Wer will schon einen Rockstar? - Kylie Scott - E-Book

Wer will schon einen Rockstar? E-Book

Kylie Scott

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Beschreibung

"Das Leben ist wie ein Lied. Lass es uns spielen!" Anne Rollins hat den schlimmsten Tag ihres Lebens hinter sich: Ihre Mitbewohnerin ist aus der gemeinsamen Wohnung verschwunden - mit allen Möbeln und ohne ihre Mietschulden zu begleichen. Um sich abzulenken, beschließt Anne kurzerhand, eine Freundin auf eine Party zu begleiten. Doch dort steht sie plötzlich niemand anderem gegenüber als Malcolm Ericson, dem Drummer der weltberühmten Rockband Stage Dive. Als dieser von Annes Problemen erfährt, macht er ihr ein Angebot, das verrückter nicht sein könnte: Er hilft ihr aus ihrer finanziellen Notlage, wenn sie im Gegenzug eine Zeit lang seine Freundin spielt ...

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Seitenzahl: 434

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

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Epilog

Danksagung

Die Autorin

Kylie Scott bei LYX

Impressum

KYLIE SCOTT

Wer will schon einen Rockstar?

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Katrin Reichardt

Zu diesem Buch

Anne Rollins traut ihren Augen nicht, als sie in ihre Wohnung kommt und feststellt, dass ihre Mitbewohnerin sang- und klanglos ausgezogen ist, mit allen Möbeln und ohne die Miete zurückzuzahlen, die sie Anne seit Monaten schuldet. Anne hat keine Ahnung, wie sie ohne das Geld über die Runden kommen soll, ganz zu schweigen davon, dass sie auch das Studium ihrer kleinen Schwester finanzieren muss. Um auf andere Gedanken zu kommen, beschließt Anne kurzerhand, sich von ihrer Freundin mit auf eine Party schleppen zu lassen – nicht ahnend, dass das ihre Welt endgültig auf den Kopf stellen wird: Denn dort steht sie plötzlich niemand anderem gegenüber als Malcolm Ericson, dem Drummer der weltberühmten Rockband Stage Dive, und der macht ihr prompt ein unverschämtes Angebot: Er hilft Anne aus ihrer finanziellen Notlage und zieht bei ihr ein, und als Gegenleistung spielt sie eine Zeit lang seine feste Freundin. Den Grund für dieses Arrangement will er ihr nicht verraten. Aber auch wenn sie die Sache eigentlich total verrückt findet – Anne hat nichts zu verlieren. Je mehr Zeit sie mit Mal verbringt, desto klarer wird ihr, dass hinter dem Grinsen und den fröhlichen Sprüchen, die er stets für die Außenwelt parat hält, eine Traurigkeit schlummert, die sie sich nicht erklären kann. Und ehe sie sich’s versieht, sind die Gefühle für ihren Rockstar-Mitbewohner nicht mehr nur gespielt …

Für Hugh – für immer

und ewig und alles andere.

1

Etwas stimmte nicht. Das merkte ich gleich, als ich zur Tür hereinkam. Ich schaltete das Licht mit einer Hand ein, während ich mit der anderen meine Tasche auf die Couch warf. Nach der schummrigen Beleuchtung im Flur blendete mich das plötzliche helle Licht. Kleine Lichtpunkte tanzten vor meinen Augen. Als sie schließlich verblassten, sah ich eigentlich nur Leere … Leere an Stellen, an denen noch am Morgen Möbel gestanden hatten.

Unter anderem die Couch.

Meine Handtasche landete auf dem Boden, der Inhalt fiel heraus: Tampons, Kleingeld, Stifte und Schminkutensilien. Ein Deostift rollte in die Ecke – die jetzt leer war, weil der Fernseher nebst dazugehörigem Schrank verschwunden war. Mein Retrotisch aus dem Secondhandladen mit den dazu passenden Stühlen war hingegen noch da, ebenso wie mein überquellendes Bücherregal. Doch der Rest des Zimmers war nahezu kahl.

»Skye?«

Keine Antwort.

»Was zum Teufel geht hier vor?« Eine wirklich blöde Frage, denn es war mehr als offensichtlich, was passiert war. Die Tür zum Zimmer meiner Mitbewohnerin stand weit offen. Drinnen warteten nur Dunkelheit und Staubmäuse auf mich. Die Sache war klar.

Skye hatte mich im Stich gelassen.

Meine Schultern sackten hinab unter dem plötzlichen tonnenschweren Gewicht der alleinigen Verantwortung für zwei Monate Mietrückstand, Nebenkostenrechnungen und Essen. Meine Kehle schien sich zuzuschnüren. So fühlte es sich also an, von einer Freundin verladen zu werden. Ich bekam kaum noch Luft.

»Anne, kann ich mir deinen Samtmantel ausleihen? Ich verspreche auch, ihn –« Lauren, meine Nachbarin aus der Wohnung nebenan, kam hereinmarschiert (von Anklopfen hatte sie noch nie etwas gehalten), blieb jedoch – genau wie ich – wie vom Donner gerührt stehen. »Wo ist deine Couch geblieben?«

Ich holte tief Luft und atmete ganz langsam wieder aus. Doch es half nicht. »Skye hat sie mitgenommen.«

»Skye ist nicht mehr da?«

Ich klappte den Mund auf – doch was gab es groß zu sagen?

»Skye ist weg, ohne dir Bescheid zu geben?« Lauren neigte nachdenklich den Kopf. Dabei schwang ihr volles, dunkles, langes Haar hin und her. Ich beneidete sie um diese Haare. Meine waren rotblond und dünn. Ab Schulterlänge hingen sie nur noch schlaff herunter, als hätte ich den Kopf in einen Eimer Fett gesteckt. Deshalb trug ich sie auch nie länger als bis zum Kinn.

Nicht, dass meine Haare in diesem Augenblick von Bedeutung gewesen wären.

Die Miete zu verdienen schon.

Oder etwas zu essen zu haben.

Haarstyling dagegen eher weniger. Meine Augen brannten, und das Gefühl, verraten worden zu sein, schmerzte höllisch. Skye und ich waren seit Jahren befreundet. Ich hatte ihr vertraut. Wir hatten gemeinsam über Jungs gelästert, uns Geheimnisse anvertraut, uns beieinander ausgeheult. Das alles ergab einfach keinen Sinn.

Halt. Eigentlich tat es das doch.

Auf äußerst schmerzliche Art und Weise.

»Ja.« Meine Stimme klang sonderbar. Ich schluckte mühsam. »Nein, ich wusste nicht, dass sie geht.«

»Merkwürdig. Ihr beiden schient euch immer so gut zu verstehen.«

»Ja.«

»Warum ist sie dann einfach so verschwunden?«

»Sie schuldete mir Geld«, gestand ich, während ich in die Knie ging, um den Inhalt meiner Tasche wieder einzusammeln – und nicht, um zu Gott zu beten. Mit ihm hatte ich schon vor einiger Zeit abgeschlossen.

Lauren keuchte auf. »Ernsthaft? Dieses Miststück!«

»Schatz, wir kommen zu spät.« Nate, der ebenfalls in der Wohnung nebenan lebte, erschien sichtlich ungeduldig im Türrahmen. Er war groß, breitschultrig und hatte einfach das gewisse Etwas. Normalerweise beneidete ich Lauren ein wenig um ihren Freund, doch heute machte selbst dieser Prachtkerl nur wenig Eindruck auf mich. Ich war so was von geliefert.

»Was ist denn los?«, erkundigte er sich mit einem Blick in die Wohnung. »Hallo, Anne.«

»Hi, Nate.«

»Wo ist dein Kram?«

Lauren riss entnervt die Hände hoch. »Skye hat den Kram mitgenommen!«

»Nein«, korrigierte ich sie. »Skye hat ihren Kram genommen und mein Geld.«

»Wie viel Geld?«, fragte Nate. Missbilligung ließ seine Stimme beinahe eine ganze Oktave tiefer klingen.

»Genug«, erwiderte ich. »Seit sie ihren Job verloren hat, bin ich für sie eingesprungen.«

»Verdammt«, murmelte Nate.

»Ja.« Oh ja, allerdings.

Ich hob die Geldbörse auf und öffnete sie: fünfundsechzig Dollar und ein einsamer, glänzender Vierteldollar. Wie hatte ich es nur so weit kommen lassen können? Mein Gehaltsscheck von der Buchhandlung war eingelöst, das Geld aufgebraucht und meine Kreditkarte am Limit. Als Lizzy gestern einen Zuschuss für Lehrbücher gebraucht hatte, hatte ich sie nicht im Stich lassen können. Meine Schwester durchs College zu bekommen hatte oberste Priorität.

