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Das Hotel Rocha Monte Palace ist das erste Haus am Platz auf dem gesamten Archipel. Doch das Luxushotel in den Bergen versinkt an 220 Tagen im Jahr in dichtem Nebel, während nur wenige Meter tiefer die Sonne scheint. Nach einer Saison schließt das Rocha Monte seine Pforten. Als der Haustechniker Aurelio Fuertes und sein Freund, der Chauffeur José Dante Barosa, beauftragt werden, die kalte Pracht zu bewachen, glauben sie, das große Los gezogen zu haben. Sie sind überzeugt, dass sie nach einem erfolgreichen Verkauf als Erste wieder angestellt werden. Doch das Rocha Monte findet keinen Käufer. Nicht nach wenigen Wochen, auch nicht nach einem Jahr … Nach fünf Jahren gibt José auf. Aurelio bleibt. Aus einem liebenswerten, freundlichen Mann wird ein sturer Griesgram, der sich zusammen mit seinem riesigen Hund Kuno wie ein Drachen vor dem Hotel aufbaut und sich mit allen überwirft. Seine Frau lässt sich scheiden, die Kinder kennen ihren Vater nicht, seine Freunde meiden ihn. Doch als er nach zwanzig Jahren verschwindet, geschieht genau das, was Aurelio Fuertes vorausgesehen hat: Das Rocha Monte Palace wird von Einheimischen bis auf die Grundmauern geplündert. Ein Publizist, der auf der Insel die Ferien verbringt, gelangt in den Besitz der Tagebücher des Wächters Aurelio Fuertes. Aus Gesprächen mit Familie und Freunden erfährt er, was wirklich geschehen ist. Von Aurelios Kampf gegen die Natur und seinem Frieden, den er zu guter Letzt mit ihr schließt. Rocha Monte erzählt in beeindruckenden Bildern und einer präzisen Sprache die Emanzipation aus einem beflissenen Pflichtbewusstsein in eine beeindruckende Zuversicht.
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Seitenzahl: 293
Veröffentlichungsjahr: 2023
Cover
Impressum
Autor und Klappentext
Titelseite
Buchanfang
Teil I
Teil II
Der letzte Drachen
Der Verlag und der Autor bedanken sich bei der Schweizer Kulturstiftung des Kantons Thurgau für die finanzielle Unterstützung.
© 2023, Septime Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten.
Lektorat: Teresa Profanter
Cover: Jürgen Schütz
Coverbild: © i-stock
EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer
ISBN: 978-3-902711-95-3
Printversion: Hardcover, Schutzumschlag
ISBN: 978-3-99120-020-8
www.septime-verlag.at
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Peter Höner
in Eupen geboren, wuchs in Belgien und der Schweiz auf. Nach einem Schauspielstudium in Hamburg und seiner Tätigkeit als Schauspieler u.a. in Basel, Bremen und Berlin lebt er seit 1981 als freischaffender Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur. Der mit zahlreichen Preisen, Stipendien und Residenzen bedachte Autor von Theaterstücken, Drehbüchern und Romanen lebt auf dem Iselisberg im Thurgau.Rocha Monte ist sein erster Roman bei Septime.
Klappentext:
Das Hotel Rocha Monte Palace ist das erste Haus am Platz auf dem gesamten Archipel. Doch das Luxushotel in den Bergen versinkt an 220 Tagen im Jahr in dichtem Nebel, während nur wenige Meter tiefer die Sonne scheint. Nach einer Saison schließt das Rocha Monte seine Pforten.Als der Haustechniker Aurelio Fuertes und sein Freund, der Chauffeur José Dante Barosa, beauftragt werden, die kalte Pracht zu bewachen, glauben sie, das große Los gezogen zu haben. Sie sind überzeugt, dass sie nach einem erfolgreichen Verkauf als Erste wieder angestellt werden. Doch das Rocha Monte findet keinen Käufer. Nicht nach wenigen Wochen, auch nicht nach einem Jahr … Nach fünf Jahren gibt José auf.Aurelio bleibt. Aus einem liebenswerten, freundlichen Mann wird ein sturer Griesgram, der sich zusammen mit seinem riesigen Hund Kuno wie ein Drachen vor dem Hotel aufbaut und sich mit allen überwirft. Seine Frau lässt sich scheiden, die Kinder kennen ihren Vater nicht, seine Freunde meiden ihn.Doch als er nach zwanzig Jahren verschwindet, geschieht genau das, was Aurelio Fuertes vorausgesehen hat: Das Rocha Monte Palace wird von Einheimischen bis auf die Grundmauern geplündert.Ein Publizist, der auf der Insel die Ferien verbringt, gelangt in den Besitz der Tagebücher des Wächters Aurelio Fuertes. Aus Gesprächen mit Familie und Freunden erfährt er, was wirklich geschehen ist. Von Aurelios Kampf gegen die Natur und seinem Frieden, den er zu guter Letzt mit ihr schließt. Rocha Monte erzählt in beeindruckenden Bildern und einer präzisen Sprache die Emanzipation aus einem beflissenen Pflichtbewusstsein in eine beeindruckende Zuversicht.
Peter Höner
Rocha Monte
Roman | Septime Verlag
Teil I
Die Wächter des Rocha Monte
1
Er kannte die Frau. Mitten im Trubel der Gäste, die nach Hause wollten, stand sie im Foyer und schüttete sich Erdnüsse in die Hand. Mit Daumen und Zeigefinger pickte sie ein Nüsschen auf, schob es in den Mund und zermalmte es genüsslich. Sie schielte in seine Richtung. Oder er irrte sich, und ihr Lächeln galt dem Geschmack der salzigen Nüsse.
Nahm sie ihn überhaupt wahr?
