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Der unpolitische Mikrobiologe Leo Schneider wird durch Veränderungen an seinem Institut von seinen Vorgesetzten gezwungen, seine Forschung auf Abwehr von Biowaffen umzustellen. Dass Abwehrforschung sich prinzipiell nicht von Biowaffenentwicklung unterscheidet, muss Schneider schnell lernen, mit den mörderischen Konsequenzen, die sich für ihn daraus ergeben. Nachdem Schneider wider eigenen Willen eine Biowaffe (Rizin 51) entwickelt hat, geraten er und sein Umfeld ins Fadenkreuz von skrupellosen Konzernen, Terroristen und Geheimdiensten, die bereit sind, für diese Erfindung über Leichen zu gehen. Ein Prozess, an dem Schneider und seine Leute nicht unbeteiligt bleiben können. Der Roman RIZIN ist mehr als nur ein Wissenschaftskrimi. In einer spannenden Kriminalgeschichte führt er Sie in eine Welt, die den meisten von Ihnen verschlossen ist. Bioterrorismus und Biowaffen, wer hat nicht schon davon gehört? Und doch können sich die meisten darunter wenig vorstellen, bestenfalls Szenarien aus Hollywoodfilmen. Aber Biowaffen sind Realität. Sie spielen im Kalkül der Macht eine wichtige Rolle und allein die Annahme, ein Staat könnte sie einsetzen, reicht aus, um Kriege zu entfachen. "Die Form des Kriminalromans nutzt Beutin, um auf über 400 Seiten ein Panorama der Zustände im staatlich alimentierten Wissenschaftsbetrieb auszubreiten. "Rizin" ist ein Gesellschaftsroman im besten Sinne, der die Charaktere, die Machtverhältnisse und die psychologischen Triebfedern des Handelns von Menschen offenlegt, die in diesem Soziotop unter ebenso autoritären wie prekären Bedingungen regieren und arbeiten. Er vermittelt uns obendrein einen leicht verständlichen und zugleich spannenden Einblick in das Forschungsgebiet der Bakterientoxine" (zitiert nach J. T. K.).
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Seitenzahl: 717
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Lothar Beutin
Rizin
Ein Wissenschaftskrimi
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Über den Autor:
PROLOG
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EPILOG
Anmerkungen im Text:
Impressum neobooks
Lothar Beutin, geboren in Berlin, Diplom-Biologe. Promotion und Habilitation an der FU Berlin. Nach einem Forschungsaufenthalt am Institut Pasteur in Paris, Tätigkeiten an verschiedenen Forschungsinstituten in Berlin. Arbeitsschwerpunkte sind bakterielle Giftstoffe (Toxine) und Krankheitserreger in Lebensmitteln. Autor und Koautor von zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen, Sachbuchkapiteln und Aufsätzen: (http://www.lotharbeutin.gmxhome.de/.)
Dieses Buch ist allen Menschen gewidmet, die mich auf meinem Weg durchs Leben begleitet haben, ohne Euch wäre es nicht entstanden.
Umschlagillustration und Gestaltung: Lothar Beutin, Edition MILESTONE
Email : [email protected],
Homepage: http://www.lothar-beutin.de/
EHEC-Alarm,ein Wissenschaftskrimi, Genre: Thriller / Spannung, Veröffentlicht am: 04.09.2013,
Seiten: 327, ISBN: 978-3-8476-3660-1, ebook und Printausgabe
FALLOBST, ein Wissenschaftskrimi, Genre: Psychothriller, Veröffentlicht am: 04.09.2015, Seiten: 416,
ISBN:978-3-7380-3916-0, auch als Printausgabe erhältlich
MUTTIS ERBEN, ein Wissenschaftskrimi, Genre Politthiller, Veröffentlicht 2017, 378 Seiten
ISBN: 9783745079517, auch als Printausgabe erhältlich
Alle Personen und die Handlung dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen, mit Namen oder Plätzen wäre rein zufällig.
Zum Hintergrund des Romans:
Mein Wissenschaftskrimi RIZIN beruht auf einer fiktiven Handlung, er gibt Ihnen aber dennoch einen realistischen Einblick in eine Welt, die den meisten von Ihnen versperrt ist. Wissenschaftliche Institute sind nach außen hin eher abgeschlossene Biotope, von denen die Öffentlichkeit, außer bei spektakulären Ereignissen, kaum etwas erfährt. Für viele erscheint die Welt der Wissenschaft als eine von der Ratio bestimmte, emotionsarme Welt, in der nur die objektiven Ergebnisse zählen und der Charakter der Menschen eine untergeordnete Rolle spielt. Als jemand, der über 35 Jahre als Wissenschaftler in der Welt der Institute arbeitet, muss ich Ihnen sagen: Dem ist nicht so. Die Welt der Wissenschaft wird viel mehr als Sie denken, von den dort arbeitenden Menschen und ihren Charaktereigenschaften bestimmt. Selbst die Forschungsprojekte, die dort vorangetrieben werden, sind viel mehr dem Zeitgeist, dem politischen Tagesgeschehen und den Launen der Führungskräfte, die keine Wissenschaftler sein müssen, geschuldet, als dem tatsächlichen gesellschaftlich Notwendigen. Der Typus des neugierigen, oft naiven Forschers, der im Roman durch die Hauptfigur Leo Schneider dargestellt wird, spielt in der Hierarchie der Institute häufig eine untergeordnete Rolle, seine wissenschaftliche Aktivität wird durch die Institutshierarchie, durch Zuteilung oder Verweigerung von Forschungsgeldern und Personal viel mehr bestimmt, als von möglichen genialen Ideen, Erfindungen und der eigenen Leidenschaft für die Forschung. Charakterliche Schwächen, Konkurrenzdenken und Angst vor kreativen Ideen und Veränderungen bestimmen leider zu häufig das Bild der Leitungsebene, wo es oft nur mehr darum geht, die eigene Macht zu bewahren, als etwas Neues zu schaffen. Diese Bedingungen bestimmen oft viel mehr den Arbeitsalltag in den Instituten, als die sogenannten objektiv-sachlichen Faktoren. Manchmal dringt von diesem Klima etwas nach draußen, wenn Plagiatsaffären und Fälschungen, in die Prominente aus Politik und Wissenschaft verstrickt sind, aufgedeckt werden. ´
Mit der Entwicklung biologischer Waffen seit den 1940 Jahren hat auch die biologische Forschung, wie vorher schon ihre Schwestern Physik (Atombombe) und Chemie (Gaskrieg) ihre Unschuld verloren. Politik, Militär und Geheimdienste interessieren sich seitdem für biologische Forschung und Institute unter militärischer Kontrolle wurden in vielen Ländern gegründet. Schon der Verdacht, gegnerische Staaten oder Terroristen könnten biologische Waffen entwickeln oder vorrätig halten, erzeugt den Bedarf nach Abwehrmaßnahmen und sogar nach kriegerischen Präventivschlägen wie in jüngster Zeit. In einem solchen Klima gedeihen geltungssüchtige und paranoide Charaktere, wie im Roman durch Professor Horst Griebsch dargestellt, und können in der Hierarchie schnell aufsteigen. Ähnlich wie im Film und Theater gibt es auch in der Wissenschaft nur wenige Stars, mit den dementsprechenden Allüren. Der Prototyp eines solchen Menschen im Roman RIZIN ist der Institutsleiter Professor Herbert Krantz. In dieser Gemengelage geraten eher naive Forscherpersönlichkeiten wie Leo Schneider und Beatrix Nagel aus ihren wissenschaftlichen Elfenbeintürmen und müssen im Strudel von Ereignissen sich Realitäten stellen, die sie zu Handlungen zwingen, die ihnen vorher gänzlich unvorstellbar erschienen. Aber auch der Mut vieler Menschen und der Wille gegen die sogenannten Sachzwänge ihre Menschlichkeit zu bewahren, bestimmt den Verlauf der Handlungen viel mehr, als es den Mächtigen und den Machern lieb ist.
Der Roman RIZIN ist mehr als ein bloßer Wissenschaftskrimi. Ich habe mir daher erlaubt, Sie in einzelnen Abschnitten auf einfache Art in die wichtigsten Fakten und mikrobiologischen Hintergründe einzuführen, ohne dass der Spannungsbogen zerrissen wird. Ich hoffe, es wird Ihnen sicher helfen, aktuelle Diskussionen um Biowaffen und Bioterrorismus besser zu verstehen und sich daran auch aktiv beteiligen zu können.
Berlin, im September 2011/Juni 2013
Lothar Beutin
Montag, der 25 April 20..
Leonhard Schneider ärgerte sich, dass er um zehn Uhr abends noch ins Institut fahren musste. Aber nach dem Anruf von Tanja war er zu besorgt, um zu Hause am Kamin weiter sitzen zu bleiben. Es war Ende April, der Himmel war schon seit Stunden dunkel und Schneider fuhr über die regennassen Straßen durch die Berliner Innenstadt zu seinem Arbeitsplatz am Institut für experimentelle Epidemiologie. Als er nach einer halben Stunde das Institutsgelände erreichte, sah er nur ein paar Lichter durch die Flurfenster des vierstöckigen Laborgebäudes scheinen. Natürlich, selbst die hartnäckigsten Forscher waren inzwischen nach Hause gegangen, in den Büro- und Laborräumen war kein Licht mehr zu sehen. Der Anruf von Tanja war kurz gewesen und plötzlich abgebrochen.
„Leo? Tanja hier! Du, alles ist durcheinander und die Rizinpräparate ...“, dann ertönte das Besetztzeichen.
Schneider versuchte Tanja zu Hause anzurufen, nichts! Dann ihr Handy und danach die drei Nummern in den Büro- und Laborräumen. Wieder nichts. Tanjas Handy war abgeschaltet. Er sprach eine Nachricht auf ihre Mailbox. Nach ihren Worten schien es klar, dass sie vom Institut aus angerufen hatte. Schneider wusste, dass Tanja diese Tage alle acht Stunden ins Labor kommen musste, um die Botox-Produktion in Gang zu halten. Jedenfalls wollte er zuerst zum Institut fahren, und falls sie dort nicht wäre, bei ihr zu Hause vorbeischauen. Nachdem er noch ein paar Minuten überlegt hatte, zog er seine Regenjacke an, setzte sich in sein Auto und machte sich auf den Weg.
