Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. »Hübsche Aufnahmen!« Wohlwollend blätterte Miriam Wolters von der Agentur Wolters & Partner die Fotografien durch, die vor ihr lagen. Ein Hoffnungsschimmer glomm in Rominas Augen auf. »Natürliche Ausstrahlung, hübsche Figur, sehr mädchenhaft.« Miriam Wolters klappte die Mappe zu und musterte die Achtzehnjährige mitleidig, die vor ihr nervös auf dem Stuhl saß. »Aber leider nicht das, wonach wir momentan suchen. Im Augenblick haben wir nur Anfragen für knabenhafte Typen. Scheint der Trend fürs nächste Jahr zu sein. Tut mir leid.« Freundlich aber bestimmt schob sie die Mappe über den Tisch. Ernüchternd griff Romina danach und seufzte. »Immer wieder bekomme ich das gleiche zu hören«, erklärte sie deprimiert. »Dabei hat mir der Fotograf, bei dem ich die Aufnahmen gemacht habe, wirklich große Hoffnungen gemacht. Er hat meine Professionalität und die Natürlichkeit gelobt, mit der ich mich vor der Kamera bewege.« »Mag schon sein, Kind. Aber ich sagte doch schon, im Moment bist du einfach der falsche Typ.« Eine Spur Ungeduld schwang in Miriam Wolters' Stimme, Romy bemerkte es und erhob sich schnell. »Da kann man wohl nichts machen.« Ein Schatten fiel über ihr hübsches Gesicht.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 134
Veröffentlichungsjahr: 2023
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
»Hübsche Aufnahmen!« Wohlwollend blätterte Miriam Wolters von der Agentur Wolters & Partner die Fotografien durch, die vor ihr lagen.
Ein Hoffnungsschimmer glomm in Rominas Augen auf.
»Natürliche Ausstrahlung, hübsche Figur, sehr mädchenhaft.« Miriam Wolters klappte die Mappe zu und musterte die Achtzehnjährige mitleidig, die vor ihr nervös auf dem Stuhl saß. »Aber leider nicht das, wonach wir momentan suchen. Im Augenblick haben wir nur Anfragen für knabenhafte Typen. Scheint der Trend fürs nächste Jahr zu sein. Tut mir leid.« Freundlich aber bestimmt schob sie die Mappe über den Tisch.
Ernüchternd griff Romina danach und seufzte. »Immer wieder bekomme ich das gleiche zu hören«, erklärte sie deprimiert. »Dabei hat mir der Fotograf, bei dem ich die Aufnahmen gemacht habe, wirklich große Hoffnungen gemacht. Er hat meine Professionalität und die Natürlichkeit gelobt, mit der ich mich vor der Kamera bewege.«
»Mag schon sein, Kind. Aber ich sagte doch schon, im Moment bist du einfach der falsche Typ.« Eine Spur Ungeduld schwang in Miriam Wolters’ Stimme, Romy bemerkte es und erhob sich schnell.
»Da kann man wohl nichts machen.« Ein Schatten fiel über ihr hübsches Gesicht. Ohne es zu wollen, bekam Miriam Mitleid mit dem zierlichen Mädchen, das sie, wäre die Nachfrage eine andere gewesen, sofort unter Vertrag genommen hätte.
»Paß mal auf, Mädchen.« Sie erhob sich und kam um den Tisch herum, bis sie Romina Gnade Auge in Auge gegenüberstand. Tapfer hielt sie ihrem Blick stand. »Ich kann dich in meine Kartei aufnehmen. Wer weiß, manchmal hat ein Designer entgegen aller Trends eigene Vorstellungen von dem Model, das seine Kollektion präsentieren soll. Wenn sich wider Erwarten was ergeben sollte, hörst du von mir. Aber mach dir keine zu große Hoffnung«, schränkte sie sofort ein, als sie das Leuchten in Romys Augen bemerkte.
»Natürlich nicht. Aber immerhin ist das ein Anfang. Die anderen Agenturen haben mich rundweg abgelehnt«, entfuhr es Romina spontan. Erschrocken schlug sie sich mit der Hand auf den Mund, doch Miriam lachte nur über soviel Spontanität.
