Toni will Pauline - Anja Gerstberger - E-Book

Toni will Pauline E-Book

Anja Gerstberger

0,0

Beschreibung

An seinem 13. Geburtstag verknallt sich Toni in seine Klassenkameradin Pauline. Da er über keine besonderen Talente verfügt, mit denen er sie erobern könnte, entwickelt er seinen ganz persönlichen Plan, es dennoch zu schaffen. Schritt für Schritt setzt er ihn trotz aller Widerstände um, stets sein rotgelocktes Ziel vor Augen. Bis zum dramatischen Finale im Schwimmbad.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 193

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Meiner Tochter Katja zu ihrem 12. Geburtstag

Inhalt

An seinem 13. Geburtstag verknallt sich Toni in seine Klassenkameradin Pauline. Da er über keine besonderen Talente verfügt, mit der er sie erobern könnte, entwickelt er seinen ganz persönlichen Plan, es dennoch zu schaffen. Schritt für Schritt setzt er ihn trotz aller Widerstände um, stets sein rotgelocktes Ziel vor Augen. Bis zum dramatischen Finale im Schwimmbad.

Autorin

Die ehemalige Lehrerin Anja Gerstberger betreibt die Jugendwebsite www.juppidu.de, arbeitet als Lektorin (www.gerstberger.de) und schreibt Bücher. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Jetzt schlägt’s 13!

Auf in den Kampf!

Probier’s mal mit Entertainment!

Lass Blumen sprechen!

Blaulichtszenen

Wie geht noch mal Gentleman und Romantiker?

Man sieht auch mit der Nase gut

Jetzt oder nie!

Unterstützung auf vier Pfoten

Freundschaftsdienste

Es bleibt ja in der Familie

Fettnäpfchenspringen

Hilfe, Sabotage!

Dann eben ohne mich!?

Einleitung

Ich heiße Toni, bin 13 Jahre alt und ein schulbekannter Eroberer.

Vor wenigen Wochen hätte ich mich noch ganz anders beschrieben:

Ich heiße Toni, bin 12 Jahre alt und das größte Weichei der Klasse. Wahlweise auch The Biggest Loser, aber das könnte man wieder mit der Fernsehsendung verwechseln, also doch lieber Weichei. Oder Loser ohne was davor, schließlich erklärt sich Loser ja von selbst.

Da ihr sicher nicht an Wunder glaubt und wisst, dass ein normalstnormaler, nicht nur unauffälliger, sondern richtiggehend unsichtbarer Durchschnittslangweiler sich nicht über Nacht in Superboy – für Superman bin ich dann doch nicht alt genug – verwandeln kann, die Sache also einen Haken haben muss, erzähle ich euch einfach, was dazwischen passiert ist.

Ich glaube nämlich, dass meine Geschichte sich überall wiederholen könnte, nein, nicht könnte, müsste. Warum schließlich sollte ich der Einzige sein? So eingebildet bin ich nun auch wieder nicht. Es gibt so viele von uns:

Jungs,

die durchschnittlich aussehen, durchschnittliche Noten haben und durchschnittlichen Hobbys nachgehen,

die keine Millionäre als Eltern haben, um mit Papas Scheinchen in der Clique den großen Macker markieren und vor der Angebeteten protzen zu können,

die weder grandiose Sportskanonen noch begnadete Dichter, Gitarristen, Tänzer oder Sänger sind, also absolut keine Fähigkeiten haben, mit denen man (fast immer) bei den Mädchen gut ankommt,

die auf Mädchenansammlungen ab zwei Exemplaren mit Fluchtverhalten, Schweißausbrüchen und Sprachlähmung reagieren. In besonders schlimmen Fällen auch mit roter Gesichtsfarbe und Stottern,

die zu viel Hirn im Schädel haben, als dass sie sich auf schwachsinnige Mutproben und waghalsige Aktionen einlassen würden.

Erkennst du dich wieder? Dann habe ich genau für DICH meine Erfahrungen aufgeschrieben. Oder besser meine Geschichte.

