Rockstars küsst man nicht - Kylie Scott - E-Book

Rockstars küsst man nicht E-Book

Kylie Scott

4,8
8,99 €

Beschreibung

Band 4 der international erfolgreichen Rockstars-Reihe von Spiegel-Bestseller-Autorin Kylie Scott! Schwanger! Und das ausgerechnet von Ben Nicholson, dem Bassisten der erfolgreichsten Rockband der Welt! Lizzy Rollins kann es nicht fassen. Schon lange hegt sie tiefe Gefühle für den attraktiven Rockstar, aber sie weiß, dass Ben keine feste Beziehung sucht. Ihre gemeinsame Nacht in Las Vegas war für ihn nur ein One-Night-Stand, nichts weiter. Nur gibt es da nun eine neue, viel tiefere Verbindung zwischen ihnen. Doch ist diese stark genug, Bens Mauern zu durchbrechen?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 400

Bewertungen
4,8 (44 Bewertungen)
36
8
0
0
0



Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

Prolog

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

Epilog

Danksagung

Die Autorin

Kylie Scott bei LYX

Impressum

KYLIE SCOTT

Rockstars küsst man nicht

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Katrin Reichardt

Zu diesem Buch

Zwei Striche auf dem Schwangerschaftstest genügen, um das Leben der 21-jährigen Lizzy Rollins von einem Moment auf den anderen über den Haufen zu werfen. Sie ist schwanger, ausgerechnet von Ben Nicholson, dem Bassisten der weltberühmten Rockband Stage Dive! In Las Vegas verbrachten die beiden eine unvergessliche gemeinsame Nacht, doch seitdem haben sie kaum ein Wort miteinander gewechselt. Denn während Liz schon lange tiefe Gefühle für den attraktiven Rockstar hegte, machte dieser ihr am Morgen danach unmissverständlich klar, dass er keine feste Beziehung sucht – schon gar nicht mit der Schwägerin seines Bandkollegen Mal. Dem musste Ben nämlich versprechen, die Finger von Liz zu lassen, egal wie heiß die Funken zwischen ihnen sprühen. Aber nun ist da eine neue, tiefere Verbindung, die weit über das aufregende Prickeln von früher hinausreicht. Ben will sicherstellen, dass es Liz und dem ungeborenen Baby gut geht, und lädt sie kurzerhand ein, ihn auf der anstehenden Stage-Dive-Tour zu begleiten. Liz weiß, dass sie sich nichts vormachen darf: Ben will sich nicht binden und nur dem Baby zuliebe mit ihr befreundet sein. Doch sie ist machtlos gegen die Hoffnung, die aufs Neue in ihr zu keimen beginnt, je näher sie und Ben sich im Laufe der Tour wieder kommen …

Wie immer für Hugh

Prolog

Positiv.

Noch einmal las ich die Gebrauchsanweisung und versuchte, die Knicke im Papier mit einer Hand glatt zu streichen. Zwei Linien bedeuteten positiv. Zwei Linien waren auf dem Test erschienen. Nein, unmöglich. Ungläubig starrte ich abwechselnd die beiden Linien an, um vielleicht eine von ihnen doch noch zum Verschwinden zu bringen. Ich schüttelte den Test, drehte ihn hin und her. Ich starrte und starrte, doch genau wie beim ersten Test, den ich neben das Waschbecken verbannt hatte, blieb auch hier die Antwort unverändert.

Positiv.

Ich war schwanger.

»Fuck.«

Das Wort hallte durch das kleine Badezimmer, wurde wieder und wieder von den weißen Wandfliesen zurückgeworfen und dröhnte in meinen Ohren. Solch ein Mist sollte jemandem wie mir doch eigentlich gar nicht passieren. Ich hielt mich an die Gesetze und nahm keine Drogen. Abgesehen von dem kleinen Durchhänger, nachdem Dad uns verlassen hatte. Ich lernte fleißig für meinen Abschluss in Psychologie und benahm mich anständig. Meistens. Und trotzdem prangten diese beiden deutlich sichtbaren akkuraten pinkfarbenen Linien in dem kleinen Ablesefenster des Schwangerschaftstests, als wollten sie mich verhöhnen. Egal, wie sehr ich die Augen zusammenkniff oder schielte, das Ergebnis blieb unumstößlich dasselbe.

»Fuck.«

Ich als die Mutter von jemandem? Unvorstellbar.

Was um alles in der Welt sollte ich jetzt tun?

Ich saß in meiner schlichten schwarzen Unterwäsche auf dem Rand der Badewanne und hatte von Kopf bis Fuß eine Gänsehaut. Draußen vor dem Fenster wogte ein kahler Ast im Wind. Über ihm erstreckte sich der endlose graue Februarhimmel von Portland. Ich war geliefert. All meine Pläne und Träume, mein ganzes Leben über den Haufen geworfen durch die Entscheidungsgewalt eines blöden Plastikstäbchens. Herrgott, ich war doch erst einundzwanzig und obendrein nicht einmal in einer Beziehung.

Ben.

Oh Mann. In den vergangenen Wochen hatten wir kaum miteinander gesprochen – was wohl hauptsächlich daran lag, dass ich jede Situation, in der wir uns womöglich über den Weg laufen konnten, geflissentlich mied. In seiner Gegenwart fühlte ich mich ein wenig unwohl, nachdem ich ihn in Las Vegas aus meinem Hotelzimmer hinausgeworfen hatte – ohne seine Hosen. Ich war fertig mit ihm. Schluss. Ende. Aus.

Doch mein Uterus war offenbar anderer Ansicht.

Wir hatten einmal miteinander geschlafen. Einmal. Das war ein Geheimnis, das ich eigentlich mit ins Grab hatte nehmen wollen. Er würde es sowieso niemals jemandem verraten. Wie auch immer, sein Penis war nur ein einziges Mal in meiner Vagina gewesen, und außerdem hatte ich ihm dabei zugesehen, wie er sich das Kondom übergestreift hatte, verflucht noch mal. Zitternd vor Aufregung hatte ich auf dem großen Bett gelegen, während er mich angelächelt hatte. Da war diese Wärme in seinen Augen gewesen, diese Zärtlichkeit. In Anbetracht der unübersehbaren Spannung, unter der sein starker Körper gestanden hatte, war mir das ziemlich merkwürdig und erstaunlich vorgekommen. Noch nie zuvor hatte mich jemand so angesehen. Als bedeute ich ihm etwas.

Die Erinnerungen weckten ein unwillkommenes warmes Gefühl. Es war schon eine ganze Weile her, dass ich mit Ben etwas anderes assoziiert hatte als bäh.

Wie dem auch sei, jedenfalls hatte irgendjemand während seiner Schicht in der Verhüterlifabrik nicht aufgepasst, und jetzt hatten wir den Salat. Schwanger. Ich starrte gedankenverloren auf meine Skinny Jeans, die auf dem Boden lag. Klar würde ich reinpassen. Oder zumindest würde ich es schaffen, den Reißverschluss halb hochzuziehen. Den Knopf zuzumachen konnte ich allerdings vergessen. Meinen Bauch einzuquetschen war indiskutabel.

Alles veränderte sich so schnell. Ich veränderte mich.

Normalerweise war ich hinten deutlich üppiger als vorne. Doch nun hatte ich, zum ersten Mal in meinem Leben, so etwas wie Brüste. Zwar nicht genug, um einen Job bei Hooters zu ergattern, aber trotzdem. Und so gern ich auch daran geglaubt hätte, dass Gott einfach nur die Gebete meiner Teenagerzeit erhört hatte, erschien mir das in Hinblick auf all die anderen verräterischen Hinweise nicht sehr wahrscheinlich. In mir wuchs ein Mensch. Ein kleines bohnenförmiges Gebilde, das zu gleichen Teilen aus mir und ihm bestand.

Irre.

