Rick 6 - Antje Szillat - E-Book

Rick 6 E-Book

Antje Szillat

4,8

Beschreibung

Rick laust der Affe! Finn und er sind zum Stallausmisten im Zoo verdonnert worden. Oh, du Hölle! - Obwohl, eigentlich ist ihm Elefantenkacke wegschaufeln fast lieber, als zu Hause herumzuhängen, denn da herrscht gerade dicke Luft! Nicht nur, weil seine Oma Mary sich eine fette Harley Davidson angeschafft hat. Irgendwie ist Linda auch schon seit Wochen so grün im Gesicht. Liegt das an ihrer plötzlichen Schwäche für Marmeladenbrot mit Heringsdip? Davon stopft sie nämlich so viel in sich hinein, dass ihr Bauch immer dicker wird. Oder ist sie etwa ... SCHWANGER?!

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ISBN 978-3-649-61606-1 (eBook)

eBook © 2013 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG,

Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

ISBN 978-3-649-61289-6 (Buch)

Buch © 2013 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG,

Hafenweg 30, 48155 Münster

Text: Antje Szillat

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur

Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Illustrationen: Kim Schmidt

Umschlaggestaltung: init, Büro für Gestaltung

Lektorat: Jutta Knollmann

Satz: Sabine Conrad, Rosbach

www.coppenrath.de

»Und du bist dir auch wirklich sicher?«

»Finn!«, knurrte ich. »Wenn du mich das noch einmal fragst, dann drehe ich dir hundertprozentig die Gurgel um!«

Finn griff sich an den Hals, schluckte schwer – und schwieg. Sein Glück!

Vorm Zoo steppte der Bär. Überall schwirrten höllisch gut gelaunte Menschen herum. Mit Blagen im Schlepptau, die das Meerschweinchengehege, das sich auf dem Platz vorm Eingang befand, albern kichernd oder plärrend umlagerten. – Und die mir damit einen fetten Strich durch meinen eigentlich so astreinen Plan machten.

Verflixte Kaninchenkacke, hatten die denn alle kein Zuhause?

Apropos Eigenheim, nur deshalb waren Finn und ich überhaupt hierhergekommen. Trick und Track, die beiden Minizwergkaninchen unserer Tierarztnachbarin Karli, brauchten nämlich eins. Also einen neuen Unterschlupf. Was leider unmöglich war, solange diese verpeilten Wirsind-ja-sooo-glücklich-Familien vor dem Meerschweinchengehege herumlungerten.

Und deshalb musste ich mir etwas anderes einfallen lassen. Dringend! Dumm nur, dass in meinem Schädel nichts weiter war als luftige Luft …

»Mierda!«, fluchte ich leise. »Was wollen die bloß alle hier?«

»In den Zoo gehen?«, faselte Finn oberklug daher und kratzte sich nachdenklich am linken Ohrläppchen.

»Mann, Finn«, schnaufte ich, »da wäre ich echt nicht drauf gekommen.«

»Gern geschehen!« Er zuckte frech grinsend die Achseln.

Den Spott in seiner Stimme überhörte ich großzügig. Ich musste mich konzentrieren.

Denk nach, Junge. Los! Lass dir was einfallen!

»Okay, Planänderung!«, erklärte ich schließlich. »Hier draußen ist es eindeutig zu stressig. Und saukalt noch dazu. Das schmeckt den kleinen Kerlchen hundertpro nicht. Hast du Geld mit?«

Finn nickte.

»Wie viel?«

»Fünfzig Euro.«

Ich starrte ihn fassungslos an. »Echt? Wo hast du denn so viel Kohle her?«

Finn runzelte die Stirn. »Äh … von meinem Konto«, erklärte er vorsichtig. »Ich möchte später noch in die Buchhandlung gehen.«

Fünfzig Euro für Bücher? Mann, Finn war ungelogen der Knaller.

Nur jetzt war der falsche Moment, um ihn deswegen aufzuziehen. Trick und Track mussten endlich aus dem Rucksack raus.

»Das mit dem Außengehege vorm Zoo als zukünftiges Trick-und-Track-Zuhause haut ja nicht hin, wie du siehst. Deshalb müssen wirinden Zoo und du musst die Karten kaufen. Ich warte da drüben auf dich.«

Finn klappte den Mund auf und wollte protestieren.

