Romana Extra Band 107 - Lucy Monroe - E-Book

Romana Extra Band 107 E-Book

Lucy Monroe

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Beschreibung

EIN SINNLICHER VERDACHT von TILDA MARKS Die Münzsammlung im historischen Kaiserpalast von Split aus nächster Nähe zu sehen, ist ein Traum! Dass Mia dabei den attraktiven Mäzen Leonardo Horvat an ihrer Seite hat, macht das Erlebnis umso prickelnder. Bis sie erfährt, dass Leonardo ihr eine Falle gestellt hat … KOMM ZURÜCK, MEU AMOR von CHARLOTTE HAWKES Der englische Chirurg Dr. Jacob Cooper berührt etwas in Flavia, das sie längst verloren geglaubt hat. Tagsüber zeigt die Naturforscherin ihm den Dschungel, in den schwülen Nächten geben sie sich einander hin. Flavia hofft auf mehr, da reist Jacob überstürzt aus Brasilien ab … DIE SEHNSUCHT DES GRIECHISCHEN MILLIONÄRS von Lucy Monroe Zwei Jahre hat er Chloe nicht geküsst - viel zu schmerzlich ist die Sehnsucht nach ihr! Ein Liebesdeal mit Chloe soll Ariston Spiridakou die heiße Lust zurückbringen. Aber etwas fehlt ihm zu seinem Glück … DIE ERBIN UND DER REBELL von ANDREA BOLTER Als sie Kento nach sieben Jahren zum ersten Mal wiedersieht, lodert das Feuer der Leidenschaft heiß in Erin. Doch in den Augen ihrer Eltern ist Kento trotz seiner Millionen immer noch nicht gut genug. Wird ihre Liebe die Zerreißprobe dieses Mal bestehen?

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Tilda Marks, Charlotte Hawkes, Lucy Monroe, Andrea Bolter

ROMANA EXTRA BAND 107

IMPRESSUM

ROMANA EXTRA erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: [email protected]ora.de
Geschäftsführung:Katja Berger, Jürgen WelteLeitung:Miran Bilic (v. i. S. d. P.)Produktion:Christina SeegerGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe ROMANA EXTRA, Band 107 05/2021

© 2021 by Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg für Tilda Marks: „Ein sinnlicher Verdacht“

© 2020 by Charlotte Hawkes Originaltitel: „Falling for the Single Dad Surgeon“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London in der Reihe: MEDICAL ROMANCE Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Julia Riegel

© 2021 by Andrea Bolter Originaltitel: „Wedding Date with the Billionaire“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London in der Reihe: ROMANCE Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Susann Rauhaus

© 2012 by Lucy Monroe Originaltitel: „Not Just the Greek’s Wife“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London in der Reihe: MODERN ROMANCE Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: SAS Deutsche Erstausgabe 2013 by Harlequin Enterprises GmbH, Hamburg,in der Reihe JULIA EXTRA, Band 370 Erste Neuauflage in der Reihe ROMANA EXTRA, Band 107 05/2021

Abbildungen: AllaSerebrina / Depositphotos, tichr / Getty Images, alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 05/2021 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783751500234

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, JULIA, HISTORICAL, TIFFANY

Alles über Roman-Neuheiten, Spar-Aktionen, Lesetipps und Gutscheine erhalten Sie in unserem CORA-Shop www.cora.de

TILDA MARKS

Ein sinnlicher Verdacht

Kann die bezaubernde Mia wirklich die gerissene Kunstdiebin sein, nach der er schon so lange sucht? Leonardo hat Zweifel, doch die Beweise sprechen gegen Mia. Auch wenn sein Gefühl ihm etwas anderes sagt …

CHARLOTTE HAWKES

Komm zurück, meu amor

Ein Vorfall im Regenwald macht Jacob Cooper klar, dass er die Romanze mit der forschen Flavia nicht vertiefen darf. Eilig reist er nach England ab. Eines lässt er jedoch in Brasilien zurück – sein Herz.

LUCY MONROE

Die Sehnsucht des griechischen Millionärs

Chloe konnte nie verwinden, dass Ariston sie nur aus Geschäftsgründen geheiratet hat. Nun, lange nach ihrer Trennung, braucht sie seine Hilfe – und soll dafür seinen sehnlichsten Wunsch erfüllen …

ANDREA BOLTER

Die Erbin und der Rebell

In der Geschäftswelt ist er der Rebell – doch ein Blick in die Augen seiner großen Liebe, und Kento Yamamoto wird ganz zahm. Kann er Erin mit einem romantischen Wochenende endlich für sich gewinnen?

Ein sinnlicher Verdacht

1. KAPITEL

Mia Thompson hatte es die Sprache verschlagen. Sie stand steif und angespannt vor dem Ehrfurcht gebietenden, mit kunstvollen Intarsien versehenen Schreibtisch ihres Chefs und starrte ihn über die ausladende Arbeitsfläche hinweg an.

„Noch Fragen?“ George Hastings hob die buschigen grau melierten Augenbrauen, was sein eulenhaftes Aussehen unterstrich.

Mia schüttelte den Kopf.

Der Hauch eines Lächelns blitzte zwischen Hastings’ dichten und krausen Barthaaren hervor. „Gut, dann wäre ja alles geklärt. Ich verlasse mich auf Sie.“

Mia nickte und verabschiedete sich. Während sie die holzgetäfelte Bürotür hinter sich schloss, warf sie durch den schmaler werdenden Spalt einen letzten ungläubigen Blick auf die kauzige Gestalt hinter dem antiken Schreibtisch. Doch George Hastings schenkte ihr keine Beachtung mehr. Für ihn war alles gesagt, und er vertiefte sich in den Ausstellungskatalog für das nächste Jahr.

Mia dagegen konnte noch immer nicht fassen, was gerade passiert war. Sie wandte sich um und holte tief Luft. Ihre Mundwinkel zuckten. Ihr ganzer Körper kribbelte vor Aufregung.

Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich.

Noch war nicht der richtige Zeitpunkt, um vor ihren Kolleginnen und Kollegen in Jubel auszubrechen. Die würden auch so schon bald genug von ihrem Sonderauftrag erfahren – und ganz bestimmt alles andere als begeistert sein.

Seit anderthalb Jahren absolvierte Mia ein Volontariat in der Abteilung Griechische und Römische Antike am Britischen Museum in London. Damit stand sie in der Rangordnung nur eine Stufe über den Praktikanten. Dass Hastings ausgerechnet sie ausgewählt hatte, würde unweigerlich bissige Kommentare und Sticheleien nach sich ziehen. Die Stimmung unter den Kollegen war ohnehin angespannt. Kunsthistoriker waren auf dem Arbeitsmarkt kaum gefragt, der Personaletat knapp. Aber gerade eben hatte Mia das große Los gezogen.

Nur mit Mühe verkniff sie sich ein triumphierendes Grinsen, während sie das Großraumbüro durchquerte und an ihren Arbeitsplatz zurückkehrte. Sah jemand von seinem Bildschirm auf, nickte sie höflich und ging weiter. Zum Glück schien sich niemand darüber zu wundern, dass Hastings sie hatte sprechen wollen, und so setzte sie sich wie gewohnt an ihren Schreibtisch und öffnete die Datenbank mit den Ausstellungsstücken.

Ihre Arbeitstage waren in einen festen Rhythmus unterteilt. Am Vormittag saß sie drei Stunden vor dem Computer, die Nachmittage verbrachte sie allein in den Kellerräumen des Museums, wo über zehntausend Exponate aus der Römischen Antike lagerten. Weniger als ein Prozent davon fand einen Platz in den Besucherhallen des Museums. Der Rest wartete darauf, von Mia entstaubt und in das digitale Archiv aufgenommen zu werden.

In den ersten Wochen hatte ihr der Job sogar richtig gut gefallen. All die antiken Münzen, Amphoren, Mosaiken und Tafelbilder, die sie während ihres Studiums nur in Büchern bestaunen konnte, durfte sie nun anfassen, persönlich begutachten und anschließend katalogisieren. Doch ihre anfängliche Begeisterung war nach und nach in sich zusammengesackt wie ein auskühlender Heißluftballon. Das lag gar nicht einmal daran, dass das Magazin des Britischen Museums weit weniger spektakulär war, als sie angenommen hatte, und hauptsächlich mit Gegenständen des alltäglichen Gebrauchs bestückt war. Im Gegenteil. Mia liebte es, die Vergangenheit in ihrer Fantasie zum Leben zu erwecken und sich den Alltag der Menschen vorzustellen, die diese Dinge tagtäglich benutzt hatten. Was sie dagegen beinahe um den Verstand brachte, war die Eintönigkeit ihrer Arbeit. Zurzeit erfasste sie eine Serie von Schöpflöffeln aus Bronze. Und es gab davon Hunderte. Mia musste jeden Einzelnen untersuchen, den Zustand mit handschriftlich verfassten, zum Teil noch aus dem achtzehnten Jahrhundert stammenden Erstbeschreibungen vergleichen, jegliche Abweichungen notieren und den Text zusammen mit einem Foto in der neuen Datenbank ablegen.

Vielleicht ist damit bald Schluss, dachte Mia und lächelte dabei still vor sich hin. Dann suchte sie in ihren Notizen die Stelle heraus, an der sie vorhin ihre Arbeit unterbrochen hatte. Aber sie war immer noch so aufgewühlt von dem Gespräch mit Hastings, dass sie sich ständig vertippte. Ihre Gedanken schweiften ab, und auch ihr Blick wanderte beinahe im Sekundentakt zum unteren Bildschirmrand, wo sich die Zeitanzeige befand.

Elf Uhr.

In einer Stunde würde sie ihre Freundin Emily zum Lunch treffen. Mia konnte es kaum erwarten, ihr von den Neuigkeiten zu berichten!