»Man sieht, daß du noch jung und unverdorben bist. Bewahre dir deine Natürlichkeit.« Sie warf einen Blick auf die Uhr. »Und jetzt muß ich zum Casting. Geh nur rüber zu Nancy, die nimmt deine Daten auf und scannt deine Fotos ein. Mit etwas Glück sehen wir uns wieder.«
Ein warmer Händedruck, und schon eilte Miriam Wolters aus dem Zimmer. Sie war beständig unter Zeitdruck, jagte von einem Termin zum anderen, castete junge Mädchen, die von einer Modelkarriere träumten und zerstörte andererseits ebenso viele Hoffnungen mit nur einem Satz. Romina ahnte in diesem Augenblick nicht, wie groß der Eindruck gewesen war, den sie in ihrer Natürlichkeit auf Miriam Wolters gemacht hatte und wie glücklich sie sich schätzen konnte, überhaupt in die Kartei aufgenommen zu werden.
Es war bereits dunkel, als sich Romina Gnade endlich auf den Nachhauseweg machen konnte. Mit klopfendem Herzen schwang sie sich auf ihr klappriges Herrenfahrrad, zog die Ärmel ihres Pullovers über die Hände, denn um diese Jahreszeit begann es am Abend empfindlich kalt zu werden, und trat in die Pedale. Schon bald glühte ihr Gesicht vor Anstrengung. Was mochte ihr Adoptivvater Julius, von Romy liebevoll Papsi genannt, zu der erneuten Verspätung sagen? Ihr Puls raste nicht nur vor Anstrengung, als sie endlich vor der beeindruckenden Villa vom Fahrrad stieg und einen ängstlichen Blick hinauf warf. Die meisten der dunkel gestrichenen Holzfensterläden waren noch geöffnet. Das war ungewöhnlich. Normalerweise war ihre Adoptivmutter Erika sehr darauf bedacht, alle Fenster ordentlich zu schließen. Nur im Erker, auf der rechten Seite des verschachtelten Hauses, waren sie tatsächlich geschlossen. Durch die Ritzen fielen Lichtstrahlen auf den grob gepflasterten Weg.
»Papsi, du bist schon zu Hause?« Rominas Atem ging inzwischen ruhiger, als sie die Tür zum Erkerzimmer öffnete, die leise in den Angeln quietschte.
»Romy, Kind, wo kommst du denn um diese Zeit her?« Die helle Aufregung stand Julius ins Gesicht geschrieben, als er seine Tochter begrüßte. »Ich habe mir schon große Sorgen gemacht.«
»Aber Papsi, darf ich dich daran erinnern, daß ich inzwischen erwachsen bin?«
»Und darf ich dir meinerseits ins Gedächtnis rufen, daß meine Sorge um dich nicht mit dem achtzehnten Geburtstag endet?« konterte er aufgebracht. »Wo treibst du dich um diese Uhrzeit herum? Der Nachmittagsunterricht ist doch bestimmt seit Stunden vorbei.«
»Ich war bei Benedikt, Hausaufgaben machen«, redete sich Romy verlegen heraus und vermied es, ihrem Ziehvater ins Gesicht zu sehen. Die Lüge brannte wie ein Mal auf ihren erhitzten Wangen. Unter gar keinen Umständen durfte ihr Papsi von ihren heimlichen Modelplänen erfahren. Doch Julius schien mit den Gedanken ohnehin schon ganz woanders zu sein.
»Na schön«, antwortete er zerstreut. »Das nächste Mal rufst du mich bitte an, wenn du am Abend noch was vorhast. Im übrigen hatte ich gehofft, du wüßtest etwas von Erika.«
»Mutter ist noch nicht zu Hause?« Überrascht blickte Romina auf. Das sah ihrer Adoptivmutter gar nicht ähnlich, die ihre Tage gewöhnlich damit verbrachte, das große Anwesen in Ordnung zu halten. »Vielleicht ist sie ja beim Einkaufen.«
»Um diese Zeit? Mach dich nicht lächerlich, Romina.« Julius schien ehrlich besorgt zu sein. Der strenge Tonfall verriet seine angespannte Stimmung. »Ich weiß ja, daß du deine Ziehmutter nicht besonders gut leiden kannst, aber du könntest dir zumindest ein bißchen Mühe geben. Wo könnte sie nur sein?«
»Wirklich, Papsi, ich habe keine Ahnung. Heute morgen war sie noch da, wie immer. Sie trug ihren Hauskittel und hatte ein Kopftuch um die Haare gebunden. Alles war ganz normal. Aber vielleicht hat sie endlich eingesehen, wie langweilig ihr Leben ist und gönnt sich einen ausgiebigen Besuch beim Friseur oder bei der Kosmetikerin.«
»Erika? Das kann ich nicht glauben.« Unwillig schüttelte Julius den Kopf, während er an seine Ehefrau dachte. Seit vielen Jahren waren sie nun schon ein Paar. Zuerst ein attraktives, unterhaltsames Paar, das viele Freundschaften pflegte und häufig zu Empfängen aller Art gebeten wurde. Doch in dem Maß, in dem Julius an seiner Karriere als Anwalt gefeilt hatte, war Erika zunächst in der Versorgung der Adoptivtochter Romina aufgegangen. Mit den Jahren hatte sich jedoch herausgestellt, daß die beiden keinen Draht zueinander fanden.