Was ich am heutigen Abend anziehen sollte, war allerdings eine meiner geringsten Sorgen. Hätte ich mich doch nur drücken können. Er würde auch kommen, in all seiner eins fünfundneunzig großen, wilden Rockstarpracht. Schon allein der Gedanke daran, ihn zu sehen, ließ mich ganz nervös werden. Mein Magen rebellierte, Übelkeit machte sich breit. Schon merkte ich, wie sich mein Mageninhalt nach oben arbeitete, mir in die Kehle stieg, bis ich würgte. Ich schaffte es gerade noch zur Toilette, wo ich das wenige, was ich zu Mittag gegessen hatte, wieder erbrach. Zwei Oreos und eine halbe Banane … Schwups, schon waren sie wieder draußen. Igitt.

Stöhnend wischte ich mir den Mund mit dem Handrücken ab, spülte und taumelte zum Waschbecken. Wow. Das Mädchen im Spiegel sah geradezu phänomenal scheiße aus mit seinem viel zu bleichen Gesicht und dem blonden Haar, das in feuchten Strähnen herunterhing. Was für ein übler Anblick. Ich konnte mich nicht einmal dazu überwinden, mir selbst in die Augen zu sehen.

Dass ich den Schwangerschaftstest fallen gelassen hatte, fiel mir erst auf, als ich darauf trat. Wie von selbst drückte meine Ferse noch fester auf das Stäbchen und drehte sich schwungvoll. Das Bersten und Knacken des Plastiks klang seltsam befriedigend. Ich trat noch einmal zu, wieder und wieder, zertrampelte das Mistding, stampfte es in den zerkratzten Holzboden hinein. Oh ja, das tat gut. Den ersten Test ereilte kurz darauf das gleiche Schicksal. Ich hörte nicht eher auf, bis ich atemlos keuchte und der ganze Badezimmerboden von Trümmern übersäht war. Jetzt ging es mir schon deutlich besser.

Mich hatte also ein Rockstar geschwängert.

Na, was soll’s.

Tief durchatmen. Okay.

Ich würde diese Angelegenheit wie eine erwachsene Frau angehen, mich zusammenreißen und mit Ben reden. Schließlich waren wir einmal Freunde gewesen. Mehr oder weniger. Ich konnte noch immer ganz normal mit ihm reden. Beispielsweise über unseren Nachwuchs, der in schätzungsweise, ähm … sieben Monaten oder so das Licht der Welt erblicken würde.

Ja, genau das konnte ich tun, und das würde ich auch tun.

Sobald mein Tobsuchtsanfall vorbei wäre.

»Du bist spät dran. Komm schnell rein«, sagte meine Schwester Anne, packte mein Handgelenk und zog mich zur Tür herein. Nicht, dass ich davor unschlüssig herumgelungert hätte. Nicht allzu lange jedenfalls.

»Tut mir leid.«

»Ich dachte, du würdest mich hängen lassen. Wieder mal.« Sie drückte mich schnell an sich, bevor sie mir auch schon den Mantel auszog. Er landete auf einem Sessel, auf dem bereits ein ganzer Haufen Jacken lag. »Die anderen sind alle schon da.«

»Toll«, murmelte ich.

Tatsache, in dem millionenteuren Loft im Pearl District ging es bereits ziemlich lautstark zu. Anne und ich, wir kamen nicht aus einer wohlhabenden Familie. Ganz im Gegenteil. Hätte Anne mich nicht ständig dazu ermutigt, mich um Stipendien zu bewerben, und mich finanziell unterstützt, indem sie für Bücher und so weiter aufkam, hätte ich es niemals bis aufs College geschafft. Im vergangenen Jahr hatte meine besonnene, vernünftige Schwester allerdings, sagen wir mal, zu sich selbst gefunden und war mit einem waschechten Rockstar zusammengezogen.

Schräg, nicht wahr? Wie genau es dazu gekommen war, verstand ich selbst nicht so richtig. Eigentlich war ich von uns beiden immer die Quirlige gewesen. Wann immer Anne am Boden gewesen war, hatte ich ihr wieder hochgeholfen und mit einem Lächeln dem Unbill des Lebens getrotzt. Und jetzt? Da stand sie vor mir, vor Lebensfreude sprühend und bis über beide Ohren verliebt und wirkte so glücklich wie – ja, wie noch nie zuvor. Herrlich.

Über die Details ihrer stürmischen Romanze wusste ich wenig bis gar nichts. Doch kurz vor Weihnachten hatten sie und Malcolm Ericson, der Schlagzeuger von Stage Dive (der wahrscheinlich berühmtesten Rockband aller Zeiten) geheiratet. Damit zählte ich nun zum erweiterten Familienkreis der Band. Fairerweise muss ich sagen, dass sie mich von Anfang an herzlich in ihrer Mitte aufgenommen haben. Sie alle waren wirklich nette Menschen. Trotzdem, der Gedanke daran, ihn gleich wiederzusehen, machte aus mir ein nervliches Wrack mit übernatürlichen Kotzkräften.

»Du rätst nie, was passiert ist.« Anne hakte sich bei mir unter und zog mich mit sich an den voll besetzten Esstisch.

In mein Verderben.

Sieben Leute saßen mit Getränken in der Hand am Tisch, lachten und unterhielten sich. Im Hintergrund lief leise Musik, ich glaube von The National. Kerzen flackerten, und über dem Tisch hing eine blinkende Lichterkette. Trotz meines gereizten Magens ließen mir die köstlichen Essensdüfte das Wasser im Munde zusammenlaufen. Wow, Anne und Malcolm hatten für die Feier ihres zweimonatigen Ehejubiläums wirklich keine Mühen gescheut. Plötzlich erschienen mir meine schwarze Strumpfhose und die blassblaue Tunika (aus grobmaschigem Stoff, der meine Taille weder einengte noch betonte) etwas zu schlicht für den Anlass. Allerdings war es wirklich schwierig, in glamouröse Stimmung zu kommen, wenn man eine Plastiktüte in der Handtasche bei sich trug für den Fall, dass man sich überraschend übergeben muss.

»Was ist denn los?«, fragte ich, um ein ganz klein wenig mehr Zeit zu schinden.

Sie beugte sich zu mir und zisch-flüsterte übertrieben theatralisch: »Ben hat ein Date mitgebracht.«

Alles stand still. Wortwörtlich. Meine Lungenflügel, meine Füße … einfach alles.

Anne sah mich ein wenig verwundert an. »Liz?«

Ich zwinkerte, kam langsam wieder zu mir. »Ja?«

»Alles okay?«

»Klar. Also, ähm, Ben ist mit einem Date hier?«

»Kannst du das glauben?«

»Nein.« Konnte ich wirklich nicht. Mein Hirn hatte, wie alles andere auch, ausgesetzt. In meinem Plan, mit Ben zu reden, war kein Date vorgekommen.

»Verrückt, nicht? Aber es gibt wohl für alles ein erstes Mal. Die anderen finden es wohl auch ein bisschen seltsam, aber seine Begleitung scheint wirklich ganz nett zu sein.«

»Aber Ben hat keine Dates«, sagte ich. Meine Stimme klang hohl, als wäre sie nur ein Echo, das von weit her kam. »Er glaubt ja noch nicht mal an Beziehungen.«

Anne neigte den Kopf und sah mich mit einem leichten Lächeln an. »Lizzy, du bist doch nicht etwa noch immer verknallt in ihn?«

»Nein.« Ich lachte verkrampft. Von derart idiotischen Ideen hatte er mich in Vegas gründlich geheilt. »Ein zweihundertfünfzigprozentiges Nein.«

»Gut«, seufzte sie erleichtert.

»Lizzy!«, ertönte eine laute, dröhnende Stimme.

»Hey Mal.«

»Sohn, begrüß deine Tante Elizabeth.« Damit hielt mir mein frischgebackener Schwager einen schwarzweißen Welpen unter die Nase. Sofort schlabberte er mir mit seiner kleinen, nassen Zunge die Lippen ab und hechelte mir seinen nach Hundekuchen müffelnden Atem ins Gesicht. Nicht gut.