Noch fünf Schöpfkellen, ermahnte sie sich, dann kannst du gehen.

Nach der Vierten schnappte sich Mia ihren Regenmantel und machte sich auf den Weg. Der Bürotrakt ihrer Abteilung befand sich im zweiten Stock eines Seitenflügels des Museums, und normalerweise nahm sie den Nebenausgang an der Montague Street. Doch heute drehte sie vorher noch eine Runde durch die Ausstellungshallen und inspizierte den kleinen Bereich, der vielleicht schon bald ihrer Verantwortung unterliegen würde. In ihrem Kopf entstanden sofort ein paar Ideen, wie man den Raum thematisch ein wenig spannender gestalten konnte. Aber sie durfte sich nicht in Träumereien verlieren. Noch nicht.

Mia eilte durch den Besucherausgang nach draußen. Seit Tagen hingen dunkle Wolken über London und durchtränkten die Stadt mit ihrem nasskalten Dunst. Sie zog die Kapuze über und vergrub die Hände in den Taschen. Aber selbst das schlechte Wetter konnte ihre Stimmung nicht trüben. Und jetzt, da sie nicht mehr den Blicken ihrer Kollegen ausgesetzt war, musste sie auch ihre Gefühle nicht mehr in Zaum halten. Bis über beide Ohren grinsend rannte sie fröhlich durch den sanften Sprühregen und erregte damit unweigerlich das Aufsehen der anderen Passanten, die verdrossen ihrer Wege gingen. Sogar die mürrische Betreiberin des Souvenirladens an der Ecke zur Bloomsbury Street sah ihr verwundert hinterher.

Einen Häuserblock weiter erreichte sie das „Teas & Tattle“, eine kleine Teestube mit bunten Holzstühlen und runden, wackligen Tischchen. Emily wartete bereits an ihrem Stammplatz. Mia winkte ihr durch die Fensterfront überschwänglich zu, und als sich ihre Blicke kreuzten, wurde ihr klar, dass sie mit dieser Geste einen Teil der Überraschung bereits verraten hatte. Zumindest schien ihre Freundin zu ahnen, dass etwas Außergewöhnliches passiert war.

„Du hast doch nicht etwa im Lotto gewonnen?“, rief Emily ihr zu, als sie das Lokal betrat.

Mia lachte. „Besser. Viel besser.“ Sie legte ihren Mantel ab und setzte sich.

„Ein schwerreicher Lord hat sich in dich verliebt und jetzt ziehst du zu ihm auf sein Schloss, wo ihr glücklich bis ans Ende eurer Tage lebt?“

„Nah dran“, sagte Mia und strich sich schmunzelnd eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Nur, dass das Schloss ein Palast ist, und der Lord ein römischer Kaiser.“

Emily runzelte die Stirn. „Stehst du jetzt auf Rollenspiele? Wo hast du die Idee nun wieder her?“

„Du hast mich doch immer ermuntert, mal was Neues auszuprobieren, aus mir rauszugehen“, sagte Mia und lockte ihre Freundin damit weiter auf eine falsche Fährte.

Emily schien den Köder zu schlucken. „Lass dich ja nicht mit irgendeinem Spinner aus dem Internet ein, der sich für Cäsar hält oder so was“, warnte sie und schüttelte dann verzweifelt den Kopf. „Du verbringst zu viel Zeit in diesem gruseligen Keller. Immer allein mit dem Hausrat von Leuten, die vor zweitausend Jahren gestorben sind, das kann auf Dauer nicht gesund sein.“

„Keine Angst“, sagte Mia und grinste breit. „Damit ist vielleicht bald Schluss.“

Emilys Augen blitzten neugierig auf. „Der Kaiser ist also echt?“

„Oh ja. Genau wie sein Palast.“

Die Bedienung kam an den Tisch und Emily gab ihre Bestellung auf: ein klassisches Teegedeck für zwei. Schwarzer Tee mit einer Auswahl an Sandwiches, Scones und kleinen Kuchenstückchen.

„Heißt das etwa, du wirst befördert?“, fragte Emily. „Das ist ja unglaublich!“

Mia strahlte. „Ich wäre fast aus allen Wolken gefallen, als der alte Hastings mir das Angebot gemacht hat. Aber es gibt einen Haken.“

„Erzähl.“

„Ich fliege übermorgen nach Split. Dort wird eine Ausstellung mit antiken Münzen eröffnet. Meine Aufgabe ist es, den Veranstalter davon zu überzeugen, dass er seine Sammlung als Leihgabe an das Britische Museum übergibt. Wenn ich das schaffe, werden all meine Träume wahr und bei meiner Rückkehr wartet eine feste Stelle mitsamt einem eigenen Forschungsgebiet auf mich.“

„Split?“, fragte Emily. „Das liegt doch in Kroatien.“

„Ja, aber Diokletian, ein römischer Kaiser aus dem dritten Jahrhundert nach Christus, hat sich dort einen Palast als Alterswohnsitz bauen lassen.“

„Wie bescheiden.“

„Er hat eben das Meer und die Sonne geliebt.“ Mia zwinkerte ihrer Freundin zu. „Genau wie ich.“

Emily warf wehmütig einen Blick auf das nasskalte Wetter draußen. „Am liebsten würde ich mitkommen.“

„Hey, das wird kein Urlaub“, sagte Mia. „Es geht immerhin um meine Zukunft!“

„Was sind das für Münzen, die du für Hastings unbedingt nach London holen sollst?“

„So genau weiß ich das noch nicht. Das Archäologenteam einer privaten Stiftung hat sie erst kürzlich bei einer Grabungsstätte in Split gefunden. Angeblich eine bisher unbekannte Sonderprägung zu Ehren von Diokletian. Der Fund gilt unter Fachleuten als Sensation. Am Donnerstag werden sie im Museumspalast das erste Mal der Öffentlichkeit präsentiert.“

Emily grinste. „Und du bist mit dabei.“

„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie aufgeregt ich bin!“ Mias Augen leuchteten begeistert. „Kunsthistoriker und Archäologen aus der ganzen Welt reisen an.“

„Das bedeutet aber auch jede Menge Konkurrenz“, gab Emily zu bedenken. „Du wirst bestimmt nicht die Einzige sein, die auf eine Leihgabe scharf ist.“

Darüber hatte sich Mia auch schon Gedanken gemacht. „Stimmt“, sagte sie. „Aber das Britische Museum genießt einen hervorragenden Ruf und zieht Besucher aus der ganzen Welt an. Das sollte mir einen Vorteil verschaffen.“

Die Bedienung brachte den Tee und stellte eine dreistöckige Etagere mit dem Gebäck auf den Tisch. Emily gab Zucker und Milch in ihren Schwarztee, rührte kurz um und lehnte sich dann zurück. „Also gibt es im Grunde gar keinen Haken. Du fliegst da hin, machst alles klar und deine Zeiten als Kellerassel sind ein für alle Mal vorbei.“ Sie prostete Mia mit der Teetasse zu. „Wir hätten Champagner bestellen sollen.“

„Damit warten wir lieber, bis ich zurück bin“, sagte Mia zögerlich und nahm sich eines der Gurkensandwiches. „Eine Sache gibt mir nämlich noch zu denken.“

„Und die wäre?“

„Der Diokletianpalast ist zwar eine öffentliche Einrichtung, mit der das Britische Museum schon öfter kooperiert hat. Aber die Münzen befinden sich offiziell im Besitz dieser privaten Stiftung.“

Emily schnitt ein Scone in zwei Hälften, bestrich beide Hälften mit Clotted Cream, einem dicken süßlichen Rahm, und gab anschließend einen Klecks Erdbeermarmelade darauf. „Ist das ein Problem?“

„Könnte sein“, sagte Mia. „Hastings hat gemeint, ich soll unbedingt nur mit dem Inhaber der Stiftung persönlich verhandeln. Und das ist eher ungewöhnlich.“

„Vielleicht kannst du das ja zu deinem Vorteil nutzen. Diese Sammlertypen sind doch in der Regel alt und eigenbrötlerisch. Du dagegen bist jung, intelligent und eine leidenschaftliche Kunsthistorikerin. Lass einfach deinen Charme spielen. Tausch die Hornbrille gegen Kontaktlinsen, klimpere zur rechten Zeit ein paarmal mit den Wimpern, und schon hast du den Kerl verzaubert.“

Mia seufzte verdrießlich. „Du weißt ganz genau, dass ich das bei meiner Vorgeschichte auf keinen Fall tun sollte.“

„Fängst du jetzt wieder mit diesem Fluch an?“ Emily verdrehte die Augen und schob sich den letzten Happen ihres Scones in den Mund.

„Vielleicht ist es auch genetisch bedingt. Meiner Mutter ist es genauso ergangen. Wann immer sie sich mit einem Mann eingelassen hat, hat sie den Kürzeren gezogen. Und über meinen Vater verliert sie kein einziges Wort. Ich weiß bis heute nicht, wer er ist.“

Emily wischte sich die Finger mit der Serviette ab und griff nach Mias Hand. „Du hattest einfach nur Pech. Glaub mir, du findest schon noch den Richtigen.“

Mia seufzte. Warum drehte sich bei Emily eigentlich immer alles um Männer, Sex oder Liebe? Das musste so ein Karma-Ding sein. Als Ausgleich dafür, dass sie selbst um diese Themen einen weiten Bogen machte – und zwar aus gutem Grund.