Erika empfand die Kleine als Eindringling in ihre ordentliche Welt, und mit der Zeit wurde klar, daß die Vorstellungen der beiden vom Leben einfach zu unterschiedlich waren. Immer mehr widmete sich Erika daher der Pflege ihres imposanten Hauses und dem großen Garten. Die Einladungen wurden seltener und blieben schließlich ganz aus. Wer wollte schon eine nachlässig gekleidete, schlecht frisierte Hausfrau seinen Gast nennen, deren einziges Thema das richtige Schneiden von Sträuchern und die neuesten Marken an Möbelpolitur waren?
Während Julius seinen wenig erfreulichen Gedanken nachhing, beobachtete Romina ihren geliebten Papsi eingehend.
»Mutter und du, ihr führt schon lange keine gute Ehe mehr, hm?« riß sie ihn schließlich aus seinen Gedanken.
Unwillkürlich zuckte er zusammen und haderte einen Augenblick mit sich.
»Warum soll ich dich belügen?« seufzte Julius schließlich. »Erika und ich, wir haben uns schon seit Jahren nichts mehr zu sagen. Im Grunde genommen weiß ich gar nichts von ihr. Manchmal kommt es mir so vor, als lebte ich mit einer Fremden unter einem Dach.«
»Warum hast du nie versucht, daran etwas zu ändern?«
»Tja, warum nur? Die Arbeit, meine Karriere als Anwalt. Schließlich muß das alles hier unterhalten werden.« Er machte eine ausladende Bewegung mit beiden Armen. »Das ist nicht gerade wenig.«
»Und warum habt ihr nicht verkauft? Das Haus war schließlich immer schon viel zu groß für uns.«
»Erstens ist es seit Generationen in Familienbesitz, zweitens konnte ich doch Erika nicht ihre Aufgabe wegnehmen. Sie liebt es, hier zu putzen und zu werkeln. Du weißt das so gut wie ich.«
»Trotzdem frage ich mich, ob wir sie nicht beide verkannt haben.« Unschlüssig sah sich Romina um. »Es erscheint mir seltsam leer hier. Als wäre ihr ordnungsliebender Geist auf einmal verschwunden.« Ein plötzliches Frösteln schüttelte ihre schmalen Schultern. »Sieh mal, fehlt da drüben nicht eine kleine Skulptur?« Romina deutete auf den Kaminsims, wo mehrere kostbare Kleinkunstschätze gesammelt waren.
»Tatsächlich.« Mit wenigen Schritten war Julius am Kamin. »Der Engel, den ich Erika vor Jahren zum Geburtstag geschenkt habe. Vielleicht hat sie ihn aus Versehen zerbrochen.«
»Das glaube ich nicht.« Während ihr Papsi die Augen noch vor der offensichtlichen Tatsache verschloß, hatte sich Romy bereits mit detektivischem Gespür auf die Suche gemacht. »Und da fehlt ein Bild. Man sieht deutlich den dunklen Rand um den hellen Fleck.«
»Macke, dort hing ein echter Macke, ein Erbstück meines Großvaters.« Julius schnappte nach Luft. »Ist er schon länger weg?«
»Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung«, gestand Romina kleinlaut. Mit einem Mal drückte das schlechte Gewissen auf ihre Seele. Was wußte sie überhaupt von diesem Haus, von den Personen, die darin lebten? Was für ein Mensch war ihre Adoptivmutter? Hatte sie sich je die Mühe gemacht, die Frau wirklich kennenzulernen, die seit achtzehn Jahren für sie sorgte? Unwillkürlich füllten sich ihre Augen mit Tränen. »Aber was noch viel schlimmer ist, ich glaube, Erika ist wirklich weg«, meinte sie auf einmal, während sie den Blick nicht von dem erschreckenden Fleck an der Wand wenden konnte.
