Ripper's Daughters Gesamtausgabe - Markus Heitz - E-Book

Ripper's Daughters Gesamtausgabe E-Book

Markus Heitz

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Beschreibung

Die erfolgreiche Hörspiel-Serie des Dark-Fantasy-Großmeisters endlich als Buch: drei Romane um die Ripper's Daughters in einem Band! Ripper's Daughters beginnt im London des Jahres 1904. Die Reporterin Beth und Lady Cassandra sind – ohne es zu wissen – die Töchter von Jack the Ripper. Und es gibt überraschenderweise weitere Halbschwestern. Alle besitzen übersinnliche Fähigkeiten, aber sie zahlen dafür einen hohen Preis. Gemeinsam kommen sie einer unglaublichen Verschwörung auf die Spur, und bald sind sämtliche ihrer Fertigkeiten gefragt, um zu überleben. In der Gegenwart erfährt die junge Hamburgerin Ella von ihrer besonderen Herkunft und soll eine seltsame Ausbildung bei ihrer Tante durchlaufen. Während Ella nach und nach das Geheimnis ihres Ahnen entschlüsselt, muss sie eine Katastrophe aufhalten – eine immense Aufgabe, an der Jack the Ripper im Jahr 1888 scheiterte. Denn er mordete damals nicht ohne Grund … Mystery trifft History: Das neue düster-spannende Werk von Bestseller-Autor Markus Heitz!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 1389

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Markus Heitz

Ripper's Daughters Gesamtausgabe

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Ein dunkles Vermächtnis aus Blut und Magie …

London, im Jahr 1904: Die Reporterin Beth und Lady Cassandra sind – ohne es zu wissen – die Töchter von Jack the Ripper. Und es gibt überraschenderweise weitere Halbschwestern. Alle besitzen übersinnliche Fähigkeiten, aber sie zahlen dafür einen hohen Preis. Gemeinsam kommen sie einer unglaublichen Verschwörung auf die Spur, und bald sind sämtliche ihrer Fertigkeiten gefragt, um zu überleben.

In der Gegenwart erfährt die junge Hamburgerin Ella von ihrer besonderen Herkunft und soll eine seltsame Ausbildung bei ihrer Tante durchlaufen. Während Ella nach und nach das Geheimnis ihres Ahnen entschlüsselt, muss sie eine Katastrophe aufhalten – eine immense Aufgabe, an der Jack the Ripper im Jahr 1888 scheiterte.

Denn er mordete damals nicht ohne Grund …

Die erfolgreiche Hörspiel-Serie des Dark-Fantasy-Großmeisters endlich als Buch: drei Romane um die Ripper's Daughters in einem Band

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de

Inhaltsübersicht

Buch I

DRAMATIS PERSONAE

TRANSKRIPT

KAPITEL 1

TRANSKRIPT

CHAPTER 1

KAPITEL 2

TRANSKRIPT

CHAPTER 2

KAPITEL 3

TRANSKRIPT

CHAPTER 3

KAPITEL 4

TRANSKRIPT

CHAPTER 4

KAPITEL 5

TRANSKRIPT

CHAPTER 5

KAPITEL 6

TRANSKRIPT

CHAPTER 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

TRANSKRIPT

CHAPTER 7

KAPITEL 9

TRANSKRIPT

CHAPTER 8

KAPITEL 10

Buch II

DRAMATIS PERSONAE

KAPITEL 1

KAPITEL 2

TRANSKRIPT

CHAPTER 1

KAPITEL 3

KAPITEL 4

TRANSKRIPT

CHAPTER 2

KAPITEL 5

KAPITEL 6

TRANSKRIPT

CHAPTER 3

KAPITEL 7

TRANSKRIPT

CHAPTER 4

KAPITEL 8

KAPITEL 9

TRANSKRIPT

CHAPTER 5

KAPITEL 10

KAPITEL 11

TRANSKRIPT

CHAPTER 6

KAPITEL 12

TRANSKRIPT

CHAPTER 7

KAPITEL 13

Buch III

DRAMATIS PERSONAE

KAPITEL 1

KAPITEL 2

CHAPTER 1

KAPITEL 3

KAPITEL 4

CHAPTER 2

KAPITEL 5

KAPITEL 6

CHAPTER 3

KAPITEL 7

KAPITEL 8

CHAPTER 4

KAPITEL 9

KAPITEL 10

CHAPTER 5

KAPITEL 11

KAPITEL 12

Buch I

Stimmen der Vergangenheit

DRAMATIS PERSONAE

Gegenwart

Veronica »Nica« Wulff, Anführerin der Ripper’s Daughters

Helen »Ella«, Veronicas Tochter

Henry Wulff, Veronicas Sohn

Lady Grace Victoria Helena Grayham, Helens Tante

Benson, Lady Graces Butler

Leopold »Leo« Armitage, Bensons Neffe

Saskia Lange, Spitzenköchin

Albert Heinrich Wilhelm, väterlicher Freund

Adrian Bartoll, Geschäftsmann

Kishore Rahul Gupta, Geschäftsmann

Singh, Kishore Rahul Guptas Sicherheitsexpertin

James Harveston, Diamantenhändler & Juwelier

Wim van der Laark, Drogenbaron

Sean Patrick, Attentäter

Gabriella, Chime Child

Dara, Wandlerin

Harry, Ronny; Wandler

Vergangenheit

Elisabeth »Beth« Nesbit, Journalistin

Mary Howarth, Chefredakteurin des Daily Mirror

Billy Swan, Redaktionsjunge

Lady Cassandra, Duchess of Cleveland

Benson, Lady Cassandras Butler

Miss Miller, Doktor Suns Sekretärin

Lord Bruce Lazonby, Landadliger

Lord Arthur Edgecombe, Politiker

Edwyn & Edgar, Lord Arthurs Söhne

Trevor Ashby, Gewalttäter

Timothy Fletcher, Angreifer in der Seitengasse

Benisha-Sophie »Neesh« Ruthington, britisch-indische Dame

Elsie, Göre

TRANSKRIPT

[Frauencomputerstimme]

>Digitalisiertes T.V.G.B.-Archiv

>Freigabestufe: zweifache Passwortabsicherung

[Tastaturklappern. Mausklick]

>Zugriffsanfrage: Zylinder 1 positiv

[Mausklick]

>Zugriff: erteilt und vollständig

>Aufnahmedatum: 1. Januar 1900

>Aufnahmeort: London

>Aufnahmeart: Phonograph

>Person: T.V.G.B., Zylindernummer 1

 

[Stimme des Rippers]

»Mit Anbruch des neuen Jahrhunderts habe ich mich entschieden, die Wahrheit für die Nachwelt festzuhalten. Jene Nachwelt, die mich verurteilt und als Schlächter bezeichnet.

Man sagt, es gäbe drei Versionen einer Geschichte: die eine, die andere und die Wahrheit.

Ich bin alle drei.

Mary Ann Nichols, Annie Chapman, Elizabeth Stride, Catherine Eddowes, Mary Jane Kelly.

Die berühmten fünf aus Whitechapel.

Die Frauen hätten 1888 nicht sterben müssen. Ihr Blut klebt an den Händen des britischen Empires, ich habe mir nur für Großbritannien die Finger schmutzig gemacht. Sie zu töten, bereitete mir kein Vergnügen, wie mir unterstellt wird. Meine vielen anderen Morde auch nicht.

Es geht mir in diesem Zeugnis nicht darum, mich reinzuwaschen, sondern darum, die Zusammenhänge meiner Taten aufzuzeigen. Deswegen dokumentiere ich meine Geschichte. Und die meiner weiblichen Nachkommen. Damit die Nachwelt versteht, was sie mir und ihnen verdankt.

Persönlich und mit meiner Stimme.

Gesagtes kann man nicht mehr zurücknehmen. Ich schwöre bei allem, was es gibt und niemals geben sollte: Es ist wahr.«

 

[Mausklick]

KAPITEL1

Hamburg, St. Pauli, Gegenwart

Das glückliche Kreischen der Leute in den Fahrgeschäften, die unterschiedlichen Musiken aus den Boxen der Stände und die Ansagen aus den Attraktionen verschmolzen mit dem ausgelassenen Lachen der Menschen zu einer einzigen, akustischen Überladung. Mal laut, mal leise flogen die Töne durch die Luft und woben eine dichte Geräuschkulisse der Fröhlichkeit.

Von allen Seiten leuchtete und blinkte es auf dem abendlichen, eisigen Hamburger DOM, wie das bedeutendste Volksfest im Norden genannt wurde. Im Frühjahr, Sommer und Winter lockte der Markt jeweils einen Monat lang auf das 160000 Quadratmeter große Heiligengeistfeld. Selbst in der nun herrschenden kalten Jahreszeit von November bis Dezember warteten 260 Schausteller und über hundert Gastroangebote auf spaßbereite Kundschaft.

Und die kam. Reichlich.

Je nachdem, wo Ella in der warmen Süßigkeitenbude stand, veränderte sich der vergnügte Klang, den sie an sich sehr mochte, und die unzähligen Wortfetzen der vorbeischlendernden Passanten. Der Geruch blieb hingegen die gesamte Schicht über gleich: kochendes Karamell, schmelzende Schokolade und geröstete Gewürze ergaben einen lockenden Duft, der allein beim tiefen Einatmen einen Zuckerschock auslöste. Die schokolierten Früchte dienten allenfalls als Pseudoalibi für ein bisschen Gesundes am Stand. Bloodygood Sweets, strahlte in knallroter Achtzigerjahre-Leuchtschrift vom Standdach.

»Was darf es sein?«, erkundigte sich Ella bei dem dick gegen die Kälte eingepackten Pärchen.

Sie selbst hatte die langen, blonden Haare mit der einzelnen schwarzen Strähne hochgesteckt, und in dem warmen Wagen reichten ihr T-Shirt, Hose und Schürze. Darauf prangte das Logo der Ripper’s Daughters, in dem sich ein aufgeklapptes Rasiermesser und ein Schlachterbeil unter einem Frauenzylinder überkreuzten.

