Rockstars bleiben nicht für immer - Kylie Scott - E-Book

Rockstars bleiben nicht für immer E-Book

Kylie Scott

4,9
8,99 €

Beschreibung

Partys, Alkohol und Frauen - Jimmy, der charismatische Sänger der Rockband "Stage Dive", bekommt stets, was er will. Doch als er es mit seinem Lebenstil zu weit treibt und sich in einer Entzugsklinik wiederfindet, wird ihm die hübsche Lena als Assistentin zugeteilt. Sie soll aufpassen, dass er nicht noch einmal über die Stränge schlägt, und ist fest entschlossen, dem sexy Charme ihres Bosses zu widerstehen. Doch das heiße Prickeln zwischen ihr und Jimmy lässt sich schon bald nicht mehr ignorieren.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 491

Bewertungen
4,9 (44 Bewertungen)
40
4
0
0
0



Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

Prolog

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

Epilog

Danksagung

Die Autorin

Kylie Scott bei LYX

Impressum

KYLIE SCOTT

Rockstars bleiben nicht für immer

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Katrin Reichardt

 

Zu diesem Buch

Lena Morrissey hat keine Ahnung, worauf sie sich einlässt, als sie ihre neue Stelle als Assistentin von Jimmy Ferris antritt. Jimmy ist der Sänger und Frontman der weltberühmten Rockband Stage Dive und in den Medien vor allem für eins bekannt: sein ausschweifendes Partyleben. Doch das ist jetzt Vergangenheit. Jimmy ist clean, und Lenas Job ist es, dafür zu sorgen, dass er nicht wieder auf die schiefe Bahn gerät. Leichter gesagt als getan! Denn Jimmy ist überhaupt nicht begeistert davon, dass sein Management ihm eine Babysitterin an die Seite gestellt hat. Und er hat kein Problem damit, Lena das auch spüren zu lassen. Er ist unverschämt und unfreundlich und treibt sie jeden Tag aufs Neue in den Wahnsinn. Aber Lena lässt sich von Jimmys Art nicht einschüchtern. Viel beunruhigender ist die Tatsache, dass ein Blick in seine blauen Augen genügt, um ihre Welt zum Stillstand zu bringen. Denn dort erkennt sie eine Seite von Jimmy, die er niemandem zeigt, eine Welt voller Leid und Schmerz, die er seit seiner Kindheit mit sich herumträgt und vor allen anderen Menschen verschlossen hält. Und obwohl Lena sich heiß und innig geschworen hat, von Männern im Allgemeinen und Rockstars im Speziellen die Finger zu lassen, kann sie diese neuen, gefährlichen Gefühle, die Jimmy plötzlich in ihr hervorruft, bald nicht mehr ignorieren …

Ein herzliches Dankeschön an Jo Wylde, Sali Pow und Natasha Tomic.

Dieses Buch ist der Australian Romance Readers Association gewidmet.

Prolog

Zwei Monate zuvor …

Die Lippen des Mannes bewegten sich noch immer, aber ich hörte ihm längst nicht mehr zu.

Für so einen Mist wurde ich nicht gut genug bezahlt. Unglaublich. Erst der zweite Tag in meinem neuen Job und ich hätte mich am liebsten aus dem Fenster gestürzt. Im Musikbusiness zu arbeiten wird sicher toll, haben alle gesagt. Es wäre so eine glamouröse Welt. Lügner, allesamt.

»… ist das so schwer zu verstehen?«, brüllte der Idiot. »Kapieren Sie, was ich sage? Ein Eclair ist eine Art langer, mit Creme gefüllter Donut mit Schokoladenguss, und nicht dieses, dieses … runde Ding, das Sie mir besorgt haben – SCHON WIEDER!«

Auf der anderen Seite des Schreibtischs zog seine persönliche Assistentin den Kopf ein, fraglos, um nicht auch noch zum Ziel seines Zorns zu werden. Ich konnte es ihr nicht verübeln. Wahrscheinlich zahlte man auch ihr bei Weitem nicht genug. Nur ein ausgesprochener Masochist hätte diesen Job für weniger als hundert Mäuse die Stunde gemacht und dabei Spaß gehabt. Normalerweise suchte ich mir Aushilfsjobs, die auf wenige Monate befristet waren – lange genug, um ein bisschen Geld zu verdienen, aber zu kurz, um in die Ränke und Dramen am Arbeitsplatz verwickelt zu werden. Normalerweise.

»Hören Sie mir überhaupt zu?« Er regte sich so sehr auf, dass seine solariumgebräunte Haut langsam einen bedenklichen burgunderroten Ton annahm. Hoffentlich bekam er keinen Herzinfarkt. Auf eine Mund-zu-Mund-Beatmung von mir brauchte er jedenfalls nicht zu hoffen. Dafür sollte sich bitte schön jemand anderes opfern.

»Miss … wie auch immer Sie heißen«, sagte er. »Gehen Sie zurück in den Laden und holen Sie mir genau das, was ich verlangt habe!«

»Morrissey. Ich heiße Lena Morrissey.« Ich reichte ihm eine Serviette. Dabei achtete ich penibel darauf, ihn nicht zu berühren. Das wäre unprofessionell gewesen. Außerdem widerte der Typ mich an. »Das hier ist für Sie.«

»Was soll das sein?«

»Eine Nachricht vom Chef des Donut-Ladens. Er entschuldigt sich dafür, dass er momentan nicht mit langen, schmackhaften, phallischen Eclairs dienen kann. Offenbar werden die erst später am Tag fertig«, erklärte ich. »Diesen Umstand habe ich Ihnen zwar bereits gestern erläutert, doch bedauerlicherweise weigerten Sie sich, mir zu glauben. Darum habe ich mir die Bestätigung einer Autoritätsperson aus der Welt der Donuts geholt. Vielleicht sind Sie ja geneigt, diesem Herrn Glauben zu schenken.«

Der Arme war völlig perplex, betrachtete entgeistert abwechselnd mich und die Serviette.

»Er heißt übrigens Pete und scheint ein netter Kerl zu sein. Sollten Sie noch immer Zweifel in dieser Angelegenheit haben, können Sie ihn gern anrufen. Wie Sie sehen, habe ich ihn gebeten, auf der Serviette seine Telefonnummer für Sie zu notieren.« Ich wollte ihm die Stelle zeigen, doch Adrian riss die Hand weg und zerknüllte die Serviette zu einem Klumpen Abfall. Na ja, immerhin hatte ich es versucht.

Aus der Ecke des Büros erscholl plötzlich Gelächter. Ein gut aussehender Kerl mit langen, blonden Haaren grinste mich unverfroren an. Wie schön, dass wenigstens Blondie seinen Spaß hatte. Ich dagegen stand wahrscheinlich kurz davor, gefeuert zu werden.

Moment mal. War das nicht Mal Ericson von Stage Dive?

Heiliger Bimbam. Tatsächlich.

Dann mussten die drei anderen Männer ebenfalls zur Band gehören. Ich versuchte, sie nicht anzustarren, doch meine Augen machten sich selbstständig. Echte Promis. Wow. Zumindest hatte ich ein paar von ihnen noch aus nächster Nähe gesehen, bevor ich rausgeschmissen wurde. Obwohl sie eigentlich fast wie normale Menschen aussahen. Ein bisschen hübscher vielleicht. Auch wenn ich den Männern abgeschworen hatte, musste ich zugeben, dass sie ein ziemlich leckerer Haufen waren. Zwei der Jungs – die mit dunklem Haar und blasser Haut – hatten die Köpfe über einigen Dokumenten zusammengesteckt. Bestimmt waren das die Brüder David und Jimmy Ferris. Ben Nicholson, der Bassist, hatte die Hände hinter den Kopf gelegt, sich lässig in seiner ganzen beeindruckenden Größe ausgestreckt und schlief. Respekt. Auch eine Art, ein Meeting durchzustehen.

»Lena Morrissey also?«, sagte Mal.

»Ja.«

»Ich mag dich. Du bist witzig.«

»Danke«, erwiderte ich trocken.

»Mal, mein Freund«, mischte sich Adrian ein. »Lass mich nur kurz diese … Frau loswerden und dann können wir uns wieder dem Geschäftlichen zuwenden.«

Das Managermonster fixierte mich mit seinen kleinen, schwarzen Käferaugen. »Sie sind entlassen. Verschwinden Sie.«

Das war’s dann wohl.

Seufz.

»Nicht so schnell.« Mal erhob sich und stolzierte geschmeidig zu uns herüber. Mann, hatte der Kerl vielleicht bewegliche Hüften. »Du beschäftigst dich also mit Verwaltungskram?«

»Ja. Zumindest bis gerade eben.«

Er lächelte entspannt. »Du scheinst nicht gerade davon beeindruckt zu sein, mich kennenzulernen, Lena. Findest du mich etwa nicht eindrucksvoll?«

»Doch, schon. Aber ich bin wahrscheinlich gerade ein bisschen zu sehr damit beschäftigt, gefeuert zu werden, um die Tragweite dieses Augenblicks gebührend zu würdigen.« Ich stemmte die Hände in die Hüften und sah ihn direkt an. Er war wirklich süß und mit diesem Lächeln wickelte er bestimmt viele, viele Frauen um den kleinen Finger. Doch bei mir würde das nicht funktionieren. »Aber keine Sorge, nachher werde ich vor Freude selbstverständlich noch total ausrasten.«

»Gibst du mir darauf dein Wort?«, entgegnete er lässig.