Schneider war schon oft nachts im Institut gewesen, manchmal war das arbeitstechnisch notwendig. Jedes Mal war es eine eigenartige Stimmung, weil niemand in dem sonst so belebten Gebäude unterwegs war. Durch die Abwesenheit der Menschen waren die Geräusche der Maschinen und des ganzen Gebäudes plötzlich sehr präsent. Ein wenig unheimlich war es, wenn man allein durch die leeren Flure lief, oder im Labor arbeitete.
Als Schneider durch die Pforte des Instituts ging, saß da der Nachtwächter in dem Glaskasten, wo am Tag der Pförtner Anrufe entgegen nahm. Nachdem Schneider sich in das Besucherbuch eingetragen hatte, durchquerte er eine zweite Tür, die sich hinter der Pforte befand. Er kam in das bei Tag so hellerleuchtete Foyer mit dem glänzenden Marmorboden. Es lag jetzt im Halbdunkel, nur schwach erleuchtet von den roten Dioden der Lichtschalter. Schneider lief an der Marmorbüste des Institutsgründers vorbei, bis zu der Treppe, die ihn zu einer Passage führte, welche den Altbau mit dem Neubau verband. Durch die Fenster der überdachten Passage konnte man auf den nur spärlich beleuchteten Innenhof schauen. Auf der linken Seite im Erdgeschoss des Neubaus sah man die dunklen Fenster der Kantine, daneben lag der Eingang, den man nur vom Hof aus betreten konnte. Noch weiter rechts lag das Büro von Hartmann, der die Elektronenmikroskopie leitete. Dort brannte noch Licht. Von der Passage aus konnte Schneider nicht soweit in das Büro hineinschauen, um zu sehen, ob Hartmann dort noch saß. Auf dem Hof standen zwei Autos, auch das war nichts Ungewöhnliches, manche ließen ihre Wagen die ganze Nacht auf dem Gelände stehen. Vielleicht waren doch noch einige da, die jetzt arbeiteten. Als er den Durchgang überquerte, konnte er das dreistöckige Nebengebäude sehen, in dem sich die Wohnungen des Hausmeisters und der Institutsgäste befanden. Aus der Wohnung des Hausmeisters leuchteten die flackernden, kalten Strahlen eines Fernsehers durch die geschlossenen Vorhänge. Nur in einer der darüber liegenden Gästewohnungen brannte Licht.
Nachdem Leo Schneider durch den Verbindungsweg in den Neubau gelangt war, befand er sich in einem Vorraum, der mit Briefkästen für die einzelnen Arbeitsgruppen bestückt war. Wer weiter zu den Laborräumen wollte, musste durch eine Tür, die nur mit Chipkarte zu öffnen war. Das Licht an der kleinen Box wechselte von Rot nach Grün, als Schneider seine Karte davor hielt. Die Tür öffnete sich geräuschlos. Dahinter verliefen zwei dämmrige Flure strahlenförmig voneinander ab, um im rückwärtigen Teil des Gebäudes, dessen Grundriss wie ein Dreieck aufgebaut war, auf die Seiten eines dritten Flurs zu treffen. Von diesem Flur aus gelangte man in die Labore und das Büro von Schneider. Alle Wege lagen im Halbdunkel, nur spärlich erleuchtet von dem Licht, das die kleinen grünen Kästen, die die Fluchtwege anzeigten, aussandten.
Schneider hätte die Flurbeleuchtung einschalten können, aber ein besorgtes Gefühl, das sich nach dem Anruf von Tanja eingestellt hatte, hielt ihn davon ab. Er wollte seine Ankunft nicht durch deutliche Signale ankündigen. Außerdem entschied er sich, über den rechten Flur zu gehen. Eigentlich war das ein Umweg, wenn man direkt zu seinem Labor wollte. Aus der geöffneten Tür des im Innentrakt gelegenen Zentrallabors kamen brummende Maschinengeräusche. Dort standen die Ultrazentrifugen. Schneider schaute vom Flur aus in den dunklen Raum und konnte die Positionen der wuchtigen Zentrifugen an den kleinen Lämpchen, die auf ihren Konsolen in verschiedenen Farben leuchteten, schemenhaft erkennen. Ein Gerät lief pfeifend auf hohen Touren, ein auf Dauer schwer erträglicher Ton, deshalb machte man solche Zentrifugenläufe gerne nachts, wenn kaum jemand da war.
Schneider lief den Flur weiter entlang und horchte in die Dunkelheit. Manchmal hörte er ein Knacken, ein Kühlschrank sprang an, ein Ventilator sirrte, immer gab es in diesem Bau Geräusche. Als Schneider weiterging, glaubte er für einen Moment Schritte zu hören, er blieb stehen und horchte, aber da war nichts. Er gelangte bis an die Einmündung des Korridors, in dem seine Labore lagen, und schaute vorsichtig um die Ecke. Niemand war zu sehen und doch blieb er angespannt mit dem Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Weiter hinten konnte er auf dem Boden etwas schemenhaft erkennen. Als er näherkam, sah er dort einen zerbrochenen Glaskolben liegen. Flüssigkeit war ausgelaufen und bedeckte die Stelle, an der Glassplitter auf dem Boden zerstreut waren.
Das musste nach sieben Uhr passiert sein, dachte Schneider, sonst hätte die Putzkolonne es noch beseitigt. Vorsichtig ging er die paar Schritte bis zur Tür des ersten Labors. Er horchte an der Tür, aber er hörte nichts. Als er sie aufschloss, lag das Labor friedlich im Halbdunkel, nur vom Licht der Straße erleuchtet. Schneider ging weiter zur Tür des benachbarten Labors; dort, wo er und Tanja gewöhnlich arbeiteten. Von diesem Labor gelangte man auch in sein Büro. Nachdem er den Schlüssel in das Schloss gesteckt hatte, ließ dieser sich unerwartet nicht drehen. Schneider erschrak. Jemand hatte das Schloss manipuliert.
Leo Schneider erinnerte sich an seinen letzten Besucher. Herr Dr. Baloda, der so plötzlich verschwunden war, nachdem er ihm vor drei Tagen im Institut seinen Besuch abgestattet hatte. Er versuchte noch einmal, den Schlüssel herumzudrehen. Als er dabei mit seiner linken Hand auf die Türklinke griff und sie hinunter drückte, flog die Tür plötzlich auf. Sie war nicht abgeschlossen gewesen! In dem Moment, als Schneider seine Hand zum Lichtschalter ausstreckte, hörte er ein Geräusch. Er verspürte noch einen Schlag auf den Kopf, der so heftig war, dass er gleich zu Boden ging.
Für einige Zeit hatte Schneider das Bewusstsein verloren. Es musste wohl so gewesen sein, sagten die Feuerwehrleute seiner Frau Louisa, nachdem sie ihn in die Erste Hilfe des nahe gelegenen Universitätsklinikums transportiert hatten. Verdacht auf Schädelverletzung. Louisa Schneider hatte die Pforte des Instituts gegen dreiundzwanzig Uhr angerufen, weil ihr Mann nicht an sein Handy ging. Der Nachtwächter hatte im Gebäude nach ihm gesucht und nachdem er Schneider bewusstlos auf dem Flurboden liegen sah, die Feuerwehr und Polizei alarmiert. Nicht weit von Schneider lagen ein paar Glasscherben. Sein Handy sei nicht auffindbar, teilte die Polizei mit. Man wäre mit der Spurensicherung befasst. Offenbar hatte ja ein Überfall stattgefunden.
Schneider war für die nächsten vierundzwanzig Stunden nicht ansprechbar. Er lag in einem Dämmerzustand auf der neurologischen Station des Universitätsklinikums, nur einen Häuserblock vom Institut entfernt. In kurzen lichten Momenten stellte er sich Fragen. Wer hatte ihn niedergeschlagen? Was war mit Tanja geschehen? Er war zu weit gegangen, hatte zu lange abgewartet und hätte Tanja nicht so tief in die Sache hineinziehen dürfen. Der zerbrochene Kolben im Flur. Tanjas Anruf! Jemand hatte die Rizinproben gesucht und Schneider konnte nicht einmal darüber reden. Zwischen Traum- und Wachzuständen liefen die Ereignisse der vergangenen Monate im Kopf von Schneider ab. Wie ein unscharfer Film, der manchmal riss und an den unmöglichsten Stellen wieder neu begann.
Schon eine Weile, bevor Leo Schneider zu einem dringenden Termin bei Professor Krantz, dem Direktor des IEI, gebeten wurde, hatte sich abgezeichnet, dass dem Institut einschneidende Veränderungen bevorstanden. IEI, das war das Berliner Institut für Epidemiologie und Infektionsforschung und Schneider war dort als Leiter einer bakteriologischen Forschungsgruppe angestellt. Schneider war Mitte vierzig und hatte fast zwanzig Jahre an verschiedenen Instituten in der bakteriologischen Forschung gearbeitet. Er pflegte einen familiären Umgang mit seinen Leuten, den er alsManagement by lovebezeichnete. Leo Schneiders Arbeitsalltag verlief über die Jahre weitgehend ungestört, das sollte sich jedoch ändern, als Herbert Krantz zum Direktor des IEI ernannt wurde. An diesem Tag begann für das IEI eine neue Zeit, deren Morgenröte sich am 11. September 2001 im Schein der brennenden Twin Towers in Manhattan abzeichnete.