Doch ich hob schnell die Hände und zischte: »Oder willst du schuld sein, dass die beiden Knaben ihre nächste Mahlzeit im Kaninchen-Nirwana einnehmen müssen?«

Das zog – und wie! Finns Miene wurde noch eine Spur finsterer und dann düste er auch schon ab.

Die Schlangen an den Zookassen waren irre lang. Und Finn kam und kam nicht zurück. Allmählich begann ich, mir ein bisschen Sorgen um die Jungs in meinem Rucksack zu machen. Warum bewegten die sich nicht mehr? Waren die in eine Art Schockstarre gefallen? Oder waren sie inzwischen etwa längst – Hilfe! – erstickt, zerquetscht, mausetot?

Nach einer halben Ewigkeit kam Finn endlich mit den Eintrittskarten zurück.

»Das Geld bekomme ich von dir wieder«, maulte er. »So war das ja nicht geplant.«

»Klar doch«, log ich, weil ich gerade so was von blank war. Ich hatte weder was auf dem Konto noch ein proppenvolles Sparschwein. Nur so ein blödes Sparbuch, das Pa total unter Kontrolle hielt. Taschengeld war auch Fehlanzeige. Das hatte ich schon für die nächsten sieben Wochen im Voraus ausgegeben. Nur das musste ich Finn ja nicht unbedingt auf die Nase binden. Jetzt hieß es erst einmal, Trick und Track aus dem Rucksack zu holen und ihnen ein neues Zuhause zu beschaffen. Hauptsache, sie lebten noch …

»Los jetzt!« Ich düste Richtung Drehkreuze ab.

Hinter mir rief Finn: »Renn doch nicht so! Die werden ja richtig durchgeschüttelt.«

Mir lag bereits auf der Zunge, dass die beiden davon eh null mitbekamen, weil sie bestimmt längst ihren letzten Kaninchenwunsch ausgehaucht hatten. Doch so wie ich Finnilein kannte, fing der sofort an, schräg herumzuflennen. Also hielt ich besser die Klappe.

Durch die Drehkreuze hindurch und an dem wuscheligen Tatzi Tatz, dem Wahrzeichen des Zoos, vorbei, der uns unbedingt per Handschlag begrüßen wollte, verlief alles total easy. Und kaum hatten wir den Weg zu Meyers Hof, dem zooeigenen Bauernhof, eingeschlagen, da spürte ich an meinem Rücken auch wieder ein leichtes Stupsen.

Yieeeha! Die Jungs sind aus dem Kaninchen-Nirwana zurückgekehrt, atmete ich erleichtert auf.

»Und nun?«, fragte Finn.

Und nun? Und nun? Und nun? Was wusste ich denn? Ich meine, war ich der allwissende Ranga Yogeshwar, oder was?

Finn seufzte und blickte mich streng an. »Du hast überhaupt keinen Plan B.«

Empört verzog ich das Gesicht. »Blödsinn. Ich habe sogar voll den Plan B!«

Hektisch schaute ich mich um. Und dann, so als ob ein Meteorit direkt aufs Stalldach gekracht wäre, war er da: MEIN PLAN B!

Alter Hammerrochen, was bin ich doch für ein intelligentes Kerlchen, musste ich mich selbst loben.

»Im Schweinestall von Meyers Hof gibt es eine Box mit Kaninchen«, erklärte ich Finn. »Dort sind Trick und Trackauch viel sicherer als in der Saukälte bei den Meerschweinchen draußen vorm Zoo.«

Finn rümpfte die Nase. »Das ist doch viel zu riskant. Bestimmt sind da überall Überwachungskameras angebracht.«

Ich schüttelte den Kopf und tippte mir zusätzlich gegen die Stirn. »Ey, doch nicht im Schweinestall. Was soll man da schon klauen – ’ne Haxe?«

Finn sagte nichts und schmollte. Volle Kanne sogar.

Doch dafür war jetzt keine Zeit. »Okay, Kumpel«, sagte ich. »Du stehst vorn am Stalleingang Schmiere und ich setze die beiden ruck, zuck in die Box zu den anderen Kaninchen.«

»Ich weiß nicht …«, murmelte Finn.

»Ich aber! Hopp, hopp!« Ich schob ihn vor mir her in den Stall hinein. Dort war es angenehm warm. Das war wohl auch der Grund, warum sich einige Zoobesucher hier herumtrieben und in die leeren Boxen gafften.