Ich kann dir nichts versprechen – Rezepte mit Erfolgsgarantie gibt es nicht mal im Backbuch meiner Oma – , denn bei jedem kann die Story einen anderen Verlauf nehmen als bei mir, aber so, wie ich aus meinen Erlebnissen gelernt habe, kannst du es auch.

Glaube ja nicht, dass alles immer Ponyhof war! Nee, nee. Ein Traumprinz zu werden kann sogar sehr anstrengend sein. Gespickt mit vielen Hindernissen und noch mehr Peinlichkeiten. Später mehr dazu.

Auf mich trafen und treffen jedenfalls leider alle oben genannten Punkte zu. Dennoch habe ich an meine winzige Chance geglaubt und mich in das Abenteuer bzw. den Kampf gestürzt. Das Ziel wies mir dabei den Weg. Mein Ziel hieß Pauline.

Mein Motto als Ritter, der auszog, ein bestimmtes Damenherz zu erobern, lautete: Hinfallen. Aufstehen. Rüstung in Ordnung bringen. Weiterkämpfen.

Übrigens dürfen natürlich auch Nicht-Beschriebene das Buch lesen, beispielsweise:

Mädchen, um das Geheimnis Jungs ein wenig besser zu begreifen,

Jungs, bei denen stets alles rund läuft, damit sie ihren Freunden beistehen können, wenn diese Schwierigkeiten haben, ihre Rüstung wieder in Ordnung zu bringen,

Eltern, die sich angesichts des seltsamen Verhaltens ihres Sprösslings mit dem Gedanken tragen, selbigen einem Psychologen oder Psychiater vorzustellen,

Lehrer, die sich abwechselnd fragen, ob sie statt in einer Bildungseinrichtung in Wahrheit in einem Menschenzoo, einer Irrenanstalt oder einem Hormon-Versuchslabor gelandet sind, und daher über eine Klage auf Schadensersatz oder Schmerzensgeld nachdenken,

Possierliche Tiere wie Bücherwürmer und Leseratten, die gerne schmökern und lachen.

So. Genug des Vorgeplänkels. Auf der nächsten Seite geht meine Story endlich los.

Versprochen.

1) Jetzt schlägt's 13!

Ich wache auf und zunächst fühlt sich der Morgen an wie immer: Zu früh, zu hell, zu laut. Stöhnend ziehe ich mir die Bettdecke über den Kopf und rolle mich zu einer Kugel zusammen in der Hoffnung, ein schwarzes Loch zu entdecken, in das ich mich einsaugen lassen und vor dem nächsten grausamen Schulvormittag in Sicherheit bringen kann, als ungewohnte Geräusche bis zu meinem schlaftrunkenen Unterbewusstsein vordringen: Wispern, Rascheln, schleichende Schritte.

Moment mal, funkt mein Langzeitgedächtnis. Eltern wispern, rascheln und schleichen nicht. Schon gar nicht meine große Schwester Jo: Selbige hieß bis zu ihrem 14. Lebensjahr übrigens Johanna, so auch in ihrer Geburtsurkunde eingetragen. Johanna war seit besagtem Tag jedoch als Rufname eine Zumutung und wurde daher gegen das so viel coolere Jo getauscht, gesprochen Tschoou. Ihre ABF (für Oldies und Outis: Allerbeste Freundin) darf sie auch Joanna nennen, gesprochen Tschoänna.

Eltern schreien (Wahlweise: „Wer hat schon wieder mein Shampoo geklaut!“ oder „Hat jemand meinen Schlüssel gesehen, verdammt, ich muss heute früher los!“), verrichten alltägliche Tätigkeiten wie Tisch decken oder Duschen im Düsenjägermodus und trampeln wie die letzten Dinos durchs Haus.

