiß nicht, weshalb ich scharf einatme, weshalb ich so überrascht bin. Nicht jeder ist wie Adam.

Nicht jeder verfügt über diesen besonderen Schutz vor mir wie er. Niemand außer Adam hat mich jemals berührt und es genossen. Niemand außer Adam und Warner. Doch selbst wenn Adam wollte, könnte er nicht mit mir trainieren. Er ist beschäftigt.

Mit Dingen, über die mir niemand etwas erzählen will.

Und Castle betrachtet mich mit hoffnungsvollem, warmherzigem Blick, ahnungslos, wie schlimm diese Worte für mich sind. Denn obwohl ich die Wahrheit kenne, tut es noch immer weh, sie zu hören. Mit Adam lebe ich in einer wohligen Illusion. Denn alle anderen betrachten mich noch immer als Bedrohung. Als Monster. Als Missgeburt.

Warner hatte Recht. Wohin ich auch flüchte: Ich werde mir selbst nicht entkommen.

»Was hat sich geändert?«, frage ich. »Wer ist bereit, mit mir zu trainieren?« Ich zögere. »Sie?«

Castle lächelt.

Ein Lächeln, das mir die Schamesröte ins Gesicht treibt und meinen Stolz in Grund und Boden tritt. Ich muss dem heftigen Impuls widerstehen hinauszustürmen.

Bitte bitte bitte, ich will nicht bemitleidet werden, will ich eigentlich sagen.

»Ich wünschte, ich hätte Zeit dafür«, antwortet Castle. »Aber Kenji ist jetzt frei – wir konnten seine Terminpläne umstellen –, und er sagte, er würde sehr gern mit Ihnen arbeiten.« Er zögert einen Moment. »Natürlich nur, falls es Ihnen recht ist.«

Kenji.

Am liebsten würde ich laut lachen. Natürlich ist Kenji der Einzige, der dieses Risiko eingehen würde. Ich habe ihn einmal verletzt. Aus Versehen. Aber seit er uns zum Omega Point gebracht hat, haben wir uns nicht oft gesehen. Er scheint nur seine Mission erfüllt zu haben, und nun führt er wieder sein eigenes Leben. Kenji ist hier eine wichtige Persönlichkeit. Er hat wahnsinnig viel zu erledigen und zu organisieren. Und die anderen mögen ihn offenbar und haben sogar Respekt vor ihm.

Ich frage mich, ob sie ihn jemals so unausstehlich und großmäulig erlebt haben wie ich, als ich ihn kennenlernte.

»Klar«, sage ich und bemühe mich zum ersten Mal seit Castles Eintreffen um einen freundlichen Gesichtsausdruck. »Klingt gut.«

Castle sieht mich an. Erfreut, mit leuchtenden Augen. »Wunderbar. Ich sage ihm Bescheid, dann können Sie morgen zusammen frühstücken und danach loslegen.«

»Oh, aber ich frühstücke sonst –«

»Ich weiß«, fällt Castle mir ins Wort. Sein Lächeln schwindet, und auf seiner Stirn zeichnen sich Sorgenfalten ab. »Sie nehmen Ihre Mahlzeiten gerne mit Mr Kent ein. Das weiß ich. Aber Sie haben bislang kaum Zeit mit den anderen Menschen hier verbracht, Ms Ferrars, und wenn Sie in Omega Point bleiben wollen, müssen Sie lernen, Vertrauen zu uns zu fassen. Die Menschen hier fühlen sich Kenji sehr verbunden. Er kann für Sie eintreten. Wenn die anderen Sie beide zusammen sehen, wird es ihnen leichter fallen, ihre Scheu vor Ihnen abzubauen. Und Ihnen selbst wird es helfen, sich hier einzugewöhnen.«

Mein Gesicht brennt wie mit heißem Öl bespritzt; ich winde mich innerlich, meine Finger zucken, mein Blick weiß nicht, wohin, und ich versuche den Schmerz in meiner Brust niederzuringen. »Aber sie – sie haben Angst vor mir«, flüstere ich, heiser, erstickt. »Ich – will niemandem lästig sein. Ich will – niemanden stören …«