Alle Tiere waren in ihren Außengehegen. Außer den Kaninchen – wobei … puh, die waren ganz schön … ähm, groß.

Ich drehte mich zu Finn um, der in der Stalltür stehen geblieben war und sich suchend umsah. Den Blick kannte ich. Garantiert scannte er alles wegen dieser angeblichen Überwachungskameras ab.

»Finn!«, rief ich ungeduldig. »Jetzt komm schon!«

Er schüttelte den Kopf.

»Finn?!«

»Nein!«

Okay, dann eben anders. Wenn er nicht hören wollte …

»Boooah, stinkt das hier!«, donnerte ich los. »Finn, ey, Finn, riechst du das auch? Ich glaub, ich muss gleich k…« In gespielter Panik riss ich die Augen weit auf, presste mir die Hand vor den Mund und gab würgende Geräusche von mir.

Die Mutter mit den zwei Kleinkindern verließ zuerst den Stall. Ihr direkt auf den Fersen die beiden Omis und etwas zögerlicher der Mann mit dem Buggy. Die Luft war rein!

»Los, schnell!«, rief ich Finn zu. »Schließ die Tür, damit nicht gleich wieder jemand kommt.«

Aber Finn schüttelte nur den Kopf. »Nö, mach ich nicht. Das ist doch viel zu auffällig«, meinte er und rührte sich nicht von der Stelle.

»FINN! MACH! DIE! TÜR! ZU!«

Okay, jetzt hatte er es kapiert. Allerdings donnerte er die Holztür so krachend hinter sich ins Schloss, dass locker jeder Tierpfleger im Umkreis von drei Kilometern davon etwas mitbekommen hatte.

Egal. Hektisch zerrte ich mir den Rucksack vom Rücken, griff hinein und hatte als erstes den grauen Trick in den Händen.

»Halt mal«, sagte ich zu Finn.

Dann zog ich Track aus dem Rucksack und beugte mich so weit wie möglich über das halbhohe Gatter der Kaninchenbox.

Doch selbst auf Zehenspitzen gelang es mir nicht, Track im Stroh abzusetzen.

»Lass ihn bloß nicht fallen«, musste Finn nun seinen Senf dazu abgeben.

Ich streckte mich noch mehr und verlor dabei fast das Gleichgewicht. Aber keine Chance. Mir blieb nichts anderes übrig, als in die Box zu klettern.

Die sechs Zookaninchen schienen wenig begeistert über meinen Besuch zu sein. Ein dickes braunes begann sogar, fies zu knurren. Wie ein tollwütiger Hund.

Vorsichtig setzte ich Track ab.

»Gib mir Trick!«, keuchte ich und streckte Finn die Hände entgegen.

Doch Finn wollte mal wieder nicht hören. »Der Braune da knurrt, Rick. Hoffentlich tut er Trick und Track nichts«, jammerte er los. »Und außerdem, verdammt, das sind gar keine Kaninchen. Das sind Stallhasen!«

»Unsinn!«, widersprach ich. Obwohl ich auch fand, dass sich das Grollen des braunen Brockens alles andere als beruhigend anhörte. Eher nach:Ich mache gleich Kaninchenragout aus dir!Doch jetzt gab es kein Zurück mehr.

»Nun reich mir endlich Trick rüber!«, blaffte ich Finn an, während ich den Braunen nicht aus den Augen ließ.

Wehe, du krümmst Trick und Track auch nur ein Härchen, du fetter Riesenhoppel!, sollte ihm mein warnender Blick sagen.

Mit einem tiefen Marktweibsseufzen streckte mir Finn das zweite Minizwergkaninchen entgegen.

»Hoffentlich geht das gut …«, brummte er.

»Hör auf zu quat…«

Weiter kam ich nicht. Denn in diesem Moment öffnete sich knarrend eine Tür. Aber nicht die Stalltür. Pustekuchen. Es war einer der drei Zugänge im hinteren Teil des Gebäudes, von denen ich dachte, dass es sich um Attrappen handeln würde.

Nix Blendwerk, echte Tür und echter Tierpfleger mit zunächst ziemlich blödem Gesichtsausdruck, der sich langsam, aber sicher zu einer wütenden Grimasse verzog.

»Hey! Was macht ihr denn da?«, wetterte der Mann los. »Sofort raus aus der Box. Wollt ihr etwa einen Hasen klauen?«

Völlig perplex schüttelte ich den Kopf. Zeitgleich öffnete sich meine Hand – wie fremdgesteuert – und plumps fiel Trick wie ein nasser Sack ins Stroh.