»Oh Mann!« Ich lehnte mich so weit wie möglich zurück und versuchte, den neuerlichen Würgereiz wegzuatmen. Schwanger sein – konnte es etwas Schöneres geben? »Hi Killer.«

»Gib ihn mir«, bat Anne. »Mal, nicht jeder steht auf Zungenküsse von deinem Hund.«

Der blonde, stark tätowierte Mann reichte ihr grinsend das pelzige Baby. »Aber er küsst wirklich gut. Ich habe es ihm höchstpersönlich beigebracht.«

»Das stimmt leider.« Anne klemmte sich den Hund unter den Arm und kraulte ihm den Kopf. »Wie geht es dir? Gestern am Telefon meintest du, du würdest dich krank fühlen.«

»Ach, schon viel besser«, log ich. Eigentlich war es keine richtige Lüge. Schließlich war ich definitiv nicht krank.

»Warst du beim Arzt?«

»Nicht nötig.«

»Soll ich morgen für dich einen Termin vereinbaren? Nur vorsichtshalber?«

»Das ist wirklich nicht notwendig.«

»Aber –«

»Anne, bleib ganz ruhig. Ich versichere dir, dass ich nicht krank bin«, erklärte ich mit meinem strahlendsten Lächeln. »Mir geht’s gut. Versprochen.«

»Na gut.« Sie setzte den Welpen auf den Boden und zog einen Stuhl in der Mitte des Tisches zurück. »Ich hab dir einen Platz neben mir freigehalten.«

»Danke.«

Und dann kam er, der denkwürdige Moment, als ich (während ich mir noch Hundesabber aus dem Gesicht wischte und versuchte, mich nicht zu übergeben) ihn wiedersah. Ben. Er saß mir gegenüber und sah mich direkt an. Seine dunklen Augen … Sofort senkte ich den Blick zu Boden. Dieser Mann übte keinerlei Wirkung auf mich aus. Nein, ganz und gar nicht. Ich war lediglich noch nicht bereit für das alles. Wobei »das alles« gleichbedeutend war mit der Erinnerung an ihn und mich in diesem Zimmer in Vegas sowie mit der Konsequenz dieser Nacht, die nun gerade in meinem Bauch heranwuchs.

Ich konnte es nicht tun. Noch nicht.

»Hey Liz«, hörte ich seine tiefe Stimme. Er klang ruhig, ungezwungen.

»Hey.«

Oh ja. Ich war so was von über ihn hinweg. Diese Sache mit dem Date hatte mich kurz aus dem Konzept gebracht, aber jetzt war ich wieder ganz da. Ich musste lediglich alle verbleibenden unerwünschten Gefühlsreste für ihn abschotten und für immer in einer dunklen Ecke verschwinden lassen.

Zaghaft trat ich einen Schritt näher an den Tisch heran und spähte vorsichtig zu ihm, nur um festzustellen, dass er mich argwöhnisch musterte. Er trank einen Schluck Bier, stellte die Flasche wieder ab und rieb mit dem Daumen einen Tropfen von den Lippen. In Vegas hatte er anfangs auch nach Bier und Lust und Verlangen geschmeckt. Eine betörende Mischung. Er hatte wunderschöne Lippen, die von einem kurzen Bart eingerahmt wurden. Seine Hipsterhaare mit ausrasierten Seiten und längerem Deckhaar waren inzwischen nachgewachsen, wodurch er ein bisschen struppig und wild aussah.

Und groß. Aber groß sah er eigentlich immer aus.

Ein Silberring glänzte in einem seiner Nasenflügel. Er trug ein grünkariertes Hemd, dessen oberster Knopf offen stand, wodurch sein breiter Hals und der Rand einer tätowierten schwarzen Rose zu sehen waren. Jede Wette, dass sich unter dem Tisch Bluejeans und schwarze Stiefel verbargen. Abgesehen von der Hochzeitsfeier in Vegas und seinem Besuch in meinem Hotelzimmer hatte ich diesen Mann noch nie in etwas anderem als Jeans gesehen. Aber ich kann euch versichern, dass er auch nackt ein erfreulicher Anblick war. Bei ihm war alles genau so, wie es sein sollte, und vielleicht sogar noch ein bisschen toller. Ehrlich gesagt sah er aus wie ein wahr gewordener Traum.

Mein Traum.

Ich schluckte angestrengt, ignorierte meine vorwitzigen Brustwarzen und schob die Erinnerungen wieder weit fort, dorthin, wo sie hingehörten. Begrub sie tief unten in meinem Hirn bei den Hannah-Montana-Songtexten, den Geschichten der Figuren von Vampire Diary und anderem nutzlosen, potenziell schädlichen Informationsmüll, der sich über die Jahre angesammelt hatte. Das alles hatte keine Bedeutung mehr.

Im Zimmer war es still geworden. Wie peinlich.

Ben zupfte am Kragen seines Hemdes und rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum.

Warum zum Teufel starrte er mich so an? Vielleicht, weil ich ihn noch immer anstierte. Shit. Meine Beine gaben unter mir nach, und ich plumpste recht unelegant auf den Stuhl. Dabei hielt ich den Blick nach unten gerichtet, denn das erschien mir am ungefährlichsten. Solange ich nur nicht ihn oder sein Date anschaute, war ich auf der sicheren Seite. So ein Essen konnte ja nicht länger als drei oder vier Stunden dauern. Also alles kein Problem.

Ich hob ein wenig halbherzig die Hand und grüßte in die Runde. »Hallo Leute.«

Heys und His und Variationen davon kamen als Antwort.

»Wie geht’s so, Liz?«, fragte Ev weiter unten am Tisch. Sie saß neben ihrem Ehemann David Ferris, Stage Dives Leadgitarristen und Songwriter.

»Super.« Beschissen. »Und dir?«

»Gut.«

Ich holte tief Luft und lächelte. »Großartig.«

»Viel zu tun am College?« Sie zückte einen Haargummi und band sich das blonde Haar zu einem lockeren Pferdeschwanz. Dafür hätte ich sie küssen können. Wenigstens war ich nicht die Einzige, die heute Abend einen legeren Look pflegte. »Wir haben dich schon seit Weihnachten nicht mehr zu Gesicht bekommen.«

»Ja, ich war ziemlich beschäftigt.« Mit Kotzen und Schlafen hauptsächlich. Mit Schwangersein eben. »Das College und so, du weißt schon.«

Normalerweise hätte ich jetzt eine interessante Story über mein Psychologiestudium in petto gehabt. Heute aber nicht. Fehlanzeige.

»Aha.« Ihr Mann legte ihr den Arm um die Schultern, woraufhin sie sich sofort zu ihm umwandte und ihn verliebt anlächelte. Unser Gespräch war augenblicklich vergessen.

Was mir nur recht war.

Ich rieb mit der Kappe meines Stiefels über den Boden, sah nach links und nach rechts, überallhin, nur nicht direkt vor mich. Ich zupfte am Saum meiner Tunika herum, wand einen losen Faden um meinen Finger, bis er blau anlief. Dann lockerte ich ihn wieder. Wahrscheinlich war das auf irgendeine Weise nicht gut für die kleine Bohne. Oh Mann, ab morgen musste ich unbedingt damit anfangen, mich in diesen ganzen Babykram einzulesen. Mir die wichtigsten Fakten aneignen. Denn die kleine Bohne loszuwerden … das kam für mich nicht infrage.

Das Date kicherte über etwas, das er gesagt hatte, und ich verspürte einen stechenden Schmerz. Wahrscheinlich nur Blähungen.

»Hier.« Anne füllte das Glas vor mir mit Weißwein.