Castle stößt einen tiefen Seufzer aus. Er blickt auf seine Füße, schaut wieder hoch. Kratzt sich unterm Kinn. »Die Leute haben nur Angst«, sagt er schließlich, »weil man Sie noch nicht kennt. Wenn Sie sich nur ein kleines bisschen mehr bemühen würden – wenn Sie nur mal versuchen würden, die anderen näher kennenzulernen –« Er verstummt. Runzelt die Stirn. »Sie sind schon seit zwei Wochen hier, Ms Ferrars, und sogar mit Ihren Zimmergenossinnen sprechen Sie so gut wie nie.«

»Aber das heißt doch nicht – ich finde sie toll –«

»Und dennoch sind Sie so verschlossen? Verbringen keine Zeit mit den beiden? Warum?«

Weil ich noch nie Freundinnen hatte. Weil ich Angst habe, ich könnte etwas falsch machen, etwas Unpassendes sagen, und dann könnten sie mich verabscheuen wie all die anderen Mädchen, die ich kannte. Und ich mag die Zwillinge so gerne, dass die unvermeidliche Zurückweisung umso schlimmer wäre.

Ich bleibe stumm.

Castle schüttelt den Kopf. »Am ersten Tag hier sind Sie so gut zurechtgekommen. Zu Brendan waren Sie geradezu nett. Ich weiß nicht, was seither passiert ist. Ich hatte angenommen, dass Sie sich bei uns wohlfühlen würden.«

Brendan. Der dünne weißblonde Junge, der Elektrizität im Körper hat. Ich erinnere mich an ihn. Er war nett zu mir. »Ich mag Brendan«, sage ich betroffen. »Ist er böse auf mich?«

»Böse?« Castle schüttelt den Kopf und lacht laut auf. Meine Frage lässt er unbeantwortet. »Ich verstehe das nicht, Ms Ferrars. Ich habe mich bemüht, geduldig zu sein und Ihnen viel Zeit zu lassen, muss nun aber gestehen, dass ich mich ziemlich wundere. Als Sie hier ankamen, waren Sie ganz anders – fröhlich und offen. Doch binnen einer Woche haben Sie sich verschlossen. Sie suchen nicht einmal Blickkontakt, wenn Sie den Flur entlanggehen. Haben Sie vergessen, was eine Unterhaltung ist? Oder Freundschaft?«

Ja.

1 Tag, an dem ich mich eingewöhnte. 1 Tag, um meine Umgebung kennenzulernen. 1 Tag, an dem ich mich über mein neues Leben freute. Und 1 Tag, an dem alle erfuhren, wer ich bin und was ich getan habe.

Castle spricht nicht über die Mütter, die ihre Kleinen wegzerren, sobald ich auf sie zukomme. Er verliert kein Wort über die feindseligen Blicke und die abweisenden Worte, die ich seit meinem Eintreffen hier erdulden musste. Über die Kinder, die man angewiesen hat, einen weiten Bogen um mich zu machen, und die wenigen älteren Leute, die mich nicht aus den Augen lassen. Ich kann nur erahnen, was sie über mich gehört haben und von wem.

Juliette.

Ein Mädchen, das durch Berührung warmblütigen Menschen die Kraft aus dem Leibe saugt, bis sie als gelähmte leblose Kadaver am Boden liegen. Ein Mädchen, das den größten Teil seines Lebens in Kliniken und Jugendstrafanstalten zugebracht hat. Das von seinen eigenen Eltern für geistesgestört erklärt und zu einem Leben in Isolation verdammt wurde, in einem Irrenhaus, in dem nicht einmal Ratten leben wollten.

Ein Mädchen.

So machthungrig, dass sie ein Kind tötete. Ein Kleinkind folterte. Einen erwachsenen Mann in die Knie zwang. Ein Mädchen, das nicht einmal genug Anstand besitzt, um sich selbst zu töten.

All das ist nicht gelogen.

Deshalb blicke ich Castle nur an, mit Farbflecken auf den Wangen und lautlosen Buchstaben auf den Lippen und Augen, die sich weigern, ihre Geheimnisse preiszugeben.

Er seufzt.

