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Blinder Passagier im Mehrfamilienhaus Vier Wochen Hausarrest wegen einem Blauen Brief! Völlig übertrieben, findet Roderich. Nicht mal zum Fußballtraining darf er. Und dann hört er auch noch seltsame schlürfende Geräusche im Fahrstuhl – ganz klar: ein Geist! Blöd nur, dass Roderich vor Schreck seinen nagelneuen Fußball im Fahrstuhl liegen lässt und der Fahrstuhl-Geist ihn einfach mitnimmt. Aber wie kann er den von einem Geist zurückbekommen? Originell und tiefgründig – das Kinderbuchdebüt von Maike Siebold Maike Siebold erzählt die Geschichte einer ungewöhnlichen Familienzusammenführung in einem spannenden Setting: Rille nutzt die Luftschächte, die wie Verkehrswege durch das alte Mietshaus führen, um das Leben der Bewohner unter die Lupe zu nehmen. So kommt sie nicht nur ihrem Familiengeheimnis auf die Spur, sondern hilft gemeinsam mit Roderich den Mietern bei so manchem Problem. Mit Rille aus dem Luftschacht können Lesepunkte bei Antolin gesammelt werden.
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Seitenzahl: 112
Veröffentlichungsjahr: 2020
Originalcopyright © 2020 Südpol Verlag, Grevenbroich
Autorin: Maike Siebold
Illustrationen: Kai Schüttler
E-Book Umsetzung: Leon H. Böckmann, Bergheim
ISBN: 978-3-96594-067-3
Alle Rechte vorbehalten.
Unbefugte Nutzung, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung,
können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.
Mehr vom Südpol Verlag auf:
www.suedpol-verlag.de
Inhalt
Unheimliche Geräusche im Fahrstuhl
Die Lösegeldforderung
Nächtlicher Besuch
Klatsche und die Päckersbande
Der geheime Plan
Die Gefangennahme
Der Kammerjäger
Henriette von Papagei
Notarzt Dr. Roderich
Der Geburtstagskalender
Das Ei
Klatsche auf Spurensuche
Neugier lohnt sich
Der Feind hilft
Ein unerwarteter Bruder
Waschmaschinski muss helfen
Der Tag danach
Die Aussprache
Sie ist weg
Eine neue Untermieterin
Aurorin und Illustrator
Unheimliche Geräusche im Fahrstuhl
Als Roderich aus dem Fahrstuhl tritt, kann er die aufgeregte Stimme seiner Mutter schon durch die geschlossene Wohnungstür hören.
„Ich versteh das nicht. Kein Wort hat er gesagt“, ist das Erste, was er aufschnappt, als er vorsichtig aufschließt und auf Zehenspitzen in den Flur tritt. „Oder hat er bei dir schon mal eine Andeutung über seine schlechten Noten gemacht?“
„Reg dich doch nicht so auf. Ich habe früher auch Blaue Briefe gekriegt. Und aus mir ist auch was geworden.“ Das klingt ganz nach seinem Vater.
Oh, oh, denkt Roderich. Sie haben bestimmt Post von der Schule bekommen.
Geräuschlos versucht er sich aus seiner Jacke zu schälen und den Rucksack abzusetzen. Doch seine Mutter hat Ohren wie ein Luchs. Die Jacke hängt noch nicht auf dem Haken, da tönt es aus der Küche: „Roderich, komm bitte einmal zu uns.“ Es klingt nicht wirklich wie eine Bitte, eher wie ein Befehl. Mit gespielter Ruhe betritt Roderich die Küche. Er sieht aus den Augenwinkeln, wie seine Mama seinem Papa einen auffordernden Blick zuwirft.
Der räuspert sich und beginnt zögerlich: „Also, deine Mutter möchte, dass du dich in den nächsten Wochen intensiver um deine schulischen Verpflichtungen kümmerst.“
„Wie lange?“, will Roderich nur wissen.
Bei der Antwort traut er seinen Ohren nicht. „Vier Wochen Hausarrest nur wegen eines blöden Briefes?“ Seine Stimme franst leicht aus.
„Ich finde, ein Monat Hausarrest ist eine angemessene und logische Folge für einen Blauen Brief, mein lieber Sohn“, antwortet seine Mutter mit drohendem Unterton.
Das, was Roderich jetzt nur noch interessiert, ist sein Fußballtraining, aber selbst die besten Argumente, mit schmeichelnder Stimme vorgebracht, sind erfolglos. Seine Eltern bleiben hart. Vier Wochen darf er nicht zum Fußballtraining.