»Eine Gutwetterwolke, bitte. Dazu eine Tüte gebrannte Mandeln mit Salzkaramell und zwei selbst gemachte Cappuccino-Schaumküsse.«

»Sehr gern.« Mit geschickten, kreisenden Handbewegungen bauschte Ella himmelblaue Zuckerwatte aus dem Kessel um den Holzstab, streute essbaren goldenen Flitter hinzu.

»Das macht dann acht Euro«, verkündete Ella und bekam einen Zehner.

»Behalten Sie den Rest. Für den guten Zweck.«

»Danke, sehr nett.«

Sie winkte zum Abschied, das Paar schlenderte davon und naschte gemeinsam an der Zuckerwatte.

Grinsend sah Ella ihnen nach. »Die sind süßer als die Sachen, die sie gekauft haben«, murmelte sie und zentrierte den Sitz ihres Septumpiercings.

Dabei bemerkte sie einen Mann Ende zwanzig, der regungslos inmitten des Mahlstroms der Besuchermenge stand. Er aß langsam ein Fischbrötchen und schaute zum Bloodygood Sweets. Doch die durchdringenden Blicke trafen nicht die Auswahl süßer Leckereien. Sondern direkt die Siebzehnjährige dahinter.

Ella kannte solche Typen. Sie war nicht die Hässlichste, und manche Männer dachten, dass sie beim Kauf eines kandierten Apfels die Telefonnummer gleich mitbekamen. Die Anmachsprüche dazu variierten zwischen dämlich, einfallslos und unverschämt.

Allerdings fiel der Unbekannte inmitten der Menge, die ihn umfloss, aus mehreren Gründen auf und somit aus dem üblichen Rahmen ungewünschter Kavaliere. Zum einen verliehen das schwarze Schnauzbärtchen und der dunkle Dreitagebart seinem sympathischen Gesicht einen retrohaften Look, der durch einen japanischen Streetwear-Style gebrochen wurde. An solche Klamotten kam man nicht leicht heran. Auf den kurzen dunklen Haaren saß eine Basecap mit einem Symbol rechts über dem Schirm, das Ella nichts sagte. Seiner Statur nach trainierte er. Sie erkannte tätowierte Linien an seinem Hals, die unter Shirt und Jacke verschwanden.

Trotz des Trubels rührte sich der Unbekannte nicht. Er hielt ihrem Blick stand, ohne verlegen zur Seite zu schauen oder ertappt das Weite zu suchen. Stattdessen aß er gelassen sein Fischbrötchen.

Versucht er, mich mit seinem Starren zu hypnotisieren?

Ein Rumpeln in ihrem Rücken ließ Ella erschrocken zusammenzucken.

»Hier kommt der Nachschub.« Ellas Bruder Henry hatte die Bude geentert, während sie den Unbekannten betrachtet hatte. Er stellte mehrere Kisten auf der Anrichte hinter dem Tresen ab. »Damit kannst du die gefüllten Glühweinschaumküsse auf der Tafel wieder freigeben, Schwesterherz.«

»Ah, sehr gut. Zieh doch gleich das Abdeckband ab, wenn du zurückgehst. Dann muss ich nicht raus.«

»Mach ich.« Henry, drei Jahre älter als sie, trug Jeans, Boots und Winterkutte mit den obligatorischen Aufnähern eines Motorradclubs über der Jacke. Auf dem Rücken prangte das Logo der Ripper’s Daughters, darunter stand bloody accomplice. Kein Mann durfte gemäß den Statuten Mitglied bei den Daughters sein, sondern bekam lediglich den Status eines blutigen Komplizen. Ausnahmen gab es auch für den Sohn der Anführerin nicht.

Er warf einen Blick in die Kasse. »Wow! Schon gut gefüllt.«

»Und alles für den guten Zweck. Wie bei jedem DOM.« Ella fand es großartig, dass ihre Mutter den Stand betrieb, zehn Prozent der Gewinne behielt und den Rest an verschiedene Wohlfahrtsorganisationen in Hamburg spendete. Das tat sie seit Jahren.

»Ich sehe dir an, dass du trotzdem nicht glücklich bist.« Henry grinste unter seinem gepflegten braunen Vollbart, der an Wangen und Hals ausrasiert war. Er ließ ihn älter und ernster wirken. »Dabei formt keiner so schöne Gutwetterwolken wie du.«

»Sie passen nur nicht zu meiner Laune.« Sie nickte quer über den Platz hinüber zum aufragenden Hochbunker, der mit seinen vier Türmen am Rand des Heiligengeistfelds stand. »Ich sollte da sein.«

»Echt jetzt?« Henry seufzte. »Du darfst offiziell nicht an der Tür stehen. Das weißt du.«

»Aber die Frauen vertrauen mir beim Check-in. Wenn ich am Eingang bin, wissen sie, dass sie safe im Club sind.«

Henry lachte tief und warm. »Ach, Schwesterherz. Bei uns sind die Ladys immer safe. Das weiß jeder. Es ist ein RD-Club. Unsere AGB haben sich nach ein paar lädierten Grabscherfressen ganz schnell herumgesprochen.«

Ella verzog den Mund, die rötlich rosafarbenen Augen auf den Hochbunker gerichtet, wo sich im zweiten Stock das Ripper’s und im Erdgeschoss das Hauptquartier des Motorradclubs befanden. Die besondere Farbe ihrer Iris war immer wieder mal Gesprächsthema, weil ihre Albinoaugen nicht zu ihrem sonstigen Äußeren passten. Früher hatte es sie ziemlich belastet.

»Aber ich mache den Job gern«, maulte sie.

»Du bist nicht mal volljährig. Mutter käme ins Teufels Küche, wenn jemand vom Ordnungsamt –«

»Die paar Tage!«

»Nach dem Gesetz macht das keinen Unterschied.«

»Aber ich habe das doch schon …« Ella unterbrach sich selbst, als sie in das Gesicht ihres Bruders blickte, der so gar keine Ähnlichkeit mit ihr hatte. »Klar. Du bist auf Mamas Seite. Ist es, weil ich dem Typen den Finger gebrochen habe? Das war verdient! Er hat der Bedienung an den Arsch gefasst.«

»Den Finger. Den Unterkiefer. Und den kleinen Zeh. Du Sadistin.« Henry schloss seine Schwester tröstend in die Arme und drückte sie fest. »Du bist eine gute Türsteherin. Aber die Daughters brauchen keinen Stress. Erst mal wieder Gutes tun, bis sich die Wogen nach der letzten Scheiße geglättet haben. Die Bullen sind nach wie vor nervös.« Er ließ sie los, entfernte ein, zwei seiner Haare aus ihrem Augenbrauenpiercing und pochte auf die Kassenschublade. »Je mehr für den guten Zweck, umso besser. Ein fetter Scheck über zigtausend Euro wird in den sozialen Medien gut ankommen.«

Ella blitzte ihn an. »Sobald ich achtzehn bin, werde ich eine Ripper’s Daughter. Dann kann ich dich rumkommandieren.«

»Vorsicht! Ich bin immer noch dein großer Bruder«, drohte er spielerisch.

»Und trotzdem nur ein bloody accomplice.« Sie grinste herausfordernd. »Tja.«

Henry hob die Augenbrauen und warf die halblangen, braunen Haare zurück. »Beim nächsten Sparring trete ich dich und deinen schmalen Hintern dafür durch den Ring.« Lachend ging er auf den engen Ausgang zu. »Actio, Reactio«, sagte er mit italienisch simuliertem Akzent und verließ die Bude.

»Latein! Nicht Italienisch. Capisce?«

»Isse mire egale«, rief er von draußen und zog das Abdeckband von der Tafel. »Du make Wolke, Wolke.«

Ella musste lachen. Sie mochte ihren großen Bruder. Aber manchmal fragte sie sich, wie unterschiedlich Gene verteilt werden konnten. Sie hatten, abgesehen von der Leidenschaft für Motorräder und Kampfsport, wenig gemeinsam.

Sein Sprachtalent lag im Gegensatz zu ihrem bei null, und in Sachen Aggressivität war es ähnlich. Die Kombination machte sie als Team unschlagbar, die Rollen waren klar aufgeteilt. Ella war mit fast achtzehn und deutlich geringerem Gewicht die Killerin bei Schlägereien, während Henry als Schlichter und Verhandler galt.

Schnell packte sie einige der frischen Schaumküsse in die Auslage und kümmerte sich um die Kunden, die inzwischen vor dem Tresen warteten. Neue Gutwetterwolken wollten gemacht sein. Als sie die Holzstäbchen zückte, warf sie einen Blick in die Menschenmenge.

Der Unbekannte hatte sich verzogen.

Ella war sich nicht sicher, ob sie das gut oder schlecht fand. Er hatte ihre Neugier geweckt.

 

Der Andrang beim Bloodygood Sweets riss den ganzen Abend über nicht ab. Ella hantierte unentwegt mit Karamell, Zuckerwattewolken und Schaumküssen, sodass die Zeit wie im Flug verrann. Erst gegen halb elf ließ der Menschenstrom auf dem Heiligengeistfeld nach. Es wurde windig und kalt, gerade auf den hoch schwingenden und ratternden Fahrgeschäften. Die Besucher verließen nach und nach den nächtlichen Jahrmarkt, um sich in Kneipen oder zu Hause bei heißen Getränken aufzuwärmen.

Schneeflocken wirbelten aus dem schwarzen Himmel und senkten sich auf die umliegenden Budendächer, Attraktionen und die letzten Gäste. Allmählich erloschen die Lichter ringsum. Riesenrad, Free-Fall-Tower, Achterbahn, Wilde Maus und viele andere Fahrgeschäfte kamen zum Stehen; die Musik verebbte gleich einem ersterbenden, verwirrten Echo. Es wurde ruhiger auf dem Gelände.

»Geschafft«, murmelte Ella. Sie schaltete die Zuckerwattemaschine aus und sah auf die Kasse, die sich mit Scheinen gefüllt hatte. Mehrere Tausend Euro waren zusammengekommen, die Spenden der Käuferinnen und Käufer mit eingerechnet. Die Abrechnung würde sie im Hauptquartier der Daughters machen, abseits neugieriger Augen.