„Das habe ich nach Jake und Finley auch gedacht“, sagte Mia bitter. „Und dann kam Colin.“

Doch Emily musste in allem das Positive sehen. „Ohne Colin wärst du jetzt nicht hier in London und wir hätten uns nie kennengelernt.“

„Das stimmt. Aber ohne Colin wäre ich auch nicht um ein Haar von der Uni geflogen und könnte jetzt in Oxford meinen Doktor machen.“ Mia trank einen Schluck Tee und stellte ihre Tasse klirrend zurück auf den Unterteller. „Das ist mehr als Pech. Das ist Schicksal.“

Ihre Worte klangen so scharf, dass Emily leicht zusammenzuckte und sich entschuldigte. „Tut mir leid“, sagte sie. „Ich hätte nicht damit anfangen sollen.“

„Schon gut“, sagte Mia. „Ich weiß ja, dass du es nur gut meinst. Aber ich will das einfach nicht vermasseln, verstehst du? Das ist eine einmalige Chance.“

Emily nickte verständnisvoll. „Wem gehört diese Stiftung denn?“

Mia war erleichtert, dass ihre Freundin das Gespräch zurück auf ihren Auftrag in Split lenkte. Sie wollte nicht ständig daran erinnert werden, dass ihr Leben jedes Mal um eine negative Erfahrung reicher geworden war, wenn sie sich in jemanden verliebt hatte. Man konnte es einen Fluch, Pech oder Schicksal nennen, egal, aber wann immer die Schmetterlinge in ihrem Bauch zu flattern begannen, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis ihr Flügelschlag einen Wirbelsturm auslöste, der Mia ins Unglück stürzte. Und zwar immer tiefer, von Mal zu Mal.

Mia verscheuchte die trübsinnigen Gedanken mit dem Stück Kirschkuchen, das ganz oben auf der Etagere lag. „Einem Unternehmer“, sagte sie und biss in die herrlich süße und fruchtige Schnitte. „Er heißt Leonardo Horvat.“

„Von Horvat Enterprises?“ Emily riss die Augen auf.

„Ja, ich glaube schon. Hastings hat die Firma auch erwähnt. Warum?“

„Du verbringst wirklich zu viel Zeit mit deinen alten Römern.“ Emily schüttelte den Kopf. „Jeder kennt Horvat Enterprises. Das ist eines der größten Handelsunternehmen in Europa mit einem Umsatz in Milliardenhöhe und …“ Sie brach den Satz abrupt ab.

„Was ist?“, fragte Mia.

„Hast du ihn schon im Internet gesucht?“

„Wen?“

„Leonardo Horvat.“

„Nein, natürlich nicht“, sagte Mia und nahm einen weiteren Bissen. „Ich wollte mich zuerst mit dem kunstgeschichtlichen Hintergrund auseinandersetzen.“

Emily holte ihr Smartphone aus der Tasche, tippte darauf herum und reichte es dann über den Tisch.

Mia rückte ihre Brille zurecht, warf einen Blick auf das Display und hätte sich beinahe verschluckt. „Das ist Leonardo Horvat?“

Emily nickte. „Ein Boulevardblatt hat ihn kürzlich zum Sexiest CEO Alive gekürt.“

Mia atmete beinahe erleichtert auf. „Dann hat jemand wie ich wohl kaum eine Chance, ihn zu verzaubern, egal wie heftig ich mit den Wimpern klimpere.“

„Wer weiß“, sagte Emily nur nachdenklich.

Die nächsten achtundvierzig Stunden zogen an Mia vorüber wie im Schnelldurchlauf. Tagsüber arbeitete sie im Museum, abends frischte sie ihr Wissen über die Kaiserzeit des Diokletian auf. Sie las alles, was sie über ihn und seinen Palast an der adriatischen Küste in der kurzen Zeit in Erfahrung bringen konnte, und legte eine Liste mit Argumenten an, warum das Britische Museum der ideale Ort war, um die neu entdeckte Münzsammlung einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Erst als sie am Donnerstag um zehn vor elf in das Flugzeug stieg, fiel die Anspannung von ihr ab. Als hätte jemand auf Pause gedrückt. Auf einmal hatte sie nichts mehr zu tun oder zu lesen. Sie saß einfach nur da und wartete auf den Abflug. Man hatte ihr einen Fensterplatz zugewiesen, und Mia blickte verträumt auf das Rollfeld. Am Himmel hingen graue Wolken, und sie freute sich auf die warme Sonne und das Meer.

Wenige Minuten später rollte die Maschine auf die Startbahn. Die Schubkraft der Turbinen drückte Mia in den Sitz, und als der Flieger die Nase hob und in die Wolken aufstieg, kitzelte es in ihrem Bauch wie bei einer Achterbahnfahrt. Erst als sie die Reiseflughöhe erreichten, glitten sie sanft durch die Luft, und das sonore Brummen der Triebwerke machte Mia schläfrig. Aber das mulmige Gefühl in ihrer Magengegend blieb. Beinahe wie ein schlechtes Gewissen, so wie früher in der Schule, wenn sie sich mal nicht für den Unterricht vorbereitet hatte. Und Mia spürte intuitiv, dass dieser Vergleich mehr als treffend war. Denn bei der Recherche für ihren Auftrag hatte sie eine Sache außer Acht gelassen. Seit ihrem Treffen mit Emily hatte sie es strikt vermieden, sich näher über Leonardo Horvat und seine Stiftung zu informieren.

Hoffentlich war das kein Fehler, dachte sie und schloss die Augen, wie um den Gedanken auszublenden.

Nach etwa zwei Stunden ging die Maschine in den Sinkflug, und der Pilot kündigte die Landung an. Die Umrisse von Dutzenden kleinen und größeren Inseln zeichneten sich immer deutlicher im kristallblauen Meer ab. Einige sahen karg und steinig aus, wie die Oberfläche des Mondes. Andere schienen dicht bewaldet, mit schroff gezackten, felsigen Küstenlinien, die sich wie eine weiße Kontur um die schwimmenden Landmassen legten.

Mia hatte in einem Reiseführer über die vielen Inseln in Kroatien gelesen und wünschte sich für einen winzigen Moment, sie würde einfach nur Urlaub machen. Aber als sie nach der Gepäckausgabe die Ankunftshalle verließ, ahnte sie, dass sie gerade der größten Herausforderung ihres Lebens entgegensteuerte.

Mia hatte nicht damit gerechnet, dass jemand sie abholen kam. Sie folgte den anderen Passagieren Richtung Ausgang und entdeckte plötzlich in der Menge ein Schild mit ihrem Namen darauf. Verwundert hob sie den Blick und blieb dann abrupt stehen.

Das kann nicht sein, dachte sie und starrte den Mann mit dem Begrüßungsschild an.

Aber es gab keinen Zweifel. Vor ihr stand Leonardo Horvat persönlich. Und er sah im echten Leben sogar noch besser aus als auf dem Foto, das Emily ihr gezeigt hatte. Groß und schlank, mit breiten Schultern, die fast ein wenig zu muskulös waren für den eng geschnittenen Leinenanzug, den er trug. Sein dichtes schwarzes Haar war leicht gelockt, sein Teint makellos und von der Mittelmeersonne sanft gebräunt. Seine ozeanblauen Augen schlugen sie sofort in ihren Bann.

„Miss Thompson?“, fragte er und schritt lächelnd auf Mia zu.

Er musste ihren verdutzten Blick richtig gedeutet haben. Mia wollte sich gar nicht vorstellen, was für ein Gesicht sie gerade machte. Sie nickte ihm wortlos zu. Ihre Wangen wurden dabei ganz heiß.

„Willkommen in Split“, sagte Leonardo Horvat und streckte ihr die Hand entgegen.

Seine Stimme klang tief und fest, ohne aufdringlich zu wirken. Mia hörte kaum einen Akzent heraus. Aber vielleicht hatte sie einfach nur nicht richtig aufgepasst. Denn als sich seine Finger mit einem sanften, aber entschlossenen Druck um ihren Handrücken legten und sie dieses ganz spezielle Kribbeln im Bauch spürte, beschleunigte sich ihr Puls, und die warnenden Worte ihrer Mutter schossen ihr plötzlich durch den Kopf.

„Wenn sie reich, sexy und smart sind“, hatte sie immer zu ihr gesagt, „dann halt dich fern von ihnen. Solche Männer bringen Frauen wie uns nur Unglück.“

Doch dazu war es jetzt zu spät. Sie würde auf keinen Fall wieder in den Flieger steigen und zurück nach London fliegen. Das Schicksal forderte Mia heraus. Und sie würde sich der Herausforderung stellen.

2. KAPITEL

Leonardo nahm Mia das Gepäck ab und führte sie zum Wagen. Sein Fahrer Josip, ein drahtiger Kroate in den Sechzigern mit rundem Gesicht und grauem Bürstenschnitt, parkte direkt vor dem Terminal. Als er sie kommen sah, schnippte er augenblicklich die Zigarette weg, eilte ihnen entgegen und verstaute Mias Trolley im Kofferraum der Limousine. Doch so diensteifrig sich Josip auch gab, Leonardo hatte sehr wohl den kurzen Moment des Zögerns bemerkt. Wahrscheinlich konnte er einfach nicht glauben, was sich da vor seinen Augen abspielte. Für den Angestellten der alten Schule schien es ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, dass sein Chef sich höchstpersönlich dazu herabließ, eine bloße Volontärin am Flughafen abzuholen. Bestimmt würde er heute Abend kopfschüttelnd seiner Frau davon erzählen und über den Verfall der guten Sitten klagen.

Doch Leonardo scherte sich nicht um Konventionen. Kein erfolgreicher Geschäftsmann tat das. Wer innovativ sein wollte, durfte nicht in althergebrachten Mustern denken. Man musste seinen Geist von jeglichen Fesseln befreien und wissen, welche Regel es wann zu brechen galt, und vor allem zu welchem Preis. Falls seine Informationen über die junge Kunsthistorikerin aus London richtig waren, konnte der Preis gar nicht hoch genug sein, um einen unverstellten ersten Eindruck von Mia Thompson zu gewinnen.