Es war nicht das erste Mal, dass er ihr begegnete, aber er wusste nicht, wer sie war, und je mehr er versuchte, sich zu erinnern, desto rätselhafter wurde sie. Ihre Haare, die sie sich gleich mehrfach um den Kopf gewunden hatte und die bei jeder Bewegung verrutschten und auseinanderzufallen drohten, das schmale Gesicht, der etwas blutleere Mund und ihr Lächeln. Dass sie seinetwegen hier sein könnte, hielt er für ausgeschlossen. Doch warum sie sich jetzt, da auch die letzten Besucher im Begriff waren, das Hotel zu verlassen, Nüsschen für Nüsschen in den Mund schob, beunruhigte ihn. In ein paar Minuten gingen hier die Lichter aus und die Türen wurden verschlossen.
Er musste sich um seine Kinder kümmern, um seine Frau, die mit den Mänteln vor der Drehtür stand, die die Gäste in die kalte Nacht schaufelte.
Vor knapp vier Stunden, während der Abschiedsrede des Direktors, war die Fremde vor ihm gesessen, und als er nach vorn zum Direktor gebeten wurde, hatte sie sich nach ihm umgedreht. Sie hatte ihm aufmunternd zugenickt, als wolle sie ihm Mut machen, oder bewunderte sie ihn, weil er es als Einziger geschafft hatte, seine Arbeit im Hotel auf dem Berg zu behalten? Als Haustechniker und Wächter.
Auch er war stolz auf seine Ernennung. Auf seinen Wunsch hin und weil die Aufgabe einen Einzelnen überfordert hätte, wurde gemeinsam mit ihm auch noch der Chauffeur José verpflichtet. Und nun wurden sie, er, Aurélio Fuertes, als verantwortlicher Wächter, und José Dante Barosa, als sein Helfer, vom Direktor zu einer symbolischen Schlüsselübergabe vor die versammelten Angestellten gerufen.
Das gesamte Personal würde das Hotel noch diesen Abend verlassen. Den Angestellten war gekündigt worden. Mitten im September, einen Monat bevor die offizielle Sommersaison zu Ende ging.
Die Schlüsselübergabe war dann aber keineswegs so symbolisch, wie er angenommen hatte. José und er standen vor der Belegschaft und deren Verwandten, und der Direktor überreichte ihm einen realen Schlüsselbund.
»Hier, die Schlüssel zu den Direktionsräumen, zu den Vorratskellern, zum Tresor. Und: Der Hauptschlüssel zu sämtlichen Zimmern, die zurzeit zwar leer sind«, witzelte der Direktor, »die sich aber schnell wieder füllen werden, wenn das Hotel Rocha Monte Palace einen neuen Besitzer gefunden hat und seine Tore wieder öffnet.« Und mit einem Schneid, der seine Enttäuschung verschleiern sollte, rief er den Versammelten zu: »Spätestens in drei Monaten sind Sie, meine lieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wieder hier. – Außer mir.«
Die Leute applaudierten. Und er, Aurélio, hielt den Schlüsselbund dem Publikum wie eine Trophäe entgegen und rief: »Wie Höllenhunde werden wir, José und ich, dafür sorgen, dass das Hotel Rocha Monte Palace diese böse Zeit unbeschadet überstehen wird«, und dann schrie er verwegen: »Als Zeichen meiner Verantwortung, das schwöre ich, als Zeichen meiner Verantwortung werde ich mir die Haare nicht mehr schneiden, bis das Hotel wiedereröffnet wird!«
Das Publikum lachte, Aurélio verbeugte sich ungeschickt, auch ein bisschen beschämt. Was ließ er sich zu einem so unbedachten Schwur hinreißen? Doch als er sich wieder aufrichtete, klatschten die Leute immer noch. Außer seiner Frau. Die klatschte nicht, das wusste er.
Lucia war dagegen, dass er dieses Wächteramt angenommen hatte. Sie hatte schon vor einem Jahr nicht verstanden, warum er sich für die Stelle als Haustechniker beworben hatte.
»In einem Nobelhotel, über dem fast das ganze Jahr der Nebel hängt. Touristen, die auf einer Insel Ferien machen, träumen vom Meer, von Sonne und Strand. Du verrätst deine Selbstständigkeit. Du glaubst, eine feste Anstellung sei bequemer als die tägliche Anstrengung, die dir ein eigenes Geschäft abverlangt.«
Und nun? Nach einer Saison musste das Hotel schließen, und ihr Satz »Du wirst in deinem Luxus versauern« dröhnte gleich einem Fluch in seinen Ohren.
Was er als Auszeichnung verstand – schließlich hatten sich über hundert Personen für den Posten beworben –, benutzte Lucia, um sich über ihn und seine Erwartungen lustig zu machen.
»Wer da oben ein Hotel baut, muss verrückt sein, oder ein Dummkopf. Zweihundert Tage im Jahr Regen und Nebel, drei Kehren tiefer scheint die Sonne. Aber der Herr glaubt, er leiste eine unverzichtbare Arbeit, weil er unter feinen Leuten, die ihn gar nicht wahrnehmen, in einem feuchten Keller hocken darf. Weil du ein paar Sicherungskästen und Ventile kontrollierst? Vollkommen sinnlos, wo doch alles neu und kaum gebraucht ist. – Nur für die Familie hat man keine Zeit mehr. Für mich, für die Kinder. Für unsere eigenen Pläne, wo wir doch auch nicht mehr die Jüngsten sind …«, und dann spulte sie die Leier mit einem eigenen Geschäft und Onkel Pepe ab, ihrem Onkel, dem wichtigsten Mann auf der Insel. »Der Abgeordnete Pepe Souza. Du weißt, er mag dich, Pepe wird uns sein Geschäft überlassen, weil … Weil Pepe keine Kinder hat. Weil du der beste Elektriker der Insel bist.«
Ja. Und genau deswegen hatte er diese Anstellung bekommen, er, und nicht einer von den neunundneunzig anderen. Doch es war nicht nur ihr Gezänk, das sie entzweite.