»Aber klar.«

»Ich glaube dir.«

»Das weiß ich sehr zu schätzen. Ich werde dich nicht enttäuschen.«

Er grinste breit. »Du bist ganz schön vorlaut. Das gefällt mir.«

»Danke.«

»Keine Ursache.« Er klopfte nachdenklich mit einem Finger gegen seine Lippe. »Bist du eigentlich Single, Lena?«

»Darf ich fragen, warum du das wissen willst?«

»Reine Neugier. Nach deinem miesepetrigen Gesichtsausdruck zu urteilen lautet die Antwort wohl ja. Was für eine Schande, dass meine Brüder dort draußen ein reizendes Mädchen wie dich bisher übersehen haben.«

Ziemlich viele seiner »Brüder« hatten mich ganz und gar nicht übersehen – sondern es vorgezogen, mich zu hintergehen. Aber das ging ihn überhaupt nichts an.

»Ähm, Mal?« Adrian zerrte mit dem Finger an der dicken Goldkette, die er um den Hals trug, als wäre sie ein zu enger Kragen.

»Einen Moment noch, Adrian.« Mal musterte mich in aller Ruhe von Kopf bis Fuß, wobei sein Blick auffällig lange an meinen Brüsten hängen blieb. Große Möpse, geringe Körpergröße und ein gebärfreudiges Becken lagen bei uns in der Familie. Das ließ sich nicht ändern. Meine Mutter hatte fast die gleiche Statur wie ich.

Ständiges Pech in der Liebe dagegen schien mir allein vorbehalten zu sein. Die Ehe meiner Eltern hielt nun schon fast dreißig Jahre und auch meine Schwester würde in Kürze heiraten, wenn auch ohne mich. Ist eine längere Geschichte. Oder vielmehr eine kurze, miese Geschichte.

Wie auch immer, jedenfalls war ich als Single glücklich und zufrieden.

»Ich glaube, du könntest tatsächlich die Richtige sein«, riss mich der Schlagzeuger aus meinen Gedanken.

»Ach ja?«, sagte ich etwas irritiert.

»In der Tat. Sieh dich doch nur an. Du bist so süß und knuddelig. Aber ganz besonders gut gefällt mir die sexy Brille in Kombination mit diesem Leck-mich-doch-Blick, mit dem du mich gerade ansiehst.«

»Du magst das, nicht wahr?«, entgegnete ich und schenkte ihm ein sardonisches Lächeln.

»Oh ja, und wie. Aber du bist nicht für mich bestimmt.«

»Nicht?«

»Bedauerlicherweise.« Er schüttelte den Kopf.

»Verdammt.«

»Ja, ich weiß. Da entgeht dir wirklich einiges.« Seufzend strich er sich die Haare hinter die Ohren. Dann sagte er über seine Schulter hinweg: »Gentlemen, dieses Problem, über das wir vorhin gesprochen haben – es könnte sein, dass ich dafür gerade eine Lösung gefunden habe.«

David Ferris runzelte die Stirn und sah abwechselnd Mal und mich an. »Ernsthaft?«

»Hundertzehnprozentig.«

»Aber sie hat doch selbst gesagt, dass sie eine Sekretärin ist«, bemerkte Jimmy, der Ältere der Ferris-Brüder, ohne von den Dokumenten aufzuschauen. Seine Stimme klang weich, tief und vollkommen desinteressiert. »Sie ist nicht qualifiziert.«

Mal schnaubte. »Ja klar, weil all die anderen, die irgendwelche schicken akademischen Abschlüsse vorzuweisen hatten, ja so hervorragende Arbeit geleistet haben. Wie viele von ihnen hast du inzwischen gefeuert oder vergrault? Es wird Zeit, das Problem neu anzugehen. Öffne dich diesem Wunder in Gestalt von Ms Lena Morrissey.«

»Wovon redest du bitte?«, fragte ich verwirrt.

»Jungs, Jungs«, meldete sich dieser Trottel Adrian wieder zu Wort und wedelte leicht panisch mit den Händen. »Das meint ihr doch nicht ernst. Denken wir doch lieber noch einmal über alles nach.«

»Einen Moment noch, Adrian«, sagte David. »Er ist schwierig. Glaubst du, sie wird mit ihm fertig?«

Jimmy schnaubte.

»Ja, das tue ich«, antwortete Mal, wippte aufgeregt auf den Zehen und hob die Fäuste, als mache er sich für einen Boxkampf bereit. »Zeig mir, was du draufhast, Lena. Hau mich aus den Latschen. Komm schon, Champ. Du schaffst das. Schick mich in die Seile!«

Was für ein Irrer. Ich schlug die Faust, mit der er vor meinem Gesicht herumfuchtelte, beiseite. »Du hast noch genau fünf Sekunden, um mir zu erklären, was hier los ist, oder ich gehe.«

David Ferris lächelte mich an. War es anerkennend gemeint? Ich wusste es nicht, und es war auch egal. Dieser ganze Zirkus zog sich jetzt schon lange genug hin. Ich musste noch bei der Jobvermittlung vorbeischauen und mir vorher eine gute Erklärung für meinen Rauswurf einfallen lassen. Doch da ich mich nicht zum ersten Mal bei der Arbeit mit einem großmäuligen Trottel angelegt hatte, standen die Chancen, dass mir Verständnis entgegengebracht wurde, eher schlecht. Zugegebenermaßen hatte mich die Agentur schon ein oder zwei Mal gebeten, mich ein wenig zu mäßigen. Aber das Leben war nun mal zu kurz, um sich auf der Nase herumtanzen zu lassen. Wer das mit sich machen ließ, bekam am Ende genau das, was er verdiente. Das hatte ich am eigenen Leib erfahren müssen.

Mal ließ enttäuscht die Schultern hängen. »Fein, dann spiel eben nicht mit mir. Ist mir doch egal.«

Er und David wechselten einen Blick. Dann versetzte David seinem Bruder einen Knuff mit dem Ellbogen. »Vielleicht sollten wir doch ernsthaft darüber nachdenken.«

»Nur, weil sie Adrian Kontra gibt, ist sie auf einmal die Richtige?«, fragte Jimmy.

»Mal hat recht. Sie ist anders.«

Adrian gab ein leises Geräusch von sich, das ziemlich resigniert klang. Auch wenn es nicht gerade nett von mir war, freute ich mich von ganzem Herzen über seine wachsende Verzweiflung. Vielleicht würde dieser Tag doch kein kompletter Reinfall werden.

»Sag mal, Lena«, erkundigte sich Mal mit einem breiten Grinsen, »was hältst du eigentlich von Portland?«

»Regnet es dort nicht andauernd?«, fragte ich zurück. Die Vorstellung, so tief in den Pazifischen Nordwesten zu reisen, gefiel mir ehrlicherweise nicht gerade.

Mal stöhnte. »Ich weiß, liebe Lena, ich weiß. Glaub mir, ich habe versucht, die Jungs davon zu überzeugen, wieder zurück nach L. A. zu ziehen, aber sie wollen einfach nicht. Portland ist das neue Lieblingsdomizil der Ferris-Brüder, und sogar Benny-Boy hat sich inzwischen dort niedergelassen.«

Ben, der Bassist, öffnete ein Auge, um uns schläfrig zu mustern. Dann setzte er sein Nickerchen fort.

»Los doch, Jumbo«, sagte Mal und federte schon wieder auf und ab, »hilf mir, sie davon zu überzeugen, dass Portland nicht ganz so übel ist wie sein Ruf.«

Jimmy seufzte und ließ sich endlich doch dazu herab, mich anzusehen.

Gegen Mal war ich immun, doch bei Jimmy sah das ganz anders aus. Die Welt schien stillzustehen. Nur mein Puls begann zu rasen, hämmerte dumpf in meinen Ohren. Dieser Mann war schön wie die Sterne. Als ich ihn ansah, verspürte ich eine Sehnsucht, die sich niemals erfüllen würde, weil er so unerreichbar war. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass in diesem Moment etwas ganz Besonderes geschah. Etwas Schicksalhaftes. Doch die eigentlich zu erwartende dramatische Musikuntermalung, die jetzt noch fehlte, blieb aus. Stattdessen blickte mich ein Typ in einem akkurat sitzenden Anzug aus kalten blauen Augen an. Sein dunkles, schulterlanges Haar umrahmte sein Gesicht. Er hatte die Wangenknochen eines Engels und das sture Kinn eines bockigen Kindes. Er war durch und durch männlich, nur die Art, wie er trotzig das Kinn vorschob … Nun ja.

So hübsch dieser Kerl auch war, nett war er mit Sicherheit nicht. Ich habe genug nicht-nette Männer kennengelernt, um das beurteilen zu können. Doch dass er attraktiv war, das könnt ihr mir glauben.

Ich erwiderte seinen skeptischen Blick.

Seine Miene verfinsterte sich noch weiter.

Ich hielt mit.

»Na, ihr beiden versteht euch ja bereits blendend!«, stellte Mal begeistert fest. »Als würdet ihr euch schon seit Jahren kennen. Sie wird eine hervorragende Assistentin abgeben. Das findest du doch auch, oder Lena?«

»Eine Assistentin?«, wiederholte ich verwirrt.

»Wieso brauche ich plötzlich eine Assistentin?« Jimmy musterte mich mit sichtlichem Widerwillen.

