Beschreibung

An Bord des Rettungskreuzers Hyperion erinnert sich Captain Lorensen während eines Treffens mit einem zunächst offenbar Fremden schockartig an ein früheres Abenteuer seiner Mannschaft: eines, das sie auf einen unwirtlichen Planeten führte zu einer archaischen Gesellschaft, über die sich ein Fremdwelter als Gott aufschwingen wollte. Eine frevelhafte Tat, in die auch das Team der Hyperion verwickelt war und das dadurch in furchtbare Gefahr kam. Doch schlimmer noch – diese Tat brachte den Sturm über Toruk …

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Prolog

Atlantis Verlag

Impressum

Eine Veröffentlichung des Atlantis-Verlages, Stolberg April 2017 Alle Rechte vorbehalten. © Dirk van den Boom & Thorsten Pankau Druck: Schaltungsdienst Lange, Berlin Titelbild: Allan J. Stark Umschlaggestaltung: Timo Kümmel Endlektorat: André Piotrowski ISBN der Paperback-Ausgabe: 978-3-86402-492-4 ISBN der E-Book-Ausgabe (EPUB): 978-3-86402-499-3 Besuchen Sie uns im Internet:www.atlantis-verlag.de

Prolog

Der Rettungskreuzer Ikarus des Freien Raumcorps wird dafür eingesetzt, in der besiedelten Galaxis sowie jenseits ihrer Grenzen all jenen zu helfen, die sich zu weit vorgewagt haben, denen ein Unglück zugestoßen ist oder die anderweitig dringend der Hilfe bedürfen. Die Ikarus und ihre Schwesterschiffe sind dabei oft die letzte Hoffnung bei Havarien, Katastrophen oder gar planetenweiten Seuchen. Die Crew der Ikarus unter ihrem Kommandanten Roderick Sentenza wird dabei mit Situationen konfrontiert, bei denen Nervenstärke und Disziplin alleine nicht mehr ausreichen. Man muss schon ein wenig verrückt sein, um diesen Dienst machen zu können – denn es sind wilde Zeiten …

Misa und Oortman verließen die Hyperion und traten in die Wüste hinaus. Die Dämmerung verblasste allmählich und die ersten Sterne glitzerten schon am Himmel. Mittlerweile waren weitere Menschen eingetroffen und die Zeltstadt um Almareen war erneut angewachsen.

Während sich Misa und Oortman durch die breite Gasse bewegten, die in einer einigermaßen geraden Linie von der Hyperion zum westlichen Stadttor führte, beobachtete sie, wie große Zelte aufgerichtet wurden. Trotz der Dunkelheit war man hier noch sehr geschäftig. Im Schein von Fackeln und Lagerfeuern sah sie prachtvoll gekleidete Toruk, die ihre Bediensteten bei der Arbeit beobachteten und ihre Unzufriedenheit mit deren Bemühungen lautstark kommentierten. Die heraufziehende Nacht wurde begleitet von harschen Worten, Gezeter und Gefluche. Es lag eine spürbare Spannung in der Luft.

Schließlich erreichten Misa und Oortman die Stadt, schritten durch die leeren Straßen und kamen an die große Treppe, die zum Tempelbezirk hinaufführte. Die Wachen wussten, wer die beiden waren, und ließen sie passieren. Nachdem sie die Stufen erklommen, den weiten Tempelplatz überquert hatten und in die Säulenhalle eingetreten waren, kam ihnen eine junge Priesterin entgegengetrippelt.

»Es ist verboten, den Frieden des Tempels um diese Zeit zu stören«, sagte sie, während sie sich im flackernden Schein der Feuerschalen näherte. Als sie Misa erkannte, senkte sie verlegen den Blick. »Verzeiht.«

»Ist der König hier?«, fragte Misa.

»Nein, er ist heute Morgen zu einem Feldzug aufgebrochen«, antwortete das Mädchen demütig. »Er eilt von Sieg zu Sieg und hat viele Gebiete erobert. Die Furcht vor ihm liegt auf seinen Gegnern.«

»Warum hat der Feind noch keine Verstärkung geschickt?«

»Ihr meint Soldaten von der Außenwelt?«

Misa nickte.

»Ihr wollt mich auf die Probe stellen«, sagte das Mädchen und lächelte freudig. »Aber ich kann Euch die Antwort sagen. Der Große Sturm verhindert die Landung fremder Schiffe und stört den Feind in seinen Bewegungen.«

»Ein Sturm?« Misa wunderte sich. »Ich habe keinen Sturm bemerkt.«

»Er trifft nur die Ungläubigen«, erklärte die junge Priesterin mit hartem Unterton, der keinen Zweifel darüber ließ, was sie von den Söldnern hielt. »Gleich nach seiner Ankunft wurden die Feinde von der Wucht des Sturmes getroffen. Sie sind in Verwirrung gestürzt und können keine Hilfe holen. Wir jedoch bleiben unbehelligt. Wir können ihn nicht einmal sehen. Da wir guten Herzens sind und das Wohlgefallen unseres Herrn besitzen.«

»Bring uns zu den Schiffen!«, befahl Misa.