Leonardo öffnete die Tür für sie und verstieß damit mit Sicherheit ein weiteres Mal gegen die strenge Etikette seines Fahrers.

„Bitte, nehmen Sie den Platz auf der rechten Seite“, bot er zuvorkommend an. Der Fond der Limousine war mit einem Executive Lounge Paket ausgestattet. Der Sitz hinter dem Beifahrer hatte einen erweiterten Fußraum, eine Massagefunktion und eine ausklappbare Tischkonsole mit integrierten Anschlüssen für seinen Laptop. „Von hier aus haben Sie während der Fahrt einen wunderbaren Blick auf die Stadt und das Meer.“

Mia lächelte. „Vielen Dank. Das ist sehr nett von Ihnen.“

Nein, dachte Leonardo und lächelte ihr dabei charmant zu. Das ist Taktik.

Er war schon immer ein leidenschaftlicher Stratege gewesen. Wie beim Schach plante er alles ein paar Züge im Voraus. Brachte die Figuren in Stellung, auch die gegnerischen. Dass er ihr seinen Platz überließ, erfüllte einen ganz bestimmten Zweck. Denn während Mia Thompson die Aussicht genoss, konnte er sich in aller Ruhe ein Bild von ihr machen und ihre Körpersprache deuten. Nur deshalb hatte er sie ja auch persönlich am Flughafen abgeholt.

Leonardo stieg auf der anderen Seite ein und wies Josip an, loszufahren. Auf der Küstenstraße ließ Mia wie erwartet den Blick über die Bucht schweifen. Die einfallende Nachmittagssonne kitzelte dabei den zarten Rotschimmer ihres karamellblonden Haars heraus. Leonardo gefielen die sanften Locken, die in dichten Wellen locker über ihre Schultern fielen. Die Frisur setzte dem ansonsten eher zurückhaltenden Auftreten der jungen Frau einen sinnlich verwegenen Akzent entgegen. Unter der anthrazitfarbenen Stoffhose, der weißen Bluse und dem schlichten Blazer musste sich ein leidenschaftlicher Charakter verbergen. Und das passte so gar nicht zu der Person, mit der er gerechnet hatte. Wenn seine Erkundigungen über Mia Thompson wirklich zutrafen, dann hatte sie ihm das Wichtigste in seinem Leben genommen. Aber jetzt, wo er neben ihr saß, war er sich nicht mehr sicher, ob er der richtigen Spur folgte.

„Ein schöner Ausblick, nicht wahr?“, sagte Leonardo nach ein paar Minuten des Schweigens und musste unweigerlich schmunzeln, als er den doppelten Sinn seiner Worte erkannte. Denn sosehr er sich auch dagegen wehrte, er fand diese Frau äußerst attraktiv. Auch wenn ihre Brille für seinen Geschmack ein wenig überdimensioniert war.

Mia nickte. „Es ist herrlich! Besonders die Farben. So hell und freundlich. Das Meer glitzert türkis wie in der Karibik. Ganz anders als der schwarzblaue Atlantik bei uns zu Hause.“

„Ja, in England scheint alles ein paar Nuancen dunkler zu sein. Selbst der Humor.“

„Das stimmt.“ Mia lachte. Dann strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht und wandte sich ihm zu. „Sie scheinen das Land ja gut zu kennen. Sind Sie oft in England unterwegs?“

„Geschäftlich, ja. Privat leider nur noch selten“, sagte Leonardo, und sein Blick folgte unbewusst der Bewegung ihrer Hand. Vorhin hatte sie einen festen Händedruck gehabt, und er konnte noch immer die Wärme ihrer Berührung spüren. „Aber ich erinnere mich gern zurück an meine Studienjahre an der London School of Economics. Es war eine gute Zeit. Trotz des miserablen Wetters.“

„Man gewöhnt sich daran“, sagte Mia und ihr Blick wanderte wieder nach draußen. „Aber wenn ich die Wahl hätte, würde ich gerne mit dem Klima hier tauschen. Allein schon wegen des Lichts.“

„Sind Sie zum ersten Mal in Kroatien?“, fragte Leonardo und achtete dabei genau auf Mias Reaktion. Lügen war eine Kunst, die nur wenige Menschen bis zur Vollkommenheit beherrschten. Ein kurzer Blick nach oben, eine scheinbar beiläufige Bewegung mit der Hand, ein unsicheres Lächeln – es gab so viele unbewusste Gesten, mit denen man sich verraten konnte. Und Leonardo war für gewöhnlich sehr geschickt darin, diese Zeichen zu entschlüsseln.

„Ja.“ Mias Antwort kam ohne Zögern. Sie schaute ihn an. Ein leichter Glanz schimmerte in ihren grünen Augen. „Und ich freue mich schon darauf, die Stadt und das Land ein wenig zu erkunden. Zum Glück liegt ja zwischen der Vernissage heute Abend und der Fachtagung am Montag ein ganzes Wochenende.“

Leonardo lächelte. Als Kurator der Ausstellung hatte er den Zeitplan nicht zufällig festgelegt, sondern damit natürlich eigene Ziele verfolgt. Aber dass Mia so offen und aufrichtig reagiert hatte, schürte weitere Zweifel. Denn die Lösung des Rätsels, der er so nah zu sein glaubte, rückte damit wieder ein Stück von ihm weg. Trotzdem blieb ihm nichts anderes übrig, als an seinem Plan festzuhalten und den nächsten Zug zu machen.

„In Split gibt es viel zu entdecken. Wenn Sie möchten, zeige ich Ihnen morgen die Stadt“, schlug Leonardo vor. Ihm entging nicht, dass dabei ein Schatten über Mias Gesicht huschte.

„Sie haben doch bestimmt Wichtigeres zu tun. Immerhin steht die Ausstellungseröffnung kurz bevor“, sagte sie und wich seinem Blick aus. „Ich will Ihnen keine Umstände machen.“

Seltsam, dachte Leonardo. Er hatte etwas mehr Begeisterung erwartet. Stattdessen schien die junge Kunsthistorikerin auf Distanz zu gehen. Aber als Geschäftsführer eines Handelsimperiums war Leonardo daran gewöhnt, Gespräche wie ein Dirigent zu orchestrieren, und wenn es nötig war, das Spiel auch auf Umwegen in die gewünschte Richtung zu lenken.

„Wissen Sie, was ich mich während meiner Studienzeit in London immer wieder gefragt habe?“, sagte er und schlug einen leicht ironischen Tonfall an.

Mia stutzte. Aber sie wandte sich ihm erwartungsgemäß zu und sah ihn neugierig an.

Leonardo lächelte. „Warum Engländer nie einfach nur mit Ja oder Nein antworten können“, fuhr er scherzhaft fort. Er wollte ja auf keinen Fall vorwurfsvoll klingen, sondern eher amüsiert, um die Stimmung ein wenig aufzulockern.

„Aus Höflichkeit“, sagte Mia und lachte. „Aber ich muss zugeben, die feine englische Art kann manchmal ganz schön anstrengend sein. Bei all den Zwischentönen entsteht definitiv zu viel Raum für Missverständnisse.“

„Und die wiederum bilden den Nährboden für den speziellen britischen Humor.“

„Wie es scheint, haben Sie uns durchschaut.“

„Nicht ganz“, sagte er und senkte dabei die Stimme. „Oder war das vorhin ein Ja?“

Mia zog die Augenbrauen hoch.

Leonardo sah sie eindringlich an. „Die Stadtführung?“

Eine Sekunde lang zögerte sie. „Wenn es Ihnen wirklich nichts ausmacht, sehr gern.“

„Ein einfaches Ja hätte mir genügt“, sagte Leonardo schmunzelnd und registrierte mit Genugtuung das amüsierte Funkeln in Mias Augen.

Mittlerweile hatten sie das Zentrum von Split erreicht, und Josip hielt vor einem modernen Bürogebäude zwischen Altstadt und Hafen.

„Hier befinden sich mein Handelsbüro und die Stiftung“, sagte Leonardo. „Ich muss für heute Abend noch ein paar Vorbereitungen treffen. Mein Fahrer Josip bringt Sie ins Hotel. Ruhen Sie sich ein wenig aus. Wir sehen uns dann im Palast. Die Vernissage beginnt um sieben – seien Sie pünktlich.“

Er stieg aus dem Wagen, ohne sich zu verabschieden. Auf dem Weg zum Eingang widerstand er dem Impuls, sich noch einmal umzudrehen, und begab sich stattdessen zügig in sein Büro in der obersten Etage. Für einen Moment war er versucht, sich einen Travarica einzuschenken. Aber er brauchte einen klaren Kopf, und der kroatische Kräuterbranntwein vernebelte zu schnell die Sinne.

Um sich zu sammeln, ließ Leonardo den Blick aus dem Fenster über die Altstadt schweifen. Zur Linken befanden sich der Hafen und das Meer. Daran angrenzend lag die breite Uferpromenade, wo Touristen und Einheimische entlangschlenderten oder in einem der zahlreichen Cafés ein kühles Bier oder ein Glas Weißwein genossen. Und wenn er von seinem Schreibtisch aufsah, blickte er genau auf die monumentale Wehrmauer des Palasts und die Porta Meridionalis, das im Vergleich zur restlichen Anlage eher unscheinbare Bronzene Tor.

Doch was zu Diokletians Zeiten als Notausgang zum Meer gedacht war, diente heute aufgrund der Nähe zur Promenade als Haupteingang und Treffpunkt für Stadtführungen. Die Palastanlage selbst war von hier aus kaum einsehbar. Nur der Glockenturm der Kathedrale Sveti Duje sowie ein Teil der dazugehörigen Domkuppel, die man im Mittelalter auf dem Mausoleum des römischen Kaisers errichtet hatte, ragten deutlich über den Schutzwall heraus.