Leonhard Schneider war ein neugieriger Wissenschaftler, er arbeitete am besten aus Eigenmotivation, war aber kein Workaholic. Wie viele seiner Zunft quälte er sich mit der Vorstellung, zu wenige Ergebnisse zu produzieren, selbst wenn das nicht der Fall war. Viele entwickelten diesen Komplex während ihrer Ausbildung, da waren sie noch formbar und hatten wenig Selbstbewusstsein. Nach der Promotion hielten nur diejenigen weiter durch, die sich im Zwang des ewigennie genug, zu Arbeit und Erfolg antrieben. Nachdem Schneider seine Doktorarbeit abgeschlossen hatte, musste er sich eine neue Position suchen und machte die übliche Tingeltour eines mit Zeitverträgen beschäftigten Wissenschaftlers. Zuerst noch ein paar Monate Verlängerung und dann für zwei Jahre alsPostdocin Paris.
In Paris hatte Leo Schneider seine Frau Louisa kennengelernt. Durch Zufall, wenn man es so nennen mag. Sie waren sich an der MetrostationPorte de la Chapellebegegnet. Er kannte die Stadt kaum, fragte sie nach dem Weg, und als sie sah, wie Schneider in die falsche Richtung lief, hatte sie ihn ein Stück begleitet. Louisa studierte Medizin und wurde neugierig, als sie hörte, dass Schneider an Infektionserregern arbeitete. Schließlich gingen sie in ein Café, um ihr Gespräch fortzusetzen. Schon bei dieser ersten Begegnung hatten beide das Gefühl, als wären sie miteinander vertraut. Verwandte Seelen erkennen sich schnell. Beide wollten sich wiedersehen. Nach ein paar Monaten zogen sie zusammen in eine kleine Dachwohnung in derRue St. Vincentde Paul. Ihre Tochter Elsa kam noch in Paris zur Welt, kurz bevor Leos Vertrag amInstitut Pasteurendgültig auslief. Die Familie zog nach Berlin, Leo hatte dort einen Anschlussvertrag an der Universität. Wieder und wieder arbeitete er mit befristeten Verträgen in neuen Instituten, bis er durch glückliche Umstände mit neununddreißig Jahren eine Festanstellung am IEI bekam.
Das alles lag jetzt ein paar Jahre zurück. Schneider hatte gelernt, dass der Wissenschaftsbetrieb überall ähnlich lief. Die langen Jahre mit den kurzen Arbeitsverträgen, einer unfreiwilligen Arbeitslosigkeit und der immer wiederkehrenden Aussicht auf eine ungewisse Zukunft hatten seinen Durchhaltewillen gestärkt. Durch den häufigen Institutswechsel war er Hierarchien gegenüber gleichgültig geworden. Vielleicht hatte er es deswegen versäumt, sich ein Netz von Beziehungen aufzubauen, nachdem er im IEI fest angestellt war. Das Gespräch mit seinen Vorgesetzten suchte er nur, wenn es sich nicht umgehen ließ. Es interessierte ihn auch nicht besonders, wer mit wem am Institut eine Affäre hatte. Während er im Labor stand, hatten andere ihre Zeit mit Schreiben von Anträgen, Beschwerden oder Forderungen verbracht, hatten in den Vorzimmern einflussreicher Personen geduldig gewartet, traten in Parteien und Organisationen ein und zogen auf der Karriereleiter an Schneider vorbei, auch wenn sie sonst nichts zustande gebracht hatten.
So war ihm anfänglich der neue Direktor Krantz auch keinen besonderen Gedanken wert. Schneider hatte Dekane, Direktoren, Präsidenten und Minister kommen und gehen sehen, seine eigentliche Arbeit blieb davon im Grunde unberührt. Aber das hatte sich nun geändert. Die Atmosphäre am IEI kühlte ab und selbst Schneider in seinem Labortreibhaus musste merken, dass es nicht mehr so weitergehen würde, wie bisher.
Der Vorgänger von Krantz war ein Verwaltungsjurist, den man nur als eine Zwischenlösung betrachtete. Man hoffte, ihn bald durch einen hochkarätigen Vertreter der Forscherzunft ablösen zu können. Eine solche Koryphäe wurde in der Person des Mediziners Professor Herbert Krantz, gefunden. Krantz vermittelte seiner Umgebung den Eindruck, zu den Großen in der AIDS-Forschung zu gehören. Seine Bewunderung für den als skrupellos geltenden Amerikaner Gallo, von dem man sagte, er hätte seinen französischen Kollegen Montagnier um die Entdeckung des AIDS Virus geprellt, machten ihn nicht zu einem Sympathieträger. Aber darum ging es Krantz auch nicht. Als Direktor hätte er sich um Ausgleich zwischen den verschiedenen Abteilungen im IEI bemühen müssen. Aber Krantz war Partei. Nur der Virologie galt seine ganze Unterstützung. Die dafür benötigten Mittel und das Personal zog er aus den anderen Bereichen ab. Arbeitsgruppen, die nicht in seine Vorstellungen passten, löste er komplett auf. Damit kam er auch dem nie endenden Ruf nach Reformen entgegen. Wer fragte schon danach, ob diese sinnvoll waren? Parallel dazu gestaltete er sich ein Institut nach seinem Maß. Dazu transferierte er ganze Arbeitsgruppen aus seiner alten Wirkungsstätte in das IEI. Diese neuen Gruppen bezeichnete er auf Betriebsversammlungen als sein Tafelsilber und erweckte damit bei allen anderen im Institut den Eindruck, als würden sie zum Wegwerfbesteck gehören.
Bei seinem Dienstantritt versprach der neue Direktor Krantz Bürokratieabbau und flache Hierarchien. Das klang nach Revolution und es stimmte auch. Denn bald danach gab es nur noch zwei Hierarchien, den Direktor und den Rest des Instituts. Bürokratieabbau bedeute für ihn, dass seine Anweisungen ohne Wenn und Aber vollzogen werden mussten.
Zu Terminen kam Krantz gewöhnlich etwa fünfzehn Minuten zu spät. So vermittelte er den Eindruck, ein viel beschäftigter Mann zu sein. Nach einer Viertelstunde tauchte er in dem mit Milchglaswänden abgeteilten Wartezimmer auf und murmelte etwas von dringenden Meetings, während er seinen Besuch in die edel eingerichtete Bürosuite führte. Große finanzielle Aufwendungen konnten dort besichtigt werden. Aus den ehemaligen Laborräumen hatte Krantz Wände und Decke herausreißen und alles neu gestalten lassen. Die Beleuchtung, die sich dem Tageslicht automatisch anpasste, die schweren, gepanzerten Türen, die sich leicht und lautlos wie auf Kufen bewegten und das teure, steril wirkende Mobiliar hinterließen einen bleibenden Eindruck. Für die unterkühlte Atmosphäre sorgte eine eigene Klimaanlage, die Krantz sich auf das Dach des Institutes hatte montieren lassen.
Seine Personalentscheidungen verliefen nach einem genauen Ritus. Er bat die Betroffenen eine Woche vorher zum Gespräch, ohne dass sie erfuhren, worum es ging. Für viele waren es Tage des bangen Wartens, denn Krantz war für Überraschungen gefürchtet. Bei Umsetzungsmaßnahmen nahm sein Leitungsstab teil, Personalchefin Kanter und Vizedirektor Arnold.
Frau Kanter erschien gewöhnlich erst weit nach neun Uhr im Institut und blockierte mit ihrem knallgelben Auto die Parkplätze von Mitarbeitern, die vor ihr gekommen waren. Um sein Auto auszulösen, musste man Frau Kanter anrufen und sich die Frage gefallen lassen, warum man schon so früh nach Hause ging. Vizedirektor Arnold war ein ebenso dümmlicher wie bösartiger Charakter. In seinemGehabe erinnerte er an die Figur des Untertanen aus dem gleichnamigen Buch von Heinrich Mann. Arnold war ein Radfahrertyp, der nach oben buckelte und nach unten trat. Krantz hielt sich gewöhnlich zurück, er zog im Hintergrund die Fäden und ließ Kanter und Arnold agieren. Als Bürotäter machte er sich die Finger nicht schmutzig.
Bald war die Reihe an Schneider, bei einem dieser Dramen mitzuspielen. Nach den üblichen fünfzehn Minuten holte Krantz ihn in sein Büro, um sich bei Tee und Gebäck über personelle Überkapazitäten in Schneiders Bereich auszulassen. Die Personalchefin blätterte dabei desinteressiert in einem Aktenordner, während der Vize Arnold sich hektisch Notizen machte. Frau Daniela Schulz aus Schneiders Gruppe wurde für andere Tätigkeiten im IEI benötigt. Schneiders Einwände kommentierte Krantz mit der Bemerkung: „Sie können wohl nicht richtig kommunizieren.“ Schneider verstand das nicht. Kommunizieren, das wollte er doch. Und dem Direktor erklären, dass er Frau Schulz dringend brauchte. Ob Krantz das nicht verstehen würde. Krantz gefiel die Aufgeregtheit von Schneider nicht. Schneider sei viel zu emotional. Den Rest der Sitzung überließ er Kanter und Arnold. Als Daniela Schulz kurz danach in eine andere Arbeitsgruppe wechseln musste, hatte Schneider begriffen, dass es um seine berufliche Existenz ging.
Im Gegensatz zu den eher lässig angezogenen Wissenschaftlern am IEI war Krantz stets konservativ gekleidet, er bevorzugte den dunkelgrauen Maßanzug. Seine hohe Stirn und das seitlich heruntergekämmte, weißgraue Haar gaben ihm das Image eines Denkers. Seine Mundpartie, die von einem dünnen Schnurrbart überspannt wurde, verriet mehr von seinem wahren Charakter und verzog sich bisweilen zu einem zynischen Grinsen.
Typischerweise sprach Krantz mit leiser Stimme, ein rhetorischer Trick, den er bewusst einsetzte. So erzwang er andächtiges Zuhören. Man fürchtete, seine bedeutungsschweren Mitteilungen sonst nicht richtig zu verstehen. Den Personalrat hatte er in der Tasche, die alten Mitarbeiter hatten sich angepasst oder waren gegangen. Die neu Eingestellten wussten nicht, dass es vor Krantz kollegialere Umgangsformen am IEI gegeben hatte. Binnen weniger Monate hatte sich das IEI in ein gefügiges Instrument in den Händen seines Direktors verwandelt.