Lucia hatte ihn in den ersten Monaten ein paarmal zum Hotel gefahren, um anschließend mit den Kindern Verwandte zu besuchen. Über den Pass nach Horta an der Ostküste. Am Abend hatte sie ihn dann wieder abgeholt.
Die Kinder ließen sich zeigen, wo ihr Vater arbeitete. Fasziniert hörte Nevio dem Dröhnen der Kompressoren zu, wenn diese sich aufluden, um anschließend die Sprudelbäder der Wellnessanlage in Hexenkessel zu verwandeln. Oder sie fuhren in einer der gläsernen Liftkabinen hinauf und hinunter. Lucia und er setzten sich für einen Tee in die Lounge, die Kinder rannten um die Tische oder winkten von den Balkonen. Hotelleben für ein paar Minuten, für eine halbe Stunde, bis sie dann gemeinsam nach Hause fuhren.
Es dürfte wohl nach dem vierten oder fünften Mal gewesen sein, dass eine der Rezeptionistinnen an ihren Tisch kam und sie freundlich darauf aufmerksam machte, dass die Lounge für Gäste sei und kein Spielplatz. Lucia war empört, sie sammelte die Kinder ein und rauschte davon. Sie ließ ihn stehen. Sie war beleidigt und durch nichts auf der Welt je wieder dazu zu bewegen, ihn im Hotel zu besuchen. Sie verweigerte jedes Gespräch über das Hotel und seine Arbeit, und der Niedergang des Fünf-Sterne-Resorts verwandelte sich in ihrem Kopf in einen Triumphmarsch.
Dass er dann dieses Wächteramt angenommen hatte, verletzte sie erneut. Dazu kam, dass sie ein weiteres Mal schwanger war. Und darum rechnete er es ihr hoch an, dass sie ihn zu dieser Abschiedsfeier begleitete. Sie waren sich zwar nicht einig, aber sie gehörten zusammen.
Nach der Schlüsselübergabe servierte die Küchenmannschaft ein Abschiedsessen. Sie saßen im Restaurant Dragão Vulcano, dem größten der drei hoteleigenen Restaurants, und ließen sich verwöhnen. Fröhlichkeit wollte keine aufkommen. Ein paar flapsige Bemerkungen, ein Prosit auf die Henkersmahlzeit oder der dumme Spruch So gut möchten wir es jeden Tag haben konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass nicht nur die Hotelleitung gescheitert war. Viele von ihnen hatten sichere Jobs aufgegeben, und jetzt konnten sie nicht einmal damit rechnen, dass die Gehälter für den September ausbezahlt wurden. Schon während des Hauptgangs, einem mit Pfefferminzsauce strapazierten Stockfisch, brachen etliche auf, begründeten ihren vorzeitigen Abschied mit einem beschwerlichen Heimweg, und als José seine Handharmonika auf den Schoß nahm, um zum Tanz aufzuspielen, war die Hälfte der Kolleginnen und Kollegen bereits verschwunden.
Gerade mal drei Pärchen tanzten vor der Bar, schoben sich ungelenk auf dem hastig freigeräumten Parkett hin und her. Und nachdem sich ein junger Hotelboy und ein Zimmermädchen zu Josés Tango in einer eitlen Show verausgabt hatten, klappte José sein Instrument wieder zu. Zum Tanzen waren die verabschiedeten Angestellten nicht zu animieren und zu der angesagten Polonaise über die Stockwerke von Zimmer zu Zimmer wäre es wohl nie gekommen.
Aurélio und seine Familie saßen vor den halb leeren Dessertschalen, stocherten in der viel zu süßen Waldbeerenmousse, einem aufgeschäumten Trockencremeextrakt, und schwiegen.
Lucia starrte auf den Schlüsselbund, den Aurélio neben seinem Gedeck auf dem Tisch platziert hatte, und die beiden Kinder, denen Lucia gleich zu Beginn der Veranstaltung verboten hatte, sich vom Tisch zu entfernen, schoben die süße Masse mit ihren Löffeln im Becher herum, als ob sie nach Beeren suchten. Oder sie zeichneten Achterbahnen auf den gläsernen Grund.
Aurélio hätte sie gern nach Hause geschickt.
Sie waren mit dem Auto gekommen, mit Aurélios Wagen, den er sinnvollerweise Lucia überließ, zumindest für die nächsten Wochen. Zum einen, weil er als Wächter kein Fahrzeug brauchte, und zum anderen, weil José einen Wagen besaß, den auch er benutzen durfte. Ganz abgesehen vom Hotelbus, der ihnen ebenfalls zur Verfügung stand.
Aber Lucia war der Meinung, dass sie und die Kinder bis zum Schluss bleiben müssten, und Aurélio konnte sich auch vorstellen, warum. Sie wollte vermeiden, dass irgendjemand glauben könnte, sie missbillige Aurélios Entscheidung. Ins Gerede der Leute zu kommen, konnten sie sich nicht leisten. Ganz bestimmt nicht sie, eine geborene Souza.
Vielleicht hoffte seine Frau auch darauf, dass der Direktor an ihren Tisch käme, um sie und die Kinder zu begrüßen. Und ihnen zu danken. Schließlich waren sie es, die ein Opfer brachten.
Doch der Direktor hatte sich gleich nach seiner Rede in sein Büro zurückgezogen. Auf Fragen seiner ehemaligen Angestellten und deren Angehörigen wollte er offensichtlich nicht eingehen, keine Gründe nennen, warum es zu dieser Schließung gekommen war. Und bestätigte damit nur, was seine Angestellten von ihm hielten. Er war ein Versager, hatte seinen Laden nicht im Griff und konnte sich gegenüber den Besitzern nicht durchsetzen. Daran änderte auch eine Abschiedsgala nichts.