Heute Morgen hatte ich Skye mitgeteilt, dass wir uns ernsthaft unterhalten müssten. Den ganzen Tag über hatte ich mich deswegen mies gefühlt und Bauchschmerzen gehabt. Kurzgefasst hatte ich Skye mitteilen wollen, dass sie entweder ihre Eltern oder ihren schicken neuen Freund um ein Darlehen bitten sollte, damit sie mir mein Geld zurückzahlen konnte. Ich konnte nicht mehr länger für uns beide das Dach über dem Kopf und das Essen bezahlen, während sie in aller Seelenruhe nach einem neuen Job Ausschau hielt. Außerdem sollte sie ihre Eltern oder ihren Freund bitten, sie aufzunehmen. Ja, genau, ich beabsichtigte, sie auf die Straße zu setzen. Wie ein Stein hatte mir die Schuld im Magen gelegen.

Die blanke Ironie.

Wie standen wohl die Chancen, dass sie ein schlechtes Gewissen hatte, weil sie mich beschissen hatte? Ziemlich schlecht.

Inzwischen hatte ich all meine Besitztümer wieder eingesammelt und zog den Reißverschluss der Tasche zu. »Ach so, Lauren, der Mantel hängt in meinem Schrank. Zumindest hoffe ich das. Bedien dich.«

In acht Tagen war die Miete fällig. Vielleicht könnte ich ja ein Wunder vollbringen. Dort draußen musste es doch andere Dreiundzwanzigjährige mit gedecktem Konto geben. Bestimmt suchte mindestens einer von ihnen eine neue Bleibe, oder? Mir war es finanziell bisher eigentlich nie wirklich schlecht gegangen, doch es hatte immer etwas gegeben, das meiner Schwester und mir wichtiger gewesen war als eine finanziell abgesicherte Zukunft. Bücher, Kleider, abends ausgehen, eben all die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen. Wir hatten in der Vergangenheit schon genug Opfer gebracht. Doch nun hockte ich hier auf den Knien und war pleite.

Ich hätte wohl besser über meine Prioritäten im Leben nachdenken sollen. Blöd, wenn solche Einsichten viel zu spät kommen.

Wenn wir es klug anstellten, könnte ich mich schlimmstenfalls bestimmt heimlich bei Lizzy im Studentenwohnheim einschleichen und dort auf dem Fußboden schlafen. Unsere Mom hatte weiß Gott kein Geld. Sie um Hilfe zu bitten stand nicht zur Debatte. Falls ich einen Käufer für die Perlenkette meiner Großtante fand, könnte uns das Geld dabei helfen, die Kaution für eine neue Wohnung aufzubringen. Diesmal allerdings eine kleinere, die ich auch allein finanzieren könnte.

Irgendwie würde ich alles wieder in Ordnung bringen. Keine Frage. Mist auszubügeln war meine Spezialität.

Und wenn mir Skye jemals wieder über den Weg lief, würde ich sie umbringen.

»Was willst du jetzt tun?«, erkundigte sich Nate, der lässig am Türrahmen lehnte.

Ich erhob mich und wischte den Staub von meiner schwarzen Hose. »Mir wird schon etwas einfallen.«

Nate musterte mich. Ich erwiderte seinen Blick so gelassen wie möglich. Hoffentlich hatte er nicht vor, mich zu bemitleiden. Mein Tag war auch so schon mies genug. Ich schenkte ihm ein entschlossenes Lächeln. »Wo wollt ihr beiden eigentlich hin?«

»David und Ev geben eine Party«, antwortete Lauren von meinem Zimmer aus. »Du solltest mit uns kommen.«

Ev war Nates Schwester und Laurens ehemalige Mitbewohnerin. Vor einigen Monaten hatte sie David Ferris geheiratet, einen echten Rockstar und Leadgitarrist der Band Stage Dive. Ist eine längere Geschichte. Ich hatte ehrlich gesagt noch immer nicht ganz verstanden, wie es dazu gekommen war. Eben war sie noch das normale blonde Mädchen von nebenan gewesen, das aufs selbe College wie Lizzy ging und in Ruby’s Café hammermäßig guten Kaffee kochte – und im nächsten Augenblick hatten Paparazzi unser Wohnhaus belagert. Skye hatte auf der Eingangstreppe Interviews gegeben – obwohl sie eigentlich nichts zu erzählen gehabt hatte. Ich dagegen hatte mich zum Hintereingang hinausgestohlen.

Meine Bekanntschaft mit Ev beschränkte sich hauptsächlich darauf, dass wir uns im Vorbeigehen im Treppenhaus gegrüßt hatten. Und darauf, dass ich mir täglich auf dem Weg zur Arbeit in Ruby’s Café einen riesengroßen Kaffee holte. Wir waren stets nett zueinander, aber wirklich befreundet eigentlich nicht. Lauren kannte ich aufgrund ihrer Angewohnheit, sich Kleider von mir zu leihen, weitaus besser.

»Sie sollte mitkommen, oder Nate?«

Nate grunzte zustimmend – oder desinteressiert. Schwer zu sagen.

»Ist schon gut«, wandte ich ein. An den Wänden, an denen die Couch und der Vitrinenschrank gestanden hatten, zog sich ein Schmutzrand entlang. Der ganze Dreck, den Skye mir hinterlassen hatte. »Eigentlich wollte ich ein neues Buch anfangen, aber ich werde mich wohl besser ans Putzen machen. Wir haben offenbar schon länger nicht mehr unter dem Mobiliar sauber gemacht. Wenigstens werde ich, wenn ich umziehe, nicht viele Möbel mitnehmen müssen.«

»Komm mit uns.«

»Lauren, ich bin nicht eingeladen«, wandte ich ein.

»Das sind wir meistens auch nicht«, bemerkte Nate.

»Aber die beiden lieben uns! Natürlich wollen sie uns bei ihren Feiern dabeihaben.« Lauren kam aus meinem Zimmer marschiert. Dabei taxierte sie ihren Freund mit einem vernichtenden Blick. Ihr stand der schwarze Vintage-Mantel sehr viel besser als mir, doch ich beschloss, sie dafür nicht im Stillen zu hassen. Das würde mir doch sicher ein paar Pluspunkte einbringen, damit ich später in den Himmel käme, oder? Vielleicht würde ich ihr den Mantel bei meinem Auszug als Abschiedsgeschenk überlassen.

»Komm schon, Anne«, beharrte Lauren. »Ev wird sicher nichts dagegen haben.«

»Können wir jetzt los?« Nate klimperte ungeduldig mit den Autoschlüsseln.

Mit Rockstars abhängen erschien mir irgendwie nicht die angemessene Reaktion auf die Erkenntnis, dass ich bald auf der Straße stehen würde. Vielleicht könnte ich eines schönen Tages, wenn ich so richtig gut drauf wäre und fantastisch aussähe, einmal bei ihnen vorbeischauen, um Hallo zu sagen. Doch heute war kein solcher Tag. Ich fühlte mich müde und zerschlagen – eigentlich keine besonders gute Entschuldigung, denn so fühlte ich mich schon seit meinem sechzehnten Geburtstag. Doch das brauchte Lauren ja nicht zu wissen.

»Danke, aber ich bin gerade erst nach Hause gekommen«, sagte ich.

»Ähm, Süße, dein Zuhause sieht gerade ziemlich armselig aus«, befand Lauren mit einem Blick auf die Staubmäuse und die spärliche Ausstattung der Wohnung. »Außerdem ist Freitagabend. Wer hockt denn an einem Freitagabend zu Hause? Willst du deine Arbeitsklamotten anbehalten oder schnell in eine Jeans schlüpfen? Ich würde ja die Jeans empfehlen.«

»Lauren …«

»Nicht.«

»Aber –«

»Nein.« Lauren fasste meine Schultern und sah mir tief in die Augen. »Du wurdest von einer Freundin verladen. Ich kann dir gar nicht sagen, wie wütend ich darüber bin. Du kommst mit uns. Von mir aus darfst du dich den ganzen Abend in einer Ecke verstecken. Aber du wirst nicht hier sitzen und wegen dieser diebischen Schlampe Trübsal blasen. Du weißt ja, dass ich sie nie mochte.«

Ich dagegen blöderweise schon. Oder zumindest hatte ich sie gemocht. Wie auch immer.

»Das hab ich doch immer gesagt, oder Nate?«

Nate zuckte mit den Schultern und wedelte wieder mit den Schlüsseln.

»Na los. Mach dich fertig.« Lauren gab mir einen Schubs in Richtung meines Zimmers.

