Rico, Oskar und das Mistverständnis (Rico und Oskar 5) - Andreas Steinhöfel - E-Book

Rico, Oskar und das Mistverständnis (Rico und Oskar 5) E-Book

Andreas Steinhöfel

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Beschreibung

Rico und Oskar haben sich verkracht! Und das ausgerechnet jetzt, wo die Existenz ihres Spielplatzes auf dem Spiel steht. Oskar wittert einen Kriminalfall, aber den muss er nun ganz allein aufklären. Denn Rico redet (erstens) kein Wort mehr mit ihm, ist (zweitens) zum allerersten Mal verliebt und muss (drittens) auch noch nach Hessen, aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte. Ihre Freunde versuchen verzweifelt, die beiden miteinander zu versöhnen – ohne Erfolg. Doch nur, wenn die beiden zusammenarbeiten, können sie den Fall lösen und den Spielplatz noch retten …    »Andreas Steinhöfels Geschichten machen nicht nur dem Autor unglaublichen Spaß.«  Die Zeit  »Für Rico und Oskar wird der Autor von Menschen zwischen 8 und 80 verehrt.« Berliner Zeitung  

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Rico, Oskar und das Mistverständnis

Mit Bildern von Peter Schössow

Oha, Rico und Oskar haben sich verkracht! Und das ausgerechnet jetzt, wo die Existenz ihres Spielplatzes auf dem Spiel steht. Oskar wittert einen Kriminalfall, aber den muss er nun ganz allein aufklären. Denn Rico redet (erstens) kein Wort mehr mit ihm, ist (zweitens) zum allerersten Mal verliebt und muss (drittens) auch noch nach Hessen, aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte. Ihre Freunde versuchen verzweifelt, die beiden miteinander zu versöhnen – ohne Erfolg. Doch nur wenn die beiden zusammenarbeiten, können sie den Fall lösen und den Spielplatz noch retten …

 

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  Leseprobe

Weil im Buch fast so viele Leute auftauchen, wie in einer Bingotrommel Kugeln sind, hab ich die wichtigsten hier aufgezählt:

Die Alten (in Berlin)

Magda Pommer, geb. Förster – die rote Frau, Spielplatzgehörerin

Erich Förster – ihr verschollener Bruder

Heinrich Konrad – Kinderkopfreingucker im RuhestandCilly Konrad, geb. Liesing – seine Frau, besitzt eine Entenwumme

Enid und Edith Burnett – die zwei Hälften von Magdas bester Freundin

Die Alten (in Bergwald)

Johanna Nöck, geb. Schwänli – ahnt ein 50 Jahre altes Geheimnis

Otfried Nöck – ihr Mann, treuer Freund von Erich Förster

Die Außerdems, die Sonstnochs und die Nichtsowichtigs

Werner Pommer – Magda Pommers Mann, vor sehr langer Zeit

Gerda Bassewitz (auch bekannt als Frau Engel) – liebt Sauerkraut und Tabak

Jérôme Bürger – liebt Geld

Grete Kretschmar – seine Komplizin (mit Tochter Erna)

Miray – die Verknallte von Oskar

… und als Stargast: Mommsens Großvater!

Für Peter Schössow, der den Jungs für immer ihr Gesicht gegeben hat(und diesem Buch den Titel).Danke!A. S.

 

Einmal hat der Wehmeyer uns erzählt, woher es kommt, dass man sich irgendwann plötzlich nicht mehr vorstellen kann, ohne einen ganz bestimmten anderen Menschen zu leben. Ich fand die Erklärung toll, denn so einen Menschen gibt es in meinem Leben ja auch.

Die Geschichte stammt aus der Frühzeit der Menschen, von den alten Griechen. Die Griechen waren schon schlau, sagte der Wehmeyer, als anderswo die Menschen noch auf den Bäumen hockten und sich mit Nüsschen bewarfen. Unter anderem entdeckten sie die klitzekleinen Atome, die Herrschaft des Volkes und leider auch ausgerechnet Mathe. Das mit Mathe war aber vielleicht gar nicht böse gemeint, sondern bloß ein Zufall. Womöglich saß eines Tages so ein alter Grieche in einem Restaurant und bestellte sich ein leckeres Gyros plus einen appetitlichen kleinen Bauernsalat, und weil ihm auf die Schnelle kein passender Nachtisch einfiel, war das plötzlich eine Gleichung mit einer Unbekannten.

Erfreulicherweise haben sich die Griechen auch noch ein paar andere Sachen ausgedacht, zum Beispiel Weltkarten und Schutzwesten, ein paar Tausend verschiedene Götter und … die Kugelmenschen! In noch früherer Frühzeit sahen die Menschen nämlich angeblich nicht so aus wie heute, sondern wie Kugeln. Sie hatten vier Hände und vier Füße und zwei Köpfe, und sie kugelten freundlich in der Gegend herum.