»Weil dir all die Entzugsbegleiter, die dir helfen sollen, abstinent zu bleiben, regelmäßig davonlaufen?«, entgegnete sein Bruder ruhig, fast ein wenig kühl. »Aber es ist deine Entscheidung. Wenn du es nicht mit ihr versuchen möchtest, wird die Plattenfirma sicherlich jemand anderen finden. Einen Begleiter, der für deine Probleme angemessen ist.«

Jimmy verzog das Gesicht und ließ die Schultern hängen. Fast tat er mir leid. Zwar war er nicht gerade ein herzlicher Mensch, aber sein Bruder hätte sich ihm gegenüber trotzdem ein wenig feinfühliger verhalten können. Geschwisterliebe eben.

»Vielleicht haben wir ja Glück und sie finden endlich jemanden, mit dem du es aushältst«, fuhr David fort. »Momentan schlägst du dich ganz gut, aber wir können es uns nicht leisten, dass du wieder aus der Bahn geworfen wirst.«

»Ich werde nicht aus der Bahn geworfen.«

»Wenn wir in Kürze auf Tour gehen, ist es vorbei mit einem geregelten Tagesablauf – wodurch du durchaus wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen könntest. Du weißt doch, was der letzte Therapeut gesagt hat.«

»Schon gut, Dave, schon gut. Herrgott.« Während des gesamten Gesprächs mit seinem Bruder hatte Jimmy mich unablässig mit diesem eiskalten Blick angesehen.

Ich hatte seinen Blick unbeeindruckt erwidert. Vor einer Herausforderung hatte ich mich noch nie gedrückt.

»Ich engagiere sie«, sagte er.

Ich lachte auf. »Ähm, ich habe doch noch gar nicht zugestimmt, für dich zu arbeiten.«

»Aber unter gewissen Bedingungen«, fuhr Jimmy ungerührt fort.

Mal riss triumphierend die Fäuste hoch. Mein Einwand schien niemanden zu interessieren.

»Ich will nicht, dass du mich ständig nervst«, sagte Jimmy, während er mich mit Blicken durchbohrte.

»Augenblick mal. Du bietest mir hiermit also einen Job als Assistentin an?«, fragte ich zur Sicherheit noch einmal nach.

»Nein, ich biete dir eine probeweise Anstellung als Assistentin an. Erst mal für einen Monat, würde ich sagen … Wenn du so lange durchhältst.«

Ein Monat mit ihm? Das war machbar. Wahrscheinlich. Wenn die Bezahlung stimmte. »Wie sähen meine Aufgaben aus und wie viel bekäme ich dafür?«

»Deine Aufgabe wäre es, mich nicht zu nerven, und du bekämst doppelt so viel wie für deinen bisherigen Job.«

»Das Doppelte?« Ich konnte meine Verblüffung nicht verhehlen.

»Du behältst alles, was mich betrifft, für dich«, erklärte Jimmy. »Nur, wenn ich außer Kontrolle gerate, darfst du ein Mitglied der Band oder den Chef des Sicherheitsteams informieren. Kapiert?«

»Wie definierst du ›außer Kontrolle‹?«

»Keine Sorge, wenn es so weit ist, merkst du es schon. Wie heißt du doch gleich?«

»Lena.«

»Tina?«

»Nein. Lena. L – E – N – A.«

Adrian gab ein gurgelndes Geräusch von sich, als würge ihn jemand. Egal. Das Einzige, was zählte, war, dass Jimmys Miene sich ein wenig aufhellte. Seine Wut oder Anspannung oder was auch immer hatte sich gelegt. Stattdessen sah er mich nun nachdenklich an. Er lächelte nicht. Kein bisschen. Plötzlich fragte ich mich, was ich wohl tun müsste, um das zu ändern.

Verdammte Neugier.

»Le-na«, wiederholte er konzentriert. »Okay. Wir probieren aus, wie es läuft. Komm mir nur nicht in die Quere.«

1

Jimmy war außer sich.

Etwas krachte von innen gegen die Tür des Hotelzimmers und ließ sie in den Angeln erbeben. Aus dem Zimmer drangen undeutlich erhobene Stimmen. Vielleicht sollte ich einfach noch ein Weilchen im Flur stehen bleiben. Verlockende Vorstellung. Mist, das hatte ich mir alles selbst eingebrockt. Ich hätte schon vor Wochen hinschmeißen sollen, denn trotz der hervorragenden Bezahlung war ich für den Job definitiv nicht geeignet. Doch jedes Mal, wenn ich Jimmy mitteilen wollte, dass ich kündigte, hatte ich kein Wort herausbekommen.

Warum, konnte ich mir selbst nicht erklären.

»Hey.« Ev kam auf mich zu. Sie trug ein schlichtes, schwarzes Kleid und hatte sich ihr blondes Haar zu einem eleganten Knoten aufgesteckt. Sie wirkte nervös.

»Hi.«

»David ist gerade bei ihm.«

»Aha.« Vielleicht hätte ich auch ein Kleid anziehen sollen. Auf keinen Fall wollte ich Jimmy an einem Tag wie diesem öffentlich blamieren. Nur konnte es im November im Norden Idahos verdammt kalt werden. Ich war ein milderes Klima gewohnt, und Strumpfhosen, mit denen ich bei diesem Wetter nicht fror, mussten erst noch erfunden werden.

Die Band und ihre Entourage hielten sich seit rund einer Woche in Coeur d’Alene auf. Schon seit unserer Ankunft war Jimmys Stimmung extrem schlecht. Sogar noch schlechter als gewöhnlich. Vor vier Tagen hatte Mals Mutter den Kampf gegen den Krebs verloren und war gestorben. Soweit ich mitbekommen hatte, war Lori für die Ferris-Brüder, nachdem diese von ihrer leiblichen Mutter früh im Stich gelassen worden waren, eine Art Ersatzmutter gewesen. Ich hatte Lori nur ein paar Mal getroffen, doch sie war fraglos ein lieber Mensch gewesen.

Wieder drang durch die Tür gedämpftes Schreien, gefolgt von einem dumpfen Rumpeln.

»Ich hätte wohl lieber nicht frühstücken gehen sollen.« Kaffee, French toast und viel zu viel Ahornsirup lagen mir nun schwer im Magen. Blödes Frustessen. »Ich dachte, ich wäre zurück, bevor er aus dem Fitnessraum kommt.«

»Du kannst ihn nicht die ganze Zeit beaufsichtigen.«

»Aber ich werde dafür bezahlt, es zumindest zu versuchen.«

»Was nur dazu führen würde, dass er dich feuert, weil du ihm auf die Nerven fällst. Genau, wie er es mit all den anderen getan hat. Es ist ganz gut, ihm ein bisschen Freiraum zu gewähren.« Erneut krachte es drinnen im Zimmer. Ev zuckte zusammen. »Normalerweise.«

»Hmm.«

Nicht alle meine fünf Vorgänger waren von Jimmy entlassen worden. Einige hatte er davon überzeugt, selbst zu kündigen. So hatte er es zumindest formuliert. Aber das behielt ich für mich.

»David schafft es schon, ihn wieder zu beruhigen«, sagte Ev überzeugt.

Wirklich süß, wie sie ihren Ehemann vergötterte. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals so viel Vertrauen in einen meiner Partner gehabt zu haben. David und Ev hatten vor einem halben Jahr aus einer Alkohollaune heraus in Las Vegas geheiratet. Die Geschichte schien ziemlich wild gewesen zu sein und war durch alle Medien gegangen. Bisher kannte ich noch nicht alle Details. Zwar hatte Ev mich schon einige Male eingeladen, mit ihr und ihren Freundinnen etwas zu unternehmen, doch ich hatte mich bisher immer gedrückt. Ich fand es nett, dass sie fragte, aber da ich für ihren Schwager arbeitete, fühlte es sich für mich irgendwie nicht richtig an, mit ihr wegzugehen.

Wie auch immer, mich mit Jimmy herumzuschlagen war mein Job. Also lächelte ich Ev noch einmal kurz zu, bevor ich meine Schlüsselkarte durch den Schließmechanismus zog. Zeit zu beweisen, dass ich auch ein Sturkopf sein konnte. Mein Exfreund kann das mit Sicherheit bestätigen.

Ganz langsam und vorsichtig drückte ich die Tür auf. Einen Meter neben meinem Kopf zerbarst ein Glas an der Wand. Ich bekam fast einen Herzinfarkt. Geschockt warf ich mich auf den Boden.

»Lena«, hörte ich Jimmy brüllen. »Verzieh dich!«

Diese gottverdammten, beschissenen Rockstars.

Stimmt doch, oder?

Nun war ich froh, Hosen angezogen zu haben, denn sonst hätte ich mir garantiert am Teppich die Knie aufgescheuert. Außerdem beschloss ich, dass ich kündigen oder eine Gefahrenzulage beantragen würde, sobald wir wieder in Portland waren. Oder beides. Für diesen Mist bezahlten sie mir eindeutig noch immer zu wenig.

»Wag es, noch einmal etwas nach mir zu werfen, und ich ramme dir meinen Sieben-Zentimeter-Absatz so tief in den Hintern, dass du ein ganzes Chirurgenteam brauchst, um ihn dort wieder herauszubekommen«, entgegnete ich erbost. »Kapiert?«

Er funkelte mich finster an.