Manchmal kamen ehemalige Angestellte an ihren Tisch. Ein Kellner stellte Aurélio seine Verlobte vor. Der Chef der Rezeption bestand darauf, Lucia die Hand zu geben. Zimmermädchen, Küchengehilfen, der Gärtner und seine Frau, ja sogar die Sekretärin des Chefs, alle wollten sich von Aurélio verabschieden oder bedankten sich bei Lucia, strichen den Kindern über die Haare. Vielleicht schon in wenigen Wochen, spätestens im nächsten Frühling, müssten wieder Leute eingestellt werden, und Aurélio war ihr Garant. Aurélio weiß, wer wir sind. Aurélio kennt uns. Aurélio wird ein gutes Wort für uns einlegen. Einige steckten ihm ein Kärtchen mit ihrer Adresse zu, von anderen schrieb er sich den Namen auf. Die meisten kannte er sowieso. Die Insel war klein, man wusste umeinander und half sich.
Auch die Unbekannte kam an ihren Tisch, lächelte ihm zu und sprach mit Lucia, als freue sie sich, seine Frau kennenzulernen.
»Das Hotel ist bei Aurélio in den besten Händen. Ich wüsste niemanden, der dafür besser geeignet wäre.« Und kokett witzelte sie: »Lang werden seine Haare nicht.«
Lucia nickte glücklich, und die Schöne mit der schiefen Frisur küsste ihren Sohn Nevio auf die Stirn, wand sich elegant durch Tische und Stühle und war erneut verschwunden.
Er hatte immer noch keine Ahnung, wer sie war. Auch als Lucia wissen wollte, wer das gewesen sei, fiel ihm kein Name ein, und seine Antwort, dass sie zum Hotel gehöre, blieb vage. Er war froh, dass Lucia nicht nachfragte.
Selbstverständlich kannte er nicht alle Angestellten des Hotels mit Namen. Aber zumindest die meisten der Kellnerinnen, Zimmermädchen oder der Damen von der Rezeption. Das waren seine Kontaktpersonen, bei ihnen wurden die Mängel gemeldet, die er dann zu beheben hatte. Woher zum Teufel kannte er die Frau? Für gewöhnlich konnte er sich Namen und Gesichter merken. In seinem Alter. Mit dreiundvierzig sollte sich einer doch noch auf Kopf und Erinnerungen verlassen können. Vielleicht war sie eine Begleitperson wie Lucia? Oder gehörte zu den vielen, die die Gelegenheit nutzten, sich das Luxushotel einmal von innen anzuschauen? Vielleicht war sie die Schwester einer Angestellten? Vielleicht hätte er sie erkannt, wenn er gewusst hätte, wen sie begleitete?
Einmal noch glaubte er, sie lehne über die Balkonbrüstung im ersten Stock und verfolge den Betrieb im Speisesaal. Doch noch bevor er zu einem endgültigen Schluss gekommen war, zerrten ihn die Kinder durchs Restaurant, weil sie ein paar Bilder entdeckt hatten, die sie ihm zeigen wollten.
Feuerspeiende Riesenvögel, Lindwürmer mit mehreren Köpfen, Drachen, die auf Feuerkesseln schliefen, bluttriefende Fratzen, in deren Mäulern Menschen hingen. Nevio und Celina wanden sich in gruseligen Schauern, ließen sich aber schnell davon überzeugen, dass es solche Ungeheuer nicht gebe, nur das Restaurant war nach ihnen benannt: Dragão Vulcano.
Erst im Foyer sah er sie dann wieder. Wie sie die Schälchen leerte und sich die Salznüsschen in den Mund stopfte. Sie war allein, gehörte zu niemandem, schien sich auch nicht dem allgemeinen Aufbruch anzuschließen.
Er half Lucia in den Mantel. Dann kniete er vor den Kindern, kontrollierte ihre Schuhe, erkundigte sich, ob sie nichts vergessen hatten, knöpfte eine Jacke zu und strich einen Kragen glatt. Er umarmte seine Frau, beide versuchten ihre Rührung zu verbergen. Lucia murmelte: »Für eine kurze Zeit«, und Aurélio versprach: »In ein paar Tagen werde ich euch besuchen.« Er zog Lucia an sich, er küsste die Kinder auf die Stirn und begleitete sie zum Ausgang, schaute ihnen nach, wie sie in den Nebel tauchten.
Seine kleine Frau. Der Wind blies ihren Mantel auf. An jeder Hand ein Kind stapfte sie durch den schweren Nebel. Celina wandte sich noch einmal um, die freie Hand auf ihrer Mütze, eine kurze, halbe Drehung, ein Winken und wieder zurück, und der kleine Zug verschwand in der Dunkelheit.
Weitere Gäste strömten in die Nacht hinaus, Stimmen verhallten, Fahrzeuge rollten über den Parkplatz zur Passstraße. Eine Kehre tiefer fraßen sich die Scheinwerfer durch Nebelschleier. Motoren heulten auf. Danach wurde es still.
Aurélio wandte sich ab, Lounge und Foyer waren menschenleer. Auch die seltsam bekannte Fremde entdeckte er nicht. Nur José lehnte noch gegen die Theke der Rezeption. Zwei volle Gläser vor sich.
Aurélio griff in seiner Tasche nach den Schlüsseln. Er durchquerte die Halle, gesellte sich zu José und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
»Darauf trinken wir«, sagte er, nahm ein Glas und prostete ihm zu. »Auf ein kurzes Wächterleben!«
2
»Es tropft.«
»Nein, tut es nicht.«
»Doch. Dahinten irgendwo.«
»Da ist nichts. Ein Wasserhahn. Er tropft schon seit Wochen, warum weiß ich auch nicht.«
»Aber es tropft. Wie ich gesagt habe.«
»Da ist nichts.«
»Doch.«
Aurélio kannte das Problem, er wollte den tropfenden Wasserhahn schon lange reparieren, fand aber keine entsprechende Dichtung. Der Bau und seine Anlage hatten mehr als eine Kinderkrankheit. Aurélio hatte einen Eimer untergestellt, den er von Zeit zu Zeit leerte. Vielleicht alle zwei Wochen.