RUMKUGELN: Der Wehmeyer meinte neulich, ich hätte in Deutsch gute Fortschritte gemacht, da bin ich aber wirklich sehr erfreut, mein lieber Federico! Zum Dank für dieses tolle Lob hab ich mir für ihn ein kleines Rätsel ausgedacht: Welches Hauptwort muss man nur häufig genug benutzen, um es später als Tuwort benutzen zu können? Hihi!

Irgendwann hatten die Kugelmenschen genug von der Kullerei und überlegten sich, dass sie jetzt gerne, genau wie die Götter, im Himmel leben würden, weil es dort die leckersten Sachen zu essen und zu trinken gab: Nektar schmeckte wie Honig und die Götter wollten nie etwas anderes versuchen, zum Beispiel eine leckere Schorle aus Nektar mit Gurkenwasser, plus einem dekorativen kleinen Minzestängel. Zu essen gab es Ambrosia. Keiner weiß, wie es schmeckte, vermutlich so langweilig wie Hafergrütze ohne Zucker, es war nämlich so gesund, dass es alle Götter unsterblich machte. Trotzdem wollten die Kugelmenschen all das auch. Aber anstatt zu fragen, ob im Himmel eventuell noch ein Zimmer frei wäre, griffen sie die Götter an, und das war natürlich eine noch dümmere Idee als Mathe. Zeus – das ist der Götterchef – schnitt nämlich, um ihnen ihre Kraft zu nehmen, die Kugelmenschen einfach in der Mitte durch. Nun gab es also zwei Hälften, und das war erst mal eine riesige Sauerei, weil auf der Schnittseite der beiden Halbkugeln keine Haut wuchs. Deshalb zog ihnen einer der himmelvielen Söhne vom Zeus kurzerhand die Haut von der einen Körperseite über die andere Seite, fasste sie zusammen und band sie fest, und da, wo der kleine Knoten war, ist heute unser Bauchnabel.

 

Tja, und dann ging das Gejammer los, denn die neuen Menschen vermissten ihre alten Hälften. Der Zeus stänkerte sie an, sie sollten gefälligst lieber jauchzen und frohlocken, sonst würde er sie gleich noch mal durchschneiden, und dann müssten sie für den Rest ihres Lebens auf einem Bein herumhüpfen. Aber das Gejammer der halbierten Menschen ging weiter, und bis heute hat es nicht aufgehört: Jeder sucht seine andere Hälfte, und wenn er sie erst mal gefunden hat, lässt er sie so schnell nicht wieder los.

So wie ich. Ich habe meine andere Hälfte auch gefunden, und sie heißt Sarah.

 

Oskar war unten im Treppenhaus, auf dem letzten Absatz, von dem aus man in Mommsens Wohnung kann, aber auch raus in den Durchgang zum Hinterhaus. Halb lag er und halb lehnte er gegen die Wand. Porsche, der wie immer an mir vorbeigebrettert war, saß schon bei ihm, mit schräg gelegtem Kopf, einem hochgeklappten Ohr und Zunge raus. Wahrscheinlich überlegte er, seit wann Oskar im Flur übernachtete.

Wenn ich von oben komme und es eilig habe, springe ich immer über die letzten Stufen auf diesen Absatz runter, deshalb wäre ich um ein Haar auf Oskar gelandet. Ich sah ihn erst im letzten Augenblick und bremste erschrocken ab. Sein Schlüsselbund war ihm aus der Hosentasche gefallen, und seine schicke neue Entwässerungsflasche war davongerollt. Die Flasche hatte Lars ihm geschenkt, weil er fand, dass sein Sohn viel zu wenig trank und deshalb entwässerte und womöglich eines Morgens verschrumpelt wie eine alte Kartoffel in seinem Bett oder irgendwo in der Wohnung herumliegen würde.

Jetzt lag Oskar vor mir im Treppenhaus. Ich musste sofort an Fitzke denken, den wir letztes Jahr oben vor seiner Wohnung gefunden hatten, mausetot. Ich hatte seine Schulter angetippt, um zu sehen, ob er nicht vielleicht doch noch ein bisschen lebte. Bei Oskar war kein Antippen nötig, der lebte noch ziemlich lebhaft. Jedenfalls stöhnte er laut. Porsche klappte das eine Ohr runter und das andere hoch.

 

»Gehts dir okay?«, fragte ich.

Er stöhnte bloß weiter. Vermutlich hatte er auch die letzten Stufen runterspringen wollen und sich verhüpft. Hoffentlich war nichts gebrochen.

»Gebrochen ist nichts, aber es könnte was verstaucht sein«, sagte er, als hätte er meine Gedanken gelesen. »Hilf mir mal bitte.«

Ich ging in die Knie, legte einen von seinen Armen über meine Schulter und drückte mich dann wieder hoch. Wie konnte ein so kleiner Junge bloß so schwer sein? Wenn ich früher, als Mama und ich noch im Zweiten wohnten, eine schwere Einkaufstasche schleppen musste, hatte ich genau hier unten, auf diesem ersten Treppenabsatz, vorsorglich immer was aus der Tasche geholt und gegessen, eine schokoladige Kleinigkeit zum Beispiel, um weniger Gewicht nach oben wuchten zu müssen. Aber aus Oskar konnte ich schlecht was rausbeißen.