Jos Sound foltert meine vor sieben Uhr überempfindlichen Lauscher noch fieser: Fröhliches Trällern (vermutlich in Vorfreude auf ihre Flamme, die sie in der Schule nach der ewigen Trennung von gefühlten 1000 Stunden, tatsächlich nur schlappen 12, endlich, endlich wiedersehen wird), gnadenloses Dauerfeuer aus ihren Lärmwaffen Gettoblaster (begleitet die morgendlichen Figur-Optimierungsübungen, was die Eltern erlauben, da der Sohnemann schließlich auch in die Gänge kommen soll und die bis zur Schmerzgrenze aufgedrehte Musikmaschine ihnen die Aufweckarbeit dankenswerterweise abnimmt), Fön (das Gesamtkunstwerk auf dem Haupt meiner Schwester braucht seine Zeit) und Smartphone-Klingelton (Welcher normale Mensch empfängt zu nächtlicher Stunde, okay, das ist vielleicht etwas übertrieben, aber ab 6:00 Uhr bestimmt, im 5-Sekundentakt lebenswichtige Textnachrichten?!?) und zur Vollendung ihrer Krawalloper schließlich das beschwingte Hinunterhüpfen auf der Treppe, wohlgemerkt in hippen Holzclogs auf Naturstein.

Da ich zu den Gewohnheitstieren zähle, weckt mich die unerwartete Stille schlagartig auf und signalisiert Gefahr. Was ist los?

Ein Blick auf den Kalender und die Erinnerung an Mamas gestriges Dauer-Tätigsein in der Küche lösen das Rätsel:

Geburtstag! Und zwar meiner!

Wie gut, dass es in unserem Haushalt keine Webcams gibt, die die peinlichen Geburtstagsbräuche meiner Familie in die Öffentlichkeit posaunen könnten (Hast du schon gesehen, bei den Fischers machen sie eine Polonäse und es gibt eine Luftballonpinata, prust, prust)!

Zugegeben, als Vorschulknirps fand ich den von Papa mit dem Akkordeon (Papa wurde zu diesem Instrument verdonnert, weil es ohnehin schon im Haushalt vorhanden war und kein neues angeschafft werden musste, daher beherrschen meine Schwester und ich KEIN Instrument) angeführten Musikzug vom Bett des Geburtstagskindes in die Küche zum festlich gedeckten Frühstückstisch mit dem doppelten Geburtstagskuchen (Kerzen zum Auspusten obendrauf, eingebackener Glücksbringer innendrin, meine Mutter muss es immer übertreiben) ausgesprochen lustig und bin begeistert mitmarschiert, doch bereits in der Grundschule war mir das Theater mehr als unangenehm und jetzt finde ich es nur noch peinlich.

Sind das wirklich erwachsene Menschen (also sich jenseits des Kleinkindalters bzw. der Pubertät befindlichen), die sich wie durchgeknallte Typen aufführen und Happy Birthday (bei den Großeltern ist der neumodische Kram nicht erlaubt, da muss es dann die deutsche Version „Zum Geburtstag viel Glück“ sein) grölend durch den Flur und das Treppenhaus ziehen? Wenigstens entspricht die Zahl der Wiederholungen nicht mehr dem jeweils erreichten Lebensalter, ab 10 nur noch einmal pro Dekade, uff, Glück gehabt, bei 13 wird abgerundet.

Um nicht die Spaßbremse zu geben, stelle ich mich schlafend, als durch das Schlüsselloch ein dreifaches Tuscheln braust: Pst! Seid leise! Sonst hört er uns noch! – Sehr geistreich, spätestens jetzt wäre jeder Nicht-Taube wach geworden! Danach folgt das leise Herunterdrücken der Türklinke, besser gesagt, der Versuch, denn unsere Türklinken sind so schwergängig, dass ein leises Betätigen gar nicht möglich ist. Erst tut sich gar nichts und dann entlädt sich der aufgebaute Druck in einem lauten Knack! Abhilfe wird es nicht geben, da ein Komplettaustausch dieser Fehlkonstruktion an meinem sparsamen Vater („Die tun's doch noch!“) und meiner romantisch veranlagten Mutter („So schöne findet man heute gar nicht mehr!“) scheitern würde. Also weiterhin Klack, Klack.