José wollte sich wichtigmachen. Doch der Chauffeur José Dante Barosa brauchte ihn nicht auf Dinge aufmerksam zu machen, von denen er nichts verstand, nicht heute und bestimmt nicht in diesem Ton. Sie würden in den nächsten Tagen genügend Gelegenheiten bekommen, sich mit den Problemen des Hauses vertraut zu machen.
»Das ist ja unerträglich!«, beklagte sich José erneut. »Jeder Tropfen ein Getöse. Gleich bricht die Decke ein.«
»Das ist gar nichts. Wenn es geregnet hat, dann. Dann solltest du einmal hier unten stehen. Da tropft nicht nur ein Wasserhahn. Die Wände, die Rohre, alles feucht, es tropft von der Decke, drückt aus dem Felsen, leckt Leitungen entlang, Rinnsale überall. Du glaubst, du stehst unter einem Wasserfall.«
»Lass uns abhauen.«
»Hast du Angst?«
José sagte nichts, starrte ihn nur ungläubig an, und Aurélio zog ihn unter den Rohren hervor und durch den Korridor, an Pumpen, Kompressoren und Ventilen vorbei, durch den Heizungskeller, in dem neben den Brennern ein halbes Dutzend Boiler standen, an den Notstromgeneratoren vorbei und um sieben Ecken, bis sie vor den Schaltkästen der elektrischen Anlagen anhielten und Aurélio Luft holte, um mit einer Erklärung der Schaltpläne zu beginnen.
»Die Relais der ersten Reihe sichern alle Anschlüsse im öffentlichen Bereich, Eingang, Rezeption, Speisesäle ... Allein für das Dragão Vulcano braucht es … eins, zwei, drei … sechzehn Sicherungen. Sechzehn Stromkreise, das musst du dir einmal vorstellen. Aber alles grün, alles okay. Wenn eine Störung auftritt, blinkt es rot …«
José verdrehte die Augen.
»Ein Wahnsinn. Wasser und Strom so nahe nebeneinander. Das weiß doch jedes Kind, wie gefährlich das ist. Strom und Wasser. Die haben hier Mist gebaut, ehrlich, so etwas spüre ich.«
»Ach was. Du wirst dich daran gewöhnen.«
Aurélio stieß die Durchgangstür zur Tiefgarage auf und José atmete auf.
Sie setzten sich an einen Tisch, der unter einer Neonleuchte in einer Nische der Parkgarage stand. Ein paar Quadratmeter, durch ein Gitter von den Parkplätzen abgetrennt. Das waren ihr Büro und ihre Werkstatt, hier lagerten sie Ersatzteile, Werkzeuge und Geräte.
Für die Besitzer von Bedeutung war nur das Logbuch, Beweis ihrer Tätigkeit. Die Kladde steckte in der Schublade des Tischs, und Aurélio zeigte José, wo die Werte, die sie abzulesen hatten, ins Logbuch einzutragen waren. Datum, Strom, Wasser, Bemerkungen und ihre Unterschrift, wenigstens einmal pro Seite.
Außerhalb des Kellers war José wieder der Alte. Aufgeräumt und neugierig wollte er die Fitnessräume besuchen, den Wellnessbereich.
»Ich will mir die Geräte einmal etwas genauer anschauen. Ich kenne sie. Vom Vorbeigehen. Aber jetzt geht es darum, wie sich damit trainieren lässt. Als Nachtwächter dick und fett zu werden, kann ich mir nicht leisten.«
Aurélio musste ihn enttäuschen.
»Die Räume sind leer, die Geräte verkauft. Sie haben sich nicht bewährt. Wir hätten demnächst neue bekommen, aber dann wollte die Direktion zuwarten, du verstehst, die Ungewissheit. Die Neuanschaffung überlässt man dem Nachfolger …«
»Ehrlich? Sie haben die Geräte verkauft?«
»Hallenbad, Dampfbäder, Saunen, Whirlpool und Kneippstrecken, den ganzen Wellnessbereich. Schon vor einem Monat. Stillgelegt. Massagen wurden noch angeboten, und ein Haarstudio. Aber … Alles in Ordnung, betriebsbereit. Wir bewachen keinen Popanz.«
José runzelte die Stirn, dann schlug er einen Rundgang vor.
»Ins Bett kommen wir noch früh genug.«
Aurélio zögerte. Ohne Frage, sie waren die Wächter, er besaß die Schlüssel. Zu ihren Aufgaben gehörte, dass sie die Räume des Hotels kontrollierten, aber ob sie aus purer Neugier Türen öffnen und Räume besichtigen durften, bezweifelte er, und als er einen der Konferenzräume aufschloss, klopfte sein Herz bis zum Hals. Der Wagen des Direktors stand noch auf dem Hotelparkplatz. Wenn sie jemand beobachtete?
Die Notausgangsleuchten tauchten den Konferenzraum in ein schummriges Grau, aus dem sich die langen Tischreihen schälten. Platz für fünfzig Teilnehmer oder mehr. Sie ließen den Lichtstrahl ihrer Stablampen durch den Raum gleiten, beleuchteten die Arbeitsplätze, alle mit einem Verstärker, einem Aufnahmegerät und einem Mikrofon ausgestattet.
An eine Sitzung konnte sich Aurélio nicht erinnern, Konferenzen hatten hier keine stattgefunden. Ein paar wenige Male hatte jemand einen Vortrag gehalten. Die Inseln und ihre Fauna. Zwischen Fischfang und Piraterie.
Die alten Besitzer besprachen ihre Schwierigkeiten immer in einem der kleineren Räume. Sie brauchten keine Leinwände und Mikrofone, sie hatten ihre Unterlagen vor sich, hockten um einen Tisch und rauchten. In den Pausen standen sie im Flur und machten grimmige Gesichter. Niemand wagte eine Frage zu stellen, tagelang ließen sie ihre Angestellten im Ungewissen. Alle waren sie auf Andeutungen angewiesen, auf vage Hinweise, zufällig aufgeschnappte Bemerkungen, wenn jemand vom Service den Herren Wasser oder Kaffee brachte. Schon die Tatsache, dass sie nie Wein oder gar Champagner bestellten, gab Anlass zu den schlimmsten Befürchtungen.