»So ein Mist«, jammerte er. »Kannst du mich rauf in die Wohnung bringen?«

Ich schluckte runter, was ich eigentlich sagen wollte, nämlich dass ich es eilig hatte – dass eigentlich wir es eilig hatten. Stattdessen sagte ich: »Klar. Was issen überhaupt passiert?«

»Ach, bloß gestolpert.«

»Warum hast du nicht auf mich gewartet? Ich hab gerade eben bei euch geklingelt, aber du warst nicht da.«

»Stimmt, wo war ich bloß?«, sagte er und machte dabei diesen Oskar-Blick, mit leicht verdrehten Augen, was bedeutete, dass ich vor dem Mundaufmachen mal wieder zu wenig und zu langsam gedacht hatte. »Ach ja, genau – ich lag ja hier unten!«

»Aber warum –«

»Ich wollte draußen auf dich warten. Weil endlich mal wieder die Sonne scheint.«

Ein winziges Bingokügelchen löste sich in meinem Kopf, kullerte davon und dotzte sacht gegen die Innenseite meines Schädels, irgendwo hoch oben hinten. Etwas an der ganzen Situation stimmte nicht. Ich musterte Oskar, aber ich kam nicht drauf. Ich wartete, aber nach ein paar Sekunden zuckte das Bingokügelchen unverrichteter Dinge die Achseln.

Na dann.

Ich sammelte rasch den Schlüsselbund und die Entwässerungsflasche ein. Oskar half ordentlich mit, als ich ihn die Stufen raufwuppte, so schwer wars also gar nicht. »Los, du Hundeheuer, wieder rauf«, befahl ich Porsche, und er hoppelte vor uns her, beleidigt über diesen kürzesten Ausflug aller Zeiten.

Tatsächlich war es kein Wunder, dass das gute Wetter Oskar rausgelockt hatte. Es war der erste helle Tag draußen seit Beginn unserer Herbstferien, Sonne und blauer Himmel mit Schäfchenwolken, bei angenehmen T-Shirt-Temperaturen. Wir hatten schon gedacht, die kostbaren zwei Wochen würden komplett in Nebel und andauerndem Tröpfelregen versinken. Ein einziges Trauerspiel, war das Urteil von Frau Dahling gewesen, bei der ich immer mal wieder einen Abend verbrachte, um mit ihr fernzusehen, zum Beispiel Oliver Twist, das ist ein armer Waisenjunge, der total toll singen kann, obwohl er vor lauter Dauerhunger fast umfällt. Frau Dahling war dankbar, dass ich Zeit mit ihr verbrachte. Sie war ja nicht gern allein, und alleiner als im Moment gings nicht, denn ihr geliebter van Scherten war zurzeit ein Totalausfall, noch trauriger als das Herbstwetter. Er hatte es an den Nieren – das sind die Organe, die unser Pipi herstellen, und weil manche Leute sehr viel trinken, gibt es sie doppelt – die Nieren, nicht die Leute –, auch wenn sie betrunken alle Sachen doppelt sehen – die Leute, nicht die Nieren –, also auch sich selber im Spiegel.

Genau.

Jedenfalls, der van Scherten war von seinem Hausarzt zu einer Erholungskur nach Hessen geschickt worden. Hessen ist auf der Deutschlandkarte das mittlerste Bundesland von allen. Gleich nach der tränenreichen Abreise vom van Scherten haben Frau Dahling und ich uns einen Film darüber angeguckt und mussten leider erschreckt feststellen, dass Hessen vom Aussterben bedroht ist, denn es gibt dort den Vogelsberg. Aus irgendeinem Grund ist das aber kein einzelner Berg, sondern er setzt sich zusammen aus vielen kleinen Vulkanen, die jederzeit ausbrechen können. Deshalb leben die hessischen Menschen in Angst und Schrecken und Frau Dahling nun auch, denn der van Scherten hat sie immer noch nicht geheiratet, und falls er von lodernden Lavamassen oder brennenden Bergvögeln überwalzt wird, ist die zurückgebliebene Frau Dahling nicht mal eine richtige Witwe, sondern bloß eine traurige alte Metzgereifachverkäuferin, von denen es so viele gibt auf dieser Welt.

