Romantische Liebesperlen - Anja Gerstberger - E-Book

Romantische Liebesperlen E-Book

Anja Gerstberger

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Beschreibung

Verlieben ist aufregend und immer wieder anders. Mal flattern die berühmten Schmetterlinge im Bauch auf den zweiten Blick oder brauchen etwas Nachhilfe. Mal sind sie plötzlich da und machen die Welt, die eben noch traurig oder langweilig war, bunt und süß. Eine Sammlung romantischer Geschichten rund ums Kennenlernen lädt zum Träumen ein. Nicht nur für romantische Girls.

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Seitenzahl: 181

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Buch

Verlieben ist aufregend und immer wieder anders. Mal flattern die berühmten Schmetterlinge im Bauch auf den zweiten Blick oder brauchen etwas Nachhilfe. Mal sind sie plötzlich da und machen die Welt, die eben noch traurig oder langweilig war, bunt und süß. Eine Sammlung romantischer Geschichten rund ums Kennenlernen lädt zum Träumen ein. Nicht nur für romantische Girls.

Autorin

Die ehemalige Lehrerin Anja Gerstberger betreibt die Jugendwebsite www.juppidu.de, arbeitet als Lektorin und schreibt Bücher. Das Titelbild hat ihre 12-jährige Tochter Katja gestaltet. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

Inhaltsverzeichnis

Return to sender

Blind Date

Der blonde Italiener

Der Sahnekünstler

Tierische Frühlingsgefühle

Im Partnerlook

Das Tennistalent

Im Doppelpack

Die Nachtigall im Wald

Verguckt

Der rätselhafte Wichtel

Sprung ins Glück

Geheimnisvoll verschleiert

Die bekehrte Babysitterin

Der Rosenkavalier

Ein dufter Typ

Dancing Queen

Wasserfest

Die Mietfreundin

Ein wandelbares Mädchen

Ein einmaliges Kleid

Eiswalzer

Nikolaus und Magd Ruprecht.

Jette allein zuhaus.

Liebeschaos am Valentinstag

Richtig falsch verbunden

Der Nachhilfeschüler

Return to sender

„Ich pack´s nicht!“, rief Jakob begeistert aus. „Jetzt hat es sogar Mister Unnahbar persönlich erwischt! Ist ja nicht zu fassen!“

Mister Unnahbar, im richtigen Leben besser unter dem bürgerlichen Namen Jonas Berthold bekannt, versetzte seinem feixenden Kumpel einen leichten Fausthieb in die Seite und lächelte ihn verlegen an.

„Und wer ist die Glückliche?“, wollte Jakob nun wissen. „Wer ist diese Traumfrau, die den ewigen Eisblock endlich zum Schmelzen gebracht hat?“

Jonas hatte trotz seiner mittlerweile stolzen 17 Jahre noch nie eine Freundin gehabt, obwohl es ihm an Verehrerinnen wahrlich nicht mangelte. Er sah gut aus, war sportlich und sehr nett, vielleicht einen Tick zu brav und schüchtern. Aber letztendlich lag es einfach nur daran, wusste Jonas selbst wohl am besten, dass ihm bisher einfach noch kein Mädchen so richtig gut gefallen hat und der berühmte Funken einfach nicht übergesprungen ist. Bis vergangenen Sonntag, als ihn beim alljährlichen Grillfest des Sportvereins aus heiterem Himmel Amors Pfeil getroffen hatte. Er wunderte sich noch immer über diesen unerwarteten Gefühlsschwall, denn besagtes Mädchen kannte er bereits seit etlichen Jahren. Und plötzlich hat es Wumm! gemacht.

„Das kann ich dir nicht sagen“, druckste Jonas herum. „Wirklich nicht. Gib mir lieber einen Tipp, wie ich sie erobern kann.“ Sein flehentlicher Blick mäßigte Jakobs Kommentar.

„Erobern“, betonte er das altmodische Wort und grinste. „Erobern kannst du Frauen am besten mit einer Riesenportion Romantik und Kitsch. Darauf stehen alle Mädels, das kannst du mir glauben!“ Und Jonas glaubte ihm aufs Wort! Wie hätte Jakob sonst seine Freundinnen im Monats- oder – in besseren Fällen – Quartalsrhythmus wechseln können? Die Mädchen lagen ihm regelrecht zu Füßen, er musste also tatsächlich die entsprechenden Tricks auf Lager haben.