Darauf schien die fiese braune Schwergewichtskampfmaschine nur gewartet zu haben. Mit einem hinterhältigen Zähnefletschen stürzte sich der Stallhase auf den armen kleinen Trick, um ihn mindestens zu zerfleischen.

AUWEIA!

Halt!, wollte ich rufen. Hasen sind doch Vegetarier, oder?

Aber womöglich war der braune Riese eine Ausnahme. Ich meine, von so ’n bisschen Grünzeug konnte der unmöglich sooo fett geworden sein.

Kaum zu Ende gedacht, gab Finn ein unglaublich helles Kreischen von sich, das normalerweise für Mädchen reserviert war, und stürmte Richtung Stalltür davon.

Zum Glück schien der Pfleger über Finns Abgang so verblüfft zu sein, dass er zunächst an mir vorbei hinter ihmhersprintete. Ich stand wie blöd mitten im Stroh und versuchte, wenigstens Trick zu retten. Track hatte sich längst in irgendeiner Ecke tief in der Streu verbuddelt. Den bekam ich auf die Schnelle nicht mehr raus.

Kurz bevor der braune Killerhase seine gemeinen Nager in Trick hauen konnte, kriegte ich das kleine Kerlchen zu fassen. Schon setzte ich zum Sprung über das Gatter an und sah zu, dass auch ich mich vom Acker machte. Ich hatte zwar keinen Plan, wohin, aber mein Instinkt leitete mich. Direkt zu einer der anderen vermeintlichen Attrappentüren, die sich tatsächlich öffnen ließ. Eine Sekunde später war ich aus dem Schweinestall heraus und befand mich auf einem schmalen Kiesweg.

Allerdings schien der Tierpfleger nun geschnallt zu haben, dass nicht Finn, sondern ich in den Hasenstall eingestiegen war. Jedenfalls war er umgekehrt und heftete sich prompt an meine Fersen.

Ich gab Vollgas, preschte los, dass die Steinchen nur so zur Seite schossen. Jumpte über ein kleines Gatter und war plötzlich auf direktem Weg nachMullewapp, das sogenannte Kinderspielparadies im Zoo.

Hinter mir hörte ich den Tierpfleger keuchen. Und dann bemerkte ich Finn, der von links kommend in Richtung der Kanada-LandschaftYukon Bayrannte.

Okay,Mullewappwar eine Sackgasse, das wusste ich. Also sauste ich hinter Finn her.

Ich gab noch mal richtig Gas. Doch dieser verflixte Tierpfleger klebte regelrecht an mir. MIERDA!

Inzwischen war Finn seitlich den Hügel raufgeklettert. Direkt daneben befand sich das Kängurugehege.

Kängurus sind lieb. Kängurus sind nett, sagte ich mir. Oder nicht? Vielleicht verpasste mir ja eins von denen einen astreinen Kinnhaken?

Egal, der schnaufende Tierpfleger hatte schon beinahe seine wütende Pranke nach mir ausgestreckt, und wenn ich mir nicht sofort etwas einfallen ließ, durfte ich garantiert gleich meinen letzten Willen flüstern.

Finn rief mir irgendetwas zu. Keine Ahnung, was, doch mein Verfolger war für einen Moment abgelenkt und glotzte zu Finn. Diesen Augenblick nutzte ich und setzte zum Sprung an.

Wie ein Igelzusammengerollt, kauerte ich hinter dem Mauervorsprung. Mein Herz dröhnte so laut, dass der Tierpfleger es eigentlich hören musste. Doch der Typ hatte wohl glücklicherweise sein Hörgerät zu Hause vergessen.

Jetzt war er direkt über mir. Kleine Dreckklumpen und Steinchen prasselten auf mich nieder. Ich duckte mich noch mehr, zerquetschte den armen Trick beinahe und hielt die Luft an.

»Hey, Ansgar! Hast du einen Jungen gesehen?«, rief der Tierpfleger da auf einmal.

Keine Ahnung, wer oder was Ansgar war, aber er schien sich für einen echten Scherzkeks zu halten.

»Klar, mindestens zwölf. Es können auch siebenundzwanzig gewesen sein, hihi …«, gackerte er.