Die junge Frau gehorchte und führte Misa und Oortman in den unterirdischen Hangar. Von ihrem erhöhten Standort aus, an der Stelle, wo der lange Korridor endete und die abschüssige Rampe hinabführte, hatten sie einen guten Überblick.

Es befanden sich noch immer genügend Fluggeräte darin, um einen massiven Schlag gegen die Söldnertruppen zu führen, sollten sie unvermittelt hier auftauchen. Zwischen den Fahrzeugen sah man Gruppen junger Leute, die im Kreis um künstliche Lichter saßen und ihren Lehrern lauschten, Lehrern, die kaum älter waren als ihre Schüler. Benford musste sich über den ständigen Zustrom junger Krieger freuen, die sich ihm so bereitwillig anschlossen und die dann andere missionierten.

Die junge Priesterin verneigte sich, nachdem sie Misa und Oortman hierher gebracht hatte, und ging, um sich wieder ihrem Wachdienst in der Tempelhalle zu widmen.

»Was meinte sie wohl mit dem Sturm?«, fragte Misa den Konstrukteur, den Robogenetiker, als die junge Frau fort war. »Das klang nicht so, als wäre das aus ihrer eigenen Fantasie heraus entsprungen. Es hörte sich recht konkret an.«

Oortman hatte schon eine Antwort parat. »Ich denke, Benford hat die Kommunikationssysteme der Kronnberg Group lahmgelegt. Obwohl ich glaube, dass die ohnehin nicht richtig funktionierten. Jedenfalls sind wir lange unentdeckt geblieben. Ich führe das auf Lücken in ihrer Planetenüberwachung zurück. Oder auf Schlamperei«, erklärte er, gewohnt selbstsicher und von seinen Schlussfolgerungen überzeugt. »Und er sendet bestimmt falsche Statusmeldungen. Das würde auch erklären, warum noch kein Schiff der Zentrale hier aufgetaucht ist, um nach uns zu sehen. Ich denke, er vernebelt den Planeten, wenn ich das mal bildlich ausdrücken darf.«

Das klang logisch. Aber darüber wollte sich Misa jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Es gab andere Rätsel zu lösen. Sie ließ den Blick über die Flotte zu ihren Füßen schweifen. »Ich bin gespannt, wie weit wir uns aus der Höhle trauen können, ohne auf Feindverbände zu treffen.«

»Wir wagen besser mal nur einen kleinen Hopser«, wandte Oortman ein. »Keinesfalls weiter als zehn Kilometer Radius um Almareen. Wenn irgendetwas Unvorhergesehenes passiert, sollten wir uns in den Schutz der Höhle zurückziehen können.«

»Du musst dir keine Sorge machen«, beruhigte Misa. »Ich habe nicht vor ein Risiko einzugehen. Ich will nur mal sehen, was so ein Schiffchen alles kann.«

Sie konnten unbehelligt durch den Hangar schreiten und sich die verschiedenen Kampfmaschinen aus der Nähe betrachten. Einige von ihnen waren von schwarzer Färbung und auf ihrem Rücken von einer dicken Staubschicht überzogen. Mit Sicherheit waren sie seit Jahrhunderten nicht mehr bewegt worden. Andere hingegen glommen und pulsierten in kristallinen Farbtönen, als würden sie nach anstrengender Arbeit ausruhen, um wieder zu Kräften zu kommen.

Oortman ging auf eine davon zu, aber Misa hielt ihn zurück. »Nein«, sagte sie mit befehlendem Unterton. »Nicht eine von denen. Die haben schon einen Besitzer.« Sie nickte hinüber zu einem der dunklen Schiffe, die in der Dunkelheit darauf warteten, dass jemand sie aktivierte.

»Wie kommst du darauf, gerade eines von diesen da zu nehmen?«, wunderte sich Oortman. »Wie wäre es mit denen, die ihre Flugtauglichkeit bereits unter Beweis gestellt haben.«

»Hast du dir Benfords Schiff je aus der Nähe angesehen?«, fragte Misa.

»Natürlich.«

»Ich meine, hast du versucht es zu fliegen?«

Oortman schüttelte irritiert den Kopf. »Nein. Ich wollte niemanden unnötig provozieren.«

»Hast du dich nicht gefragt, warum Benford es so offen herumstehen ließ und wir ein- und aussteigen konnten, ohne dass seine Roboter uns daran gehindert haben?«

Oortmans Schweigen zeigte, dass er damit überfragt war.