Für mich ergab sich hier wahrscheinlich die einzige Gelegenheit, David Ferris zu treffen. Zwar kam Ev noch hin und wieder hier vorbei, doch David hatte ich bislang noch nie zu Gesicht bekommen, obwohl ich mich bisweilen länger als nötig auf der Treppe herumdrückte. Von den vier Stage-Dive-Mitgliedern war er eigentlich nicht mein Favorit. Diese Ehre gebührte dem Schlagzeuger Mal Ericson. Noch vor einigen Jahren war ich total verknallt in ihn gewesen. Aber trotzdem … der David Ferris. Schon allein, weil tatsächlich die Chance bestand, einen der Jungs zu treffen, musste ich zu der Party gehen. Vor ein paar Jahren noch war ich ein richtig großer Fan der Band gewesen. Allerdings nicht aus dem oberflächlichen Grund, dass die vier Jungs sexy Rockstars waren. Oh nein, in Sachen Musik war ich Puristin.

»Na gut, gebt mir zehn Minuten.« Das war das absolute Minimum an Zeit, das ich benötigte, um mich mental und körperlich darauf vorzubereiten, den Reichen und Schönen entgegenzutreten. Glücklicherweise näherte sich meine Stimmung der absoluten Scheißegal-Grenze, weshalb der heutige Abend wahrscheinlich der günstigste Zeitpunkt war, um Mr Ferris zu treffen. Es war durchaus möglich, dass ich es schaffte, cool zu bleiben und mich nicht von Ehrfurcht überwältigt zum Idioten zu machen.

»Fünf Minuten«, hielt Nate dagegen. »Das Spiel fängt nämlich gleich an.«

»Kannst du dich nicht mal entspannen?«, fragte Lauren.

»Nein.« Der Kerl gab ein schnappendes Geräusch von sich, woraufhin Lauren loskicherte. Ich sah mich nicht um. Ich wollte es überhaupt nicht wissen. Die Wände hier im Haus waren wirklich widerlich dünn, weshalb Laurens und Nates nächtliche Paarungsgewohnheiten kein Geheimnis für mich waren. Glücklicherweise war ich tagsüber die meiste Zeit bei der Arbeit, sodass zumindest diese Stunden für mich ein Mysterium blieben, über das ich auch gar nicht nachgrübeln wollte.

Na gut, ab und zu grübelte ich doch, denn in letzter Zeit war mein eigenes Liebesleben eher handgemacht. Außerdem hatte ich offenbar einige voyeuristische Tendenzen, über die ich mir gelegentlich Gedanken machen sollte.

Wäre ich wirklich in der Lage, einen Abend lang Pärchen dabei zuzusehen, wie sie sich aneinander rieben?

Ich könnte Reece anrufen, obwohl er eigentlich gesagt hatte, er hätte ein Date. Natürlich hatte er eine Verabredung. Reece war in nahezu jeder Hinsicht perfekt, wäre er nicht so ein notorischer Weiberheld gewesen. Mein bester männlicher Freund war äußerst freigiebig mit seiner Zuneigung – gelinde ausgedrückt. Er schien mit dem Großteil der heterosexuell veranlagten weiblichen Bevölkerung von Portland zwischen achtzehn und achtundvierzig das Bett zu teilen – mit Ausnahme von mir.

Und das war gut so.

Es war völlig in Ordnung, dass wir nur Freunde waren – obwohl ich fest daran glaubte, dass wir eines Tages ein glückliches Paar werden würden. Er war so ein angenehmer Mensch und wir hatten so viel gemeinsam, dass wir eine richtig tolle Beziehung haben könnten. Aber bis es so weit wäre, war ich vollkommen damit zufrieden, zu warten und mein Ding zu machen. Zwar hatte ich in letzter Zeit nicht gerade viel gemacht – oder es mit jemandem gemacht –, aber ihr versteht schon, was ich meine.

Reece würde sich mein Gejammer über Skye anhören. Womöglich würde er sogar sein Date absagen, um vorbeizukommen und mir Gesellschaft zu leisten, während ich Trübsal blies. Auf jeden Fall würde er mir sagen: »Hab ich’s dir doch gleich gesagt.« Als er erfahren hatte, dass ich die ganze Zeit über für sie bezahlte, war er nicht gerade begeistert gewesen. Er hatte sie sogar unumwunden beschuldigt, mich auszunutzen. In diesem Punkt hatte er wohl hundertzehnprozentig richtiggelegen.

Diese Wunde war allerdings noch viel zu frisch, als dass er darin herumstochern konnte. Also kein Reece. Und Lizzy würde mir höchstwahrscheinlich die gleiche Gardinenpredigt halten wie Reece. Beide waren von meinem Skye-Rettungsplan wenig begeistert gewesen. Damit war die Entscheidung getroffen. Ich würde zur Party gehen und noch ein bisschen Spaß haben, bevor mein Leben vor die Hunde ging.

Hervorragend. Ich würde diesen Abend schon durchstehen.

2

Ich würde diesen Abend nie und nimmer durchstehen.

David und Ev wohnten in einer luxuriösen Wohnung im Pearl District. Sie war riesig, nahm das halbe Obergeschoss eines wunderschönen alten, braunen Ziegelbaus ein. Es musste merkwürdig für Ev gewesen sein, aus unserem engen, zugigen Mietshaus mit dünnen Wänden in diese Art Schloss umzusiedeln. Und fantastisch. Unser altes Haus lag am Rande der Innenstadt in der Nähe der Universität. David und Ev dagegen residierten mitten im äußerst angesagten und teuren Pearl District.

Glücklicherweise schien sich Ev zu freuen, mich zu sehen – eine potenziell peinliche Situation weniger. Mr Ev, der Rockstar, nickte mir zur Begrüßung mit dem Kinn zu, während ich mich nach Kräften bemühte, ihn nicht anzuglotzen. Ich war schwer versucht, ihn zu bitten, etwas für mich zu signieren. Meine Stirn vielleicht.

»Bedien dich ruhig mit allem, was du in der Küche findest«, forderte Ev mich auf. »Es gibt genug zu trinken, und die Pizza müsste auch bald kommen.«

»Danke.«

»Du wohnst neben Lauren und Nate?«, sprach mich David zum ersten Mal an. Liebe Güte, sein dunkles Haar und sein gemeißeltes Gesicht waren wirklich atemberaubend. Wie ungerecht. War sein unfassbares Talent denn nicht genug?

»Ja«, erwiderte ich. »Ich war Evs Nachbarin, und in Ruby’s Café bin ich Stammgast.«

»Sie erscheint verlässlich jeden Morgen«, bemerkte Ev augenzwinkernd. »Ein doppelter, fettarmer Latte mit einem Schuss Karamell? Kommt sofort.«

David nickte und entspannte sich sichtlich ein wenig. Er legte seiner Frau den Arm um die Taille, woraufhin sie zu ihm aufsah und ihn angrinste. Die Liebe stand Ev gut. Ich wünschte den beiden von Herzen, dass ihre Ehe hielt.

Geliebt, so richtig geliebt, hatte ich in meinem bisherigen Leben nur vier Menschen. Nicht alle auf romantische Weise, selbstverständlich. Doch ich hatte all diesen Menschen mein Herz geschenkt. Dreimal wurde ich enttäuscht. Demzufolge ging ich davon aus, dass in Sachen Liebe statistisch gesehen eine fünfundzwanzigprozentige Erfolgsaussicht bestand.

David und Ev fingen an, herumzuknutschen. Ich nahm es als Stichwort, mich ein bisschen umzusehen.

Nachdem ich mir ein Bier aus der Küche (topmodern und superschick) geholt hatte, betrat ich mit neuer Entschlusskraft das Wohnzimmer. Ich konnte das durchstehen. Die Geselligkeit und ich, wir würden gleich sehr gute Freunde werden. In der Wohnung hielten sich einige Dutzend Gäste auf. Auf einem riesigen Flachbildschirm lief in ohrenbetäubender Lautstärke das Spiel. Nate saß mitten davor, vollkommen gefesselt. Einige Gesichter im Raum erkannte ich wieder. Die meisten gehörten zu Menschen, denen ich mich niemals zu nähern gewagt hätte. Ich trank einen Schluck Bier, um meine ausgedörrte Kehle anzufeuchten. Auf einer Party die Außenseiterin zu sein war eine ganz besonders fiese Tortur. Nach den Geschehnissen des heutigen Tages fehlte mir der Mut, jemanden anzusprechen. Bei meinem Talent, Menschen nach ihrer Vertrauenswürdigkeit zu beurteilen, würde ich wahrscheinlich den einzigen Axtmörder im Raum um ein Autogramm bitten.