»Entschuldigen Sie, aber kann ich noch etwas bekommen?«, erklang die Stimme einer Frau, die mit leichtem britischem Akzent sprach. Sympathisch und ein wenig versnobt.

Ein weiteres Mal an diesem Tag zuckte Ella vor Überraschung zusammen. Sie hob den Blick und sah eine elegante Fünfzigjährige vor der Bude stehen. »Zuckerwatte dauert. Ich hab die Maschine schon aus.«

»Danke. Sehr freundlich.« Der Kleidung nach war die Kundin aus einem englischen Landhaus-Katalog für die Upper Class ausgebrochen. Viel Tweed, hohe Stiefel, und die Hände steckten in schwarzen Handschuhen. »Aber keine Umstände, bitte.« Auf den kurzen dunklen Haaren saß ein übergroßes lilafarbenes Barett. Vor den graugrünen Augen glänzte eine Designerbrille, gesichert durch eine goldene Kette, die unter dem Kragen des Rollkragenpullovers verschwand. »Ich nehme ein Päckchen gebrannte Mandeln.«

»Gern. Welcher Geschmack?«

»Was würden Sie empfehlen, Helen?«

Ella gefror in der Bewegung. Weder hatte sie sich vorgestellt, noch kannte jemand außer ihrem Bruder und ihrer Mutter ihren schrecklichen echten Namen.

»Butterwhisky«, antwortete sie mit Mühe und nahm die passende Tüte. »Dem Akzent nach kommen Sie aus England?«

»Sehr gut, ja.« Die Frau trat näher an den Tresen, die dünne Schneeschicht knirschte unter den Stiefelsohlen. »Fragen Sie schon, my dear.«

Ella kam das rechte Auge unnatürlich starr vor. »Wer sind Sie?« Das andere hingegen hatte einen roten Ring um die Pupille, der mit dem schimmernden Brillengestell wetteiferte. »Woher kennen Sie meinen echten Namen?«

»Lady Grace.« Die Unbekannte zeigte ein berechnendes Lächeln. »Gehen wir für den Anfang zum Du über. Ich bin deine Tante, Helen.«

»Was? Lady Grace?«, sagte sie auflachend. »Nein, bestimmt nicht. Das wüsste ich.«

»Well, ganz offensichtlich weißt du es nicht.« Sie nahm die Tüte entgegen und legte einen Fünfer auf den Tresen. »Deine Mutter hat mich offenbar verschwiegen. Äußerst unschön. Ich sollte es wohl persönlich nehmen?«

»Sie sehen ihr nicht mal ansatzweise ähnlich.« Ella rang die Überraschung nieder, um klarer denken zu können.

Auf dem Heiligengeistfeld verklang die letzte Musik, Stille senkte sich herab.

»So wie du und dein Bruder, right?« Lady Grace roch an den Mandeln. »Delikat.«

»Schön. Die Tante aus England.« Ella glaubte inzwischen, einem Prank aufzusitzen. Entweder von ihrem Bruder oder einer Freundin aus ihrer Clique organisiert. Irgendwo im Dunkeln saß sicher jemand mit einer Kamera und zeichnete ihre Reaktion auf. »Und locker zehn, zwanzig Jahre älter als meine Mutter. Und Sie sind kurz vor meinem achtzehnten Geburtstag hergekommen, um mir von … irgendwas zu erzählen? So wie eine böse Fee aus dem Märchen!«

»Nein.«

»Sondern?«

»Um dich mitzunehmen. Wie es mit deiner Mutter vereinbart war.«

Was für eine Geschichte!, dachte Ella und grinste. »Weil ich die verschollene Erbin eines Schlosses bin oder so was?«

»Nicht ganz. Aber es geht in eine vergleichbare Richtung.« Lady Grace verstaute die gebrannten Mandeln in ihrer Tasche, ohne davon probiert zu haben. »Bevor wir darüber reden, solltest du mit deiner Mutter sprechen. Sie hat ihren Erziehungsauftrag eindeutig vernachlässigt. Nicht nur in Hinblick auf deine Aggressionsprobleme. Immerhin, deine Essstörung habt ihr gut in den Griff bekommen.« Sie deutete auf die blassen Narben an Ellas Unterarm. »Genau wie das hier. Well done. Du bist eine starke Person.«

»Aha.« Ella sah nach rechts und links. Das ging ihr zu weit. Von ihren mentalen Problemen wollte sie nichts im Internet sehen oder hören. »Wo ist die Kamera? Oder zeichnen Sie unser Gespräch mit einer Knopflinse auf? Eine Drohne irgendwo?«

Die Engländerin runzelte die Stirn. »Pardon?«

»Das hier. Das ist doch irgendeine Verarsche zum meinem Achtzehnten, damit ich den nicht vergesse.« Ella nahm sich eine Chili-Vanille-Mandel und steckte sie in den Mund. »Aber Sie spielen diese … Lady Grace gut. Auch den Akzent.«

Die Frau atmete einmal tief ein und aus, die warme Luft quoll als weiße Wolke durch ihre Nase. »Oh, dear. Wir haben einen langen Weg vor uns.« Sie wandte sich zum Hochbunker, wo sich Club und Hauptquartier befanden. »Denkst du, es ist Zufall, dass die Gang deiner Mutter Ripper’s Daughters heißt?«

»Nein. Sie hat lange darüber nachgedacht. Sagte sie mir.«

»Of course. Was uns zum Familiengeheimnis bringt, in das dich deine Mutter nicht eingeweiht hat. Habe ich recht?«

Ella knusperte die nächste Mandel. »Es wird immer spannender!«, sagte sie grinsend. »Also doch ein Erbe? Was Düsteres? Ein Fluch?«

»Du machst dich lustig über mich. Well, ich verstehe das. Dir fehlt die Grundlage für eine ernsthafte Unterhaltung.« Lady Grace wandte sich halb zum Gehen. Der Schneefall verstärkte sich, als wollte er ihr Schutz beim Verschwinden bieten. »Ich komme demnächst wieder und setze voraus, dass du und Nica bis dahin über unser Familiengeheimnis gesprochen habt.«

»Ja, sicher.« Ella feixte. »Los, kommen Sie. Geben Sie mir einen Tipp. Ist es etwas … Unheimliches?«

»Du hältst es immer noch für einen Scherz«, stellte sie enttäuscht fest.

Ella warf sich eine weitere Mandel in den Mund. »Bitte, sagen Sie noch, dass Sie eine Vampirin sind! Britischer geht es nicht!«

»Seit wann sind Vampire typisch britisch?« Offene Ablehnung zeigte sich auf Lady Grace’ Gesicht.

»Dracula!«

»Bloody hell! Dracula war doch kein Engländer, nur weil er dort gestrandet ist. Bram Stoker hat das Ganze um Vlad den Dritten erfunden. Historisch völliger Humbug.« Lady Grace lächelte unvermittelt böse. »Aber wenn du möchtest, stelle ich dir ein, zwei Vampire vor. Echte Vampire. Auch das hat mit unserem Familiengeheimnis zu tun.«

»Ich wusste es!« Ella klatschte einmal in die Hände. »Das ist ein tolles Geschenk. Daran werde ich ewig denken.«

»Oh, das verspreche ich dir, darling.« Lady Grace lachte wissend. »An diesen Abend. Und viele weitere Momente, die wir teilen werden.«

Ihr Satz verklang, und es war nur noch ein leises Windsäuseln zu vernehmen. Der Schnee trieb gegen die Seitenwand der Bude und die Plexiglasscheibe vor der Auslage.

Langsam trat Lady Grace in das Flockengestöber und verschwand in der wirbelnden, weißen Wand.

»Hey! Hey, Moment!«, rief Ella dem Schemen hinterher und richtete sich auf. »Was ist nun mit dem Geheimnis? Spielt meine Mutter mit? Muss ich sie jetzt fragen?«

Lange Zeit blieb es still, bis auf das leise Summen des Windes, der sich an den Streben brach.

»Was musst du mich fragen?«, erwiderte plötzlich eine vertraute Stimme aus den umherfliegenden Kristallen, und dann erschien Nica unter dem kleinen Vordach des Standes. Die hochgezogene Kapuze schützte sie vor Kälte und Niederschlag. »Mit wem redest du?«

Ella starrte ihre Mutter an. »Bist du eingeweiht?«, fragte sie geradeheraus und hatte etwas ganz anderes sagen wollen.

Nica trug einen schwarzen Parka mit roten RD-Aufnähern, die man auch im Online-Fanshop des Motorradclubs bestellen konnte. Sie wischte den Schnee von Schultern und Brust und sah ihre Tochter verwundert an. »In was?«

»Na, in diesen Prank!«

Ihre Mutter streifte die Kapuze zurück, und lange, schwarze Haare kamen zum Vorschein. Auf der rechten Halsseite prangte eine Tätowierung in Form eines angedeuteten Schnitts, unter dem in kleinen Buchstaben stand: Your first cut should be the deepest. »Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst. Was ist hier los?«

»Lady Grace. So nannte sie sich. Die war eben hier. Eine Schauspielerin, die …« Ella sah ihre Mutter im Kunstlicht der Lampen erbleichen – und verstand, dass alles, alles, was die Engländerin gesagt hatte, der Wahrheit entsprach. Bis auf die Vampire vielleicht. Sie kannte Nica zu gut, um ihre Reaktion falsch zu deuten. »Fuck. Lady Grace war keine Darstellerin«, murmelte sie.