Die automatische Überwachungsfunktion nicht zu vergessen: Nächtliche Kühlschrankplünderungen von wem auch immer werden seit Papas missglücktem Biskuitrollengemetzel gar nicht mehr in Erwägung gezogen. Nicht nur, dass Paps versucht hatte, die für Mamas Kaffeeklatschtanten vorgesehene Erdbeerrolle stümperhaft zusammenzuschieben, nachdem er zuvor ein üppiges Mittelstück entfernt und seiner eigenen Mitte einverleibt hatte, nein, es war seine Antwort auf Mamas Frage: „Kannst du mir verraten, was du nachts um Zwei mit der Tortenschaufel herumzuhantieren hast?“ Vielleicht wäre die Wahrheit („Das Endstück ranschieben und die Naht zuspachteln!“) doch besser gewesen als sein Aufopferungsspruch: „Es ist doch besser, wenn nach dem Kaloriensündenfall ein einzelner Mann Diät halten muss und nicht fünf Frauen!“

Wie lange brauchen die denn bis zu meinem Bett? Ich will endlich anfangen und es hinter mich bringen! „Guten Morgen, Geburtstagskind! Aufstehen! Feiern! Singen! Tanzen! Geschenke!“ Der Wörter-Beschuss ist erst der harmlose Anfang. Jo zieht meine Bettdecke weg, während Mama mir einen Kuss auf die Wange geben will (zGkW: zum Glück keine Webcam), was dazu führt, dass sich beide verheddern und auf mich drauf plumpsen, eine Bemerkung zu ihrem Gewicht verkneife ich mir lieber.

Lieber Augen auf und den Überraschten spielen. Küssen. Umarmen. Aufstellung. Papas Quetschkommode hinterher: Das Happy Birthday reicht fast bis zur Küche. Als ich den beachtlichen Pfannkuchenberg erblicke, fängt es tatsächlich an, Spaß zu machen. Die Kerzen puste ich lässig aus, die unvermeidlichen Bemerkungen zu meinem neuen Alter kommentiere ich mit einem Lächeln, das hoffentlich nicht so gequält aussieht, wie es sich anfühlt. „13 ist gar keine Unglückszahl, dein neues Lebensalter wird bestimmt ganz toll!“ (Mama) – „Jetzt, schlägt's 13, Junge! Jetzt locken nicht mehr die Legosteine, sondern die Mädchenbeine!“ (Paps) – „Wie wär's, wenn du ab heute Daisy übernimmst? Geld kann man immer gebrauchen! Frau Westermann hätte bestimmt nichts dagegen!“ (Jo). Eigentlich keine blöde Idee. Dreimal wöchentlich eine halbe Stunde den Nachbarshund um den Block führen und dafür zehn Euro kassieren. Hört sich nach einem fairen Deal an.

„Pusten! Wünschen! Auspacken!“ Mama wird ihrer Rolle als Antreiberin wie immer gerecht. „Mach schon! Du musst ja auch noch frühstücken, ins Bad und wegen der Cupcakes früher als sonst losfahren!“ Selbst am Geburtstag wird man gehetzt, seufz! Also gut, tief Luft holen und die 13 Kerzen erlöschen lassen. Trotz der dicken in der Mitte problemlos geschafft. Unvergessen mein 11. Geburtstag, als ich versagt habe und mich nach dem Pusten ein einzelnes Flämmchen hämisch angegrinst hat. Die entsprechenden Kommentare meiner Lieben sind dagegen dann das gesamte Jahr über immer wieder aufgeflammt. „Jetzt darfst du dir was wünschen!“ (Mama, überflüssig). – „Ich hätte da schon eine Idee!“ (Papa, grinsend). – „Aber das darf er doch nicht laut sagen, sonst geht der Wunsch nicht in Erfüllung!“ (Jo, ebenfalls überflüssig). Da mir so auf Kommando (als hätte ich nicht ein volles Jahr Zeit gehabt, darüber nachzudenken) kein angemessen toller Wunsch einfällt, spare ich ihn mir auf. Das ist doch erlaubt, oder? Falls man überhaupt daran glaubt.

„Jetzt mach endlich deine Geschenke auf!“ Mama drückt mir ungeduldig ein weiches Päckchen in die Hand. Die alljährlichen selbst gestrickten Socken. Zwei Paar. Diesmal weißblau geringelt und grasgrün. „Die passen genau zu deiner Cordhose!“ Die mir garantiert nicht mehr passt, weil ich in diesem Sommer gefühlte zehn Zentimeter gewachsen bin. Aber egal, Schlafsocken kann man nie genug haben.