Gerade als Lauren mir per Handzeichen zu verstehen gab, ich solle zu ihr kommen, begann in der Gesäßtasche meiner Jeans das Handy zu surren. Meine Pobacke vibrierte äußerst angenehm. Ich winkte Lauren kurz zu, zog das Telefon aus der Tasche und steuerte eilig den Balkon an, um dem Lärm und dem lauten Stimmengewirr zu entfliehen. Während ich die Balkontüren hinter mir zuzog, sah ich Reece’ Namen auf dem Display blinken.

»Hey«, sagte ich mit einem Lächeln auf den Lippen.

»Mein Date hat abgesagt.«

»Wie schade.«

»Was machst du gerade?«

Der Wind blies mir durch die Haare und ließ mich erschauern. Typisches Portland-Wetter für diese Jahreszeit – der Oktober konnte ganz schön kalt, nass, finster und trübselig werden. Ich kuschelte mich fester in meinen blauen Wollmantel. »Ich bin auf einer Party. Du wirst dich selbst unterhalten müssen. Tut mir leid.«

»Eine Party? Was für eine Party?«, fragte er deutlich interessierter.

»Eine, zu der ich eigentlich nicht eingeladen wurde. Darum kann ich dich leider nicht dazuholen.«

»Mist.« Er gähnte. »Was soll’s. Dann gehe ich vielleicht zur Abwechslung mal früh schlafen.«

»Gute Idee.« Ich schlenderte zum Geländer. Unten auf der Straße rauschten die Autos vorbei. Der Pearl District war das Mekka der Cafés, Bars und der Coolness. Unzählige Menschen waren unterwegs und trotzten dem Wetter. Rundherum durchbrachen die Lichter der Stadt die Dunkelheit. Der Wind heulte. Irgendwie schön, auf eine düstere, existenzkrisenhafte Art. Ungeachtet des Wetters liebte ich Portland. Es unterschied sich sehr von meiner Heimat Südkalifornien, was ich als durchaus angenehm empfand. Die Häuser hier waren für Eis und Schnee gebaut, und nicht für den Sonnenschein. Kulturell ging es schräger zu, in gewisser Weise lockerer. Vielleicht konnte ich mich aber auch einfach nicht mehr recht an die guten Dinge in meiner Heimat erinnern. Ich war ihr entkommen. Allein das zählte.

»Ich sollte mich ein bisschen unters Volk mischen, Reece.«

»Du klingst gereizt. Stimmt irgendwas nicht?«

Stöhn. »Lass uns morgen bei der Arbeit weiterreden.«

»Lass uns jetzt darüber reden.«

»Später, Reece. Ich muss jetzt eine glückliche Miene aufsetzen und Lauren stolz machen.«

»Hör auf mit dem Unsinn, Anne. Was ist passiert?«

Ich verzog das Gesicht und nahm noch einen Schluck Bier, ehe ich antwortete. Wir waren inzwischen schon seit fast zwei Jahren Kollegen. Offenbar lange genug, um mich zu durchschauen. »Skye ist weg.«

»Gut. Wurde auch Zeit. Hat sie dir alles zurückgezahlt?«

Ich verfiel in beredtes Schweigen.

»Fuuck. Anne. Das kann doch nicht wahr sein.«

»Ich weiß.«

»Was habe ich dir gesagt?«, fauchte er. »Habe ich dir nicht erklärt –«

»Reece, lass es. Bitte. Damals glaubte ich, das Richtige zu tun. Sie war meine Freundin und brauchte Hilfe. Ich konnte doch nicht einfach –«

»Doch, das hättest du gekonnt. Sie hat dich verdammt noch mal ausgenutzt!«

Ich holte tief Luft, atmete langsam wieder aus. »Ja, Skye hat mich verdammt noch mal ausgenutzt. Du hattest recht, ich unrecht.«

Ich wartete geduldig das Ende der Salve undeutlich gemurmelter Flüche ab. Kein Wunder, dass ich dieses Gespräch hatte vermeiden wollen. Solch eine miese Story zu erzählen war unangenehm. Ich spürte Zorn in mir auflodern und ließ mich von ihm wärmen.

»Wie viel brauchst du?«, fragte er resigniert.

»Was? Nein. Reece, ich leihe mir doch kein Geld von dir. Sich noch weiter zu verschulden ist keine Lösung.« Außerdem wusste ich nicht, ob er es sich überhaupt leisten konnte, mir auszuhelfen. Zwar gehörte ihm der Buchladen, doch Reece war genauso schlecht im Sparen wie ich. Das verrieten mir die Designerklamotten, die er tagtäglich bei der Arbeit trug. Offenbar brauchte man als Portlands Mr Superliebhaber eine entsprechend exquisite Garderobe. Fairerweise musste ich zugeben, dass sie ihm extrem gut stand.

Er seufzte. »Du bist immer bereit, anderen zu helfen, aber selbst Hilfe anzunehmen, das liegt dir nicht besonders.«

»Mir wird schon etwas einfallen.«

Wieder ein gequältes Seufzen. Ich beugte mich über die Brüstung, senkte den Kopf und ließ mir den kalten, feuchten Wind ins Gesicht blasen. Er fühlte sich gut an und linderte ein wenig den Spannungskopfschmerz, der sich hinter meiner Stirn ankündigte. »Reece, ich werde jetzt auflegen. Hier gibt es Bier und Pizza. Wenn ich mich nur genug anstrenge, wird das sicher ein ganz guter Abend.«

»Du wirst die Wohnung verlieren, oder?«

»Ja, höchstwahrscheinlich werde ich umziehen müssen.«

»Komm zu mir. Du kannst auf meinem Sofa schlafen.«

»Das ist lieb von dir.« Ich versuchte zu lachen, doch der Laut, den ich ausstieß, klang eher wie ein ersticktes Husten. Meine Lage war zu prekär, um zu lachen. Ich sollte auf Reece’ Couch schlafen, während er es im Nebenzimmer mit einer Fremden trieb? Nein. Auf keinen Fall. Ich kam mir sowieso schon klein und dumm vor, weil mich Skye an der Nase herumgeführt hatte. Jetzt auch noch Zeugin von Reece’ ach so aktivem Liebesleben zu werden, wäre einfach zu viel.

»Danke, Reece, aber ich bin mir sicher, dass du auf diesem Sofa schon mit vielen, vielen Menschen die unaussprechlichsten Dinge getan hast. Ich bezweifle, dass irgendjemand darauf schlafen kann.«

»Du glaubst, es wird von den Geistern des vergangenen Beischlafs heimgesucht?«

»Würde mich nicht wundern.«

Er stieß ein Schnauben aus. »Mein widerliches Sofa ist jedenfalls da, falls du es brauchen solltest, okay?«

»Danke. Das meine ich ernst.«

»Ruf mich an, wenn du irgendetwas brauchst.«

»Bye, Reece.«

»Oh, hey, Anne?«

»Ja?«

»Könntest du am Sonntag arbeiten? Tara hat etwas vor. Ich habe ihr gesagt, du würdest für sie einspringen.«

»Die Sonntage verbringe ich immer mit Lizzy«, erwiderte ich vorsichtig. »Das weißt du doch.«

Reece antwortete, indem er schwieg.

Ich spürte, wie Schuldgefühle in mir aufstiegen. »Was, wenn ich stattdessen eine andere Schicht für sie übernehme? Ist es denn etwas, das sie verschieben kann?«

»Ach, ist schon gut. Ich regle das.«

»Tut mir leid.«

»Kein Problem. Wir reden später.«

Damit legte er auf.

Ich steckte das Handy weg, trank noch einen Schluck Bier und starrte hinaus auf die Stadt. Dunkle Wolken zogen an dem sichelförmigen Mond vorbei. Die Luft schien kälter geworden zu sein. Meine Knochen schmerzten, als wäre ich eine alte Frau. Ich musste mehr trinken. Das würde meine Probleme lösen, zumindest heute Nacht. Doch mein Bier war fast ausgetrunken und ich empfand Widerwillen bei dem Gedanken daran, wieder hineinzugehen.

Bäh.

Schluss damit.

Sobald das Bier alle war, wäre auch meine einsame Selbstmitleidsparty beendet. Ich würde aufhören, mich zu verstecken, mich zusammenreißen und wieder hineingehen. Diese Gelegenheit durfte ich mir nicht entgehen lassen. Schließlich hatte ich mir bestimmt eine Million Mal oder öfter gewünscht, eines Tages jemanden von der Band zu treffen. David Ferris hatte ich bereits kennengelernt. Na bitte, Wünsche konnten wahr werden. Ich sollte unbedingt auch noch um größere Brüste bitten, einen kleineren Hintern und ein besseres Urteilsvermögen bei der Auswahl meiner Freunde.