„Schreib ihr einen Brief! Damit punktest du im WhatsApp-Zeitalter hundertpro!“, schlug Casanova-Jakob nun vor. „Mit gefühlvollenBildern und Versen. So nach dem Motto Rose meines Herzens. Da wird jede schwach!“ „Das kann ich nicht“, erwiderte Jonas zerknirscht. „Mit dem Formulieren habe ich es nicht so. Da kommt nur Murks raus.“

„Ist doch kindereasy!“, prahlte Jakob. „Das würde ich dir mit links machen!“ „Okay, dann beweis es auch!“, nagelte Jonas seinen Freund sofort fest. „Bis morgen möchte ich einen solchen Brief von dir haben!“

„Klar, das ist doch eine meiner leichtesten Übungen!“ Jakob bemühte sich, möglichst überzeugend zu klingen. „Dazu brauche ich aber den Namen deiner Angebeteten!“ „Nix da“, schüttelte Jonas den Kopf, „ich schreibe deine Vorlage sowieso nochmal ab!“

Nur wenige Stunden später kaute Jakob nachdenklich an seinem Bleistift und merkte, dass die vorgegebene leichte Übung in Wirklichkeit ein äußerst anstrengendes Unterfangen war, das einem Möchtergern-Liebesbriefschreiber zur Verzweiflung treiben konnte. Seit einer geschlagenen Stunde mühte er sich mit dem Werk ab – bisher hatte er noch jedes Versprechen gegenüber seinem besten Freund Jonas gehalten und er gedachte das auch in diesem schwierigen Falle zu tun –, aber was er bisher zu Papier gebracht hatte, war ziemlicher Müll gewesen. Da hatte er den Mund wohl etwas zu voll genommen! Wie kam er nur wieder aus dieser vertrackten Geschichte raus?

Eva! Klar, Eva war die Lösung!

Seine Schwester war eine regelrechte Deutschgröße und verfügte über enormes Sprachtalent. Nicht umsonst arbeitete sie in der Schülerzeitungsredaktion mit und hatte seit der ersten Klasse ausnahmslos Einsen für ihre Aufsätze erhalten. Wenn jemand einen tollen Liebesbrief schreiben konnte, dann sie!

Wenn er ihr als Gegenleistung versprach, für sie an zwei Wochenenden den Chauffeur zu spielen, würde sie sich bestimmt breit schlagen lassen. Seit Jakob den Führerschein hatte und den Wagen seiner Mutter mitbenutzen durfte, hatte er für diverse Gefälligkeiten seiner um zwei Jahre jüngeren Schwester ein unwiderstehliches Bestechungsmittel in der Hand. Damit würde er sie garantiert herumkriegen! Und Jakobs Rechnung ging auf.

„Willst du mir nicht verraten, für wen der Brief bestimmt ist?“, versuchte Eva erneut, die geheimnisvolle Empfängerin ihres sprachlichen Kunstwerkes in Erfahrung zu bringen.

„Du wirst sie zu gegebener Zeit kennenlernen!“, versprach Jakob und riss ihr ungeduldig den Zettel aus der Hand.

Gespannt las er, was seine Schwester in beeindruckend kurzer Zeit getextet hatte. Nachdem Jakob seine Lektüre beendet hatte, pfiff er anerkennend durch die Zähne. „Nicht schlecht! Allein die Anrede Hallo kleiner Sonnenstrahl! kommt voll gut. Auch der Rest trifft ins Herz, ohne dass du dabei zu dick aufgetragen hast. Super. Danke!“ Ein seltener Bruderkuss auf die Wange einer verdutzten Eva und weg war er.

Drei Tage später bekam Eva mit der Post einen Brief ohne Absender. Exklusiver Umschlag, gefüttert, sowie teures Büttenpapier. Eine jugendliche Handschrift, stilvoll mit schwarzem Füller. Neugierig faltete Eva den Bogen auseinander und begann zu lesen. Doch bereits bei der Anrede erstarrte sie. Hallo kleiner Sonnenstrahl! lachte ihr da frech ins Gesicht. Die nächsten Sätze konnte sie fast noch wortwörtlich aufsagen. Schließlich hatte sie sich diese blumigen Formulierungen selbst ausgedacht. Das war ihr Brief! Genau die gleichen Worte! Was sollte der Blödsinn? Oh, nein, ihr Bruder würde doch nicht ... Oder doch?