»Wann war sie hier?«

»Keine Minute her.«

»Wohin ist sie?« Nica wirbelte herum und starrte in das Schneetreiben. »Hat sie gesagt, ob sie wiederkommt?«

»Mama!«

»Was?«

»Sieh mich bitte an.« Nica wandte sich widerwillig zu ihrer Tochter um. »Ist diese Lady Grace echt? Ist sie meine Tante?«

Die Lippen ihrer Mutter wurden schmal. »Ja.« Sie schlug einmal mit der Faust auf den Tresen und stieß einen unterdrückten Schrei aus. Der Hang zur Aggression ließ sich auch bei ihr nicht leugnen. »Es tut mir leid. Ich hätte … Was hat sie gesagt?«

»Dass es ein Familiengeheimnis gibt. Dass sie mich mitnehmen will, weil eine Absprache zwischen euch existiert. Und …« Ella gingen die Worte aus, die Erinnerungen an das Gespräch überlappten und überschlugen sich. »Irgendwas mit echten Vampiren.«

»Fuck.« Nica schloss die dunkelbraunen Augen. »Es tut mir leid. Ich hätte nicht gedacht, dass es dazu käme. Und dass deine … Tante so weit gehen würde.«

Ella verstand immer weniger. »Was ist mit dem Familiengeheimnis? Lady Grace hat gesagt, dass … du … der Name unseres Clubs …«

»Ripper’s Daughters«, sagte Nica tonlos.

»Er ist nicht zufällig gewählt. Was meint sie damit?« Ella starrte ihre Mutter von leicht erhöhter Position aus dem Stand heraus an.

Nicas Miene blieb ernst. »Schnapp dir die Einnahmen, und dann gehen wir ins Hauptquartier.«

»Mama!« Ella wollte das Thema nicht ad acta legen. Dafür hatte sie zu viel gehört und eine eindeutige, verräterische Reaktion gesehen. »Bitte, erklär mir das.«

Nica nickte langsam. »Zuerst werde ich dir etwas zu lesen geben. Und danach gibt es die Erklärungen, die du haben willst.« Sie pochte nervös mit der Rechten auf den Tresen. »Aber ich lasse dich nicht mit deiner Tante gehen. Das wird nicht geschehen.« Sie machte sich daran, die Verriegelungen der Außenjalousie zu lösen, um die Bude gegen Witterung und Einbruch zu sichern.

Ella sah ihrer Mutter an, dass sie sich jedes weitere drängende Wort sparen konnte. Was immer sie nachher zu lesen bekam – sie musste sich gedulden.

***

Ella hatte die Geräte im Bloodygood Sweets sowie die kleine Heizung eingeschaltet. Karamell und Schokolade erwärmten sich langsam, der Duft wurde stärker.

Die offizielle Öffnung des Winter-DOMs war in einer Stunde, aber Ella hatte nach dem gestrigen Abend und dem Disput mit ihrer Mutter ihre Ruhe haben wollen. Die gab es weder zu Hause noch im RD-Hauptquartier.

Also verkroch sich Ella in den Stand und schlug das abgegriffene, handschriftlich verfasste Buch auf, das ihr Nica in der vorherigen Nacht gegeben hatte.

Beim Überreichen hatte ihre Mutter noch einmal betont, dass Ella niemals mit ihrer bis dato unbekannten Tante gehen würde. Erklärt hatte sie es nicht. Daher hatte sich Ella an die Lektüre gemacht und die Zeit dabei vergessen. Die Zeilen bargen Spannendes, Unglaubliches und Ungeheuerliches – doch, ob dies der Wahrheit entsprach, das konnte und wollte sich Ella nicht vorstellen. Sowohl die Handschrift als auch das Englische waren nicht immer leicht zu entziffern. Erst gegen drei Uhr war sie eingeschlafen.

Gähnend griff Ella nach dem frisch gebrühten Kaffee, auf dem etwas goldener Glitter schwamm, und schlürfte daran. Bis die Heizung das Innere des Standes erwärmt hatte, trug sie den schweren Wintermantel. Gegen den Hunger aß sie das mitgebrachte Sandwich: Käse und Gurke. Etwas Herzhaftes, da sie den ganzen Tag umwölkt von Süße sein würde. Vor einem Jahr hätte sie lediglich die Gurke gegessen. Und sonst nichts.

»Bist du schon drin?« Schwere Schritte näherten sich der Seitentür. »Schwesterherz?« Laut wurde an die Außenjalousie geklopft, bevor der Eingang aufschwang und Henry auf der schmalen Schwelle stand. Er trug zwei Kanister mit Öl und einen vollgestopften Rucksack mit Zutaten. »Verkriechst du dich hier?«

Ella sah nicht von dem Buch auf. »Komm rein und mach die Tür zu. Es ist kalt draußen.«

»Du hast die Sachen nicht mitgenommen.« Er stellte die Kanister ab und stapelte die Zuckerpäckchen aus dem Rucksack ins Regal. In dem beengten Wagen hatte jedes Ding seinen genauen Platz. »Alles muss man dir nachtragen.«

»Hätte sie schon noch geholt«, erwiderte sie abweisend.

»Was hast du da? Das sieht alt aus.«

»Das Tagebuch unserer Uroma.« Ella hob den Blick. »Sag mal, hat Mama dir gegenüber je angedeutet, dass wir eine Tante haben? Aus England?«

»Eine Tante?« Henry, gekleidet wie am gestrigen Abend in Kutte mit MC-Aufnähern, Boots und Jeans, räumte weiter. »Nein. Und?«

»Sie war gestern Abend da.«

»Da hat sie sich ganz schön Zeit gelassen, um mal aufzukreuzen. Ich bin sicher, ihr haben die Gutwetterwolken geschmeckt.« Henry setzte sich halb auf die Anrichte. »Die Tante aus England. Sind wir zu einem Ausflug eingeladen?«

»Sie hat gebrannte Mandeln gekauft.«

»Und mit einem Tagebuch bezahlt?« Henry deutete auf den uralten Einband.

»Nein, das habe ich von Mama.« Ellas Hoffnung, dass ihr Bruder mehr über die familiären Hintergründe wusste, verflüchtigte sich.

»Sie und Mama hatten vermutlich krassen Beef«, meinte Henry. »Sonst hätten wir beide von ihr gehört. Wie heißt sie denn?«

»Grace.« Sie imitierte den Tonfall der Engländerin. »Lady Grace.«

Henry lachte einmal ungläubig auf. »Echt jetzt? Sie ist eine fucking Adlige? Oder ist das ein Spitzname?«

»Der Titel ist wohl echt.«

Er pfiff durch die Zähne. »Warum ist sie aufgetaucht? Haben wir irgendwas geerbt?«

Ella pochte auf das alte Buch. »Einen Fluch, wie es aussieht.«

Henrys Heiterkeit wich. »So langsam komme ich nicht mehr hinterher. Mama gibt dir das Tagebuch unserer Uroma, nachdem Lady Grace aufgetaucht ist, um …?« Er wartete auf eine Antwort.

»Mich mitzunehmen.«

»Was? Warum? Und wohin?« Seine Mimik wechselte zwischen Unglauben und Belustigung.

»Ich habe eine Ahnung. Bin aber noch nicht durch.«

»Ah. Verstehe.« Ihr Bruder deutete auf das Buch. »Dann schätze ich, dass der Grund da drin steht, richtig?«

Ella vertraute Henry ohne Vorbehalte. Außerdem war er der Einzige, mit dem sie über all das sprechen konnte. »Hast du dir jemals Gedanken gemacht, warum wir Ripper’s Daughters heißen?«

»Na ja. Ist ein cooler Name für eine Frauenbikergang. Und zusammen mit dem Logo verspricht er jedem Ärger, der ihnen dumm kommt.« Henry grinste wölfisch. »Was auch stimmt. Wir haben unseren Platz in Hamburg und auf Sankt Pauli.« Er bemerkte den ernsten Blick seiner Schwester. »Oh, shit. Die Tante aus England! Sag nicht, dass der Name eine tiefere Bedeutung hat.«

»Unsere Uroma Coraline stammte aus England und lebte eine Weile dort, bevor sie nach Deutschland gezogen ist. Oma hat sie nur ein, zwei Mal hier drin erwähnt.« Ella nahm einen Schluck Kaffee, den sie mit einem Schuss Gewürzmilch aufgepeppt hatte. »Wenn ich Coralines Aufzeichnung korrekt verstanden habe, dann sind Mama, du und ich Nachfahren von – tadaa! – Jack the Ripper.« Sie deutete auf den Biker-Aufnäher an seiner Jacke. »Deswegen der Name des Clubs.«

Henry lachte schallend und endete abrupt, als er begriff, dass sie keinen Scherz gemacht hatte. »Niemand weiß, wer der Ripper ist. Oder … fuck!« Er stand aufgeregt auf. »Oder steht das da drin?«

»Bislang habe ich zu seiner Identität nichts gefunden.«

»Scheiße, wie … abgefahren!« Henrys Erstaunen schlug in Begeisterung um, die in der gleichen Sekunde Skepsis wich. »Aber kann das alles überhaupt stimmen? Oder ist das nur eine ausgedachte Geschichte unserer Uroma, um sich wichtigzumachen?«

»Kann ich dir noch nicht sagen.« Ella blätterte in den vergilbten Seiten. Der Geruch von altem Papier drang durch die süße Standluft. »Im Einband habe ich eine Nummer gefunden. Das ist Band drei von acht. Es fehlen also welche.«

»Und die hat dir Mama gegeben? Lass sie mich auch lesen, bitte!«

»Nein. Wir haben nur dieses Buch von Uroma Coraline. Sagt Mama.« Ella räusperte sich. »Eigentlich sollte ich dir davon nichts erzählen«, gestand sie ihm. »Es geht um die Ladys unserer Familie, nicht die Männer.«

»Ah, okay. Klar, hätte ich mir bei dem Namen unseres Clubs denken können. Ist so eine Frauensache.« Henry blieb erstaunlich gelassen. »Deswegen will Tante Grace dich mitnehmen und nicht mich, schätze ich. Obwohl ich der Ältere bin.«

Ella nickte. »Denke ich auch.«

»Was hat es mit dem Fluch auf sich, den du erwähnt hast? Muss ich mir Sorgen um mein Leben machen?« Dann klatschte er in die Hände. »Ach nein. Ist ja so eine Frauensache.«

Ella hörte, dass ihn die Ablehnung traf und er die Enttäuschung mit lockeren Sprüchen und vorgetäuschter Heiterkeit überspielte.