»Ich habe mich auf eine der Pilotenpritschen gelegt«, berichtete Misa. »Ich wollte einige der Steuersysteme aktivieren, da passierte etwas Eigenartiges.« Sie machte eine Pause und rief sich ihre Eindrücke zurück ins Gedächtnis. Es war nicht einfach zu erklären, was sie empfunden hatte, und dafür die richtigen Worte zu finden.

Der Konstrukteur war sichtlich gespannt darauf, ihre Ausführungen zu hören, und wurde ungeduldig. »Und?«, drängte er. »Was ist passiert?«

»Ich begann mich schlecht zu fühlen«, erzählte sie. »Mir wurde speiübel und ich musste das Schiff verlassen.«

»Ein Abwehrmechanismus?«

»Das Schiff empfand mich als Fremdkörper und wollte mich loswerden. Besser kann ich es nicht ausdrücken.«

»Aha. Deshalb nehmen wir eines von denen, die noch unbenutzt sind.«

»Ganz genau.«

Oortman nickte anerkennend, bis ihm etwas einzufallen schien. »Aber diese Schiffe wurden bestimmt benutzt«, gab er zu bedenken. »Vor über tausend Jahren zwar, aber immerhin«, er grinste anzüglich. »Sie sind nicht mehr jungfräulich, glaubst du nicht?«

»Wer immer sie geflogen hat«, sagte Misa, »ist tot. Zu Staub zerfallen. Ich denke, die Verbindung ist aufgehoben.«

»Das vermutest du.«

Ohne zu antworten, ging sie mit schnellen Schritten auf das Schiff zu, welches ihr besonders gut gefiel. Es war nicht so groß wie die anderen, aber schlank und schnittig. Es erinnerte sie an den lang gestreckten Leib einer flügellosen Libelle. »Ich bin gespannt«, murmelte Misa. »Das wird ein aufregender Abend.«

Der Zugang unterhalb des Bugs war geöffnet. Eine kurze Rampe führte in das Schiff hinein. Misa und Oortman konnten an Bord gehen, ohne irgendwelche Sperren überwinden zu müssen. Im Inneren war es so dunkel, dass man nicht die Hand vor den Augen sehen konnte. Es dauerte eine Weile, bis sie sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Vorsichtig tasteten sich Misa und Robert Oortman bis ins Cockpit vor.

Die Offizierin fand die Pilotenliege und hievte sich umständlich hinein.

»Wo bist du, Misa?«, hörte sie Oortman sagen. Seine Stimme klang matt in der Dunkelheit.

»Ich liege bereits im Pilotensitz«, antwortete sie. »Einen Augenblick. Ich kann bestimmt gleich etwas verändern. Warte!«

Misa packte die zwei Griffe an den Seiten der Liege und fühlte augenblicklich, wie sich eine Verbindung zum Bewusstsein der Maschine aufbaute. Es war wie eine zweite Gefühlsebene, die sich in ihren Gedanken etablierte und immer deutlicher zu spüren war. Fremde Empfindungen und Eindrücke drängten in Misas Sinn.

Bilder tauchten in ihrem Geist auf und verblassten wieder. Bilder aus ihrer Erinnerung und die eines anderen Bewusstseins. Eine Flut von Emotionen prasselte über sie herein, bis es unerträglich wurde. In dem Moment, als es zu schierer Folter wurde, hatte Misa plötzlich das Gefühl, als wäre jemand ganz nah bei ihr, um sie an der Hand zu nehmen und durch das Dunkel zu führen. Ihre Angst verflog, während sie durch einen Tunnel aus leuchtenden Visionen jagte.

Robert Oortman stand reglos in der Dunkelheit. Seit Misa sich auf der Pilotenliege niedergelassen hatte, waren schon einige Minuten vergangen. Seitdem lag sie still und ruhig da, als wäre sie eingeschlafen. Ihr Atem ging gleichmäßig.

»Misa?«, fragte er vorsichtig. »Misa, schläfst du? Kannst du mich noch hören?«

Es kam keine Antwort und Oortman wurde unruhig.

Nach einer Weile fing Misa an zu reden. Undeutliche Worte kamen über ihre Lippen. Sie begann zu keuchen und zappelte krampfartig auf der Liege herum, deren lederartigen Polster sie umfassten und festhielten.

Oortman packte sie an den Oberarmen und hielt sie fest. »Misa, beruhige dich«, brüllte er verwirrt und mehr verängstigt als besorgt. »Es ist alles in Ordnung.« Warum sagte man immer so dumme Dinge, schalt er sich selber. Offenbar war nichts in Ordnung.