„Klein, aber fein!“ Papa reicht mir einen blauen Umschlag. Eine Konzertkarte? Ein Ticket für das nächste Spiel der Nationalmannschaft? Bargeld? Fast. Ein großzügiger Gutschein für das Einkaufszentrum unserer Stadt. „Damit du nicht länger den langweiligen Kram anziehen musst, den dir deine Mutter kauft!“ Papa lacht. „Als ob ich keinen Geschmack hätte, Stefan!“ Mama zieht eine Schnute. „Außerdem hat Toni immer Mitspracherecht!“ Naja, das will ich jetzt nicht vertiefen. Bei meiner Baggyhose musste ich mich mit dem harmlosesten Modell zufriedengeben. Was ich dann mit der Wahl des wildesten Musters gekontert hatte. Egal, künftig wäre ich bei meinen Outfits ein freier Mann. Zumindest so lange, wie Papas Wertkarte reicht.

„Noch ein Gutschein?“, frage ich Jo, als sie mir lächelnd einen gelben Umschlag überreicht. „Kinokarten? Klasse! Danke! Da kann ich mit Claas in den nächsten Actionkracher“. – „Du musst schon genau lesen, Brüderchen.“ Jo grinst verdächtig fies. Was kann ich denn schon überlesen haben?

Oh nein, was steht da? „Ein Pärchen-Gutschein!“ War ich derjenige, der diesen entsetzten Schrei ausgestoßen hat? „Seit wann gibt es denn so was?“ – „Der neueste Werbegag. Als Pärchen sparst du zwei Euro im Vergleich zu Einzeltickets.“ So sparsam kenne ich meine Schwester gar nicht. „Soll ich etwa mit Claas Händchen halten, um in den Film reinzukommen?“ Jo rollt genervt mit den Augen. „Natürlich nicht. Warten, bis es Zoom macht. Der Gutschein ist zwei Jahre gültig. So ein Spätzünder wirst du ja wohl auch nicht sein!“ Ich und Spätzünder?

„Wollen wir nicht endlich den Kuchen anschneiden?“ Papas Bass verhindert ein Nachdenken über diese Frage. Pfannkuchen sind nicht gerade sein Ding. Umso entschlossener jagt er das Messer in sein sahniges Opfer.

Unglaubliche zehn Minuten später (fünf für die Pfannkuchen, fünf im Bad fürs Anziehen und Katzenwäsche, Mundspülung statt Zähneputzen als Trick) kämpfe ich an meinem Fahrrad mit Mamas überdimensionierten Kuchenbehältern. „Die müssen ganz gerade transportiert werden und nicht zu fest bremsen!“ Sorgenvoll überwacht sie meine Bemühungen. DIE sind 26 Cupcakes. Verteilt auf zwei Boxen. 13 mit Vanillecreme und Smarties, 13 mit Schokosahne und bunten Zuckersternen. Meine beiden Expander müssen zu Höchstform auflaufen, bis die wertvolle Fracht ausreichend (in meinen Augen, in Mamas noch lange nicht) gesichert ist. „Glaubst du wirklich, dass das hält, Toni?“ Bedenkliches Stirnrunzeln bei Mama. „Klar!“, rufe ich fröhlich, steige entschlossen in die Pedale und sause los. Viertel vor Acht. Pünktlich sein oder Frachtschäden in Kauf nehmen?

Drei nach Acht. Doch als Geburtstagskind genieße ich heute das Wohlwollen der Lehrerschaft. Verärgerte Augenbrauen, die sich ebenso schnell wieder senken, wie sich der zur Schimpfrede ansetzende zugehörige Mund wieder schließt, als ich nach vorsichtigem Fußtritt an die Klassenzimmertür und einem drohend knurrigen „Herein!“ die riesigen Cupcake-Boxen zu meinem Platz balanciere. Geschafft. Alle heil geblieben. Ein knapper Blick von Mathe-Baumann genügt und er hat die Situation erfasst. „Die verteilen wir dann in der zweiten Stunde. Kurz vor der Pause.“ So tiefenentspannt hätte er sonst nicht auf ein immerhin achtminütiges (War der Weg vom Fahrradkeller schon immer so weit? Plus die heikle Fracht) Zuspätkommen reagiert. „Ach ja, Glückwunsch.“ Von Baumann hörte sich das fast schon wie eine Liebeserklärung an.