»Oh. Danke.«

»Probier mal«, meinte sie fröhlich. »Er schmeckt süß und auch irgendwie frisch. Ich glaube, du wirst ihn mögen.«

Schon beim Gedanken daran drehte sich mir der Magen um. »Vielleicht später. Ich habe noch Wasser getrunken, bevor ich herkam. Also … ich habe eigentlich noch keinen so großen Durst.«

»Ach so.« Sie kniff die Augen zusammen und musterte mich mit einem Das-war-gerade-seltsam-Lächeln, das sich aber viel zu schnell in eine gerade, unzufriedene Linie verwandelte. »Du siehst ein bisschen blass aus. Geht es dir gut?«

»Aber sicher!« Ich nickte und lächelte, dann wandte ich mich schnell zu der Frau neben mir um, bevor Anne mich noch weiter löcherte. »Hi Lena.«

»Lizzy. Wir läuft’s?« Die kurvige Brünette hielt Händchen mit ihrem Lebensgefährten Jimmy Ferris, dem Leadsänger von Stage Dive. Er saß am Kopf der Tafel und sah in seinem zweifellos maßgeschneiderten Anzug umwerfend aus. Als sich unsere Augen trafen, bedachte er mich mit dem charakteristischen Kinnnicken, auf das sich die Jungs spezialisiert hatten. Es sagte einfach alles. Zumindest, wenn sie nicht mehr damit ausdrücken wollten als Hey.

Ich nickte zurück. Die ganze Zeit über spürte ich, dass Anne noch immer neben mir stand, mit der Weinflasche in der Hand, und wie ihre schwesterliche Sorge von Sekunde zu Sekunde wuchs, mit den Hufen scharrte, bereit zum Sprung. Ich war so was von geliefert. Seit meinem vierzehnten Lebensjahr war es quasi Anne gewesen, die mich großgezogen hatte, nachdem mein Vater uns verlassen und meine Mutter aufgehört hatte, sich für uns zu interessieren. Sie war eines Tages einfach ins Bett gegangen und wollte nicht mehr aufstehen. Noch immer gerieten Annes Mutterinstinkte hin und wieder außer Kontrolle. Was sie zu der kleinen Bohne sagen würde, daran wollte ich nicht einmal denken. Sicher wäre es nichts Nettes.

Aber ein Problem nach dem anderen.

»Bestens, Lena«, antwortete ich. »Und bei dir?«

Lena öffnete den Mund, doch was immer sie hatte sagen wollen, wurde verschluckt von dem plötzlichen ohrenbetäubenden Hämmern eines Schlagzeugs und irrsinnig lautem Gitarrengeheul. Es klang, als bräche die Hölle über uns herein. Das Armageddon war da.

»Babe«, schrie Anne über den Krach hinweg ihrem Ehemann zu. »Keinen Death Metal beim Essen! Das haben wir doch besprochen.«

Besagtes »Babe« Malcolm Ericson hörte enttäuscht wieder mit dem Headbanging auf. »Aber Mäuschen –«

»Bitte.«

Der Drummer rollte genervt mit den Augen, legte aber trotzdem einen Schalter an der Stereoanlage um und beendete so den Angriff auf unsere Trommelfelle.

Mir klingelten die Ohren.

»Liebe Güte«, murmelte Jimmy. »Das ist nun wirklich nicht der richtig Zeitpunkt für solchen Mist. Das nächste Mal wartest du gefälligst, bis ich nicht mehr da bin, okay?«

Mal betrachtete den geschniegelten Mann abfällig. »Sei doch nicht so voreingenommen, Jimmy. Ich finde, die Blutenden Otter wären eine hervorragende Vorgruppe.«

»Willst du mich verarschen? Heißen die wirklich so?«

»Erfreulich originell, nicht wahr?«

»So kann man das auch ausdrücken«, meinte David angewidert. »Außerdem hat Ben schon eine Vorband ausgesucht.«

»Und ich durfte nicht mal mitentscheiden«, maulte Mal beleidigt.

»Kumpel«, schaltete sich Ben ein. »Ihr wollt auf der Tour doch alle mit euren Frauen abhängen. Ich brauche aber auch jemanden, mit dem ich nach der Show chillen und ein Bier zischen kann. Also habe eben ich die Entscheidung getroffen. Leb damit.«

Mal grummelte verbittert.

Ev schüttelte nur den Kopf. »Wow. Blutende Otter. Das nenne ich einzigartig.«

»Was hältst du davon, Babe?«, wandte sich Jimmy an Lena.

»Das ist widerwärtig. Ich glaube, ich muss mich übergeben.« Sie schluckte angestrengt und sah plötzlich ganz grau aus. »Nein, wirklich, das meine ich ernst.«

Na so was. Und oje, ich konnte nur zu gut nachvollziehen, wie elend sie sich fühlen musste.

»Shit.« Jimmy begann, ihr hektisch den Rücken zu reiben. Wortlos drückte ich ihr meine Notfall-Spucktüte in die Hand. Frauen müssen zusammenhalten et cetera.

»Danke«, sagte sie nur und war glücklicherweise zu abgelenkt, um nachzufragen, warum ich überhaupt so eine Tüte mit mir herumtrug.

»Vor Weihnachten hatte sie schon Magenprobleme.« Jimmy füllte mit der freien Hand Lenas Glas mit Wasser und reichte es ihr. »Ist immer noch nicht ganz ausgestanden.«

Ich erstarrte.

»Ich dachte, ich wäre sie los«, meinte Lena.

»Du wirst doch zum Arzt gehen müssen. Keine Ausreden mehr. So viel haben wir nicht zu tun.« Jimmy gab ihr einen sanften Kuss auf die Wange. »Morgen gehst du, ja?«

»Okay.«

»Gute Idee«, sagte Anne und tätschelte dabei meine Schulter.

Oh Mann.

»Hast du denn auch mit Übelkeit zu kämpfen, Lizzy?«, erkundigte sich Lena.

»Ihr beiden solltet es mal mit grünem Tee mit Ingwer versuchen«, meldete sich eine Stimme von der anderen Seite des Tisches zu Wort.

Eine weibliche Stimme.

Verdammt, das war sie. Sein Date.

»Ingwer wärmt von innen und hilft, den Magen zu beruhigen. Welche Symptome habt ihr denn sonst noch?«, fragte sie, woraufhin ich schnell den Kopf einzog.

Ben räusperte sich. »Sasha ist Naturheilkundlerin.«

»Ich dachte, sie wäre Tänzerin?«, fragte Anne mit einem leicht gereizten Unterton.

»Burlesque-Performerin«, korrigierte die Frau sie. »Ich mache beides.«

Dem hatte ich nun wirklich nichts entgegenzusetzen.

Ich hörte, wie ein Stuhl über den Boden scharrte, und dann stand Sasha auch schon und blickte nachdenklich auf mich herab. All meine Hoffnungen darauf, ihr aus dem Weg zu gehen und/oder ihre Gegenwart zu ignorieren, waren dahin. Sie trug eine Bettie-Page-Frisur, ihr Haar war jedoch strahlend blau. Sehr cool. Herrgott noch mal, musste sie auch noch so aussehen, als hätte sie Ahnung, wovon sie redete? Wäre sie eine hohle Tussi gewesen, hätte ich es noch verkraften können, aber das hier war zu viel. Die Frau war wunderschön und klug, ich dagegen nur ein dummes Mädchen, das sich hatte schwängern lassen. Wo bleibt die dramatische Geigenmusik?

Ich lächelte grimmig. »Hi.«

»Habt ihr noch weitere Symptome?«, wiederholte sie und sah abwechselnd mich und Lena an.

»Sie ist in letzter Zeit auch oft müde«, berichtete Jimmy. »Nickt ständig vor dem Fernseher ein.«

»Stimmt«, bestätigte Lena nachdenklich.

»Lizzie, du hast doch erzählt, dass du ein paar Mal nicht zur Uni konntest, oder?«, fragte Anne nach.