Will anscheinend etwas sagen. Versucht zu sprechen, doch dann betrachtet er mein Gesicht und überlegt es sich anders. Er nickt nur knapp, holt tief Luft, tippt auf seine Uhr, sagt »noch drei Stunden bis zur Schlafenszeit« und wendet sich zum Gehen.

In der Tür bleibt er noch einmal stehen.

»Ms Ferrars«, sagt er plötzlich leise, ohne sich umzudrehen. »Sie haben sich dafür entschieden, bei uns zu bleiben, mit uns zu kämpfen, ein Mitglied von Omega Point zu werden.« Er hält kurz inne. »Wir brauchen Ihre Unterstützung. Und ich fürchte, die Zeit ist knapp.«

Ich sehe ihm nach, als er hinausgeht.

Horche auf das Echo seiner Schritte draußen im Gang. Lehne den Kopf wieder an die Wand. Schließe die Augen. Seine Stimme hallt in meinem Kopf wider, ernsthaft und ruhig.

Die Zeit ist knapp, hatte er gesagt.

Als sei Zeit etwas, das begrenzt sei. Das man bei der Geburt in Schalen gereicht bekommt, und wenn man zu viel oder zu schnell davon isst, dann sei sie verloren, verschwendet, aufgegessen, verbraucht.

Doch Zeit entzieht sich unserem Verständnis. Sie ist endlos, existiert unabhängig von uns; sie kann nicht knapp sein, und wir können sie nicht verlieren oder festhalten. Die Zeit bewegt sich vorwärts, auch wenn wir es nicht tun.

Wir haben viel Zeit, hätte Castle sagen sollen. Wir haben alle Zeit der Welt, hätte er zu mir sagen sollen. Doch das hat er nicht getan, weil er glaubt, dass tick tack unsere Zeit tick tack eigenmächtig handelt. Dass sie in eine bislang unbekannte Richtung rast und mit voller Wucht auf etwas anderes prallt und

tick

tick

tick

tick

tick

es schon beinahe Zeit ist

für den Krieg.

3

Ich könnte ihn berühren.

Seine Augen: dunkelblau. Seine Haare: dunkelbraun. Sein Hemd: zu eng an den richtigen Stellen. Und seine Lippen, seine Lippen beben, legen den Schalter um, der mein Herz in Brand steckt, und mir bleibt nicht einmal genug Zeit zu blinzeln und auszuatmen, bevor seine Arme mich umfangen.

Adam.

»Hey, du«, flüstert er an meinem Hals.

Ich unterdrücke ein Schaudern, als das Blut mir in die Wangen schießt und sie rötet, und für einen Augenblick, nur für diesen einen Augenblick, erlaube ich mir, wehrlos zu sein und von Adam gehalten zu werden. »Hey«, raune ich lächelnd und atme seinen Duft ein.

Es ist der reinste Luxus.

Wir sind so gut wie nie allein. Adam wohnt mit seinem jüngeren Bruder James in einem Zimmer und ich mit den Heilerzwillingen. Uns bleiben jetzt höchstens 20 Minuten, bevor die Mädchen hereinkommen, und diese Zeit will ich ganz und gar auskosten.

Meine Augen fallen zu.

Adams Arme umfassen meine Taille, ziehen mich zu ihm, und mein Verlangen ist so heftig, dass ich Mühe habe, nicht von Kopf bis Fuß zu zittern. Es ist, als hätten sich meine Haut und meine Knochen so viele Jahre nach menschlicher Nähe und Wärme gesehnt, dass ich jetzt kein Maß finde. Ich bin wie ein halb verhungertes Kind, das sich den Bauch vollschlägt, in der Fülle dieser Momente schwelgt, als könne es jeden Augenblick erwachen und merken, dass es noch immer für die Stiefmutter den Küchenboden kehren muss.

Doch dann spüre ich Adams Lippen an meiner Wange, und meine Sorgen ziehen ein prachtvolles Kleid an und spielen für eine Weile eine andere Rolle.

»Wie geht’s dir?«, frage ich und schäme mich, weil meine Stimme unstet klingt, obwohl er mich noch kaum in den Armen gehalten hat, aber ich kann ihn einfach nicht loslassen. Lachen bebt in seinem Körper, sanft und üppig und liebevoll. Doch er sagt nichts, und ich weiß, dass er mir die Antwort schuldig bleiben wird.