„Ich will einen mit Schoko!“ – „Ich Vanille.“ – „Gibt es auch einen ohne Deko?“ Typisch Tina, rappeldürr und achtet trotzdem immer auf die Figur. Das hübscheste Mädchen der Klasse. Für Normalsterbliche unerreichbar.

„Gib her, dann esse ich deine Creme und die Smarties!“, mimt Gierschlund Eric den Hilfsbereiten. „Aber nicht mit den Fingern!“, kreischt Tina entsetzt. Schade, dass ihre Quiekstimme nicht so recht zu ihrem Aussehen passt. Wortlos reiche ich Eric eine Plastikgabel. Mama hat wie immer an alles gedacht.

„Hast du noch einen für mich übrig, Kumpel?“, erkundigt sich Eric und dreht sich in meine Richtung um. Der Beginn einer unglücklichen Kettenreaktion: Er stößt bei seiner Drehung an Leonie und katapultiert sie nach dem Riesebesiegt-Elfe-Gesetz auf ihr Gegenüber Klara, die daraufhin rückwärts an Timo knallt. Dieser gerät aus Überraschung kurz ins Schwanken, was Anna, die direkt neben ihm steht, zu einem beherzten Sprung zur Seite veranlasst, wobei sie auf Saschas Fuß landet. Der flucht, reibt seinen schmerzenden Fuß und hüpft wild schauspielernd wie Rumpelstilzchen herum. Rempelt dabei Pauline an, die gerade in ihren Schoko-Cupcake beißen will. Die braune Sahne trifft nun die Nase statt den Mund, außerdem verliert Pauline das Gleichgewicht und fällt vornüber.

Auf mich. Und den Vanille-Cupcake in meiner Hand. Zur braunen Nase gesellt sich ein roter Pulli mit hellgelbem Zierstreifen. Dazu ein blauer mit demselben Muster. Meiner. Schadenfrohes Gelächter der lieben Mitschüler und Mitschülerinnen untermalt die peinliche Situation. „Entschuldigung.“, sagt Pauline. „Entschuldigung!“, entgegne ich automatisch. „Wieso Entschuldigung? Du kannst doch gar nichts dafür!“ Kurze Pause, während sie mit dem Finger die Creme von ihrer Brust klaubt und den Finger abschleckt. „So kann ich wenigstens beide Sorten probieren.“ Nach dem Pulli ist dann die Nase mit dem Säubern an der Reihe. „Schoko ist eindeutig besser!“

„Meine Mutter kann deinen Pulli waschen“, biete ich an, „Wenn du möchtest.“ Irgendwie fühle ich mich für das Unglück verantwortlich. Schließlich hatte ich die klebrige Ladung mitgebracht. „Nicht nötig.“ Pauline blickt an sich herunter. „Ist schon fast weg.“ Dreht sich um und ist es selbst auch.

So wie ich. Aber das gehört schon ins nächste Kapitel.

2) Auf in den Kampf!

Ich liege auf meinem Bett und horche in mich hinein. Wie Mama beim Meditieren, so hat sie es mir zumindest erklärt. Noch höre ich nichts. Stimmt nicht. Ehrlich gesagt höre ich sehr wohl etwas. Aber etwas, das neu ist, Angst macht und sich eindeutig noch eine Nummer zu groß anfühlt.

Ich glaube, es hat bei mir heute dieses berühmte Zoom gemacht. Bei Pauline. Als sie so lässig auf die klebrige Cupcake-Sauerei reagiert hat, obwohl alle gelacht haben. Während ich erwartungsgemäß die Tomate gegeben habe, hat Pauline lässig die Finger abgeschleckt und ist davonspaziert.