Die Aussicht hatte für gewöhnlich eine beruhigende Wirkung auf Leonardo. Er stellte sich dabei gerne Szenen aus Diokletians Leben vor und schöpfte daraus Kraft und Inspiration. Wie Leonardo war der römische Kaiser ein gebürtiger Kroate. Ein Emporkömmling, der es mit Disziplin und Verstand an die Spitze eines Imperiums geschafft hatte.

Auch Leonardo war aus seiner Heimat fortgezogen und hatte von Rom und England aus die Handelswelt erobert. Doch niemand würde es wagen, ihn als Emporkömmling zu bezeichnen. Heute verwendete man dafür ohnehin eher den Begriff Self-Made-Millionär. Aber Leonardo bildete sich darauf nicht viel ein. Er war Realist. Deshalb betrachtete er den Kaiserpalast immer auch als ein Mahnmal für die Vergänglichkeit. Jedes Weltreich war früher oder später dem Untergang geweiht. So war nun mal der Lauf der Geschichte.

Das Schicksal nahm keine Rücksicht auf den Einzelnen. Diese Lektion hatte Leonardo früh lernen müssen. Genauso wie er gelernt hatte, nach den traumatischen Erlebnissen in seiner Jugend mit der Vergangenheit abzuschließen und sein Herz vor den Erschütterungen, die das Leben bereithielt, ein für alle Mal zu verschließen.

Daran würde auch Mia Thompson nichts ändern. Leonardo schloss das Aktenfach in seinem Schreibtisch auf, holte das Dossier über die junge Kunsthistorikerin heraus und blätterte unschlüssig darin herum. Entweder ist diese Frau eine Meisterin der Täuschung oder das alles war ein großer Irrtum, dachte er. Schließlich rief er seine Assistentin Ivanka Tetzlaff zu sich.

„Ist das neue Alarmsystem einsatzbereit?“, fragte er ohne Umschweife.

Ivanka nickte. „Ja. Gerade eben kam der Anruf. Die Sicherheitsfirma hat alle Infrarotsensoren und Lichtschranken in den Ausstellungsräumen auf Ihren Wunsch ein weiteres Mal getestet. Die Anlage ist absolut einbruchssicher.“

Das bezweifelte Leonardo. „Jedes System hat einen Schwachpunkt.“

Seine Assistentin deutete auf die Akte vor ihm. „Sie wird ihn nicht finden.“

Leonardo sah auf die Akte. Die aufgeschlagene Seite zeigte ein Foto von Mia. Ivanka schien sich ihrer Sache sicher. Sie arbeitete jetzt seit zwei Jahren für ihn und führte in seiner Abwesenheit alle Geschäfte der Stiftung für antike Kunst und Kultur in Split. Bisher hatte sie ihn kein einziges Mal enttäuscht. Doch diesmal teilte er ihre Einschätzung nicht.

„Ich weiß, dass ich mich auf Sie verlassen kann“, sagte Leonardo und tippte mit dem rechten Zeigefinger auf die Unterlagen vor ihm, „aber gilt das auch für Ihre Quellen?“

Ivanka hatte ihm das Dossier über Mia Thompson vor zwei Tagen überreicht, und Leonardo zweifelte keine Sekunde daran, dass sie es mit größter Sorgfalt zusammengestellt hatte. Aber seine anfängliche Begeisterung über die neuen Erkenntnisse war schon bald erloschen. Und jetzt, da er die junge Kunsthistorikerin persönlich kennengelernt hatte, waren seine Bedenken noch stärker geworden. Andererseits war diese Mia vielleicht einfach nur sehr geschickt darin, ihn zu täuschen. Schließlich war er noch nie zuvor einer Meisterdiebin begegnet.

„Die Indizienlage spricht für sich“, sagte Ivanka und klang nach wie vor überzeugt von der Einschätzung ihrer Informanten. „Aber stichfeste Beweise gibt es natürlich nicht. Sonst hätte Scotland Yard sie längst verhaftet.“

„Sie wirkt so unverstellt.“

„Sie ist eine Blenderin. Selbst die Professoren in Oxford haben sich von ihr täuschen lassen.“

Leonardo suchte die entsprechende Stelle in den Unterlagen. „Oder ihr Ex-Freund, dieser Colin, hat sie reingelegt.“

Ivanka ließ sich nicht beirren. „Colin sitzt in Oxford und schreibt an seiner Doktorarbeit. Mia Thompson dagegen ist hier in Split, um einen Blick auf Ihre Münzen zu werfen.“

„Wie alle anderen Gäste auch.“

„Sie kennen die Liste. Alles renommierte Forscher oder Sammler. Ich habe jeden doppelt und dreifach überprüft. Keiner davon kommt ernsthaft in Betracht.“

Im Grunde stimmte er seiner Assistentin zu. Trotzdem blieb Leonardo weiterhin skeptisch.

„Miss Thompson behauptet, sie sei zum ersten Mal in Kroatien.“

„Das hätte ich an ihrer Stelle auch gesagt.“ Ivanka lächelte vielsagend. „Ich bin sicher, es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir einen Beweis finden.“

„Also gut. Bleiben Sie an der Sache dran. Bis dahin machen wir weiter wie geplant. Der Sicherheitsdienst kann die Münzen jetzt in den Palast bringen.“

Ivanka nickte und ging zurück an die Arbeit. Leonardo warf einen Blick auf die Uhr. Noch zwei Stunden bis zur Eröffnung.

Mit einem Schalter an seinem Schreibtisch verriegelte er die Tür zu seinem Büro. In der Regalwand hinter ihm befand sich ein versteckter Durchgang, der zu seinen Privaträumen führte. Er bewohnte zwar dauerhaft eine Suite in demselben Hotel, in dem er Mia untergebracht hatte, aber er schätzte den Luxus, sich auch tagsüber spontan zurückziehen zu können, eine Partie Schach gegen den Computer zu spielen oder sich vor einem Geschäftsessen in aller Ruhe frisch zu machen. Deshalb hatte er die oberste Etage mit einem Fitnessraum, einem Studierzimmer, einem begehbaren Kleiderschrank und einem Bad ausstatten lassen. Sein Büro war im Grunde eine Penthouse-Wohnung.

Leonardo wollte heute Abend in Topform sein. Auch körperlich. Auf dem Laufband mit Blick aufs Meer stürzte er sich in ein High-Intensity-Intervalltraining. Er liebte diese kurzen Einheiten, in denen er seinen Körper an die Grenze brachte und dabei seine ganze Kraft spürte. Und seine sportliche Figur wussten die meisten Frauen ebenfalls zu schätzen. Zwar bezweifelte er, dass ein flacher Bauch ausreichte, um Mia zu beeindrucken, aber schließlich hatte er ja noch mehr zu bieten. Sein eigenes Herz mochte kalt sein wie Stahl. Doch er wusste, wie er das einer Frau zum Schmelzen brachte. Und im Moment schien das die beste Option, um das Geheimnis um Mia Thompson zu entschlüsseln.

3. KAPITEL

Mia drehte sich vor dem Spiegel in ihrem Hotelzimmer um die eigene Achse und zupfte dann ein paar Fussel von ihrem schwarzen Abendkleid. Sie hatte es vor zwei Jahren in einem Secondhandladen gekauft und bisher nur ein einziges Mal getragen: bei ihrer Abschlussfeier am College. Aber es saß immer noch perfekt und stand ihr ausgezeichnet. Ihr gefiel die schlichte Eleganz. Hochgeschlossen, halblange Ärmel, der Saum bis über die Knie.

Trotzdem linste sie beinahe wehmütig hinüber zu ihrem Hosenanzug. Damit würde sie verschlossen und unscheinbar wirken. Man konnte sich darin verstecken wie eine Schnecke in ihrem Haus. In dem Kleid dagegen fühlte sie sich, als wäre stets ein Scheinwerfer auf sie gerichtet. Eigentlich hatte sie es gar nicht mitnehmen wollen. Aber Emily, die am Abend zuvor unangemeldet bei ihr aufgetaucht war, um ihr eine gute Reise zu wünschen, hatte nach einer kurzen Inspektion ihres Koffers darauf bestanden.

„Eine Vernissage ist kein Business-Meeting“, hatte sie gesagt. „Wenn du einen auf bieder machst, wird niemand ungezwungen mit dir plaudern. Willst du mit den Leuten ins Gespräch kommen, dann zieh das Kleid an.“

Damit hatte ihre Freundin einen wunden Punkt getroffen. Nichts war für Mia schrecklicher als die Vorstellung, den ganzen Abend allein herumzustehen und sich an ein Glas Sekt zu klammern. Es fiel ihr ohnehin schwer, bei solchen Veranstaltungen aus sich herauszugehen. Also hatte sie das Kleid eingepackt und auf Emilys Drängen hin noch eine Packung Einwegkontaktlinsen besorgt.

Mia warf einen letzten prüfenden Blick auf ihr Outfit. Sie kam sich vor wie nach einer Verwandlung. Als würde sie ein Kostüm tragen. Aber vielleicht war das ja genau das, was sie brauchte? Vielleicht würde es ihr so leichter fallen, in ihre neue Rolle zu finden. In den kommenden Tagen war sie nicht mehr die Volontärin, die ihre Tage mit dröger Archivarbeit verbrachte, sondern eine offizielle Repräsentantin des Britischen Museums. Und sie hatte einen Auftrag zu erfüllen. Warum also nicht das passende Outfit tragen?