»Spaß beiseite, Kollege«, herrschte mein penetranter Verfolger ihn an. Puh, war der geladen! »So ein Bengel mit peinlicher Stehhaarfrisur. Du weißt schon, so als ob er jeden Morgen in die Steckdose fassen würde. Ach, und eine von diesen albernen Skaterhosen trägt der. Dreiviertellang. Hintern hängt fast in den Kniekehlen. Eben war er noch vor mir und jetzt ist er spurlos verschwunden.«

HALLO?Peinliche Stehhaarfrisur? Alberne Skaterhose?Ich kann dich hören, du Tierpflegervollpfosten!, regte ich mich innerlich auf.

»Blonde Zotteln?«, fragte dieser Ansgar.

»Blonde«, antwortete mein Verfolger hoffnungsvoll und mir sackte das Herz in die Kniekehlen – direkt zu meineralbernen Skaterhose. Shit, konnte dieser Ansgar mich womöglich sehen? Wusste er, dass ich direkt hinter dem Mauervorsprung hockte und mir vor Aufregung fast in die Hose machte?

Hölle! Ich musste hier weg!

Vorsichtig blickte ich mich um. Da war ein Hügel. Und wenn ich es richtig erkannte, konnte man von der Anhöhe aus ins Freie gelangen. Raus aus dem Kängurugehege. Und weit, weit weg von den beiden Zoohirnis.

Ich eierte los. Auf allen vieren und mit Trick an der Brust.

Keine sieben Kriechzentimeter später hörte ich Scherzansgar kichern: »Nö. So ’n Bengel hab ich nicht gesehen.«

Was mein Verfolger darauf erwiderte, bekam ich nicht mehr mit, denn neben mir fauchte etwas.

Ich keuchte, spürte den Schweiß aus sämtlichen Poren hervorschießen, bekam kaum noch Luft, wollte losflennen, um Gnade betteln und riskierte einen panischen Blick nach rechts.

Da sah ich ihn. Oder sie. Oder keine Ahnung, was.

Es grinste mich an. Zumindest sah es nach einem Grinsen aus. Überhaupt fand ich dieses Tierchen ziemlich lustig und deshalb lächelte ich erleichtert zurück.

»Pssst, du kleiner Racker«, flüsterte ich ihm verschwörerisch zu. »Nun hör mal auf zu schimpfen. Ich tue dir bestimmt nichts.«

Er zwinkerte niedlich. Unwillkürlich streckte ich die Hand nach ihm aus, während meine andere weiter Trick umklammert hielt.

»Na, du dicke Fellkugel? Jetzt müssen Trick und ich aber weiter, denn … AUA! AUTSCH! VERDAMMT, TUT DAS WEH!«

Das hinterhältige Viech hatte mich in den Zeigefinger gebissen. Und natürlich kriegte das Zoopfleger-Duo mein Gejaule voll mit.

»Junge, um Himmels willen, bist du lebensmüde? Beweg dich nicht!«, rief einer der beiden mir zu.

Wollte ich auch nicht. Ehrlich! Zumal das Tierchen mich plötzlich so extrem böse anglotzte, dass meine Beine wie gelähmt waren. Blöd nur, dass Trick es irgendwie aus meiner Hand schaffte. Bevor ich michs versah, galoppierte der Winzling zum Hügel und war in der nächsten Sekunde in einem Erdloch verschwunden.

Das war der Moment, um aufzugeben. Zu den beiden Tierpflegern zu gehen, ihnen zu erklären, dass ich Trick und Track nicht klauen, sondern dem Zoo schenken wollte, und mir anschließend die Bisswunde versorgen zu lassen. Jeder normale und halbwegs intelligente Junge hätte so gehandelt. Hundertpro! Nur ich gehörte nicht zu denen …

Ohne zu zögern, krabbelte ich Trick in das Erdloch hinterher.

»Hoffentlich ist Fatty nicht in der Höhle …«, hörte ich einen der beiden Zoo-Heinis noch unheilvoll rufen.

Der Gang war eng und stockdunkel, aber irgendwie konnte ich mich trotzdem reinquetschen. Hektisch suchte ich nach Trick. Bekam ein paar Härchen zu fassen, kroch noch tiefer hinein und tastete erneut nach ihm.

Nix!

Obwohl, hey, was sollte das denn?!