„Du hast den Brief gar nicht für dich gebraucht, stimmt´s?“, schrie sie Jakob wütend an, nachdem sie ohne Vorwarnung seine Zimmertür aufgerissen hatte. „Hast du wenigstens ordentlich dafür kassiert?“ Wie ein Racheengel stand sie vor ihrem völlig verdutzten Bruder, der nicht wusste, wie ihm geschah. „Das ist wirklich mies! Mich dermaßen auszunutzen!“ Wumm krachte die Tür ins Schloss. Zwei Minuten später fand sie ein verunsicherter und nachdenklicher Jakob auf dem Bett liegend, mit unbewegter Miene die Decke anstarrend.

„Du glaubst doch nicht etwa, dass ich deinen Brief zu Geld gemacht habe?“

„Ach nein?“, höhnte Eva, ohne den vermeintlichen Übeltäter eines Blickes zu würdigen. „Dann sag mir bitte, für wen der Brief bestimmt war, wenn nicht für dich!“

„Das geht nicht.“ Jakob schaute unglücklich drein. Er wollte weder seinen Freund verraten, noch seine Schwester in dem Irrglauben lassen, ausgenutzt worden zu sein.

„Und warum nicht?“, hakte Eva unerbittlich nach.

„Weil ich demjenigen gesagt habe, dass ich den Brief selbst geschrieben habe“, rückte Jakob kleinlaut mit der Sprache heraus.

„Du hast was?!?“, fragte Eva entgeistert.

„Ich habe deinen Brief als meinen verkauft. – Natürlich nicht wörtlich!“, versicherte Jakob.

In diesem Moment klingelte es an der Haustür und Jakob ging in die Diele, um den Türöffner zu betätigen. Als Eva auf die Stimmen lauschte und den Besuch als Jonas identifizierte, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen.

Klar, wem, wenn nicht seinem besten Freund, war Jakob zu absoluter Treue verpflichtet?

Na wartet, jetzt war sie an der Reihe!

„Hallo!“, rief Eva mit übertriebener Fröhlichkeit, als sie sich wenige Augenblicke später zu Jakob und Jonas ins Wohnzimmer gesellte und mit spitzbübischem Grinsen genau zwischen die beiden auf das Sofa quetschte.

„Hey, was soll der Blödsinn?“, knurrte ihr Bruder und blickte seine Schwester fast genauso verärgert an, wie sie es noch kurz zuvor bei ihm getan hatte.

„Bist du dir wirklich sicher, dass Jonas dich sehen will und nicht seinen kleinen Sonnenstrahl?“

Das war wirklich ein Bild für die Götter! Jonas mit feuerrotem Kopf und Jakob mit zunächst verständnislosem, dann erkennendem und zuletzt ungläubigem Gesichtsausdruck.

Und wäre in diesem Moment ein hochsensibles Mikrofon im Raum gewesen, dann hätte man Jakobs Groschen fallen und die Herzen der beiden anderen vor Aufregung laut klopfen hören können ...

Blind Date

„Das meinst du doch nicht ernst, oder?“ Jan schaute seinen Kumpel Torsten ungläubig an. Aber der Blick in das Gesicht seines besten Freundes verriet ihm, dass Torsten seinen Vorschlag durchaus ernst genommen hatte.

Er war für den morgigen Nachmittag mit einem unbekannten Mädchen verabredet und wollte nun, dass Jan statt seiner zu dem Blind Date ging.