»Ich glaube, ein kalter Wickel wäre ganz gut«, sagte Oskar, als wir in seinem Zimmer ankamen. Er hockte sich umständlich aufs Bett und stöhnte dabei ein bisschen. »Es ist Eis im obersten Fach vom Kühlschrank.«

Als Allererstes stellte ich Porsche in der Küche ein Schälchen mit Wasser hin, in dem er auch gleich lautstark herumschlabberte. Wenigstens war der Behälter mit den Eiswürfeln drin nicht festgefroren, stellte ich fest. Oskar hatte mir erklärt, wo ich einen kleinen Plastikbeutel finden würde, um die Eiswürfel reinzutun, aber da, wo er gesagt hatte, war keiner. Wenn ich nachhakte, würde er womöglich dieses Grinsegesicht ziehen, das er immer zog, wenn ich ihm gerade mal wieder zu tiefbegabt war. Das ist kein böses oder hämisches Grinsegesicht, eher so eins zum Mitgrinsen. Aber in letzter Zeit hatte ich zum Mitgrinsen immer weniger Lust. Irgendwann musste ich Oskar mal sagen, dass er das zukünftig lassen konnte.

Nach längerem Suchen fand ich endlich einen kleinen Plastikbeutel in einer Schublade. Ich kippte ein paar Eiswürfel rein, umwickelte den Beutel mit einem Küchenhandtuch und lief zurück in Oskars Zimmer. Da dauerte es noch mal ewig, bis Oskar damit zufrieden war, wie der Wickel ihm ans Bein passte, ohne dass es dabei lebensgefährliche Erfrierungen gab, und dann verbrachte ich weitere fünf Minuten damit, ihm eine Apfelsaftschorle zu mischen, und zwar im genau richtigen Mischungsverhältnis, wofür ich dreimal zurück in die Küche schlappen und dort wahlweise Wasser oder Saft nachfüllen musste, bis er endlich gnädigerweise einverstanden war. Porsche blieb schon nach dem ersten Küchengang bei Oskar, wo er sich am Fußende des Bettes zusammenrollte und ausruhte von seinem total stressigen Vormittag.

»Ah, danke, schon viel besser«, sagte Oskar, nachdem er einen tiefen Schluck Apfelsaftschorle geschlürft hatte. »Bloß … das Schwächegefühl geht davon nicht weg. Könntest du mir was zu essen aus dem Kühlschrank bringen?«

»Was denn?«

»Weiß nicht. Oder doch: einen Veggie-Burger. Den müsstest du nur kurz in der Pfanne heiß machen. Aber Moment – kannst du erst Musik anstellen? Gleich die erste Playlist.«

Lars hatte ihm ein Tablet geschenkt, gebraucht aus dem Internet, das mit zwei kleinen Lautsprecherboxen verbunden war. Die erste Playlist, das war Musik von einem toten Franzosen namens Eric Satie. Oskar nannte dessen Kompositionen ›Schneeflockenmusik‹, weil sie so kalt klangen, fast eisig. Angeblich hat der Satie einen an der Waffel gehabt. Er stellte merkwürdige Pläne auf, zum Beispiel für nach dem Aufstehen, Leibesertüchtigung von 7.32 Uhr bis 7.51 Uhr, gefolgt von Frühstück von 7.58 Uhr bis 8.17 Uhr, aber nichts dazwischen, sodass viele Musikwissenschaftler sich bis heute fragen, was der Satie in der Zeit von 7.51 Uhr bis 7.58 Uhr gemacht hat.

Das Geklimper ging los, und Oskar beschrieb mir, wo in der Küche die übrigen Zutaten für den perfekten Veggie-Burger zu finden waren. Bis ich ihm das Ding endlich servieren konnte, waren zwanzig Minuten vergangen. Na gut, etwas von der Zeit ging auch für den zweiten Burger drauf, den ich mir selber machte – wo man eh schon dabei war. Trotzdem wurde ich langsam unruhig, zumal Oskar nach dem Essen sagte: »Das tat gut. Aber trotzdem glaub ich nicht, dass ich es bis zum Spielplatz schaffe.« Er guckte auf sein Bücherregal. »Und wir müssen ja auch gar nicht, oder? Du könntest hierbleiben und mir was vorlesen.«

Na toll. Ich guckte lustlos ins Regal. Da standen Bücher mit komischen Titeln drin. Erst letzte Woche war Oskar erkältet gewesen, da hatte ich versucht, ihm aus Eine kurze Geschichte der Zeit vorzulesen. Es war das kürzeste Buch von allen im Regal, aber leider hatte es sich als eines von denen herausgestellt, von denen mir schnell schwindelig wird. Am Anfang war was mit übereinandergestapelten Schildkröten gewesen, aber an mehr konnte ich mich kaum erinnern, außer dass ausgerechnet in einem Buch über die Zeit überhaupt keine Uhren vorgekommen waren, sondern das ganze riesige Universum, und das in so einem zwergigen Buch!