Ich grinste boshaft.

Ja, so kommunizierten wir eben miteinander.

»Alles okay bei dir?« David Ferris durchquerte in aller Gemütsruhe die Luxussuite, wobei er geschickt einem zertrümmerten Beistelltisch und einer zerschlagenen Lampe auswich. Er reichte mir die Hand und half mir auf. Beide Ferris-Brüder verfügten über gutes Aussehen, Geld, Ruhm und Talent. Doch nur einer von ihnen hatte dazu auch noch gute Manieren.

»Ja, mir geht es gut.« Ich rückte meine Brille zurecht, ohne den aufgebrachten Mann auf der anderen Seite des Zimmers auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen.

»Ich glaube nicht, dass er etwas genommen hat«, raunte David mir zu. »Er hat einfach nur einen äußerst schlechten Tag.«

Liebe Güte, ich hoffte, dass er recht hatte und Jimmy wirklich nichts eingeworfen hatte. Um unser beider willen.

»Weißt du, Lena, es ist für uns alle nicht leicht.«

»Ja, ich weiß.«

Jimmy tigerte im Zimmer auf und ab, die Hände zu Fäusten geballt. Normalerweise sah er aus wie die männliche Version einer Prinzessin oder Diva, immer in Designerklamotten und mit perfekt gestylten Haaren. Zum Glück war er ein unerreichbarer Rockstar, denn so konnte ich ungestört meiner Libido nachgeben und von dieser Augenweide von einem Kerl fantasieren, ohne dass er mich auch nur wahrnahm. (Wirklich blöd, dass mein Sexualtrieb noch ziemlich stark war, obwohl ich doch den Männern offiziell abgeschworen hatte. Ohne ihn wäre das Leben so viel einfacher gewesen.)

Doch heute wirkte Jimmy regelrecht menschlich. Er war nur halb angezogen. Sein dunkles Haar fiel ihm wirr ins Gesicht und auf seinen Wangen zeichnete sich ein Bartschatten ab. Von seiner üblichen Erscheinung keine Spur. Sein Zustand schockierte mich fast so sehr wie der des Zimmers. Nichts schien heil geblieben zu sein. Ich wusste gar nicht, wo ich zuerst hinsehen sollte.

»Was für ein Fiasko«, murmelte ich.

»Soll ich Sam holen?«, fragte David. Sam war der Chef des Sicherheitsteams.

»Nein, ich kriege das schon hin. Danke.«

David sah mich nachdenklich an. »Bist du sicher? Ich glaube zwar nicht, dass er eine Dummheit begehen würde, aber … Er ist gerade ziemlich überdreht.«

»Ja, ich bin sicher. Wir treffen uns unten.« Immer schön Selbstbewusstsein vorschützen. Ich hielt ihm die Tür auf. Obwohl ihn mein aufgesetztes Lächeln nicht zu überzeugen schien, schlüpfte er hinaus auf den Flur.

»Vielleicht sollte ich doch noch ein bisschen bleiben«, sagte er. »Sicherheitshalber.«

»Ihr habt mich engagiert, damit ich mich um ihn kümmere. Keine Sorge. Wir schaffen das«, sagte ich und schloss trotz Davids und Evs besorgter Mienen die Tür.

Jimmy marschierte, ohne mich zu beachten, weiter im Zimmer auf und ab.

Ich atmete mehrmals tief ein und aus. Ganz langsam. Ich war cool und ruhig. Man musste nicht perfekt sein, um einen Job gut zu machen, sondern lediglich ausreichend motiviert. Egal, was ich von diesem Mann hielt – es war meine Aufgabe und meine absolute Priorität, für sein Wohlergehen zu sorgen. Und ich würde mein Bestes tun. Vorsichtig durchquerte ich das Zimmer. Glasscherben knirschten unter meinen Schuhsohlen. Ich schlängelte mich an dem umgekippten Sofa vorbei, stieg über die kaputte Lampe hinweg. Wie hoch die Rechnung für diesen Schaden ausfallen würde, wollte ich lieber nicht wissen. Seltsam, dass noch niemand von der Security aufgetaucht war. Sicher hatten sich andere Gäste über den Lärm beschwert. Aber vielleicht konnte man sich ja für die fünftausend Dollar, die die Suite pro Nacht kostete, auch gewisse Ruhestörungen erkaufen.

Als ich mich Jimmy näherte, funkelte er mich zornig an. Mit seinen Pupillen schien alles okay zu sein, sie hatten die normale Größe. Er ließ sich demonstrativ auf einen Stuhl fallen und bewies damit trotz seines aufgewühlten Gemütszustandes ein perfektes Koordinationsvermögen. Vielleicht hatte er tatsächlich nichts genommen.

Ich stellte mich direkt vor ihn. »Was ist hier los?«

Ich konnte keine schwerwiegenden Verletzungen entdecken. Nur seine Fingerknöchel waren rot und aufgescheuert. Er stützte die Ellbogen auf die Oberschenkel und ließ den Kopf hängen. »Verschwinde, Lena. Ich will allein sein.«

»Das halte ich für keine gute Idee.«

Er gab ein Grunzen von sich.

»Findest du es nicht ein bisschen klischeehaft, dein Hotelzimmer zu demolieren?«

»Leck mich.«

Ich seufzte.

Okay, ihn zu reizen war offenbar keine sinnvolle Taktik. Ich schob die Brille hoch und dachte kurz nach. Zeit für einen Strategiewechsel. Jimmy trug nur eine schwarze Anzughose, kein Hemd, keine Schuhe. Und so schön seine tätowierte Brust und die tätowierten Schultern auch aussahen – in diesem Aufzug konnte er nicht zu einer Beerdigung gehen. Schon gar nicht bei diesem Wetter.

»Wir müssen bald aufbrechen, Jimmy. Du musst dich fertig anziehen. Du möchtest doch nicht zu spät kommen, oder? Das wäre ziemlich respektlos.«

Keine Reaktion.

»Jimmy?«

»Ich hasse es, wenn du in diesem Ton mit mir sprichst«, sagte er und starrte weiter auf den Boden.

»Was meinst du?«

»Wenn du versuchst, wie mein Therapeut zu klingen. Das bist du aber nicht. Also lass den Scheiß.«

Da mir keine brauchbare Erwiderung einfiel, hielt ich den Mund.

An seinem Hals traten die Blutgefäße deutlich hervor und sein Rücken glänzte vor Schweiß. Trotz seines aggressiven Verhaltens wirkte er resigniert. Auch wenn er sich oft wie ein arrogantes Arschloch verhielt, war Jimmy Ferris im Grunde ein starker, stolzer Mann. In den wenigen Monaten, in denen ich nun schon sein Babysitter war, hatte ich eine ganze Palette seiner Launen kennengelernt, die meisten davon eher unerfreulich, doch noch nie hatte ich ihn so gebrochen erlebt. Es tat mir weh, ihn so zu sehen – was mich ärgerte und gleichzeitig überraschte.

»Ich brauche etwas«, presste er hervor.

»Nein!«

»Lena … Verflucht, ich kann nicht –«

»Doch, du kannst.«

»Besorg mir einfach was«, zischte er.

»Das werde ich nicht, Jimmy.«

Er sprang auf, das Gesicht wutverzerrt. Mein Überlebensinstinkt signalisierte mir, sofort die Beine in die Hand zu nehmen. Mein Vater hatte immer prophezeit, dass meine Sturheit mir eines Tages noch zum Verhängnis werden würde. Obwohl ich hohe Absätze trug, überragte mich Jimmy um ein ganzes Stück, und seine neuen Lieblingshobbys waren Jogging und Gewichte stemmen. Da war es kein Wunder, dass mein Körper sofort eine Menge Adrenalin auszuschütten begann. Doch ich wusste, dass Jimmy mir nichts tun würde.

Zumindest war ich mir dessen relativ sicher.

»Nur einen beschissenen Drink«, brüllte er.

»Hey –«

»Du hast verdammt noch mal keine Ahnung, wie ich mich fühle. Ich brauche nur einen einzigen Drink, um das durchzustehen. Danach lasse ich wieder die Finger davon. Ich verspreche es.«

»Nein.«

»Ruf den Zimmerservice an und bestell mir was.«

»Du hast das Telefon zerstört.«

»Dann beweg deinen Hintern nach unten und hol mir was.«

Ich schüttelte den Kopf.

»Du arbeitest für mich! Ich bezahle dein Gehalt. Du hast mir zu gehorchen.« Um seine Worte zu unterstreichen, schlug er sich mit der Hand vor die Brust. »Schon vergessen?«

»Nein. Aber du kannst mir so viel drohen, wie du willst. Ich werde dir trotzdem keinen Drink besorgen.« Meine Stimme bebte zwar ein wenig, doch ich gedachte nicht zu kneifen. »So etwas werde ich nicht tun. Niemals.«

Er stieß ein Knurren aus.

»Jimmy. Du musst dich beruhigen.«

Sein Kiefer mahlte. Seine Nasenlöcher blähten sich.