Auch der Nachtclub, für den sich José so sehr interessierte, war nur für kurze Zeit in Betrieb. Es wurde getanzt, ein DJ legte auf und ein oder zwei Mal war über eine längere Zeit, vielleicht für einen Monat, eine Band engagiert, drei oder vier Musiker und vor allem eine Sängerin, die während ihres Gesangs ein paar Hüllen fallen ließ. Zum Strippen wurde das Publikum aufgefordert. Es gab sogenannte Schönheitswettbewerbe. Aber dann fanden die Besitzer diese Veranstaltungen eines Fünfsternehotels unwürdig, es gab Kunden, die sich über den niveaulosen Versuch, die Gäste bei Laune zu halten, beschwerten, und die Direktion stellte das Angebot wieder ein. Auch als Spielsalon funktionierte der Club nicht.
Was sich José davon versprach, sich an eines der Tischchen zu setzen und mit anfeuernden Gesten in Richtung Bühne auf Stimmung zu machen, verstand Aurélio nicht. Genügte seinem Mitarbeiter die Vorstellung, dass die roten Plüschvorhänge beiseitegeschoben würden, um sich erotischen Fantasien hinzugeben? Was sah er auf der Bühne?
Josés Verhalten vertrug sich nicht mit ihrem Wächteramt. Trotzdem löste der Ort auch bei ihm das seltsame Bedürfnis aus, etwas Verruchtes zu machen. Er fragte sich, ob die Fremde, die ihm zugelächelt hatte, vielleicht hier gearbeitet hatte.
José hüpfte mittlerweile im Strahl seiner Lampe zu einem Volkstanz, dessen Melodie er in den Saal schmetterte, auf der Bühne herum. Er klopfte sich auf die Schenkel, warf die Beine in die Luft und sang. Seine Stimme füllte den ganzen Raum, hallte durch das Hotel. Das Stampfen und Klatschen wurde immer schneller, und Aurélio hätte begeistert applaudiert, vielleicht sogar mitgeklatscht, wären sie in irgendeinem Dorf bei Verwandten gewesen, hätten etwas zu feiern, säßen nicht hier in dieser glücklosen Umgebung. Ihre Aufgabe war es nicht, Leben in die Bude zu bringen; sie sollten den Schlaf einer Schönen bewachen. Sie waren nicht dazu da, sie aufzuwecken.
»Ich bin müde. Das alles können wir uns die nächsten Tage in Ruhe anschauen, aber jetzt möchte ich, dass wir uns aufs Ohr hauen«, verlangte Aurélio.
»Schlafen? Ein Wächter schläft nie!«
»Das stimmt, aber jetzt, nachdem alle fortgegangen sind …«
»Bist du sicher?«, stichelte José und bettelte: »Wenigstens noch die Zimmer im ersten Stock. Nur ein paar. Eines! Bitte!«
»Morgen!«
»Nur ein Zimmer. Ein einziges.«
Sie schlenderten durch die Lounge, legten ihre Köpfe in den Nacken und schauten durch die gläserne Dachkuppel in den Himmel. Beim Lift stiegen sie die Treppe hoch, die sich in einem schwungvollen Bogen um den Liftschacht nach oben schraubte.
Schon ein Stockwerk höher veränderte sich die Sicht auf die Hotelanlage so grundsätzlich, dass sie das Gefühl hatten, in einem anderen, fremden Gebäude zu stehen. Zu ihren Füßen lag eine pittoreske Parklandschaft, das Foyer mit seinen Sitzgruppen und Kandelabern, den Tischchen und Stellwänden, als ob ewig andauernde Wartezeiten in einer möglichst erholsamen Umgebung verbracht werden müssten.
Tatsächlich war die Halle nie voll gewesen. Warten, bis man an der Rezeption empfangen wurde, musste niemand. Die wenigen Gäste saßen, ein verlorenes Häufchen, um einen Tisch herum. Oder sie standen bei ihrem Gepäck, unschlüssig, ob sie bleiben oder gleich wieder abreisen sollten.
Aurélio schloss das erstbeste Zimmer auf und schob José durch die Tür.
Obwohl ein Appartement so nah beim Lift und im ersten Stock wahrscheinlich nicht zu den teuersten zählte, war das Zimmer eine Wucht. Schon die schiere Größe, die Fensterfront, das Himmelbett auf einem Podest, zwei Stufen rundherum, ein Bett wie ein Thron. Die Nebenräume, der Balkon. Ein ganzes Haus schien sich hier unterbringen zu lassen. Und obwohl sie alles nur mit ihren Taschenlampen ausleuchteten und viele der Möbel mit Tüchern zugedeckt waren, sahen sie, wie geschmackvoll und vornehm der Wohnbereich eingerichtet war. Die Räumlichkeit eines Adeligen, ein Fürstenzimmer stellten sie sich in etwa so vor, nur war dieses hier zusätzlich noch mit einem so großen Fernseher ausgerüstet, wie sie ihn noch in keinem Geschäft gesehen hatten. Auf dem Boden, einem seidenweichen Teppichboden, lagen weitere Teppiche, sodass ihre Schritte versanken wie in Watte. An den Wänden hingen Ölgemälde. Es roch angenehm nach frischen Bettbezügen und ein wenig nach Jasmin.
Selbst José verschlug es die Sprache, bis er mit einem fast verzweifelt fröhlichen Ausbruch verkündete, dass er auf die Toilette müsse, und zwar jetzt! Sofort! Und hier.
Aurélio wollte es ihm verbieten, aber da war José schon verschwunden und schien sich mit vielen Ohs und Ahs vor einem Becken aufzubauen.