„Du kannst doch jetzt nicht kneifen!“, empörte sich Jan. „Du hast dir die Suppe selbst eingebrockt und wirst sie nun auch auslöffeln!“

Torsten blickte unglücklich drein. Er hatte sich das gesamte Wochenende über tierisch gelangweilt, da er wegen Jans Familienpflichten – er war auf der Hochzeit einer Kusine gewesen – auf sich alleine gestellt war und nichts mit sich anzufangen gewusst hatte. Da er sich zu keiner Einzelaktion hatte aufraffen können, war Torsten die ganze Zeit über ziemlich sinnlos herumgehangen und hatte Radio gehört. Sogar die kitschige Kuppel-Sendung am Sonntagabend. Es musste ihn der Teufel geritten haben, dass er dort angerufen und sich mit einer netten jungen Stimme zu einem Blind Date verabredet hatte. Das morgen stattfinden sollte. Und jetzt traute er sich nicht mehr. „Dann geht eben keiner hin!“, erklärte er daher trotzig.

„Das kannst du aber nicht bringen!“, schimpfte Jan. „Das ist dem Mädchen gegenüber einfach nicht fair!“ So war Jan eben. Immer nett und höflich. Tat stets, was sich gehörte. Und dieser Charakterzug war schließlich auch ein Grund dafür, dass er und Torsten seit Kindergartentagen miteinander befreundet waren. Der zurückhaltende Torsten und der unternehmungslustige Jan. Ein tolles Gespann.

„Dann ruf sie wenigstens an und sage ab!“, verlangte Jan. „Das ist wohl das Mindeste! Wenn du jetzt schon feige den Schwanz einziehst!“ Die letzte Bemerkung hatte er sich aus Verärgerung über Torstens sprunghaftes Verhalten nicht verkneifen können.

„Das geht nicht!“, entgegnete Torsten zerknirscht. „Ich habe ihre Nummer nicht!“

„Wie bitte?“ Jan glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. „Ja, wie habt ihr dann euer Treffen organisiert?“, wollte er wissen. „Das hat alles der Sender übernommen“, erklärte Torsten und fügte vorsichtig hinzu: „Die wollen ja auch nach dem Treffen mit uns ein Interview machen!“

Jan lachte spöttisch. „Mit uns!“ äffte er seinen Freund nach. Er schwieg für einen Moment und dachte nach. „Du musst hingehen!“, überlegte er laut. Torsten schüttelte wie auf Kommando den Kopf. „Also gut!“, gab sich Jan geschlagen. „Ich werde deinen Auftritt übernehmen.“ Torsten strahlte ihn dankbar an. „Dafür habe ich aber einiges gut bei dir, klar?“ Torsten nickte eifrig, während Jan sich insgeheim fragte, auf was er sich da wohl eingelassen hatte.

Sie müsste eigentlich jeden Moment kommen. Jan blickte sich suchend um. Er war bereits zehn Minuten vor der vereinbarten Zeit im Café Reuter gewesen und wartete nun auf das unbekannte Mädchen, von dem er nur wusste, dass es Anneke hieß. Über das Aussehen durften die Kandidaten vor dem Blind Date nie sprechen. So lauteten die Regeln des Radiosenders.

Jan schaute auf die Uhr. Genau Drei. Wo blieb sie denn nur? Das Café war um diese Zeit ziemlich voll und er hatte gerade noch den letzten freien Tisch ergattern können. Er war überrascht, so viele junge Leute hier anzutreffen. Er hatte bisher Cafés immer für einen Treffpunkt Torten schaufelnder Rentner gehalten. Da an der Tür saß zum Beispiel ein hübsches Ding. Mit lustiger Stupsnase und dunklen Kulleraugen. Dazu ein wippender Pferdeschwanz. In Jeans und Holzfällerhemd. Ganz sportlich. Genau sein Typ. Ebenfalls allein. Ob sie wohl auf ihre beste Freundin wartete? Oder auf ihren Freund? Garantiert Letzteres. Bestimmt war solch ein süßes Girl längst vergeben.

Zwei Tische weiter saßen auch zwei Mädchen im passenden Alter. Die eine war extrem aufgetakelt mit superkurzem Mini und kiloweise Farbe im Gesicht, von der anderen konnte er nur den Oberkörper sehen. Und der sprach ihn nicht gerade an. Üppige Brüste in einen engen Body gequetscht. Tief ausgeschnitten. Jan mochte es nicht, wenn Mädchen, auch wenn sie so gut gebaut waren wie diese, ihre Reize so auffallend zur Schau stellten. Wo keine Geheimnisse waren, verflog der Zauber automatisch, fand Jan.