»Ich will eigentlich niemanden dazu holen. Aber wenn du so weitermachst, bleibt mir keine andere Wahl. Also bitte, beruhige dich.«

»Fuck!« Auf seinem makellosen Gesicht zeichnete sich deutlich ab, wie sehr er darum kämpfte, seine Selbstbeherrschung zurückzugewinnen. Schwer atmend stemmte er die Hände in die Hüften und blickte auf mich herab. »Bitte, Lena.«

»Nein.« Mist, das hatte nicht gerade überzeugend geklungen. Ich ballte die Fäuste vor dem Bauch, um Kraft zu sammeln. »NEIN.«

»Bitte«, flehte er noch einmal. Seine Augen waren gerötet. »Niemand muss davon erfahren. Es bleibt unter uns. Ich brauche etwas, um das alles zu ertragen. Lori war … Sie war mir sehr wichtig.«

»Das weiß ich und es tut mir leid, dass du sie verloren hast. Aber Alkohol wird dir auch nicht helfen«, erklärte ich und versuchte mich an all die weisen Dinge zu erinnern, die ich im Internet gelesen hatte. Doch mein rasender Puls donnerte dermaßen in meinen Ohren, dass ich keinen klaren Gedanken fassen konnte. Ich hatte keine Angst vor ihm, aber durchaus Angst um ihn. Er durfte jetzt nicht einknicken. Das würde ich nicht zulassen. »Alkohol bringt lediglich vorübergehend Linderung, macht auf lange Sicht aber alles nur noch schlimmer. Das weißt du selbst. Du kannst diesen Tag heute durchstehen. Du kannst es.«

»Wir werden sie heute beerdigen«, sagte er mit erstickter Stimme und sank zurück auf den Stuhl. »Sie hat uns zu essen gegeben, Lena. Wenn unser Kühlschrank zu Hause leer war, dann hat sie Davie und mich einfach zu sich geholt und uns etwas zu essen gegeben. Und wie ihre eigenen Kinder behandelt.«

»Ach Jimmy.«

»Ich – Ich kann das nicht.«

Und ich ganz offensichtlich auch nicht. Ich stand einfach nur nutzlos herum. Sein Leid brach mir schier das Herz. Klar hatte ich mich schon oft gefragt, was in seinem Leben geschehen war, dass aus ihm ein so harter Mensch geworden war. Aber mit so etwas hatte ich nicht gerechnet. »Tut mir leid«, sagte ich, obwohl diese Worte vollkommen leer klangen.

Warum sich etwas vormachen? Jimmy brauchte einen Therapeuten oder einen Suchtberater oder irgendjemand anderen, nur nicht mich. Ich hatte keinen blassen Schimmer, wie ich mit dieser Situation umgehen sollte. Der Mann zerbrach vor meinen Augen, und ihm tatenlos dabei zuzusehen war die reinste Folter. Sein Schmerz schien zu meinem Schmerz zu werden, zerriss mich förmlich. Das Zimmer verschwamm vor meinen Augen.

Was zum Teufel hatte ich eigentlich noch hier zu suchen?

Als ich den Job angetreten hatte, hatte ich erschreckend simple Anweisungen erhalten: Ich sollte Jimmy nicht von der Seite weichen, und unter gar keinen Umständen – weder unter Androhung von Schmerz, Tod oder Entlassung oder was seinen Anwälten sonst noch eingefallen war – durfte ich zulassen, dass er auch nur einen Tropfen Alkohol oder ein Gramm Drogen anrührte. Keine einzige Pille. Da er zu dem Zeitpunkt, als ich die Stelle angenommen hatte, schon seit einem halben Jahr aus eigenem Antrieb abstinent gewesen war, war mir diese Aufgabe nicht allzu schwierig erschienen.

Bis zum heutigen Tag.

»Ich suche jetzt dein Hemd«, sagte ich und versuchte nach Kräften, mich zusammenzureißen. Egal, ob ich nun qualifiziert war oder nicht – im Augenblick war ich alles, was er hatte. »Wir ziehen dich jetzt fertig an und dann brechen wir auf.«

Er schwieg.

»Wir schaffen das, Jimmy. Wir stehen den heutigen Tag durch und danach wird es leichter werden.« Die Worte hinterließen einen schalen Nachgeschmack. Hoffentlich würden sie sich nicht als Lüge entpuppen.

Noch immer keine Reaktion.

»Okay?«

»Warum habe ich nur zugestimmt, bei der Trauerfeier zu sprechen? Was um alles in der Welt habe ich mir dabei gedacht?«, meinte er finster. »Die Jungs hätten doch wissen müssen, dass das keine gute Idee ist, und nicht zulassen dürfen, dass ich mich in diese Lage bringe. In dieser Verfassung bin ich verdammt noch mal zu gar nichts zu gebrauchen. Aber Dave musste mir ja diesen Floh ins Ohr setzen. ›Sag einfach ein paar Worte. Ich lese Gedichte vor. Wird schon klappen.‹ Was für ein Schwachsinn.«

»Du schaffst das.«

»Nein.« Er fuhr sich mit den Händen übers Gesicht. »Wenn ich nicht die Beerdigung des großartigsten Menschen, der mir jemals begegnet ist, versauen soll, dann brauche ich jetzt einen Drink. Nur einen. Dann höre ich wieder auf.«

»Nein«, sagte ich entschieden. »Die Jungs haben dich bewusst ausgewählt. Selbst wenn sie es nur ungern zugeben wollen, wissen sie, dass du das von ihnen allen am besten kannst. Du bist der Frontmann. Du brauchst keinen Drink. Ganz vorne im Rampenlicht zu stehen ist dein täglich Brot. Es liegt dir im Blut.«

Er sah mich eindringlich an. Ich schaffte es kaum, seinem Blick standzuhalten.

»Du kannst das, Jimmy. Ich weiß es. Mit hundertprozentiger Sicherheit.«

Nichts. Er blinzelte nicht einmal, starrte mich nur unablässig an. Nicht unbedingt ungehalten, obwohl ich seine Miene nicht zu interpretieren wusste. Langsam wurde mir sein Starren zu viel. Ich rieb mir die verschwitzten Hände an der Hose ab.

»So«, unterbrach ich die unangenehme Situation. »Ich hole deine Sachen.«

Urplötzlich schlang er seine starken Arme um mich und zog mich an sich. Ich geriet ins Stolpern, fand jedoch sofort wieder Halt, als er sein erhitztes Gesicht gegen meinen Bauch presste. Er hielt mich so fest umklammert, als erwarte er von mir Gegenwehr. Doch ich war wie betäubt. Sein Körper bebte so sehr, dass es auch mich schüttelte. Ich spürte es bis in meine Knochen. Dabei gab er keinen Laut von sich. Die Vorderseite meines Oberteils wurde nass, klebte an meiner Haut.

Gut möglich, dass er nur schwitzte. Doch ich hegte den schlimmen Verdacht, dass es nicht so war.

»Hey.« Obwohl ich schon zwei Monate in diesem Job arbeitete, traf mich diese Situation völlig unvorbereitet. Normalerweise brauchte Jimmy meine Hilfe nicht. Ich war eher eine Last für ihn. Wir gerieten aneinander. Er versuchte, mich herunterzuputzen. Ich riss einen Witz. Wir hatten längst unsere Routine gefunden.

Der Mann, der sich nun an mich klammerte, war ein vollkommen Fremder.

Ich ließ die Hände unentschlossen über seinen nackten Schultern schweben. Panik ergriff mich. Ihn zu berühren war mir definitiv nicht gestattet. Nicht einmal ein bisschen. Das war in meinem einhundertzwölfseitigen Arbeitsvertrag unmissverständlich geregelt. Bisher hatte auch er penibel darauf geachtet, jeglichen Körperkontakt mit mir zu vermeiden. Doch nun spannten sich seine Arme wie ein Schraubstock um meine Taille und seine Fingerspitzen gruben sich in meine Haut. Ich glaubte, meine Rippen knacken zu hören. Er war so verflucht stark. Zum Glück war auch ich hart im Nehmen, denn sonst hätte er mich wahrscheinlich erdrückt.

»Jimmy, ich kann nicht atmen«, keuchte ich.

Er lockerte seinen Griff ein wenig, doch mich loszulassen gedachte er offenbar nicht. Gierig schnappte ich nach Luft.

»Vielleicht sollte ich Sam holen«, schlug ich vor, nachdem ich endlich wieder zu Atem gekommen war. Der Chef des Sicherheitsteams sah zwar aus wie ein Schläger im Anzug, doch er konnte einen bestimmt auch ganz toll in den Arm nehmen.

»Nein.«

Mist. »Oder David. Soll dein Bruder wieder reinkommen?«

Sein Gesicht bewegte sich an meinem Bauch nach links, dann wieder nach rechts. Noch ein Nein. »Du darfst ihnen nichts hiervon erzählen.«

»Das werde ich nicht. Versprochen.«

Wieder herrschte ohrenbetäubendes Schweigen.

»Ich brauche nur einen Augenblick«, sagte er schließlich.

Ich stand starr vor ihm, nutzlos. Genauso gut hätte eine Schaufensterpuppe meinen Platz einnehmen können. Verflixt, ich musste etwas unternehmen. Ganz, ganz langsam senkte ich meine Hände. Das Bedürfnis, ihn zu berühren, war weitaus stärker als meine Angst vor rechtlichen Konsequenzen. Ich spürte an meinen Handflächen die Hitze, die von seinem Körper ausstrahlte. Fast schien er zu fiebern. Seine breiten Schultern und sein Hals waren verschwitzt. Tröstend strich ich über seine feuchte Haut.

Es fühlte sich verwirrend gut an, ihm so nahe zu sein. Von ihm gebraucht zu werden.