»Unsere Familie hat einen Auftrag, glaube ich. Es geht leicht mystisch zu«, sagte sie vorsichtig. »Zumindest den Andeutungen nach, die ich gelesen habe. Und die Lady Grace gestern Nacht gemacht hat.«

Henry seufzte und nahm sich einen Schaumkuss, der mit Glühweingewürzen und Roter-Grütze-Creme im Innern verfeinert worden war. »Wird das jetzt so eine Buffy-Sache? Mortal Instruments? Diese Art von Serien kennt man ja.«

»Nein, das hier ist anders.« Ella sah auf die Uhr. Sie hatten noch fünfundvierzig Minuten, bevor der Markt öffnete. »Ich lese dir am besten die Stelle vor, an der ich gerade bin. Dann verstehst du es vielleicht.«

»Na dann mal los.«

»Wir sind am 16. Juli 1936. In London.« Ella senkte den Blick, ihre ungewöhnlichen rot-rosafarbenen Augen richteten sich auf die handschriftlichen Aufzeichnungen ihrer Uroma. »Coraline war an dem Tag elf Jahre alt. Sie hat die Erinnerungen rückblickend aufgeschrieben.«

Henry biss vom Schaumkuss ab. »Ich bin ganz Ohr.«

 

Der Morgen war sonnig und freundlich, von der ersten Stunde an, was darüber hinwegtäuschte, dass was Grausames und Furchtbares geschehen sollte.

Ich stand mit Mama an der Constitution Hill, inmitten neugieriger, fröhlicher Menschen, die sich in drei, vier Reihen hintereinander an der breiten Straße drängten.

Die royale Prozession würde bald vorbeikommen.

Und das bedeutete, dass wir König Edward VIII. leibhaftig vorbeireiten sehen konnten, wenn er nach dem Höhepunkt der Militärparade Trooping the Colour vom Hyde Park zum Buckingham Palace zurückkehrte.

Alle Schaulustigen reckten die Hälse. Sie sahen zum Wellington Arch hinab, um den König als Erstes zu erblicken.

Aber Mama schaute zu dem großen, gut gekleideten Mann mit Schnurrbart und Hut, der mit einem kleinen, stämmigen Mann in einem abgetragenen, braunen Anzug sprach. Die beiden kamen aus dem Green Park und redeten hastig, der Schnurrbart wirkte offensichtlich einschüchternd auf den kleineren Mann. Dann übergab er ihm umständlich eine gefaltete Zeitung.

»Merk dir den Gentleman. Behalte ihn im Auge«, sagte Mama zu mir. »Sobald sich die Dinge an der Straße überschlagen, rennst du ihm nach und tust, was wir geübt haben.«

Ich nickte und umschloss das Etui in meiner Umhängetasche mit einer Hand, als sich der kleinere Mann durch die Reihen nach vorne drängte, die Zeitung halb über seine linke Hand gelegt.

»Gib auf dich acht. Und denke daran, was unsere Bestimmung ist«, schärfte Mama mir ein.

»Lang lebe der König«, erwiderte ich gehorsam und fühlte Stolz, eine wichtige Aufgabe zu haben, die mich besser machte, als es unsere Lebensumstände waren. Als Tochter einer Hure war mein Alltag nicht immer leicht.

Entfernter Jubel brandete am Wellington Arch auf. Der König hatte den Hyde Park verlassen und würde in wenigen Minuten auf unserer Höhe sein.

Mama und ich schoben uns vorwärts und durch die Reihen, um nahe an dem Mann im braunen Anzug zu bleiben. Schräg hinter uns harrte der Schnurrbart aus und behielt den Kleineren im Blick.

Mit den Glockenschlägen um 12.30 Uhr schritt die vorwegmarschierende Militärkapelle aus dem Triumphbogen. Tosender Applaus und immenser Jubel brachen an der Straße aus. König Edward ritt dahinter und sah toll aus, in scharlachroter Uniform und mit der Bärenfellmütze. Ihm folgten die übrigen Soldaten und Offiziere.

Als das Pferd des Königs an uns vorbeikam, ließ der kleine Mann die Zeitung fallen und offenbarte damit den Revolver, den er darunter verborgen hatte. Er hob die Waffe und richtete die Mündung auf: Edward!

»Daraus wird nichts, Freundchen!« Mama packte den Arm des Mannes und riss den Lauf in die Höhe.

Eine Frau neben ihr schrie auf und machte einen Special Constable in der Nähe aufmerksam.

Der Polizist warf sich ins Gerangel und schlug dem Mann den Revolver aus der Hand. Die Waffe fiel auf die Straße, und knallend löste sich ein Schuss. Laut wieherte das Pferd des Königs und preschte los.

»Coraline, los!«, rief Mama und half dem Constable, den Attentäter zu bändigen. »Wie wir es eingeübt haben.«

Ich nickte und wandte mich um, schob mich zwischen den drängelnden, rufenden und kreischenden Erwachsenen hindurch und folgte dem Gentleman mit dem Schnurrbart. Er befand sich mit großen Schritten auf dem Weg zurück in den Green Park.

Mich wunderte das.

Dort gab es keinerlei Statuen, Springbrunnen oder andere Möglichkeiten, sich zu verstecken. Der Park war vor dreihundert Jahren ein Begräbnisplatz für Leprakranke gewesen, und lange danach berüchtigt für Raubüberfälle, als Treffpunkt für Homosexuelle und wegen der Ehrenduelle, die darin geführt worden waren, wie Mama mir sagte. 1840 hat das erste Attentat auf Queen Victoria im Green Park stattgefunden. Und heute das auf King Edward.

Der Gentleman ging auf einem der Wege und entgegen den herbeieilenden Schaulustigen auf ein wartendes Automobil zu, in dem ein Chauffeur den Motor startete. Der Schnauzbart hatte sein Tempo verringert, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, weswegen ich ihn recht leicht einholen konnte.

»Verzeihen Sie, Sir«, rief ich und öffnete das Etui in meiner Tasche unbemerkt von ihm. »Sie haben Ihre Geldbörse verloren.«

Der Schnurrbart blieb stehen und wandte sich zu mir um, tastete suchend an seinem Jackett herum. »Na, Kleine? Du musst dich irren«, sagte er mit schrecklichem Akzent. Ich weiß bis heute nicht, ob es Italienisch oder Deutsch gewesen ist.

Ich hielt ihm das Etui aus meiner Tasche hin. »Das doch Ihres, Sir, oder? Sie haben es verloren, als Sie sich mit dem kleinen Mann unterhalten haben. Der mit der Zeitung.«

Durch die Nähe spürte ich zum ersten Mal die Abstrahlung, von der Mama immer gesprochen hatte.

Noch heute suche ich nach Worten, um das Gefühl zu beschreiben. Es ist eine Mischung aus Übelkeit und Abscheu, ein Prickeln läuft einem den Nacken und das Rückgrat hinab. Und wie Mama sagte: Man muss dicht an das Subjekt heran, das die böse Frucht in sich trägt. Ob bewusst oder unbewusst.

Und ich vernahm die Stimmen in meinem Kopf, ein steter Gesang, ein melodisches Wispern, die meine Gewissheit vervollkommneten. Manchmal hörte ich sie auch, wenn sie mich vor Gefahren warnten. Aber das musste ich noch üben.

»Ah, doch. Das ist meine Brieftasche.« Erbleichend griff er nach dem Etui, wohl weil er annahm, es gehörte dem Attentäter, und weil er seine Spuren verwischen wollte.

Meine Linke mit der Spritze zuckte nach vorne, die Nadel bohrte sich durch Stoff, Haut und Fleisch. Sofort drückte ich den Kolben nach unten, das Gift schoss in den Körper des Mannes.

Mit einem Aufschrei wich er zurück und riss den Ärmel hoch, um den Einstich anzugucken. »Du kleines Biest!« Da wankte er bereits und brach taumelnd zusammen. »Was … was hast du mir …?«

Aus seinen Augen schoss Blut, es plätscherte aus der Nase wie roter Wein aus einem kaputten Schlauch. Hustend und gurgelnd kroch er auf das Automobil zu.

Der Fahrer sprang erschrocken heraus, rannte auf den Gentleman zu, gefolgt von zwei weiteren. Sie packten den Sterbenden und schleiften ihn ins Auto, um dann durch den Green Park zu fahren und zu verschwinden. Dass ich mit seinem Tod etwas zu tun haben könnte, kam ihnen nicht mal in den Sinn.

Für mich war es der bislang schönste Tag in meinem Leben: Mama und ich hatten den König gerettet, das Empire vor dem Untergang bewahrt, wie es uns aufgetragen worden war. Außerdem hatten wir einen von jenen ausgeschaltet, von denen es zu viele gab. Und das machte mich unfassbar stolz!

Ich steckte die leere Spritze zurück ins Etui und das in meine Umhängetasche. Und dann wartete ich wie vereinbart am Wellington Arch auf Mama.

Sie hatte die Ehre, das Attentat auf Edward verhindert zu haben, der anderen Dame überlassen, wie sie mir später erzählte. Eine Hure als Retterin des Königs erweckt zu viel Aufmerksamkeit bei der Presse, meinte sie. So hieß die Heldin offiziell Mrs Alice Lawrence.

Mama und ich kauften uns eine Belohnungstüte Süßigkeiten und kehrten nach Whitechapel zurück. Zur Feier des Tages nahm sie sich frei und verbrachte die Zeit mit mir.

Gemeinsam machten wir uns mit Feuereifer an die Nachforschungen über den nächsten Gegner. Diese Leute mochten besondere Kräfte haben, aber gegen das alchemistische Gift, das Mama destillierte, mischte und kreierte, gab es kein Mittel.

Und ich lernte alles von ihr …

 

Ella beendete ihren Vortrag und hob den Blick.

Henry starrte sie mit offenem Mund an. Er war offenkundig beeindruckt.

Der Lärm des Jahrmarktes hatte merklich zugenommen. Das erste begeisterte Kreischen tönte von den Fahrgeschäften durch die geschlossene Jalousie des Bloodygood Sweets.

»Oh, Mist!« Ella legte das Buch zur Seite und erhob sich, öffnete die Klappenverriegelungen. »Los, hilf mir, den Laden zu öffnen. Wir sind zu spät.« Es war deutlich wärmer im Wagen geworden. Sie tauschte den Wintermantel rasch gegen die Schürze und steckte die langen blonden Haare hoch.