Meine Vorlese-Begeisterung hielt sich also in Grenzen. Und außerdem waren wir auf dem alten Spielplatz fest mit der Gang verabredet. Und noch außerdemer wollten wir vorher –

Oskar schlug sich vor die Stirn. »Ach, Mist, wir wollten ja eigentlich Sarah noch abholen!«

»Genau.« In meinem Bauch hatte sich ein kleiner Knoten gebildet. Eben war er noch nicht da gewesen, aber plötzlich knotete er da drinnen grummelig vor sich hin. »Und deshalb muss ich jetzt wirklich los.«

Oskar machte eine wegwischende Handbewegung. »Die ist inzwischen eh nicht mehr zu Hause. Bestimmt hat Soo Min sie längst abgeholt und die beiden sind schon auf dem Spielplatz.«

Er hatte recht, natürlich war Sarah inzwischen längst allein aufgebrochen. Sie hat kein bisschen Geduld mit Zuspätkommern. Mit einem Handy hätte ich ihr rechtzeitig Bescheid sagen können, dass Oskar und ich verhindert waren, aber ich hab kein Handy, weil Mama befürchtet, dass ich damit nur Geld verplempere, weil ich zum Beispiel die japanische Zeitansage anrufe oder aus Versehen fünfhundert preisgünstige Großpackungen Hundetrockenfutter für Porsche bestelle.

Ich ging ans Regal, nahm das Zeit-ohne-Uhr-Buch raus und warf es zu Oskar aufs Bett – etwas heftiger als gewollt. Ich war sauer auf Mama wegen des Handys, und sauer auf Oskar, weil er mich so lange aufgehalten hatte.

»Das ist das erste Treffen seit Wochen, wo endlich alle von der Gang mal wieder da sind«, sagte ich, so fest, wie der Knoten in meinem Bauch sich anfühlte. »Das verpasse ich nicht. Du bist ja jetzt versorgt. Gute Besserung!«

Porsche wurde ruckartig wach und sprang mir wedelnd zur Seite. Ich winkte knapp. Oskar hob die Hand und lächelte schwach. Dann ging ich, so schnell wie möglich und ohne mich noch mal umzudrehen. Oskar rief mir nichts hinterher, da war nur noch Schneeflockengeklimper. Im Treppenhaus ließ ich Porsche den Vortritt. Unten, beim letzten Absatz, nahm ich sorgfältig jede Stufe einzeln. Man konnte ja nie wissen.

Es war nicht Rico, Oskar und die sechs Freunde. Es war auch nicht Die gefürchtete Achterbande oder dergleichen. Es war einfach bloß die Gang. Wir hatten versucht, uns einen Namen zu geben, aber kein Vorschlag hatte allen gleich gut gefallen. Am nahesten dran gewesen war Soo Min mit Bro’Sis. Das ist aus irgendwas Abgekürztem in Englisch zusammengesetzt und bedeutet »coole Jungs und Mädchen«, aber Oskar, der Gang bevorzugte, hatte einen Streit angefangen über Englisch und Apostrophe, und Soo Min hatte gesagt, so ein Blödsinn, Gang sei auch ein englisches Wort, und der Lawottny hatte gefragt, warum man Gäng sagt, obwohl da Gang steht, und Oskar hatte gesagt, dann geht doch.

APOSTROPH: Ein Wortzipfelchen, das eine kleine Abkürzung bedeutet. Man benutzt es auch, wenn man auf die Frage »Wessen?« an eine Antwort, die mit s endet, nicht noch ein s hängen will, wie zum Beispiel: Lars’ Kochbuch. Es gibt sogar extra falsche Apostrophe für Leute, die ihre Läden Horst’s Wurststübchen oder Gabi’s Nagelstudio nennen und die mittwoch’s Ruhetag haben.

Alle unsere Freunde aus der Gang wohnen in Kreuzberg. Kreuzberg liegt in Berlin wie das Eigelb in einem Spiegelei, also ziemlich genau mittendrin. Und jetzt mal Obacht, ich hab nämlich endlich die Himmelsrichtungen gelernt, und gleichzeitig auch links und rechts. Für beides benutzt man die Richtung, in die auf einer von diesen alten Uhren von ganz früher die Zeiger für Stunden und Minuten und Sekunden sich bewegen. Die drehen sich alle immer nach rechts. Immer! Man sollte meinen, das ist nicht so schwer zu behalten, aber viele Menschen kennen keine Uhren mit Zeigern, und wenn doch, denken sie womöglich, dass deren Zeiger herumwandern, wie es ihnen gerade passt, oder aber nach bestimmten Regeln mal links- oder mal rechtsherum, weil so ein Uhrzeiger vielleicht in Richtung Zukunft immer vorwärtswandert, aber rückwärts, sobald man über was nachdenkt, das in der Vergangenheit liegt.