»Ist schon gut.« Ich schob die Finger in sein dichtes, dunkles Haar. Wie weich es war. Kein Wunder, dass ich ihn nicht berühren durfte. Jetzt, nachdem ich damit angefangen hatte, konnte ich gar nicht mehr damit aufhören. Eigentlich war es wirklich unanständig von mir, den armen Mann in solch einer Situation schamlos zu betatschen. Aber schließlich hatte er angefangen. Er hatte sich Trost suchend an mich geklammert. Und zu meiner Verwunderung fand ich das nicht gerade unangenehm.

»Was soll ich denn sagen?«, murmelte er an meinem Bauch. »Wie soll ich eine ganze verdammte Rede halten?«

»Du sagst einfach, was sie dir bedeutet hat. Das genügt schon.«

Er schnaubte verächtlich.

»Nein, wirklich. Sag einfach, was dir in den Sinn kommt. Was du fühlst.«

Er atmete bebend ein und drückte die Stirn gegen meinen Bauch. »Zu allem Überfluss hat sie auch noch angerufen.«

»Sie?«, fragte ich verwundert. Hatte er jetzt auch noch Halluzinationen? »Wer hat angerufen?«

»Mom.«

»Oh.« Das war bestimmt nicht gut. Besser als eingebildete Telefonanrufe von Toten, aber trotzdem. »Was wollte sie?«

»Was sie immer will. Geld«, stieß er barsch hervor, so leise, dass ich ihn kaum verstehen konnte. »Ich habe ihr gesagt, sie soll mir bloß nicht unter die Augen kommen.«

»Sie ist hier?«

Ein Nicken. »Sie hat gedroht, die Beerdigung zu sabotieren. Ich habe ihr gesagt, dass ich sie verhaften lasse, wenn sie das versuchen sollte.«

Liebe Güte, die Frau war offenbar ein Albtraum.

»Davie weiß nichts davon. Und so soll es auch bleiben.«

»Verstanden.« Das war vielleicht nicht gerade klug, doch die Entscheidung lag nicht in meiner Hand. »Ich werde ihm nichts verraten.«

Seine Schultern zuckten unter meinen Händen. Sein Leid umgab uns beide wie eine undurchdringliche Hülle. Die Welt um uns herum schien nicht mehr zu existieren.

»Du bekommst das schon hin.« Ich beugte mich über ihn, schirmte ihn mit meinem Körper ab. Es zerriss mir das Herz. Von professioneller Distanz keine Spur. Der Drang, ihm Trost zu spenden, war zu stark. Sonst verhielt er sich immer so gedankenlos und unverschämt, trieb mich fast in den Wahnsinn. Doch sauer auf ihn zu sein, machte meinen Job um einiges einfacher. Solange er sich wie ein Arsch aufführte, fiel es mir leicht, Distanz zu wahren. Doch diese neuen, gefährlichen Gefühle, die ich plötzlich empfand, waren angenehm und kitschig, warm und rührselig. Ich konnte es mir nicht erlauben, so viel für ihn zu empfinden.

Mist.

Was passierte nur mit mir?

Er packte meine runden Hüften und sah zu mir auf. Seine übliche Reserviertheit war verschwunden, seine Ecken und Kanten abgeschliffen vom Schmerz. Fast schienen die Qualen seine Schönheit zu betonen. Ich leckte mir über die Lippen, die plötzlich staubtrocken waren. Seine Finger packten noch einmal zu, ließen dann lockerer, während er mit nachdenklicher Miene den feuchten Fleck auf meiner Bluse betrachtete. »Sorry, das wollte ich nicht.«

»Kein Problem.«

Als er mich losließ, spürte ich erst, dass ich ganz weiche Knie hatte.

Die Vertraulichkeit zwischen uns zerstob und machte Befangenheit in kolossalem Ausmaß Platz. Ich spürte geradezu, wie die massiven Mauern, die ihn sonst stets umgaben, wieder hochgezogen wurden. Mir dagegen fiel es nicht so leicht, wieder auf Distanz zu gehen. Verflixt. Es fühlte sich an, als hätte jemand unbemerkt meine Schutzwälle aus Stahl gegen Alufolie eingetauscht. Und das war alles nur seine Schuld. Für einen Augenblick war er tatsächlich von seinem selbstgewählten Podest heruntergestiegen. Hatte mir sein wahres Gesicht gezeigt, seine Ängste. Und ich? Ich hatte blödsinniges, belangloses Zeug gebrabbelt. Was genau, daran konnte ich mich schon gar nicht mehr erinnern. Kein Wunder, dass er sich mir wieder verschlossen hatte.

Auch die körperliche Nähe zwischen uns wirkte nun unnatürlich. Jimmy sah mich verlegen an. Ganz offensichtlich bereute er schon, dass er sich vor mir eine Blöße gegeben hatte. Liebe Güte, er hatte sich bei einer Hilfskraft ausgeheult.

»Ich hole deine Sachen«, platzte ich hastig mit dem Erstbesten heraus, das mir in den Sinn kam, und taumelte blindlings davon. Meine Gedanken und Gefühle waren ein einziges Durcheinander. Ich musste unbedingt Mom fragen, ob es in unserer Familie häufiger Herzleiden gab. Onkel John war an Leukämie gestorben und Großmutter an dem Päckchen Zigaretten, das sie täglich geraucht hatte. Großtante Valerie hatte sich meines Wissens eine mysteriöse Pilzinfektion der Lunge zugezogen, aber beschwören könnte ich es nicht. Mom würde es bestimmt genauer wissen. Oh Gott, mein Herz schlug wie wild. Das konnte unmöglich normal sein. Ich war doch erst fünfundzwanzig und damit noch viel zu jung zum Sterben. Aber vielleicht genau im richtigen Alter, um mich zum Hypochonder zu entwickeln …

Ich eilte in das riesengroße Schlafzimmer und holte Hemd und Krawatte aus dem begehbaren Kleiderschrank. Mein Zimmer gegenüber war auch nicht übel, doch dieser Raum hier war wirklich unglaublich. Das monströs große Bett war zerwühlt, Laken, Decken und Kissen lagen wild durcheinander. Mit wilden Sexspielen konnte das allerdings nichts zu tun haben, denn soweit ich wusste, war Jimmy entweder asexuell oder lebte enthaltsam oder auch beides. Wahrscheinlich hatte er schlecht geschlafen. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie er sich halb nackt auf diesem großen Bett hin und her warf, ganz allein mit seinen bösen Erinnerungen.

Und ich hatte gleich gegenüber im Bett gelegen, ebenfalls allein, und auch ich hatte nicht gerade gut geschlafen. In manchen Nächten wollte mein Hirn einfach nicht abschalten und mich zur Ruhe kommen lassen. Gestern jedenfalls war es definitiv so gewesen.

Ich stand regungslos im Schlafzimmer und starrte wie hypnotisiert auf den Wust aus Decken und Kissen.

Wieder schien mein Herz aus dem Takt zu geraten. Was zwischen meinen Schenkeln passierte, will ich gar nicht erst erwähnen. Ich war mir ziemlich sicher, dass es in meinem Arbeitsvertrag auch einen Passus gab, der es mir verbot, feucht zu werden, insbesondere, wenn ich dabei an einen gewissen James Dylan Ferris dachte.

»Hey.« Wie aus dem Nichts erschien Jimmy plötzlich an meiner Seite. Mir blieb fast das Herz stehen.

»Hi«, erwiderte ich zurückhaltend und seltsamerweise auch ein wenig atemlos. Vielleicht sollte ich vorsichtshalber auch meine Lungen checken lassen? »Wir müssen dich kurz frisch machen. Komm mit.«

Er trottete folgsam wie ein kleines Kind hinter mir her. Das grelle Licht im blendend weißen Badezimmer verschlimmerte meine Verwirrung nur noch. Okay, was jetzt? Überall standen Flaschen und Tuben herum, doch mein vernebeltes Hirn war vollkommen überfordert.

»Wir müssen uns beeilen«, sagte ich mehr zu mir selbst und legte Hemd und Krawatte wieder ab. Ich nahm einen Waschlappen und hielt ihn unter den Wasserhahn. Hätte ich nicht schon mein Make-up aufgetragen, ich hätte mir gleich selbst noch eine ordentliche Ladung eiskaltes Wasser ins Gesicht gespritzt, um endlich aus meinem merkwürdigen Geisteszustand zu erwachen. Jimmy war wieder tief in Gedanken versunken und starrte ins Leere. Als ich ihm den Waschlappen hinhielt, reagierte er nicht. Egal, wir hatten keine Zeit mehr. Dann musste ich eben selbst ran. Als ich mit dem kalten, nassen Lappen seine Haut berührte, fuhr er jäh zurück.

»Stillhalten«, ordnete ich an und machte mich daran, zum ersten Mal in meinem Leben einen anderen Erwachsenen zu waschen. Na ja, eigentlich schrubbte ich ihn geradezu ab. Sogar hinter den Ohren wusch ich ihn in meinem Eifer.

»Liebe Güte«, murmelte er und versuchte, sich wegzuducken.