Henry nickte abwesend und sah bei seinen mechanisch ausgeführten Handgriffen auf das Tagebuch, als könnte er die nachfolgenden Zeilen durch den Deckel lesen. »Was für eine irre Story! Kann ich mir das ausleihen?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Lass es mich zuerst ganz durchackern.« Etwas in ihr sperrte sich dagegen, die kostbaren Memoiren ihrer Urgroßmutter aus der Hand zu geben. »Danach kann ich es dich lesen lassen, wenn ich dabei bin.«

»Es ist auch meine Geschichte«, protestierte Henry. »Was denkst du, was damit geschieht? Dass sich die Schrift auflöst, wenn ich als Unbefugter es lese?«

Klackend fuhr die Abdeckung nach oben, das Bloodygood Sweets öffnete. Und natürlich standen bereits einige Leute davor, die sich vor ihrem Bummel über den Winter-DOM mit Naschwerk eindecken wollten.

»Ich … ich weiß nicht. Mama hat gesagt, ich soll dir gar nichts davon verraten«, erwiderte Ella. »Lass uns das nachher besprechen. Nach der Schicht.« Sie deutete auf die Menge. »Ich habe Kundschaft.«

»Aber klar, Schwesterherz.« Henry kam auf sie zu und umarmte sie kräftig, sodass sie seine Muskeln spürte. »Tut mir leid. Ich wollte nicht wie ein Arsch klingen. Danke, dass du mir die Szene überhaupt vorgelesen hast.« Er nahm den leeren Rucksack und verließ die Bude. »Wenn du Nachschub brauchst, ruf an.«

»Mache ich.« Ella schaltete die Zuckerwattemaschine ein. »Also, los geht’s! Dann machen wir mal Gutwetterwolken.«

***

Den typischen Besucherlärm und die Geräusche des DOMs nahm Ella nur selten bewusst wahr, schon gar nicht mitten im Trubel. Lediglich in Zeiten, in denen der Strom von Kunden abriss, bemerkte sie das Kreischen, Juchzen, die Musik und die Ansagen sowie den Lautteppich aus Dauergemurmel der Vorbeiziehenden.

Das Wetter war ab dem frühen Abend umgeschlagen. Nasser Schnee ging auf das Heiligengeistfeld nieder und lockte nur die Hartgesottenen auf den Jahrmarkt.

Infolgedessen nutzte Ella die freien Minuten ihrer Schicht, um das Tagebuch ihrer Uroma weiterzulesen.

Alles in allem gab es weitere Vorkommnisse, bei denen die kleine Coraline tödliche Spritzen jenen Menschen verabreichte, die – so stand es dort – mehr waren, als sie vorgaben. In denen das Böse lauerte. Die etwas Finsteres planten und entsprechend handelten. Und die wiederum den Befehlen eines noch größeren Bösewichts oder einem perfiden Plan folgten, den jeweiligen König oder die jeweilige Königin von Großbritannien und des Empires zu vernichten.

Aus den Aufzeichnungen ging nicht hervor, wer oder was genau sich dahinter verbarg. Die Zusammenhänge, die Ausgangslage, die Anfänge, das alles fehlte Ella – und damit ein großer Teil des Verständnisses für die mitunter grausamen Dinge, die Coraline und ihre Mutter taten.

Wenigstens wusste sie jetzt, dass sie die Stimmen in ihrem Kopf geerbt hatte. Von diesen schrieb nämlich auch die kleine Coraline. Sie nannte es jedoch Gabe und nicht Leiden.

Ella hatte die Therapiestunden wegen ihrer erhöhten Aggressivität und der Stimmen nicht gezählt. Irgendwann hatte sie behauptet, keine Gesänge mehr im Kopf zu hören, denn auf eine weitere Einweisung hatte sie absolut gar keine Lust. Die Essstörungen und Selbstverletzungen hatten genug Sorgen bei ihrer Mutter und der Ärzteschaft ausgelöst.

Durch die Beschreibungen ihrer Ahnin ergab sich plötzlich eine beunruhigende Lösung für das Singsang-Phänomen: Offenbar war Ella bereits mehrmals in ihrem Leben in Kontakt mit diesen Menschen gekommen, in denen das Böse lebte – ohne es zu ahnen.

Wie sehr sie dabei selbst in Gefahr geschwebt hatte, vermochte sie nicht zu sagen. Die Erkenntnis hinterließ ein mulmiges, beklemmendes Gefühl in ihr.

Rumpelnd fegte Henry in das Bloodygood Sweets, dieses Mal allerdings ohne Nachschub oder Kanister; das Geschäft lief witterungsbedingt mau. Dafür schwenkte er aufgeregt sein Smartphone. »Das ist passiert!«, stieß er hastig aus. Die halblangen, braunen Haare hatte er nach hinten gestreift. »Ich hab’s gegoogelt.«

»Was genau?« Ella legte das Tagebuch zur Seite und sah ihren Bruder fragend an.

»Das Attentat. Auf König Edward. Bei dem Coraline und ihre Mutter waren.« Henry setzte sich auf einen umgedrehten Eimer und war damit hinter dem Tresen von außen unsichtbar. »Der Attentäter hieß George Andrew McMahon. Angeblich hat er nie die Absicht gehabt, den König umzubringen, sondern wollte auf die Verschwörungen aufmerksam machen.«

»Aha?« Ella hatte sich noch keine Zeit genommen, um die Erzählungen ihrer Urgroßmutter nachzuprüfen. »Welche Verschwörungen denn?«

»Man fand bei ihm nur zwei Schuss Munition. Bisschen wenig für ein Attentat, oder?« Henry scrollte auf dem Display und rieb sich einmal über den getrimmten Bart. »Er sagt, er hat im Vorfeld versucht, den MI5 zu kontaktieren, aber man hat ihm nicht geglaubt.«

»Warum hat er das Attentat dennoch ausgeführt?«

»Weil man ihn dazu gezwungen hat. Sagte er.«

»Der Gentleman mit dem Schnurrbart, den Coraline umgebracht hat«, vermutete Ella und bediente nebenbei zwei verfrorene DOM-Besucherinnen, die gebrannte Mandeln und Schaumküsse mit dem schönen Namen Bloody Glowing Kisses haben wollten.

»Genau. Mehrere Zeugen haben ihn an dem Tag gesehen, danach ist er nie wieder aufgetaucht.« Henry lachte. »Klar. Weil Uroma ihn totgespritzt hat.« Er wischte weiter. »Scotland Yard nannte ihn einen frustrierten irischen Journalisten, der sich durch seine Herkunft gegängelt gefühlt hat und diese Ungerechtigkeit bekannt machen wollte. Durch das Attentat.« Schnell überflog er die nachfolgenden Zeilen. »In Wahrheit hieß er Jerome Bannigan und galt als Nazi-Sympathisant. Später räumte Bannigan ein, von Vertretern einer fremden Macht vor deren Botschaft angesprochen und beauftragt worden zu sein.«

»Von den Nazis?«

Henry scrollte. »Zumindest Deutsche, wird heute vermutet. Sofern es stimmt. Und er hatte Kontakte zu einer kommunistischen Österreicherin, die zwei Jahre später im Zusammenhang mit sowjetischen Spionageaktivitäten auffiel.« Er senkte das Handy. »Ist das nicht alles furchtbar spannend? Und unsere Ahnin mittendrin!«

»Ist je herausgekommen, was sich 1936 wirklich ereignet hat?«

»Du meinst das … Wesen in dem Gentleman?«

»Nein, wer ihn anheuerte?«

Henry schüttelte den Kopf. »Der Attentäter starb 1970 und nahm das Geheimnis mit ins Grab.« Er steckte das Gerät ein. »Wobei es uns ja um den Schnauzbart geht.« Er sah das Buch neben der Kasse liegen. »Bist du fertig? Kann ich schon mal –«

»Nein, nicht hier«, wiegelte Ella ab und reichte das Wechselgeld hinaus.

Dabei bemerkte sie den Unbekannten in der japanischen Streetwear, der keine zehn Meter von ihr entfernt an der Fischbrötchenbude lehnte und einen Krabben-Snack genoss.

»Fuck.« Ella schaute zu ihrem Bruder auf dem umgedrehten Eimer hinunter. »Siehst du den Typen dort? Beim Fischdealer? Bunte Asia-Kleidung, Basecap unter der Hoodiekapuze, ungefähr Mitte, Ende zwanzig.« Beinahe hätte sie noch attraktiv hinzugefügt.

Henry reckte den braunen Schopf und lugte über den Tresen. »Nein. Heringheinz macht gerade die Schotten dicht. Meinst du den?«

Als Ella sich umschaute, war der Unbekannte verschwunden. Der Fischdealer schloss eine gute halbe Stunde vor Ende des DOMs, Besucher waren so gut wie keine mehr zu sehen. Die Fahrgeschäfte hatten den Betrieb wegen schweren Schnees und aufkommenden Nebels eingestellt. Dumpfbunt strahlten die Birnen und Scheinwerfer in der Mischung aus dicken, rieselnden Kristallen und Dunst.

Ella starrte hinaus, suchte nach dem Unbekannten. »Scheiße, ich habe ihn doch eben noch gesehen.«

»Wer ist der Typ?«

»Keine Ahnung. Der hat mich gestern schon beobachtet. Ich dachte, er ist ein verklemmter Kavalier, aber …« Ella nahm das Tagebuch ihrer Urgroßmutter und verstaute es in ihrer Manteltasche. So fühlte es sich besser an. »Es kann doch sein, dass es damit etwas zu tun hat.«

»Soll ich ihn suchen und ihm mal auf den Zahn fühlen?« Henry deutete auf die Abzeichen der Ripper’s Daughters auf seiner Kutte. »Psychospanner kann ich dir nicht zumuten, Schwesterherz. Ich mache ihm gerne klar, dass er sich diese Auftritte sparen kann.«

Ella lächelte ihn an. »Immer der Beschützer, was?«

»Ich kann nicht anders.« Henry verpasste ihr einen harmlosen Knuff gegen den Oberschenkel. »Auch wenn ich weiß, dass du selbst dem Spack die Unterhosen bis über die Ohren ziehen würdest.«

»Die Butterwhiskymandeln waren sehr gut«, sagte Lady Grace unvermittelt vor dem Tresen.