Und natürlich um genügend Geld, um die College-Ausbildung meiner Schwester zu finanzieren und mir ein Dach über dem Kopf leisten zu können.

»Möchtest du noch eines?«, schreckte mich eine tiefe Stimme auf. Ich riss den Kopf hoch und die Augen weit auf. Eigentlich hatte ich mich allein geglaubt, doch in der Ecke des Balkons saß ein Mann in lässiger Pose. Sein welliges, schulterlanges Haar glänzte matt, während der Rest von ihm im Schatten verborgen lag.

Oha.

Nein. Das konnte er unmöglich sein.

Also, ich meine, klar, das konnte er schon sein. Aber, nein, bestimmt war er es nicht.

Wer immer er auch sein mochte, er hatte zumindest meinen Teil des Telefonats mit angehört, was bereits mehr als genug war, um zu wissen, dass ich zu den größten Idiotinnen des Jahrhunderts zählte. Ich hörte das Klirren und Zischen einer Bierflasche, die geöffnet wurde. Er hielt sie mir hin. Die Lichter aus der Wohnung spiegelten sich auf der beschlagenen Oberfläche und ließen die Flasche erstrahlen.

»Danke.« Ich trat dichter an ihn heran – nahe genug, um ihn selbst in der fahlen Beleuchtung erkennen zu können – und griff nach dem Bier.

Heilige Scheiße. Er war es. Malcolm Ericson.

Dies war er, der offizielle Höhepunkt meines bisherigen Lebens. Durchaus möglich, dass während meiner Teenagerzeit ein oder zwei Bilder von Stage Dive an meiner Wand gehangen hatten. Gut, vielleicht auch drei. Oder zwölf. Wie dem auch sei. Der Punkt ist: Es gab ein Bild mit der gesamten Band. Zumindest schien der Fotograf der Ansicht gewesen zu sein, die gesamte Band abgelichtet zu haben. Jimmy stand ganz vorne und brüllte mit verzerrtem Gesicht ins Mikrofon. Rechts von ihm, halb verborgen in Schatten und Nebel, brütete David über seiner Gitarre. Und auf der linken Seite, am Bühnenrand, stand der massige Ben und spielte Bass.

Doch sie alle waren nicht wichtig. Nicht wirklich.

Denn hinter ihnen war er zu erkennen. Scheinwerfer beleuchteten sein Schlagzeug von unten. Er war von der Hüfte aufwärts nackt und schweißüberströmt. Auf dem Foto setzte er gerade zu einem Schlag an. Er hielt den rechten Arm vorm Körper erhoben, den Blick fest auf sein Ziel gerichtet – auf das Becken, das er gleich treffen würde. Zerschmettern würde.

Er spielte Schlagzeug mit Leib und Seele und sah dabei aus wie ein Gott.

Wie oft hatte ich nach einem langen Tag, an dem ich mich um meine Mutter und meine Schwester gekümmert, geschuftet und mich wie ein guter, verantwortungsbewusster Mensch verhalten hatte, auf meinem Bett gelegen und dieses Bild angesehen. Und nun stand er vor mir.

Unsere Finger berührten sich, was bei einer derartigen Übergabe nahezu unvermeidlich ist. Dabei konnte ihm wohl kaum entgehen, wie sehr meine Hand zitterte. Glücklicherweise kommentierte er es nicht. Ich huschte zu meinem Platz an der Brüstung zurück und lehnte mich lässig mit dem Bier in der Hand dagegen. Coole Leute lehnten sich immer irgendwo an. Und sahen entspannt aus.

Sein leises Lachen verriet mir, dass er sich nicht von mir bluffen ließ. Dann beugte er sich nach vorn und stützte sich mit den Ellbogen auf den Knien ab. Sein Gesicht war nun im Licht – und ich von diesem Anblick absolut gefesselt, geradezu verzaubert. Mein Kopf war vollkommen leer gefegt.

Keine Frage. Er war es, wirklich und wahrhaftig und zweifellos.

Ganz ehrlich, dieser Mann hatte geradezu unfassbar sündige Lippen. Dazu hohe Wangenknochen und ein Grübchen am Kinn. Bisher hatte ich die Anziehungskraft derartiger Körpermerkmale nie nachvollziehen können. Jetzt schon. Doch was mir wirklich den Atem raubte, war das Gesamtpaket. Die einzelnen Aspekte seines Äußeren gewannen erst richtig an Bedeutung durch das belustigte Funkeln in seinen Augen und sein kaum merkliches Grinsen. Liebe Güte, grinsende Menschen weckten immer meinen Widerwillen. Und offenbar auch das Verlangen, sie von oben bis unten abzulecken, denn mir lief glatt das Wasser im Mund zusammen.

»Ich bin Mal«, stellte er sich vor.

»I-Ich weiß«, stotterte ich.

Sein Grinsen wurde breiter. »Ich weiß, dass du das weißt.«

Aha. Ich schwieg.

»Klingt, als hättest du einen miesen Tag gehabt.«

Nein, ich bekam noch immer kein Wort heraus. Ich starrte ihn nur stupide an. Mehr war nicht drin.

Warum hockte er hier draußen im Dunkeln? Den Erzählungen nach hätte dieser Mann der Mittelpunkt der Party sein müssen. Doch stattdessen lungerte er hier draußen herum, trank allein und versteckte sich ebenso wie ich. Just in diesem Augenblick streckte er sich und erhob sich langsam von seinem Stuhl. Danke, lieber Gott. Er würde wieder hineingehen und ich wäre aus dem Schneider und müsste nicht versuchen, Konversation mit ihm zu betreiben – in Anbetracht meines plötzlichen Anfalls von Fangirl-Dusseligkeit ein großes Glück für mich.

Nur machte er keinerlei Anstalten, hineinzugehen.

Stattdessen kam er auf mich zu. Sein schlanker, muskulöser Körper bewegte sich mit lässiger Anmut. Er war schätzungsweise zehn oder fünfzehn Zentimeter größer als ich. Genug, um einschüchternd zu wirken, wenn er es wollte. Die Ärmel seines engen T-Shirts spannten sich um seine muskelbepackten Arme. Schlagzeugerarme. Wirklich äußerst ansehnliche Körperteile, von Tätowierungen bedeckt, mit Wölbungen an genau den richtigen Stellen. Mit Sicherheit fühlten sie sich auch gut an.

Oh Mann, ich begaffte ihn so offensichtlich, dass eine Ohrfeige durchaus angebracht gewesen wäre.

Wenn das so weiterging, würde ich mir am Ende noch selbst eine runterhauen müssen. Und zwar fest.

»Wie ist dein Name?«, fragte er und gesellte sich zu mir ans Geländer. Herrje, sogar seine Stimme fühlte sich gut an. Ich spürte, wie sich meine Nackenhaare genüsslich aufrichteten.

»Mein Name?«

Er stand so nah, dass sein Ellbogen gegen meinen stieß. Sein nackter Ellbogen, denn er trug nur Jeans, Chucks und ein eng anliegendes Queens-of-the-Stone-Age-T-Shirt. Mal Ericson hatte mich berührt. Ich würde mich nie wieder waschen.

»Jaha, dein Name«, erwiderte er gedehnt. »Schließlich habe ich dir nur gesagt, wie ich heiße, obwohl ich wusste, dass du es weißt, weil ich so deinen Namen erfahren wollte. So läuft das.«

»Du wusstest, dass ich weiß, wer du bist?«

»Deine Stielaugen haben dich verraten.«

»Oh.«

Einen Augenblick später gab er ein Stöhnen von sich. »Egal, das dauert mir zu lange. Ich werde mir einfach einen Namen für dich ausdenken.«

»Anne.«

»Anne. Und weiter?«

»Anne Rollins.«

Ein breites Grinsen erhellte sein Gesicht. »Anne Rollins. Na, das war doch gar nicht so schwer.«

Ich biss die Zähne zusammen und versuchte zu lächeln. Wahrscheinlich sah ich dabei eher wie eine Irre aus. Eine, die viel zu viel Zeit damit verbracht hat, sich ihn nackt vorzustellen. Liebe Güte, wie peinlich.