»Halt still.«

Jetzt kam sein Hals an die Reihe, anschließend die Schultern. Ich hielt den Lappen noch einmal unters Wasser, ehe ich mich hastig mit seiner Brust und seinem Rücken befasste. Bloß nicht nachdenken. Er war Jimmy, mein Boss. Der Körper unter meinen Händen bestand, ungeachtet der Gänsehaut, die sich überall ausbreitete, aus Stein und nicht aus Fleisch und Blut. Mein Job stand auf dem Spiel. Für sinnliche Gedanken war kein Platz. Meine durchgedrehten Hormone und Gefühle durften nicht die Oberhand gewinnen. Ich konnte es schaffen, jawohl.

»Okay. Jetzt das Hemd.« Ich hielt ihm das edle Kleidungsstück aus dicker, weicher Baumwolle hin. Er schlüpfte hinein. Seine weiche Haut strich dabei über die Rückseite meiner Finger und sofort kribbelte mein ganzer Arm. Die Knöpfe zu schließen bereitete mir dementsprechende Schwierigkeiten. »Wir brauchen noch Manschettenknöpfe. Und ich weiß nicht, wie man eine Krawatte bindet.«

»Das übernehme ich.«

»Okay.« Ich reichte ihm den schmalen, schwarzen Seidenschlips. Alles gut, alles gut. Ich brauchte nur ein bisschen frische, möglichst kalte Luft.

Jimmy schob sich an mir vorbei und ging zurück ins Schlafzimmer. Dort nahm er ein Paar silberfarbene Manschettenknöpfe aus einer Schublade und fixierte damit die Ärmelaufschläge seines Hemdes. Wie ich ihn kannte, waren sie nicht aus banalem Silber gefertigt, sondern aus Platin. An den Ärmeln und am Hemdkragen lugten Tattoos hervor. Selbst in diesem Aufzug sah man ihm an, dass er ein Rockstar war. Ein Mann wie er konnte unmöglich in der Masse untergehen. Dafür war er viel zu schön.

»Brauchst du sonst noch etwas?«, fragte ich und trottete ihm hinterher wie ein kleines Hündchen. Ich rollte die Zehen ein und ließ die Hände locker hängen. Er durfte keinesfalls merken, wie zittrig ich seinetwegen war.

»Nein, alles okay.« Vor dem Bett lagen schon Socken und Schuhe bereit. Er setzte sich und zog sie an. Seine Anzugjacke hing über einer Stuhllehne, ebenso ein langer Wollmantel. Alles bestens, wir waren bereit.

»Hast du deine Rede?«, fragte ich.

Seine Miene verfinsterte sich ein wenig. »Ja, sie steckt in meiner Tasche.«

»Gut. Ich hole nur noch meine Tasche und die Jacke.«

Er musterte mich kurz und nickte mir zu. »Du siehst übrigens hübsch aus.«

»Oh, danke.«

»Ich sage nur, wie es ist. Du siehst gut aus.« Damit wandte er sich ab.

Ich dagegen regte mich nicht. Einerseits aus Verblüffung über das Kompliment, andererseits, weil ich Bedenken bekam, Jimmy einfach allein zu lassen. Was, wenn er sich wieder aufregte und ich nicht da war, um ihn zu beruhigen? Er musste unbedingt clean bleiben. Ich durfte kein Risiko eingehen.

Er betrachtete sichtlich angespannt den fast getrockneten Fleck auf meiner Bluse. »Du verrätst es ganz bestimmt niemandem?«

»Nein. Niemals.«

»Okay …« Er atmete erleichtert auf.

Ich lächelte ihm aufmunternd zu.

»Hör mal, Lena.«

»Hm?«

Er wandte den Blick ab. »Hier im Zimmer ist nichts. Keine Pillen, kein Alkohol. Ich hab mir nichts besorgt. Wenn du willst, mache ich einen Drogentest, oder du kannst mein Zimmer durchsuchen …«

»Nein, ich weiß, dass du die Wahrheit sagst«, erwiderte ich etwas irritiert. »Sonst hättest du nicht von mir verlangt, dass ich dir etwas bringe, und diese Unterhaltung wäre total anders verlaufen. Oder sie hätte gar nicht stattgefunden und du wärst wieder in der Entzugsklinik und ich arbeitslos.«

»Stimmt.«

Einen Augenblick lang verfielen wir beide in Schweigen. Ich verschränkte nervös die Arme vor der Brust.

»Du kannst mich jetzt ruhig allein lassen«, sagte er. »Wirklich, alles ist okay. Hol deine Sachen, damit wir gehen können.«

»Ach ja, richtig!« Bevor ich es verhindern konnte, stieß ich ein falsches, verlegenes Lachen aus. Mist. »Klar, okay. Ich hole meine Sachen.«

»Gut.« Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar, wie er es jeden Tag ungefähr ein Dutzend Mal zu tun pflegte. Seit ich für ihn arbeitete, hatte ich diese Geste unzählige Male gesehen. Warum um Himmels willen krampfte sich dann plötzlich mein Herz zusammen?

Nein. NEIN.

Ich hatte keine emotionale Bindung zu ihm aufgebaut. Das konnte unmöglich sein.

»Gehst du jetzt oder was?«, fragte er leicht genervt. Gott sei Dank. Er ärgerte sich über mich. Was für eine Erleichterung. Die Normalität hatte uns wieder.

»Ja, Jimmy, ich gehe.«

»Jetzt gleich?«

»Ja, sofort.« Ich stolzierte davon und knallte die Tür hinter mir zu.

Ich hegte keine Gefühle für Jimmy Ferris. Schon allein die Vorstellung war lächerlich. Er war ein Ex-Junkie. Ich bewunderte und respektierte ihn dafür, dass er sein Leben in den Griff bekommen hatte und gegen die Sucht kämpfte, aber trotzdem wäre es dumm gewesen, sich mit jemandem einzulassen, der gerade mal ein halbes Jahr trocken war. Außerdem war Jimmy nicht gerade ein netter Kerl, alle anderen Menschen, die neben ihm auf diesem Planeten existierten, waren ihm ziemlich schnurz.

Und noch schlimmer: Er war mein Boss.

Ich empfand nichts für ihn. Das durfte nicht sein, niemals. Ich hatte mein Herz schon oft genug an nichtsnutzige, labile oder gar kriminelle Arschlöcher verloren. Damit war Schluss. Ich hatte mich weiterentwickelt und er bedeutete mir absolut nichts. Jawohl.

»Verflucht.« Ich lehnte mich an die Wand, holte tief Luft und versuchte, mich ganz auf die bevorstehende Beerdigung zu konzentrieren.

Alles würde gut werden.

2

Nichts wurde gut.

Mals Mutter hatte anscheinend besonders gern Lilien gemocht. Vom schweren, süßlichen Duft ihrer Blüten wurde mir augenblicklich schwindelig. Glücklicherweise waren für uns Plätze in einer der vorderen Reihen bei der Familie reserviert, denn die Kirche war voll besetzt. Allerdings fühlte es sich recht merkwürdig an, bei den Ericsons zu sitzen, denn ich kannte Mals Familie kaum. Aber Jimmy hatte es so gewollt. Draußen vor dem Portal fingen Wachleute alle ungebetenen Besucher ab. Trotz der strengen Sicherheitsbestimmungen und der Kälte hatte sich eine ganze Gruppe Fans vor der Kirche versammelt. Bei unserer Ankunft hatten sie Jimmys Namen gerufen und ihm T-Shirts und anderen Kram zum Signieren unter die Nase gehalten. Ich hätte ihnen am liebsten ordentlich die Meinung gegeigt, doch Jimmy ließ sie einfach stehen. Man hätte doch meinen sollen, dass zumindest die Leute in seiner Heimatstadt ein bisschen mehr Rücksicht nahmen, insbesondere unter diesen Umständen. Manche Menschen dachten einfach nicht nach oder wollten es auch gar nicht. Sie wollten einfach nur ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen, ohne Rücksicht auf andere.

Gott, wie ich solche Leute verabscheute.

Der Organist griff in die Tasten und ein Choral ertönte. Die versammelten Trauergäste sangen mit, so gut sie konnten. Jimmys Rede kam als Nächstes. Sein Gesicht war noch blasser als sonst, fast schon gräulich. Zwar versuchte er, sich nichts anmerken zu lassen, doch es war offensichtlich, dass es ihm nicht gut ging. Ich griff nach seiner Hand und hielt sie fest. Jimmy zuckte vor dem unerwarteten Körperkontakt zurück und musterte verwirrt unsere verschlungenen Hände. Ich ließ ihn trotzdem nicht los.

»Schon okay«, sagte ich nur.

Er versuchte nicht weiter, mir seine Hand zu entziehen. Stattdessen begann er, nervös an seinem Krawattenknoten zu nesteln.

»Du wirst das großartig machen, Jimmy.«

Das Lied verklang. Mal wandte sich zu uns um. Lieber Himmel, wie niedergeschmettert er aussah. Seine Augen waren schmerzerfüllt. Anne, seine Freundin, stand neben ihm, den Arm fest um seine Taille geschlungen. Noch vor ein oder zwei Wochen hatte es zwischen den beiden heftig gekriselt, doch nun schien alles wieder im Lot. Ich freute mich, sie so einträchtig zusammen zu sehen. Vor allem an einem Tag wie diesem.

Mal nickte Jimmy auffordernd zu. Nun war es Jimmy, der plötzlich so fest meine Hand packte, dass es wehtat. Doch abgesehen davon regte er sich nicht. Er war vollkommen erstarrt.