Nix Drama-Queen („Oh nein, wie sehe ich nur aus! So kann ich mich unmöglich in der Pause sehen lassen!“), nix Hobby-Anwältin („Du musst die Reinigung bezahlen!“), nix Motz-Zicke („Wo doch jedes Baby schon weiß, dass Cremetorte unpraktisch ist!“). Einfach sauber machen und das Ganze nicht überbewerten. Kein Problem, kann mal passieren. Keine Show, zurück zur Tagesordnung. Kein anderes Mädchen der Klasse hätte so reagiert. Keines. Pauline ist wirklich beeindruckend.

Aber ich nicht. Ich bin leider kein bisschen beeindruckend. Durchschnittlichster Durchschnitt. Aussehen ohne jeden Erinnerungswert. Null Punkte (oder höchstens einen) auf der Musikalitäts- oder Sportlichkeits-Skala. Normales Elternhaus. Kein ausgefallenes Hobby. Nicht mal ein putziges Haustier. Absolut nichts, was ein Mädchenherz höher schlagen lassen könnte. Seufz.

Also Plan B. Wenn ich dem Zoom-Gefühl eine Chance geben will (und ich will, ergibt das kurze Hineinhorchen) und als Ritter der traurigen Gestalt meine Herzdame Pauline dennoch erobern möchte, brauche ich einen Plan B. Jeder erfolgreiche Feldherr in der Geschichte hat im Notfall einen Plan B aus der Tasche gezaubert und gesiegt.

Halt! Eine letzte Bestandsaufnahme, bevor ich loslege.

Gibt es irgendetwas an Pauline, das mich stört? Ihre roten Haare oder Sommersprossen? Dass sie geschätzte vier Zentimeter größer ist als ich?

Dass sie im Armdrücken vermutlich gegen mich gewinnen würde?

Dreimal Nein.

Gegenfrage: Was rechtfertigt den zu erwartenden Aufwand? Niedliche Grübchen. Keine aufgebrezelte Barbie-Kopie. St.-Pauli-Fan. Außerdem solo. Was ja nicht unwichtig ist.

„Toni, kommst du bitte zum Kaffeetrinken runter? Oma und Opa sind da!“ Die Verwandtschaft ruft. Der Schlachtplan muss warten. Vorerst jedenfalls.

Drei Tortenstücke (2 x Schwarzwälder Kirsch, 1 x Käsesahne), zwei Geschenke (wie immer ein Buch und ein nach dem Babuschka-Prinzip in etliche immer kleiner werdende Päckchen eingewickelter Geldschein) und eine Menschärgere-dich-nicht-Runde (das einzige Spiel, das alle von Jung bis Alt gerade noch aushalten) später, kann ich den Familienklauen entkommen (dem Apfelwein und den Das-ist-nix-für-die-Ohren-des-Jungen-Themen sei Dank) und mich dem Pauline-Projekt widmen. Mein Kopf raucht, mein Bauch grummelt (zu viel Torte oder Zoom?), mein Herz klopft. Das tut es zwar immer, aber nicht mit dieser Wucht. Wumm knallt es an meinen Brustkorb, wenn ich den Namen Pauline ausspreche. Wumm, wenn ich mir Paulines lächelndes Gesicht (ohne Sahne-Nase) vorstelle. Wumm, wumm, wumm, wenn ich mir vorstelle, ihre Hand zu halten. Stopp, Toni, ermahne ich mich selbst, zunächst brauchst du Ideen, wie du sie erobern kannst.

Bis zum Schlafengehen habe ich einen vierstufigen Plan mit Erfolgsgarantie ausgetüftelt und aufgeschrieben. Den Zettel habe ich zwischen den letzten beiden Bänden meiner Asterix-Sammlung versteckt. Nach zwei Stunden harter Arbeit sind vier knackige Zeilen übriggeblieben. Eben Klasse statt Masse:

5 Strategien von Toni Fischer zur Eroberung von Pauline Seeliger:

Ich gebe Pauline ein gutes Gefühl, das sie auf mich überträgt.