Als sie wenige Minuten später das Hotel verließ, schlug ihr die milde mediterrane Luft entgegen. Selbst in den schmalen, schattigen Gassen der Altstadt war es angenehm warm, und Mia wollte den kurzen Spaziergang nutzen, um ihre Gedanken zu sammeln. Denn die kreisten seit ihrer Ankunft in Split viel zu häufig um Leonardo Horvat. Warum hatte er sie persönlich vom Flughafen abgeholt? Woher wusste er überhaupt, dass sie genau diese Maschine genommen hatte? Und wieso schien er sich für sie zu interessieren und wollte ihr unbedingt die Stadt zeigen?

All diese Fragen wühlten sie dermaßen auf, dass sie einen kleinen Umweg einschlug, um noch eine Weile ihren Gedanken nachzuhängen. Wäre da nicht ihre Vorgeschichte, hätte sich Mia über diese Fügung des Schicksals sicherlich gefreut. Schließlich hing der weitere Verlauf ihrer Karriere von Leonardos Bereitschaft ab, seine Münzsammlung an das Britische Museum zu entleihen. Es konnte also kaum schaden, einen guten Draht zu ihm zu haben. Nur leider war sie bisher von jedem Mann, der Interesse an ihr gezeigt hatte, schamlos ausgenutzt worden. Vielleicht war es an der Zeit, den Spieß umzudrehen. Doch Mia ahnte, dass ihr das alles andere als leichtfallen würde. Sie war nicht der Typ, der mit anderen Menschen spielte. Dazu war sie viel zu ehrlich. Aber sie musste ja nicht gleich die Femme fatale geben!

Wenn sie darüber nachdachte, hatte sie früher einfach nur den Fehler begangen, sich zu verlieben. Liebe machte ja bekanntlich blind, und das Sprichwort schien auf niemanden besser zuzutreffen als auf sie. Sie hatte immer nur das Gute gesehen und alle warnenden Anzeichen ignoriert. Bezogen auf die jetzige Situation hieß das für Mia, dass sie sich ausschließlich von ihrem Verstand leiten lassen musste. Auf keinen Fall durfte sie eine emotionale Bindung zu Leonardo Horvat aufbauen. Wenn sie sich streng an diesen Vorsatz hielt, konnte eigentlich nichts schiefgehen.

Zu dieser Erkenntnis gelangte Mia genau im richtigen Moment. Der Palast lag nun direkt vor ihr. Der Gebäudekomplex fügte sich so harmonisch in die Altstadt ein, dass sie vor lauter Grübeln erst gar nicht bemerkt hatte, dass sie sich längst mitten darin befand. Doch jetzt stand sie plötzlich auf dem Peristyl, dem zentralen Platz der Anlage. Ihr bot sich eine grandiose Kulisse mit von hohen Säulen getragenen Arkaden zu beiden Seiten. In den Cafés unter den Arkaden pulsierte das Leben. Doch Mia achtete nur auf die Plakate, auf denen die heutige Veranstaltung angekündigt wurde. Sie hingen zwischen den vier Säulen am südlichen Ende des Platzes. Mia wusste aus dem Reiseführer, dass sich darüber einst die Wohnräume des Kaisers befunden hatten. Aber von dort führte auch eine Treppe in die Kellergewölbe hinab, wo die Vernissage stattfand.

Mia folgte der Beschilderung. Ihr Herz klopfte schneller.

Ich schaffe das, dachte sie. Der Gedanke äußerte sich weniger direkt in Worten. Es war eher wie eine Art Hintergrundrauschen, das ihren Körper plötzlich zu erfüllen schien. Sie fühlte sich, als würde sich eine sanfte Wärme in ihr ausbreiten, die ihr Selbstbewusstsein verlieh. Und so betrat sie beschwingt die Ausstellungsräume. Als Erstes fiel ihr Blick auf Leonardo Horvat. Er stand inmitten einer Gruppe älterer Herren und ragte wie eine Lichtgestalt zwischen ihnen heraus. In Mias Bauch breitete sich jetzt ein ganz anderes Kribbeln aus.

„Sie sind ein Glückspilz“, sagte Professor Don Roberts. „Die meisten von uns haben jede freie Minute mit Ausgrabungen verbracht, aber nie etwas von Bedeutung ans Licht gebracht. Außer vielleicht der Erkenntnis, dass man sich als Archäologe die Knie kaputt macht.“

Die Runde lachte auf. Nur Leonardo setzte eine Millisekunde zu spät ein. Aus dem Augenwinkel hatte er Mia Thompson erspäht – und sie beinahe nicht wiedererkannt. Sie sah hinreißend aus. Ihr Kleid zeigte zwar nicht viel Haut, aber er mochte es, wenn Frauen ihren Körper nicht allzu freizügig zur Schau stellten, sondern der Fantasie genügend Raum ließen. Am meisten faszinierte ihn jedoch Mias Gesicht, vor allem ihre Augen. Ohne Brille wirkte ihr Blick offener und sinnlicher. Trotzdem hatte ihr Auftreten immer noch etwas Unschuldiges, fast schon Unbeholfenes. Nur ihr karamellblondes Haar hatte nichts von ihrer Wildheit verloren.

„Gentlemen, bitte entschuldigen Sie mich einen Augenblick“, sagte Leonardo.

In etwa fünf Minuten würde er die Eröffnungsrede halten und danach für die nächsten beiden Stunden im Mittelpunkt stehen. Wenn er also noch kurz ein paar Worte mit Mia wechseln wollte, dann musste er es jetzt tun. Er winkte einer Kellnerin, schnappte sich zwei Gläser Champagner vom Tablett und begrüßte die junge Kunsthistorikerin aus England.

„Beeindruckend, nicht wahr?“, sagte er und deutete auf das Gewölbe.

Mia nickte. „Kaum zu glauben, dass diese Räume früher nur der Keller waren.“

„Nicht mal das. Lediglich ein kleiner Teil davon wurde als Lager genutzt. Der Rest stand leer und war bloß als Unterkonstruktion für die kaiserliche Wohnung gedacht. Diokletian wollte von seinen Gemächern aus das Meer sehen, deswegen die enorme Höhe des Gewölbes.“

„Und jetzt ist daraus das Highlight für die Besucher des Palastes geworden.“

„Das ist der Lauf der Geschichte.“ Leonardo fixierte seine Gesprächspartnerin. „Es kommt immer anders als erwartet.“

„So wie im Leben.“

Einen Moment lang blickten sie einander schweigend an. Dann nippte Mia an ihrem Glas Champagner. Leonardo hatte den Eindruck, dass sie damit seinem Blick ausweichen wollte.

„Stimmt“, sagte er dann und trank ebenfalls einen Schluck.

Mia schaute sich verlegen um. „Es soll auf der ganzen Welt nichts Vergleichbares geben“, sagte sie schließlich. „Zumindest nicht in einem so gut erhaltenen Zustand.“

„Ja“, bestätigte Leonardo, „dieser Kellerkomplex ist einzigartig.“

„Genau wie Ihre Entdeckung.“ Mia sah zum ihm auf. Ihre Augen leuchteten. „Ich kann es kaum erwarten, einen Blick auf die Münzen zu werfen.“

Leonardo überraschte diese plötzliche Unverblümtheit. War das etwa ein Hinweis auf ihre wahren Motive? Aber vielleicht las er auch zu viel aus ihren Worten, weil er sich nichts mehr wünschte, als Mia endlich zu durchschauen. Denn im Grunde wartete jeder hier im Saal mit Spannung darauf, dass er seinen Fund enthüllte und der Weltöffentlichkeit präsentierte. Der Bürgermeister genauso wie die Wissenschaftler und Journalisten, die extra aus New York, Paris und Rom angereist waren.

Er wollte gerade etwas erwidern, als das Licht im Saal gedimmt wurde und das Spotlight über dem Podium anging. Ivanka betrat die Bühne. Sie sprach ein paar einleitende Worte zu den Gästen und richtete dann den Blick auf ihn.

„Bitte begrüßen Sie jetzt herzlich den Mann, dem die Welt diese Entdeckung zu verdanken hat.“ Seine Assistentin deutete auf ihn. „Leonardo Horvat.“

Der Saal applaudierte.

Verdammt, schimpfte Mia mit sich selbst. Warum stellst du dich nur so blöd an?

Ein bisschen Small Talk konnte doch nicht so schwer sein! Aber nein, sie hatte sich von Leonardos strahlend blauen Augen total aus dem Konzept bringen lassen und anstatt mit intelligenten Bemerkungen über kunstgeschichtliche Details zu glänzen das Gespräch nur stockend vorangetrieben. Wenn überhaupt.

Und dann hatte sie ihren peinlichen Auftritt auch noch mit einem Kardinalfehler gekrönt: Sprich niemals über das Offensichtliche. Wäre Leonardo nicht auf die Bühne gerufen worden, hätte sie womöglich gleich noch angefangen, über die Leihgabe seiner Münzen zu verhandeln.

Absolut unprofessionell!

Sie hatte die Fundstücke ja noch nicht einmal gesehen. Keiner der geladenen Gäste hatte das, denn die rechteckige Vitrine in der Mitte des Saals war mit einem edlen Vlies aus Brokat verhüllt. Den Grund dafür konnte sich Mia leicht ausmalen: Leonardo wollte sichergehen, dass seine Zuhörer seiner Ansprache aufmerksam folgten.

Aber Mia bezweifelte, dass diese Vorkehrung überhaupt nötig sein würde. Leonardo Horvat besaß ein Charisma, das fast schon körperlich spürbar war und sich vom Podium aus wie ein Lauffeuer im Saal ausbreitete. Die Gäste rückten näher an die Bühne. Alle Augen richteten sich wie von selbst auf den Unternehmer, und jeder lauschte gebannt seinen Worten.