Tja, falsch gedacht – die Zeigerrichtung ist immer rechts. Und damit man sich zusätzlich auch noch die Himmelsrichtungen behält, gibt es eine Eselsbrücke. Die heißt so, weil früher, als es noch keine Autos gab und Lasten mit Eseln transportiert wurden, es leider nicht weiterging, wenn die Esel an einen Fluss kamen. Die blieben da einfach stehen, denn Esel mögen kein Wasser. Also baute man Brücken für sie, als Umweg, und seitdem nennt man etwas, das man sich über einen Umweg merken will, eine Eselsbrücke. Die Eselsbrücke für Himmelsrichtungen funktioniert mit den Anfangsbuchstaben von einem Spruch, schön rechtsherum in Uhrzeigerrichtung:

Nie Ohne Seife Waschen

Norden Osten Süden Westen

Das mit der Eselsbrücke als Umweg hatte ich im Sommer gelernt, bei einem von unseren vielen Abenteuern, und den Spruch mit den Himmelsrichtungen weiß ich von Sarah. Es ist alles so wunderbar einfach, dass ich mich ein bisschen ärgere, es nicht viel früher von jemandem erklärt bekommen zu haben oder selber darauf gekommen zu sein. Gut, ich konnte ja immer noch darüber nachdenken, was mit den Himmelsrichtungen passiert, wenn man sich eine Zeit lang mal gar nicht wäscht oder wenn die Seife ausgegangen ist. Vielleicht tauscht dann der Westen seinen Platz mit dem Süden, weil der Norden ein bisschen müffelt oder weil es im Osten tolle Sonderangebote für Deo-Roller gibt. Andererseits muss man dann ja bloß eine neue Eselsbrücke bauen, zum Beispiel:

Westen Süden Norden Osten

Wir Stinken Nur Oberflächlich

Dann gehts wieder.

Weil ich mit den Richtungen jetzt klarkomme, kann ich genau aufzählen, wer von der Gang wo in Kreuzberg wohnt:

Nuri und Samira – nach einem Umzug im Frühjahr – am nördlichsten von uns allen und nicht weit weg von Oskar und mir, auf der anderen Seite vom Kanal in der Böcklerstraße,

der Lawottny östlich und dicht an Neukölln, in der Lachmannstraße am Zickenplatz,

der Checker eher weiter südlich in der Heimstraße (direkt beim Luisenstädtischen Friedhof, auf dem Fitzke liegt), wenn er bei seinem Vater wohnt, und irgendwo im Schillerkiez, wenn er bei seiner Mutter wohnt,

Soo Min oberhalb vom Viktoriapark, also weit im Westen, wohin ihre Eltern mit ihr im Sommer umgezogen sind,

und Sarah in der Nähe vom Chamissoplatz, wo Soo Min sie abholen kann, um mit ihr gemeinsam zu unserem Spielplatz in der Urbanstraße zu gehen.

Bitte sehr.

Zu unserem versteckten, vergessenen alten Spielplatz ging ich jetzt auch. Ging immer schneller. Rannte zuletzt, von Oskar weg und zu Sarah hin. Gelbes und rostbraunes Herbstlaub wirbelte mir um die Füße, und die Luft schmeckte gleichzeitig merkwürdig süß und streng – so wie der Sommer riecht, wenn er gerade zu Ende geht.

Vier Tage später und fünfhundert Kilometer von zu Hause entfernt stand ich klitschnass in einem Gewittersturm vor einem Grabstein, der anstelle eines Namens das eingeritzte Symbol einer Schnecke trug … und das nur, weil ich Oskar an jenem Tag zu Haus allein gelassen und zum Spielplatz losgespurtet war! Denn wäre ich nur fünf Minuten später dort angekommen, hätte das Schicksal vieler Menschen einen völlig anderen Verlauf genommen.

Mitten in der schmalen Durchfahrt zwischen unserem vergessenen alten Spielplatz und dem links angrenzenden blauen Haus stand fett und breit ein dunkelbrauner Essjuh-Wie. Das würde böses Gehupe und ordentlich Stress geben, wenn einer der Hausbewohner seinen eigenen Wagen im Hinterhof parken wollte. Aus einem Fenster im ersten Stock guckte die alte Frau Engel, in ihrem eierschalenfarbenen Strickjäckchen und mit ihren lila getönten Haaren, gemütlich aufgestützt auf die Fensterbank. Man sah sie da oben ausschließlich bei gutem Wetter. An manchen Tagen nickte sie einem freundlich zu, an anderen nicht, aber immer hatte sie eine Zigarette zwischen den Fingern, worüber Oskar sich regelmäßig aufregte, weil Rauchen total tödlich ist, bloß offenbar für Frau Engel nicht, sondern nur für alle ihre Nachbarn im Haus, denn von denen sah man nie jemand. Wie sie wirklich hieß, wussten wir nicht. Wir hatten sie Engel getauft, weil wir uns einbildeten, dass sie auch an Regentagen, wenn sie nicht im Fenster hing, wie ein Schutzengel über den Spielplatz wachte, plus, weil sie ja laut Oskar eigentlich schon längst tot sein sollte.