»Ja, hin und wieder«, gab ich zu. Die Richtung, die dieses Verhör nahm, gefiel mir ganz und gar nicht. Zeit für einen eleganten Themenwechsel. »Wie auch immer, wie weit seid ihr denn mit den Plänen für die Tour? Ihr seid alle bestimmt sehr aufgeregt. Ich wäre aufgeregt. Hast du schon angefangen zu packen, Anne?«

Meine Schwester sah mich verwundert an.

»Noch nicht?« Vielleicht war ein Ausbruch verbalen Dünnpfiffs doch keine so gute Idee gewesen.

»Moment mal. War dir etwa auch übel, Liz?«, fragte Ben, dessen Stimme nun eine Spur sanfter klang. Vielleicht bildete ich es mir aber auch nur ein.

»Ähm …«

»Möglicherweise hast du dir den gleichen Virus eingefangen wie Lena«, sagte er. »Wie viel von der Uni hast du denn verpasst?«

Mir schnürte sich die Kehle zu. Ich konnte es nicht. Nicht hier und jetzt, vor allen anderen. Anstatt herzukommen, hätte ich lieber die Beine in die Hand nehmen und nach Yukon fliehen sollen. Ich war auf keinen Fall bereit für das hier.

»Liz?«

»Nein, mir geht’s gut«, röchelte ich. »Alles gut.«

»Ähm, hallo?«, mischte sich Anne wieder ein. »Du hast mir erzählt, dir wäre schon seit einigen Wochen schlecht. Wäre ich nicht fort gewesen, hätte ich dich schon längst zum Arzt geschleppt.«

Aber glücklicherweise hatte sie mit Mal ihre zweiten Flitterwochen auf Hawaii verbracht. Im Beisein von Anne das mit der kleinen Bohne herauszufinden wäre ungefähr genauso erfreulich gewesen, wie den Reitern der Apokalypse dabei zuzusehen, wie sie in die Stadt ritten. Terror, Tränen, Chaos – und mehr. Definitiv kein Spaß.

Das Date, Sasha, richtete ihren durchdringenden Blick auf die dezent würgende Lena.

»Hat es sonst noch jemand mit dem Magen?«, fragte sie.

»Ich glaube nicht.« Anne blickte am Tisch herum, doch überall wurden nur die Köpfe geschüttelt. »Nur Lena und Lizzy.«

»Uns geht es gut«, bekräftigte Ev.

»Seltsam«, überlegte Anne. »Liz und Lena haben sich zum letzten Mal bei der Hochzeit gesehen, und das ist über zwei Monate her.«

Mein Herz raste. Und das von der kleinen Bohne auch.

»Nun, dann würde ich sagen, die beiden sollten einen Schwangerschaftstest machen«, verkündete Sasha und setzte sich wieder.

Für einen Moment herrschte fassungsloses Schweigen.

»Was?«, platzte ich heraus und fühlte, wie Panik in mir aufstieg. Nicht hier, nicht jetzt und verdammt noch mal schon gar nicht auf diese Art. Galle brannte in meiner Kehle, doch ich schluckte sie herunter, während ich hektisch nach der zweiten Kotztüte tastete.

Ben runzelte die Stirn. Ich hörte unterdrücktes Hüsteln und überraschtes Keuchen.

Doch bevor jemand einen Kommentar abgeben konnte, stieß Lena ein merkwürdiges kieksendes Geräusch aus.

»Nein«, kreischte sie sehr schrill und sehr entschieden. »Nein, das bin ich nicht. Nimm das zurück.«

Jimmy rubbelte ihr inzwischen wie verrückt den Rücken. »Baby, beruhige dich.« Das tat sie nicht. Stattdessen zeigte sie mit einem zitternden Finger auf die nun höchst unwillkommene Fremde in unserer Mitte. »Du hast ja keinen blassen Schimmer, wovon du da redest. Was weiß ich, vielleicht hast du beim Tanzen einen von diesen großen Fächern auf den Kopf bekommen oder was auch immer. Jedenfalls könntest du … gar nicht weiter danebenliegen.«

»Okay, beruhigen wir uns erst mal ein bisschen«, ging Ben dazwischen und hob protestierend die Hände. Sasha schwieg.

»Lizzy?« Die Finger meiner Schwester gruben sich in meine Schulter. Schmerzhaft. »Das ist doch ausgeschlossen, oder? Ich meine, das würde dir nicht passieren. So dumm bist du doch nicht.«

Ich öffnete den Mund, doch nichts kam heraus.

Plötzlich griff sich Lena an den Bauch. »Jimmy, damals im Auto, bei der Hochzeit meiner Schwester. Da haben wir nichts benutzt.«

»Ich weiß«, sagte er leise. Sein perfektes Gesicht war schneeweiß geworden. »Und als wir es im Stehen getan haben an dem Abend, bevor du gingst. Da haben wir es auch vergessen.«

»Ja.«

»Deine Brüste sind gerade sehr empfindlich.« Jimmy rieb sich mit einer Hand über den Mund. »Und vor einigen Tagen hast du dich beklagt, weil dein Kleid nicht mehr zuging.«

»Ich dachte, es läge nur am Kuchen.«

Sie starrten einander an, während alle anderen ihnen fassungslos zusahen. Wahrscheinlich hatten die beiden ganz vergessen, dass sie diese intimen Details vor Publikum wiedergaben. Das Tischgespräch hatte sich jedenfalls in eine waschechte Tragödie verwandelt. Oh Gott, und was für eine. Mir wurde schwindlig.

»Lizzy?«, fragte Anne noch einmal.

Okay, das war nicht gut. Ich hätte wirklich nicht kommen sollen. Aber wie zum Teufel hätte ich ahnen sollen, dass Ben ausgerechnet eine Hellseherin mit gynäkologischen Fachkenntnissen zum Essen mitbringt? Die Welt um mich herum begann zu verschwimmen, und meine Lungen arbeiteten auf Hochtouren. Trotzdem bekam ich nicht genug Luft. Ich will ja nicht paranoid klingen, aber ich war mir sicher, dass diese Sasha sich den ganzen Sauerstoff unter den Nagel gerissen hatte. Na ja, wie auch immer. Das einzig Wichtige war, nicht in Panik auszubrechen.

Vielleicht konnte ich ja aus einem der Fenster springen.

»Liz«, sagte diesmal eine andere, eine tiefe und kraftvolle Stimme. So hatte ich mir dieses Gespräch zwischen Ben und mir nun wirklich nicht vorgestellt. Nein, nicht heute Abend, bevor ich selbst überhaupt richtig begriffen hatte, was los war. Es wurde Zeit zu gehen.

»Lizzy?«

Oh Mann, also wenn das die Konsequenzen von tollem Sex waren, dann würde ich in Zukunft darauf verzichten. Auch auf mittelmäßigen Sex. Vielleicht sollte ich sicherheitshalber gleich auch noch Selbstbefriedigung streichen. Man kann nie vorsichtig genug sein. Irgendwo kann immer ein versprengtes Spermium lauern, das nur darauf wartet, ein Mädchen in Schwierigkeiten zu bringen.

Ich richtete mich unsicher auf, stützte mich mit meinen verschwitzten Handflächen am Tisch ab. »Ich sollte jetzt gehen.«

»Hey.« Eine große Hand legte sich um mein Kinn. Zwischen Bens Augenbrauen und neben seinem Mund zeichneten sich tiefe Falten ab. Letztere konnte man allerdings nur andeutungsweise unter seinem Bart erkennen, aber trotzdem. Der Mann war eindeutig nicht glücklich – und das zurecht. »Ist schon okay Liz, wir klären das –«

»Ich bin schwanger.«

Kurzes Schweigen. »Was?«

»Ich bin schwanger, Ben.«

Die Stille im Raum hallte in meinen Ohren wider, endlos wie in einem Horrorfilm.