Die Rohre der oberen Stockwerke führten bereits kein Wasser mehr. Zusammen mit dem Direktor hatte Aurélio am frühen Nachmittag alle Hauptleitungen zugedreht, worauf der Direktor die Steuerung versiegelt hatte. Und jetzt brunzte oder schiss dieser Kerl womöglich in eine Schüssel, die sich anschließend nicht mehr spülen ließ. Er würde morgen bei Tag und mit einem Eimer Wasser nachsehen und die Toilette reinigen.
Dann musste er doch lachen, wie José die Schönheiten einer Toilette besang, von der er offensichtlich keine Ahnung gehabt hatte. Von goldenen Armaturen und silbernen Spiegeln, von Schlangen, Rittern und Drachen, die sich auf blauen Kacheln bekämpften. Bis das Singen gar nicht mehr aufhören wollte.
»Es reicht! Oder willst du hier übernachten?«
Schlagartig begriff Aurélio, wie einschneidend José ihr Wächteramt missverstand. Sein Partner dachte nicht im Traum daran, etwas zu beschützen, sondern nahm mit seiner Aufgabe die Anlage in Besitz. Als würde ihm das Hotel gehören. Weil er nun praktisch allein darin herumtollen konnte, wie es ihm gerade gefiel. Er führte sich auf wie jemand, der Mein und Dein nicht auseinanderhalten kann.
Wütend riss Aurélio die Tür zur Toilette auf. »Du kommst jetzt da raus, augenblicklich, und wir gehen ins Bett. Den Arsch abwischen kannst du dir sonst wo.«
»Hehe! Wohl verrückt geworden. Schau dir diese Kunst an. Bilderbücher in einem Scheißhaus, nur so, zu deinem Vergnügen, Heldengeschichten in Blau. Wahrscheinlich geht es um die da«, und José zeigte auf eine der Kacheln. Eine halbnackte Frau drückte sich ihr langes Haar an die Brust.
Aurélio erschrak. Die Frau auf den Kacheln war die Unbekannte. Blödsinn. Er war müde, und die Frau sah aus wie alle Frauen – wie alle Frauen auf Kacheln. Diese dümmlichen Gesichter, das Schmollmündchen, der verdrehte Körper, die vollen Hüften.
José knöpfte sich die Hose zu. Dann ließ er sich gutmütig von Aurélio aus der Toilette durch den Raum in den Flur bugsieren.
»Aber scheißen werde ich nur noch hier«, jubilierte er, während Aurélio das Zimmer abschloss.
Auf dem Weg in ihre Dienstbotenzimmer über den Garagen kamen sie am Büro des Direktors vorbei und sahen, dass dieser offensichtlich vergessen hatte, die Lichter zu löschen. Aurélio wollte schon die Tür öffnen, als ihn José zurückhielt.
»Nicht! Er ist noch da.«
»Bist du sicher?«
»Der Schatten!«
José zeigte auf den Lichtschlitz unter dem Türblatt, und jetzt sah es auch Aurélio. Der Lichteinfall veränderte sich laufend, das Büro war nicht leer. Irgendjemand, wahrscheinlich der Direktor, war hier in seiner alten Domäne, schritt vor der Tür hin und her oder arbeitete vor seinem Pult im Gegenlicht der Schreibtischlampe. Sein Schatten wanderte durch die Ritze zwischen Boden und Tür.
Ohne sich abzusprechen, näherten sie sich der Tür, um zu lauschen. Was ging hier vor? War es wirklich der Direktor, der noch arbeitete, oder hatte sich da jemand ins Büro geschlichen? Kam es bereits in ihrer ersten Nacht zu einem Fall, der eindeutig bewies, wie richtig und notwendig die Entscheidung der Direktion gewesen war, sie als Wächter einzustellen?
Sie standen vor der Tür und lauschten und hofften, dass alles, was sie hörten, sie entlasten und vor einem Zugriff bewahren würde. Vor einem Zugriff, unter dem sie sich nichts vorstellen konnten. Sie waren beide unbewaffnet. Abgesehen von ihren Stablampen. Das Vertreiben oder gar die Gefangennahme von Einbrechern gehörte nicht zu ihren Pflichten. Dieser Punkt war vergessen worden. Wahrscheinlich, weil das Hotel so einsam gelegen war und sich niemand vorstellen konnte, dass es geplündert werden könnte.
Natürlich weckten die Einrichtungen des Hotels Begehrlichkeiten, aber nicht unter den Einheimischen. Sie waren Inselbewohner, eine einzige, große Familie, Diebe gab es unter ihnen keine. Ganz abgesehen davon, dass sie für derart luxuriöse Einrichtungen keine Verwendung hatten. Vergoldete Armaturen, Klappliegen, Gedecke, die mit ihren vielen Zusatz- und Untertellern Schränke vollstopften, Barhocker, Pendelleuchten, Handläufe, Blumenkisten ... Was sollten sie damit?
Sie beide, José und er, waren dafür verantwortlich, dass nach dem Verkauf des Hotels der Betrieb ohne jede Verzögerung wieder aufgenommen werden konnte. Vielleicht schon in ein paar Wochen und noch vor Weihnachten, spätestens im nächsten Frühling, wenn die neue Saison begann.
Es musste der Direktor sein. Die Person auf der anderen Seite der Tür sprach mit sich selbst, sie erkannten die Stimme, wenn sie auch das meiste nicht verstanden. Ab und zu ein Wort, einen halben Satz, eine Kaskade von Flüchen, von denen nicht klar war, auf wen oder was sie sich bezogen.
»Verdammte Halsabschneider! Hurensöhne, Blutsauger, elende …« Und dann knallte ein Ordner oder sonst ein schweres Schriftstück gegen die Tür, von weiteren Flüchen begleitet. »Heuchler, alles Heuchler. Falsch und verlogen. Hier! Und das! Und das!« Ein ganzer Stapel schien über einen Tisch gekippt zu werden, polterte zu Boden oder wurde durch einen Tritt in eine Ecke befördert.