Die Unterwerfung des IEI unter seine Interessen war kein Selbstzweck, sie diente Krantz auf seinem Weg zu einer Person des öffentlichen Lebens. Seine Eitelkeit fixierte ihn wie ein Spiegelbild auf seine öffentliche Wirkung. Dabei kam ihm zugute, dass ein Institut für Infektionskrankheiten im Fokus der Medien stand. Kontakte zwischen Institutsangehörigen und Journalisten bedurften seiner persönlichen Genehmigung. Interviews gab er gerne selbst, am Telefon, da fiel es nicht auf, wenn er fachlich nicht Bescheid wusste. Hatte er doch seine wissenschaftlichen Souffleure neben sich sitzen, die ihm in den Gesprächspausen die notwendigen Stichworte ins Ohr flüsterten. So vermittelte er der Öffentlichkeit ein „Professor Allwissend“, ein modernes Universalgenie zu sein, das auf jede Frage zu Infektionskrankheiten die passende Antwort bereithatte.
Nachdem er auf diese Weise schnell zu einem landesweit bekannten Experten geworden war, ging er noch einen Schritt weiter. Nun vermittelte er seine Botschaft im Fernsehen, verpackt in Form von düsteren Zukunftsprognosen. Neue Seuchen bedrohten das Land, Massenimpfungen seien erforderlich, aber Impfstoff, Geld und gute Forscher wären Mangelware. Nur er und sein Institut könnten das Land vor dem Untergang bewahren. Szenarien mit toten Vögeln und der Entstehung neuer Todesviren, mit Seuchenzügen als Folgen von Tsunami und Wirbelstürmen wurden durch seine Reden schon Gewissheit. Ob sie jemals einträfen, war zweitrangig. Sein Bekanntheitsgrad stieg, sein Nimbus als wissenschaftliche Überkapazität wuchs zu einer festen Größe des politischen Lebens. So setzte er die Politik unter Zugzwang, spekulierte auf Zufluss von Geld und Personal und vermehrte sein Prestige.
Ein paar Wochen, bevor überraschend alle Laborleiter des IEI zu einer Sitzung bei Krantz einbestellt wurden, waren in den USA Dinge passiert, die das Szenario eines Hollywoodfilms in den Schatten stellten. Nur wenige Tage nach den Anschlägen des 11. September erhielten amerikanische Politiker Briefe, die außer einer banalen Botschaft weißen Staub enthielten, der den Empfängern um die Nase wehte. Ein paar Tage danach entwickelten sie Anzeichen einer Grippe, bekamen Fieber und Schüttelfrost, um bald darauf im Schockzustand zu sterben.
Die Ursache dafür war schnell gefunden. Es war Milzbrand, eine Krankheit, die vor hundert Jahren bei Pelzverarbeitern eine Rolle spielte, heutzutage aber so gut wie verschwunden war. Proben aus den Wohnungen der Briefopfer identifizierten den weißen Staub als Sporen des MilzbrandbakteriumsBacillus anthracis. Anthrax hieß diese Seuche wegen der anthrazitschwarzen Hautgeschwüre, die sich bei den Infizierten bildeten. Ohne antibiotische Behandlung verlief Anthrax meistens tödlich. Einige der Briefempfänger starben, denn bevor man wusste, was die Ursache ihrer Erkrankung war, kam die Antibiotikatherapie zu spät.
Der Verdacht auf Bioterrorismus im Geleit dernine elevenAnschläge in Manhattan lag auf der Hand. Hatten Nachrichtendienste nicht geheime Produktionsstätten für Biowaffen im Irak entdeckt? War Anthrax nicht eine der bekanntesten Biowaffen überhaupt? Einfach in der Herstellung und verheerend in der Wirkung. So verheerend, dass Sporen des Milzbranderregers, welche die britische Armee auf eine unbewohnte Insel abgeworfen hatte, fünfzig Jahre danach immer noch ansteckungsfähig waren. Für die Militärs relativierte das die Eignung von Anthrax als Kriegswaffe, weil man das Land des Gegners für Jahrzehnte lang nicht ohne Schutzanzug betreten konnte. Aber für Terroristen, die Angst und den Tod verbreiten wollten, schien diese Waffe dagegen viel besser geeignet zu sein.
Diese Absicht teilten auch Kreise des japanischen Militärs, die Anthrax im Zweiten Weltkrieg in China einsetzten, um die Zivilbevölkerung zu dezimieren. Nach Kriegsende wurden die Verantwortlichen von den Alliierten zum Tode durch den Strang verurteilt. Doch einige konnten ihren Hals durch ihre Kenntnisse retten, die sie den Siegermächten zur Verfügung anboten. So entstand zu Beginn des Kalten Krieges eine staatlich geförderte B-Waffen Entwicklung, welche die Atombomben im Portfolio der Drohkulisse ergänzen sollte. Die Großmächte betrieben geheime Forschungseinrichtungen zur Entwicklung von biologischen Waffen. Das in der Sowjetunion gelegene Institut inStepnogorskfiel nach der Wende durch die weiträumige Verseuchung der Umgebung mit Viren und Bakterien auf. Entdeckt wurde das nur durch Zufall, weilStepnogorskin den Wirren der Wendezeit von ausländischen Experten besucht werden durfte. Ein amerikanisches Gegenstück zuStepnogorskwarFort Detrickim Bundesstaat Maryland. Hier musste man sich nie von ausländischen Inspektoren in die Karten gucken lassen. Als der Kalte Krieg nach 1990 eine Pause machte, littFort Detrickwie sein russischer Gegenpart an nachlassendem Interesse der Militärs. Mit der Folge, dass die Budgets dieser Institute immer mehr schrumpften.
Nach dem Auftauchen der Anthraxbriefe war das Interesse an B-Waffen wieder geweckt. Gewisse Leute mochten daraus einen Nutzen ziehen. Aber die Aktion geriet bald außer Kontrolle, weil die präparierten Briefe nicht nur ihre Adressaten trafen, sondern zwischen den Walzen der Sortieranlagen in der Post aufplatzten und ihren staubigen Inhalt auf die dort Arbeitenden verteilten. Dadurch wurde die Verbreitung der Milzbrandbakterien unvorhersehbar.
Wer konnte hinter den Briefen stecken? Die Analyse der Sporen ergab, es handelte sich um ein professionell hergestelltes Produkt. Die Verarbeitung der Bakterien zu einem feinen, flüchtigen Pulver konnte nur mit Spezialmaschinen erfolgt sein. Von offizieller Seite wurde ein Zusammenhang mit der Terrororganisation al-Quaida gezogen, die kurz zuvor mitten in Manhattan ihre Handlungsfähigkeit unter Beweis gestellt hatte. Hatten die Attentäter des 11. September nicht bewiesen, wie weit der Terrorismus in die Infrastruktur des Landes eingesickert war? Waren die Terroristen möglicherweise schon inFort Detrick?
Die Anthraxbriefe waren ein gefundenes Fressen für die Medien und Deutschland blieb davon nicht ausgenommen. Die Briefe kursierten zwar nur in den USA, doch jeder erwartete ihr Auftreten in anderen Ländern. An einem Frühsommertag war es in der deutschen Hauptstadt soweit: Eine Angestellte des Möbelhauses Hiller fand nach Ladenschluss einen im Geschäft abgelegten Brief, der außer einem staubigen Papiertaschentuch mit einer unverständlichen Botschaft weiter nichts enthielt. Der Umschlag landete zunächst bei der Polizei, dann beim Landeskriminalamt und schließlich wurde der Staatsschutz eingeschaltet. Pressemitteilungen, wieAnthraxbrief in Berlin aufgetaucht, konnten nicht mehr verhindert werden und die Angestellte des Möbelhauses freute sich über die vielen Interviews.
Hier bestand Verdacht auf terroristische Aktivität, es mussten Untersuchungen an dem Briefinhalt vorgenommen werden. Diese hätte jedes medizinische Labor durchführen können, aber es handelte sich um eine Sache der höchsten Sicherheitsstufe, um ein Politikum. Welche Institution kam dafür besser infrage als das IEI unter der Leitung des berühmten Professors Herbert Krantz?
Für das IEI begann mit diesem Tag eine neue Epoche, der Einstieg in die Biowaffenforschung. Das Landeskriminalamt meldete sich bei Direktor Krantz, ob die Untersuchung des Briefes in seinem Institut erfolgen könnte. Krantz gab zurück, das sei selbstverständlich kein Problem. Er verschwieg, wie schlecht die Voraussetzungen dafür inzwischen waren, denn er selbst hatte Monate zuvor die klinische Bakteriologie am IEI so gut wie aufgelöst. Die freiwerdenden Mittel und das Personal waren längst auf die virologischen Fachgruppen verteilt. Aber Herbert Krantz irritierte das nicht. Unmittelbar, nachdem das LKA sich bei ihm gemeldet hatte, zitierte er die Leiter aller Laborbereiche zu sich. Schneider war vom Anruf aus dem Präsidialbüro überrascht, weil der Termin umgehend war. Als Schneider, der sich nicht besonders beeilt hatte, Krantzens Bürosuite betrat, saßen dort bereits Kollegen aus allen Abteilungen des Instituts.