Irgendwer beschmiss mich mit feuchter Erde. Ein Klumpen nach dem anderen traf mich mitten ins Gesicht. Zum Wegducken war es zu eng. Die Wucht, mit der der Dreck nach hinten donnerte, konnte unmöglich von zarten Kaninchenpfötchen stammen. Das raffte ich noch, bevor ich mir ernsthafte Gedanken über diesen Fatty machte, der anscheinend in der Höhle wohnte.

Warum hatte der Tierpfleger so besorgt geklungen? Weil er Angst um Fatty hatte? Oder um mich? Vielleicht handeltees sich bei diesem Fatty auch um ein echt dickes und extrem unfreundliches Höhlenmonster?

Oookay! Niemand konnte mir vorwerfen, dass ich nicht alles versucht hatte, um für Trick und Track eine neue Bleibe zu finden. Doch an dieser Stelle war ich raus aus der Sache.

Der nächste Klumpen erwischte mich auf dem linken Augenlid und ich trat den Rückzug an. Doch weit kam ich nicht. Etwas Schweres verstopfte nämlich den Ausgang.

»Hallo?«, rief ich. Wieder traf mich eine Ladung Dreck. Ein Teil davon landete in meinem Mund und schoss von dort aus ungebremst in die Luftröhre. Ich hustete wie irre, keuchte, hechelte – und entkam nur um Haaresbreite dem elenden Erstickungstod.

Verdammter Mist, nicht mein Tag. Null!

»Junge, verhalte dich ruhig!«, klang es vom Erdlocheingang zu mir herein. »Wir versuchen, Emma rauszulocken.«

»Emma?«, krächzte ich. »Wer ist Emma?«

»Nicht sprechen! Das provoziert die beiden nur.«

Hä? Aber okay, ich war leise wie ein Flohpups. Rührte mich nicht von der Stelle, obwohl es nun von vorn und hinten fast taktgleich knurrte. Böse, böse … Ich stand kurz vor einer astreinen Platzangstattacke!

»Emma, ruhig, Dicke, gaaanz ruhig«, hörte ich den Pfleger säuseln. »So ist es brav. Komm raus, altes Mädchen …«

Genau. Sei ein braves, altes Mädchen und lass das kleine Rickilein in Ruhe, betete ich.

Und wirklich, ich wurde erhört! Emma trat den Rückzug an. Ich atmete auf.

Aber ich hatte den Erleichterungsatem noch nicht aus den Lungenflügeln, da erklang von draußen eine hektische Stimme: »Los! Mach schon! Hopp, hopp!«

Ich wollte ja! Bestimmt! Nur da waren zwei glühend rote Augen, die mich in der Dunkelheit anstarrten und regelrecht lähmten. Ich hockte da und glotzte völlig plemplem zurück.

»Komm raus!«

»I-ich k-kann n-nicht«, stammelte ich. »E-es ist direkt v-vor mir …«

»Verdammt!«

Als Nächstes umfasste jemand meine Waden und zog. Fast zeitgleich zischte eine rasiermesserscharfe Krallenpranke an meiner Nasenspitze vorbei.

Dann stand ich wieder vor dem Loch. Ich schloss die Augen und sog die frische Luft tief in meine Lungen ein. Doch der Pfleger, der mich rausgezogen hatte, schubste mich erbarmungslos den Hügel hinauf.

»Pass auf, die Sträucher sind nicht echt!«, rief er.

»Was denn sonst?«, wollte ich gerade perplex stammeln, da bekam ich auch schon den ersten Stromschlag verpasst.

HILFE! Was ist das? ICH WILL NACH HAUSE!!!

Hektisch blickte ich mich um. Sah die beiden Tierpfleger, die gerade dabei waren, das Wuschelviech, das mich vorhin in den Finger gebissen hatte, in das Erdloch zu treiben. Zu Fatty. Und zu … NEIN!

»Stopp! Das geht nicht. Trick ist noch da drinnen«, keuchte ich, schoss den Hügel wieder hinunter, bekam einen weiteren Stromschlag verpasst und sackte vor Schreck und Erschöpfung in die Knie.

Die beiden Tierpfleger umfassten kurzerhand meine Oberarme – einer links, einer rechts – und schleppten mich aus dem Gehege.

Dort stand Finn. Eindeutig kurz vorm Heulen. Seine Unterlippe zitterte. Das eine Augenlid zuckte.

»Rick, oje, Rick«, schniefte er. »Ich dachte, das überlebst du nicht.«