Schließlich schreckte sie hoch. Im selben Moment gingen im Schiff die Lichter an. Sie starrte Oortman in die Augen, während ein durchdringendes Summen immer lauter wurde, als die Maschinen hochfuhren.

»Was war mit dir los?«, wollte Oortman wissen.

Misa griff sich an die Stirn und keuchte. Sie schien nach den richtigen Worten suchen zu müssen. »Datenabgleich«, antwortete sie. »Ich glaube, das trifft es am besten.«

»Was hast du erfahren? Du hast doch etwas erfahren? Etwas gespürt. Oder etwa nicht?«

»Das erzähle ich dir ein andermal.« Sie legte sich wieder zurück auf die Liege und der Kristall, der das Cockpit umfasste, wurde klar.

Oortman starrte hinaus. »Unfassbar«, hauchte er fasziniert, steckte die Hand aus und betastete den transparenten Kristall.

»Leg dich auf die andere Pritsche«, forderte Misa den Robogenetiker auf.

Oortman zögerte noch einen Augenblick und ließ sich in seinem Staunen nicht beirren. Aber schließlich kam er Misas Aufforderung nach, streckte sich auf die Pilotenliege aus und sah durch den Kristall hinauf zu der felsigen Decke des Hangars. »Ich bin gespannt, was mir das Schiff mitteilen wird.«

»Nichts«, antwortete Misa lapidar. »Du bist lediglich so etwas wie ein externer Ersatzspeicher. Such dir dein eigenes Schiff. Es sind noch genug da draußen.«

Oortman lachte gequält. Dennoch musste er sich eingestehen, dass er eher ein Theoretiker als ein Abenteurer war. Er war vernünftiger, sich fürs Erste auf das Beobachten zu konzentrieren. Es blieb bestimmt noch genug Gelegenheit, eigene Erfahrungen zu sammeln. Wie Misa richtig bemerkt hatte, standen hier noch viele unbenutzte Schiffe herum. Er würde schon noch den Mut finden, eines davon auszuprobieren. Kaum dass er es sich auf der Liege einigermaßen bequem gemacht hatte, begann das Fahrzeug zu schweben und flog durch die riesige Höhle.

Die endlose Phalanx schlafender Schiffe zog vorüber, als Oortman und Misa Dorkan sich dem Ausgang näherten. Dann beschleunigte die ungewöhnliche Maschine und jagte hinauf in den klaren Nachthimmel. Einige Sekunden lang stieß sie steil aufwärts, bis ihre Nase plötzlich nach unten kippte. In hohem Tempo fiel sie den zerklüfteten Bergen entgegen wie ein Meteor.

Oortman krallte sich in die Griffe seiner Liege. Ihm wurde flau im Magen, während das Schiff in einen tiefen Canyon eintauchte, dann in einen Horizontalflug einschwenkte und dem Verlauf der Schlucht nach Norden folgte.

In rasendem Tempo ging es dahin. Die schroffen Felswände waren im Dunkeln mehr zu erahnen, als zu sehen. Nur der Fluss am Grund der Schlucht schimmerte in silbrigem Glanz und war klar zu erkennen. Sie folgten dem leuchtenden Band in so niedriger Höhe, dass die Druckwelle einen Schleier aus weißer Gischt erzeugte, der hinter dem Schiff herwirbelte. Nach einer Weile stieg es wieder höher hinauf und beschleunigte abermals.

Oortman klammerte sich so fest an die Griffe der Liege, dass seine Gelenke knackten. »Wir sind über den Radius hinaus«, informierte Oortman, aber Misa schien ihn nicht zu hören oder ihn zu ignorieren, um ihm ein wenig Angst einzujagen.

Sie flog das fremdartige Schiff, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht. Misa ließ es vertikal in den Himmel aufsteigen, wagte rasante Sturzflüge, nur um es wenige Meter über dem Boden abzufangen. Sie flog es in engen Kurven durch ein Areal spitzer Felsnadeln und hinein in eine Nebelwand, die über einem großen See waberte.

Auf Oortmans Stirn bildeten sich Schweißperlen. Er war glücklich, als sie wieder klare Sicht hatten und über eine weitläufige Tundra mit niedriger Vegetation hinwegflogen. Er begriff allmählich, wie es Benford möglich war, in so kurzer Zeit so viele Erfolge zu erzielen, und das mit ungeübten Soldaten. Doch allein mit Luftschlägen und dem Besitz der Lufthoheit konnte man keine Eroberungen machen. Man benötigte auch Fußsoldaten, die im Nah- und Häuserkampf geschickt waren und die eroberten Gebiete sicherten. Bestimmt hatte er auch dafür eine Lösung parat.