Vorsichtig stieß er mit seiner Bierflasche gegen meine. »Prost, Anne. Freut mich, dich kennenzulernen.«

Ich trank einen Schluck Bier, in der Hoffnung, dass dadurch das Zittern, das mich ergriffen hatte, nachließ. Der Alkohol war keine große Hilfe. Er wirkte viel zu schwach und absolut nicht schnell genug. Vielleicht sollte ich mich auf etwas Härteres verlegen. Das erste intime Gespräch mit einem Rockstar sollte wohl grundsätzlich unter dem Einfluss von Hochprozentigem stattfinden. Da hatte Ev mit ihren tequilabefeuerten Eskapaden in Las Vegas durchaus den richtigen Riecher gehabt. Man musste sich doch nur mal ansehen, wie gut sie sich für sie bewährt hatten.

»Was hat dich an diesem schönen Abend hergeführt, Anne?«

»Ich bin mit Nate und Lauren hier. Sie haben mich mitgenommen. Sie sind meine Nachbarn. Sie wohnen neben mir.«

Er nickte. »Bist du mit Ev befreundet?«

»Ja, also, na ja … Wir haben uns immer gut verstanden. Daraus will ich nicht automatisch schließen … Ich meine, ich will damit nicht behaupten, dass wir enge Freunde sind, aber –«

»Anne. Ja oder nein?«

»Ja«, antwortete ich knapp und klappte meinen Mund zu, ehe sich noch ein weiterer Schwall verbalen Brechdurchfalls daraus ergoss.

»Ja, Ev ist ein netter Mensch. David hatte großes Glück, ihr zu begegnen.« Er blickte schweigend hinaus auf die Lichter der Stadt. Seine amüsierte Miene verfinsterte sich und seine Stirn legte sich in Falten. Er wirkte niedergeschlagen, fast ein wenig verloren. Von seiner berühmt-berüchtigten Partyrocker-Attitüde war in diesem Moment jedenfalls nichts zu merken. Ich hätte es eigentlich wissen müssen. Schließlich war auch Ev als die neue Yoko Ono hingestellt worden, die sich in Davids Ruhm sonnen und sich an seinem Vermögen bereichern wolle. Auch, wenn ich nicht ihre beste Freundin war, wusste ich, dass das absolut nicht der Wahrheit entsprach. Entsprechend standen die Chancen gut, dass Mals wahre Persönlichkeit kaum etwas mit dem Unsinn zu tun hatte, der im Internet kursierte.

Was jedoch weitaus wichtiger war: Wie sehr hatte ich mich tatsächlich vor ihm zum Narren gemacht?

»Ich habe dich doch nicht wirklich angestiert, oder?«, fragte ich und fürchtete mich bereits vor der Antwort.

»Doch, das hast du.«

Mist.

»Du bist also eine Freundin von Ev? Ich meine, du hast nichts mit der Musikindustrie zu tun oder so?«, fragte er und sah mich nun wieder direkt an. Seine finstere Miene hatte sich verflüchtigt, seine düstere Stimmung ebenfalls. Ich kam nicht ganz hinterher. Derweil trommelte er mit den Handflächen einen schnellen Rhythmus aufs Balkongeländer.

»Nein. Ich arbeite nicht weit von hier in einer Buchhandlung.«

»Okay.« Er musterte mich, augenscheinlich zufrieden mit meiner Antwort. »Also, was hatte es eben mit diesem Telefongespräch auf sich?«

»Nichts.«

»So?« Er kam näher. »Was ist denn mit deiner Nase passiert?«

Instinktiv zuckte meine Hand nach oben, um mein Gesicht vor seinen Blicken abzuschirmen. Da war zwar nur ein kleiner Höcker, aber trotzdem. »Als wir noch klein waren, hat meine Schwester sie mir gebrochen.«

»Versteck sie doch nicht. Ich finde sie hübsch.«

»Toll.« Ich senkte den Arm wieder. Warum einen Makel verbergen, den er bereits bemerkt hatte.

»Warum hat sie sie dir gebrochen?«

»Eines Tages war sie so wütend auf mich, dass sie einen Spielzeuglaster nach mir geworfen hat.«

»Nicht wie, sondern warum.«

Ich unterdrückte ein Stöhnen. »Sie wollte ein Kätzchen, doch ich bin allergisch auf Katzenhaare.«

»Konntet ihr euch stattdessen nicht einen Hund zulegen?«

»Das wollte ich auch, aber Mom war dagegen. Meine Schwester gab mir trotzdem die Schuld.«

»Dann hattet ihr als Kinder niemals Haustiere?«, fragte er nachdenklich.

Ich schüttelte den Kopf.

»Das ist ja furchtbar. Jedes Kind sollte ein Haustier haben.« Er schien aufrichtig entrüstet.

»Na ja, ist schon lange her, und inzwischen bin ich eigentlich darüber hinweg.« Stirnrunzelnd trank ich noch einen Schluck Bier. Ich hatte den Eindruck, dass ich es noch brauchen würde. Diese Unterhaltung war einfach vollkommen schräg.

Er sah mich an, mit einem angedeuteten Lächeln auf den Lippen, und schon wieder war es um mich geschehen. Mein Mund verzog sich ohne mein Zutun zu einem leicht hoffnungsfrohen, idiotischen halben Grinsen.

Mal.

Mal Ericson.

Verflixt, er war wirklich wunderschön. Meine Hormone erwachten aus ihrem langen Winterschlaf und vollführten einen Freudentanz. In meinem Höschen regte sich definitiv etwas. Etwas, das sich schon seit langer Zeit nicht mehr gemeldet hatte.

»Da ist er schon wieder, dieser stiere Blick«, flüsterte er.

»Shit.« Ich kniff die Augen zu. Mir war es schon verdammt peinlich gewesen, als Lizzy mich vor sieben Jahren in flagranti mit meinem damaligen Freund ertappt hatte. Insbesondere, da sie sofort damit zu Mom gerannt war und es ihr verraten hatte. In ihrem Zustand war Mom das allerdings ziemlich egal gewesen. Aber das hier toppte alles.

»Deine Wangen sind ganz rosig geworden. Machst du dir etwa unanständige Gedanken über mich, Anne?«

»Nein.«

»Lügnerin«, neckte er mich sanft. »Ich weiß genau, dass du daran denkst, wie ich ohne Hose aussehe.«

Genau das tat ich.

»Mann, das ist ja widerwärtig. Eine massive Verletzung meiner Privatsphäre.« Er beugte sich zu mir. Sein Atem wärmte mein Ohr. »Was immer du dir auch ausmalst: Er ist in Wirklichkeit noch viel größer.«

»Ich male mir überhaupt nichts aus.«

»Das ist mein Ernst. Er ist quasi ein Monster. Ich habe keinerlei Kontrolle über ihn.«

»Malcolm –«

»Um ihn zu bändigen, wirst du wahrscheinlich eine Peitsche brauchen, Anne.«

»Hör auf.«

»Würde es dir denn etwas ausmachen, eine Peitsche zu benutzen?«

Ich schlug die Hände vor mein glühendes Gesicht. Dabei kicherte ich natürlich nicht, oh nein. Erwachsene Frauen tun so etwas Albernes nämlich nicht. Wie alt war ich, sechzehn?

Drinnen in der Wohnung fing Nate an, herumzubrüllen. Die Glastüren dämpften das Geräusch kaum. Ich riss die Augen auf und lauschte den Schimpftiraden, mit denen er den Fernseher bedachte, während er wie wild mit den Armen fuchtelte. Als Lauren daraufhin lachte, schaltete sich endlich auch mein Gehirn wieder ein und funkte sofort eine Vielzahl von Alarmsignalen durch meinen ganzen Körper. Als ob ich nicht längst begriffen hätte, dass ich verdammt noch mal dringend von hier verschwinden musste, ehe ich mich noch mehr blamierte. Sehr klug, Stirnhirn. Solange ich Mal nicht direkt ansah, konnte ich zumindest einigermaßen klar denken.

Eine fantastische Erkenntnis genau zur rechten Zeit.

Und alles klappte auch hervorragend, bis er sich vorbeugte, direkt vor mein Gesicht, und sich meine Lungen mit einem Mal anfühlten, als würden sie gleich explodieren.

»Zwischen deinen Schneidezähnen hast du eine kleine Lücke«, teilte er mir mit, während er mich prüfend begutachtete. »Weißt du das?«

»Ja.«

Er studierte mich, als wäre ich eine außerirdische Lebensform, eine Kuriosität, die auf seiner Türschwelle abgeladen worden war. Sein Blick glitt abwärts über meinen Körper. Nicht, dass er viel hätte erkennen können, denn schließlich trug ich einen Mantel, Jeans und Stiefel. Doch dieses Wissen half mir auch nicht weiter. Sein breites, anerkennendes Grinsen ließ mir die Knie weich werden. Erst nach einer halben Ewigkeit sah er mir endlich wieder ins Gesicht.