Wir haben so oft versucht, uns zusammen hinauszuschleichen, und jedes Mal sind wir erwischt und gerügt worden. Wenn das Licht aus ist, dürfen wir unsere Zimmer nicht verlassen. Nach unserer Schonzeit – die nur unserem abrupten Eintreffen zu verdanken war – mussten Adam und ich uns genauso an die Vorschriften halten wie alle anderen. Und es gibt viele Vorschriften hier.

Die Sicherheitsvorkehrungen – Kameras überall, in jedem Gang, an jeder Ecke – sollen einen Angriff verhindern. Nachts sind draußen Wachen unterwegs und achten auf alles, was von der Normalität abweicht. Castle und sein Team überlassen nichts dem Zufall, um Omega Point zu schützen. Sobald sich irgendwer der verborgenen Siedlung nähert, wird sofort alles Nötige unternommen, um Eindringlinge fernzuhalten.

Castle glaubt, dass nur diese strikte Wachsamkeit die Entdeckung des unterirdischen Stützpunkts bisher verhindert hat, und vermutlich hat er Recht. Doch ebendiese Maßnahmen führen dazu, dass Adam und ich keine Zeit für uns alleine haben. Wir sehen uns nur bei den Mahlzeiten, die wir mit all den anderen einnehmen müssen. Und meine gesamte Freizeit muss ich in diesem Trainingsraum zubringen, um zu lernen, wie ich meine Energie »nutzbar« machen kann. Adam ist ebenso unglücklich wie ich über diesen Zustand.

Ich berühre seine Wange.

Er holt tief Luft. Schaut mich an. Spricht zu mir mit den Augen, sagt mir so viel, dass ich den Blick abwenden muss, weil ich alles spüre. Meine Haut ist extrem empfindsam, endlich endlich endlich zum Leben erweckt, und pulsiert von Gefühlen, die so intensiv sind, dass ich mich ihrer beinahe schäme.

Und ich kann sie nicht verbergen.

Adam sieht, was er mit mir macht, was mit mir geschieht, wenn seine Fingerspitzen über meine Haut streichen, wenn seine Lippen sich meinem Gesicht nähern, wenn die Wärme seines Körpers in mich dringt und meine Augen zufallen, meine Glieder zittern, meine Knie weich werden. Und ich sehe, was mit ihm geschieht, wenn er meine Reaktion erlebt. Manchmal lässt er mich leiden, lächelt, wenn er sich zu viel Zeit lässt, genießt es, wenn mein Herz einen Trommelwirbel schlägt, wenn ich mein hastiges Atmen verbergen will, wenn ich hundert Mal schlucken muss, weil er so lange braucht, um mich zu küssen. Ich kann ihn nicht einmal anschauen, ohne jeden einzelnen Moment mit ihm noch einmal zu durchleben, jede Erinnerung an seine Lippen, seine Berührungen, seinen Duft, seine Haut. Das ist alles so extrem, so überwältigend, so vielfältig, so neu, all diese erlesenen Wahrnehmungen, die ich nicht kannte, nie gefühlt habe, nie erleben durfte.

Manchmal fürchte ich, dass sie mich umbringen werden.

Ich reiße mich los; mir ist heiß und kalt zugleich, und ich hoffe nur, dass ich mich beherrschen kann, hoffe, dass er vergisst, wie leicht er mich um den Verstand bringt. Weiß, dass ich mich konzentrieren muss, um mich zu fassen. Ich stolpere rückwärts; verberge das Gesicht in den Händen, will etwas sagen, aber alles zittert, und ich sehe, wie er mich anschaut – als wolle er mich mit einem einzigen Atemzug in sich einsaugen.

Nein, scheint er zu flüstern.

Und dann spüre ich nur noch seine Arme, höre, wie er verzweifelt meinen Namen murmelt, und ich zerfalle in seiner Umarmung, löse mich auf, bemühe mich nicht mehr, das Zittern in mir zu zähmen, und er ist so heiß, seine Haut ist so heiß, und ich weiß nicht mehr, wo ich bin.