Ich zeige Pauline, was für ein toller Kerl ich bin.

Wenn nötig spanne ich eine dritte Person für meine Zwecke ein.

Falls erforderlich schalte ich Konkurrenten aus (nicht erwünscht).

Rückschläge entmutigen mich nicht, ich stecke sie heldenhaft weg (nicht vorgesehen).

Dass dann am Ende sogar noch eine sechste Strategie auftauchen sollte, kam überraschend. Doch ich will an dieser Stelle nicht vorgreifen.

Um gar nicht erst in Versuchung zu geraten, einen Rückzieher zu machen, will ich gleich morgen loslegen. Der ereignisreiche Tag hat bei mir seine Spuren hinterlassen. Ich bin zwar aufgeregt, aber gleichzeitig hundemüde. Rasch und zufrieden schlafe ich ein.

„Bist du krank, Toni?“ erkundigt sich Mama am nächsten Morgen, nachdem ich in neuer Rekordzeit gefrühstückt und mich fertiggemacht habe. „Nein, das macht das neue Lebensjahr!“ Ein Königreich für ein Foto von Mamas verwirrtem Gesicht.

Heute radle ich nicht, heute fliege ich zur Schule. Beschwingt trete ich in die Pedale und jage meiner nagelneuen Traumfrau entgegen. So fühlt sich Power an, so pures Glück. An der nächsten Kreuzung findet mein Rausch ein jähes Ende: „Sag mal, hast du etwa keine Augen im Kopf, du Blindfisch!“, schnauzt mich ein wütender Autofahrer aus dem heruntergelassenen Fenster an, dem ich bei meinem entrückten Ritt soeben die Vorfahrt genommen habe. „Hier gilt rechts vor links!“ Ob mein zerknirschtes „Tschuldigung!“ überhaupt bei ihm ankommt?

Während ich im Fahrradkeller der Schule mein Gefährt sichere, gehe ich in Gedanken nochmals meine heutigen Vorhaben durch. Denn bevor mich die Angst vor meinem eigenen Wagemut überkommen und lähmen kann, will ich gleich durchstarten mit den drei Ks für eroberungswillige Romeos: Komplimente, Körpersprache, Kavalier sein.

Während der Gruppenarbeit in Deutsch bei Frau Sailer wittere ich meine erste Chance. Pauline, ihre Banknachbarin Merle, mein Kumpel Claas und ich sollen aus einem Liebes-Gedicht von Heinrich Heine (Hey, da kommt mir doch sofort eine Idee, unbedingt notieren, Toni!) herausarbeiten, mit welchen Komplimenten der Dichter seine Liebste bezirzt und uns anschließend noch mindestens drei eigene für Körperteile unserer Wahl überlegen. Das Finden ist ein Klacks, das Erfinden dagegen eine Nullnummer. Vielleicht sollte mal jemand der Sailer stecken, dass Liebesgedichte für pubertierende Siebtklässler nicht unbedingt das geeignete Thema sind. Sternenäuglein, Rubinlippen und Busenschreine verschrecken selbst die aufgeklärtesten Teenager. Wir wissen alles und sind doch unbeholfen. Erst recht in gemischten Teams.

„Schreib auf: Schwarz wie Ebenholz, das ist gut“, fordert in der Gruppe links von uns Sascha die zum Schreiberling gekürte Lotte auf. „Das ist nicht gut, das ist Schneewittchen, du Vollpfosten!“, stellt Lotte klar. „Na und? Merkt doch keiner!“ Genervtes Augenrollen und Stöhnen von Saschas Gruppenmitgliedern.

Rechts läuft es auch nicht viel besser. „Wie wär's mit samtiger Haut oder goldenem Haar?“, schlägt Jonas vor. „Du glotzt zu viel Werbung, Alter!“, spottet Niklas. „Quatsch, empört sich der Gescholtene und macht einen weiteren Vorschlag: „Du hast so herrlich scharfe Kurven!“ „Oh Mann!“ Leonie fasst sich an den Kopf. „Du sollst ein Mädchen umwerben und keine Formel 1-Strecke vermarkten!“ „Dann mach doch selbst,