Nur eine ältere Dame schien von der Atmosphäre unberührt. Sie hielt sich wie Mia im Hintergrund und gesellte sich nun zu ihr.

„Sie sind Engländerin, nicht wahr?“, flüsterte ihr die Frau mit einem starken Akzent zu und blickte sie dabei neugierig von der Seite an.

Mia wandte sich ihr kurz zu, nickte freundlich und richtete den Blick dann wieder nach vorne. Sie wollte sie auf keinen Fall zu einem Gespräch ermuntern. Doch dem Mitteilungsbedürfnis der alten Dame tat das keinen Abbruch.

„Seine Ausstrahlung ist einfach magisch. Er steht auf der Bühne wie ein Zauberer“, fuhr sie fort und rückte dabei sogar noch ein Stück näher. „Aber manchmal frage ich mich, wem er versucht, etwas vorzumachen. Uns oder sich selbst?“

Mia fiel auf, wie die Frau die letzte Silbe bei nahezu jedem Wort stark betonte. Sie musste wohl Italienerin sein. Aber angesichts ihrer ungewöhnlichen Aussagen, die zwischen Bewunderung und Kritik schwankten, war ihre Herkunft für Mia uninteressant. „Warum denken Sie das?“, fragte sie verwundert.

Aber die alte Dame ignorierte den Einwand. „Wussten Sie, dass Leonardo in England den Grundstein für sein Imperium gelegt hat? Während andere Studenten in Bars jobbten, hat er Olivenöl und Trüffel aus Istrien importiert. Die Feinkostläden in London waren ganz verrückt danach. Wenn es ums Geschäft geht, besitzt er einen sechsten Sinn. Dafür ist er in vielen anderen Dingen blind.“

In Mia regte sich Widerstand. Auch wenn sie Leonardo kaum kannte, hatte sie das Gefühl, ihn verteidigen zu müssen. „Von antiker Kunst scheint er ebenfalls viel zu verstehen. Aber ich glaube kaum, dass er sich nur des Geldes wegen dafür engagiert.“

Die Frau lächelte traurig. „Nein. Das ist etwas Persönliches. Auch wenn er das nicht wahrhaben will.“

„Worauf wollen Sie eigentlich hinaus?“

„Was, glauben Sie, findet ein Mann wie er an Diokletian und ein paar verstaubten Münzen so faszinierend?“

Mia zuckte mit den Schultern. Diese Frage hatte sie sich noch nicht gestellt. „Ich weiß nicht. Aber wenn die eigene Heimatstadt geradezu durchtränkt ist von römischer Geschichte, liegt das doch nahe.“

„Leonardo stammt nicht aus Split. Er ist in einem kleinen Künstlerdorf in Istrien aufgewachsen, musste aber als Jugendlicher Kroatien verlassen und ist nach Rom gezogen. Es gab damals eine schlimme Tragödie in seiner Familie.“

„Das wusste ich nicht.“

„Kein Wunder. Er spricht mit niemandem darüber.“

„Woher wissen Sie dann davon? Und warum erzählen Sie mir das alles?“

Die alte Dame sah sie eindringlich an. Mia kam es vor, als könnte Sie geradewegs in ihr Innerstes blicken.

„Sein Blick verrät es mir“, sagte sie dann. Offenbar hatte Mia den Test bestanden. „Ich hätte nicht gedacht, dass sich darin jemals wieder ein Funken Leidenschaft entzünden würde. Aber vielleicht besteht ja doch noch Hoffnung.“

Die Leute vor ihnen begannen zu klatschen. Mia wurde plötzlich ganz flau im Magen. Jetzt hatte sie auch noch Leonardos Ansprache verpasst! Und die Worte der alten Dame verwirrten sie zusätzlich.

„Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht folgen“, sagte Mia unsicher.

„Fragen Sie ihn nach der Münze.“

„Welcher Münze?“

„Seiner Münze“, sagte die Frau und wies mit dem Kinn zur Bühne.

Mia folgte ihrem Blick. Leonardo stieg gerade vom Podium herab und bahnte sich einen Weg durch die Menge. Mit einer schwungvollen Bewegung zog er die Stoffbahn von der Vitrine. Ausrufe des Erstaunens wurden laut. Angelockt von den Ahs und Ohs drängten sich die Gäste immer dichter um die Ausstellungsstücke.

Nur Mia stand wie versteinert da und beobachtete das Geschehen. Leonardo drückte seiner Assistentin das Tuch in die Hand und sah sich dann im Saal um. Ihre Blicke trafen sich. Selbst über die Entfernung hinweg bemerkte sie, wie seine Augen kurz aufblitzten und ein Lächeln über sein Gesicht huschte.

Er kam auf sie zu. Mia rührte sich noch immer nicht von der Stelle. Sie war wie elektrisiert von dem Anblick dieses Mannes.

„Sie sehen ein wenig blass aus“, sagte Leonardo. „Kommen Sie, wir gehen nach draußen. Die frische Luft wird Ihnen guttun.“

Er nahm ihren Arm. Seine Berührung wirkte wie ein befreiender Impuls, und Mia erwachte aus ihrer Erstarrung. Doch nach dem ersten Schritt drehte sie ihren Kopf noch mal zurück und hielt nach der alten Damen Ausschau. Sie war spurlos verschwunden.

Leonardo bemerkte den kurzen Moment des Zögerns. „Keine Angst. Die Münzen laufen Ihnen nicht weg. Und stehlen wird sie in den nächsten paar Minuten wohl auch niemand.“

Ivanka stand auf der Bühne und ließ den Blick durch den Saal wandern. Manchmal fragte sie sich, ob sie diese Menschen bemitleiden oder verachten sollte. Sie trugen teure Kleider und maßgeschneiderte Anzüge, hatten eine vorzügliche Bildung genossen und bekleideten hohe Ämter in der Politik oder der Wissenschaft. Trotzdem begafften sie das bisschen Gold in der Vitrine wie ein Götzenbild. Nur dass sie nicht schreiend darum herumtanzten. Dafür waren sie viel zu kultiviert. Stattdessen buhlten sie auf andere Weise um Aufmerksamkeit. Sie überboten sich gegenseitig in ihrer gekünstelten Ausdrucksweise und kamen sich dabei nicht mal albern vor. Ivanka hatte schon immer fasziniert, mit welcher Ernsthaftigkeit sich diese Leute wichtigmachten.

Leonardo war da ganz anders. Es ging ihm nicht um Prestige und Ansehen. Er spielte in seiner eigenen Liga. Doch warum er sich so für Diokletian interessierte, war Ivanka ein Rätsel.

Im Grunde konnte ihr das aber egal sein. Bald würde sie weiterziehen. Endlich. Sie hielt es nie lange an einem Ort aus. Dass sie die letzten beiden Jahre fast ausschließlich hier in Split verbracht hatte, kam einem persönlichen Rekord gleich. Doch aus finanzieller Sicht hatte es sich gelohnt. Jetzt musste nur noch alles nach Plan laufen, dann stand ihr die ganze Welt offen.

Ivanka riss sich aus ihren Träumen und versuchte, Leonardo unter den Gästen auszumachen. Das war in der Regel immer sehr einfach. Normalerweise scharte sich eine große Gruppe Frauen um ihn.

Doch diesmal hätte sie ihn beinahe übersehen. Er verließ gerade den Saal durch einen Nebenausgang – und zwar in Begleitung.

Ivanka lächelte. Dann nahm sie ihr Smartphone zur Hand und schrieb eine Nachricht an ihren Partner in London:

Er hat angebissen ;)

4. KAPITEL

Mia folgte Leonardo durch einen Nebenausgang im hinteren Bereich des Saals. Offenbar war das ein Weg für Mitarbeiter des Palastmuseums. Die Tür ließ sich nur mit einem vierstelligen Zugangscode entriegeln. Der spärlich beleuchtete Gang verband die Ausstellungsräume mit den öffentlich zugänglichen Teilen der Anlage, und als Leonardo die Tür am anderen Ende öffnete, fand sich Mia plötzlich am Rande eines Touristenstroms wieder.

Das musste die Verbindungsachse zwischen dem Seetor und dem Zentralplatz des Palastes sein. Sie hatte viel über diese Attraktion gelesen, und das Bild, das sich ihr darbot, hätte gut in einen Reiseführer gepasst. Souvenirläden flankierten den Weg durch den Gewölbegang. In den Auslagen reihten sich geschnitzte weißblaue Schiffchen dicht aneinander und gedrechselte Schalen aus Olivenholz stapelten sich zu hohen Türmen. Einige Buden boten auch regionale Produkte wie getrocknete Feigen, Schnäpse, Honig und Öl feil. Und die Menschen drängten sich so eng aneinander, dass einem allein schon vom Anblick die Luft wegzubleiben drohte.

„Es werden von Jahr zu Jahr mehr Leute“, sagte Leonardo und nahm dann unvermittelt ihre Hand. „Bleiben Sie dicht hinter mir.“

Von seiner Berührung war Mia wie elektrisiert. Ohne darüber nachzudenken verschränkte sie ihre Finger mit seinen und rückte dichter zu ihm. Während sie die Menschenmenge durchquerten, spürte sie die Wärme seines Körpers, fühlte die straffen Muskeln unter dem Stoff seines Anzugs.

Auf der anderen Seite der Straße befand sich wieder eine mit einem Zahlencode gesicherte Tür. Diesmal führte sie der Gang zu einem Schacht mit einer schwindelerregenden Wendeltreppe aus Stahl. Die Wände schimmerten feucht. Sie stiegen hinauf und traten ins Freie auf eine kleine Plattform.