Sogar Krantz war diesmal pünktlich, und nachdem Schneider eingetroffen war, eröffnete er die Sitzung. „Ich musste Sie kurzfristig zu mir bitten, da der schon befürchtete Ernstfall eingetreten ist. Heute sind wir vom LKA informiert worden, dass ein im Möbelhaus Hiller deponierter Brief möglicherweise Anthraxsporen enthält. Ich habe bereits mit dem Bundeskriminalamt Kontakt. Man erwartet von höchster Stelle eine unverzügliche Aufklärung des Sachverhaltes durch das IEI. Ich setzte voraus, dass der Nachweis dieser Sporen für uns kein Problem darstellt!“
Mit der Betonung auf seine letzten drei Worte starrte er Leo Schneider an, wie ein räuberisches Insekt, möglicherweise, weil Schneider das einzige noch existierende bakteriologische Labor am IEI betrieb. Schneider war zu überrascht, um darauf zu reagieren. Krantz legte nach: „Ich nehme an, dass diese Untersuchung bei Ihnen problemlos durchgeführt werden kann, Herr Schneider?“ Der leise Tonfall war unüberhörbar, da alle Anwesenden wie gebannt schwiegen.
Leo Schneider zögerte. Er hatte nichts für die Untersuchung von Anthrax im Labor vorrätig, er arbeitete mit anderen Bakterien, die Durchfall verursachten. Aber ein Test für Anthraxsporen wäre schnell aufgebaut und vielleicht eine Chance, sein Labor zu erhalten. Er überlegte ein paar Sekunden zu lange. Als er gerade „Ja, aber ...“, sagen wollte, kam von Gerhard Hellman, dem Leiter der virologischen Abteilung, der Satz: „Wir können das machen!“
Damit hatte Schneider nicht gerechnet. Der Veterinär Hellman hatte vielleicht als Student das letzte Mal mit Bakterienkulturen gearbeitet. Ob Hellman überhaupt wusste, wie man Sporen bildende Anthrax Bazillen erkennt? Schneider war sprachlos, in seinem Kopf schossen sich die Gedanken gegenseitig ab. Instinktiv spürte er, wenn er weiter schwieg, würde sein Labor bald nicht mehr existieren. „Ja, natürlich können wir diese Untersuchungen durchführen“, sagte er eine gefühlte Unendlichkeit später.
Krantz fixierte ihn weiterhin, seine Augen verengten sich, dann blickte er auf seinen Duzfreund Hellman. Er verzog seine schmalen Lippen zu einem dünnen Grinsen, das seinen Oberlippenbart zu einem Strich gerinnen ließ. „Ich denke, Sie beide werden das übernehmen und dabei zusammenarbeiten. Sie sind beide für das Gelingen verantwortlich, wir dürfen uns gegenüber dem LKA keine Schwächen erlauben. Das war es für heute, ich schließe die Sitzung, Sie können zurück an Ihre Arbeit, meine Damen und Herren.“
Schneider nickte. Ihm blieb nichts weiter zu sagen und er sah, wie Hellman zufrieden grinste, als alle Anwesenden eilig das Präsidialbüro verließen, froh, dass der Kelch diesmal an ihnen vorübergegangen war. Alle, bis auf Hellman, der keine Anstalten zum Gehen machte. Schneider stand betont langsam auf, hoffte, Hellman würde auch gehen, aber der blieb sitzen und Schneider ging mit gesenktem Kopf aus dem Raum. Wie ein Schlafwandler lief er durch das Vorzimmer an der Chefsekretärin vorbei, verließ den Präsidialtrakt und ging den Flur im Altbau des Instituts entlang. Hellman hatte als Leiter der virologischen Abteilung viel mehr personelle und apparative Mittel, als Schneider mit seinen verbliebenen zwei technischen Assistentinnen. Hellman und Krantz kannten sich schon aus Studienzeiten, zwei Duzfreunde, beide um die sechzig. Schneider fühlte, dass zwischen ihm und den beiden Männern eine Kluft lag, die er nicht überwinden konnte noch wollte.
„Männer über sechzig sind gefährlich, denn sie haben keine Zukunft!“ Diesen Satz hatte Leo Schneider einmal in einer Festrede für einen grau melierten Klinikchef gehört und der fiel ihm jetzt wieder ein. Im Gegensatz zu Hellman musste Schneider ungefährlich sein, denn er hatte sich mit Mitte vierzig noch um seine Zukunft zu sorgen. Er stellte sich Hellman vor, der jetzt bei Krantz saß und wahrscheinlich über ihn herzog. Ohne es richtig wahrzunehmen, war Schneider in sein Labor gelangt. Er grübelte, was Hellman und Krantz wohl ausheckten. Eine Rolle würde er dabei spielen, aber welche? Wie selbstverständlich war Hellman sitzen geblieben, als alle anderen den Raum verließen. Krantz hatte Schneider auch nicht gebeten, an dem Gespräch teilzunehmen. Langsam beruhigte Schneider sich wieder. Natürlich war es spannend, einer neuen Herausforderung zu begegnen, aber sein Entsetzen über das, was er gerade erlebt hatte, überwog.
Schneiders Assistentin Tanja fragte, wie es gelaufen war. Nach der Antwort „Nur das übliche Zeug von Krantz, war wie immer furchtbar“, sah sie ihn ungläubig an. In diesem Moment wurde ihm klar, es war Unsinn, die Sache herunterzuspielen. Er fügte hinzu: „Vielleicht müssen wir ab jetzt etwas mit Bazillen arbeiten.“
Tanjas Kollegin Karin regte sich auf, fand es Schwachsinn, von einem Tag auf den anderen die Arbeit völlig umzustellen. Tanja zuckte mit den Achseln, meinte: „Und wenn schon, das kriegen wir hin.“ Sie blieb gelassen, war geduldig und verließ sich auf ihre Erfahrung. Bevor sie zu Schneider kam, hatte sie für die Gerichtsmedizin im Leichenschauhaus gearbeitet. Zwar war sie keine ausgebildete Sektionsassistentin, hatte sich aber die dafür notwendigen Fähigkeiten zur Präparation der Organe, der Fixierung der Proben und der fotografischen Dokumentation angeeignet. Oft war sie mit diesen Arbeiten stundenlang allein in dem neonbeleuchteten Sektionssaal und was sie jeden Tag dort sah, brachte ihr eine stoische Grundhaltung ein. Eines Tages hatte sie genug davon und sich auf die Stelle am IEI bei Schneider beworben. Ihm hatte sie erzählt, es wäre der Geruch des Todes gewesen, den sie irgendwann nicht mehr ausgehalten hätte. Eine Erbschaft aus dieser Beschäftigung war das Rauchen, das sie sich in dieser Zeit angewöhnt hatte, um den Leichengeruch, von dem sie meinte, er würde an ihr kleben, zu überdecken. Gelernt hatte Tanja den Beruf einer veterinärmedizinischen Assistentin in einer Großtierpraxis. Von ihrem Lebenslauf her war sie einiges gewohnt und kannte vieles. Ihre Ehe mit ihrem Mann Arno war vor drei Jahren in die Brüche gegangen, nachdem sie ihnin flagrantimit ihrer besten Freundin ertappt hatte. Sie hatte sich damals geschworen, nie wieder zu heiraten. Seitdem lebte sie allein, bis auf kurze Affären, die aber nie länger als ein paar Wochen oder Monate hielten.
Leo Schneider sagte nichts weiter und verzog sich in sein Büro. In seinen Gedanken drehten sich die Worte „Anthrax, Bazillen, Anthracis, Bacillus“ im Kreis. Wie alle Bazillen hatte Anthrax die Eigenschaft Sporen zu bilden. Als Spore konnten die Bazillen sich zwar nicht vermehren, waren aber auch nicht tot und konnten in dieser Form Hitze, Kälte und Trockenheit jahrzehntelang überdauern. Man nahm an, das Leben hätte sich im All in Form von Sporen verbreitet, denn nur Sporen könnten den langen Weg durch den kalten und trockenen Weltraum unbeschadet überstehen. Träfen sie irgendwann auf einen neuen Planeten mit günstigen Lebensbedingungen, dann konnten die Sporen wieder auskeimen und sich wie ganz gewöhnliche Bakterien vermehren. Und das Leben auf der Erde? Waren Bakterien nicht die erste Stufe davon gewesen?
Am späten Nachmittag, als er allein im Labor war, erinnerte sich Leo Schneider daran, dass er früher schon einmal mit Bazillen gearbeitet hatte. Er war damals zweiundzwanzig, es war in den drei Monaten, bevor er mit seiner Diplomarbeit begann. Er verdiente sich sein erstes Geld in seinem späteren Beruf als studentische Hilfskraft im Labor von Helmuth Linde. Dort sollte er Mutanten des Heubacillus isolieren. Der Heubacillus war harmlos. Er kam in Erde und auf Pflanzen vor und sein Name kam daher, dass er aus einem Aufguss aus Heu und Wasser leicht anzuzüchten war. Im trockenen Heu überlebte der Bazillus als Spore.
Die Widerstandsfähigkeit von Sporen gegen Hitze hatte Schneider durch eine absichtslose Spielerei selbst erfahren. Nachdem er den ganzen Tag mit den Heubazillen gearbeitet hatte, brachte er sie aus einer Laune heraus über der Flamme des Bunsenbrenners zum Kochen. Das habt ihr davon, dachte er, als er die blubbernde Bouillon betrachtete. Dann wurde er neugierig. Ob einige der Bazillen diese Hitze vielleicht überlebt hatten? Da war noch eine Schale mit dem Nährboden übrig, auf dem man die Bazillen zu Kolonien wachsen lassen konnte. Aus einem Bazillus wurden durch ständige Teilungen nach wenigen Stunden Millionen, und weil sie dicht nebeneinander wuchsen, wurden ihre Kolonien für das bloße Auge als millimetergroße, gelbliche Punkte sichtbar. Nachdem Schneider die aufgekochten Bazillen auf dem Nährboden verteilt hatte, stellte er die Schale in den Brutschrank. Er ließ sie über Nacht dort, damit die Bazillen sich vermehren konnten. Allerdings rechnete er nicht damit, dass es überlebende Bazillen gab, und ging nach Hause.