Ben stand über den Tisch gebeugt und atmete schwer. Irgendwie hatte ich erwartet, dass er stark bleiben würde, doch im Moment sah er genauso fertig aus, wie ich mich fühlte.

»Du bist schwanger?«, durchbrach Annes Stimme die Stille. »Lizzy, sieh mich an.«

Ich tat es, auch wenn es nicht ganz einfach war. Mein Kinn schien nicht besonders erpicht darauf, sich in die gewünschte Richtung zu drehen, was ich ihm nicht verdenken konnte.

»Ja«, sagte ich. »Das bin ich.«

Sie wurde furchterregend still.

»Tut mir leid.«

»Wie konntest du nur? Oh Gott.« Sie kniff kurz die Augen zu, öffnete sie dann wieder. »Und warum hast du es zu ihm gesagt?«

»Gute Frage.« Ganz langsam erhob sich Mal von seinem Platz und ging um den Tisch herum. »Warum hat sie es zu dir gesagt, Benny?«

»Liz und ich müssen reden.« Ben nahm die Hand von meinem Kinn und sah Mal flüchtig an. »Okay, Mann?!«

»Das hast du nicht getan«, sagte Mal. Seine Stimme klang tief und zornig, die Spannung im Raum stieg aufs Höchste.

»Beruhige dich.«

»Ich hab dir doch gesagt, du sollst dich von ihr fernhalten. Hab ich das nicht getan? Herrgott noch mal, sie ist die kleine Schwester meiner Frau.«

Ben richtete sich auf. »Ich kann es erklären.«

»Scheiße«, raunte David.

»Nein. Nein, das kannst du nicht, Benny. Ich hab dich verdammt noch mal gebeten, die Finger von ihr zu lassen. Du hast mir versprochen, dass sie für dich tabu wäre.«

Nun erhoben sich auch David und Jimmy Ferris von ihren Plätzen. Alles ging Schlag auf Schlag.

Bens Date Sasha, die blauhaarige Burlesque-Tänzerin, schien nun ebenfalls zu dämmern, welchen Shitstorm sie mit ihrem ach so tollen Statement ausgelöst hatte. Vielleicht besaß sie ja doch keine hellseherischen Fähigkeiten. »Wir sollten gehen. Ben?«

Er sah sie nicht einmal an. Sein Blick war fest auf Mal geheftet.

»Du bist wie ein Bruder für mich, Benny. Einer meiner besten Freunde. Aber sie ist jetzt meine kleine Schwester. Sag mir, dass du das nicht gewagt hast.«

»Mal, Mann –«

»Nicht, nachdem du mir dein Wort gegeben hattest. Das würdest du mir nicht antun.«

»Mensch, beruhige dich«, sagte David und versuchte, sich zwischen die beiden zu stellen. »Wir können doch über alles reden.«

Ben war fast einen Kopf größer als Mal und viel breiter und stärker. Aber das war egal. Mit einem Schlachtruf warf sich Mal auf ihn. Sie stürzten zusammen zu Boden, rollten sich hin und her, rangen miteinander, dass die Fäuste flogen. Was für ein Chaos. Ich sprang auf und verfolgte das Schauspiel mit offenem Mund. Jemand schrie, eine Frau. Plötzlich lag der metallische Geruch von Blut in der Luft, und der Drang, mich zu übergeben, wurde geradezu überwältigend. Doch dafür war jetzt keine Zeit.

»Nein!«, schrie ich. »Bitte tut das nicht.«

Ich hatte das ausgelöst, und darum lag es nun auch bei mir, alles wieder in Ordnung zu bringen. Doch ich hatte kaum das Knie auf dem Tisch, als ich schon von hinten gepackt und zurückgehalten wurde. Ich schaffte es nicht, mich loszureißen.

»Mal, nicht!«

David und Jimmy zerrten Mal von Ben herunter und zogen ihn trotz seiner Gegenwehr durchs Zimmer.

»Ich bring dich um«, brüllte Mal mit vor Wut und Blut gerötetem Gesicht. »Lasst mich los!«

Aus Bens Nase floss ebenfalls Blut, rann ihm übers Kinn. Doch er beachtete es überhaupt nicht. Ganz langsam erhob sich der große Kerl. Sein Gesichtsausdruck brach mir fast das Herz.

»Du hast versprochen, sie nicht anzubaggern.«

»Das hat er auch nicht«, schrie ich, immer noch in Annes Klammergriff und mit einem Knie auf der Tischplatte. »Er wollte gar nichts mit mir zu tun haben. Ich bin ihm nachgerannt. Das war alles meine Schuld. Es tut mir leid.«

Wieder herrschte Stille. Überall sah man fassungslose Gesichter. Und zwei blutende.

»Ich habe ihn praktisch gestalkt. Er hatte keine Chance.«

»Was?«, knurrte Mal. Eines seiner Augen schwoll mit beängstigender Geschwindigkeit zu.

»Es ist meine Schuld und nicht Bens. Ich war es.«

»Liz.« Seufzend ließ Ben den Kopf hängen.

Ich spürte, wie an meinem Arm gezogen wurde. Ich wandte mich zu meiner Schwester um.

»Erklär mir das.«

1

Vier Monate zuvor

Brave Mädchen verlieben sich nicht in Rockstars. Punktum.

»Mäuschen. MÄUS-CHEN!«

»Oh Gott.« Meine Schwester, besagtes Mäuschen, kicherte.

Mir stand einfach nur der Mund offen – ein Gesichtsausdruck, mit dem ich eigentlich schon den ganzen Tag herumlief.

Genauer gesagt, seitdem ich am Morgen Annes Wohnung betreten hatte. Weil ich auf dem Uni-Campus wohnte, hatten wir es uns seit unserem Umzug nach Portland vor einigen Jahren zur Gewohnheit gemacht, immer sonntagmorgens zusammen zu brunchen. Das war unser Schwesternritual. Doch heute Morgen hatte meine Schwester noch nicht parat gestanden, um Eier mit Speck zu servieren. Stattdessen hatte sie im Tiefschlaf auf einem mir unbekannten tätowierten Kerl auf der Couch gelegen. Zum Glück waren die beiden wenigstens größtenteils bekleidet gewesen.

Aber, wow, was für eine Überraschung. Ich hatte nicht einmal gewusst, dass Anne mit Männern ausging, sondern war davon ausgegangen, dass sich ihr Sozialleben auf die wenigen Uni-Partys beschränkte, zu denen ich sie gelegentlich mitschleppte.

»Los doch, Weib«, sagte Annes umwerfender brandneuer Freund. »Wir dürfen nicht zu spät zur Probe kommen, sonst kriegt Davie wieder Zustände. Du ahnst ja nicht, was für Dramaqueens Gitarristen sind. Ich schwöre, erst letzte Woche hatte er fast einen Nervenzusammenbruch, und das nur, weil ihm eine Saite gerissen ist. Hat angefangen, herumzubrüllen und andere mit Sachen zu bewerfen. So war es wirklich.«

»Nein, so war es ganz bestimmt nicht«, sagte Anne tadelnd. »David ist ein sehr netter Kerl. Hör auf, Lizzy Angst zu machen.«

»Oh Gott, neiiin.« Mal riss die Augen auf und blinzelte dazu auch noch kokett. »Glaubst du wirklich, ich würde Lizzy belügen? Meine süße, kleine zukünftige Schwägerin?«

Anne schüttelte nur den Kopf. »Gehen wir jetzt rein, oder was?«

»Ich kann nicht fassen, dass du so an mir zweifelst, Mäuschen.«

Wir folgten dem manischen blonden Drummer in das alte Gebäude beim Fluss. Einen geeigneteren Ort, an dem eine laute Rockband proben konnte, gab es wohl kaum. In der Nachbarschaft gab es lediglich einige Firmengebäude, in denen sich am Wochenende jedoch niemand aufhielt. Drinnen war es zwar nicht gerade warm, aber immerhin waren wir vor dem schneidend kalten Oktoberwind geschützt. Ich schob die Hände tief in die Taschen meines grauen Wollmantels und merkte, wie ich jetzt, da wir die anderen gleich treffen würden, nervös wurde. Mein bisher einziger Kontakt zur Welt der Reichen und Berühmten beschränkte sich auf die heutige Begegnung mit Mal. Wenn der Rest der Band genauso drauf wäre wie er, würde ich wahrscheinlich keinen Ton herausbekommen.