Hier mussten sich einst die kaiserlichen Wohnräume befunden haben, doch das Obergeschoss in diesem Bereich des Palastes war komplett verfallen. Vor ihnen ragten lediglich die Überreste der einstigen Wehrmauer auf, drei aus großen Steinquadern gebaute Bögen. Dann brach der Wall ab und endete in einer bröckligen Ruine. Aber die Aussicht war gigantisch!

Am Horizont spiegelte sich die untergehende Sonne im Meer. Unter ihnen flanierten Touristen die Promenade entlang. Doch hier oben waren sie ganz für sich allein. Eine Oase der Ruhe inmitten dieser quirligen Stadt.

Mia lehnte sich gegen den meterdicken Sims aus grob behauenem Stein. Ein leichter Wind kühlte ihre Haut und spielte mit ihren Haaren. In den salzigen Geruch des Mittelmeers mischte sich ein Hauch von Salbei und Rosmarin. Tief atmete sie diesen herrlichen Duft ein.

„Geht es Ihnen wieder besser?“, fragte Leonardo und stützte sich ebenfalls an der Mauer ab. Seine Hand lag nur einen Fingerbreit neben ihrer, und Mia fragte sich, warum ihre das überhaupt auffiel.

„Danke, ja. Die frische Luft tut gut“, sagte sie und blickte zum Horizont.

„Bei größeren Veranstaltungen wird es leicht stickig in dem Gewölbe. Manche Menschen fühlen sich in alten Gemäuern schnell unwohl.“

„Das macht mir normalerweise nichts aus. Ich arbeite schon seit anderthalb Jahren den halben Tag lang in einem zweihundert Jahre alten Keller. Der ist allerdings klimatisiert.“

Leonardo zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Gehört das auch zu Ihren Aufgaben am Britischen Museum?“

Mia hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Sie war schon wieder in ein Fettnäpfchen getreten. Jetzt blieb ihr nichts anderes übrig, als sich als unerfahrener Neuling zu outen. Zumindest im Hinblick auf die repräsentativen Aspekte ihres Berufs.

„Als Volontärin bin ich für die Digitalisierung des Archivs zuständig“, gab Mia ein wenig zerknirscht zu. Und falls ich mich weiter so blöd anstelle, wird sich daran wohl auch nichts ändern, fügte sie in Gedanken hinzu.

Doch Leonardo schien sich glücklicherweise nicht daran zu stören. „Das heißt, Sie sind bis ins letzte Detail mit der materiellen Kultur der Römischen Antike vertraut.“

So hatte Mia das noch gar nicht gesehen. Durch die Archivarbeit war sie tatsächlich eine Expertin auf diesem Gebiet.

„Ja“, sagte sie und spürte, wie ihr Selbstbewusstsein zurückkehrte. „Wenn man tagtäglich von Dingen aus einer anderen Zeit umgeben ist, kann man sich gut vorstellen, wie die Menschen früher gelebt haben und was ihnen wichtig war. Und darum geht es ja auch in einem Museum: die Vergangenheit zum Leben zu erwecken.“

„Was fasziniert Sie daran?“, fragte Leonardo.

„Der Perspektivenwechsel. Was vor Jahrhunderten ganz selbstverständlich zum Alltag gehörte, betrachten wir heute als Kunst. Amphoren waren damals einfache Behälter für Wein, heute sind es wertvolle Sammlerstücke. Dasselbe gilt für viele andere Dinge auch.“

„Wie zum Beispiel meine Münzen?“

„Ja“, sagte Mia. „Im Grunde sind es nur ein paar Metallstücke, die mit einem simplen Hammerschlag geprägt wurden. Früher eine gängige Währung. Man hat damit bezahlt – mehr nicht.“

„Und jetzt übersteigen sie ihren materiellen Wert um ein Vielfaches. Es gibt sogar Menschen, die eine Straftat begehen würden, um in ihren Besitz zu gelangen“, ergänzte Leonardo.

Mia wunderte sich über seinen spitzfindigen Tonfall. Aber sie wollte sich nicht schon wieder aus dem Konzept bringen lassen und kam auf den eigentlichen Punkt ihrer Erklärung zu sprechen. „Können Sie sich vorstellen, dass in zweitausend Jahren hier an diesem Ort Experten aus der ganzen Welt zusammenkommen, nur um den Fund von ein paar Geldscheinen zu feiern?“

Leonardo stutzte. Mia versuchte, seinen Blick zu deuten. Hielt er ihren Vergleich vielleicht für abwegig? Doch dann holte er seine Geldbörse aus der Tasche und zog eine Banknote heraus. „So einen wie den hier?“, fragte er amüsiert.

Mia nickte. Sie nahm ihm den Schein aus der Hand, hielt ihn gegen das Licht und betrachtete ihn von beiden Seiten. „Fünfzig Kuna“, stellte sie fest. „Was ist das wert?“

„Sechs Pfund“, antwortete Leonardo sofort.

Mia schmunzelte. Kopfrechnen war noch nie ihre Stärke gewesen. Aber ein international tätiger Unternehmer wie Leonardo musste nicht mal eine Millisekunde überlegen.

„Alles, was uns an diesem verknitterten Stück Papier interessiert, ist die Kaufkraft.“ Mia gab ihm den Schein zurück. „Ich wette, die meisten Menschen wissen nicht mal, welche Personen auf den gängigsten Geldscheinen abgebildet sind. Und kaum jemandem ist bewusst, dass neben der künstlerischen Gestaltung das eigentliche Wunder in der Drucktechnik liegt. Oder können Sie mir erklären, wie diese Wasserzeichen zustande kommen?“

Leonardo schüttelte den Kopf.

Mia lächelte. „Ich auch nicht. Niemand macht sich darüber Gedanken. Wir nehmen es einfach als selbstverständlich hin, wie so vieles andere auch. Aber wenn wir die Perspektive wechseln und nur für einen kurzen Augenblick versuchen, die Dinge um uns herum mit der gleichen Neugier zu betrachten wie die Ausstellungsstücke in einem Museum, dann stellen wir fest, dass die Welt viel schöner und faszinierender ist, als wir für gewöhnlich denken. Das ist es, was ich an meiner Arbeit liebe. Der Blick auf die Vergangenheit öffnet einem auch die Augen für die Wunder der Gegenwart.“

„Sie haben recht.“ Leonardo wandte sich von ihr ab und sah aufs Meer hinaus. „Wir schenken unserem unmittelbaren Umfeld zu wenig Aufmerksamkeit. Erst wenn etwas unwiderruflich verloren ist, wissen wir es zu schätzen. Aber dann ist es zu spät.“

Für einen kurzen Moment konnte Mia den Schmerz spüren, den Leonardo in sich trug und den er bisher geschickt hinter seiner makellosen Fassade zu verbergen gewusst hatte. Welches Schicksal auch immer diesem Mann widerfahren war, es musste ihn fürs Leben geprägt haben. Mia erinnerte sich an die rätselhafte alte Dame von vorhin. Sie schien darüber Bescheid zu wissen.

Fragen Sie ihn nach der Münze. Seiner Münze.

Die Worte hallten in Mias Kopf nach. Doch dann war der winzige Augenblick, in dem sich seine Verletzlichkeit gezeigt hatte, vorbei. Als hätte sich eine Tür geschlossen.

„Wir sollten wieder nach drinnen gehen. Meine Gäste erwarten mich.“

Mia fröstelte. Leonardo verströmte plötzlich eine Kälte wie ein Eisblock. Am liebsten hätte sie jetzt sein Gesicht in die Hände genommen. Ihn mit ihrer Wärme umfangen und den Schmerz in seinem Herzen zum Schmelzen gebracht. Aber stattdessen nickte sie nur und folgte ihm schweigend zurück in den Ausstellungsraum.

Leonardo blickte sich zufrieden um. Die Vernissage war ein voller Erfolg. Etwas anderes hatte er auch nicht erwartet. Ivanka war eine fabelhafte Eventmanagerin und darüber hinaus noch eine ausgezeichnete Gastgeberin. Egal, ob sie sich mit Politikern, Wissenschaftlern oder Journalisten unterhielt – sie traf immer den richtigen Ton. Gerade verabschiedete sie eine Delegation des Metropolitan Museum of Art in New York. Leonardo zweifelte keine Sekunde daran, dass Ivanka die geladenen Gäste bis zur Fachtagung am Montag auch ohne seine Anwesenheit bei Laune halten würde. Wahrscheinlich würde man ihn nicht einmal vermissen. Und das verschaffte ihm die nötige Zeit, sich übers Wochenende um seine persönlichen Angelegenheiten zu kümmern. Dafür war er seiner Assistentin zutiefst dankbar.

Wenn er erst seine Münze wiederhatte, dann würde er ihr die alleinige Verantwortung für die Stiftung in Split übertragen.

Doch zuerst musste er diesen verdammten Dieb schnappen. Oder die Diebin. Man hatte Leonardo einen Teil seiner Vergangenheit gestohlen, und er würde erst wieder ruhen, wenn er sich zurückgeholt hatte, was ihm gehörte!

Bei dem Gedanken hielt er augenblicklich nach Mia Ausschau. Sie stand nur ein paar Meter von der Vitrine mit der Münzsammlung entfernt. Ihr karamellblondes Haar schimmerte sanft im warmen Licht. Sie unterhielt sich mit zwei älteren Männern. Einer der beiden schien gerade etwas Witziges gesagt zu haben, denn sie neigte den Oberkörper leicht nach hinten, schloss die Augen und ließ ihr natürliches, unverstelltes Lachen hören.

Diese Unbekümmertheit versetzte Leonardo einen Stich. War diese wunderschöne und so unschuldig wirkende Frau wirklich eine versierte Kunstdiebin? Und wenn ja, wie konnte es sein, dass sein untrüglicher Instinkt nicht Alarm schlug?