Als er am nächsten Morgen die Schale aus dem Brutschrank nahm, waren aber doch ein paar Kolonien zu sehen. Schneider verstand das nicht und sprach mit Helmuth Linde darüber. Als der die Geschichte hörte, lachte er und sagte: „Ist doch klar, da waren ein paar Sporen in deiner Kultur. Es gibt immer welche, sozusagen für den Notfall und nur die Sporen überleben das Kochen. Alle anderen Bazillen gehen kaputt. Nachdem du die Sporen auf den Nähragar gebracht hast, sind sie ausgekeimt und wieder zu Kolonien herangewachsen. So einfach ist das.“
Schneider hatte das beeindruckt. Es war etwas anderes, darüber in einem Lehrbuch zu lesen, oder die über der Flamme brodelnde Kultur zu sehen, um festzustellen, dass in der kochend heißen Suppe doch nicht alles Leben erloschen war.
Diese Geschichte war ihm wieder eingefallen. Er dachte an die Durchfallbakterien, mit denen er arbeitete. Die bildeten keine Sporen und schon bei 60 °C Hitze wären sie alle futsch gewesen. Und dann fiel ihm ein, was er mit dem Staub aus dem Anthraxbrief machen musste. In Wasser auflösen, aufkochen und danach auf den Nähragar bringen. Wenn der Staub Sporen enthielt, würde er sie am nächsten Tag als Kolonien finden. Genauso wie damals mit dem Heubazillus. Wenn aber nichts auf dem Nähragar wuchs, dann enthielt der Staub keine Sporen und damit auch keine Anthraxbazillen.
Schneider wurde zuversichtlicher. Nachdem er aus Datenbanken die genetischen Eigenschaften der Anthraxbazillen ermittelt hatte, beschloss er, diese durch PCR-Verfahren nachzuweisen. PCR, das stand für eine Methode, mit der Teile der Bakterien DNA millionenfach vermehrt wurden. Nach einer Stunde hatte man soviel davon, dass man das Produkt durch eine Färbung sichtbar machen konnte. Bildete sich ein gefärbtes Produkt, dann enthielt die Probe Anthraxbazillen, wenn nicht, dann nicht. Die PCR konnte er an einem Tag durchführen. Einen Anthraxstamm zur Kontrolle würde ihm Krantz mit seinen Beziehungen schon organisieren, dachte Schneider.
Aber vieles lief anders, als Schneider dachte. Nach der Sitzung bei Krantz war Gerhard Hellman nicht untätig geblieben und legte mit seinen Leuten los. Für ihn war das die Gelegenheit, zur mächtigsten Figur im IEI neben Krantz aufzusteigen und das wollte er sich nicht entgehen lassen. Nur deswegen hatte er gleich die Initiative ergriffen. „Wir können das machen!“ Das dumme Gesicht von Schneider hatte er noch vor Augen. Hellman musste lachen, denn Schneider bekam gar nicht mit, was er alles machte.
Die von Krantz verordnete Zusammenarbeit begann damit, dass Schneider den Brief aus dem Möbelhaus nie zu Gesicht bekam. Hellman hatte den Brief und seinen Inhalt mithilfe eines medizinischen Labors als ungefährlich identifiziert. Mit dem Ergebnis war er dann zu seinem Freund Krantz gegangen, um sich für die schnelle Aufklärung beglückwünschen zu lassen. Schneider blieb uninformiert, aber Hellman kam in dieser Zeit öfter bei ihm im Labor vorbei und fragte ihn über dies und jenes aus. Schneider fühlte sich bestätigt, denn er merkte, wie wenig Hellman von Bakteriologie verstand. Hellman war doch von ihm abhängig, dachte er. Der hatte zwar viele Leute, aber keinen Mikrobiologen.
Aber Hellman hatte etwas ganz anderes vor. Leo Schneider war für ihn Konkurrenz, die er kaltstellen wollte. An einem Freitagnachmittag kam er in das Labor von Schneider und kündigte einen neuen Brief zur Bearbeitung auf Anthrax an. „Schaffen Sie das bis morgen?“, fragte Hellman.
Leo Schneider und Tanja waren bei der Arbeit und schauten Hellman entgeistert an. Schneider begann zu rechnen, in der Summe ergab das eine Arbeitszeit von acht Stunden. Wenn er jetzt damit anfing, würde er bis Mitternacht daran sitzen. „Haben Sie die Probe dabei?“, fragte Schneider.
„Die soll bald mit der Polizei im Institut eintreffen, ich melde mich dann gleich bei Ihnen“, erwiderte Hellman.
Das konnte sich bis in den Morgen hinziehen. Tanja wollte eigentlich schon seit einer halben Stunde weg sein. Vor Montag war nicht wieder mit ihr zu rechnen. Hellman wollte das Ergebnis aber bis morgen. Schneider sagte zu, ihm blieb auch keine andere Wahl. Weigerte er sich, am Wochenende zu arbeiten, hätte Hellman einen Grund ihn bei Krantz anzuschwärzen. Eigentlich wollte er früher gehen, seine Tochter Elsa hatte ihren Besuch aus Frankreich angekündigt. Früh gehen konnte er jetzt abschreiben. Ich muss sehen, wie weit ich komme, dachte er, wenn es zu spät wird, mache ich den Rest der Arbeit morgen früh.
Hellman schien zufrieden, er ging und versprach, die Probe vorbeizubringen. Nachdem Tanja fort war, setzte Schneider sich in sein Büro, machte sich einen Tee und überlegte, ob er alles für die Untersuchung parat hatte. Die Zeit verging, Schneider wartete auf die Probe, nachdem er die Vorbereitungen abgeschlossen hatte. Die Gefäße und Reagenzien standen auf Eis, alles war bereit. Es fehlte nur noch die Probe. Inzwischen war es bereits Viertel nach sieben. Schneider hatte seine Frau Louisa angerufen und gesagt, es würde später werden.
Die Zeit verging und das Untersuchungsmaterial war immer noch nicht da. Schließlich rief Schneider bei Hellman an. Erst in seinem Büro, dann im Labor, aber niemand hob ab. Die Privatnummer von Hellman hatte er nicht. Vielleicht hatte Hellman angerufen, als Schneider auf der Toilette gewesen war? Aber dann hätte er es doch noch einmal versucht oder wäre vorbeigekommen. Und wenn die Proben heute gar nicht mehr kämen? Schneider ging in den zweiten Stock und fand die Labore und das Büro von Hellman verschlossen. Inzwischen war es acht Uhr. Niemand war mehr da, der Auskunft geben konnte. Schneider rief den Pförtner an und fragte, ob Proben für ihn hinterlegt wurden. Nein, da war nichts!
Schneider beschloss, nach Hause zu gehen. Der arrogante Hellman hatte es nicht für nötig befunden, ihm zu sagen, dass die Probe heute nicht mehr eintreffen würde. Schneider ärgerte sich über den gestohlenen Abend. Kurz nach neun Uhr war er zu Hause. Er hatte zwölf Stunden im Institut verbracht und musste Louisa erklären, warum er morgen den ganzen Tag im Institut verbringen müsste. Elsa war gerade angekommen und enttäuscht, weil er am Wochenende kaum noch Zeit hatte.
Nach einer schlecht verbrachten Nacht rief Schneider am Samstag früh die Pforte des IEI an. Dort stand der Kühlschrank für Probenmaterial, welches außerhalb der Dienstzeiten abgegeben wurde. Der Pförtner schaute nach, es gab nichts und er konnte sich nicht erinnern, dass seit gestern etwas für Schneider eingetroffen war. Toll, dachte Schneider. Wieder einmal so eine Ankündigung. Er kannte das schon. Beim leisesten Verdacht gab es sofort Großalarm. Die Polizei hatte einen Heidenrespekt vor den Briefen und wollte sie so schnell wie möglich abliefern. Wahrscheinlich war es blinder Alarm gewesen. Immerhin, der Samstag war gerettet.
Aber es war alles ganz anders und nach einem ruhigen Sonntag mit seiner Familie, wartete am Montag im Institut eine Überraschung auf Schneider. Kaum hatte er das Labor betreten, kam Tanja und sagte: „Du, der Hellman hat schon dreimal angerufen, der ist stinksauer und hat gefragt, wo wir denn am Freitag gewesen sind.“
„Wieso?“, fragte Schneider, „Hellman war doch am Freitagabend längst weg. Ich habe bis nach acht gewartet, nach ihm gesucht und ihm hinterher telefoniert.“
Tanja war noch nicht fertig. „Hellman hat gesagt, er hätte deinetwegen die Probe selbst untersuchen müssen, damit das Ergebnis rechtzeitig für das BKA vorliegt.“
Jetzt dämmerte Schneider, was hier gespielt worden war. Eine Intrige. „So ein Schwein!“, platzte es aus ihm heraus.
Und so war es. Hellman hatte durch seine Mitarbeiter die Anthrax-PCR aufbauen lassen und von Krantz Anthraxbazillen bekommen. Er hatte Schneider nichts davon erzählt und außerdem hatte Hellman den ersten Zugriff auf die eintreffenden Verdachtsproben. Wie Schneider später erfuhr, war die Probe in Wirklichkeit schon am Freitagvormittag in Hellmans Labor gelangt. Hellman hatte die Ergebnisse schon in der Tasche, als er am Nachmittag bei Schneider im Labor auftauchte. Mit seiner Inszenierung wollte Hellman nur erreichen, dass Schneider nach vergeblichem Warten irgendwann nach Hause ging. Am Samstag hatte Hellman dem Direktor das Ergebnis der Untersuchung mitgeteilt und sich über den unzuverlässigen Schneider beklagt, der es vorgezogen hatte, seinen Feierabend einzuläuten, anstatt seine Pflicht zu tun.