»Eng heute«, sagte die Engel und zeigte dabei auf den Essjuh-Wie. Der hatte so knapp hinter der rostigen alten Halfpipe geparkt, dass man sich noch gerade so dazwischen durchquetschen konnte.

Ich blieb stehen und guckte zu ihr rauf. »Wer issen das?«

»Meine Vermieterin.« Ein weißgraues Rauchwölkchen stieg fast senkrecht nach oben in den schönen Herbsttaghimmel, als die Engel an ihrer Zigarette zog. »Aber heute hat se jemand mitgebracht.«

Sie machte eine Kopfbewegung in Richtung Spielplatz. Es musste sie ewig nerven, dass ihr, um über die Spielplatzmauer gucken zu können, ein Stockwerk an Höhe fehlte.

Porsche war schon vorausgewuselt. Ich setzte mich neugierig wieder in Bewegung, schob mich an dem Essjuh-Wie vorbei und ging gleich rechts hinter der Halfpipe durch den alten Torbogen aus schönen roten Backsteinen.

Ich liebte diesen Spielplatz, bei Sonne wie bei Regen! Seit letztem Jahr trafen wir uns hier mal verabredet, mal unverabredet – meistens war jemand aus der Gang da, wenn man hinkam. Oft spielten wir irgendwas gemeinsam, oder wir zogen von hier aus los, um zu gucken, was in Kreuzberg los war. Komischerweise fanden nie andere Kinder hierher – nie. Und wenn mal einer von uns andere Kinder mitbrachte, blieben die beim nächsten Mal wieder weg. Es war, als läge eine unsichtbare Glocke über dem Spielplatz, die uns vom Rest der Welt und ihren Menschen nicht nur abschirmte, sondern auch zusammenhielt, gerade so, als könnte es ohne den Spielplatz die Gang gar nicht geben.

Rund um das geteerte, aber an tausend Stellen aufgeplatzte Spielfeld standen morsche Sitzbänke, außer an der Mauer zur Urbanstraße hin – da wuchs, umgeben von Gestrüpp und kleinen Sträuchern, ein riesiger schöner Baum. Den hatten wir Schatten getauft, weil er im heißen Sommer so großzügig Schatten spendete. An der langen Mauer gegenüber – der Rückseite irgendeines Hauses in der nächsten Querstraße – war oben, an einem verwitterten Brett, ein Basketballkorb angebracht. Obwohl er schief hing und total absturzgefährdet aussah, hatte er bis heute all unseren Würfen standgehalten.

Frau Engel hatte mich zwar vorgewarnt, aber ich war trotzdem ein bisschen platt, als ich den Torbogen durchquerte und dahinter fremde Menschen auf dem Platz sah. Erwachsene Menschen. Vier Stück. Auf unserem Platz! Zuerst sah ich nur die drei Männer auf der anderen Seite, am kurzen Ende des Spielfelds. Zwei von ihnen, in Jeans und unauffälligen Jacken, standen um eine Art Durchguckapparat auf drei gelben Stelzen, der aussah wie eine alte Fotokamera. Sie fuhrwerkten geübt damit herum, guckten hierdurch und dorthin und murmelten dabei Zahlen, die der dritte Mann in ein Tablet tippte. Der war sehr jung, dieser dritte Mann, und anders als die beiden Gerätegucker trug er einen feinen grauen Anzug mit Krawatte. Die schimmerte fast schwarz, aber wenn man genau hinguckte, war sie lila, als hätte sie beim Frühstück aus Versehen im Glas mit dem Pflaumenmus gehangen. Die dunklen Haare des Mannes waren zu kleinen Büscheln gezupft, die kreuz und quer standen, als wären sie alle auf der Flucht, aber jedes in eine andere Richtung. Irina wäre ausgeflippt, wenn sie das gesehen hätte. Sie mag es nicht, wenn Männer sich Zeug auf den Kopf oder sonst wo hinschmieren.

Ich fand, insgesamt sah er aus wie ein Angebertyp. Er drehte sich kurz zu mir um, als ich den Platz betrat, und musterte mich und Porsche mit diesem Blick, den manche Erwachsenen haben und der sagt, ach, nur ein Kind mit einem Hund, obwohl er eigentlich bedeutet, nur eine Göre mit einem Köter, und dann guckte er gleich wieder weg. Kein Hallo oder dergleichen. So was von unhöflich!

Dann sah ich die Gang, und spätestens jetzt begriff ich, dass hier, genau in diesem Moment, etwas richtig Schlimmes im Gange war. Meine Freunde saßen nebeneinander auf einer der Bänke vor der Basketball-Mauer. Nuris Augen waren so kugelrund aufgesperrt, als wollte er zweimal so viel mit der doppelten Geschwindigkeit sehen wie sonst. Samira, deren Augen grimmig hinter einem Vorhang aus schwarzen Locken blitzten, drückte sich schutzsuchend an ihren Bruder, und der Lawottny sah aus, als würde er sich aus demselben Grund gerne an den Checker drücken, hätte aber noch keine passende Stelle gefunden. Nur der Checker sah aus wie immer: unbewegt und ruhig, als wäre ihm das, was da vor seinen Augen passierte, völlig gleichgültig.