Ella und Henry zuckten erschrocken zusammen.

Sie gab ihrem Bruder mit einer Geste zu verstehen, dass er in Deckung bleiben sollte, und wandte sich der Engländerin zu. »Oh, das ist eine Überraschung.«

»Habe ich an deinem Schreck gesehen, dear niece«, kommentierte Lady Grace, die dasselbe Outfit wie am Tag zuvor trug. Das britische Landleben hielt auf St. Pauli Einzug, die goldene Brille mit dem Nackenkettchen wirkte spießig und hip zugleich. »Ich weiß, dass Nica dir das Tagebuch zum Lesen gegeben hat, und wollte fragen, wie es um deine Entscheidung steht. Ihr habt bestimmt über alles gesprochen?«

»Nein. So weit sind Mama und ich noch nicht.« Demonstrativ sah Ella nach rechts und links, zentrierte ihr Piercing. Dabei wurden die alten, verheilten Narben auf der Innenseite des Unterarms sichtbar; schnell zog sie den Ärmel herab. »Wollen wir das wirklich hier bereden?«

Zu ihrer Verwunderung nickte ihre Tante. »Zeit ist kostbar. Vor allem wenn es Faktoren gibt, die eine gewisse Geschwindigkeit erfordern.« Sie trat an den Tresen und unter das Vordach, um vor den nassen, matschigen Schneeflocken geschützt zu sein. »Du hast das Buch ganz gelesen?«

Ella nickte andeutungsweise. »Schon. Aber ich –«

»Deine Fragen kann ich dir anstelle deiner Mutter beantworten. Unterwegs in dein neues Domizil.« Sie sah auf ihre Armbanduhr. »Alles, was du entscheiden musst, ist, ob du Coralines Erbe fortführen möchtest oder nicht.« Lady Grace tippte sich mit dem behandschuhten Finger gegen die Stirn. »Damit die Stimmen in deinem Kopf endlich einen Sinn ergeben, my dear.«

»Jetzt und hier?«, brach es ungläubig aus Ella.

»Ja. Mein Wagen steht oben an der Straße. Kleidung, persönliche Dinge und was du sonst noch brauchst, kaufen wir auf dem Weg. Veronica wird Verständnis haben.«

»So einfach geht das aber nicht. Ich muss den Daughters und meiner Mutter auf dem DOM helfen«, entgegnete Ella. »Außerdem kann ich nicht einfach alles stehen und liegen lassen. Die Schule, meine Freunde, das Training. Mein Abhauen würde viele Fragen nach sich ziehen.«

»Das lässt sich regeln. Glaube mir, darling. Ich habe schon ganz andere Dinge organisiert. Dinge, an denen Staatsoberhäupter scheitern.« Ihre Tante deutete mit dem schwarzbehandschuhten Zeigefinger auf die Tüte mit den Portweinwalnüssen, liebevoll Bloody Portbrains genannt. »Die hätte ich gerne.«

Henry zupfte vorsichtig an Ellas Hosenbein und hantierte mit dem Smartphone.

Mit einem Seitenblick sah sie auf seinem Display die Nummer ihrer Mutter, der er eben eine Nachricht schickte. Das würde Ärger geben.

Sie versuchte es mit einer Lüge. »Und was ist, wenn ich nicht möchte?«

Natürlich wollte Ella mehr erfahren. Von Coraline, deren Mutter und allem, was mit dem Auftrag zusammenhing. Außerdem konnte sie jederzeit verschwinden, falls sich das Ganze als eine zu abgefahrene, gefährliche Sache herausstellte.

Ein neuer Lebensabschnitt zog für sie am Horizont herauf, wenn auch ungeplant und leicht überstürzt. Etwas in Ella warnte sie davor, in einen Hinterhalt zu geraten. Was sollte das für eine Falle sein?, fragte sie sich. Das wäre mehr als umständlich.

Lady Grace lächelte wissend. »Ich sehe dir an, dass du dich so gut wie für die Tradition entschieden hast. Das beruhigt mich ungemein, my dear.« Sie sah hinaus in den Schneefall. »Ich dachte immer, das Wetter in London ist mies. Aber Hamburg kann das auch sehr gut.«

Schnelle Schritte näherten sich dem Bloodygood Sweets.

Aus dem verschneiten Dunst trat eine schlecht gelaunte Nica Wulff. Beim Anblick von Lady Grace wandelte sich die Sorge auf ihrem Gesicht zu Wut. »Wie kannst du es wagen, hinter meinem Rücken mit meiner Tochter zu sprechen?«, fuhr sie ihre Schwester an.

»Veronica, darling, wie schön, dich zu sehen«, gab Lady Grace unerschüttert zurück und streckte die Hand zur Begrüßung aus. »Ich hatte nicht mit dir gerechnet.«

»Das weiß ich. Und das ist verdammt gut so!« Nica schaute zu Ella und ignorierte die entgegengereckten Finger. »Du wirst nicht mit ihr gehen. Nicht heute Abend. Davor gibt es zu viel zu besprechen.«

»Ich habe das Tagebuch gelesen, Mama«, setzte Ella an. »Mir wäre –«

»Und nun denkst du, du weißt alles?«, fuhr Nica dazwischen. »Nein! Du hast allerhöchstens fünf Prozent von dem erfahren, was du erfahren solltest, bevor du dich in die Fänge von Grace begibst.«

»Aber –«

Doch ihre Mutter hob die Hand. »Nein. Die Sache ist gefährlich. Jedes Mal, wenn ihr gemeinsam aufbrechen werdet, steht dein Leben auf dem Spiel. Daher hast du das Recht, alles zu wissen. Restlos.« Sie atmete einmal tief durch. »Außerdem bist du noch keine achtzehn. Ohne meine Einwilligung wirst du nirgends hingehen.«

»Was?« Diese Seite kannte Ella von ihrer Mutter nicht. Sich ausgerechnet jetzt auf das Alter zu berufen, nachdem Ella mit ihrer Billigung schon mehrmals illegal Türsteherinnendienste an der Clubtür geschoben hatte, konnte nur eines bedeuten: immense Sorge und absolute Hilflosigkeit. »Mama, du weißt, dass ich auf mich aufpassen kann.«

»Du hast gelesen, was Coraline tun musste? Und dass sie nicht gegen normale Menschen angetreten ist, ja?«

»Ja. Und sie war elf. Dann schaffe ich es erst recht.«

»Sie wurde von ihrer Mutter dafür ausgebildet. Seit dem Tag, an dem sie geboren worden war«, hielt Nica dagegen.

»Well, well. Da haben wir die Schuldige an dieser unangenehmen Lage, in der wir uns an diesem Abend befinden, ja gefunden«, warf Lady Grace leise ein. »Hättest du deine Pflicht ernst genommen, stünde ich nicht hier, Schwester.«

Nicas Kopf zuckte herum. »Du stehst hier, weil deine Töchter tot sind. Ist es nicht so?«

Lady Grace’ Gesicht versteinerte.

»Dachte ich es mir. Weil dir der Nachschub fehlt, kommst du über den Kanal geflogen und greifst dir meine Tochter und berufst dich auf eine Abmachung, die älter ist als wir beide zusammen«, setzte Nica kalt nach. »Das kannst du vergessen!«

»Mir läuft die Zeit davon. Du weißt das. Uns läuft die Zeit davon.«

Ella versuchte noch, die Nachricht zu verdauen, dass ihre Vorgängerinnen in Ausübung ihrer Aufgabe ums Leben gekommen waren. Aber sie brachte ihre Neugier auf das Erbe nicht ins Wanken, sondern erschuf lediglich mehr drängende Fragen.

»Dann gehe ich mit«, sagte Henry unvermittelt und erhob sich vom Eimer. Erst mit dem Auftauchen aus seiner Deckung wurde er für Nica und Lady Grace sichtbar.

»Oh, surprise«, entfuhr es der Engländerin. »Hast du die ganze Zeit gelauscht, junger Mann?«

Henry nickte und legte einen Arm beschützend um Ellas Schultern. »Ich weiß, was von unserer Familie verlangt wird.«

»Was? Scheiße, du hast ihn das Buch lesen lassen?«, zischte Nica erbost. »Fuck! Ich hab dir gesagt, dass du –«

»Es ist, wie es ist, Mama«, unterbrach Henry sie. »Solange Ella keine achtzehn ist und ihr das hier nicht geklärt habt, übernehme ich den Job.« Er sah die zweifelnde Lady Grace bittend an. »Ich will das! Aus ganzem Herzen! Und vor allem will ich alles erfahren und auf Missionen gehen. Wie Coraline.«

»Indeed. Es käme wohl auf einen Versuch an«, räumte Lady Grace ein. »Buchstäblich der Ersatzmann für die eigentliche Spielerin. Anscheinend lässt sie die Trainerin« – sie sah zu ihrer Schwester – »nicht aufs Feld.«

»Du wirst bleiben«, verlangte Nica ärgerlich von ihrem Sohn.

»Nein, Mama. Ich bin volljährig und kann machen, was ich will.«

»Das hat Konsequenzen. Du verlierst deinen Status als accomplice«, warnte sie ihn. »Und du wirst aus dem Club fliegen, verstanden?«

Ella wunderte sich über die Heftigkeit der Reaktion. Nein, so kannte sie ihre Mutter ganz und gar nicht. Wutausbrüche, aufbrausendes Temperament, geworfene Gegenstände, das gehörte zu ihr. So schnell, wie der Sturm aufzog, so rasch legte er sich. Aber diese Art Drohungen und Erziehungserpressungen passten nicht zu ihr.