Neben mir beugte sich David in der Bank vor. »Jim?«

Unruhiges Gemurmel erhob sich unter den Gästen. Der Pfarrer trat an den Rand der Kanzel und blickte sich erwartungsvoll um.

Jemand musste etwas unternehmen.

»Gehen wir.« Ich legte die Hand auf seinen Rücken und drückte dagegen. Mit Nachdruck.

Er zwinkerte benommen, als erwache er aus einem Traum.

»Es ist so weit, Jimmy. Du bist dran«, flüsterte ich ihm zu. »Lauf los.«

Langsam und gequält trat er auf den Mittelgang hinaus. Ich folgte ihm, während ich die Blicke der anderen Trauergäste im Nacken spürte. Egal. Wir schritten Seite an Seite nach vorne. Ich ließ die Hand weiterhin auf seinem Rücken ruhen, lenkte ihn sanft. Wir stiegen die Treppe hinauf und aufs Podium. Dort fischte ich das Blatt, auf dem er seine Rede aufgeschrieben hatte, aus seiner Manteltasche und legte es vor ihn hin. Die Gäste tuschelten verwundert über unser merkwürdiges Verhalten. Sollten sie ruhig. Das Einzige, was zählte, war, ihn unbeschadet durch diesen Tag zu bringen.

»Kriegst du das hin?«, fragte ich.

Er verzog das Gesicht. »Ja.«

Ich trat beiseite.

Kurz wanderte sein Blick über seine Zuhörer, zu David und Ev, dem riesengroßen Ben und zu Mal und Anne. Dann wandte er sich noch einmal zu mir um. Er hatte die Lippen fest aufeinandergepresst. Sein Blick war flehend. Ich lächelte ihm verhalten zu, um ihm Mut zu machen. Ich hegte keinen Zweifel daran, dass er es schaffen würde. Jimmy Ferris war ein besonderer und gleichzeitig komplizierter Mensch, wunderschön und bestialisch – und ein geborener Performer.

Jimmys Miene entspannte sich kaum merklich. Ich atmete auf. Er konnte es schaffen und er würde es schaffen.

Trotzdem hatte ich noch immer das Gefühl, als würde sein Schmerz auf mich ausstrahlen, so unerbittlich, dass es mir fast das Herz sprengte. Irgendwann im Hotelzimmer war eine emotionale Verbindung zwischen uns entstanden, die es mir schier unmöglich machte, seine Gefühle und meine voneinander zu trennen. Und was noch schlimmer war: Ich wollte es überhaupt nicht. Er hatte sich mir geöffnet, und nun brachte ich es nicht mehr über mich, ihn mit all seinem Leid alleinzulassen.

Morgen würde ich wieder sichere Distanz halten. Doch heute brauchte er einen Freund.

»Hi«, sagte er. Seine tiefe, kraftvolle Stimme hallte durch den Raum. »Ich heiße Jimmy Ferris. Ich traf Lori Ericson, als ich ungefähr sechzehn war. Damals erlaubte sie uns, in der Garage der Ericsons zu proben. Mr Ericson war anfangs überhaupt nicht davon begeistert, dass wir dort Musik machen wollten, doch Lori schaffte es, ihn zu überreden. Niemand sonst wollte uns haben. Ehrlich gesagt produzierten wir damals mehr Lärm als Musik. Hatten keine besch… Entschuldigung. Wir hatten keine Ahnung, was wir eigentlich taten.

Im Sommer versorgte sie uns mit literweise Limonade. Wer mich kennt, den wird es nicht wundern, dass ich sie gern mit dem billigen Wodka gestreckt habe, den ich den Leuten im Schnapsladen abzuschwatzen pflegte.« Er lächelte seinem Bruder David angespannt zu.

»Wie dem auch sei«, fuhr er fort und räusperte sich. »Eines Tages erwischte sie mich zufällig dabei. Dass ich deutlich größer war als sie, war ihr egal. Sie packte mich am Ohr, riss es mir fast ab. Dann zerrte sie mich nach draußen und blies mir den Marsch. Als sie mit mir fertig war, war ich so klein mit Hut. Lori war ein lieber Mensch, aber sie wusste genau, wie man jemanden ordentlich zurechtstutzt. Doch nachdem sie ihre Strafpredigt gehalten hatte, beruhigte sie sich sofort wieder, setzte sich mit mir hin und redete mit mir. Über ganz allgemeine Dinge. Seit jenem Tag nahm sie sich, wann immer ich bei den Ericsons vorbeischaute, Zeit, um sich mit mir zu unterhalten. Auch wenn es nur zwei Minuten waren. Von zu Hause kannte ich so etwas nicht, denn unsere leibliche Mutter hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits aus dem Staub gemacht. Doch Loris Kind war ich auch nicht. Wahrscheinlich hätte sie unter anderen Umständen sogar missbilligt, dass ein Kerl wie ich Umgang mit ihrem Kind pflegte. Doch trotzdem legte sie großen Wert auf unsere Gespräche. Sie gab auf David und mich acht, sorgte dafür, dass wir etwas anzuziehen und zu essen hatten sowie alles, was wir brauchten. Sie kümmerte sich um uns, als wir allen anderen scheißegal waren.« Er verzog das Gesicht. »Als wir allen anderen gleichgültig waren.«

Er hielt inne, dehnte die Finger, ballte die Hände wieder zu Fäusten. »Ich würde gern berichten, dass ich nach diesem Zwischenfall nicht mehr in Loris Garage getrunken habe. So sollte diese Geschichte enden. Doch wahrscheinlich war ich damals schon ein Süchtiger. Ich hörte ein paar Tage lang auf, doch danach machte ich weiter, allerdings heimlich. Die Vorstellung, sie zu enttäuschen, konnte ich nicht ertragen. Das klingt jetzt vielleicht so, als hätte sie nichts bei mir erreicht. Doch was sie damals getan hat, war von großer Tragweite. Sie war der erste Mensch, der es jemals geschafft hat, den Wunsch in mir zu wecken, mich zu bessern. Ein guter Mensch zu sein. Mehr aus mir zu machen. Das war ihre große, außergewöhnliche Stärke. Wenn jemand es schafft, einen Typen wie mich dazu zu animieren, ein besserer Mensch zu werden, dann ist das schon beachtlich.«

Jimmy nahm das Blatt Papier und faltete es behutsam zusammen. Er brauchte es nicht mehr. Die Worte waren in ihm, bahnten sich von alleine ihren Weg, während er den versammelten Menschen sein Herz öffnete. Aufrecht stand er vor ihnen. Was er zu erzählen hatte, mochte nicht gerade schön sein, doch trotzdem wirkte er stark und stolz. Als ich ihn ansah, breitete sich eine merkwürdige Wärme in meiner Brust aus. Ich fühlte mich so zufrieden wie lange nicht mehr. Schon klar, ich hatte diese wundervolle Trauerrede nicht geschrieben, aber trotzdem …

»Sie finden es vielleicht merkwürdig, dass ich Ihnen ausgerechnet diese Geschichte erzähle«, sagte er ruhig und gefasst. »Sie zeigt mich jedenfalls in keinem besonders guten Licht. Aber ich denke, sie ist bestens geeignet, um Ihnen zu verdeutlichen, weshalb mir Lori so wichtig war. Was sie außergewöhnlich machte, war … dass sie Anteil nahm. Sie sorgte sich um andere, kümmerte sich. Eine seltene, wundervolle Eigenschaft. Und aus diesem Grund wird sie uns allen furchtbar fehlen.«

Ich wischte hastig mit dem Handrücken eine Träne von der Wange, bevor Jimmy mich noch beim Heulen erwischte. Doch leider war ich nicht schnell genug. Na, wenigstens war ich nicht die Einzige, die Jimmys Rede zu Tränen gerührt hatte. Ein Wunder, dass nicht die ganze Kirche überflutet wurde.

Jimmy wandte sich zu mir um. Sein Gesicht war völlig ausdruckslos. »Gehen wir.«

Ich schniefte. »Jap.«

Wir verließen das Podium. Diesmal legte Jimmy die Hand auf mein Kreuz und führte mich. Doch bevor wir unsere Plätze erreichten, trat Mal uns schon entgegen. Wortlos schloss er Jimmy in die Arme, drückte ihn fest an sich und schlug ihm anerkennend auf den Rücken, wie Männer das eben zu tun pflegen. Es dauerte einen Augenblick, bis Jimmy reagierte und ihm ebenfalls auf den Rücken klopfte. Die Orgel setzte von Neuem ein und alle um uns herum erhoben sich. Die Kirche wurde von Gesang erfüllt.

Ich nahm wieder meinen angestammten Platz auf der Kirchenbank ein. Jimmy setzte sich neben mich, so dicht, dass seine Anzughose mein Bein berührte. Ich rechnete fest damit, einen Rüffel dafür zu kassieren, dass ich ihm nicht mehr Platz machte – was nicht ging, da plötzlich eine unbekannte Damenhandtasche neben mir auf der Bank stand –, doch nichts geschah. Nach all dem Drama und den emotionalen Achterbahnfahrten war ein bisschen Körperkontakt sehr wohltuend.

Also, für den armen Jimmy natürlich. Nicht für mich, nein, nein.

Jimmy senkte kurz den Blick auf unsere Beine. »Ist bei dir alles in Ordnung?«

»Ja. Und bei dir?«

Er gab ein Geräusch von sich, das ich als Zustimmung interpretierte.

»Gut.« Ich legte die Hände in den Schoß.