Ob Krantz über die Intrige Bescheid wusste, spielte keine Rolle. Hellman hatte sein Ziel erreicht. Von nun an hatte er die Federführung bei der Untersuchung der Verdachtsproben, Schneider war zur Randfigur geworden. Kurz darauf besiegelte Krantz das offiziell und ernannte Hellman zum Leiter der Arbeitsgruppe Bioterrorismus. Von Zusammenarbeit mit Schneider war nur noch in soweit die Rede, als dass man in ihm einen Zuarbeiter sah. Mit seinen neuen Befugnissen ließ Hellman einen Raum im Innentrakt des Neubaus als Hochsicherheitslabor ausbauen. Er bekam Mittel, den schon älteren Mikrobiologen Bartow, der seine Position an der Humboldt-Universität verloren hatte, einzustellen. Jetzt hatte Hellman seinen Mikrobiologen, ein Veterinär, der sich mit Anthrax gut auskannte. Bartow blieb auf Hellman angewiesen, denn der gab ihm nur befristete Arbeitsverträge, deren Verlängerung er vom Wohlverhalten Bartows abhängig machte.
Die Alarmstufe für Anthrax blieb bestehen. Damit hatte Hellman weitreichenden Zugriff auf die Techniker und Wissenschaftler des IEI. Er erstellte einen Dienstplan, der die Wochenenden, Feiertage und Ferienzeiten mit einschloss. Alle Mitarbeiter, auch Schneider und seine Assistentinnen, hatten sich zu einem festgelegten Zeitplan zu Diensten einzutragen. Die Einweisung der Mitarbeiter in die Anthraxuntersuchung erfolgte durch Bartow und seine Assistentin. Kurze Zeit danach berichteten Krantz und Hellman auf einer Pressekonferenz, was sie zur biologischen Gefahrenabwehr auf die Beine gestellt hatten. Die Bürger konnten beruhigt schlafen, für ihre Sicherheit war gesorgt. Dieser Coup steigerte das Ansehen von Krantz. Anfragen im Parlament und Druck von politischer Seite ließen Geld und neue Stellen für den Aufbau der neuen AbteilungBiologische Gefahrenabwehr, kurz BIGA genannt, fließen.
Durch den Presserummel schwoll die Menge der verdächtigen Briefsendungen, die im IEI eintrafen, mehr und mehr an. Krantz hatte einen Mechanismus in Gang gebracht, der sich von selbst verstärkte und so am Leben erhielt. Was die Briefe betraf, so erschien der Geisteszustand der Absender oft bedrohlicher als ihr Inhalt. Anonym geschrieben, enthielten sie meistens Beschimpfungen und Bedrohungen. Wenn Leute etwas über sich in den Medien lesen, hören oder sehen wollten, reichte es schon, einen solchen Brief mit einer Prise Backpulver an die Adresse eines Prominenten, Ministeriums oder einer Botschaft zu schicken.
Am nächsten Tag konnten sie dann das öffentliche Echo ihrer Aktion verfolgen. Manch einer fand es schade, anonym zu bleiben und tat sich mit seinem Werk wichtig. Aber die wenigen Briefschreiber, die von der Polizei geschnappt wurden, waren solche, die sich irgendwann verplappert hatten.
Briefe, die Verdacht erregten, wurden von der Polizei in bruchsichere Spezialbehälter verpackt und mit Blaulicht und Sirene ins IEI gebracht. Für einen Brief im Wert von einem Euro entstanden mehrere Tausend Euro Kosten, wenn man die Polizei- und die Laborarbeit berechnete. Das Geld fehlte an anderer Stelle, aber das kümmerte Krantz nicht. Wie viele Briefe mussten noch eintreffen, bevor man begriff, dass es vernünftiger war, sie gefahrlos zu vernichten, anstatt jede Woche ihren Pegelstand in der Zeitung auszukrähen?
Schneider hatte sich das bald gefragt. Aber mit Vernunft hatte es nichts zu tun. Es ging um Geld, Macht und Einfluss. Selbst der zuständige Minister profitierte davon, weil seine Stellung in der Regierung gestärkt wurde. Als die Briefwelle abrupt endete und man Bilanz zog, hatte es in Deutschland nicht einen Brief gegeben, der tatsächlich Anthraxbazillen enthalten hatte.
Schneider war in dieser Zeit mit den Anthraxuntersuchungen, bis auf die Wochenenddienste, nicht weiter beschäftigt. Hellman hatte sein Ziel erreicht und benötigte ihn nicht mehr. Nach der Intrige war Schneiders Ruf beim Direktor sowieso ruiniert. Hellman hatte jetzt die Leitung der BIGA, dazu Personalstellen und Mittel, sich die neuesten Laborgeräte und DNA-Sequenziergeräte anzuschaffen. Was Schneider zur Verfügung stand, war dagegen mehr als bescheiden. Nachdem er für Hellman keine Konkurrenz mehr darstellte, schien Leo Schneider aus der Schusslinie geraten zu sein. Man ließ ihn in Ruhe weiter an seinen alten Projekten arbeiten.
In dieser Zeit gab es neue Informationen zu den echten Anthraxbriefen, die in den USA kursiert hatten. Mit Sicherheit stammten die Sporen aus einem Profilabor. Dafür sprachen die genetischen Eigenschaften der Bazillen und die Aufbereitung des Sporenpulvers. Immerhin, die Sache hatte dazu gedient, dass man nun willens war, den Schurkenstaaten im Nahen, Mittleren und Fernen Osten militärisch das Handwerk zu legen. Nachdem ein Mitarbeiter des Anthraxlabors ausFort Detricktot aufgefunden worden war - es sah wie Selbstmord aus - endete der Briefspuk so plötzlich, wie er angefangen hatte. Die Briefe waren nun nicht mehr wichtig, der Krieg gegen den Terror hatte begonnen und es gab gewaltige finanzielle Zuwendungen für die biologische Sicherheitsforschung. Für jede Milliarde, die in den USA ausgegeben wurde, floss in Deutschland nur eine Million. IEI Direktor Krantz versäumte keine Gelegenheit, sich darüber auszulassen. Aber auch die Millionen sicherten den Fortbestand der BIGA, nachdem es keine Anthraxbriefe mehr gab.
Die von Hellman geleitete BIGA war inzwischen größer geworden. Ein Leiter der bakteriologischen Sektion wurde gesucht und in der Person des Biochemikers Horst Griebsch gefunden. Hellman hatte darauf geachtet, dass man jemanden einstellte, der ihm als Konkurrent nicht gefährlich werden konnte. Griebsch hatte sich praktisch kaum mit Bakterien beschäftigt. Er war jahrelang in der Verwaltung tätig gewesen und somit für Hellman der geeignete Kandidat.
Mit der Verschärfung der Irakkrise drängte die Politik zu einem immer weiteren Ausbau der biologischen Sicherheitsforschung. Saddam Hussein und andere Schurken hatten in ihren Arsenalen außer Anthrax noch andere Biowaffen. Die musste man beforschen, um dagegen gewappnet zu sein. Hellman und Griebsch bekamen von Krantz den Auftrag die BIGA entsprechend aufzurüsten. Für Schneider bedeutete das vor allem, dass er und seine Gruppe dem Newcomer Griebsch unterstellt wurden.
Leo Schneiders neuer Vorgesetzter, Professor Horst Griebsch war mit Anfang fünfzig fast völlig kahl. Mit seinem Kinnbart, der dicken Hornbrille und seiner gesetzten Stimme gab er das Bild eines gestandenen Mannes der Wissenschaft. Von dem eher plump auftretenden Hellman unterschied er sich durch einen jovialen Umgangston. Als typischer Alt-Achtundsechziger bot er seinen Mitarbeitern gerne das Du an. Je nach seinem Gegenüber vermittelte er das Image des guten Kumpels oder des väterlichen Freundes.
Griebsch redete viel von Loyalität. Loyalität war eine Sache, die er forderte, aber nicht bereit war zu geben. Er bat seine Mitarbeiter zu Vieraugengesprächen, in denen er mit angeblich wichtigen Informationen hausierte, die er wie Schwarzmarktware anbot. Manche ließen sich davon beeindrucken, fühlten sich geschmeichelt und machten alles, was er von ihnen wollte. Griebsch war bewusst, dass er von vielem etwas, aber nichts richtig verstand. Das machte ihn zu einem unsicheren Vorgesetzten, der seine Leute gegeneinander ausspielte. Nur so konnte er sich in seiner Position einigermaßen sicher fühlen.
Bei einem dieser Treffen sagte er zu Schneider: „Wir sind doch beide an Wissenschaft interessiert, das mit dem Bioterror ist doch nur vordergründig.“ Schneider glaubte ihm, erzählte von sich und von seinen Problemen mit Hellman und Krantz. Griebsch verstand das, versprach Unterstützung und als Zeichen der Zusammenarbeit überließ er Schneider die Betreuung seiner Studenten. Das ersparte ihm Arbeit und gleichermaßen hoffte er, davon zu profitieren. Am wichtigsten war ihm aber, er hatte den unbequemen Schneider eingebunden und glaubte, dieser würde in seinem Sinne funktionieren.
Vielleicht hätte Schneider auf diese Art auch funktioniert. Hier ein bisschen Geld für die Forschung, da ein paar Studenten und dort eine kleine Freiheit im Labor. Das Problem lag bei Griebsch, bei seinem Argwohn, der ihm als Mensch ohne Rückgrat wie eine Krücke diente. Eine Zeit lang hielt die labile Konstruktion zwischen Griebsch und Schneider, aber ein kleiner Anlass genügte, um sie zum Einsturz zu bringen.
Der Anlass hieß Rudolf Drewitz, ein früherer Vorgesetzter Schneiders. Drewitz stand kurz vor seiner Pensionierung, damit war er praktisch immun gegenüber den Disziplinierungsmaßnahmen der Leitung. Drewitz war von der Idee getrieben, die dunklen Machenschaften im IEI ans Licht zu bringen. Die von Krantz betriebene Abwickelung der Bakteriologie hatte ihm nicht gepasst. Drewitz war kurz vor dem Mauerbau aus der DDR in den Westen übergesiedelt, um dort Mitglied einer großen politischen Partei, die für Gerechtigkeit stand, zu werden. In der Partei und im Institut machte er sich bald einen Namen als Kommunikator. Er saß mehr am Telefon als im Labor. Mit seiner Partei und seiner Rolle als Kämpfer für die Gerechtigkeit stand er in Fundamentalopposition zu Krantz.