»Wie meinst du das?«
»So, wie ich es sage«, schluchzte Romy ungehalten. »Wir haben sie vertrieben mit unserer Ignoranz. Schließlich hat sich keiner wirklich um sie gekümmert. Immerzu gestritten habe ich mit ihr und ihr vorgeworfen, wie furchtbar langweilig sie ist.«
»Komm her, Kleines. Du darfst dir keine Vorwürfe machen.« Voller Sorge nahm Julius seine Romina in den Arm und wiegte sie sanft. Unwillkürlich erinnerte er sich an die Zeit, als sie noch ein Baby gewesen war. Aus Furcht vor einer Schwangerschaft hatte Erika ihm den Wunsch nach einem eigenen Kind verwehrt und endlich in eine Adoption eingewilligt. Vom ersten Tag an hatte er seine Kleine wie sein eigen Fleisch und Blut geliebt, doch Erika konnte sich nie wirklich mit dem kleinen Eindringling anfreunden. »Es ist nicht deine Schuld. Erika hat einen Schutzwall um sich herum aufgebaut.«
»Aber warum denn nur?« Inzwischen schluchzte Romy wie ein kleines Kind in den Armen ihres Papsis. »Welchen Grund hatte sie dafür?«
»Sie war schon immer ein sehr verschlossener Mensch«, erklärte Julius nachdenklich. »In der ersten Verliebtheit übersieht man solche Eigenheiten leicht. Und später war keine Zeit mehr, über solche Dinge nachzudenken. Anfangs habe ich ja versucht, Erika aus ihrem Schneckenhaus herauszulocken. Immer ohne Erfolg.« Er seufzte. »Wir haben wohl alle Fehler gemacht. Das Wichtigste ist aber jetzt, daß wir sie finden, um zu retten, was zu retten ist.« Sein Körper straffte sich während dieser Entscheidung.
»Glaubst du, sie ist fortgegangen?«
»Es sieht ganz danach aus. Offenbar hat sie alles ganz genau geplant. Sonst hätte sie nicht ausgerechnet die wertvollsten Kunstschätze mitgenommen.« Forschend sah sich Julius um und machte sich dann gemeinsam mit Romina auf die Suche nach weiteren Zeichen. Tatsächlich fanden sie die Befürchtung des Anwalts bestätigt. Erika hatte sich offenbar nicht davor gescheut, die kostbarsten Gegenstände aus den Zimmern zu entfernen. Wann genau das geschehen war, vermochten weder Julius noch Romy zu sagen. Zu sehr waren sie mit sich und ihren Problemen und Sorgen beschäftigt gewesen.
Lange suchten sie nach einem Hinweis darauf, wo Erika stecken mochte, als Romina endlich fündig wurde. Im Schlafzimmer von Erika fand sich mitten auf dem gewaltigen Messingbett ein einfacher Briefumschlag, versehen mit dem Namen von Tochter und Mann.
Romy stieß einen entsetzten Schrei aus.
»Um Himmels willen, was ist denn passiert?« Alarmiert stürmte Julius in das Zimmer in der Erwartung, etwas Schreckliches vorzufinden. Doch da stand nur seine Tochter, zitternd am ganzen Leib und deutete auf den Umschlag.
»Da sieh nur. Ein Brief.«
»Und deswegen schreist du so?« Julius atmete tief durch. Die ganze Sache zerrte an seinen Nerven. »Laß mal sehen.« Vorsichtig griff er nach dem Umschlag. Er war zugeklebt, deshalb riß er ihn an der Seite auf und überflog die wenigen Zeilen, geschrieben in ungelenker, beinahe kindlicher Handschrift.
»Das darf doch nicht wahr sein!« stöhnte er dann auf.
»Was ist denn? Nun sag doch schon, Papsi!« Aufgeregt zerrte Romy an Julius’ Hand.
»Sie ist fortgegangen und hat mitgenommen, was ihr ihrer Ansicht nach zusteht. Dazu gehören neben all den Kunstschätzen auch ein Gutteil unserer Bankkonten.«
»Sie hatte eine Vollmacht?«
»Natürlich, das ist doch selbstverständlich unter Eheleuten.«
»Na ja, ihr beide wart ja wohl eher eine Zweckgemeinschaft«, erklärte Romy etwas gallig und handelte sich dafür einen Stüber ihres Adoptivvaters ein.
»Sprich nicht so respektlos von uns«, wehrte er sich schwach. Der Schock über die unerwartete Flucht seiner Frau saß zu tief. »Ich fasse das alles gar nicht.«
»Glaubst du, sie hat einen anderen?«
»Wenn du mich das heute morgen gefragt hättest, hätte ich dich ausgelacht. Inzwischen schließe ich nichts mehr aus.«
»Schreibt sie, was sie vorhat?« forschte Romina weiter, die sich nicht an die Zeilen heranwagte. Noch nicht.