Mann, er war wirklich gut. Ich fühlte mich besudelt, ohne auch nur ein einziges Kleidungsstück ausgezogen zu haben.

»Deine Augen haben eine schöne Farbe … Sind sie blau?«, fragte er. »In diesem Licht lässt sich das nur schwer erkennen.«

Ich räusperte mich. »Ja, blau. Würdest du das bitte lassen?«

»Was?«, erkundigte er sich fast ein wenig eingeschnappt.

»Du starrst mich an und davon werde ich ganz nervös. Das mag ich nicht.«

»Du hast mich doch zuerst angestarrt. Außerdem warst du schon aufgekratzt, bevor du hier herausgekommen bist. Ich würde mal behaupten, du bist generell ein eher überspannter Mensch. Aber keine Sorge, ich bin hier, um dir zu helfen. Na los, erzähl Onkel Mal all deine Sorgen.«

»Wow, wirklich nett von dir. Aber das ist nicht nötig.«

Er schob sich dichter an mich heran, woraufhin ich versuchte, vor ihm zurückzuweichen. Nur konnte ich leider nirgendwohin. »Worüber hast du vorhin am Telefon gesprochen, Anne?«

»Ach, weißt du … persönliche Dinge. Ich will eigentlich lieber nicht darüber reden.«

»Du hast gesagt, dass dich eine Freundin abgezockt hat und dass du deine Wohnung verlieren wirst, richtig?«

»Richtig.« Ich sackte zusammen. Mein Herz schmerzte. Verfluchte Skye. Zwar war ich kein Mensch, der es anderen immer recht machen wollte, aber dennoch kümmerte ich mich um die Leute, die mir am Herzen lagen. Dumm von mir zu denken, das müsse man eben tun. Als Mom krank geworden war, war ich sofort eingesprungen, hatte getan, was getan werden musste. Eine andere Möglichkeit hatte es nicht gegeben. Doch angesichts meiner derzeitigen finanziellen Lage konnte man zu dem Schluss kommen, dass sich meine Nächstenliebe zu einer schlechten Angewohnheit entwickelt hatte. »Ja, in etwa darum ging es.«

Plötzlich riss er alarmiert die Augen auf. »Mist. Nicht weinen. Ich bin nicht Davie. Ich habe keine Ahnung, wie man mit so etwas umgeht.«

»Halt die Klappe, ich werde nicht heulen.« Ich blinzelte heftig und wandte schnell das Gesicht ab. »Ich habe doch gesagt, dass ich nicht darüber reden will.«

»Lieber Himmel, ich konnte ja nicht ahnen, dass du gleich in Tränen ausbrechen würdest.«

Mein Bier war leer. Zeit zum Aufbruch. Außerdem musste ich hier verschwinden, bevor meine feuchten Augen mich noch verrieten. Obendrein hatte Mal sicher Besseres zu tun, als ausgerechnet mit mir zu reden. Über mich zu spotten. Das Gespräch mit ihm war die unerträglich peinlichste und gleichzeitig tollste Unterhaltung meines ganzen Lebens gewesen. Für eine Weile hatte ich tatsächlich all meine Probleme vergessen.

Er hatte mich zum Lächeln gebracht.

»Na dann.« Ich streckte ihm zum Abschied auffordernd die Hand hin. Ich wollte diesen abschließenden Körperkontakt, musste ihn wenigstens einmal richtig berühren. Er hatte jahrelang zu Hause an der Wand in meinem Zimmer gehangen. Und wenn es mich umbrachte, ich würde das Zusammentreffen mit ihm mit einem Paukenschlag beenden. »Es war schön, dich kennenzulernen.«

»Versuchst du etwa, mich loszuwerden?«, fragte er und lachte.

»Nein, ich –«

»Hör auf, immer über meine Schulter zu schielen, Anne. Sieh mir ins Gesicht«, befahl er.

»Das tue ich doch!«

»Befürchtest du etwa, dass du mich wieder anstierst?«

»Ja, kann schon sein.« Ich schnalzte entnervt mit der Zunge. »Ziehst du deine Fans immer so auf?«

»Nein. Ich wusste ja bisher nicht, wie viel Spaß das macht.«

Meine Hand hing zwischen uns in der Luft. Gerade wollte ich sie zurückziehen, als er zugriff. Ich starrte ihm direkt ins Gesicht, entschlossen, diesmal nicht die Fassung zu verlieren. Das Problem mit Mal Ericson war, dass er körperlich absolut vollkommen war. Kein einziger Makel, ob groß oder klein, der ihn verunziert hätte. Wenn er mir allerdings weiterhin so auf die Nerven ging, konnte es gut sein, dass sich daran etwas änderte.

»Was hat dieser Blick zu bedeuten?«, fragte er und beugte sich vor. »Woran denkst du gerade?«

Mein Magen hob sich und alle gewalttätigen Gedanken zerstoben. »An nichts.«

»Hm. Du bist keine sonderlich gute Lügnerin.«

Ich versuchte, meine Hand aus seiner zu ziehen, doch er hielt mich fest.

»Noch eine letzte kurze Frage. Dieser Mist, den deine Freundin abgezogen hat. Passiert dir so etwas öfter?«

»Was meinst du?«

»Als du am Telefon mit deinem Freund gesprochen hast, hörte es sich nämlich ganz danach an.« Er thronte über mir, verdeckte den Nachthimmel. »Es klang, als hättest du dieses Problem häufiger. Dass du von anderen Menschen ausgenutzt wirst, meine ich.«

»Wir müssen darüber nicht reden.« Ich verdrehte meine Hand, um mich zu befreien. Doch trotz meiner schweißnassen Handflächen erwies sich das als unmöglich.

»Ist dir nicht aufgefallen, dass dich dein Freund um einen Gefallen gebeten hat, obwohl er wusste, wie dich diese Sache mit deiner Freundin mitnimmt? Was denkst du darüber?«

Ich zog ruckhaft den Arm zurück, doch Mal gab nicht nach. Oh Mann, wie stark war dieser Typ eigentlich?

»Ich fand es nämlich ganz schön armselig. Unter uns gesagt: Ich finde, du hast keine besonders guten Freunde, Anne.«

»Hey, meine Freunde sind klasse.«

»Willst du mich verarschen? Sie zocken dich ab und wollen selbst dann noch etwas von dir, wenn es dir schlecht geht. Also wirklich. Nur Arschlöcher tun so etwas.«

»Mal –«

»Aber viel schlimmer ist, dass du sie damit durchkommen lässt. Das begreife ich nicht.«

»Ich lasse sie mit überhaupt nichts durchkommen.«

»Oh doch«, widersprach er mit erhobener Stimme. »Und ob du das tust.«

»Herrgott, kann man bei dir auch irgendwo den Ton ausschalten?«

»Das ist einfach furchtbar! Ich bin offiziell entsetzt«, brüllte er so laut, dass die ganze verdammte Nachbarschaft mitbekam, wie es um mein Leben stand. »Das muss aufhören! Ich kann es unmöglich noch länger dulden. Hast du das gehört, Portland?«

»Lass mich los«, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

»Sie, Miss Rollins, sind ein Fußabstreifer.«

»Das stimmt nicht«, knurrte ich. Alles in mir begehrte gegen diese Vorstellung auf. Oder floh aus Angst vor dieser Erkenntnis. Ich war inzwischen so entnervt, dass ich das nicht mehr beurteilen konnte.

Er verdrehte die Augen. »Komm schon, du weißt, dass es stimmt. Ich kann es dir ansehen.«

Ich schüttelte fassungslos den Kopf.

»Also, ohne groß darüber nachzudenken, habe ich beschlossen, dass du Grenzen setzen musst, Anne. Grenzen – sind – gut.« Er unterstrich jedes einzelne Wort, indem er mit dem Finger auf meine Nasenspitze tippte. »Hörst du mich? Kapierst du, was ich sage?«

Ungefähr in diesem Augenblick platzte mir der Kragen und ich fing an zu schreien. »Du willst, dass ich Grenzen setze? Wie wäre es denn, wenn wir damit anfangen würden, dass du aufhörst, mir auf die Nerven zu fallen! Na, wie findest du diese Grenze? Das alles geht dich verdammt noch mal überhaupt nichts an, du widerwärtiger Vollidiot.«

Er öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch ich machte rücksichtslos weiter.