Seine rechte Hand gleitet über meinen Rücken und zieht den Reißverschluss meines Anzugs hinunter, bis er halb geöffnet ist, und es ist mir einerlei. Ich habe 17 Jahre nachzuholen, und ich will alles spüren. Ich werde nicht abwarten und mit Wer-weiß und Was-wenn und später mit schrecklichem Bedauern leben. Ich will alles spüren, damit ich nicht plötzlich feststellen muss, dass dieser Zustand Vergangenheit ist, dass meine Chance da war und fortging und nie mehr wiederkommen wird. Dass meine Hände diese Wärme nie wieder spüren werden.

Das wird nicht passieren.

Das werde ich nicht zulassen.

Ich merke nicht, dass ich mich so eng an ihn schmiege, dass ich unter seinen dünnen Baumwollsachen jede Kontur seines Körpers spüre. Meine Hände gleiten unter sein Hemd, und ich höre seinen stockenden Atem, spüre, wie sich seine starken Muskeln straffen, und ich sehe, dass er die Augen zusammenkneift, als habe er Schmerzen, und plötzlich durchwühlen seine Hände mein Haar, verzweifelt, und seine Lippen sind so nah. Er lehnt sich an mich, und meine Füße heben ab, und ich schwebe, ich fliege, bin nur noch verankert durch den Orkan in meinen Lungen und dieses Herz, das zu schnell pocht pocht pocht.

Unsere Lippen

finden sich

und ich weiß, ich werde zerspringen. Er küsst mich, als habe er mich verloren und wieder gefunden, als entgleite ich ihm und er wolle mich für immer festhalten. Schreien will ich, immer wieder, zerbrechen will ich, immer wieder, sterben will ich in dem Wissen um diesen Kuss, dieses Herz, diese weiche Explosion, die sich anfühlt, als hätte ich einen Schluck Sonne getrunken, als hätte ich mir den achten, neunten und zehnten Himmel einverleibt.

Das.

Es löst überall Sehnsucht aus.

Adam löst sich, schwer atmend, seine Hände tasten sich unter den dünnen Stoff meines Anzugs, und Adams Haut ist heiß, so heiß, und ich bin so durcheinander, dass ich ihn nicht verstehe, als er spricht.

Aber er sagt etwas.

Worte, tief und rau in meinem Ohr, aber ich verstehe nur Kauderwelsch, Konsonanten und Vokale und gebrochene Silben. Das Klopfen von Adams Herzen bricht aus seiner Brust und taumelt in meine. Seine Finger folgen Geheimbotschaften auf meiner Haut. Seine Hände gleiten im satinglatten Stoff meines Anzugs nach unten, streicheln die Innenseiten meiner Schenkel, meine Kniekehlen und wandern nach oben oben oben, und ich frage mich, ob man zugleich wach und ohnmächtig sein kann, und so fühlt es sich wohl an, wenn man hyperventiliert, zu viel Sauerstoff in die Lunge bekommt. Adam zieht mich mit sich, sinkt an die Wand. Packt meine Hüften. Reißt mich an sich.

Ich keuche.

Seine Lippen kosen meinen Hals. Seine Wimpern streifen die Haut unter meinem Kinn, und er sagt etwas, etwas, das sich wie mein Name anhört, und er küsst mein Schlüsselbein und meine Schultern, und seine Lippen, seine Lippen und seine Hände erkunden die Wölbungen und Flächen meines Körpers, und seine Brust hebt und senkt sich, und er flucht leise und hält inne und sagt, Gott, du fühlst dich so gut an

und mein Herz ist ohne mich zum Mond geflogen.

Ich liebe es, wenn er das zu mir sagt. Ich liebe es, weil es so anders ist als alles, was ich mir mein Leben lang anhören musste, und ich wünschte, ich könnte mir diese Worte in die Tasche stecken und sie ab und an berühren, um mich daran zu erinnern, dass es sie gibt.

»Juliette.«

Mir stockt der Atem.

Es gelingt mir kaum, aufzuschauen und irgendetwas klar zu erkennen, außer der Vollkommenheit dieses Augenblicks, aber nicht einmal das ist wichtig, denn Adam lächelt. Er lächelt wie jemand, dessen Lippen von Sternen gesäumt sind, und er schaut mich an, schaut mich an, als sei ich sein Ein und Alles, und ich möchte am liebsten weinen.