Aber das war es natürlich nicht.

Porsche war automatisch zu Checker gerannt. Er hockte sich vor ihn hin und ließ sich von ihm hinter den Ohren kraulen. Mein Blick suchte Sarah und Soo Min, was der Checker bemerkte, denn er nickte nach rechts, in die Ecke mit der Regenhütte. Die hatten wir im letzten Frühling gebaut, als Schutz vor Gewitter, und seitdem stand sie dort herum, meistens unbenutzt, weil es übers Jahr hinweg kaum mal richtig geregnet hatte. Sarah und Soo Min standen schräg hinter der Hütte, sodass ich kaum ihre Köpfe sah, aber natürlich reichte schon dieses bisschen Ansicht von Sarah, um mein Herz flattern zu lassen. Da war noch jemand bei ihnen, eine Frau, und die war so groß, dass sie die Hütte weit überragte.

Eine rote Frau.

Mann, die war vielleicht unheimlich! Sarah und Soo Min hatten mich noch nicht bemerkt, aber die rote Frau schon. Ihr grauer Blick huschte wie zufällig über mich, schneller als ein Wimpernschlag, bevor sie sich wieder den Mädchen zuwandte. Sie war dünn, aber vom Alter kein bisschen gebeugt. Sie trug einen eleganten blutroten Mantel und ein genauso blutrotes Halstuch. Ihre silbergrauen Haare waren zu einer komplizierten Frisur aufgesteckt. Mein Mund fühlte sich plötzlich ganz trocken an.

Dracula, dachte ich.

Meinen ersten Dracula hatte ich vor vielen Jahren zusammen mit Frau Dahling zufällig im Fernsehen gesehen, beim Zappen. Ein Mann mit einem dunklen Umhang sprang gerade einem anderen Mann an den Hals und begann daran herumzusaugen. Erst dachte ich, das wäre vielleicht ein toller Typ für den Kiesling (der hatte damals Ulf Brauscher noch nicht und deshalb auch nicht so viele Knutschflecken wie neulich im Treppenhaus – mein lieber Scholli!), aber Frau Dahling hatte hektisch weitergeschaltet und gesagt, das hätte ich gar nicht sehen dürfen, das sei viel zu gruselig! Ich fragte dann fünf oder sechs Mal Warum, in sehr gleichmäßigen Abständen in einem sehr gleichmäßigen Tonfall, bis sie endlich damit rausrückte: Dieser Kerl hieß Dracula, er konnte sich in eine Fledermaus verwandeln und er ernährte sich … und da zögerte Frau Dahling ein wenig … also, er ernährte sich vom Besten, was ein Mensch hatte! Das schockierte mich dermaßen, dass ich in dieser Nacht vor Angst kein Auge zubekam. Ich war ja damals noch sehr klein und viel tiefbegabter als heute und dachte, so ein Dracula geistert also nachts als Fledermaus durch die Gegend, dringt in fremde Häuser ein und klaut den Menschen das Beste, was sie haben, nämlich ihre Nussnugatcreme, und wenn sie gerade selber welche gegessen haben, lutscht er ihnen auch noch die Reste vom Gesicht!

Irgendwann viel später sah ich ganz alleine einen anderen Dracula im Fernsehen, aber da hatte ich keine Angst mehr. Dieser Dracula hatte einen wunderschönen Mantel an, aus Gold und Rot, mit aufwendigen Stickereien versehen und dergleichen. Er hatte eklig spitze Fingernägel gehabt, und sein Gesicht war total knitterig gewesen, wie eine von diesen Backpflaumen, die Herr Kessler seit Neuestem jeden Tag essen muss, damit seine Verdauung besser funktioniert. Aber der tollste Anblick waren die Haare von Dracula gewesen, die sehr lang sein mussten, denn sie waren von den Seiten her irgendwie nach oben gerollt und genau über der Mitte vom Kopf wieder nach unten zusammengefaltet worden. Von Weitem hatte sein Gesicht wie ein Herz ausgesehen.

Nie wieder hatte ich so eine Frisur gesehen, außer jetzt.

Bei der roten Frau.

Ich riss meinen Blick von ihr los und ging zur Bank, auf der die eingeschüchterte Gang saß, oder doch wenigstens Teile davon. Ich deutete auf die Gerätegucker und den Mann im grauen Anzug. »Was machen die denn?«, fragte ich den Checker. Meine Stimme war von ganz alleine leise.

»Die vermessen das hier alles«, sagte er, ohne das Kraulen von Porsche einzustellen. »Das Grundstück.«

»Unseren Spielplatz? Warum denn?«

»Keine Ahnung. Das versuchen Soo Min und Sarah gerade rauszukriegen.«