Sie hörten und glaubten zu sehen, wie der Direktor auf Akten herumstampfte, bis es plötzlich still wurde. Hatte der Direktor sie bemerkt? Ahnte er, dass sie ihn belauschten? Doch dann, nach einer bestürzend langen Pause, waren sie sich sicher, dass er weinte. Lautlos. Nur manchmal, wenn er Atem holte und die Luft einsog, vernahmen sie ein gurgelndes Schnarchen.
Sie beide hatten hier nichts verloren, sie konnten dem Mann nicht helfen. Gut möglich, er hatte Fehler gemacht, sie konnten das nicht beurteilen; aber selbst wenn er sich verrechnet hatte, wenn er sich über den Tisch hatte ziehen lassen, an ihm allein lag es nicht, dass das Hotel geschlossen werden musste. Wer den Schwarzen Peter einmal in den Händen hielt, das wusste Aurélio aus eigener Erfahrung, der wurde ihn so schnell nicht wieder los. Vor allem, wenn das Spiel zu Ende ging.
Vorsichtig lösten sie sich von der Tür, traten ein paar Schritte zurück und schlichen wortlos davon.
Im Zimmer auf der Liege, die man ihm aufgestellt hatte, starrte Aurélio zur Decke und versank in ein Grübeln, wie es ihm Lucia prophezeit hatte. Schon am allerersten Abend. Wenige Stunden, nachdem sein Amt begonnen hatte.
Wie sicher war es denn, dass das Hotel spätestens nächsten Frühling wiedereröffnen würde? Wer konnte das wissen? Wer konnte ihm garantieren, dass neue Eigentümer seinen Vertrag verlängern würden?
3
In Ribeira fand Anfang Oktober ein Dankgottesdienst statt, nachdem die Letzten, die während des Bebens entlang der Ostküste ihre Häuser verloren hatten, in Wohncontainern untergebracht werden konnten. Im Tal der Verlorenen blühte der Ginster schon das zweite Mal und auf dem Platz der Republik wurde ein Denkmal zum 25. Jahrestag der Revolution enthüllt. Die Marina füllte sich. Die Weltenbummler verankerten ihre Yachten und flogen nach Hause. Hinter São João konnte die Brücke nach aufwendigen Renovierungsarbeiten endlich wieder in beide Richtungen befahren werden, und zwischen Flughafen und Hauptstadt begann die Grupo Brisa-Autoestradas mit dem Bau der Autobahn.
Aurélio Fuertes und José Dante Barosa standen bei strahlendem Sonnenschein und fast zwanzig Grad auf der Dachterrasse des Hotels. Es war Mitte Oktober und ein schöner Tag – nicht der erste, seit das Hotel vor einem Monat dichtgemacht hatte. Die Sonne schien, als wolle sie den brutalen Entscheid der Best-Hotels AZUL Lda. Lügen strafen. Schöneres Urlaubswetter gab es nicht.
Aber außer ihnen war niemand hier, keiner verirrte sich in die Berge zum stillgelegten Fünfsternehotel. Kein Einheimischer, der seine Neugier stillen und sich mit eigenen Augen davon überzeugen wollte, dass hier ein praktisch neues Hotel leer stand. Kein Tourist, der unten auf der Passhöhe anhielt und zu ihnen hinaufschielte, oder gar an die Tür klopfte und sich erkundigte, ob er vielleicht in einem der Restaurants einen Kaffee bekommen könne.
Beide waren sie je einen halben Tag und eine Nacht in der Woche bei ihren Familien, nicht zur selben Zeit und José nur für eine etwas längere Nacht, doch das schien den Frauen zu genügen, hier im Hotel tauchte keine auf.
José war nicht verheiratet, noch nicht einmal verlobt, aber in festen Händen, das ja. Trotzdem hätte es niemand aus dem Dorf gern gesehen, wenn Pineda – womöglich jeden Abend mit dem Kleinwagen ihres Vaters – in die Berge gefahren wäre, um ihren Freund aufzumuntern. Und Lucia konnte ihre Kinder nicht allein lassen, ganz abgesehen davon, dass sie keine Lust hatte, ihren Mann in diesem unglückseligen Hotel zu besuchen. Dass der Spinner diesen Auftrag angenommen hatte, war eine Beleidigung für sie und ihre Familie. Worauf man bei Gelegenheit noch zurückkommen würde.
In den ersten Tagen war Aurélio vollends damit beschäftigt gewesen, seinem Kompagnon die anfallenden Arbeiten zu erklären. Der Chauffeur José hatte außer von Autos von nichts eine Ahnung.
Sie verbrachten fast den ganzen Tag in den Kellerräumen des Hotels, und Aurélio weihte seinen Partner in die Geheimnisse des Untergrunds ein, nicht nur wie am ersten Abend, als er José ein paar Wasserleitungen gezeigt hatte, sondern von Grund auf. Woher das Wasser kam, wie es gefasst und verteilt wurde und warum Wasserkreisläufe ihre ganz besondere Aufmerksamkeit verdienten. Und natürlich ging es nicht nur darum, wie das Wasser gewonnen wurde, sondern auch darum, was mit den Abwässern geschah. Mit ein paar Sickergruben war es nicht getan.
»Die Wiederaufbereitung der Abwässer des Hotels ist vorbildlich. Besser als in den meisten Dörfern der Insel. Von Weilern in finsteren Tälern wollen wir gar nicht reden. Es ist zwar kein Trinkwasser, das wir unterhalb der Straße in einen Bach einleiten, aber mit Sicherheit sauberer und weniger schädlich als die trübe Brühe, die aus den Dörfern ins Meer fließt.«
José ließ sich durchaus begeistern. Der Krach, das Dröhnen der Kompressoren, die das hauseigene Trinkwasserbassin mit Frischluft versorgten, verleitete ihn zu einem breiten Grinsen, weil er sich darunter eine Art Sprudelbad vorstellte. Jedes Mal griff er sich in den Schritt