Bildete er es sich nur ein oder hatten ihn die beiden Grazien tatsächlich im Visier? Rasch schaute er weg. Und kurz darauf wieder hin. Aus den Augenwinkeln. Oh Nein, dachte er, sie hat ihre Freundin zur Verstärkung mitgebracht! Die mit dem Mini war die hübschere, also war die andere wohl seine Blind-Date-Kandidatin. Er seufzte. Sie gefiel ihm nämlich überhaupt nicht. Außer ihrem tiefen Ausschnitt fand er auch ihre blonde Dauerwellenfrisur nicht sonderlich hübsch. Und ihr Gesicht sah irgendwie langweilig aus. Fast ein wenig griesgrämig. Ob das wohl ihre Angst war? Nun gut, er würde das Ganze mit Anstand hinter sich bringen, doch innerlich verfluchte er Torsten, der ihn in diese unangenehme Situation überhaupt erst hineinmanövriert hatte

„Bist du Torsten?“, riss Jan eine junge weibliche Stimme aus seinen Gedanken. Er blickte auf und sah in das fragende Gesicht mit den Kulleraugen. Die aus der Nähe noch viel riesiger wirkten, wie er fasziniert feststellte. „Nein, äh, doch!“, stammelte Jan verwirrt und brauchte einen Augenblick, um sich wieder im Griff zu haben. Er stand auf und reichte dem lustigen Pferdeschwanz die Hand. Mensch, war die zierlich! So klein und so dünn! „Dann bist du die Anneke, stimmt‘s!“ Er lachte sie fröhlich an. Und seine gute Laune war echt.

„Ich muss dir gleich was erklären“, begann Anneke, kaum dass sie Platz genommen hatte und die Bedienung nach ihrer Bestellung wieder verschwunden war. „Weil in einer Stunde ja schon die Leute vom Radio da sind und wir uns was überlegen müssen!“

Was erzählte die denn für ein wirres Zeug? Jan verstand nur Bahnhof.

„Ich möchte dir nämlich keine falschen Hoffnungen machen!“, fuhr Anneke fort. „Nicht, dass du dich hinterher beschwerst, ich hätte dich nicht rechtzeitig aufgeklärt.“ Sie nestelte verlegen an ihrer Serviette herum und wirkte dabei ziemlich nervös.

„Ich bin schon längst aufgeklärt“, versicherte Jan und meinte es wörtlich. Ein kleiner Witz konnte nie schaden. Und würde das verrückte Huhn vor ihm vielleicht etwas normalisieren.

„Wieso kannst du schon Bescheid wissen, wenn Anneke deine Telefonnummer überhaupt nicht hat?“, entfuhr es der vermeintlichen Anneke überrascht. Erschrocken schlug sie sich die Hand vor den Mund. Mist! Jetzt hatte sie sich verraten! Ihre unüberlegte Äußerung hätte Jan möglicherweise noch überhört, aber bei ihrem auffälligen Verhalten stutzte er. Nur kurz. Bis der Groschen bei ihm gefallen war.

„Du bist gar nicht Anneke, sondern jemand anders, habe ich recht?“, fragte Jan seine sympathische Tischgenossin, deren Gesichtsausdruck nun zwischen Erleichterung und Unbehagen hin und her pendelte. „Ich heiße in Wahrheit Emily“, erklärte sie leise.

Als Jan sie fröhlich angrinste, atmete Emily befreit auf. Sie hatte nämlich riesige Angst davor gehabt, dass der betrogene Kandidat auf ihren Schwindel total sauer reagiert. Und das zu recht, wie Emily fand. „Du bist wirklich nicht böse?“, fragte sie nach, weil sie sich vergewissern wollte, dass alles in Ordnung war. Der Junge machte einen so netten Eindruck auf sie, dass es ihr richtig leid tat, dass sie ihn belogen hatte. Wenn Anneke wüsste, welch charmanter Prinz ihr da entgangen ist! Was ist denn nur in ihn gefahren, wunderte sich Emily, als Jan in lautes Gelächter ausbrach und ihm vor lauter Lachen die Tränen über sein Gesicht liefen.