»Schließ die Augen«, flüstert er.

Und ich vertraue ihm.

Deshalb gehorche ich.

Er küsst das eine Lid, dann das andere. Kinn, Nase, Stirn. Meine Wangen. Beide Schläfen.

Jeden

Zentimeter

an meinem Hals

und plötzlich

weicht er so abrupt zurück, dass er mit dem Kopf an die raue Wand stößt. Ich erstarre vor Schreck. »Was ist passiert?«, flüstere ich.

Adam versucht sich zu beherrschen, aber er atmet hastig, schaut sich hektisch um und stottert: »Tu– Tut mir leid, da war – ich meine, ich dachte –« Er wendet den Blick ab. Räuspert sich. »Ich – ich dachte, ich hätte etwas gehört. Ich dachte, jemand würde reinkommen.«

Natürlich.

Adam darf gar nicht hier sein.

In Omega Point sind Frauen und Männer in unterschiedlichen Trakten untergebracht. Castle behauptet, das werde so gehandhabt, damit die Frauen sich wohl und sicher fühlen – vor allem, da man sich die Badezimmer teilen muss –, und ich finde das eigentlich gut. Es ist schon angenehm, nicht gemeinsam mit alten Männern duschen zu müssen. Aber diese Regelung macht es für Adam und mich schwer, uns zu treffen – und wenn es uns dann selten genug gelingt, haben wir dauernd Angst, ertappt zu werden.

Adam lehnt sich an die Wand und zuckt zusammen. Ich berühre seinen Kopf.

Er duckt sich weg.

Ich erstarre.

»Alles … okay mit dir?«

»Ja, schon.« Er seufzt. »Es ist nur – ich meine –« Er schüttelt den Kopf. »Keine Ahnung.« Er senkt den Kopf. »Irgendwas stimmt nicht mit mir.«

»Hey.« Ich lege meine Fingerspitzen an seinen Bauch. Sein Hemd ist warm von seiner Körperhitze, und ich muss dem Impuls widerstehen, mein Gesicht in dem Stoff zu vergraben. »Kein Problem«, versichere ich ihm. »Du warst doch nur vorsichtig.«

Er lächelt, und das Lächeln sieht traurig und seltsam aus. »Das meine ich nicht.«

Ich starre ihn an.

Er öffnet den Mund. Schließt ihn. Öffnet ihn wieder. »Es – ich meine, das –« Er zeigt auf sich, dann auf mich.

Spricht nicht weiter. Und sieht mich nicht an.

»Ich verstehe nicht –«

»Ich werde wahnsinnig«, flüstert er.

Ich sehe ihn an. Sehe ihn an und blinzle und stolpere über Wörter, die ich nicht sehen, nicht finden, nicht aussprechen kann.

Adam schüttelt den Kopf.

Berührt seine Haare. Er sieht verlegen aus, und ich versuche verzweifelt zu verstehen, weshalb. Adam wird nicht verlegen. Er ist niemals verlegen.

Seine Stimme ist rau, als er endlich spricht. »Ich habe so lange darauf gewartet, mit dir zusammen zu sein«, sagt er. »Ich wollte das – ich habe so lange auf dich gewartet, und jetzt, nach alldem –«

»Adam, was willst du –«

»Ich kann nicht schlafen. Ich kann nicht schlafen; und ich denke die ganze Zeit an dich – und ich kann nicht –« Er verstummt. Presst die Handballen an die Stirn. Kneift die Augen zusammen. Dreht sich zur Wand, damit ich sein Gesicht nicht sehe. »Du solltest wissen – du musst wissen«, sagt er, und seine Stimme klingt so brüchig, als raubten die Worte ihm alle Kraft, »dass ich mir niemals irgendetwas so sehr gewünscht habe wie dich. Nichts. Weil das – das – ich meine, Gott, ich will dich, Juliette, ich will – ich will –«

Seine Stimme versiegt, als er sich zu mir umdreht, und seine Augen flackern zu hell, sein Gesicht ist erhitzt. Sein Blick streift über meinen Körper, lange genug, um den Brennstoff in meinen Adern zu entzünden.

Ich stehe in Flammen.