Der nächste Tag ist der erste des blöden Hausarrest-Monats. Alleine mit seinen Mathehausaufgaben langweilt Roderich sich fürchterlich. Wozu muss er 144 geteilt durch 12 rechnen können? Wütend kickt er seinen Fußball gegen das Bücherregal. Er will Fußballprofi werden und schon als E-Jugend-Spieler weiß man, dass später alles der Manager für den Spieler ausrechnet.
Roderich juckt es in den Füßen. Er spürt, dass er jetzt unbedingt eine Trainingseinheit braucht. Angestrengt überlegt er, was seine Eltern genau gesagt haben. In solchen Situationen kommt es auf die Feinheiten an. Sie hatten ihm verboten, das Haus zu verlassen, aber nicht die Wohnung. Der geräumige Kellereingang ist ein optimaler Trainingsort, vor allem am Nachmittag, wenn alle Erwachsenen noch bei der Arbeit sind.
Roderich schnappt sich den Ball und geht zum Fahrstuhl. Im Fahrstuhl drückt er den Knopf für die Tiefgarage und der Fahrstuhl setzt sich in Bewegung. Doch der fährt nicht wie erwartet in den Keller, sondern nach oben. Roderich erschrickt und flucht leise vor sich hin. Oben ist nur noch eine Wohnung, die von Benjamin Brune, aber der ist nur am Wochenende da. Ein nervöses Kribbeln befällt ihn. Wenn er es nicht besser wüsste, würde er meinen, dass er nicht allein im Fahrstuhl ist und beobachtet wird. Sein Kopf sagt ihm, dass das nicht sein kann, aber das Gefühl in seinem Bauch ist überzeugender. Irgendetwas ist da, aber er kann nichts sehen. Seine Augen suchen die Kabine nach irgendetwas Ungewöhnlichem ab, aber rundherum sind nur Wände aus lackiertem grauem Stahlblech. Die trübe Neonröhre wirft ein unwirkliches Licht in den engen Fahrkorb.
Roderich spürt, wie der Klumpen in seinem Bauch immer größer wird. Seine Hände fangen an zu schwitzen. Er drückt sich mit dem Rücken an die Fahrstuhlwand und lauscht. Da ist etwas! Jeder Muskel und jeder Nerv vom kleinen Nackenhaar bis in die Zehenspitzen ist angespannt.
In diesem Moment hört er ein Geräusch. Es kommt aus dem hinteren Teil … aber da ist nichts zu sehen. Nur ein kleines Schlüsselloch. Roderich fällt dieses Loch zum ersten Mal auf. Es steckt in der Rückwand des Fahrstuhls und gehört zu einem schmalen Schlitz, der die Fahrstuhlwand in zwei Hälften teilt. Vorsichtig legt er ein Ohr an das kalte Metall. Da ist das Geräusch wieder. Diesmal lauter. Es hört sich an wie ein Schlürfen. Roderich zögert einen Moment, doch dann beugt er sich nach vorne, kneift ein Auge zusammen und schaut mit dem anderen vorsichtig durch den Schlitz in der Rückwand. Wie von einem Stromschlag getroffen prallt er zurück.
Hat er da etwa in ein Auge geblickt?
In diesem Moment öffnet sich die Fahrstuhltür. Voller Panik lässt Roderich den Ball fallen und stürzt hinaus. Er hetzt die Treppe hinunter. Zu Hause angekommen, knallt er die Tür hinter sich zu und dreht den Schlüssel mehrmals um. Geschafft!
Keuchend lehnt Roderich an der Tür. Er versucht, ruhig durchzuatmen und klar zu denken: Ein Auge hinter der Fahrstuhltür kann es nicht geben. Um sich auf andere Gedanken zu bringen, setzt sich Roderich vor den Fernseher und zappt nervös durch die Kanäle. Da klingelt es an der Haustür.
„Wer ist da?“, ruft Roderich ängstlich.
Es ist seine Mutter, die nicht in die Wohnung kommt. „Warum hast du denn abgeschlossen und den Schlüssel stecken lassen?“
Aufgeregt versucht Roderich, seiner Mutter den Grund zu erklären. „Da war ein Auge im Fahrstuhl.“
Seine Mutter hat es eilig, ins Bad zu kommen. „Was für ein Auge? Du hast zu viel Fantasie!“
„Hast du es nicht gesehen? Da ist ein Auge hinter der Fahrstuhltür.“ Roderich hört die Toilettenspülung und dann wieder seine Mutter:
„Nein, Roderich, ich habe kein Auge im Fahrstuhl angetroffen, sieht man von meinem eigenen Augenpaar ab. Apropos sehen, zeig mir doch mal deine Hausaufgaben.“
Das ist so typisch für Erwachsene, denkt Roderich. Die verstehen einfach nicht, was wirklich wichtig ist. Er erlebt etwas Grausiges und seiner Mutter fällt nichts Besseres ein, als nach seinen Hausaufgaben zu fragen. Während er noch überlegt, ob er Angst hat oder eigentlich nur wütend ist, öffnet sich die Wohnungstür und sein Vater tritt in den Flur.