Henry küsste seine Schwester auf die Stirn. »Ich halte dir den Platz frei. Und wenn ihr das untereinander geregelt habt, stößt du dazu.« Er umarmte sie innig. »Dauert ja nicht mehr lange, bis du achtzehn bist.«

Sie erwiderte die Umarmung. Unvermittelt hatte Ella den Verdacht, dass er von Anfang an den Plan gehabt hatte, mit Lady Grace zu gehen. Hatte er ihre Mutter deswegen angetextet und zur Bude gerufen? Hat er mich eben ausgebootet?

Henry ließ sie los und wandte sich um. »Wenn du mich jetzt bei den Daughters rauswirfst, bitte sehr. Aber ich will den Auftrag unserer Familie erfüllen.« Im Gehen nahm er ein Päckchen Portweinwalnüsse, um sie seiner Tante zuzuwerfen. Dann verließ er die Bude. »Wenn du es schon nicht tust, Mama.«

»Welcome to the party.« Lady Grace fing die Packung geschickt, sah dabei zu Ella. »Du bist jederzeit willkommen. Dein Bruder kann dich nicht ersetzen«, raunte sie und legte wieder einen Fünfer auf den Tresen. »Nur vertreten. Die Töchter unserer Familie sind entscheidend.« Langsam ging sie los und trat neben den wartenden Henry. »Gut. Gehen wir zum Wagen und brechen auf.«

»Du wirst meinen Sohn nicht mitnehmen!«, rief Nica außer sich und packte ihn an der Schulter. »Henry, nein!«

Mit einer Drehung befreite er sich aus ihrem Griff und folgte Grace. »Doch. Ein elfjähriges Mädchen vor fast hundert Jahren war mutiger als du.«

»Ella, schließ das Bloodygood ab und geh nach Hause. Da wartest du auf mich«, wies Nica sie hastig an und eilte ihrem Sohn und ihrer Schwester nach. »Ich muss deinen Bruder zur Vernunft bringen.«

Zu dritt schritten sie den leeren Weg entlang über den Jahrmarkt und verschwanden diskutierend in der Melange aus Nebel und Schneeflocken. Ella hörte ihre lauten Stimmen noch eine kleine Weile, bis sie leiser und schließlich verschluckt wurden.

Ratlos sah sie sich in der Verkaufsbude um und musste auflachen. Der Abend verlief nicht einmal ansatzweise, wie sie ihn sich ausgemalt hatte. Weil sie nicht wusste, was sie mit dieser Situation machen sollte, begann sie mit dem Aufräumen und Putzen.

In ihrem Kopf ratterten derweil die Gedanken und Überlegungen heftiger als die Fahrgeschäfte des DOMs zur Hochsaison. Sie machte sich um alles gleichzeitig Sorgen, ärgerte sich über die Ungerechtigkeit ihrer Mutter, ihre eigene Unfähigkeit, sich durchzusetzen, und wunderte sich über den immens starken Wunsch, ihr Erbe anzutreten.

Und sie haderte mit dem Verhalten ihres Bruders.

Hatte Henry dreist ihren Platz gestohlen? Sprang er in die Bresche, für die er selbst gesorgt hatte? Fühlte er womöglich den gleichen Drang?

»So eine Scheiße«, murmelte sie und streckte sich nach der Verriegelung der Jalousie, um den Stand dichtzumachen.

Auf dem Jahrmarktgelände glommen nur noch sporadisch einige Neonleuchten. Riesenrad und Free-Fall-Tower waren längst abgeschaltet. Es war still, die Geräusche wurden vom dickflockigen Schnee gedämpft. Der Nebel verschlang Straße, Buden und Fahrgeschäfte Meter um Meter.

»Hey, halt«, rief eine Frauenstimme aus dem Dunst. »Hier gibt es doch diese Schaumküsse mit Glühweinaroma, oder?«

Ella sah auf die Verpackungen, in denen die empfindliche Ware verstaut war. »Die Bloody Glowing Kisses, ja.« Sie hatte so gar keine Lust, eine verspätete Kundin zu bedienen. Aber es ging um eine gute Sache, daher riss sie sich zusammen. Trotz der Umstände und ihrer unruhigen Laune. »Wie viele dürfen es sein?«

Ein Umriss schob Flocken und Nebel zur Seite. »Alle.«

Ella überschlug die Boxen im Vorratsregal. »Das wären etwa vierzig. Sicher?« Sie schaute über den Tresen zur Kundin – doch da stand niemand.

Bis auf einen wabernden Umriss, auf dem sich das Weiß sammelte, das Kopf und Schultern ansatzweise erkennbar machte. Der Körper schien unsichtbar zu sein.

Ein Schauder rann Ella über den Rücken. »Was ist das für ein Trick?«

Krachend flog die Seitentür der Bude auf.

Eine dunkel gekleidete, vermummte Gestalt warf sich mit einem dumpfen Grollen auf die junge Frau. Die Hände mit den langen, schimmernden Nägeln waren nach ihrem Hals ausgestreckt, die Augen leuchteten weißsilbern.

Mit den Reflexen einer erfahrenen Kickboxerin versetzte Ella dem unheimlichen Angreifer einen harten Tritt gegen die Körpermitte, der ihn zurückschleuderte.

In letzter Sekunde hielt er sich grollend am Türrahmen fest, diverse Pfannen und Geschirr schepperten zu Boden.

»Verpiss dich, du Spack!«, schrie ihn Ella an und schloss die Kasse mit den Tageseinnahmen. »Du bekommst von mir höchstens was aufs –«

Der Vermummte sprang erneut vorwärts, als hätte er aus dem ersten Angriff nichts gelernt.

Dieses Mal trat ihm Ella mit ganzer Kraft auf das vordere Knie. Adrenalin schoss durch ihre Adern, befeuert von dem inneren Aufruhr der letzten Minuten. Der Kampf bot das Ventil für ihren aufgestauten Zorn.

Knackend brach das Gelenk nach hinten. Aufjaulend ging der Maskierte vor ihr zu Boden, um sich gleich darauf aufzulösen.

»Was zum Fick …?« Ella sah die schneebedeckte Silhouette, die eben noch die Schaumküsse hatte haben wollen, durch die offene Seitentür hereinschweben.

»Du wirst mit uns kommen. Du scheinst Lady Grace wichtig zu sein«, sprach der Umriss, auf dem der Schnee schmolz. Wassertropfen rannen über den unsichtbaren Körper, machten ihn dadurch erkennbarer.

»Verpiss dich!« Ella hatte von ihrem Muay-Thai-Trainer gelernt, auf engstem Raum zu kämpfen. Von daher kam ihr die Beengtheit der Bude entgegen.

»Du kannst mich nicht verletzen.« Der Umriss schwebte näher. »Ich dich aber schon. Wehre dich nicht.«

»Ist das so?« Ella hob die Pfanne mit dem noch heißen Karamell und schlug damit zur Täuschung zu. In Wirklichkeit schüttete sie die geschmolzene Zuckermasse auf die Gegnerin. Wenn Schnee auf dem Körper haftete, tat es das Karamell erst recht.

Die zähe, dampfende Masse klatschte auf die Silhouette. Ein durchdringender Schmerzensschrei erklang im Wagen und von außerhalb, wie Ella zu hören glaubte. Sie wartete nicht ab, was als Nächstes geschah, sondern verpasste der Unbekannten mehrere Kicks in rascher Folge gegen Unterleib, Brust und Kopf.

Ächzend stürzte der Umriss rücklings und verschwand im Fallen, bevor er auf dem Boden aufschlug.

»Scheiße, verdammte!« Ellas Herz raste. Sie blieb in Kampfhaltung und blickte sich nach weiteren Angreifern um. »Wer seid ihr? Was wollt ihr von mir?«

»Komm aus der Bude, und es wird dir nichts geschehen«, sagte die Frauenstimme gequält aus dem Nebel. »Du sollst nicht mehr als ein Köder sein. Wir wollen nur Lady Grace.«

»Einen Scheiß mache ich!«, rief Ella aufgebracht und überlegte, ob sie ihre Tante anrufen sollte – bis ihr einfiel, dass sie weder Nummer noch Wohnort noch sonst irgendwas Genaueres von ihr wusste. »Ihr kriegt mich nicht.«

»Es spielt für uns keine Rolle, ob du dabei verletzt wirst oder nicht«, erwiderte die Unbekannte. »Hauptsache, Lady Grace sieht, dass du in unserer Hand bist. Aber es wäre für dich angenehmer, keine schlimmeren Blessuren davonzutragen.«

Nach der Lektüre des Tagebuchs war Ella etwas besser auf Übernatürliches vorbereitet, auch wenn ihr surreal erschien, was um sie herum geschah. Sie warf die Schürze ab und den Mantel über. »Seid ihr die Leute, die auch hinter dem Attentat auf König Edward stecken?«

»Komm raus. Das ist meine letzte freundliche Aufforderung.«

Ella lachte und nahm sich ein Messer von der Ablage, legte es aber sofort zurück. Sie verließ sich auf Tritte und Schläge, auf Muay Thai und Kickboxen. Mit Waffen konnte sie nicht umgehen. »Ich habe euch eben schon mal besiegt. Versucht es doch wieder!« Sie griff nach ihrem Smartphone. »Ich rufe jetzt die Bullen. Dann könnt ihr denen erklären, was –«

Kreischend und krachend wurde das Bloodygood Sweets in zwei Teile zerrissen, als hätte ein unsichtbarer Gigant den Wagen gepackt und öffnete nun brachial Dach, Front und Seitenwände mit seinen bloßen Händen, um an den leckeren Inhalt zu gelangen.

Schreiend fiel Ella zwischen die Trümmer, während Dämmmaterial, Deckenverkleidung und Süßigkeiten auf sie niederregneten. Knallend riss etwas ab, woraufhin ein lautes Pfeifen erklang. Gas entwich mit hohem Druck.

Die Propangasflasche! Ella wurde unter einem Berg aus kleinen und großen, leichten und weniger leichten Dingen begraben, ein heißer Schmerz breitete sich in ihrem rechten Bein aus. Etwas Schweres traf sie am Kopf und machte sie benommen.

»Ich habe es dir gesagt«, erklang die Stimme der Unbekannten. »Wir kriegen dich, verletzt oder unversehrt.«