Ich will etwas sagen, etwas, das wahr und unbeirrt und beruhigend ist. Ich will ihm sagen, dass ich ihn verstehe, dass ich ebenso empfinde, dass auch ich ihn will, aber die Situation ist so angespannt und verwirrend und bedrängend, dass es mir vorkommt, als träume ich. Als hätte ich alle Buchstaben bis auf Q und Z vergessen und wüsste nicht, ob ich die anderen irgendwo nachlesen kann.

Adam zwingt sich, den Blick von mir zu lösen. Schluckt schwer, blickt zu Boden. Fährt sich mit einer Hand durchs Haar, ballt die andere zur Faust. »Du hast keine Ahnung«, sagt er verzweifelt, »was du mit mir machst. Was für Gefühle du in mir erzeugst. Wenn du mich berührst –« Er streicht sich mit zitternder Hand übers Gesicht. Schnaubt, als wolle er lachen, sein Atem ist stockend und heftig, und er kann mich nicht ansehen. Er tritt einen Schritt zurück, flucht leise. Schlägt sich mit der Faust an die Stirn. »Gott, was rede ich da. Scheiße. Scheiße. Tut mir leid – vergiss das alles – vergiss, was ich gesagt habe – ich sollte jetzt gehen –«

Ich will meine Stimme wiederfinden, ihn beruhigen, will sagen »Keine Sorge, alles ist gut«, aber ich bin so aufgeregt, so nervös, so außer mir, weil das alles keinen Sinn ergibt. Ich verstehe nicht, was geschieht und weshalb Adam so verwirrt ist, was mich und uns und ihn und mich angeht. Ich weise ihn nicht ab. Ich habe ihn niemals abgewiesen. Meine Gefühle für ihn waren immer klar – er hat keinerlei Grund, unsicher zu sein, und ich weiß nicht, weshalb er mich anschaut, als sei etwas ganz und gar nicht Ordnung –

»Es tut mir so leid«, sagt er. »Ich bin – ich hätte nichts sagen sollen. Ich bin nur – ich bin – Scheiße. Ich hätte nicht herkommen sollen. Ich sollte gehen – ich muss jetzt gehen –«

»Was? Adam, was ist passiert? Was redest du da?«

»Das war keine gute Idee«, sagt er. »Ich bin so dumm – ich hätte nicht mal herkommen dürfen –«

»Du bist nicht dumm – mach dir keine Sorgen – alles ist gut –«

Ein lautes Lachen, das blechern klingt. Der Schatten eines gequälten Lächelns verharrt auf seinem Gesicht, während er auf einen Punkt hinter mir starrt. Er schweigt lange. »Na ja«, sagt er dann schließlich, bemüht munter. »Castle denkt da anders.«

»Was?«, keuche ich erschrocken. Ich weiß, dass wir jetzt nicht mehr über unsere Beziehung sprechen.

»Ja.« Er steckt die Hände in die Hosentaschen.

»Nein.«

Adam nickt. Zuckt die Achseln. Sieht mich an, schaut dann weg. »Ich weiß nicht genau. Ich glaube schon.«

»Aber der Test – ist er – ich meine –«, ich kann nicht mehr aufhören, den Kopf zu schütteln, »hat man etwas gefunden?«

Adam sieht mich nicht an.

»O mein Gott«, flüstere ich, als wäre alles einfacher, wenn ich nicht laut spreche. »Es stimmt also? Castle hat Recht?« Mein Körper ist angespannt, und ich weiß nicht, weshalb dieses Gefühl, das mir über den Rücken kriecht, Angst sein sollte. Ich sollte mich nicht fürchten, wenn Adam eine besondere Gabe besitzt, so wie ich; ich hätte wissen müssen, dass sich mehr dahinter verbirgt, dass es so einfach nicht sein kann. Das war von Anfang an Castles Theorie: dass Adam mich nur berühren kann, weil auch er über eine besondere Energie verfügt, die ihm das ermöglicht. Castle hat nie geglaubt, dass Adam durch Zufall vor meinen Kräften geschützt ist. Sondern er vermutete, dass es einen tieferen Grund, etwas wissenschaftlich Messbares, als Ursache geben müsste. Ich dagegen wollte einfach an einen glücklichen Zufall glauben.