Leider ist auch der keine wirkliche Hilfe. Immerhin bietet er Roderich als Trostpflaster für seinen Hausarrest an, morgen mit ihm Fußball zu spielen.
„Und das Auge?“, startet Roderich einen letzten Versuch, mit seinen Eltern das Erlebnis zu klären.
„Das kann mitspielen!“, antwortet sein Vater mit einem Schmunzeln auf den Lippen.
Seine Eltern haben offensichtlich keinen Schimmer, worum es wirklich geht. Er hat das Auge nicht geträumt. Es war wirklich da. Vielleicht gibt es im Haus einen Fahrstuhlgeist. Jetzt wäre es gut, einen Freund zu haben, mit dem er reden könnte.
Um sich abzulenken, denkt er an morgen. Endlich mal wieder nach draußen und mit seinem Vater Fußball spielen. Aber … wo ist eigentlich der Ball? Siedend heiß fällt ihm ein, dass er seinen nagelneuen Lederfußball im Fahrstuhl liegen gelassen hat. Mist! Dorthin geht er aber jetzt auf keinen Fall zurück. Morgen vor der Schule wird er bei dem Hausmeister Herrn Waschmaschinski nachfragen, ob ein anderer Fahrgast den Ball gefunden und bei ihm abgegeben hat. Vielleicht hat er ja Glück.
Der Hausmeister strahlt, als er am nächsten Tag auf Roderich zukommt, doch er hat keine guten Nachrichten für ihn. „Deinen Ball habe ich nicht gefunden. Tut mir leid! Ich habe zwei Extra-Touren durchs Haus gedreht, aber ohne Erfolg. Dafür aber habe ich eine Matratze, eine Zahnbürste und einen alten Katalog auf dem Dachboden gefunden. Hast du eine Idee, wem diese Sachen gehören könnten?“
Bei der Frage schaut er ihn freundlich, aber prüfend an. Roderich ist nicht richtig bei der Sache und schüttelt stumm den Kopf. Ihn interessieren keine Zahnbürsten, er will seinen Fußball wiederhaben.
Der Hausmeister verspricht, seine Augen weiter offen zu halten. „Frag doch mal bei den anderen im Haus nach. Vielleicht hat ihn jemand gefunden und mitgenommen.“
Mitgenommen hat ihn vielleicht jemand, aber kein Kind, sondern eher ein Geist, denkt Roderich. Plötzlich weiß er, was zu tun ist. Er muss einen Brief an den Ball-Entführer schreiben: den Fahrstuhlgeist!
Als er in die Wohnung kommt, setzt er sich sofort an den Schreibtisch, reißt eine Seite aus seinem Rechenheft und schnappt sich seinen Füller. Die Worte fließen wie von selbst aus seinem Stift:
Roderich faltet den Brief zusammen und geht entschlossen zum Fahrstuhl.
Seit seinem Horrorerlebnis mit dem Auge hat er getreu einem der Lieblingssätze seiner Mutter – Bewegung ist gesund! – einen großen Bogen um den Fahrstuhl gemacht und stattdessen die Treppe benutzt. Nun steht er wieder davor und drückt mit zusammengekniffenen Augen auf den Knopf. Surrend schiebt sich die Tür auf. Roderich betritt vorsichtig die Kabine. Er lauscht. Hinter der Rückwand rührt sich nichts. Langsam schiebt er den Brief durch den Schlitz. Als das Papier auf der anderen Seite zu Boden fällt, ertönt hinter ihm eine vertraute, aber unangenehme Stimme.
Es ist Klatsche. Wo der Angeber auftaucht, gibt es Ärger. Er geht ihm am besten aus dem Weg.
Gerade als Roderich dies tun will, tritt Klatsche in den Fahrstuhl und die Tür schließt sich hinter ihm. Jetzt sitzt er mit dem miesen Giftzwerg in der Kabine fest. Sofort beginnt Klatsche seinem schlechten Ruf gerecht zu werden.
„Sieh an, der kleine Tintenpisser aus dem vierten Stock. Na, wie wäre es mit einer gemeinsamen Fahrt in die Tiefe? Onkel Klatsche zeigt dir mal die richtig schönen Ecken im Haus.“
„Ich steig aus. Ich will keine blöden Ecken sehen“, bringt Roderich mit trockener Kehle hervor.
„Nur keine Panik, du kannst gleich wieder zu deiner Mama“, antwortet Klatsche und verzieht das Gesicht zu einem fiesen Grinsen.
Als der Fahrstuhl hält, sind sie im Keller gelandet.