»Als ob irgendjemand jemals an mir zweifeln würde. Das tat weh«, klagte er. »Entschuldige dich.«

»Tut mir leid.«

Mal drückte ihr einen Schmatz auf die Wange. »Ich verzeihe dir. Bis später!«

Damit spazierte er gutgelaunt davon, dehnte dabei die Finger und drehte die Handgelenke, während er auf die Bühne zusteuerte, die im vorderen Bereich aufgebaut war. Die Bühne selbst und auch der Bereich davor waren mit Instrumenten, Verstärkern und anderem Equipment vollgestellt. Dazwischen liefen Roadies und Tontechniker geschäftig hin und her.

Einfach faszinierend. Die Halle, Mal, mein ganzer verrückter Morgen. Mal und Anne wirkten so harmonisch zusammen. Vielleicht hatten Anne und ich die ganze Idee von romantischer Liebe doch ein wenig vorschnell als Schwachsinn abgetan. Gut, bei unseren Eltern hatte es nicht funktioniert. Ihre Beziehung war wirklich das beste Beispiel dafür gewesen, wie eine Ehe nicht laufen sollte. Aber Mal und Anne würden vielleicht beweisen, dass es doch klappen konnte.

Faszinierend.

»Übrigens, das Verhalten, das er an den Tag legt, grenzt ans Pathologische«, bemerkte ich. »Er ist total manisch.«

»Ja. Er ist toll, nicht?«, meinte sie grinsend.

Ich nickte nur, denn wenn er sie so sehr zum Lächeln brachte, dann musste er einfach toll sein. Das hoffnungsvolle Leuchten in ihren Augen und ihr glückseliges Strahlen, das war einfach wundervoll.

Und ihr Auserwählter? Kein Geringerer als Malcolm Ericson, der Schlagzeuger der weltbekannten Rockband Stage Dive, war mit meiner Schwester zusammengezogen. Meiner ruhigen, besonnenen Nicht-über-die-Linie-malen-Schwester. Zwar hielt sich Anne mit Details zurück, doch das änderte nichts an den Fakten. Ihr neuer Freund machte mich vollkommen sprachlos. Vielleicht hatte mir ja jemand etwas in meinen Kaffee getan, den ich auf dem Campus getrunken hatte. Das würde einiges erklären.

»Unfassbar, dass du ihm verraten hast, dass ich als Teenager für ihn geschwärmt habe.« Anne stieß mich unsanft in die Seite.

Ich gab ein schmerzerfülltes Keuchen von mir.

»Vielen Dank dafür«, sagte sie.

»Gern geschehen. Dafür sind Schwestern doch da, nicht wahr?«

Wir gingen zu einem kleinen Grüppchen Frauen hinüber, die sich auf einigen Equipment-Kisten im hinteren Bereich der Halle niedergelassen hatten. Der Band beim Proben zusehen zu dürfen war klasse. Anne war wirklich ein Riesenfan der Band gewesen, hatte ihr ganzes Zimmer mit Postern vollgehängt. Hauptsächlich mit Postern von Mal, was die neuesten Entwicklungen nur noch unglaublicher machte. Aber wenn jemand es verdiente, etwas richtig Irres und Tolles zu erleben, dann meine Schwester. Sie hatte so unsagbar viel aufgegeben, um uns ein gutes Leben zu ermöglichen.

Als wir uns der Gruppe näherten, lächelte uns die blonde Frau zur Begrüßung zu. Die kurvige Brünette dagegen spielte weiter mit ihrem Handy.

»Hallo ihr lieben Stage-Dive-Groupies. Wie geht es euch an diesem schönen Sonntagmorgen?«, fragte die Blonde.

»Gut, gut«, antwortete Anne. »Und wie fühlen Sie sich, Mrs Ferris?«

»Danke der Nachfrage. Ich fühle mich sehr, sehr verheiratet. Wie läuft es zwischen dir und Mal?«

»Ach gut. Alles bestens.« Anne setzte sich zu den anderen auf eine der Kisten. »Das ist meine Schwester Lizzy. Sie besucht die PSU. Lizzy, das hier sind Ev, Davids Frau, und Lena, Jimmys …«

»Jimmys Assistentin. Hi.« Lena lächelte zurückhaltend und nickte mit dem Kinn.

»Hi.« Ich winkte.

»Freut mich, dich kennenzulernen«, sagte Ev. »Anne, ganz kurz, bevor sie gleich anfangen zu spielen: Erzähl mir die Geschichte von dir und Malcolm. Ich weiß immer noch nicht, wie ihr eigentlich genau zusammengekommen seid. Lauren hat etwas davon erwähnt, dass er regelrecht in deine Wohnung eingefallen ist.«

Vorhin hatte ich in der Wohnung eine merkwürdige Auseinandersetzung zwischen Anne und Mal mitbekommen, in der es um eine »Übereinkunft« zwischen den beiden gegangen war. Als ich sie danach gefragt hatte, hatte sie mich jedoch quasi abserviert, auf ihre ganz eigene, nette Art natürlich. Ich musste mich also auf ihr Wort verlassen, dass alles in Ordnung war, und versuchen, mir nicht allzu viele Sorgen zu machen. Doch trotzdem interessierten mich die Frage und Annes Reaktion darauf brennend. Unauffällig rutschte ich ein bisschen näher an Anne heran.

»Ach, nun ja, wir haben uns an jenem Abend bei eurer Party kennengelernt, und seitdem sind wir eigentlich zusammen.«

»Das war’s?«, fragte Ev.

»Ja, viel mehr gibt es eigentlich nicht zu berichten.« Annes Lächeln wirkte ein wenig verlegen. »Soll das ein Verhör werden, Ev?«

»Oh ja, das hier ist ein Verhör. Bitte, gib mir ein paar Informationen.«

»Er ist wirklich ein toller Kerl. Und ja, er ist gewissermaßen mit mir zusammengezogen, ohne dass ich es wusste. Aber es ist schön, ihn bei mir zu haben. Weißt du, er ist einfach wundervoll.«

Aha, sie bekamen aus ihr also auch nicht mehr heraus als ich. Nicht gerade überraschend. Anne war eben ein eher schweigsamer, verschlossener Mensch.

Die Frauen redeten derweil weiter.

Auf der Bühne hielten sich nun nur noch die eigentlichen Bandmitglieder auf, während sich die Crew an die Seiten zurückgezogen hatte und sich mit der Technik beschäftigte. Die Jungs standen alle um Mal und sein Schlagzug herum und unterhielten sich angeregt. Das war also die Band. Jeans und T-Shirt waren offenbar das Standard-Outfit, dazu coole strubbelige Rockerfrisuren und viele Tattoos. Einer der Musiker war gut einen halben Kopf größer als der Rest der Truppe, obwohl auch die anderen Jungs nicht gerade klein waren. Aber dieser Kerl war wirklich ein Riese. Es mag sich verrückt anhören, aber die Art, wie er dastand, die Solidität, die er ausstrahlte, das hatte etwas. Er wirkte stärker und beeindruckender als ein Berg im Gebirge. Er hatte die Füße, die in klobigen Stiefeln steckten, ein paar Zentimeter auseinander genommen und eine Hand um den Hals seiner Bassgitarre geschlungen, als wäre sie ein Knüppel, den er gleich einem vorwitzigen Bären über den Kopf ziehen wollte. Beim Anblick seiner breiten, starken Schultern und seiner tätowierten muskulösen Arme juckte es mich geradezu in den Fingern, sie einmal anzufassen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass mein Herz einen Schlag aussetzte. Wahrscheinlich nicht gerade gesund. Seine Gegenwart löste in meinem ganzen Körper ein merkwürdiges, erregendes Kribbeln aus. Noch nie im Leben hatte ich so schräg auf den bloßen Anblick eines Mannes reagiert.