Und Adam wollte es herausfinden. Er fand das aufregend.

Doch seit er die Tests mit Castle begonnen hat, will er nicht mehr darüber sprechen. Hat mir nur ein paar langweilige Zahlen genannt. Und er wirkt auch nicht mehr so enthusiastisch.

Etwas stimmt nicht.

Etwas stimmt nicht.

Wie sollte es auch anders sein.

»Wir wissen noch nichts Endgültiges«, sagt Adam, aber ich sehe, dass er etwas vor mir verbirgt. »Es gibt noch ein paar Termine – Castle meint, er müsse noch einiges … untersuchen.«

Sein mechanischer Tonfall entgeht mir nicht. Etwas ist nicht in Ordnung, und ich kann nicht fassen, dass mir das erst jetzt auffällt. Ich wollte es wohl übersehen, merke ich nun. Ich wollte mir nicht eingestehen, dass ich Adam noch nie so erschöpft, angespannt und bedrückt erlebt habe. Auf seinen Schultern wohnt die Angst.

»Adam –«

»Mach dir keine Sorgen um mich.« Seine Stimme klingt nicht harsch, aber gepresst, und er zieht mich rasch an sich, damit ich nicht weiterspreche. Fummelt an meinem Reißverschluss, um mich wieder zu verhüllen. »Es geht mir gut«, sagt er. »Wirklich. Ich möchte nur sicher sein, dass es dir gut geht. Wenn du dich hier wohlfühlst, dann gilt das auch für mich. Alles ist gut.« Er stockt. »Okay? Alles wird gut.« Sein Lächeln ist so schmerzlich, dass mir fast das Herz stehenbleibt.

»Okay.« Ich versuche meine Stimme wiederzufinden. »Klar, aber –«

Die Tür geht auf. Tana und Randa kommen herein und bleiben abrupt stehen, starren auf unsere verschlungenen Körper.

»Oh!«, macht Randa.

»Äm.« Tana blickt zu Boden.

Adam flucht leise.

»Wir können später wiederkommen –«, sagen die Zwillinge wie aus einem Munde.

Sie drehen sich um, wollen wieder gehen, aber ich halte sie zurück. Ich werde die beiden nicht aus ihrem eigenen Zimmer vertreiben.

Ich sage, sie sollen hierbleiben.

Sie fragen mich, ob ich mir sicher bin.

Ich werfe einen Blick auf Adam, und mir ist schmerzlich bewusst, dass ich es bitter bereuen werde, wenn ich auch nur eine Minute unserer gemeinsamen Zeit vergeude. Doch ich weiß ebenfalls, dass ich die Zwillinge nicht ausnutzen will. Das ist auch ihr Zimmer, und in Kürze wird das Licht ausgemacht. Ich kann die beiden nicht draußen auf den Gängen herumwandern lassen.

Adam schaut mich nicht mehr an, lässt mich aber auch nicht los. Ich küsse ihn leicht aufs Herz, und nun sieht er mich an. Lächelt gequält.

»Ich liebe dich«, sage ich so leise, dass nur er mich hören kann.

Er atmet stockend aus. Flüstert »du hast ja keine Ahnung«. Dreht sich um und eilt hinaus.

Das Herz schlägt mir bis zum Hals.

Die Zwillinge starren mich an. Sie sehen besorgt aus.

Tana will etwas sagen, aber dann

ein Schalter

ein Klacken

ein Flackern

und es ist dunkel.

4

Die Träume kehren zurück.

Eine Zeitlang, als ich in Warners Stützpunkt gefangen gehalten wurde, waren sie verschwunden. Ich hatte geglaubt, ich hätte den weißen Vogel verloren, den Vogel, der goldene Federn auf dem Kopf hat wie eine Krone. Er kam zu mir in meinen Träumen, segelte kraftvoll und unbeirrt über die Welt, als wisse er alles, als kenne er Geheimnisse, die wir niemals erahnen werden, als wolle er mich an einen sicheren Ort geleiten. Er war mein einziges Stück Hoffnung in der bitteren Dunkelheit der Anstalt. Und dann fand ich seinen Zwilling, auf Adams Brust tätowiert.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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