„Los, steig aus! Worauf wartest du? Muss ich nachhelfen?“
„Aber wir sind im Keller und ich wohne im vierten Stock“, setzt Roderich an. Leider fällt ihm nichts Besseres ein. Klatsche weiß ja, wo er wohnt, nur zwei Stockwerke über ihm.
„Tja, dann musst du wohl deine Streichholzbeinchen ein wenig bewegen. Los, raus.“ Klatsche schubst Roderich in Richtung Tür.
Zwei Sekunden später steht Roderich vor dem verschlossenen Fahrstuhl und hämmert mit seinen Fäusten dagegen.
„He, nimm mich mit!“ Du elender Blödmann!, will er noch schreien, doch der Fahrstuhl fährt schon wieder hoch und er hört nur noch das immer leiser werdende Hohngelächter von Klatsche.
Die Lösegeldforderung
„Um ein Haar hätte ich mir den Hals gebrochen“, hört Roderich seinen Vater durch den Hausflur brüllen.
Roderich springt aus seinem Zimmer. „Was ist denn?“, fragt er besorgt.
„Dein Ball lag vor der Haustür und ich bin darüber gestolpert. Das ist passiert!“
„Was für ein Ball?“
Sein Vater schüttelt den Kopf. „Ja, was für ein Ball wohl? Dein neuer Lederfußball! Jetzt stell dich doch nicht so begriffsstutzig an.“
Roderich nimmt den Ball und dreht ihn in seinen Händen. Gleichzeitig mit seinem Vater entdeckt er schwarze Zeichen auf dem runden Leder.
„Roderich, was sollen denn die Buchstaben da drauf? Du hast deinen neuen Ball ja total verschandelt. Das ist doch kein Scrabblespiel.“ Das Gesicht seines Vaters hat sich leicht rötlich verfärbt.
„Ich war es nicht, Papa. Ehrenwort. Keine Ahnung, wer meinen Ball vollgekritzelt hat“, verteidigt sich Roderich.
Erst am Abend hat Roderich Zeit, die Buchstaben in Ruhe zu studieren. Mit gekreuzten Beinen hat er es sich auf seinem Bett bequem gemacht, um den Ball zu untersuchen. Durch das Fußballspielen mit seinem Vater sind einige Buchstaben schon etwas verwischt. Nach und nach entziffert er ein E, ein H, ein D, ein I, noch ein E, ein N, ein R und ein Z. Was soll das bedeuten? Roderich schreibt die Buchstaben in unterschiedlicher Reihenfolge in sein Deutschheft.
„Niehrzed? Das ergibt keinen Sinn!“ Roderich denkt laut, was ihm bei kniffligen Aufgaben oft auf die Sprünge hilft. „Diehrnze, Ziehrend – das bekomme ich ja nie raus.“
Roderich kann nicht einschlafen. Als um Mitternacht die Kirchturmglocken läuten, wälzt er sich noch immer unruhig von einer Seite auf die andere und murmelt Buchstaben vor sich hin. Plötzlich schreckt er auf und ist wieder hellwach.
„DEIN HERZ!“ Das ist die Lösung.
Es schaudert ihn. Der Geist kann doch nicht wirklich sein Herz haben wollen. Ein Herz von einem Tier könnte ein Geist vielleicht verlangen, aber nicht das von einem kleinen Jungen. Und wenn doch? Langsam kriecht die Angst wie eine Schlange in ihm hoch. Er knipst das Licht an. Über seinem Kopf leuchtet seine rote Nachttischlampe auf. Sie hat die Form eines Herzens. In diesem Moment versteht er. Die Herzlampe, das Geschenk von Tante Margot, könnte der Geist meinen. Aber woher kann der Geist wissen, dass er diese alberne Mädchenlampe besitzt?
Kaum hat er das Ballrätsel gelöst, da steht er vor dem nächsten Problem. Und überhaupt, wie soll er dem Geist die Lampe übergeben? Durch den Schlitz in der Fahrstuhlwand passt sie wohl kaum. Also muss er ihn wohl oder übel in seiner Sprechstunde aufsuchen. Jedes Kleinkind weiß: Geister empfangen immer nur zwischen Mitternacht und 1 Uhr morgens. Sie haben Sprechstunde wie Ärzte, eben die Geisterstunde.
Er kramt seine Taschenlampe aus der Kiste unter dem Bett hervor und leuchtet das Zimmer ab. Auf der Spielzeugkiste lässt er den Taschenlampenkegel verweilen. Dort schläft Klaus Teddy. Roderich hat beschlossen, dass man mitten in der Nacht auf dem Weg zu einem Geist einen Begleiter braucht.
„Klaus Teddy“, flüstert er durch den Raum, „du musst mit.“