„Das ist zu komisch!“, japste er und schnappte nach Luft. „Ich bin nämlich auch nicht der Torsten, sondern der Jan!“ Und schon prustete er wieder los und hielt sich den Bauch vor Lachen. Umso mehr, als Emily ihn nun ihrerseits wie ein Auto anstarrte.

„Jan? Aber wieso?“, stammelte sie verwirrt, weil sie jetzt diejenige war, die nur noch Bahnhof verstand.

„Mein Freund Torsten hatte Muffensausen bekommen und mich zu seiner Verabredung geschickt“, klärte Jan die sichtlich verstörte Emily auf. Die daraufhin für einen kurzen Moment innehielt, überlegte und schließlich zufrieden lächelte.

„Und meine Freundin Anneke hatte plötzlich Angst vor ihrer eigenen Courage bekommen und mich gebeten, ihren Part zu übernehmen. Wegen der Leute vom Radio.“ Auf das Stichwort Radio hin schaute Jan rasch auf seine Armbanduhr. „Die in einer halben Stunde hier aufkreuzen werden“, stellte er fest. „Und was erzählen wir denen nun?“, wollte er von Emily wissen.

„Dass wir uns gut verstehen, vielleicht?“, schlug diese zaghaft vor und wurde dabei rot. Ihr gefiel Jan und warum sollten sie die Gelegenheit nicht nutzen, sich ausgiebiger zu beschnuppern, wo sie schon beide den Kopf für ihre ängstlichen Freunde hingehalten haben? Vorausgesetzt, Jan wollte sie ebenfalls näher kennenlernen.

„Eine verdammt gute Idee!“, meinte Jan und griff nach Emilys Hand. „Die werden total begeistert sein, wenn sich bei ihrer Kuppelsendung tatsächlich mal Zwei gefunden haben!“

Wer von beiden nun tiefer in die Augen des anderen blickte, wird wohl nie mehr geklärt werden können ...

Der blonde Italiener

„Was ist denn mit dir passiert?“, fragte Tanja verwundert ihre Freundin Jasmin. Die war gerade kurz in der Eisdiele verschwunden, um sich die lange Wartezeit in der Schlange am Straßenverkauf zu sparen, und brachte bei ihrem Wiederauftauchen neben einer dreikugeligen Milcheisbombe noch einen völlig entrückten Gesichtsausdruck mit.

„Wahnsinn!“, seufzte Jasmin verzückt und rollte ihre hübschen grünen Augen gen Himmel. „Da drinnen steht der süßeste Junge, den ich je in meinem Leben gesehen habe! Der hat vielleicht ein Lächeln drauf, zum Dahinschmelzen!“

„Man sieht´s“, grinste Tanja und deutete auf Jasmins Waffel, auf der sich das Schokoladeneis gerade zu einem braunen Rinnsal verdünnisierte. „Dein armes Eis hat es auch schon erwischt!“ „Verdammt!“, fluchte Jasmin, als sie die Bescherung sah. Hastig schleckte sie die Tropfen ab, bevor sie ihr auf das weiße T-Shirt plumpsen konnten und sie für den Rest des Tages wie eine Idiotin aussehen ließen. Allerdings waren ihre Bewegungen dabei so ruckartig und hastig, dass sich die oberste Kugel, die nicht eben fest auf dem Eisgipfel gethront hatte, den physikalischen Kräften, die da unvermittelt auf sie einwirkten, nicht standhalten konnte und mit einem lauten Schmatz auf das Straßenpflaster platschte.

„Oh, Mann, hey“, schimpfte Jasmin weiter. „Warum passieren immer nur mir solche Missgeschicke? Dir ist doch noch nie ein Eis runtergefallen, in den ganzen 10 Jahren nicht!“ 11 Jahre verbesserte Tanja im Stillen. Sie waren bereits seit 11 Jahren befreundet. Seit dem Kindergarten. Die beiden Freundinnen ergänzten sich auf ideale Weise. Hier die besonnene, eher ruhige Tanja, dort die wildere, extrovertierte Jasmin, die jede ihrer Aktionen zu einem unterhaltsamen Schauspiel machte und keine Minute ruhig sitzen bleiben konnte. Und der eben auch mal ein Eis runterfiel. „Hoffentlich ist dein schnuckeliger Eisverkäufer den Verlust deiner Pistazienkugel auch wert gewesen!“, erinnerte sie Jasmin nun an den eigentlichen Grund ihres Missgeschicks. Auf dieses Stichwort reagierte Jasmin auf ihre typische, aufsehenerregende Art.