Ich konnte die Augen nicht von ihm abwenden.

Schließlich endete die Bandunterredung, und der große Kerl trat einige Schritte zurück. Einer von ihnen zählte ein, und dann bumm! Die ersten tiefen, dröhnenden Klänge seines Basses trafen mich bis ins Mark. Kein Zentimeter meines Körpers blieb verschont. Die Noten, die er spielte, wirkten wie ein Zauber, packten mich, überwältigten mich. Urplötzlich war mein Glaube an die Liebe oder pure Lust, oder was auch immer von mir Besitz ergriffen hatte, wieder da. Dieses Gefühl von Verbundenheit mit ihm, das war so real. Ich hatte es noch nicht oft erlebt, dass ich mir etwas ganz sicher gewesen war. Doch er, wir, was auch immer das hier war, das musste sein. Komme, was da wolle.

Endlich drehte er sich in meine Richtung, den Blick fest auf sein Instrument gerichtet. Ein Teil seines Gesichts wurde von einem kurzen Bart verborgen. Ob er sich wohl überreden lassen würde, ihn sich abzurasieren? Seine Banduniform bestand aus einem verwaschenen roten T-Shirt und einer dunkelblauen Jeans. Während er spielte, wiegte er sich auf den Fersen vor und zurück, nickte hin und wieder grinsend dem Sänger, dem Gitarristen oder jemand anderem zu.

Sicherlich war jedes einzelne Bandmitglied ein göttlich genialer Rocker und hochbegabter Musiker. Doch keiner von den anderen war wichtig. Allein er zählte.

Selbstverständlich wusste ich, wer er war. Ben Nicholson, der Bassist von Stage Dive. Doch in all den Musikvideos, die ich gesehen hatte, oder auf den unzähligen Fotos, die ich von Annes umfangreicher Postersammlung her kannte, hatte er nie derart anziehend auf mich gewirkt wie in diesem Moment. Hier zu sein, ihn in Fleisch und Blut zu sehen, das war etwas vollkommen anderes. Mir wurde ganz heiß, und mein Hirn schien plötzlich wie leergefegt. Mein Körper allerdings schien auf Alarmstufe Rot geschaltet zu haben, denn jede noch so kleine Bewegung des Bassisten löste intensivste Reaktionen aus.

Dieser Mann war die pure Magie. Er ließ mich etwas empfinden.

Vielleicht waren ja Liebe, Ehe oder eine feste Bindung doch nicht nur archaische soziale Konstrukte, die ausschließlich dazu dienten, unserem Nachwuchs die bestmöglichen Überlebenschancen zu gewährleisten. Vielleicht steckte ja viel mehr dahinter. Keine Ahnung. Doch was immer ich da gerade empfand: Ich wollte diesen Mann mehr als jemals etwas zuvor in meinem Leben.

Immer weiter und weiter ging die Musik, und ich stand einfach nur da wie hypnotisiert und starrte ihn an.

Einige Stunden später hörten sie schließlich auf zu spielen. Die Roadies kamen auf die Bühne geströmt, nahmen den Jungs die Instrumente ab, klopften ihnen anerkennend auf den Rücken und begannen, sich mit ihnen zu unterhalten. Es war faszinierend, mit anzusehen, wie alle oben auf der Bühne ihre Jobs perfekt beherrschten. Bald darauf kamen die Männer zu uns. Schweiß lief ihnen aus den Haaren übers Gesicht. Sie sahen zwar alle vier ziemlich fertig aus, lächelten aber trotzdem zufrieden. Meine Frauenfantasie auf zwei Beinen hatte einen Energydrink an die Lippen gesetzt und leerte die Büchse in einem Zug. Je näher er mir kam und je mehr ich von ihm sah, desto mehr lechzte mein Körper nach ihm. Die Art, wie sein T-Shirt an ihm klebte, dunkel verfärbt von Schweiß, verschlug mir den Atem. Der salzige Schweißgeruch, den sein Körper verströmte, ließ mich in höheren Sphären schweben. Ich hätte wirklich sehr gern gewusst, ob er auch noch andere schöne schweißtreibende Hobbys hatte.

Oh Mann, ja, da wäre ich sofort dabei gewesen.

Jetzt, da er mir so nah war, konnte ich erkennen, dass sich neben seinen dunklen Augen erste Falten abzuzeichnen begannen. Dann war er also etwas älter als ich. Aber bestimmt nicht älter als dreißig oder so, und was bedeuteten schon zehn Jahre, wenn man seelenverwandt war? Und ja, mir war durchaus bewusst, dass ich ein klein wenig überreagierte. Aber ich konnte nichts dagegen tun. Die Gefühle, die er in mir weckte, waren so stark, dass ich sie nicht unterdrücken konnte.

Die anderen unterhielten sich, doch das Gespräch rauschte an mir vorbei. Ich sah nur ihn. Der Rest der Welt hätte von mir aus verschwinden können. Mir reichte es, einfach nur dazustehen und Ben Nicholson anzustarren. Stundenlang. Wochenlang. Tagelang.

Er fuhr sich mit einer seiner großen Hände durch sein kurzes Haar, und, ich schwöre es, jede erogene Zone meines Körpers winselte vor Dankbarkeit für diesen himmlischen Anblick. Ich war vollkommen außer Kontrolle. Wenn er sich auch noch über den Bart gestrichen hätte, wäre ich wahrscheinlich postwendend in Ohnmacht gefallen.

»Ich verhungere«, sagte er mit tiefer Stimme, die absolut herrlich klang. »Sollen wir essen gehen?«

»JA.«

Er wandte sich um und registrierte mich nun zum ersten Mal, nahm mich mit seinen dunklen Augen ins Visier. Oh Gott, seinen Blick auf mir zu spüren war wie eine Erleuchtung. Wie Sternenglanz und Mondschein und all der andere fantastische, alberne Romantikkram, über den ich mich dank des schlechten Vorbilds meiner Eltern in den vergangenen sieben Jahren immer nur lustig gemacht hatte. Doch die schiere Existenz dieses Mannes gab mir das Vertrauen in all das plötzlich zurück – er gab mir Hoffnung, Liebe und so vieles mehr. Durch ihn hatte ich meinen Glauben wiedergefunden.

Dann musterte er mich gemächlich von oben bis unten. Ich stand ganz still, grinste vor mich hin und ließ mich bereitwillig von ihm begutachten. Das war nur gerecht, denn schließlich hatte auch ich ihn stundenlang angestiert. Zwar konnte ich mit meinem Äußeren kein Supermodel arbeitslos machen (mittelgroß, nicht besonders viel Holz vor der Hütte, dafür ein üppiges Heck – genau wie bei meiner Schwester), aber dafür würde er wohl kaum ein anderes Mädchen finden, das sich so für ihn begeisterte wie ich. Ich mochte ihm nur bis zur Schulter reichen, aber verflixt noch mal, ich konnte trotzdem durchaus dafür sorgen, dass er es nicht bereuen würde, für mich in die Knie zu gehen.

Ganz langsam erschien ein Lächeln auf seinen Lippen. Mein Herz vollführte einen Freudensprung. Dieser Mann schaffte es, dass ich mich wie ein Teenager fühlte, der zum ersten Mal sein Idol trifft. Ich war völlig hin und weg. Ja und Amen zu allem, was er tun wollte.

»Na, dann mal los.«

»Musst du nicht zurück zur Uni?«, fragte jemand. Anne. Ach so. Wie auch immer.