»Nein, kein Wort.«
»Willst du die Polizei rufen?«
»Wozu? Erika ist aus freien Stücken gegangen. Warum sollte ich versuchen, sie zurückzuholen? Schließlich ist sie eine selbständige Frau. Viel eigenständiger, als ich bisher angenommen habe.«
»Wer weiß, was sie damit angefangen hat. Wahrscheinlich sind sie längst verkauft, zu Bargeld gemacht. Ich wüßte noch nicht mal, wo ich zu suchen anfangen sollte.«
»Aber was sollen wir denn jetzt tun?« Wieder stiegen die Tränen in Romys Augen.
»Ich weiß es noch nicht«, entgegnete Julius schulterzuckend. Seine leichenblasse Miene verriet, wie sehr ihn diese Neuigkeit mitnahm. Kraftlos ließ er sich in seinen Sessel fallen, der vor dem offenen Kamin stand. Romina kam zu ihm und kuschelte sich auf seinen Schoß wie ein kleines Mädchen, starrte in die schwarzen Reste des Feuers vom Vortag. Diesmal hatte Erika den Kamin nicht ausgeräumt. Sie würde es nie mehr tun.
*
Ohne sie wirklich anzusehen, ließ die Fotografin Franziska Engel den Blick über den Tisch gleiten, auf dem sie ihre neuesten Fotografien ausgebreitet hatte. Hübsche Mädchen waren darauf in allen möglichen Posen abgebildet. Da die Bilder auf Mallorca entstanden waren, waren im Hintergrund traumhafte Buchten, blauschillerndes Meer und feiner Sandstrand zu sehen. Doch Zissa hatte dafür keinen Blick. Immer wieder forschte sie in den Gesichtern der Mädchen nach bekannten Zügen, suchte die Ähnlichkeit, obschon sie wußte, wie absurd diese fixe Idee war. Jedes Mädchen, das ihr auf der Straße begegnete und auch jedes Model konnte schließlich ihre leibliche Tochter sein, die sie vor achtzehn Jahren, beinahe selbst noch ein Kind, zur Adoption freigegeben hatte.
»Woran denkst du denn schon wieder?« Eine braungebrannte Männerhand legte sich sanft auf Zissas Schulter, die unter dieser unerwarteten Berührung zusammenzuckte.
»Ach, du bist es, Carlos«, erwiderte sie unwillig und nahm einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse. »Igitt, schon wieder kalt.«
»Du sitzt ja auch inzwischen eine halbe Stunde hier und grübelst. Ich habe dich durch die Glastür beobachtet.« In Carlos’ Stimme schwang leiser Unwillen, den Franziska geflissentlich überging.
»Meine Tochter geht mir nicht aus dem Sinn«, seufzte sie statt dessen und starrte aus dem Fenster in den dichten Frankfurter Nebel. »Wenn ich nur wüßte, wo sie steckt und was sie tut.«
»Das wirst du nie erfahren«, tat Carlos ihre Gedanken mit einer Handbewegung ab. »Schließlich war sie erst ein paar Tage alt, als du sie ohne Angaben weggegeben hast. Wie willst du sie also finden?«
»Ich glaube eben noch an die Stimme des Blutes«, ließ sich Zissa nicht beirren. »Irgendwann sehe ich eine junge Frau und werde wissen, daß sie das ist, meine Tochter.«
»Wenn du willst, kannst du eine Tochter von mir haben«, schmeichelte Carlos, und sein glutäugiges Gesicht nahm einen zärtlichen Ausdruck an. »Ich weiß gar nicht, warum du dich so in diese Idee hineinsteigerst. Stell dir vor, ein Kind von uns! Wäre das nicht ein Traum?«
»Darüber haben wir doch schon so oft gesprochen. Jetzt, wo ich auf dem Höhepunkt meiner Karriere bin, will ich kein Kind. Ich möchte meine Kleine wiedersehen, wissen, daß es ihr gutgeht. Sehen, ob sie etwas von mir geerbt hat.« Ihre Stimme versagte. »Wenn ich geahnt hätte, wie schwer mir diese Geschichte eines Tages im Magen liegt, hätte ich sie nicht weggegeben«, seufzte sie endlich schwer.
»Es gibt Dinge, die kann man nicht ändern.« Offensichtlich erbost über die kleine Absage, die ihm seine Lebensgefährtin zum wiederholten Male erteilte, ließ Carlos die Hand von Zissas Schulter fallen. »Du solltest dich jetzt auf deine Arbeit konzentrieren. Alexa will die Fotos sehen. Die Zeit drängt.«