„Er ist ein Traum!“, schwärmte sie von dem unbekannten Jungen hinter der Theke, den sie gerade mal eine Minute erlebt hatte. „Du müsstest mal seine blauen Augen sehen! Jetzt versteh‘ ich auch den Spruch von wegen tiefer Seen und so. Was für ein Blau! So dunkel und so unergründlich! Der pure Wahnsinn! In diesen Augen versinkst du richtig!“ Rasches Luftholen. „Schade, dass er mich nicht bedient hat, sondern nur sein langweiliger Kollege!“ Ein herzerweichendes tiefes Seufzen, kombiniert mit einem traurigen Dackelblick, beendete Jasmins Auftritt.

Tanja lachte und versetzte ihrer Freundin einen aufmunternden Rippenstoß. „So kenne ich dich ja gar nicht!“, meinte sie aufmunternd. „Du hast doch bisher noch immer bekommen, was du wolltest! Bestimmt heckst du schon längst einen Plan aus, wie du dir diesen Traumtypen angeln kannst, stimmt´s?“ – „Genau, ich werde mir hier ab heute jeden Tag ein Eis holen!“, entgegnete Jasmin. „Und davon richtig fett werden!“ Spitzbübisches Grinsen. „Na ja, wohl doch eine schlechte Idee!“

„Aber du würdest ihm garantiert auffallen!“, ging Tanja auf Jasmins Idee ein. „Ja, und zwar als verfressene Tonne!“, grinste Jasmin.

Plötzlich wurde ihre Miene ernst und der Geistesblitz, der sie überkam, war ihr förmlich anzusehen. „Ich hab`s“, rief sie aus. „Ich werde an der Volkshochschule Italienisch lernen und ihn mit meinen Sprachkenntnissen erobern. Genial! So klappt´s!“

„Ob sich diese Mühe wohl lohnt?“, zweifelte Tanja, die mittlerweile durch die offene Tür der Eisdiele einen Blick auf Jasmins Objekt der Begierde geworfen hatte. „Immerhin ist er blond, vielleicht ist er ja gar kein Italiener?“ Doch Jasmin ließ ihre Zweifel nicht gelten, da sie in ihren Augen unberechtigt waren. „Er heißt Marco und hat mit der Frau, die er gerade bedient hat, Italienisch gesprochen. Er ist Italiener, eben ein blonder. Wie gesagt, etwas Besonderes, mein Traumprinz!“ „Scheint tatsächlich so“, gab Tanja widerwillig zu und schluckte die letzte skeptische Bemerkung, die ihr eben noch auf der Zunge gelegen hatte, um des lieben Friedens willen lieber hinunter. Jasmins Noch-nicht-aber-bald-Romanze erlebte Tanja in den nächsten Wochen hautnah mit. So begleitete sie ihre Freundin getreulich zur Anmeldung in die Volkshochschule, holte sie regelmäßig nach den Kursstunden ab und trug nicht unwesentlich zu ihrem Lernfortschritt bei, indem sie sich erbarmungslos Italienischvokabeln aufsagen ließ, wo immer sie sich auch gerade befanden. Was heißt Getränk, was bezahlen, was Kind, was Auto, was Obst, was ...?

Mit unendlicher Geduld ertrug sie den Umstand, dass in Jasmins MP3-Player nun Sprachkurse statt der gewohnten Balladen liefen, dass Jasmin bei ihren gemeinsamen Klön-Stunden nur ein einziges Thema kannte und dass sie mit ihr jeden zweiten Tag in die besagte Eisdiele zu schlappen hatte, damit sich Jasmins Anblick unauslöschlich in das Gedächtnis des blonden Italieners brennen konnte. Gerne versicherte sie Jasmin zehnmal vor deren Kurzgastspielen auf der Eisdielenbühne, dass sie einfach umwerfend aussehen würde, gelassen hörte sie sich die soundsovielte Wiederholung von Jasmins Schwärmereien und Schilderungen über den wunderbaren Marco an.