Drewitz startete eine Kampagne gegen den Vizedirektor Tobias Arnold, nachdem er auf dem Fotokopierer zufällig einen Beratervertrag gefunden hatte. Einen Vertrag, den Arnold mit einer Pharmafirma abgeschlossen und unachtsam liegen gelassen hatte. Für den Beamten Arnold konnte das Konsequenzen haben. Beraterverträge bedurften der Genehmigung des Ministeriums. Arnold hatte nicht darum ersucht. Die Geschichte wäre in einem Disziplinarverfahren geendet, wenn Krantz mit seinem Einfluss die Sache nicht heruntergespielt hätte. Arnold war ihm daraufhin so ergeben, dass er sich ein gerahmtes Porträt von Krantz neben das Foto seiner Familie auf den Schreibtisch stellte.
Drewitz, der über seine Partei Verbindungen zu Parlamentariern hatte, bohrte weiter. Immerhin ging es um ein fünfstelliges Honorar. Er brachte Arnold immer wieder in Erklärungszwang. Irgendwann hatte Drewitz Schneider davon erzählt. Drewitz sagte, es gäbe noch mehr Informationen und er könne dafür sorgen, dass Arnold nicht mehr lange als Vizedirektor tragbar wäre. Das wirkte übertrieben, aber Schneider wusste, wie viel Einfluss Drewitz in bestimmten Kreisen hatte. Drewitz Aktivitäten liefen zumeist über die Frauen von Politikern, die in dieser Zeit der Opposition angehörten. Gegenüber den Damen spielte er die Rolle des galanten Kavaliers, führte sie aus, bevorzugt in die Oper oder ins Konzert. Weil Drewitz schwul war, hatte er ein besseres Gespür für die Bedürfnisse dieser Frauen, als ihre eigenen Männer, die sich kaum noch für ihre Gattinnen interessierten.
Schneider war klar, Drewitz ging es dabei um politische Einflussnahme. Aber Arnold hatte sich ihm gegenüber mies verhalten, als Krantz ihm seine Assistentin Daniela abgezogen hatte. Aus diesem Grund fand Leo Schneider die Initiative von Drewitz auf eine Art amüsant. Aus einer Laune heraus hatte Schneider Griebsch von Drewitz Plänen erzählt. Griebsch gab ja den Anschein, distanziert gegenüber der Institutsleitung zu sein.
Als Schneider eines Nachmittags in sein Labor kam, flüsterte Tanja ihm zu: „Albino ist bei dir im Büro.“ So nannte sie Arnold, wegen der farblosen Haare und seiner Augen, die manchmal rötlich wie bei einer weißen Maus schimmerten. Schneider dachte sich nichts weiter. Als er in sein Büro kam, saß Arnold dort auf einem Stuhl. Arnold ließ ihm keine Zeit für Fragen und polterte los: „Mir wurde zugetragen, dass Herr Drewitz Ihnen gegenüber verleumderische Behauptungen über mich aufgestellt hat, mit der Absicht, meine Person zu schädigen. Ich muss Sie bitten, als Zeuge zur Verfügung zu stehen, damit wegen übler Nachrede Disziplinarmaßnahmen gegen Herrn Drewitz vorgenommen werden können.“
Schneider war perplex. Woher wusste Arnold von dieser Sache? Ob Griebsch etwas erzählt hatte? Aber zuerst musste er Arnold abwimmeln und sagte: „Wenn man alles, was einem auf dem Flur zwischen den Labortüren erzählt wird, für bare Münze nimmt, müsste man das halbe Institut wegen Beleidigung und übler Nachrede anzeigen.“
Arnold ließ sich nicht abwimmeln und drohte Schneider, er mache sich strafbar, wenn er den Verleumder Drewitz deckte. Schneiders Position im Institut sei dann gefährdet. An der Geschichte von Drewitz musste also etwas dran sein, dachte Schneider und ärgerte sich, Griebsch davon erzählt zu haben, denn nun bekam er dafür die Quittung. Ihm blieb nur zu sagen: „Wissen Sie Herr Arnold, ich kann mich an den Inhalt des Gespräches nicht mehr genau erinnern, was soll ich denn da zu Protokoll geben?“ Schneider blickte an Arnold vorbei auf seinen Computerbildschirm, auf dem es außer Schwärze nichts zu sehen gab.
Arnold wurde knallrot und richtete sich halb auf. „Denken Sie doch mal daran, wie ich damit an den Pranger gestellt werde.“ Seine Stimme stieg um einen Grad höher. „Das ist unkollegial, Herr Schneider, Sie können mich nicht einer solchen Schmutzkampagne aussetzen!“
Diese Leute redeten immer dann von Kollegialität, wenn sie selbst in der Patsche saßen, dachte Schneider. „Ich kann mich nicht an ein solches Gespräch erinnern, Herr Professor Arnold. Bedaure.“
Arnold stand ruckartig auf, der Bürostuhl rollte nach hinten und prallte an einen Tisch. Dann verließ er das Büro, ohne noch etwas zu sagen. Besser so, dachte Schneider, wer wusste schon, was er sonst noch zu Arnold gesagt hätte. Nun hatte er sich einen erklärten Feind gemacht. Noch Stunden später ging Schneider diese Sache nicht aus dem Kopf. Er ärgerte sich über die Hinterhältigkeit, mit der Griebsch ihn ins Vertrauen gezogen hatte, aber noch mehr über seine eigene Naivität.
Am gleichen Tag ging er zu Griebsch, um zu reden. Er dachte, Griebsch würde alles abstreiten, aber das Gegenteil war der Fall. „Drewitz ist doch ein Spinner, er hat dir früher soviel Ärger gemacht, warum schützt du ihn?“
Schneider fing an sich zu rechtfertigen und sagte, die Sache war nicht für Arnolds Ohren bestimmt. Er hatte gedacht, Griebsch würde das vertraulich behandeln und im Übrigen würde er niemanden anschwärzen.
Griebsch versuchte Schneider zu überreden: „Ich habe Arnold das alles doch nur in unserem Interesse erzählt. Drewitz will uns allen schaden. Wenn er mit seinen Behauptungen Gehör findet, steht das ganze IEI schlecht da, und auch du leidest darunter.“ Sein Tonfall wurde plötzlich schärfer: „Für uns alle wäre es besser, wenn Drewitz möglichst bald geht. Es bringt nichts, sich vor ihn zu stellen.“
Leo Schneider fühlte, wie er in eine Richtung gedrängt wurde, in die er nicht wollte. Hatte Griebsch nicht versprochen, dass alles vertraulich blieb? Jetzt gab er sogar zu, Arnold informiert zu haben. Vielleicht hatte Arnold jetzt wieder seine Finger drin und wollte ihn durch Griebsch dazu bringen, Drewitz doch anzuschwärzen. Schneider hatte die Lust zu weiterem Reden verloren. Griebsch schaute ihn durch seine Brille an, als erwartete er etwas von ihm. Schneider schwieg. Als die Spannung zunahm und Schneider schließlich aufstand und gehen wollte, hörte er, wie Griebsch ihm hinterher rief: „Ich halte dir den Rücken frei, aber dafür erwarte ich von dir Loyalität, vergiss das nicht!“
Leo Schneider war schon auf dem Flur, als er die Drohung begriff. Jetzt hatte er Arnold und Griebsch gegen sich. Irgendetwas musste er tun. Er dachte an Drewitz. Drewitz war nicht sein Freund, konnte aber vielleicht auf der politischen Ebene etwas erreichen. Eine Zeit lang geschah nichts. Arnold und Schneider behandelten sich wie Luft, wenn sie sich begegneten. Schneider erinnerte sich, wie er vor ein paar Jahren Arnold im Hallenbad getroffen hatte. Arnold stand nackt unter der Dusche und tat so, als würde er Schneider nicht kennen. Dabei hatte er ihn genau gesehen. Vermutlich hasste Arnold ihn seitdem, es hatte ihm nicht gefallen, dass ihm Untergeordnete einen Einblick auf seine bescheidene Männlichkeit nehmen konnten.
Nach einigen Tagen ging Schneider doch zu Drewitz und erzählte ihm von Arnolds Forderung und dem Gespräch mit Griebsch. Drewitz lachte hämisch und verzog seinen Mund zu einer Grimasse. „Der macht mir keine Angst, im Gegenteil. Arnold und Griebsch sind korrupte Existenzen, Schwächlinge, denen das Handwerk gelegt werden muss.“ Er tat einem Seitenblick, als wollte er sich vergewissern, dass niemand anderes zuhörte und flüsterte: „Und Krantz, der sich vor Arnold stellt, der ist sowieso fertig, dem haben sie nämlich die Eier abgeschnitten.“ Schneider schaute ihn mit großen Augen an. „Ja!“, betonte Drewitz genüsslich: „Sie haben ihn kastriert, ihm die Eier abgeschnitten. Totaloperation, Krebs!“ Drewitz nickte mehrmals und sah Schneider aus seinem bleichen Gesicht an, in dem die Augen tief in den Höhlen lagen. Er erinnerte Schneider an den Vampir Nosferatu aus dem Film von Fritz Lang. „Woher willst du denn das wissen?“, fragte er.
„Man hat so seine Quellen“, erwiderte Drewitz und griente, als er sah, wie seine Worte bei Schneider Wirkung zeigten. Wie schon so oft versuchte er, Schneider für seine Partei zu begeistern. Der wehrte ab. „Sei nicht töricht“, sagte Drewitz. „Du brauchst Verbündete. Wie willst du denn das alleine durchstehen?“
Schneider wollte sich keiner Organisation verpflichten. Drewitz war inzwischen der Dritte, der ihn vor seinen Karren spannen wollte. Mit jeder neuen Person, mit der er über seine Schwierigkeiten sprach, wurde seine Situation komplizierter.
„Sei nicht dumm“, bedrängte ihn Drewitz weiter, „überleg es dir.“