»Du weißt absolut nichts über mich. Und du glaubst, du könntest mir einfach so auf den Zeiger gehen und aus Spaß meine Psyche zerpflücken? Nein. Du kannst mich mal, Kumpel. Und zwar kreuzweise.«

Es wurde sehr still. Selbst die Musik in der Wohnung verstummte. Absolute, furchtbare Ruhe trat ein. Von drinnen betrachteten uns neugierige Gesichter durch die Fensterscheiben. Laurens Lippen waren zu einem perfekten O geformt.

»Scheiße«, raunte ich.

»Anne?«

Was hatte ich nur angerichtet? Lauren hatte mich zu dieser netten Party eingeladen, doch ich war wie eine Verrückte auf einen der Gäste losgegangen. Ich hätte vor Scham sterben können. »Bitte lass meine Hand los.«

»Anne, sieh mich an.«

Niemals.

»Komm schon, ich will dir in die Augen sehen.«

Langsam und vorsichtig hob ich den Blick. Ein sehr bedächtiges Lächeln spielte auf seinen perfekten Lippen. »Das war verflucht noch mal fantastisch. Ich bin gerade sehr stolz auf dich.«

»Du bist wahnsinnig.«

»Neiiin.«

»Doch. Das bist du tatsächlich.«

»Das kommt dir im Augenblick nur so vor. Es muss sich erst einmal alles setzen. Denk darüber nach, was ich gesagt habe.«

Ich schüttelte nur schweigend den Kopf.

»Es war wirklich toll, dich kennenzulernen, Anne. Wir unterhalten uns sehr bald wieder«, sagte er und drückte einen Kuss auf meinen Handrücken, ehe er mich losließ. Da war ein Leuchten in seinen Augen, über das ich lieber nicht genauer nachdenken wollte. Ein Leuchten, das definitiv mein Misstrauen weckte. »Versprochen.«

3

Kaum war ich wieder in der Wohnung, tauchte auch schon David Ferris an meiner Seite auf, höchstwahrscheinlich, um mich rauszuwerfen. Rockstars anzuschreien war auf derartigen Veranstaltungen bestimmt total verpönt.

»Hey«, sprach David mich an, doch sein Blick blieb auf die andere Seite des Zimmers geheftet, wo Lauren und Ev die Köpfe zusammensteckten. Anscheinend gab es irgendein Problem, denn Lauren gestikulierte beim Reden wie wild. Alle paar Sekunden bekam Ev einen Schlag auf den Arm ab. Allerdings schien sie das nicht weiter zu stören.

»Hi.«

»Amüsierst du dich?«, erkundigte sich David.

»Ähm, ja, klar.«

Er nickte und gab sich ebenso cool und unverbindlich wie sonst auch.

»Na toll«, flüsterte ich.

Von den zwei Bier und der bizarren Konfrontation auf dem Balkon fühlte ich mich ein wenig benommen. Vielleicht war Alkohol keine so gute Idee. Insbesondere, wenn ich mich weiterhin mit wichtigen Menschen unterhalten musste und beabsichtigte, mich dabei einigermaßen zusammenhängend auszudrücken, anstatt sie lauthals zu beschimpfen. Die Musik dröhnte inzwischen wieder, und die Gäste standen herum und unterhielten sich. Keiner von ihnen beachtete mich über Gebühr. Ich konnte nur hoffen, dass Mal gewohnheitsmäßig das Leben von vollkommen Fremden auseinandernahm und seine Freunde und Bekannten den Ablauf folglich schon kannten. »Du hast mit ihm geredet?«, fragte David.

»Mit ihm? Du meinst Mal?«

»Ja.«

»Äh, ja, das habe ich.« Eigentlich war ich davon ausgegangen, dass es alle mitbekommen hatten.

»Hmm.« Auf der anderen Seite des Zimmers brach Ev in Gelächter aus. Auf Davids Lippen stahl sich ebenfalls ein Lächeln. »Habt ihr über etwas gestritten?«

»Nein, nicht wirklich«, stammelte ich. »Es war nichts.«

David sah mich nachdenklich an. Sein Lächeln war wieder verschwunden. Eine ganze Weile musterte er mich schweigend.

»Schon gut.« Er schlich davon und ließ mich perplex stehen.

Hätte ich nicht mit Mal reden sollen? Aber er hatte mich doch zuerst angesprochen. Ich hatte vielleicht mit dem Starren angefangen, aber es war fraglos er gewesen, der die Unterhaltung angezettelt hatte – und meinen lautstarken Wutausbruch. Es war nicht meine Schuld, dass ich mit einem der berühmtesten Schlagzeuger auf dem Planeten kommuniziert hatte. Plötzlich musste ich wieder daran denken, wie Mal auf die Stadt hinausgeblickt hatte. An seine nachdenkliche Miene, kurz, bevor er sich wieder darauf verlegt hatte, mich zu verspotten. Daran, wie abrupt seine Stimmung umgeschlagen war. Und jetzt erkundigte sich auch noch David nach ihm …

Diese Geschichte wurde immer verquerer.

Wenn Geld und Frauengeschichten alles im Leben waren, dann musste sich Mal doch eigentlich keine Sorgen machen. Ich hatte ein Bild von seinem wunderschönen Strandhaus in L. A. gesehen. Ständig sah man Fotos, auf denen spärlich bekleidete Frauen an ihm klebten. Doch Geld allein macht nicht glücklich. Das wusste ich, obwohl es mir in meiner gegenwärtigen Situation etwas schwerfiel, daran zu glauben. Aber er hatte ja auch seinen Ruhm, Fans weltweit und einen fantastischen Job, bei dem er viel reiste. Wie konnte er es wagen, nicht vollkommen und unsagbar glücklich zu sein! Wo lag sein Problem?

Gute Frage.

»Du machst ein ganz schön nachdenkliches Gesicht.« Lauren hakte sich bei mir unter und zog mich tiefer ins Partygetümmel. »Alles okay?«

»Bestens.«

»Ich habe dich und Mal streiten gehört.«

»Das haben vermutlich fast alle Anwesenden.« Ich verzog das Gesicht. »Tut mir leid.«

Sie lachte. »Oh bitte. Mal liebt es zu provozieren.«

»Das ist ihm bei mir auf jeden Fall gelungen.«

»Lass mich raten. Es war dein Freund Reecy, der da vorhin angerufen hat?« Ihre Stimme troff vor Verachtung. Seitdem Ev geheiratet hatte und ausgezogen war, unternahmen Lauren und ich häufiger etwas gemeinsam. Nate musste an den Wochenenden oft arbeiten und Lauren langweilte sich allein sehr schnell. Wir tranken dann gemeinsam einen Kaffee oder gingen ins Kino. Es war schön. Insbesondere, da Skye in den vergangenen Monaten meine Gesellschaft gemieden hatte. Sie hatte ihren neuen Freund vorgeschoben, doch inzwischen zweifelte ich an dieser Erklärung.

Ich hasste es, alles, was in unserer gemeinsamen Vergangenheit geschehen war, plötzlich in Zweifel zu ziehen. Dieses Gefühl, vollständig das Vertrauen zu verlieren. Widerwärtig.

»Reece wurde versetzt«, sagte ich. »Hat Ev irgendetwas von der Pizza erwähnt? Ich verhungere gleich.«

»Eines Tages wirst du nicht mehr der Plan B für diesen Kerl sein.«

Ich richtete mich kerzengerade auf. »Lauren, wir sind nur Freunde.«

Sie bugsierte mich in die Küche. Auf der Marmorarbeitsplatte stand eine große Auswahl an Pizzen in Kartons.

»Oh bitte«, schnaubte sie. »Er spielt doch nur mit dir. Er weiß genau, dass du ihn magst, und nutzt das aus.«

»Nein, das stimmt nicht. Noch mal: Wir sind nur Freunde.« Ich hatte mich gerade erst vor Mal Ericson blamiert. Mit meinem eventuell peinlichen Verhalten Reece Lewis gegenüber würde ich mich ein andermal beschäftigen.

Oder niemals. Niemals war auch okay.

»Du könntest etwas Besseres haben, wenn du nur wolltest«, sagte Lauren.

Ich gab einen unverbindlichen Laut von mir. Hoffentlich reichte er aus, um dieses Thema zu beenden. Mein Magen knurrte vernehmlich. Lecker, geschmolzener Käse. Über die vielen Sorgen, die ich mir wegen des Gesprächs mit Skye gemacht hatte, hatte ich ganz das Mittagessen vergessen. Zu den zwei Bier, die in meinem leeren Magen herumschwappten, musste dringend Essen. Allerdings entsprachen die Beläge der Pizzen nicht ganz meinen Erwartungen. »Sind das da Artischocken und Spinat?«